Hlnl«rhaltungsblatt des Horwärts Nr. 227. Dienstag, den 21. November. 1005 (Nachdruck verboten.) 7] Die f)uerta. Roman von V. Blasco Jbanez Autorisierte Uebersctzung von Wilhelm Thal. _ �Das Unglück verfolgte Batiste. Niemand sorgte so für die Tiere und Paßte so fleißig auf sie auf. Obwohl totmiide, wagte er nie, wie die Kameraden, auf dem Wagen zu schlafen und das Gespann sich selbst Zu überlassen. Er hielt stets die Augen offen, ging immer neben dem Leitpferd, vermied sorg- fältig die Furchen und schlechten Stellen. Und doch war es immer sein Wagen, der umfiel; wenn infolge der Regengüsse ein Tier krank wurde, dann war es sicherlich das Pferd von Batiste, obwohl er schon bei den ersten Tropfen den Rücken seiner Tiere durch Decken aus Packleinen zu schützen suchte. � In mehreren Jahren anstrengender Irrfahrten über die Straßen der Provinz hatte er nur Verluste, und seine Lage wurde immer schlimmer und schlnumer. Dabei aß er schlecht, schlief unter freiein Himinel und litt Höllenschmerzen bei dem Gedanken, daß er monatelang fern von seiner Familie verleben mußte, die er mit der tiefsten Zärtlichkeit eines rauhen und schweigsamen Mannes förmlich vergötterte. Seine Pferde gingen ein, und er mußte Schulden machen, um sich andere zu kaufen: der Verdienst, den ihm der ständige Transport der Wein- und Essigschläuche einbrachte, verschwand in den Händen der Pferdehändler und Stellmacher, so daß er schließlich auf das Handwerk verzichtete, denn er sah seinen baldigen Ruin voraus. Nun nahm er Aecker in der Umgegend von Sagunto in Pacht, harte, rote, ewig durstige Aecker, auf denen hundert- jährige Johannisbrotbäume ihr hohen Stämme und Oliven- bäume ihre runden, staubigen Köpfe erhoben. Er lieferte der Dürre förmliche Schlachten, stets blickte er sehnsuchtsvoll gen Himmel, und ein hoffnungsfreudiges Zittern bewegte jedesmal seinen Körper, wenn eine kleine schwarze Wolke am Horizont auftauchte. Doch es regnete nicht. Die Ernten waren vier Jahre hintereinander schlecht, und Batiste wußte schon nicht mehr, was er anfangen sollte, als er auf einer Reise nach Valencia zufällig die Söhne des Don Salvador kennen lernte, die ihm dies wunderbare Land ohne jeden Pachtzins bis zu dem Tage überließen, wo der Grund und Boden wieder regel- recht bebaut war. Allerdings hatte er von den Ereignissen, die sich auf diesem Terrain abgespielt und von den Gründen, die die Besitzer nötigten, so schöne Aecker brach liegen zu lassen, so manches gehört. Aber das war so lange her! Diese Felder gefielen ihm, und er ließ sich darauf nieder. Hatte er sich um die alten Geschichten des Vaters Barret und des Don Salvador zu kümmern? Batiste verachtete und vergaß alles, als er seine Felder betrachtete, und er empfand ein süßes Entzücken, wenn er sich als Pächter in dieser fruchtbaren Huerta sah, auf die er so oft mit neidischen Blicken geschaut, wenn er über die Land- straße von Valencia nach Sagunto zog. Das waren wirk- liche Felder, ewig grüne Felder mit unerschöpflichem Schoß, die Ernte auf Ernte hervorbrachten; sie verfügten über ein rotes Wasser, daß in jeder Stunde wie belebendes Blut durch zahllose Rinnen lief; eine ganze Familie konnte sich von den Feldern ernähren, die in ihrer Kleinheit wie grüne Taschen- tücher aussahen. Ach, wie glücklich schätzte er sich, daß er endlich den Grund und Boden von Sagunto los geworden war, an den er sich wie an eine Hölle von trockener Hitze und ver- zehrendem Durst erinnerte! Ja, jetzt war er auf dem richtigen Wege. An die Arbeit! Die Felder waren allerdings verdorben, das war richtig, man mußte sich fürchterlich schinden, auch das stimmte, doch wenn man Mut hat! Und der kräftige Bursche mit dem muskulösen Körper, den Riesenschultern, dem runden, geschorenen Kopf und dem gutmütigen Gesicht auf dem dicken Mönchshalse, reckte sich und streckte seine starken Arme, die gewöhnt waren, Mehlsäcke und schwere Schläuche wegzuschleppen. Er war mit der Arbeit auf seinen Feldern so beschäftigt, daß er auf die Neugier der Nachbarn kaum achtete. Diese steckten ihre unruhigen Köpfe durch das Röhricht oder beobachteten ihn verstohlen, von den Böschungen der Bäche, platt auf dem Bauche liegend;— alle spionierten, Männer, Kinder, ja sogar einige Frauen aus den Häusern rings umher. Doch er achtete nicht darauf. Das war die Neugier, das feindliche Mißtrauen, daß die Fremden stets einflößen. Er kannte das wohl, schließlich gewöhnte man sich schon an ihn. Und dann, wer weiß, vielleicht interessierte es sie, dieses ganze Elend verschwinden zu sehen, das zehn Jahre der Verlassenheit auf den Feldern des Vaters Barret hervor- gerufen hatten. Am Tage nach seiner Ankunft hatte er mit Hülfe seiner Frau und seiner Kinder das ganze Unkraut ausgebrannt. Die Sträucher wanden sich unter den Flanimen und saiuen, zu Asche verkohlt, zusamnwn. während die häßlichen Tiere, förmlich geröstet, unter der Glut entflohen, und das Haus in den aus der fröhlichen