MntttHaltmigsblatt des Vorwärts Nr. 223. Mittwoch, den 15. Noüember 1905 (Nachdruck verboten.) 83 Die r)ucrta. Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisiert: Uebersctzung von Wilhelm Thal. „Na, was gab's denn, hatte man ihr die Kuh gestohlen?" Infolge der Aufregung und Anstrengung koitnte sie keine zwei Worte hintereinander spreckien.„Barrets Felder... eine ganze Familie... sie wollen sie bebauen, sich auf dem Gchöft niederlassen... sie hätte sie gesehen..." Pimento, der Leimrutensteller, der Feind der Arbeit und der Schrecken der Gegend konnte angesichts einer so merk- würdigen Neuigkeit seinen unerschütterlich Vornehmen Emst nicht bewahren. Mit einem Satz erhob er seinen schweren muskulösen Körper und lief, ohne weitere Erklärungen abzllwarten, davon. Er lief geradeaus bis zu einem Rohrdickicht, das sich an den verfluchten Feldern hinzog. Hier kniete er nieder und legte sich, wie ein Beduine im Anstand, auf den Bauch, um zwischen dem Schilf zu lauschen; dann nahm er nach einigen Minuten seinen Lauf wieder auf und verschwand in dem Labyrinth von Fußpfaden, von denen jeder zu einein Häuschen oder zu einem Acker führte. Die Hlierta lächelte und raunte weiter, in Gold getaucht und vom Licht des Herbstes überflutet, lag sie da. Doch in der Ferne ließ sich Geschrei und Jammern vernehmen, die Nachricht flog mit Entsetzensrufen von einem Feld zum andern: ein Schauder der Verwunderung, des Aufruhrs und der Entrüstung pflanzte sich durch die ganze Ebene fort, als lebte man um hundert Jahre früher, und als wäre eine algerische Galeere auf der Suche nach einer Ladung weißen Fleisches am Horizont aufgetaucht. II. Wenn der Vater Barret zur Erntezeit seine in ver- schiedene Anpflanzungen geteilten Felder betrachtete, konnte er sich eines Gefühls des Stolzes nicht erwehren; wenn er das hochstehende Getreide oder den krausen Kohl, die Melonen, die ihre grünlichen Seiten aufblähten oder die Beißbeeren und die halb unter dem Blattwerk verborgenen Tomaten be- trachtete, so lobte er die Vortrefflichkeit seiner Aecker und die Tüchtigkeit seiner Vorgänger, die es zu Wege gebracht, daß sie einen besseren Ertrag lieferten als alle anderen in der Huerta. Die stille und eintönige Geschichte seiner Vorfahren stand auf diesen Feldern geschrieben. Fünf oder sechs Genera- tionen von Barrets hatten ihr Leben damit zugebracht, diesen Grund und Boden zu bebauen, ihn umzuwühlen, durch üppigen Dung zu verbessern und dafür zu sorgen, daß der Nährstoff nicht ausging; sie hatten diese Schollen, von denen jede einzelne mit dem Fleiß und dem Blut seiner Familie bc- gössen worden, mit dem Karst und der Egge geherzt und gcliebkost. Er selber war ein Mann von großem Mut und reinem Sinn. Wenn er einmal Sonntags einen Augenblick in Eopas Schenke zubrachte, wo die Leute aus der Nachbarschaft zusammenkamen, so geschah das nur, um dem Truquespiel zuzu- schauen und vergnügt über die Dummheiten und plumpen Scherze Pimentos und einiger Burschen seiner Art zu lachen, die sich als die Herren der Huerta aufspielten. Doch nie trat er an den Schenktisch, um ein Glas Branntwein zu bezahlen. hielt stets den Daumen auf dem Geldbeutel, und wenn er zufällig trank, so hatte gewiß einer der Gewinner der ganzen Gesellschaft eine Runde zum Besten gegeben. Er hatte seine Frau sehr lieb und vergab ihr sogar die Dummheit, daß sie vier Mädchen und nicht einen einzigen Sohn in die Welt gesetzt hatte, der ihm bei seinen Arbeiten helfen konnte, trotzdem liebte er seine Töchter nicht weniger, wahre Gottcsengel, die ihre Tage damit zubrachten, vor der Tür der Wohnung zu singen und zu nähen, und manchmal aufs Feld hinauskamen, um ihrem armen Vater ein bißchen zu helfen. Doch die höchste Leidenschaft des Bauern waren die Aecker, die seine Vorfahren seit so langen Jahren in Pacht gehabt, und auf denen er sich ebenfalls zu Tode rackerte. Früher— es war lange, lange her— war der Besitzer des Grund und Bodens ein vornehmer Herr gewesen, der auf dem Totenbette seine Sünden und seine liegenden Güter den Mönchen von San Miguel de los Neyes anvertraut hatte. Die dicken, feisten Mönche waren gute Herren; sie strotzten von Gesundheit, waren Freunde der Lustigkeit und trieben das Pachtgeld nicht allzuhart ein; sie Ivaren schon zufrieden. wenn die Großmutter des jetzigen Pächters, damals ein prächtiges Mädel, sie empfing, sobald sie im Gehöft vorsprachen und ihnen eine gute Tasse Schokolade und die Erstlinge aus ihrem Obstgarten vorsetzte. Doch ach, jetzt gehörten die Felder dem Don Salvador, einem kleinen alten Mann aus Valencia, der die Qual des Vater Barret war und ihm sogar im Traum erschien. Das war der schlimmste Herr, den Barret gekannt hatte. Don Salvador erfreute sich in der ganzen Huerta eines ab- scheulichen Rufes; denn er besaß hier fast überall Grund und Boden. Jeden