Zlnterhaltnngsbtatt des Vorwärts Nr. 222. Dienstag, den 14. November. 1905 2] Die f)uem« (Nachdruck verboteil.) Roman von V. B l a s c o I b a n e z. Autorisierte Uebcrsetzung von Wilhelm Thai. Rosario flammte vor Zorn; ihre blitzenden Augen leuchteten wild auf: in der demütigen Magd, dem Arbeitstier, das an Schläge gewöhnt war, erwachte die freie Tochter der Huerta, die seit ihrer Geburt das Gewehr hinter der Tür hängen sieht und an Festtagen den Geruch des Pulvers mit Behagen einatmet. Nosarios Neugier war erwacht. Nachdem sie von der Ver- gangenheit gesprochen, erkundigte sie sich nach allen, die sie in der Heimat gekannt, und fragte schließlich Pepeta nach ihrem eigenen Leben.„Die Aermste! Man sah wohl, daß sie nicht glücklich war." Obwohl noch jung, verriet sich ihr Alter doch nur in ihren großen, hellen Augen mit dem jungfräulich unschuldsvollen und schüchternen Glanz. Ihr Körper war ein wahres Skelett: lind in ihren blonden Haaren, die die zarte Farbe� des Mais aufwiesen, zeigten sich schon jetzt, vor dem dreißigsten Jahre, die weißeil Fäden strähnenweise.„Wie behandelte Pimento sie denn? War er noch immer so trunk- süchtig und arbeitsscheu? Man konnte wohl sagen, daß sie selbst an ihrem Unglück schuld war, als sie sich gegen den Willen Aller verheiratete. Ein kräftiger Bursche, ja, das war er und es gab keinen, der in seiner Gegenwart nicht zitterte, wenn er mit den kecksten Burschen der Huerta Sonntag nach- mittags Trugue spielte, aber zu Hause mußte er ein schreck- licher Mensch sein...." Plötzlich ließ sich eine laute Stinime auf der Treppe ver- nehmen: „Rosario, schnell die Milch!" Rosario eilte die Treppe hinauf, nachdem sie die Milch- srau gebeten, manchmal in die Straße zu kommen und ihr Neues aus der Heimat zu erzählen. Die Glocke der Rocha klingelte � noch über eine halbe Stunde in den Straßen von Valencia: dann endlich entschloß sich Pepeta, wieder in ihre Hiitte zurückzukehren. * * Die Bäuerin wanderte einsam und traurig dahin. Diese Begegnung hatte sie erregt: sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, an die entsetzliche Tragödie, die den Vater Barret und seine ganze Familie vernichtet hatte. Seit jener Zeit lagen die Aecker, die die Vorfahren des einst wohl- habenden, später verarniten Bauern über ein Jahrhundert bebaut hatten, brach am Rande der Landstraße. Das un- bewohnte Haus verfiel nach und nach, denn es fehlte an einer mitleidigen Hand, die das Dach ausbesserte oder in die Spalten der Mauern etwas Mörtel schmierte. Da man nun schon seit zehn Jahren an dieser Ruine vorüberging, so achteten die Leute nicht mchr darauf, und auch Pepeta hatte aufgehört, nach der alten Baracke zu blicken. Es interessierte sie nicht inehr, wenn die Jungen, die den väterlichen Haß geerbt, durch die Nesseln der unbebauten Felder krochen, um die leere Baracke mit Steinen zu bewerfen, breite Breschen in die verschlossene Tür zu legen oder den unter dem verfallenen Spalier an- gelegten Brunnen mit Erde oder Kiesel auszufüllen. An diesem Morgen jedoch wandte Pepeta, noch ganz im Banne der Bewegung, die Augen nach der Ruine und blieb stehen, um sie sich genauer anzusehen. Die Felder des Vater Barret oder, genauer gesprochen, die des verhaßten Don Salvador, und seiner verdammten Erben bildeten inmitten der so fruchtbaren, so gut bebauten, so heiter lächelnden Huerta mit ihren roten Furchen, in denen sich die Gemüsepflanzen gradlienig hinzogen, mit ihren kleinen Bäumen, deren Laubwerk im Herbst die durchsichtige Farbe des Gerstenzuckers angenommen, eine Oase des Elends und der Verzweiflung. Der Grund und Boden war hart ge- worden, und aus seinen unfruchtbaren Eingeweiden waren alle möglichen Schmarotzerpflanzen und alles Unkraut ent- sprossen. Ein verkrüppelter, häßlicher Zwergwald zeigte überall seine seltsame grüne Farbe, nur stellenweise von ver- einzelten, geheimnisvollen Blumen unterbrochen, wie sie nur 'ii Ruinen und auf Kirchhöfen wachsen. In diesem Gestrüpp hauste ein? sich üppig mehrende Fülle von ekelhaften. Tieren, die durch die Sicherheit des Ortes keck geworden, sich auf die umliegenden Aecker verteilten: grüne Eidechsen mit runzeligem Rücken, Kröten, deren Panzer metallische Reflexe auswiesen, Spinnen mit kurzen behaarten Beinen. Nattern und Schlangen, die nach� den benachbarten Kanälen entflohen. Sie lebten da, ohne daß man sich um sie kümmerte, bildeten gleichsam einen besonderen Staat und versck, langen sich gegenseitig, und ob- wohl sie an der Kultur nicht wenig Schaden anrichteten, so schonte man sie doch, und hegte sogar eine gewisse Verehrung für sie: denn die sieben Plagen Aegyptens erschienen den Leuten der Huerta nur gering, wenn es sich um diese von Gott verfluchten Aecker handelte. Barrels Felder sollten eben nie mehr den Menschen gehören. Mochten