Illumination sich erhebenden Rauch- wölken verschwand, die in der ganzen Huerta einen dumpfen Zorn entfesselten. Als die Aecker.einmal gesäubert waren, machte sich Batiste, ohne weitere Zeit zu verlieren, an das Umgraben. Der Boden war hart geworden, doch als er- fahrener Landmann beschloß er, ihn nur nach und nach in Schlägen zu bebauen; er zog ein Viereck um die Hütte und begann die Erde mit Hülfe seiner ganzen Familie umzugraben. Was das Arbeiten anbetraf, so glich diese Familie einer wahren Eichkatzenschar; sie konnte sich nicht ruhig verhalten, so lange der Vater tätig war. Teresa, die Frau, und Roseta, die älteste Tochter, schafften mit hochgeschürzten Röcken; sie hielten nur inne, um die Haarsträhnen zurückzuwerfen, die ihnen auf die geröteten, schweißgebadeten Stirnen fielen. Batistet, der älteste Sohn, machte, einen Kasten auf der Schulter, beständige Reisen mich Valencia und brachte Dung und Wirtschaftsabfälle mit, die er wie Ruhmessäulen in zwei Haufen am Eingange des Hauses ablagerte; die drei Kleinen folgten ernst und arbeitsam, als hätten sie die Lage der Familie begriffen, auf allen Vieren den Arbeitern, um die allzu harten Wurzeln der verbrannten Sträucher aus den Erdklumpen aus- zureißen. Diese Vorbcreitungsarbeit dauerte über eine Woche, iit der sie von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit schwitzten und ächzten. Als die Hälfte des Bodens umgewühlt war, strich Batiste ihn glatt und bearbeitete ihn mit Hiilfe seines kräf- tigen Pferdes. Der Augenblick war da, die BePflanzung vor- zunehmen, es war bereits St. Martinstag, die Zeit der Saat. Der Landmann schied das zugerichtete Terrain in drei Teile, den größeren für das Getreide, einen kleineren für Bohnen und einen dritten für das Pferdefutler; denn man durfte auch den Morrut nicht vergessen, den alten teuren Gaul, der zur Familie zu gehören schien. Und endlich machten sie sich mit der Fröhlichkeit von Leuten, die nach einer schweren Seefahrt den Hafen entdeckten, an die Einsaat. Damit war die Zu- kunft gesichert. Die Aecker der Huerta trogen nie, aus diesem Boden sollte das Brot für das ganze Jahr hervorgehen. Am Abend des Tages, wo die Saat beendet war, sahen sie auf dem Wege, der sich an ihrem Gehöft hinzog, eine kleine Schafherde mit schmutzigen Fellen, die furchtsam au der Grenze des Feldes stehen blieb. Hinter ihnen schritt ein Greis mit pergamentartigem, sonnenverbranntem Gesicht, in tiefen Höhlen liegenden Augen und einem großen, förmlich gespaltenen Munde den die Runzeln wie eine Gloriole um- gaben. Er ging langsam mit festem Schritte, streckte aber seinen Hirtenstab vor sich aus, als wenn er das Terrain sondieren wollte. Die ganze Familie betrachtete ihn aufmerksam: seit den zwei Wochen, die sie da waren, war er der Einzige, der es gewagt hatte, sich ihren Feldern zu nähern. Als der Alte das Zögern seiner Schafe bemerkte, rief er ihnen zu, sie sollten weiter gehen. Nun trat Batiste dem Alten entgegen. Man könnte nicht mehr hier herüber, die Aecker wären jetzt angepflanzt. Wußte er denn das nicht? Vater Tomba hatte wohl etwas davon gehört; doch in den beiden vorhergehenden Wochen hatte er seine Herde nach der Sumpfgegend von Carairct geführt, ohne sich um diese Felder zu kümmern. ES war also wahr, sie waren jetzt bebaut? Und der alte Schäfer streckte den Kopf vor und bemühte sich vergeblich, mit seinen fast toten Pupillen den' kühnen Mann zu schauen, der das zu tun wagte, was die ganze Huerta für unmöglich hielt. Er schwieg einen Augenblick und begann dann in beküm- inertem Tone zu murmeln: Das wäre ein großes Unrecht: auch er wäre iu seiner Jugend keck gewejeil und halte gern allen zuwider gehandelt, doch wenn die Feinde in der lieber- zahl sind... das war ein großes Unrecht, der neue Pächter hatte sich selbst in eine schlimme Lage gebracht. Seit der Geschichte mit dem Vater Barret waren diese Aecker verflucht. Ter andere konnte es ihm glauben, denn er war alt und er- fahren; sie würden ihm Unglück bringen. Und der Schäfer rief seine Herde zurück und trieb sie wieder auf den Weg. Doch bevor er sich entfernte, warf er seinen Mantel zurück, erhob seine langen, mageren Arme und rief im Tone eines Zauberers, der die Zukunft prophezeit, dem Freindling zu: „Glaube niir, mein Sohn, sie werden Dir Unglück bringen!" Batiste und seine Familie arbeiteten trohdem mutvoll und sachgemäß weiter. Bis dahin hatten sie all ihr Bemühen auf die Erde verwendet, weil das die dringendste Arbeit war, und die Erde tat gewiß ihre Pflicht. Doch nun war auch der Augenblick gekommen, um an das Haus zu denken. Sie hatten sich zuerst in der alten Baracke niedergelassen, wie Schiffbrüchige, die sich schlecht und recht auf einem leeren Schiffe einrichten; sie hatten hier ein Loch zugestopft, dort ausgebessert und wahre Wunder zu stände gebracht, damit das Strohdach noch hielte. Sie hatten ihre armseligen Möbel. nachdem sie sie ordentlich abgerieben und abgestanbt, in all den Zimmern aufgestellt, die vorher ein ölest für Mäuse und Ungeziefer gewesen waren. Doch das war nur ein vorläufiger Notbehelf, und Batiste dachte endlich an die endgültige Ein- richtling. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft verließ er sein Haus, zog nach Valencia und belnd seinen Karren mit allen Abfällen, die er benutzen zu können glaubte. Während die Misthaufen, die Batistet wie einen Wall vor der Hütte auf- geworfen, eine ungeheure Höhe annahmen, trug der Vater etwas weiter Hunderte von zerbrochenen Ziegelsteinen, alte Türen, zerschlagene Scheiben, wurmstichige Bohlen, kurz allerlei Trümmer und Abfälle zusammen, wie man sie auf den Schutthaufen einer Stadt findet. Die Strohhülle wurde zu- erst ausgebessert: die Balken des Daches, die der Regen an- gefressen, wurden repariert oder ersetzt; ein Mantel von neuem Stroh schützte die beiden Giebel, die kleinen Kreuze an den äußersten Enden mußten andern den Platz räumen, die Batistes Messer sorgsam schnitzte, und in der ganzen Nachbarschaft gab es kein Dach, das sich sauberer und anmutiger präsentierte. Dann begannen die Ausbesserungen des unteren Teiles. Mit welcher Gewandheit man die Abfälle von Valencia be- nutzte! Die Risse verichwanden; und als die Mauern aus- gebessert waren, strichen die Frau und die Tochter sie weiß an, daß es nur so blinkte. Die neu blaubemalte Tür schien gleichsam die Mutter all dieser Fensterläden zu sein, die in den Einbuchtungen der Mauerwände ihre viereckigen Gesichtet von derselben Farbe zeigten. Unter dem Spalier pflasterte Batiste mit roten Ziegeln einen kleinen Platz, wo die Frauen in den Nachmittagsstunden nähen konnten. Der Brunnen wurde, nachdem man eine Woche lang mühsanl hinunter- gestiegen und allen Unrat herausgeholt, von den Steinen und dem Schmutz gesäubert, mit dem die Gassenjungen der Huerta ihn seit zehn Jahren angefüllt; und von neuem stieg sein frisches, klares Wasser in den Eimer bis zu dem moos- bewachsenen Bmnnengeländer, von dem fröhlichen Knarren der Kette begleitet, die sich über die Nachbarschaft lustig zu wachen schien. Ter Hühnerhof, früher von einer Hürde verfaulten Röhrichts umgeben, hatte jetzt eine Umfriedigung von Stäben und wcißangestrichenem Lehm, und auf dieser Umfriedigung pickten die gelben Hennen, während der Hahn seinen roten Kamm sträubte. Auf dem kleinen Platze vor dem Hause sah man Beete von Taglilien und daneben auch Schlingpflanzen, eine Reihe blauangestrichener zerbrochener Töpfe vertrat auf der kleinen, roten Ziegelwand die Stelle von Vasen, und durch die halbgeöffnete Tür—„o dieser eitle Kerl!"— sah man den neuen Ausgnß mit seiner Garnitur lackierter Kacheln: eine Fülle unverschämter Reflexe, die die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregte. Zwei Monate nach seiner Ankunft hatte Batiste seine Aecker kein halbes Dutzend Mal verlassen, stets hockte er über der Furche und berauschte sich an der Arbeit. Und das Gehöft Barrets bot einen heiteren und lächelnderen Anblick, als zur Zeit des alten Pächters. ** Zuerst hatten sich die Nachbarn, als sie die Fremden ihr Lager in der verfallenen Baracke aufschlagen sahen, mit einer Ironie über sie lustig gemacht, die eine dumpfe Wut verriet. „Das war eine Familie, richtige Zigeuner, genau wie die, die unter den Brücken schlafen." Als dann Vater Tomba von Batiste an der Grenze der wieder bebauten Felder angehalten worden war, lieferte dieses Vorkommnis einen neuen Vorwand zum allgemeinen Zorn. Vater Tomba konnte also nicht mehr seine Schafe dorthin führen, nachdem er zehn Jahre lang die friedliche Nutz- nießung dieser Weide gehabt! Von der Berechtigung der Weigerrmg sprach man kein Wort und ebensowenig, daß der Grund und Boden bebaut war; man sprach nur von den Rück- sichten, auf die der alte Schäfer ein Anrecht hatte, ein Mann, der in seiner Jugend die Franzosen roh gefressen hatte, der vielerlei Dinge gesehen und dessen durch halbe Andeutungen und unzusammenhängende Ratschläge zum Ausdruck gebrachte Weisheit den Leuten in den Hütten einen abergläubischen Respekt einflößte. lFortsetzung folgt.) Zwei Scnfationebiicbcr/) Die Verfasser von„Jörn Uhl" und„Briefe, die ihn nicht er- reichten" haben neue Bücher herausgegeben, und sofort war die Reklame an der Arbeit und erhob ihren Lärm. Exemplare und Aliflage-Zahleu, Zahlen, noch vor dem Erscheinen. Und die Presse, die an dem früheren Lärm so tapfer geholfen und an der Urteils- wirrnng, die jeder Lärm mit sich bringt, so ein gut Teil Schuld trug, die mutz nun gleich auch wieder ihr Horn ansetzen und blasen. Und da„Jörn Uhl" und die„Briefe, die ihn nicht erreichten", bei ihr so was ganz Unerhörtes geworden waren, etwas, das den Goethe bei- seite schob und den Keller, und den Raabe, und den Eichendorsf e tutti qiianti, die mutz sich nun wohl oder übel selbst recht geben — die Presse gibt sich ja niemals selbst unrecht— und mutz weiter von den großen Erfüllungen reden, von