Abend wanderte dieser kleine alte Mann, selbst im Frühling in seinen alten Mantel eingehüllt, schmutzig wie ein Bettler, von den Flüchen und feindseligen Bewegungen, die ihm, wenn er vorüber war, nachdrohten, begleitet, durch die Feldwege, um seine Pächter zu besuchen. Er besaß die Zähigkeit des Geizhalses, der in ständiger Berührung mit seinem Besitz bleiben will, die Hartnäckigkeit des Wucherers, der um jeden Preis sein Geld eintreiben möchte. Kaum be- merkte man ihn aus der Ferne, so heulten die Hunde, als nahe der Tod, die Kinder eiüfloheii mit erschrockener Miene, die Männer liefen davon, um peinlichen Entschuldigungen aus dem Wege zu gehen, die Frauen traten mit niedergeschlagenen Augen und eine Lüge in Bereitschaft, vor die Türen ihrer Hütte, Don Salvador um Geduld zu bitten; mit Tränen antworteten sie auf seine Zornesausbrüchc und seine Drohungen. Pimento, der sich in seiner Eigenschaft als„Held" für das Unglück seiner Nachbarn interessierte und sozusagen der irrende Ritter der Huerta war, versprach ihm leise eine Bastonnade mit einem erfrischenden Bade im Kanal: doch sogar die Opfer des Geizhalses hielten ihn davon zurück und stellten ihm vor, daß Don Salvador nicht der erste beste war: „Ein Mann, der alle Vormittage im Gerichte zubrachte und große Tiere zu seinen Freunden zählte... bei solchen Leuten verlieren die Armen stets." Unter den Pächtern des Alten war der Vater Varrel der beste. Allerdings mußte er sich Mühe geben, uni den Pacht- zius aufzubringen, doch wenn er sich ordentlich abrackerte, gelang es ihm, am Versalltage alles bereit zu haben, so das; er nichts schuldig blieb. Darum stellte Don Salvador ihn den anderen Pächtern als Muster dar, was ihn jedoch nicht abhielt, gegen Barret noch anspruchsvoller und härter als gegen die anderen zu sein; denn nie widersprach der arme Mann, und auf Grund dieser Fügsamkeit konnte der Geizhals ungestraft seine habgierigen und herrschsüchtigen Instinkte be- friedigen. Der Vater Barret, der die ganze Arbeit allein besorgen mußte, da seine Frau ihm keinen Sohn geschenkt, quälte sich den lieben, langen Tag. Morgens bei Tagesanbruch, wenn die ganze Huerta noch schlief, abends bis zur sinkenden Nacht, wenn die anderen schon längst ausruhten, stand er. den Karst in der Hand, auf dem Felde und bearbeitete die Scholle, die ihm den Unterhalt für seine Familie und den Pachtzins liefern sollte. Zuerst hatte er es mit fremder Hülfe versucht und Knechte angenommen, doch die Knechte arbeiteten wenig, schliefen in den heißen Stunden im Stalle, kosteten viel Geld und stahlen. Daher schickte sie Barret nach wenigen Wochen fort und schließlich, nach mehreren usiglücklichen Experimenten, hatte er ganz auf dieses Mittel verzichtet, das ihm schlimmer als das Uebel erschien. Da indessen seine beiden Arme nicht hinreichten, um das ganze Besitztum zu� bebauen, und er aus abergläubischem Respekt vor seinen Vorfahren fest entschlossen war, nie auch nur einen Finger breit von seinen Feldern, die seine Familie seit Jahrhunderten als Pächter bearbeitet, an Fremde abzutreten, mußte er sich in das Unvermeidliche fügen und ein Drittel des Bodens brach liegen lassen. Er bildete sich ein, wenn er doppelt so viel Arbeit lieferte und die srucht- . barsten Teile zu kräftigerer Produktion anstrengte, würde es. Hm gelingen, den Lebensunterhall für- die Seinen zu er- schwingen und den Besitzer bezahlen zu können. Nun begann ein hartnäckiger und verzweifelter Kampf gegen die Mühseligkeit des Lebens und gegen seine eigene Schwäche, ein geheimer Kampf, in dem er feiner eigenen Familie die schwere Sorge verheimlichte; er war von Natur aus wenig mitteilsam. Man sah ihn stets lächelnd, gemütlich und ruhig mit der blauen Mütze, die ihm seinen Zunamen ein- getragen, und die er stets bis über die Ohren zog. Sein einziger Wunsch war, seine Frau und seine Töchter sollten nie etwas von seinen Sorgen erfahren, niemand im Hause sollte etwas von der immer stärker werdenden Not merken, nichts sollte die ehrenhafte Freude dieser Wohnung stören, in der man unaufhörlich die Lieder und das Lachen der vier Schwestern vernahm, die nur je ein Jahr von einander ge- trennt waren. Und während sie schon anfingen, die Aufmerksamkeit der Burschen der Huerta zu erregen, während sie mit ihren hübschen neuen Seidentüchern und ihren rauschenden geplätteten Röcken Staat machten auf den Jahrmärkten der Nachbardörfer, um am nächsten Morgen frühzeitig wach durch die Jalousien zu lugen, welche Galans iknen wohl Albayes fangen und Gitarre spielten, holte der Vater Barret, dem es immer schwerer wurde, sein Budget im Gleichgewicht zu halten, Unze für Unze, das bisichen von den Eltern geerbte Gold, heraus, um Don Salvador, diesen alten Knauser, zu be- sänftigen, der nie zufrieden war und seinen Pächter nicht nur ausbeutete, sondern ihm