die ekelhaften Tiere hier hausen: je mehr, desto besser. Im Mittelpunkte dieses verfluchten Gebietes, das sich wie ein Schmutzfleck von einem Königsmantel ans smaragdgrünem Samt abhob, stand oder verfiel vielmehr die Hütte mit ihrer zerfetzten Strohhaube, die durck die von Wind und Regen hineingerissenen Löcher ihr wurmstichiges Holzgerippe zeigte. Die von den Wassern angefressenen Mauern ließen ihre Lchmziegel sehen, und nur leichte weißliche Flecke er- innerten hier und da an den Mörtel, der früher dort gesessen hatte. Die Tür war unten zerbrochen, von den Mäusen an- genagt und bis zum oberen Teile gespalten. Die zwei oder drei Fenster, die der Wind peitschte und die schon vollständig verbogen waren, hingen nur an einer einzigen Angel und drohten jeden Augenblick herauszufallen, sobald er einmal etwas stärker wehte. Der Anblick dieser Rninc trübte die Seele, schnürte das Herz zusammen und flößte düstere Gedanken ein. Man hatte das Gefühl, bei Anbruch der Nacht müßten Gespenster ans dieser einsamen Hütte auftauchen, Schreie von Ermordeten sich hören lassen, und dieses ganze Gestrüpp wäre ein Bahr- tnch, das gräßliche Leichen zu Hunderten bedeckte. Selbst die Vögel flohen diese Todesfelder, entweder aus Furcht vor den Tieren, die unter deni Unkraut wimmelten, oder weil sie an diesem Orte ein Unglück witterten. Wenn einmal etwas über das zerspaltene Dach flatterte, so war das sicher ein Unglücks- Vogel mit schwarzem Trauergefiedcr, der, sobald ei sich be- wegte, das fröhliche Gezirntschcr auf den Bäumen und das lustige Piepen zum Schweigen brachte. Und die. Huerta ver- stummte, als gäbe es in einem Umkreise von einer halben Meile keine Sperlinge. Gerade als Pepeta sich anschickte, ihren Weg nach ihrem Häuschen fortzusetzen, das in einiger Entfernung zwischen den Bäumen auftauchte, mußte sie noch einige Minuten unbeweglich am Rande der Landstraße stehen bleiben, um einen beladenen Wagen vorüberzulassen, der klappernd weiterfuhr, und der aus der Stadt zu kommen schien. Sobald sie diesen Wagen erblickt hatte, erwachte ihre iveib- liche Neugier. Es war ein armseliger Banernwagen, von einem alten, knochigen Pferde gezogen: an schwierigen Stellen half-ein hochgewachsener Mann, der links vom Tiere ging, und trieb es mit Schreien und Peitschenknallen an. Dieser Mann war wie ein Bauer gekleidet, doch seine Art, wie er das Tuch um den Kopf gebunden hatte, seine Samthose und mehrere andere Einzelheiten seiner Kleidung verrieten, daß er nicht aus der Huerta war, wo man sich allmählich nach dem Stadt- geschmack gerichtet hatte. Es war ein Bauer aus irgend einem fernen Dorfe, vielleicht sogar aus dem tiefsten Grunde der Provinz.' Auf dem Karren lagen, zu einer Pyramide zusammen- gebaut, allerlei Wirtschaftsgegcnstände. Eine ganze Familie wanderte hier aus. Zerfetzte Matratzen, mit Maisstroh gestopfte Bettsäcke, Strohstühle, Oefen, Kessel, Körbe, grün- angestrichene Gestelle, das alles lag wirr durcheinander auf dem Wagen, es war schmutzig, abgenutzt, ärmlich, roch form- lich nach Hunger und verzweifelter Flucht, als hätte das Elend diese Familie fortgejagt und sich an ihre Fersen geheftet. Auf der Spitze des Haufens sah man drei kleine Kinder, die sich umschlungen hielten und mit groß aufgerissenen Augen wie Forscher, die eine Gegend zum ersten Mal besuchen, auf die Landschaft blickten Zu Fuß hinter dem Wagen, als wollten sie aufpassen, oh auch nichts herabfiel, gingen eine Frau und ein junges Mädchen-, die letztere war schlank, groß, wohlgebaut die andere schien die Mutter zu sein. Neben dem Pferde auf der rechten Seite ging ein kleiner Junge von elf Jalzren, der mit Hand anlegte, wenn der Wagen an irgend einer schlechten Stelle anhielt; seine ernste Mime verriet ein Kind, das ge- wohnt, gegen das Elend zu kämpfen, in einem Alter, wo andere nur noch Spiele kennen, schon ein Mann ist. Ein kleiner schmutziger Hund mit heraushängender Zunge schloß den Zug. Pepeta stützte sich auf den Hals ihrer Kuh und sah die armen Leute mit wachsender Neugier näherkommen. Wohin mochten sie wohl ziehen? Der Weg, den sie verfolgten, und der sich von Alboraya abzweigte, führte nirgends wohin und verlor sich in der Ferne, als wäre er von den zahlreichen Ver- Zweigungen der Querpfade und Wege, die zu dm Hütten führten, gleichsam erschöpft. Doch ihre Neugier wurde Plötzlich in ganz unerivartetcr Weise befriedigt.