den einsamen Inseln viel- leicht auch, aus denen man die ganze übrige Literatur vermissen kann, nur nicht gerade... usw. Sie wird alle Beziehungen und Auslösungen unseres modernen Lebens und Wesens in den neuen Büchern charakterisiere», Sehnsucht, helle Lebensfreude, Deutschtum und Luthertum, Selbständigkeit und Freiheit und-- Eingeschworenheit. Sie wird vom Weibe sprechen, wie es sein soll, und vom Manne, wie er werden soll— und all den schönen Dingen aus Dorf und Stadt, Ruhe und Be- wegung, Einsamkeit und Verkehr, mit denen man alles anfüllen und alles leer machen kann, mit denen man sich am Eigentlichen so fein und charaktervoll, so eigen- und feinsinnig vorbeikrückeln kann. Und das Publikum. Nun ja, das komnrt dann dem Verleger fein zu Hülfe und beweist, wie gebildet und fort- schritltich, wie instinktsicher eS ist und das Würdige zu wählen weitz, um es mit seiner Gunst zu beglücken. Es mutz gleich gesagt werden: bei Frenssen ist es nur nüt seinen Uebcrtreibungen, durch seine Uebertreibnng, hereingefallen. Härte es sich darin nicht selbst überkugelt, Frenssen war wenigstens ein Richtiger. Und nun ist's so weit, datz man ihn gegen sein Ptiblikuni verteidigen mutz. Er verdient eS wirklich nicht, datz es ihn so grotz macht, denn er ist nicht so klein. Wir wollen den Maßstab behalten und Freude haben. Es geht wirklich auch so. Die Veitstänze sind gar zu abstoßend und ge- schmacklos. Wenn Frenssen nicht groß ist, so ist er echt. Wenn er nicht bedeutend ist, so ist er ehrlich. Und der ist tapfer und fühlt Liebe. Liebe zu seinem Werke, Liebe zum Leben, Liebe zu sich felbst. Zu sich selbst im Sinne des Scbafsens, des wahrhaft Schöpferischseins, zn Wachstum und Vervollkommung, zu Klarheit und Rundung, zu eineni Ganzsein, darin sich ein Streben und Ruhen erfüllen kann. Er ist ein Wesentlichkeitsmensch— Respekt vor ihm!— und seine Kunst geht auf die Wesentlichkeit des Menschlichen— laßt euch Vorbildlichkeit daraus entwachsen! Er ist ein Suchender, er sucht sein„Hilligenlei", sein„heiliges Land". Er tut es nicht in einer Kolumbus-Wagefahrt— aber er liest Kunde davon aus dem nahen Leben! Aus dem Einfachen, Schlichten, Geraden, Hellen. Aus dem Natürlichen. Aus dem Selbstsicheren, Bewurzelten, Fest- gewachsenen. Da tut er uns öfter den Blick auf zu dem Hilligenlei, das wir alle suchen, das wie ein großer Sehn- suchtston, in stillen Verschwiegenheiten bald, in triumphierenden Dominanten wieder, durch unser Leben klingt. Schön ist daö dann, wenn sich das nahe und wirkliche und alltägliche "j„Hilligenlei". Ron, an von Gustav Frenssen. Berlin. G. Grotösche Verlagsbuchhandlung.—„Der Tag Anderer." Von der Verfasserin der„Briefe, die ihn nicht er- reichten". Berlin, Gebr. Pactcl.— Leben, das nichtssagende Geschehen, das natürliche Tun, die sreie, unbeengte Sprache der Leidenschaft, der Liebe und Freundschaft, des GenießenS und der Hingabe, wenn sich der einfache Mensch, der tätige oder grübelnde Mann, die begehrende oder entsagende Frau, zu Heiligem verklären. Wenn der Alltag seine Evangelienheiligkeit gewinnt, wenn unsere größte Not und unser verschwiegenstes, wort- losestes Leiden eine Kreuzigung für dieses Evangelium und unser rückhaltlosestes Glück eine Himmelfahrt für es werden, dann wird sein„Hilligenlei" auch das unsere. Aber bann— dann fängt die Enge an. Oder richtiger— die Einseitigkeit. Der Pastor löst den Dichter ab. Das Leben wird auf einen Sinn, auf einen Gedanken hin — und zu ihm hinaus— gesehen. Die Enge zu einem allgemeinen Lcbenssinn wird fühlbar. In dein besonderen Sinn, der durch- geführt ist, ist freilich alle Weite. Den Pastor muh man lieb haben. Er hat ein Herz. ES hat den Dichterpuls. Es hat den Drang zum vollen Nehmen und zum vollen Geben. Und er hat Zukunfts- glauben. Wir haben den literarischen Pastor erlebt, der in das Extrem des Zynismus verfiel, Zigaretten rauchte und daS Heilige bespuckte. Wir haben den Frömmler erlebt, der seinem dünnen Gefühlsleben große Worte anhängte, dah ihm die faden Maulaffen nachliefen und seinen Dilettaniismils für grohe Kunst erklärten. Wir lerne» in Frenssen den Pastoren kennen, der {ich vom Pastor freimacht, um erst recht Pastor zu sein. Uiid ich glaube, ich gehe nicht irre, wenn ich aus seinem Werk zu hören glaube, daß ihm selbst— der Pastor noch vor dem Dichter steht. Willentlich oder unbewußt, der Artung seiner Natur folgend. Und das ist's, worin die dichterische Enge zu finden ist, in der sie begründet ist. Man hat eine vorwiegend gedank- liche Freude an„Hilligenlei". Oder richtiger: man kommt häufig durch den Genuß des Gedanklichen— in das alle Liebe, alles Begcisterlsein, alle Energie des Verfassers einfließt und sich auslöst— erst zum Genuß des Gestaltlichen. Ich sage ab- fichtlich nicht des Dichterischen. Weil durch das Fließende in aller Kunst hier eine scharfe Trennung falsch und ungerecht wäre. Und hier darf man Vergleiche herholen— Goethe, Raabe, Keller. Absichtlich