unaufhörlich niit den schlechten Zeiten, den skandalösen hohen Steuern und der Notwendigkeit, den Pachtzins zu erhöhen, in den Ohren lag. Und eines schönen Tages erhöhte Don Salvador den Pachtzins wirklich. Vater Barret protestierte; er erinnerte an die trefflichen Dienste der Seinigen, die sich auf diesem Grund und Boden zu Tode gerackert, um ibn zum besten der ganzen Gegend zu machen. Doch der Besitzer war unerbittlich. „Es wäre der beste Boden? Nun, dann war es nur gerecht, daß er dafür viel mehr bezahlte." Und Varret mutzte sich damit abfinden. Ehe er diese Aecker, die nach und nach sein ganzes Leben aufsaugten, hergab, eher hätte er tropfenweise all sein Blut geopfert. Er hatte schon seinen Geldvorrat erschöpft und konnte, um sich aus der Verlegenheit zu befreien, nur noch auf den Ertrag der Aecker rechnen. Er machte sich also mit wahrhaft wilder Wut an die Arbeit und bebaute seine Felder von neuem. Er schlief nicht mehr. Es kam ihm vor, als wüchsen seine Gemüse weniger schnell, als die der anderen; der geringste Regenschauer flößte ihm Entsetzen ein und verdrehte ihm den Kopf; dieser brave und rechtschaffene Mann ging so weit, daß er die Abgelegenheit seines Gehöftes benutzte, um den Nachbarn ihre Bewässerung zu stehlen und ihre Anlagen mit zu gebrauchen. DaL schrecklichste aber für ihn war. daß er trotz dieser unsinnigen Arbeit nur die Hälfte dessen bezahlen konnte, was er schuldig war. Die Folge einer so übertriebenen Arbeit war, daß das Pferd des Vaters Barret— ein fügsames Tier, das die wüste Arbeit seines Herrn teilte— eines. Tages umstand; es hatte es jedenfalls satt, Tag und Nacht sich zu schinden, die Gemüse- körbe auf den Markt von Valencia zu schleppen, und dann ohne Rast und Ruh, ohne sich einen Augenblick zu verschnaufen, sofort an den Pflug gespannt, die harten Schollen umzu- wenden. Diesmal sah der Bauer, daß er verloren war. Wie sollte er von jetzt ab diese Felder bebauen, deren schöne Gemüse die Stadtleute gleichgültig aufaßen, ohne die Angst zu ahnen, die ihre Produktion cinein Familienvater kostete, der einen ewigen Kampf mit den: Elend ausfechten mußte? Als Don Salvador Barrots Unglück erfuhr, bot er ihm mit rührender Liebenswürdigkeit seine Hülfe an:„Wie viel braucht Ihr, um ein anderes Pferd zu kaufen? Fünfzig Duros?" Nun, er, der Besitzer, war doch da, um seinen Pächter zu unterstützen. Da konnte man sehen, wie ungerecht die Leute waren, die ihn haßten und verleumdeten. Und er lieh die fünfzig Duros, doch mit einer unbedeutenden Klausel — Geschäft ist Geschäft!— er forderte von dem Entleiher eine Unterschrift auf einem Stück Papier, in dem von Zinsen, Rückständen und Garantien die Rede war;— was die Garantien betraf, so verstand man darunter die Möbel, die Ackergeräte, kurz alles, was der Pächter besaß, die Tiere des Kühnerhofes mit inbegriffen. l Fortsetzung folgt.) lNachdnlck BcvSoien) Die perle. Eine russische Geschichte von Willy Ewald Sichert. Dmitri Gregorcwitsch Pjaniza war seit bald einem halben Jahrhundert Kreischef in Kostromaschen. Er war ein sehr gebildeter Mensch, denn er konnte lesen und ziemlich fehlerfrei schreiben. Wenn er über die schlecht gescheuerten Dielenbretter seiner niedrigen Amtsstube schritt, klirrten die Fensterscheiben und das Flämmchen aus dem Heiligenbild in der Ecke flackerte ängstlich hin und her. Ja, er verstand es gut, sich überall in Respekt zu setzen, seine Gnaden, der Herr Kreischef. Pjaniza war auch leidlich bei Wohlstand. Nicht ein jeder hat nämlich neben den offiziellen und privaten Erträgnissen seines Amtes eine Frau, die die Fürsorge für die armen Bauern so ver- nünftig den eigenen Interessen anzupassen wußte. Wenn Frau Maruschkas braunes Auge— sie hatte eben nur eines, die Acrmste, das andere, erblindete, war von einer schwarzen Binde überdeckt—, wenn also dieses Auge für die Not der Bauern Hülfe suchte, so wagte es nur ein ganz Ruchloser, unter einem halben Rubel her- zugeben. Da es aber überall viel gute und noch mehr dumme Menschen gibt, so steuerten diese Kollekten ganz hübsch zur Privat- kasse Dmitri Gregorewitsch's bei. Die Freude und der Stolz dieser braven und angeschenen Leute war Wer« Dmitrowna, ihre Tochter. Man nannte sie überall „Bratäpfelchen", sie war ein zartes, scheues Wesen mit einem ganz verschrumpften, braunen Gesichtchen, das just wie ein Aepfelchen ausschaute, das zu lange in der Ofenröhre gelegen hat. Ein Herr, der einmal aus dem großen Petersburg zu Besuch gekommen war, wo die richtigen Menschenkenner zu Hause sind, hatte die Kleine (sie war damals vielleicht zwölf Jahre alt) bei den Händen gefaßt und ihr lange in die Augen gesehen. Tann hatte er leise gesagt: „Just so muß Dein kleines Herzchen aussehen, Bratäpfclchenl" Worüber dann alle Welt, die den Petersburger nicht verstand und deshalb glaubte, es müsse das ein