„Heilige Jungfrau!" Der Wagen verließ den Weg und fuhr über die kleine verfallene Brücke, die, von Baumstämmen und Lehm gebildet, zu den verfluchten Feldern führte; dann bog er in die Aecker des Vaters Barret ein und zerdrückte unter seinen Rädern das bisher allgemein geschonte Gestrüpp. Die ganze Familie begleitete ihn dorthin, und alle verrieten durch Bewegungen und Worte den Eindruck, den dieses Elend auf sie machte; trotzdem aber fuhren sie in gerader Richtung nach dem Hause weiter mit der Miene von Leuten, die von ihrem Eigentum Besitz ergreifen. Pepeta-wollte nichts weiter sehen, und fing nun wirklich an, nach Hause zu laufen; um schneller vorwärts zu kommen, ließ sie sogar die Kuh und das Kalb frei, die ruhig weiter wanderten, wie Geschöpfe, die sich nicht um menschliche Dinge kümmern und ihren sicheren Stall haben. Pimento lag neben seiner Wohnung ausgestreckt, rauchte faul und blickte starr auf drei in der Erde steckende, mit Leim bestrichene Stäbchen, um die einige kleine Vögel flatterten. Das war eine recht vornehme Beschäftigung! Als er seine Frau mit blitzenden Augen und keuchender Brust kommen sah, änderte er seine Lage, um ihr bceuemer zuzuhören, wobei er ihr jedoch riet, nicht zu nahe an die Stäbe heranzukommen. lFortsetzung folgt.) Die klammer ärolmen. In diesen Tagen wurde den deutschen Arbeitern ein Buch*) auf den Tisch gelegt, das wegen seiner Eigenart als Glaubensbekenntnis und Weltanschauungsbuch verdient, sich Freunde zu erwerben. Auf deni Umschlagblatte Constantin Mcuniers trotzig-straffe Arbeitergestalten, kraftstolz meisternd das schivere Werk. Und als Untertitel: Werdestimmen. Das alles deutet auf den Sinn der Dich» tungen, die Franz Diederich in seinen« neuen Buche zusammen- gestellt hat. Im Hämmerdröhnen des harten Werktages klingen laut die Stimmen von einem neuen Werden. Und wer sie hört, fühlt neue Kampfkraft und neue Kampffteude. Sozialistischer Geist lebt in den Rhythmen. Uebcrall der Aus- blick auf größte und letzte Ziele. Aber— ganz losgelöst von allen Schlagworten. Der Dichter fühlt, in ihnen liegt die Gefahr, daß sie. als Kunstinittel verwendet, Dichtungen leblos und blutarm erscheinen lassen, als nicht aus Tiefen geboren. Für den Tages- kämpf brauchen wir die Schlagworte. Aber Dichtung soll über den TageSkampf hinausheben. Diederichs Gedichte sind also nicht etwa in Verse gepreßte Leitartikel. Und trotzdem Tendenzdichwugen; nur ohne die unkünstlerische Nebenbedeutung. Es kommt Diederich dadurch darauf an. sich und seine Welt zum Ausdruck zu bringen. Der Prozeß ist natürlich kein bewußter. Seine Weltanschauung wurzelt so tief, daß seine Dichtungen und Stimmungen notwendig den Inhalt seiner geschlossenen Persönlichkeit wideripiegeln. Das Proletariat, das klasienbewußtc, hat den Beruf, der Schöpfer einer neuen Kultur zu sei». An Bausteinen fehlt es nicht; das Fundanient ist festgefügt. Es gilt den Bau zu türmen, das Werk zu vollenden. Und dabei will der Dichter Mitarbeiter, Mtstreiter sein. Er sieht, daß überall Kräfte wirken, die nach Neuem ringen, und fühlt den Wurzelboden dieser Kräfte. Es ist ein sehr feiner Wink, daß das Wort Karl Henckels Den Chor der Massen hör' ich tönen Bon Psalmen, die die Zukunft singt, den Dichtungen als Geleitspruch vorangeht. *) Die Hämmer dröhnen. Werdestimmen. Von Franz Diederich, Dresden ISOö. Verlag von Kaden u. Comp. Preis 1 Marl. Drohend und schwer lastet die Not der Zeit. Wer sich von ihr zu Boden drücken läßt, ist für das Werk der Zukunft verloren, das starke und ftohe Menschen fordert. In dem Schwersten und Bittersten sind Kräfte verborgen, die vorwärts zwingen, allen Hinder- nissen zum Trotz. Durch Qual und Qualm trotz alledem zum Glück... Der Wunder größtes ist die Wirklichkeit. Ein solches Bewußtsein, stärker zu sein als alle Dinge, die der Tag bringt, setzt gefestete Erkenntnis voraus. Das Unwiderstehliche und Unbezwingbare ist der Gedanke der EntWickelung: Was Gestalt gewann, birgt Neugestalten. Jedes Ziel will neue Ziele hissen. Und dann ein zweites: Der Glaube an die große Zweiteilung Natur und Kultur ist überwunden. Aus ihm erwuchs Trennung, Mutlosigkeit, Sich-ausgeschlossen-sühlen. Die geschlossene Einheit beider ist Voraussetzung ftir Zukunstsfreude und Sicherheit des Sieges: Es steigt ein größer schaffendes Geschlecht Stark aus der Not, des großen Werks bewußt. Der Dichter kennt die Tiefen und Bitternisse des Lebens. Not, qualvollstes Elend sah er auf seinen Wegen und verstand das Leid und die Schmerzen der Mühseligen und Beladenen. Hoch auf den Bergen flammt daS Sonnenrot, Tief unten aber dunkelt schwer die Welt. Aber kein Opfer, auch das schwerste nicht, wird vergebens ge- bracht. Niemand, auch der geringste nicht, leidet, kämpft, fällt ver- gebens. Sturz und Tod sind Körnerfallen, Saatenwurf zerfurchter Zeit. Solche Erkenntnisse geben die Bürgschaft für den Sieg. Wenn er auch denen erst wird, die später kommen, uns trägt das Bewußt- sein, ihn vorzubereiten. Und aus solchen Erkenntnissen erwächst auch die richtige Wertung des Arbeitens und Schaffens. Dann ist die Arbeit und der endlose Kampf mit den Bitternissen des Alltag? nicht mehr dumpfer Druck und bange Qual, sondern bewußte Mtarbeit