diese drei Namen. Ich will mit ihrer Nennung Beziehungen berühren, die den Dichter, den Inhalt, das Spezifische in uns als Produkt unserer Zeit, gewiflcr Strömungen, Wandlungen und Sehnsüchte enthalten sollen. Ich will damit Frenssen nicht ungerecht werden. Von vom- herein habe ich das Begrenzende des Maßstabes betont. Aber deutlich kann man mit ihnen machen, wie all das, was mit diesen drei Namen für den Dichter als Persönlichkeit, für den Inhalt seiner Schöpfung, für die spezifischen Werte dieses Inhalts als Lebensgehalt zu uns, den Aufnehmenden, ausgedrückt werden könnte, einen Ein- Wurf erleiden muß. Wie gestaltet sich das Grüne-Heinrich-Sehnen aus sich selbst! Wie wächst sich die krause Raabe-Originalität aus inneren Norwendigkeiten aus I Wie werden Goethes suchende Gedanken lebendige, findende Gestalten! Dainit ist, glaube ich, das Eigentliche berührt. Trotz aller vorbereitenden und hohen, anerkennenswerten Bemühungen zum Verwachsensein, es bleibt das Hineinlegen in die Gestalten von„Hilligenlci" durch den Dichter fühlbar. Bei Goethe spricht daS Inhaltliche im geistigen Sinne aus den Gestalten— bei Raabe gehört es trotz manchen Einstopfens ganz zu ihnen— bei Keller wird es im Fühlen mit ihnen eins; bei Frenssen spricht es durch sie. Das Mittelbare bleibt fühlbar. Nicht nur etwa in Kai Jans, der das Leben Jesu schreibt und selbst ein Jesuleben führt und ein Jesus ist— selbst auch bei Pc Ontjcs Lau und bei den Bojekindern, bei Jans Vater und bei Wedderkopp— und dann schlägt es manchmal ins Komische geradezu um und setzt mindestens eine wunderliche Weltfremdheit in die nüchterne Realität, wie zum Beispiel, wenn Vater Jans und Pe Ontjes die Dachpappenfabrik suchen gehen. Und dennoch— lvas das Ganze verklärt. daS ist der Glaube, der vom Herzen kommt, der Glaube, der herzlich geworden ist. Und ist die Natur. Ihre Liebe, ihr Genesen, ihr Glück. Die wie eine Wiederkehr, eine Wiedertaufe in den Menschen wirkt, zu einer schöneren Menschwerdung. Ein Schlüssel zum Schloß der Herzen— ein Tor, weit offen, für alles Schicksal. Aller Utopismus findet seine Be- rechtigung in ihr. In ihr ist Frenssen vollkommen und meisterhaft. Man sollte die Schreier fernhalten von Frenssen, die Wasch- weiber und Schnattergänse, die ihre Sensationen haben wollen, um sich bei ihren Unterhaltungen mit Literatur drapieren und ihre Oberflächlichkeit mit Interesse maskieren zu könne». Ich kenne den Pastor Frentzen nicht. Aber seinen Büchern nach ist er kein lauter Mann.� Und mir scheint, er will mehr als Lautheit. Er ist ein ehr- licher Sucher und Ringer— und wer das ist, fordert es auch von den andern. Wir wollen ihn ehren und hören, das ist mehr als Verhimmelung. Und nützt uns mehr und ihm. Die Wirkung des zweiten Sensationsbuches verstehe ich nicht. ES ist kein gutes Buch Es ist nicht einmal ein direkt schlechtes Buch. Es ist nur grausam oberflächlich. Ja, eL ist albern. ES ist mit Diplomatensauce serviert. Schmeckt die so sehr? Es hat Knall- bonbons, ins Sternenbanner eingewickelt. Ist das das große Entzücken? Ihr zieht daraus ein artig Bonmot, etwa:„ES ist nur ge- schehcn, daß aus dein Glück der Reif der AnschauungSart anderer gefallen ist, und davon kann sich dein Glück nie mehr erholen, daran muß es sterben." Du süße Geistreichigkeit— spielen die Leute Blindekuh mit so netten Backfischchen? Ach, laßt mir meine Ruh, waS geht mich der faule Zauber dieser preziösen exotischen Kulissenwelt an. Ich bin ein ganz und gar respektloser Mensch, wo ich spüre, daß man mir blauen Dunst vormacht. Denn ich habe den höchsten Respekt vor allein, in dem die innere Notwendigkeit de? schaffenden Ausglühens ist. Den Hab' ich bei Frenssen. Der Verfasserin der„Briefe, die ihn nicht erreichten", will ich gar nichts nehmen. Es Ivar immerhin Erklär» liches im Erfolg ihres ersten Buches. Aber das zweite Buch. daS mit diesem Erfolg spekuliert, daS ist wabr und wahrhaftig nichts. DaS ist nur Mache. Die Mache in der ersten Novelle hat auch noch dazu die unausstehliche Unart, beständig den Titel„Der Tag Anderer" im Laufe der Erzählung zu unterstreichen.„Hilligenlei" verdient die Sensation nicht, es ist zu gut dazu.„Der Tag Anderer" ist sie nicht wert, es ist nicht einmal schlecht genug dazu. Es ist nur Boudoir,„große Welt", Amerikanismus, B ü l dung. Und es ist gähnend gleichgültig. Ich kann nicht anders, ich muß daS so hart sagen. Denn eS ist wahr.