guter Witz sein, in ein wieherndes Gelächter ausgebrochen war. Wera Dmitrowna aber hatte sich zornig von dem Fremden losgerissen und war auf ihr Zimmer ge- laufen; hier mochte das Kind wohl eine Stunde lang geweint und geschluchzt haben... Seit bald zwei Jahren hatte Dmitri Gregorcwitsch goldene Tage. Er schlief bis elf Uhr und war jede Nacht bis drei Uhr am Whisttisch im Klub. Ins Bureau ging er fast gar nicht mehr, denn wenn es etwas zu unterschreiben gab, so kam Pawlj Jwanowitsch in den Nachmittagsstunden zu ihm. Das ivar wittlich eine„Perle", dieser Pawlj, der neue Kreischefgehülfe. Er hatte aber auch studiert, war von altem Adel— seine Familie starb mit ihm aus— und kannte die Krcisverwaltungspraxis aus dem ff. Von Hause aus war er freilich Ingenieur; der Bau der sibirischen Bahn hatte chn jahrelang beschäftigt. Als sie endlich fettig geworden war, ge- lang es ihm dank der außerordentlichen Beziehung, die sein ver- storbencr Vater zum Ministerium gehabt hatte, als Kreischefgehülfe ins Kostromasche zu kommen. Das war ein glücklicher Tag für Dmitri Gregorewitsch. Von nun ab gab es für ihn keine Arbeit mehr. Und wenn er sich ja einmal, wie heute, im Amtslokal sehen ließ, so geschah das nur aus gesundheitlichen Gründen. Im Laufe der 21 Jahre, die der ehrenwerte Krcischef nämlich bereits im Dienste des Zaren war, hatte sich bei ihm die Gewohnheit heraus- gebildet, täglich einige Stunden eine Flut von Flüchen und Schimpf- Worten über die bei ihm bittsuchenden Bauern seines Bezirks zu ergießen. Das tat ihm immer außerordentlich wohl. Es war das seine Methode, wie er seinem Leberleidcn begegnete. Wenn er so seine zwei bis drei Stunden den Teufel um seine schönsten Spitz- namen gebracht hatte, so fühlte er ordentlich, wie der Kreislauf seines Blutes wieder ein frischeres Tempo anschlug. Als er seinem Hausarzt in einer vettrauten Stunde beim Sherry cobbler von seiner„Methode" Mitteilung machte, hatte dieser ihm zustimmend zugenickt und gemeint:„So sind diese verfluchten Bauern wenigstens zu etwas gut auf der Weltl" Schon auf der Treppe wußte Pawlj Jwanowitsch, daß sein Chef wieder„für seine Gesundheit arbeitete". Als er das Vor- zimmer betrat, hotte er die ihm wohlbekannte Stimme schreien: „Was? Zehntausend sind auch nicht genug, Ihr Hunde? Glaubt Ihr, unser allergnädigster Zar werde sich für Euch verfluchten Dick- schädel an den Bettelstab bringen? Was? Mit zehntausend Rubeln baue ich drei solche Brücken, wie Ihr sie braucht. Wahrhaftig das Sprichwort hat recht:„Tue einem Hund Gutes, so bellt er noch!" Nun, was steht Ihr noch da und reißt die Mäuler auf? Hinaus mit Euch, schert Euch zum Henker, Ihr undankbares Gelichter, Ihr." Die Stimme schnappte ihm hier über und er mußte Luft schöpfen. Diesen Augenblick benutzten die Bauern offenbar, um schleunigst dem Allgewalttgen aus den Augen zu kommen. Lächelnd sah der Kreischefgehülfe, wie sie sich fast lautlos an ihm vorüberschlichen. Erst auf der Treppe wagten sie es wieder, ihren gewohnten schweren Gang aufzunehmen. Plötzlich hörte Pawlj Jwanowitsch aus der Ecke, wo das Heiligenbild hing, einen tiefen Seufzer. Erschreckt sah er guf, denn er war abergläubisch und bigott. Da erkannte er das falttge Gesicht Bratäpfelchens, aus dem zwei unendlich traurige Augen hervorsahcn. Als dieser Blick einer gekränkten Menschenseele ihn streifte, errötete Pawlj. Er stammelte ein paar nichts- sagende Worte vor sich hin, wie ein Schuldbewußter, der un- veriehens an feine Schuld gemahnt wird. Ehe er sich aber noch gefaßt hatte, war das Mädchen davongehuscht. Er sah ihr nach wie eine Erscheinung; dann bekreuzigte er sich... Dmtri Gregorewitsch war bei guter Laune. Wohlwollend klopfte er dem eintretenden Pawlj auf die Schulter und sagte lachend: „Was sagen Sie dazu, Pawlj Jwanowitsch, habe ich meine Bauern nicht gut im Zuge, was? Nicht gemuckst haben sie, die Langbärtel Habe ihnen freilich auch tüchtig eingeheizt.� Der Kreischefgehülfe verbeugte sich leicht, ohne seine Miene zu verziehen. Wer die beiden Männer so beisammen sah, den Kreischef in einem schmutzig-grauen Flanellanzug und seinen Ge- hülfen im tadellosen Gehrock, hätte ohne allen Zweifel Pawlj für den Herrn und den anderen für den Untergebenen gehalten. Dmitri Gregorewitsch fühlte die geistige und gesellschaftliche lleberlegenheit seines Gehülfen auch instinktiv heraus, doch glaubte er durch feine polternde Bonhommie diesen Eindruck ivett zu machen. Es paßte ihm durchaus nicht, daß er von Pawlj nicht durch anerkennende Worte gefeiert wurde. In gereiztem Tone fragte er: „Nun— Sie sagen nichts dazu? Geben Sie mir nicht recht? Hätte ich Ihnen wirklich die Zwanzigtausend geben sollen, die der Minister bewilligt hat? So sprechen Sie doch, Pawlj Jwanowitsch?" Der Kreischefgehülfe, der die ganze Zeit über noch unter dem Banne der Erscheinung Bratäpfelchens gestanden hatte, faßte sich und stammelte verlegen: „Verzeihen Sie mir, Euer Hochwohlgeborcn. Ich dachte daran, daß man der Regierung schreiben muß." Dmitris Züge klärten sich auf.