an einem großen Werke, das Erlösung ftär alle bedeutet. Immer wieder betont der Dichter den hohen Wert des rastlosen, bewußten Schaffens Aufwärts und vorwärts sieh I Darin liegt die heilige Kraft, die Menschenschicksal und Lebens- gestaltung adelt. Und darum auch die hohe Wertung und die Ehr- furcht vor den Kommenden, vor dem Kinde, die so zart aus dem einen Satze der in dem Buche enthaltenen einen Prosaskizze spricht: Das Kind ist die Botschaft des neuen Lebens. Philosophische Themen klingen an. Ganz leise. Nicht in dürre, abstrakte Begriffsschematik eingepreßt, sondern dichterisch erfaßt und dichterisch gestaltet. Ein Versuch, alte Worte neu zu prägen, in dem Sinne, den Inhalt auszusprechen, den jene alten Worte durch den festen Glauben an eine neue Kultur erhalten. Nur ein Beispiel: Der Tod, der Leben löscht, ist nur ein Schein. Nur Hülle, die geheimnisvoll das Leben Zu neuen Formen aus der Form erlöst Und lichterkämpfend in das All verzweigt. Da ist keine Spur von Verzagen und Resignation. Da spricht Schaffensfreude und unbändiger Lebensdrang, alles Einengende und allen schweren Bann von den Schultern gu_ schütteln, der tapfere Wille, bis zum Ende ein tapferer Lebenskämpfer zu sein. Das Buch will langsam gelesen seilt. Aber niemand wird ohne Gewinn von ihm gehen. Die Dichtungen entstammen den Jahren 1889— 1905. In ihnen spiegelt sich ein Stück Eulwickelung wieder. Es wäre unschwer. Gruppen zu bilden. Trotzdem sind sie ein streng Einheitliches. Wie jede gesunde Entwickelung ein Sichsteigern, Wachsen und Reifen ist. Das gibt den« Buche Leben und Farbe. Auch Anklänge an das, was man als soziale Lyrik bezeichnet hat. Die Wucht des Gedanklichen tritt zurück; die Dinge und Talsachen sprechen. Und auch hier Strophen wie dröhnende Hammerschläge. Eine Gliederung erhält das Buch durch Abteilungen, m denen kürzere Sprüche zusammengestellt find. Man findet in ihneit sehr viel Nachdenkliches und Feingeschliffenes: Nur die Größe gilt Dir wert, Daß Dein Blick sie fasse? Größe formt sich auf dem Herd Der verkannten Masse. Das Künstlerische der Dichtungen liegt in ihrein Ringen nach Anschaulichkeit. DaS verleitet Diederich nicht, breit und langatmig zu werden. Mau hat im Gegenteil nicht selten die Empfindung, als sei die Form für den Inhalt zu eng. DaS wogt und zuckt von Leidenschaftlichkeit. Ost veranlaßt ein einziges Wort ganze Gedanken- folgen. Neue Worte und neue Verbindungen lösen sich aus. weil das alte nicht geuügt, wiederzugeben, was greifbar und lebendig- klar werden will. Das ist reizvoll für den. der Interesse für die Psychologie des künstlerisch-dichterischen GestaltenS hat. Wer flüchtig über die Dichtungen huiweggleilet, dem geben sie weiug. Sie fordem ein liebevolles Versenken. Und der ernsthafte Dichter hat ein Recht, solche Forderungen zu stellen. Franz Diederich hat zwei Gedichtbücher herausgegeben(Worps- weder Stimmungen und die weite Heide), die schon durch ihre Auf- schritten verraten, daß sie srein stofflich) andere Inhalte fassen. Die Hämmer dröhnen ist ein Kampfbuch; trotzdem erklingen auch in ihm die Saiten, die in jenen beiden Büchern zum Tönen kommen. Ein feines, zartes Naturempfinden und Naturerfassen. Ein liebevolles Eindringen in heimliche, versonnene Schönheit, die in prachtvollen Bildern gezeichnet ist: Und tief im grauen Stammwald, Der stille steht, ganz in ein Weltranmlauschen Gebannt, blaut sanften Hauchs der Traum vom Himmel Durch das Gedräng rostfarben schmaler Stämme Hinab auf niedres Moos, verfallen grün, Das erdenstumm uralter Wurzelwelt Geheimnis schlieft. Und heimlich auch verrät. Natur ist heimlich offenbar. Sie kennt Rur dies Gesetz: Blüh' aus und nimm Dir Licht Und gründe neues Vliih'n.... Franz Diederich schaut mit brennenden Augen in das Land der Zukunft. Er schafft sich nicht eine erdferne Traumwelt; Sinn und Herz nehmen die Dinge, die um uns sind und fühlen in ihnen die Verheißung für das Werdende und Kommende, für das, was sich in tausend Keimen regt und streckt, um leuchtende Blüten zu zeitigen. Die Dinge, die der Tag nahe bringt, sind es. die sein Herz höher schlagen lasien in Sehnsucht und Kampffteude. Es sind die werdenden Menschen, die einzelnen und in der Gesamtheit der einzelne, auf deren Schreiten in die Zukunft hinein Blick und Herz des Dichters gerichtet sind.