— Wilhelm Holzamer. Kleince fcuUlcton» a. Mittelalterliche Ratswcisheit. Daß sich im Mittelalter Obrig» keit und Polizei auf das eifrigste um die den Arbeitern und Dienst» boten zu zahlenden Löhne kümmerten, wäre sehr zu begrüßen ge» Wesen, wenn dabei die Absicht vorgewaltet hätte, auch dem Arbeiter von Obrigkeit wegen einen angemessenen Lohn zukommen zu lassen. Dies war aber durchaus nicht die Absicht der vielen uns überkounncneil Lohntaxen. Im Gegenteil, die obrigkeitliche Staatsmaschineric wurde nur zu deni ausgesprochenen Zweck in Bewegung gesetzt, die den Arbeitern zu zahlenden Löhne auf dem denkba'- niedrigsten Standpunkte zu erhalte» und allen denjenigen mit schweren Strafen zu drohen, die sich etwa einfallen lassen sollten,.»ehr zu geben oder mehr zu verlangen, als die absolute Notwendig- keit zur Lebenserhaltung eS erforderte. Mcht alle Lohnlaxen tragen diesen ausgesprochenen Zweck so offen an der Stirn wie diejenigen, die der Rat der kreieir Stadt Dortmnnd in den Jahren 1(323 und 1686 erließ. Dieser machte aus seinem Herzen durchaus keine Mördergrube. So erklärte er 1623:„Ein wolachtbarer Rath dieser des Heil. Reiches Stadt Dortmund gebieten; demnach seither große Unordnung bei dem Arbeitslohn und dessen eigenwillige Steigerung vorlauffen. daß nun hinfürder biß auf fernere Ordnung die gemeinen Arbeiter und Taglöhner dieser Stadt vor nachgesetzten und bestimpten Taglohn bei Poen von 6 Mark Brächten, deren Halbscheid die lieber» treler, so mehr fürdern, die andere Halbscheid so mehr ausgeben, ohnfehlbar zu erlegen, arbeiten und dienen sollen." Damit aber niemand von den städtischen Arbeitssklaven fich etwa. eiirfallen lassen sollte, durch Flucht oder Auswanderung sich der stobt» rätlichen Bevormundung zu entziehen, bestimmte der Rat gleich- zeitig ferner:„Und im Falle einer oder der andere umb höheren oder mehreren Verdienstes willen an anderen Orten außer» halb dieser Stadt und Gebiete zu arbeiten sich be» geben würde, daß derselbe damit seine Bürgerschaft verwirkt, sein Weib und Kind ihm nachgeschickt sd. h. ausgewiesen lverden würde), er auch nicht wiederumb zugelassen sd. h. zum Bürger) werden solle". Nach den Lohnsätzen von 1628 und 1686 sollten erhalten „Maurer oder Zimmermeister mit Kost 1628 2 Stüber 6 Pfennige, 1686: 4 Stüber. Ohne Kost 1628: 8 Stüber, 1686: 9 Stüber. Maurer- oder Zimmerknechte mit Kost 1628: 2 Stüber 3 Pf.,>686: 3 Stüber 6 Pf., ohne Kost 1628: 7 Stüber 6 Pf., 1686: 3 Stüber. Gemeine Arbeitsleutc pro Tag mit Kost 1628: 2 Stüber 3 Pf., 1686: 3 Stüber 6 Pf. Ohne Kost 1628: 6 Stüber 6 Pf., 1636: 7 Stüber. Drescher, von einem Nachtwerk mit Kost 2 Stüber, wenn sie Nacht und Tag dreschen mit Kost 1628: 2 Stüber 6 Pf.. 1686: Z Stüber 6 Pf. Ohne Kost 1623: 7 Stüber 1686: 7 Stiiber, Drescherinnen, wenn sie Nacht und Tag arbeiteten, erhielten init Kost 1628: pro Tag 2 Stüber, ohne Kost 6 Stüber, ohne daß sich der Lohn bis 1686 irgendwie erhöhte. Dabei mußten sie morgens um 3 Uhr anfangen, dies war die ortsübliche Arbeitszeit, und dann bis Sonnenuntergang arbeiten. Wahrhaftig eine unmenschliche Ausbeutung. Und doch war diese den Arbeitgebern noch nicht lang genug, denn 1768 mußte der Rat den früheren Arbeitsbeginn als 3 Uhr niorgens verbieten. Bei dieser entsetzlichen Arbeitszeit erlaubte der Rat nur, daß ihnen als Kost des morgens eine Schüssel Kochspeise mit einer schnitte Brot oder für das Brot sechs Pfennige gegeben würde. Zu trinken durften fie täglich nicht mehr wie zwei Ouart, wohl Bier, verlangen. Als auch in dem kleinen ivestsälifchen Ackerstädtchen Dortmnnd, denn soweit war die stolze Reichsstadt herabgesunken, sich der Kaffee« und Teegenuß ausbreitete, hatte der Rat in seiner unerforschtichen Weisheit nichts Eiligeres zu tun, als diesen Genuß für alle Arbeiter aus das strengste zu verbieten. Er gab darüber im Jahre 1766 folgenden diktatorischen Erlaß:„Es wird uemlich ernstlich von nun an allen Handwerkern. Taglöhner», Dienstboten, Bauern und übrige» Personen geringen Standes der fernere Gebranch des Thec's oder Kaffee's bey 5 Rcichsthaler unnachlässiger Strafe gänzlich verboten. Und soll von dieser Strafe keiner dieser Lente. unter welchem Bor- wände es auch immer seyn möge, befreiet werden mit Ausnahme auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses, zweitens wird ferner allen Einwohnern dieser Stadt, wetz' Standes und Würden dieselben auch seyn mögen, bey 16 Gold- gülden Strafe untersaget, so wenig ihrem Dienswolke. als weniger denen zur Handarbeit bedungenen Tagelöhnern oder Weibern Thee oder Kaffee reichen und schenken zu lassen, diesen aber unter vor- berührten Strafen von 5 Reichsthalern anbefohlen, solchen nicht an- zunehmen, sondern vielmehr die coutraveniirenden Herrschaften, wobei sie dienen, dem Herrn Camerario anzuzeigen, da ihnen dann für diese Anzeige, wenn selbige gegründet befunden wird, sofort zwei Reichsthaler aus der Kämmereh gczahlet werden soll. Einer gleichen Belohnung soll drittens ein jeder andere Denunziant, welcher einen Contravenienten anzeigt, sich zu erfreuen haben, hingegen aber viertens derjenige, welcher solche Anzeige unterlasset, mit der nemlichen Strafe wie der Contravenient selbsten, beleget werden". Diese Ratsweisheit mit Denunziationszwang spricht für sich selbst! 