„Richtig. Das hätte ich beinahe ganz vergessen. Geben Sie mir nachher das Dings zur Unterschrift herüber. War übrigens eine glänzende Idee von Ihnen, Pawlj Jwanowitsch, das mit den Zehntausend. Sollen sehen, ich bin kein Undankbarer." Dabei nahm er das Kuvert aus der Schreibtischschublade, in dem die zwanzigtausend Rubel enthalten waren, die die Regierung für den Brückenbau ausgeworfen hatte. Langsam holte er daraus drei Hunderter hervor und hielt sie seinem Gehülfen hin:„Nehmen Sie. Ihre Belohnungl" In Pawljs Auge» erschien ein Blitz. Dmitri, der ganz in den Anblick des gestohlenen Geldes versunken war, sah ihn nicht. Als er endlich aufblickte, hatte sich der Gehülfe schon gefaßt und sagte: „Ich danke Ihnen, Euer Hochwohlgeboren, Sie sind die Güte selbst. Das viele Geld I" „Wahrhaftig, Pawlj Jwanowitsch, wahrhaftig, meine Frau hat ganz recht: Sie sind eine Perle. Wissen Sie, was sie mir neulich sagte? Dmitri. sagte sie, weißt du, daß Pawlj unser Bratäpfelchen heiraten könnte? Du würdest ihn protegieren, damit er dein Nach- folger werde, und alles könnte zu unser aller Glück gedeihen. Ja, Pawlj Jwanowitsch, das hat meine Frau erst neulich gesagt, als ich ihr erzählte, wie Sie über die Zehntausend gedacht hatten." Der Kreischefgehülfe zerknitterte nervös die drei Scheine, die er soeben zum Geschenk bekommen hatte.„Welches Glück," stammelte er,„welches Glück." Aber er sah gar nicht glücklich aus. „Nun, Sie sind also einverstanden?" drängte Dmitri Gregore- witsch.„Sie Iverden mein Schwiegersohn rnid Nachfolger I Wollen Sie?" „Ich will," erklärte Pawlj,„wenn Ihre Tochter will." „Sind Sie verrückt," schrie der Kreischef dagegen,„was hat so ein Fratz zu wollen. Hier bin ich Herr, und wenn ich sie Ihnen gebe, so ist das gerade so gut. als wenn der Pope seinen Segen gibt. Es ist also abgemacht I?" „Abgemacht", sagte Pawlj tonlos. Damit drehte er sich um und wollte das Kabinett verlassen. Als er schon in der Tür stand, rief ihn der Kreischef nochmals zurück:„Ach, Pawlj Jwanowitsch, noch ein Wort. Sehen Sie, da kriege ich ein Schreiben ans Kostroma vom Gouverneur. Im Gouvernement sollen wieder einmal falsche Rubelscheine umlaufen. Und irgend so ein Klugtopf will heraus- bekommen haben, daß nur ein gewisser— warten Sie mal— ge- wisser Nikitin, der vor fiinf Jahren nach Sachalin verschickt wurde, der Fälscher sein könne. Dieser Nikitin soll nun durchgebrannt sein und sich hierher gewandt haben." „Wie klug diese Herren find!" spottete Pawlj. „Ja, wen» sie mit ihren Dummheiten uns nicht unnütze Arbeit machten, wäre mir das ganz gleichgültig. Jetzt will man uns ein Paket von Photographien und Beschreibungen jenes— wie heißt der verfluchte Kerl doch gleich?..." „Nikitin," erinnerte Pawlj. „Richtig, jene« Nikitin hierher schicken. Und daS soll denn auf allen Bahnhöfen, in Gasthäusern usw. ausgehängt werden." „Wann kommen die Bilder?" fragte Pawlj ruhig. „Ich denke morgen", entgegnete ärgerlich der Kreischef. „Gut. Ich werde alles anordnen. Vielleicht finden wir ihn auch, diesen... diesen Nikitin mit den falschen Rubelscheinen." Damit empfahl er sich. „Eine Perle", murmelte Dmitri Gregorewitsch vor sich hin, „wahrhastig eine Perle dieser Pawlj Jwanowitsch!" Als Dmitri Gregorewitsch, der Kreischef, am nächsten Morgen um 11 Uhr, wie gewöhnlich, sein Bureau aufsuchte, war er sehr erstaunt, Pawlj Jwanowitsch, die Perle, noch nicht vor- zufinden. Er beschloß daher, die Zeit bis zum Eintreffen seines Gehülfen angenehm anzuwenden und sich bei einem Fläschchen Madeira der ihm so unversehens in den Schoß gefallenen Zehn- taufend— ach. es waren nur noch 9700 1— z» erfreuen. Die anderen zehntausend Rubel hatte er gleich gestern dem Wolost- ältesten ausgehändigt, kurz nachdem er seiner Exzellenz dem Herrn Minister mitgeteilt hatte, daß er die von der Regierung gewährten zwanzigtausend Rubel ihrer Bestimmung zugeführt habe. 9700 Rubel I Dafür konnte man eine ganze Reihe schöner Tage verleben. Und leise kam es von seinen Lippen:„Eine Perle!" Bedächtig schloß er die Schublade auf. Richtig— da lag das blaue Kuvert mit dem Regierungsstempel, das die schönen, bunten Scheine enthielt. Er wurde unliebsam überrascht. Statt der er- warteten vielfarbigen Lieblinge seiner Gedanken fand er ein simples, zusammengefaltetes Papier. In dunkler Vorahnung von etwas Schrecklichem riß er eS ans dem Kuvert und las: „Mein verehrter Herr Kollege. Wenn Ihnen diese Zeilen zu Gesichte kommen, so liegen bereits viele Meilen zwischen uns. Ich war der Ansicht, daß die zehntausend Rubel, um die die Bauern zu betrügen Sie die große Güte hatten, demjenigen gebühren, der