— Fritz D ü v e l l. Kleines Feuilleton. ä. s. Freunde. Je näher er dem Hause kam, desto mehr zögerte er. Einige Male war er nahe daran, Kehrt zu machen. Doch es mußte sein, er biß die Zähne zusammen und ging weiter. Was war es den» auch groß für den wohlhabende» Mau», ein Tarlehen von zweihundert Mark? Jetzt stand er vor dem Eingang des hohe» Hauses. Er stieg langsam die mit roten Läufern be- legten Treppen hinauf, immer im Zweifel, ob der Weg nicht doch noch ein vergeblicher sein würde. Doch das konnte nicht sein. Sie waren ja schließlich Freunde oder doch, was man so nennt. Im zweiten Stock machte er Halt vor einer Tür, über deren Klingelgriff ein gelbes Schild den Namen: Storck trug. Er gab sich einen Ruck, dann hob er den Griff. Nach einer Minute ward ihm geöffnet. Jawohl, Herr Storck wäre zu Haus, doch er schlief, ob der Herr nicht vielleicht die Biertelstunde'.varten wolle. Er trat in den Salon. Das Mädchen zog sich zurück. In nervöser Spannung ging er auf und ab. Der dicke Smyrna-Teppich fing den Hall der Tritte aus. Es war gut, daß Storck schlief, so gewann er doch noch einige Minuten Zeit. Er bemühte sich, seine Fassung, die ihn jetzt beinahe wieder verlassen hätte, wieder zu ge- Winnen. Er musterte die Einrichtung. Gediegen, aber sie zeugte von keinem besonderen Geschmack. Schwerfällig lag auf dem Tisch eine dicke, grüne Plüschdecke, am Rand eingefaßt mit breiten goldenen Arabesken, in starren Falten fiel sie auf den Teppich. An den Wänden Stiche von Landschaften aus der Schweiz und Tirol und dazwischen eine bunft� Reproduktion der Toteninsel, die in einem breiten, mit gelben Stuckblumeu bedeckten Goldrahmen wie ein Oel druck aussah. Der Bibliothekschrank mit seinem Krims- krams von Schnörkeln und Säulchen paradierte in einer Zimmer- ecke und schien darauf hinzuweisen, daß in dieser Wohnung auch geistige Interessen vertreten würden. Auf einem Ziertischchen mit langen, mageren Füßen lag zur Zerstreuung der Gäste eine Pracht- ausgäbe der„Loreley" von Wolfs und eine Mappe mit Photo- graphien aus Freytags„Ahnen". Berndt blätterte in der„Loreley", die süßlichen Bilder ver- mochten ihn nicht zu fesseln. Er schlug das Buch zu und trat in den Erker, der japanisch eingerichtet war. All diese Fächerchen, Kästchen, Brettchen, Laternchen, Tische, Stühle Ivaren willkürlich und ohne Rücksicht darauf, wie sie zu einander stimmten, in einem Warenhause zusammengekauft und ohne Geschmack in diesem enge» Raum untergebracht. Er ging wieder auf und ab. Er legte sich zurecht, was er Storck zu sagen hatte. Beinahe hätte er laut ge- sprachen. Jetzt sah er sich in der langen Spiegelfläche zwischen Fenster und Erker in ganzer Figur. Er zupfte am Kragen und schob etwas den Schlips. Au den unruhigen Augen und der nervösen Handbewegung bemerkte er klar seine Ungeduld und Er- regung; er kam sich vor wie ein Kranker vor der Operation. Am liebsten hätte er den Hut genommen und wäre davongegangen. Endlich hörte er eine Tür sich öffnen und schließen. Er stand wie angenagelt. Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg und die Kehle sich ihm zusammenzog. Da kam Storck, da stand er vor ihm, lächelnd, die Hände ihm entgegenhaltend, freudig erregt, wie die gerührten Theaterväter, wenn sie bören, daß sich eine Tochter verlobt hat. Storcks glattes �»»inpielrrflesiÄt spiegelte leine innerliche Freude:„Nein, wie neu, mein lieber Herr Berndt, daß Sie sich endlich wieder sehen lassen I Aber, bitte," cr drückte ihn förmlich in einen buntgcpolsterten Sessel nieder.„Und daß sie auf mich warteten. Wie nettl Und dies alberne Mädchen! Daß es mich nicht weckte. Gott, diese Dienstboten sind zn dumm. Nun, das werden Sie ja aus eigener Erfahrung wissen I" Storck sah den Gast fragend an. Berndt nickte höflich zustimmend. Er fühlte sich jetzt, wo er Storck gegenüberstand, unfähig, mit seiner Bitte zu kommen. Er kam auch gar nicht zur Besinnung, Storck redete unaufhörlich, brachte Zigarren, er zündete sich cincjrn, Berndt lehnte ab, er hätte jetzt nicht zu rauchen vermocht. Storck sprach von der letzten Premiere, da hätte man wieder gesehen, wie ein guter Schauspieler ein Stück durch seine Kunst vor radikalem Durchfall zu bewahren imstande, wie er sogar noch etwas wie einen Erfolg erringe— er wüßte das noch besser wie Berndt zu beurteilen, denn hinter ihm läge jene dreißigjährige Bühnenlaufbahn, und ohne einer Uebeo. Hebung sich schuldig zu machen, könne er doch immerhin von siH behaupten, daß auch er etwas geleistet habe... Berndt hörte ihm nicht zu. er saß mit sich beschäftigt- Storck sprach, ohne auf eine Antwort zu warten, weiter, er hätte manchen Triumph der Kunst zu verdanken, dock seine Gesundheit hätte er zum guten Teil bei der Bühne eingebüßt, und sofort be�'n er das Geficht zu verziehen und zu hüsteln. Berndt merkte o daß er sich zum Hüsteln erst reizen mußte und daß es überhaupt vn- natürlich klang. Berndt memorierte die Rede, die er dem ehe- maligen Schauspieler halten wollte, aber er fand den Anfang nicht, und so geriet Mitte und Ende in Verwirrung. Dabei sah er Storck hülslos an. Der einstige Mime kam jetzt auf die zweite Mühsal sein"''. Lebens, sein ihm durch Erbschaft zugefallenes Haus, dessen Zins- ergebnis ihm sein Rentierleben überhaupt ermöglichte. Er klagte über