1767 erlieh der Rat ein Verbot für An- und Verkauf von ge- branntem Kaffee. Ungebrannter sollte nur pfundweise verkauft werden. Jede Kaffeeschuld ivar ungültig, da-Z zum Trinken ver- wandte Kaffeegeschirr verfiel der Llonfiskation. Jede Uebertretung aber dieses unsinnigen Verbotes zog 10—50 Reichsthaler Strafe nach sich, ohne natürlich im geringsten den Siegeszug deS Tees auch in Dortmund aufzuhalten.— t. Asiatische Wunderpflanzen. Julius Caesar Scaliger, einer der �Gelehrten an der Wende des?Rittclalters, die sich durch eine fast unglaubliche Vielseitigkeit auszeichneten, hat neben philologischen, philosophischen, ästhetischen und medizinischen Schriften auch einige naturwissenschaftliche Bücher mit Anlehnung an die Vorbilder des Altertums geschrieben, vornehmlich über Pflanzen. In einer dieser Veröffentlichungen ist von einer sonderbaren Pflanze aus Asien in folgenden Worten die Rede:„Im Gebiete der Tataren säen die Be- wohner des Landes einen Samen, der dem Samen der Melone gleicht, abgesehen davon, daß er nicht so lang ist. Taraus entsteht eine Pflanze, die man Vorametz, d. h. Lamm, nennt, weil ihre Frucht ganz die Gestalt eines Lamms besitzt. Diese Pflanze wächst fast bis zur Höhe von drei Fuß. Die Frucht hat Füße, Nägel, Ohren, einen ganzen Kops mit Hörnern, genau wie sie bc> einem Lamm zu finden sind. Indes entstehen an der Stelle, wo die Hörner sein müßten, nur zwei Büschel Haare, die jene eben ziemlich gut vertreten. Sie ist bedeckt mit einer Art dünnem und zartem Leder, woraus die Tataren sich Mützen verfertigen. Das Fleisch der Frucht ist ebenso angenehm zu essen wie das Fleisch des Hummer. Wenn man in die Frucht hineinsticht, so dringt ein roter Saft her- vor, wie das Blut auS einer Wunde quillt. Tie Pflanze nährt sich von den um sie herum wachsenden Kräutern, gerade wie ein Schaf auf einer fetten Weide. Wenn die benachbarten Kräuter verzehrt sind, trocknet de: Boramctz aus und stirbt, und, was der Gipfel des Wunders ist, die Wölfe sind auf dieses Pflanzenlamm höchst ver- festen und suchen seiner habhaft zu werden und eS zu verschlingen, während andere fleischfressende Tiere es mit völliger Gleichgültigreit betrachten." Erasmus Darwin hat in einem Gedicht, das von der Liebe der Pflanzen handelt, das„Tatarische Lamm" besondeifs fchttmngvoll besungen:„Ter Kälte des Nordens trotzend, läßt der schthische Boramctz sein prächtiges Laub über den Schnee erglänzen; mit seinen gegabelten Füßen an die Erde geheftet, wendet er sein Haupt nach allen Seiten. Er schmilzt mit seiner Zunge das Eis um sich herum und weidet das grauliche MooS und den rauhen Thhmian ab. Das Pflanzenlamm scheint mit seinen Augen seine Mutter zu suchen und sie mit zartem Blöken zu rufen. Das dichte Vließ, mir dem es bekleidet ist, schützt es vor den Angriffen des Winters." Dies sonderbare Naturgebilde, bei dessen Schilderung wohl jeder sich an die Alraunwurzel erinnert, ist auch nur eine' solche merk- würdig gestaltete Wurzel und zwar die eines Farnkrautes, deffcn Blätter als höchst wohlschmeckend bezeichnet werden. In der Wissen- schaft hat die Pflanze den Namen Dic>e8onia Borametz erhalten. Der Wurzel stock wächst aus der Erde heraus und ist mit einer Art von goldfarbigem Flaum bedeckt. Die Einwohner Jnnerasiens pflegen der Pflanze den Hauptstiel und alle anderen bis auf vier abzu- schneiden, die man über dem Wurzclstock stehen läßt. So ent- steht eine Gestalt, die einige Achnlichkeit mit einem Lamm besitzt, indem die vier stehengebliebenen Stummel von Blattstielen die Beine andeuten. Wenn die Wurzel herausgenommen und umgekehrt aufgestellt wird, so ist das Lamm fertig. Wie der„Cosmos" berichtet, besitzt das Naturhistorischc Museum in Paris einen solchen Boramctz. Noch eine andere Pflanze ist oder war von den Asiaten sehr gesucht, aber der Sage nach wächst sie nur an Orten, die der iNensch nicht auffinden kann. Ter einzige, der sie kennt, ist der Specht. Aha» tx- siel daher auf folgendes geniale Mittel. Man suchte einen Baum, in dem ein Specht sein Nest hatte. Wenn der Vogel aufgeflogen war, verschloß man die Oeffnung mit einem Brett. Ter bei der Wieder- kehr enttäuschte Vogel dann nach Osten und kehrte gegen Abend mit einem Stück Vwtt wieder, das er zwischen das Brett und den Baumstamm steckte. Nach einer Viertelstunde löste sich dann da? Brett mit dem hineingeschlagenen Nagel von selbst, und die Auf- passer bemächtigten sich des kostbarer Blattes, mit dem man angeblich jedes Eisen durchschneiden kann. Vielleicht die merkwürdigste aller Pflanzen ist eine dritte, die über die Zauberkraft verfügt, Knochen derart aufzuweichen, daß, wenn man davon gegessen hat, man sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Ei» Rind, das von der Pflanze gegessen hat, kann nicht mehr gehen und seine Knochen sind derart erweicht, daß die Beine sich biegen wie eine Weidenrute. Das «inzige Mittel gegen diese furchtbare Wirkung ifi, daß man dem bc- treffenden Menschen oder Tier von den Knochen eines Tieres ein- gibt, das nach dem Genuß jenes Krauts gestorben ist. Anderenfalls ist jedes Wesen, das von der Pflanze gegessen hat, dem Tode ver- fallen, denn auch die Zähne erweichen sich derart, daß die Möglichkeit der Ernährung aufhört. An diesem Märchen ist am meisten die an- gebliche Heilung der zuletzt geschilderten Krankheit beachtenswert, weil sie etwas an die Scrunibchandlung erinnert, z. B. an die Impfung derer, die von Schlangen gebissen sind, mit dem betreffenden Schlangengift, der von tollen Hunden Gebissenen mit dem Gift der Hundswut usw.