die Idee zu dieser Korrektur der Regiernngsmaßnahmen gehabt hatte, nämlich mir. Da Sie selbst so edel waren, der Regierung mitzuteilen, daß Sie den Bauern die zwanzigtausend Rubel ausgehändigt haben, so haben Sie ja in Wirklichkeit nicht« verloren und werden, wie ich sicher annehme, nicht so töricht sein, meine plötzliche Abreise der Polizei anzuzeigen. Denn fände man mich, so wäre es mir unend- lich peinlich, den Herren eröffnen zu müssen, daß meine Reisekasse just mit dem Gelde gefüllt sei, das Sie, verehrter Herr Berufs- kollege, sich bereit« unrechtmäßig augeeignet halten. Wie sehr mir Ihr Heiratsplan am Herzen lag, das mögen Sie daraus ersehen, daß ich die dreihundert Rubel, die Sie mir gestern geschenkt haben, auf den Namen Ihrer guten Tochter dem Armenvorsteher übersandt habe. Ich bitte Sie, Brat- äpfelchen zu grüßen und ihr zu sagen, sie möge mir ein gutes Andenken bewahren. Zum Schlüsse noch eine Bitte: Ich weiß, daß Sie und Ihre Frau Gemahlin für fremdes Elend stets ein warmes Empfinden haben: die Kollekten ihrer Gattin zum besten der armen Bauern sind hierfür beweisbringend. So wage ich denn. Sie um Mitleid für einen armen Verfolgten zu bitten, der einst von strengen Richtern in die Verbannung geschickt wurde: ich meine Rikittn. Es wird Ihnen bei Ihrer Machtfülle nicht schwer fallen, das Aus- hängen de« Bildes mit dem Steckbrief eine Woche hinauszuziehen. Jede gute Tat findet ihre Belohnung I Ich bin überzeugt, daß die Polizei von Ihrer Unterschlagung nicht früher erfahren wird, als bis es ihr gelingt, jenen armen Nikitin auf die Spur zu komnren. ?. J. N." Hastig durchstöberte Dmitri Gregorewitsch die eingelaufenen Postsachen: er suchte etwas. Ein kleines Paket mit dem Stempel des Gouvernements— da war es. Ungeduldig riß er die Schnur mit dem Siegel entzwei. Er hatte sich nicht getäuscht: man brauchte nur jenem Manne dort, dessen Bild ihn im Sträflingsanznge zeigte, einen eleganten Gehrock anzuziehen und niemand konnte inehr zweifeln, daß der Sträfling Nikitin und die„Perle" des Kreischefs Dmitri ein und dieselbe Person waren... Wera Dmitrowna, das Bratäpfelchen, war die einzige im Hause, die noch ettvas anderes beweinte als den Verlust jener zehnlausend Rubel. Aber sie behielt es demütig in ihrem armen, verschrrmrpften Herzchen.— kleines feuilleton. hg. Taschen-Sonnenuhren. Die Notwendigkeit, die Tageszeit zu erkennen, führte schon in älteren Zeiten zur Konstruktion der sonnen- uhren; man hatte schon früh bemerkt, daß in verschiedenen Zeiten des Tages der Schatten, den ein fester Gegenstand im Laufe deS Tages warf, in verschiedene Richtungen fiel, und diese Talsache be- nutzte man. Nun hatte man aber weiter bemerkt, daß wenn diese Art der Zeitmessung für alle Tage deS Jahres gleichmäßig zutreffen sollte, der Schatten werfende Gegenstand nicht in beliebiger Richtung aufgestellt sein durfte, sondern so, daß bei der Achsendrehung der Erde doch an allen Tagen seine Stellung zur Sonne eine gewisse Gleichmäßigkeit besitzen müsse, und diese Gleichmäßigkeit hat er nur, wenn er parallel der Weltachse aufgestellt ist, er mußte also in die Nord-Südrichtung fallen»md mit dem einen Ende nach dem nörd- lichen Weltpol gerichtet sein. Damit ist also schon gesagt, daß der schattengebende Körper, der Zeiger der Sonnenuhr, an einem Punkte der Erde anders gerichtet sein muß, als an einem anderen, man konnte eine Sonnenithr, die an einem Endpunkte richtige Zeiten angab, nicht ohne weiteres an einen anderen Punkt transportieren. Aber mit der weiteren Entwickelnng der Kultur und mit dem steigenden Berkehr erwies es sich als notwendig. Zeitmaße zu besitzen, die man bei sich tragen konnte, und die überall richtige Angaben machten, also transportable Uhren, wie unsere Heutigen Taschenuhren, und da man andere Uhren, also Sonnenuhren, nicht konstruieren konnte, so mußte die stets fügsame Technik sich bemühen. Taschen-SonnennHren herzustellen. Denn die Sand- und Wasseruhren lassen nur er- kennen, wieviel Zeit vom Beginn einer menschlichen Hand- lung bis zu ihrem Ende vergangen ist, nicht aber, zu welcher Zeit des Tages diese Handlung stattfindet, und auch über das letztere wollte und mußte man unterrichtet sein. Es war also nötig, Sonnenuhren zu fabrizieren, deren Zeiger so beweglich war, daß man ihn an jedem Ort, an dem man die Uhr gebrauchen wollte, richtig einstellen konnte, f>. h. so daß der Zeiger in die Nord- Südebcne fiel und sein Ende nach dem nördlichen Pol zeigte. Die gewünschte Ebene konnte man in einfacher Weise auffinden, nachdem die Eigenschaft des Magneten, nach Norden und Süden zu zeigen, aufgefunden war; man brachte an der transportablen Uhr einen .iompaß an und drehte die Uhr so weit, bis der Zeiger in die Richtung der Magnetnadel fiel. Um den Zeiger dann nach dein Nordpol zu richten, mußte man fein vom Mittelpunkt