die Kosten der immerwährenden Reparaturen und die stets sich steigernde Ansprüche der Mieter. Er habe so gut wie nichts vom Leben, nur Arbeit und Schererei. Er wünschte laut sein früheres ungebundenes Künstlerleben zurück, und dabei lag in seinen Augen ein Schein theaterhafter Wehmut, wie sie auf der Bühne de; Vater markiert, wenn er die Tochter dem Bräutigam gibt:„Es geht mir nahe, doch es kann nicht anders sein!" Als Storck endlick sein Herz erleichtert hatte, und seine Augeis auf das hülflose Geficht seines Gastes gefallen waren, brach e? mit einem Ruck ab und lud Berndt ein zu einer Tasse Kaffee. Er erhob sich und wollte die Tür öffnen. Jetzt mußte es seink „Einen Augenblick, Herr Storck," sagte er schnell, als fürchte er den M»t zu verlieren,„ick komme mit einer Bitte I" Sofort nahm«storck Platz. Er war ganz gespannte Aufmerk- samkeit und Liebenswürdigkeit.„Wenn ich Ihrem Wunsck ent- sprechen kann, mein lieber Freund, dann ist es ja ganz selbstver- ständlich. So weit meine schwachen Kräfte es möglich machen. sagte er und machte eine bescheidene Handbewegnng. Bernd begann stockend und mit trockener Stimme. Es wäre ihm sehr peinlich, sich an Storck wenden zu müssen, er habe es aber tun zu dürfen geglaubt, weil sie doch schon jahrelang miteinander befreundet wären. In der letzten Zeit habe ihn das Mißgeschick verfolgt, seine Frau liege schon seit längerer Zeit an einer Bauch- festenizündung— hier zog Storck bedauernd die Augenbrauen empor— er selbst sei infolgedessen in seinen Arbeiten behindert worden, ein Verleger sei ihm gegenüber kontraktbrüchig geworden, er müsse ihn auf eine beträchtliche Summe verklagen— kurz er bäte ihn um ein Darlehn von zweihundert Mark, das er ihm in längstens drei Monaten zurückzahlen würde. Die Augenbrauen des einstigen Mimen waren noch immer aus derselben Höhe, und der Zug schmerzlichen Bedauerns war noch größer geworden. Ein sanftes Kopfwiegen deutete außerdem noch die Anteilnahme an. Storck sprach nicht, sah auch nicht auf Berndt, sondern starrte vor sich hin, wie in fremdes Leid versunken. Berndt begann noch einmal, diesmal sprach er kürzer und bewegter. Er verpflichtete sich, das Darlehn in kürzester Zeit zurückzuerstatten, es sei jetzt nur die prekäre Lage, wo alles Schlimme zusammen käme. Aus Storcks Kopfwiegen wurde ein allmählich immer stärkeres Kopfschütteln.„Daß Sie sich an mich wenden, lieber Freund, freut und ehrt mich. Und ich würde, wenn es in meinen Kräften steht, Ihnen helfen, aber ich kann nicht und— ich mag nicht. Was mich das Haus an Geld und Aufregung kostet, sagte ich Ihnen schon. Wie meine Gesundheit darunter leidet, sehen Sie selbst." Storck hüstelte,„mein Arzt wollte mich an die Riviera schicken, denken Sie nurl Ter Mensch hält mich für reich, ich bitte Sie. Ich komme gerade durch, ohne Not zu leiden. Und die vielen Ber- pflichtungen, mein lieber Freund, die ich habe. Die Anforderungen, die Frau und Kinder stellen I Und dann, gewiß. Freunde sollen einander helfen, wozu gäbe es denn eine Freundschaft? Aber Geld- Verhältnisse sollen nie zwischen zwei Freunde treten. Das entznrnt, das stört die Freundschaft. Ich zweifle nicht an Ihrem guten Willen, mir das Geld zurückzugeben, aber es kann doch geschehen, daß Sie durch irgend etwas gehindert werden, nicht wahr? Und dann ist's mit unserer Freundschaft zu Ende, und das wäre doch schade!" Berndt erhob sich ohne ein Wort, legte für einen Äugenblick seine Hand in die hingestreckte Storcks. der ihm Grüße an de kranke Frau auftrug und baldige Besserung wünschte, nahm den Hut und ging. Auf der letzten Treppe lachte er mit einem Mal und unwi. türlich aus:„Freundschaft!"— Tbeater. Kleines Theater. Ghetto. Trauerspiel in drei Auf- zügen von Hermann H c y e r m a n s.— Dies ältere Stück zeigt in seiner dramatischen Struktur bei aller Verschiedenheit der sozialen Sphäre einen unverkennbaren Parallclismus zum„Panzer", dem neuesten, letzthin von der„Freien Volksbühne" aufgeführten Werke Heycrmans. In beiden erscheint die Tendenz als das treibende Element, aus dem heraus die Handlung und die 5lontrastierung der Personen gefunden ist. Sie richtet sich im„Panzer" wider den allmächtigen Militarismus, im Ghetto gegen den altgläubig jüdischen Kastengeist, der hier und da in einzelnen Kreisen von Heyermans Stammesgenossen, ein Rudiment vergangener Zeiten, mit zäher Kraft sich forterhält. Das Aufeinanderprallen freierer menschlich aufgeklärten Denkart mit der ideenlosen, auf blotzc Autorität gestützten Tradition bildet den Inhalt der Handlung, und die gegensätzlichen Standpunkte sind hier wie dort in gleicher Weise auf Väter und Söhne verteilt. Die Söhne, im„Panzer" der Sekondelcutnant Stamm, im„Ghetto" der junge Rafael, werden, indem sie das Recht,»ach ihrer Ueberzeugung zu leben, für sich