— hr. Ein merkwürdiger Fall von Tnmmcrzustaud. In letzter Zeit ist häufig von Fällen berichtet worden, daß Vermißte nach länge- rer oder kürzerer Zeit wieder aufgefunden wurden, bei tvelchen als Ursache ihrer Entfernung von Hause eine krankhafte Störung der Geistestätigkeir angenommen werden mutzte. In diesem Zustande verließen sie ihre Angehörigen, wanderten ziellos umher und kamen erst nach kürzerer oder längerer Zeit zur Besinnung ihrer Lage. Diese Form der Bewutztseintrübung findet man sehr häufig bei Epi- leptikern und Hysterischen, der krankhafte Wandertrieb ist dann als Ausdruck der krankhaft veränderten nervösen Konstitution anzusehen. Fahnenflucht bei Soldaten, namentlich wenn sie scheinbar ganz un- motiviert ist, gehört auch öfters in diese Kategorie. Oft ist das Ver- halten der kranken Wanderer ein derartiges, daß sie ihrer Umgebung nicht weiter auffallen, manchmal tverden sie aber als Geisteskranke erkannt und kommen mit den Gesetzen oft in ernstlichen Konflikt. lieber einen solchen Fall berichtet Dr. Märchen in der„Monatsschr. für Psychiatrie"; dieser Fall ist deswegen besonders interessant, weil er zeigt, daß solche Menschen in Wahrheit oft ein doppeltes Leben führen. Denn der Patient, ein junger Mann von 26 Jahren, war ein fleißiger, solider und nüchterner Mensch, so lange er gesund war. Wenn er aber von seinem krankhaften Wandertrieb befallen wurde, dann wurde er unsolide, verschwenderisch, ein Trinker. Die Anfälle traten mit dem 22. Lebensjahre auf und hinterließen keine Erinne- rung. Ter Kranke wurde nach zwei bis vierzehn Tagen in den Straßen einer fremden Stadt gefunden und erwachte dann wie aus einem langen Schlafe. Je länger die Krankheit bestand, desto größer wurden die Wanderungen. Zuletzt dauerten die Ansälle mehrere Monate, und während einer solcher Wanderung verübte der Kranke Diebereien und Betrügereien, die den Stempel der planmäßigen Uebcrlegung derart trugen, daß man den Kranken erst für eine» abgefeimten Ganncr hielt. Im Gefängnis erlitt er jedoch einen Tobsuchtsanfall, so daß bald nicht mehr zu bezweifeln war, daß man es nrit einem Geisteskranken zu tun hatte. Die Wichtigkeit derartiger Fälle für die gerichtsärztliche Beurteilung liegt aus der Hand.— Hnmoristischcs. —„Schlechte Ernte.„Neue Stücke halle ich diefeS�Jahr noch gar keine zu sehen bekommen. Zu den Premieren kriegt man nie Billette, und zweimal lvird das Zeug nicht aufgeführt."— — S i e kann keine Büxen s e h'n. In einem Ostscebade hat sich auch eine nichr mehr ganz junge Engländerin eingefunden, die bei einem alten Schifferehepaare Wohnung»imnit. Am anderen Morgen findet sie früh die WirtSfran beim Waschen. Vor dem Hanse blähen sich schon allerlei gereinigte Kleidungsstücke im Winde. ..Was hängt dort?" fragt die kurzsichtige Engländerin ans eine Wasch- leine deutend, an der mehrere Stücke hängen.„Da? sind die Büxen von meinem Mann."—„O schocking", kreischt die Tochter Albions ans, als ihr die Bedeutnng der fremden Worte klar wird.„Nehmen Sie das weg. Ich kaini keine Büx seh'n." Und wirklich, sie ruht nicht eher, als bis die flatternden Wäschestücke in den Garten hinters Haus verbannt sind. Am Nachmittage fragt ein Herr nach der prüden Miß.„Ja, die Miß wohin hier", entgegnete die Alte,„aber s o kommen Sic nicht zu ihr."—„Was heißt nicht s o?" forscht der Fremde.„So nicht", erklärt bestimmt die Alte, da müssen Sie e r st Ihre Büxen ausziehen. Das Fräulein kann k e i n c B ü x est seh' n".—(„Jugend".) Notizen. — linker den in den letzten Tagen in Warschau Verhafteten befindet sich auch Genosse Jeroszewski, der achtzehn Jahre als Verbannter in den rauhesten Gegenden Ost-Sibirie»ö gelebt. Er schreibt unter dem Namen K. B a g r y n o w s k i. Seinen Roman: „Die Flucht" haben wir im vergangenen Jahre veröffent- licht.— c. In Rom ist eil» bibliographisches Bureau ge- gründet worden. Es vermittelt msi Anfragen einen Bericht über das Vorhandensein bestimmter Manuskripte und Dokumente, unter Umständen auch Abschriften und Photographien. Direktor ist Enrico Cclaui.— — Das Kleine Theater hat Frank Wedekinds Schauspiel„Marquis v o u K e i t h" erivorben und lvird es im nächsten Monat zur Aufführung bringen.—- — Karl Hauptmanns tragisches VerSschauspiel„Die Austreibung" hat bei der Uranfführnng im Lobe-Thcater zu Breslau versagt.— — Die n ä ch st e A u s st e l l u n g des D e n t s ch e n K n n st l e r- b u n d e s wird 1906 in Weimar stattfinden.— veranlwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagialistaltPaulSiiigcr LcEo., Berlin SV/.