der Uhr entferntes Ende so heben oder senken, daß es nach dem vordersten Stern des Sternbildes vom kleinen Bären wies, denn dieser Stern befindet sich annähernd genau beim nörd- lichen Weltpol, weswegen er auch Polarstern heißt. Man braucht zn dieser Aufstellung nicht bis zur Abendzeit zu warten, wo die Sterne scheinen, sondern wenn man ein für alle Mal festgestellt hatte. welchen Winkel eine in der Nord-Südebene nach dem Polarstern ge- zogene gerade Linie mit der in der Nord-Südebene wagerecht ge- zogenen Linie bildet, brauchte man den Uhrzeiger immer nur so Iveit zu heben, daß er mit der Horizontalebcne der Uhr diesen Winkel einschloß. Es war also damals nicht so ganz einfach, zu erkennen, wie spät es war; heutzutage braucht man zu diesem Zwecke nur einen Blick auf die Uhr zu werfen und höchstens dadurch, daß man diese Uhr etwa täglich ein- mal mit einer Normaluhr vergleicht, ihren richtigen Gang fest- zustellen oder die falsch gehende Uhr zu regulieren; früher bedurste es komplizierter Operationen, die mit der Uhr vorgenommen wurden. Aber da man eben nichts Bequemeres hatte, mußte man sich mit dem Vorhandenen begnügen. In der Tat sind auch einige Exemplare von Taschen- Sonnenuhren erhalten geblieben, die jetzt in Museen aufgestellt sind; sie erhalten einen Kompaß zum richtigen Einstellen des Zeigers, und ferner sind auf ihnen die Namen einiger wichtiger Städte verzeichnet, und bei jedem Städtenamen ist angegeben, zu welcher Höhe das Zeiger- ende nach oben gedreht werden muß, damit es in der betreffenden Stadt wirklich nach dem Nordpol weist. Von besonderem Interesse dürfte eine solche Uhr sein, die sich im Museum Johanneum in Innsbruck befindet, weil sie eine alte Streitfrage endgültig löst. Man hat lange Zeit gemeint, daß Christoph Colmnbus gelegentlich der Fahrt, auf der er Amerika entdeckt, auch die magnetische De- klination entdeckte. Der magnetische Nordpol fällt nicht zusannnen mit dem geographischen, sondern jener liegt bei 70 Grad nörd- licher Breite und S9 Grad westlicher Länge von Greenwich; infolge davon zeigt auch die Magnetnadel des Kompaß nicht genau nach Norden, sondern in unseren Gegenden etwas nach Nordwesten, aus anderen Teilen der Erde nach Nordosten. Ucbrigens wird die Richtung der Kompaßnadel, also ihre Abweichung von der geogra- phischen Nordostlinie— man nennt den Winkel, den diese geogra- phische Linie mit der Nadelrichtung des Kompasses einschließt, die magnetische Deklination— auch von anderen Zuständen, besonders von Vorgängen auf der Sonne wesentlich beeinflußt; infolge davon ist diese Deklination nicht für jeden Ort dauernd dieselbe, sondern sie nimmt periodisch ab und zu; eine solche Periode vollzieht sich an jedem Tage, sie wird hervorgerufen durch die mit der Achsen- drehung der Erde veränderte Stellung jedes Erdenpunktes zur Sonne; zu einer anderen Periode ist ein Monat nötig, sie wird jedenfalls veranlaßt durch Mondeinflüh'e; die dntte Periode ist die jährliche, und die Ursache zu ihr ist gegeben durch die Drehung der Erde um die Sonne, bei der die gegenseitige Stellung beider Welt- körper sich während eines Jahres fortwährend ändert, um nach Ab- lauf eines Jahres wieder denselben Kreislauf zu vollziehen; endlich gibt es noch die säkulare Variation, die in vielen Jahren, wahr- scheinlich in Jahrhunderten einen Kreislauf vollendet, und die höchst wahrscheinlich hervorgerufen wird durch ganz allmähliche Vorgänge auf der Sonne selbst. Jedenfalls aber existiert eine solche seitliche Abweichung der Kompaßnadel von der Richtung des von Norden nach Süden gerichteten Meridians. ES wird nun erzählt, auf jener ersten Reise nach Amerika habe sich diese seitliche Abweichung offenbart, und gerade sie habe die Matrosen deS Columbns sehr erschreckt, weil diese glaubten, der Kompaß habe überhaupt nicht die richtende Fähigkeit, die man ihm vorher zuschrieb, und die kühne» Seefahrer befänden sich ohne irgend welche Richtungsangabe auf dem unendlichen Ozean. Weiter wird dann berichtet, Columbus habe sofort die Ursache der Abweichung erkannt und durch ihre Auseinandersetzung die Matrosen beruhigt. Noch bis in die jüngste Zeit glaubte man vielfach, wahrscheinlich auf Grund jener Erzählung, Columbus besitze außer dem Verdienst der Eni- deckung Amerikas auch das Verdienst, diese für Seefahrer und auch für die ivissenschastliche Erforschung deS Erdmagnetismus sehr wichtige magnetische Deklination zuerst festgestellt zu haben. Nun ist aber auf der erwähnte» Jnnsbrucker Taschen- Sonnenuhr auf dem beigegebenen Kompaß eine feine Linie von der Mitte nach den: Rande des Kompaß eingegraben und diese Linie enthält die durch die Deklination not- wendige KorrekNir des Kompasses; wenn die Magnetnadel in der Richtung stand, die durch die auf dem Kempaß verzeichneten Nord- und Südpunkte angegeben war, so