vcr- langen, zum offenen Bruche mit dem väterlichen Willen, zum Bruch mit der Familie getrieben. Noch weiter geht die Aehnlichkeit in der Struktur; wie der zweite Akt des„Panzers" in der prinzipiellen Auseinandersetzung des rebellischen Leutnants mit dem alten Stamm und den hinzugezogenen Hauptleutcn, so gipftelt auch voll- kommen parallel der Mittelpunkt des„Ghetto" in dem freigcistigen Bekenntnis, das Rafael in dem Gespräche mit dem alten Sache! und dem zur Hülfe herbeigeholten wortreichen Rabbiner ablegt. Aber wenn in dem neueren Stück über das Tendenziöse hinaus durch die eingehende naturalistische Individualisierung des jungen Soldaten, den die ewigen Reibungen zun, Neurastheniker gemacht haben, zugleich ein psychologisches Interesse für ihn geweckt und durch ein kluges Arrangement eine bis zum Schlüsse reichende Theaterspannung ermöglicht wird, bleibt Rafael, der Held des „Ghetto", fast ganz im Deklamatorischen stecken, die Handlung schleicht im langsamsten Schneckengang und mündet schließlich in Szenen von erschreckend melodramatischer UnWahrhaftigkeit. Dazu kommt, daß die Tendenz, die sich gegen ganz partikulare relativ ungefährliche und dem weiteren Publikum unbekannte Er- scheinungen kehrt, an und für sich hier weniger fesseln kann. Was dann noch bleibt, die stimmungsvolle Schilderung des Milieus im Amsterdamer Judcnviertcl, die anschauliche Charakteristik des alten blinden tyrannisch-rechtgläubigen Trödlers Sachel, der noch in seiner Blindheit die Kunden pfiffig übers Ohr hat, wie der anderen um ihn herum gruppierten altjüdischen Typen reicht nicht hin, das Drama über Wasser zu halten. Die wesentlichen Züge, die in dieser Schilderung und Charakteristik interessieren, sind großenteils schon in dem ersten Akt erschöpft, und für den Mangel an Bewegung und EntWickelung kann die breite Ausmalung des Zuständlichcn dann Weiterhin keinerlei Ersatz schaffen. Um den Konflikt zwischen dem idealistischen Jüngling, der ein Mensch, nicht Jude noch Christ sein Will, und dem in schmutziger Habsucht, mißtrauischer Abschlicßung, trockenem Buchstabendienst verknöcherten Alten zu verschärfen und dem Stück einen Ausgang zu sichern, muß ein Liebeshandel Rafaels mit dcni christlichen Dienstmädchen im väterlichen Hause herhalten. Er erklärt zur allgemeinen Empörung, Aarons hübsche Tochter Rebekka trotz der dreitausend Gulden, die sie mitbekommt, nicht zu heiraten; Rose, das gute, nur ein bißchen gedankenlose Ding, die ihm in freier Wahl sich hingegeben, soll seine Frau werden. Eigent- lich steht dem, als Rafael sich von der Familie losgesagt, auch nichts im Wege. Aber Heyermans, wohl in der ganz richtigen Empfindung, daß eine Dutzendehc für ein Aposteltcmperament wie Rafael recht übel paßt, fährt mit flammendem Schwerte dazwischen. In dem gedruckten Stücke wird dem Leser zugemutet: er soll glauben, daß Rose auf die bloße Versicherung des alten Lügners Sachel, Rafael, der ihr vor ein paar Stunden noch Liebcseide schwor, wolle nichts mehr von ihr wissen, ohne auch nur den Geliebten abzuwarten, hopsa ins Wasser springt I Für die Aufführung ist der Schluß abgeändert, das heißt, noch mehr verschlechtert worden. Die Verrücktheit verdoppelt sich. Rose kommt nämlich, von dem Alten wütend beschimpft, auf die Idee, ihm zuzuschwören, daß sie, wenn Rafael ihr Mann wird, Jüdin werden und ihre Kinder jüdisch erziehen lassen wolle. Rafael, wie er das hört, erklärt das Mädchen auf einmal als unwürdig seiner Liebe; und im Augen- blick ist die Trennung perfekt.„Ich habe Pflichten, große Pflichten, auferlegt von dem Gotte, den ihr nicht kennt, und den die Christen nicht kennenl" Die ersten Akte wurden vorwiegend mit Beifall aufgenommen, nach dem letzten gab es einen sensationellen Tumult, ein wüstes Durcheinander von Klatschen, Pfeifen, Zischen, Pfuirufen. Die Demonstranten solle» Zionisten gewesen sein, die Anstoß nahmen an der Tendenz des Dramas. Regie und Spiel war alles Lobes wert. Herr Edgar Licho wirkte als Sachel, Jlka Grüning als Esther von Grund auf rasseecht. Alfred Abel in der Figur des Aaron, T h u r n e r, in der des Rabbiners, boten scharf umrissene Gestalten. T i l l i N i c m a» n hob die undankbare Rolle des Dienstmädchens durch die schlicht sympathische Art ihrer Darstellung. L e t t i n g e r endlich war in dem ersten Akt als Rafael voll feiner Innigkeit, später freilich in den langen patheti- schen Reden verwischte sich, wie ja kaum anders möglich, dieser Eindruck mehr und mehr.— dt. Musik. Der vielbcliebte Roman von Henri Murger vSm Jahre 1851,„Sceues de la Boheme", der die„Boheme" sozusagen literatur- fähig und tcnninologicfäbig gemacht hat, reizt nunmehr immer wieder zur Komponierung. Am meisten Erfolg hat wohl der Italiener Puccini mit seiner Vertonung gehabt(1837). Die Herab- zerrung bes zartgewobcnen Gebildes auf das Niveau einer als Operette bezeichneten Posse erlebten wir am vergangenen Sonn- abend im Z e n t r a l- T h e a t e r. Drei Namen werden als Text- Verfasser genannt, nur der des ursprünglichen Dichters nicht. Vielleicht spricht sich darin das böse Gewissen aus, daß mit dem ursprüng- lichcn Text unbarmherzig umgegangen ist. Der tiefgehende„Welt- Humor" der Dichtung, wenn wir so sagen dürfen, und die rührende Innigkeit, die in einzelnen Gestalten lebt, sind hier verloren, und übrig geblieben ist höchstens die Darstellung einer ungebundenen Lustigkeit. Der erste Akt spielt auf dem Dach eines Ofcnfabrikanten und vereinigt hier die lustige Gesellschaft, die ihren verschicdent- lichcn Einsperrern und dergleichen zu entkorumen sucht. Die zwei wuudcrlicblichen Mädchen des Romans, Musette und Mimi, lassen sich von Adeligen umgarnen, kehren aber am Schlüsse des Stückes sehr vergnügt in ihr Mileu zurück. Henri H e r b l a y, der dies komponiert hat, ist kein Audran oder Jones, schreibt keine Operettendramatik, wohl aber hübsche Stückchen, die uns wenigstens über das Leiermätzige so vieler anderer Operetten hinausheben. Namentlich pflegt er den Typus derjenigen Themen, welche durch rasch perlende Tonreihcn wirken und zwischen diesen mit größeren Fermaten oder sonstigen Ein- schnitten anhalten. Auch ein geschicktes Ensemble in Kanonform und schließlich kräftig aufgebaute Finales erfreuen den Hörer, der sich durch die zerrissene Ouvertüre nicht hat abschrecken lassen und auf eine Wiederherstellung der ursprünglichen Poesie durch den Komponisten nicht rechnet. „Musette" ist der Titel des Stückes, da dieser Figur be- sonders viel Aufmerksamkeit geschenkt ist. In der Aufführung tvar diese Hauptrolle einem Gast aus Budapest anvertraut: Klara von Kür y. Das ergab gicht nur aufdringlichen Beifall und Aufbietung von Blumen in den unglaublichsten ArrangmcntS, sondern auch eine Verhinderung des Publikums an seinem all- gemeinen, gleichen und direkte» Wahlrecht. Doch gab es noch soviel zisleithanische Vernunft, daß M i a Werber in der Rolle der Mimi die ihrem wirklich kunstvollen Spiel gebührende Anerkennung fand. Wenn wir gegen diese große Künstlerin manchmal ein skeptisches Wort hatten: was soll man dann zu der theatralischen Künstlichkeit und Falschsingerei des Gastes sagen?! Die alte Garde des Zentral-Theaters tat im ganzen wiederum so viel Gutes, daß abermals der Maugel größerer künstlerischer Aufgaben für diese Kräfte bedauert werden kann. Dem Gebrauche gegenüber, bei der Nennung von Schauspielernamen die Auswahl nach den Hauptrollen zu richten, möchten wir das Beispiel von Hedwig Morchel herausgreifen, die sich in einer Nebenrolle gut präsentierte, und möchten den übrigen gegenüber mit einer Ge- samtreverenz schließen.— sz. Notizen. — Der„Sommer nachtstraum" wird im Schau- spielhause neu einstudiert und gelangt im Januar zur Aufführung. An derselben Bühne erlebt— ebenfalls im Januar— G n st a v Renners fünfaktige Tragödie„ M e r l i n" die Ur- aufführung.—' — Großen Erfolg HDren: SudermannS„Stein unter Steinen" int Wiener B u r g t h e a t e r,„Flaut» solo", eine neue einaktige Oper von Eugen d' Albert im Neuen deutschen Theater in P r a g.— — Die Komische Oper soll am Sonnabend, den 18. No- vember, mit„H o f f m a n n s Erzählungen" eröffnet werden.— — Bei dem Preisausschreiben um Einlieferung von Plänen für einen W a i s e n h a u s- N e u b a u in K o l in a r er- hielteit unter 131 Bewerbern die Architekten Graf und Räkle in Stuttgart den ersten Preis(2000 M.). Stadtbaumeister L. Grüne- lv a l d- Straßburg den zweiten Preis(1000 M.) und H. Stumpf, Assistent au der Technischen Hochschule in Darmstadt, den dritten Preis (500 M.).- o. K ü n st l i ch e Nester. Aus Genf wird berichtet: Vor ändert- halb Jahren hat die Gemeinde Orbe im Kanton Waadt im ganzen Bezirk künstliche Nester in den Bäumen anbringen lassen, um insektenfressende Vögel zu schützen und zu erhalten. Die Aeste der Bäuine wurden mit scharfen Nägeln versehen, damit die Feinde der Vögel nicht zu den Nestern gelangen konnten. Amseln und Drosseln bedienten sich zuerst der künstlichen Nester; aber auch andere Vögel folgten bald ihrem Beispiel. Die Nester sind genau den natürlichen nachgeahmt, und ein Schweizer Naturforscher leitet diese neue Industrie, die ganz in den Händen von Frauen liegt.— — Die neue Basier Rhein brücke ist dem Verkehr übergeben worden. Sie ist aus Granit erbaut. Ihre Länge beträgt 195 Meter, ihre nutzbare Breite 18 Meter. Sie ruht auf sieben ge- wältigen Pfeilern, von denen fünf im Flußbett gegründet sind. Die Lichtweiten zwischen den Pfeilern betragen 23 Meter in der Mitte, 241/z Meter an den Enden der Brücke.— Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer L-Co.. Berlin LIV,