bezeichnete jene Linse die tat- sächliche geographische Nord- Südrichtung, die Richtung des Meridians. Die in Rede stehende Sonnenuhr trägt die Jahres- zahl 14öl, die erwähnte, auf ihr enthaltene Deklinations- linie stimmt aber in der Ausführung völlig übercin ,nit den anderen an ihr angebrachten Linien, die die einzelnen Stunden- richtungen des Uhrzeigers angeben— es ist also ausgeschlossen. daß diese Linie erst nachträglich eingegraben sei, sondern sie entstand zu gleicher Zeit, wie die Sonnenuhr selbst. Da nun aber die Uhr laut der Angabe der Jahreszahl aus dem Jahre 1451 stammt, muß um diese Zeit schon die magnetische Deklination bekannt gewesen sein, sie kann nicht von dem erst 1446 geborenen Christoph ColumbuS entdeckt sein.— — Wie man Prozesse gewinnt. Der„Franks. Ztg." wird ge- schrieben: Wie tief der� Aberglaube in mancher Gegend Deutschlands noch wurzelt, dürfte folgender heiterer Vorfall bezeugen. Saß ich da vor kurzem im Wartesaal zweiter Klasse des Bahnhofes zu Breslau und unterhielt mich lebhaft mit einer anscheinend dem „besseren" Stande angehörenden intelligenten jungen Dame. Kurz vor Ankunft des nach Berlin gehenden Schnellzuges bemerkte die junge Dame in meinem kleinen Reisekoffcr einige Brötchen. Sogleich bat sie mich in einem flehentlichen Tone, ihr doch etwas von meinem Brote zu geben. Gern stellte ich ihr meinen Proviant ganz und gar zur Verfügung. Das wurde indes entschieden abgelehnt.„Nein, ein ganz klein Stückchen. mein Herr!" Ich bot der Dame ein Brötchen an. Aber auch damit hatte ich kein Glück.„Nur einen Brocken, mein Herr." Erstaunt erfüllte ich diesen komischen Wunsch und erstaunte noch mehr, als die Dame den mit Mühe erworbenen Brocken rasch in ihr Porte- monnaie verbarg. Ehe ich noch fragen konnte, was das bedeute, wurde mein Zug ausgerufen. Die Götter aber wollten es, daß ich in das geheimnisvolle Gebaren der Dame eingeweiht wurde. Ein Zufall führte mich nach einiger Zeit mit ihr am Bahnhof Alexander- platz wieder zusammen. Selbstverständlich gedachte ich sofort meiner Breslaucr Schenkung. „Ja wissen Sie,»rein Herr", erwiderte mir die Dame verlegen, „ich hatte damals einen Prozeß, und wenn man so etwas von einem jüdischen Herrn mit auf die Reise bekoinmt(den Brocken Brot nämlich) soll das Glück bringen."... „Bedauere sehr, Madame, ich bin aber kein Jude l" entdeckte ich ihr vertrauensvoll. „Ach. nicht möglich", rief sie mißtrauisch und bestürzt aus,„ich Hab' doch den Prozeß so schön gewonnen!"— Humoristisches. — Deutlich. Herr:„Darf ich Ihnen eine E r f r i s ch u n« anbieten, mein Fräulein?" Dame:„Ja, bitte, lassen Sie mich eine halbe Stunde allein."— — Unangenehme Frage. Junger Arzt(renom- mierend):„Ja, den Fall mit meinem Patienten Schulze kann ich wohl als eine wahre Wunderkur bezeichnen." Bekannter:„Weil Schulze in Deiner Behandlung mit dem Leben davongekommen?"— — Furchtbare Drohung. Wirt(zum lärmenden Gast): „Du Loisl, Dei' Frau und Schwiegermutter sind draußen; wenn D' jetzt kei' Ruh gibst, daschmeiß' ich Dich 'naus!"—(„Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Die Werke Robert Hamerlings, bisher im Besitz der Hamburger Verlagsanstalt und Druckerei A.-G.(vorm. I. F. Richter) sind in den Verlag von Max Hesse in Leipzig übergegangen.— — Der Wettbewerb für Volksromane, den der Verein für Massenverbreitung guter Volksliteratur ausgeschrieben hat, ist dieser Tage insoweit entschieden worden, als das Preis« gericht die zur Vorkonkurrenz eingegangenen Manuskripte geprüft und sein Urteil darüber gefällt hat. Im ganzen sind U2 Arbeiten eingesandt worden. Den Preis von 1000 M. erhielt der Verfasser des Manuskripts„Der blonde Teufel". Zur Be- teilignng an der Hauptkonkurrenz sollen eine Anzahl ihrer anschau- lichen, fesselnden Erzähiungsweise wegen besonders in Betracht kommender Romansckriststeller unmittelbar eingeladen Iverdcn. Dem Preisgericht stehen für die Hauptkonkurrcnz drei Preise von 13 000, 12 000 und 8000 M. zur Verfügung.— — Der Allgemeine deutsche Sprachverein zählt jetzt 302 Zwcigvereine mit 30 000 Mitgliedern.— — Marie M a d e l e i n e hat drei Einakter vollendet. Der Cyklus, der den Titel„Katzen" führt, soll noch in dieser Spielzeit im Intimen Theater in Nürnberg zur Aufführung gelangen.— — Große A a l f ä n g e in der Ostsee. An der Küste Rügens sind in letzter Zeit so viele Aale gefangen worden, wie seit Jahren nicht mehr. Der Aal muß förmlich in großen Zügen an der Insel entlang gewandert sein, den» Fänge von 1—1'/a Zentner in einer Flügelreuse waren keine Ueberraschungen für die Fischer. In Crampas-Saßnitz zahlte eine Fischhandlnng, wie der„Tägl. Rundschau" mitgeteilt ivird. 30 000 M. in einer Woche für Aale; für den Zentner erhielten die Fischer 70 M.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei n.BerlagSanstalt Paul Singer ScCo..Berlin