Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 229. Freitage den 24. November. 1905 (Nachdruck verboten.) 9] Die Duerta. Roman von V. B l a S c o I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal Die Bewohner der Huerta betrachteten mit hoher Ehr- furcht diese Richter, die aus ihrer Klasse hervorgegangen, und waren stolz auf ihren Gerichtshof. Das hieß man auch wirklich Recht sprechen! das Urteil wurde auf der Stelle gefällt, ohne alle Papiere, die ehrliche Leute nur in Verlegenheit bringen. Der Mangel an Stempelpavier und des Schreibers, der nur Furcht einflöhte, das gefiel den Bauern am meisten, die die Kunst des Schreibens, von der sie keine Ahnung hatten, ge- wissermaßen mit abergläubischer Angst betrachteten. Hier gab es weder Federn noch Schreiber, weder schreckenerregende Gendarmen, noch sorgenvolle Tage, in denen man auf das Urteil warten mußte: hier gabs nur Worte. Die Richter behielten die gemachten Aussagen im Gedächt- Nls und fällten dementsprechend ihr Urteil mit der Ruhe von Leuten, die genau wissen, daß ihre Beschlüsse ausgeführt werden müssen. Wer sich unverschämt gegen den Gerichtshof zeigte, dem legten sie eine Geldstrafe auf: wer sich weigerte, sich dem Spruche zu unterwerfen, dem entzogen sie das Wasser für immer, und dem Unglücklichen blieb nichts weiter jchrig, als Hungers zu sterben. Mit einem solchen Tribunal war nicht zu spaßen. Das war die Patriarchalische rind einfache Justiz des guten Märchenkönigs, der morgens aus dem Tore seines Palastes tritt, um auf die Klagen seines Volkes hin Recht zu sprechen: das war das Gerichtssystem des Kabylenhäuptlings, der am Eingang seines Zeltes seine Urteile fällt.„Ja, so bestraft man die Schurken, so verhilft man den ehrlichen Manne zum Siege und stellt Ruhe und Frieden wieder her!" Während das Publikum, das kein Wort verlieren wollte, — Männer, Frauen und Kinder— gegen die Barriere drängte und sich zeitweise mit den Schultern stieß, um nicht geradeswegS zu ersticken, erschienen die klagenden Parteien auf der anderen Seite der Schranke, vor dem Sofa, das ebenso ehrwürdig wie der Gerichtshof war. Der?llguazil nahm ihnen ihre Stöcke und Hirtenstäbe, die als Angriffswaffen galten, und infolgedessen mit dem dem Gerichtshof schuldigen Respekt unvereinbar waren; er stieß sie vor, bis sie, den kurzen Mantel über den Händen, wenige Schritte vor den Richtern standen. Wenn sie nicht gleich das Haupt ent- blößten, sc riß er ihnen das Tuch vom Kopf. Das war hart, aber mit solchen Burschen mußte man so verfahren. Die Sihung wurde beständig von sehr verwickelten Klagen ausgefüllt, die diese unwissenden Richter nüt Leich- tigkeit schlichteten. Die Kanalwächter, die die Bewässerungs- frage zu regeln hatten, erhoben ihre Beschuldigungen, und die Angeklagten brachten ihre Verteidigungsgründe vor. Der alte Vater ließ seine Söhne sprechen, die sich mit größerer Energie auszudrücken wußten: die Witwe erschien mit irgend einem Freunde des Verstorbenen, der als energischer Beschützer an ihrer Stelle das Wort führte. Jeden Augenblick kam die südliche Glut bei den Verhand- lungen zum Ausbruch. Mitten in der Anklage konnte der Angeschuldigte sich nicht mehr beherrschen:„Lüge! Was man da sagte, war falsch und boshaft. Man wollte ihn zugrunde richten." Doch die„Sieben Kanäle" nahmen diese Unter brechung init wütenden Blicken auf. Hier durfte niemand sprechen, bevor nicht die Reihe an ihn kam. Wenn der An geklagte noch einmal unterbrach, so würde er so und so viel Heller Strafe bezahlen. Und es gab eigensinnige Trotzköpfe, die eine Strafe nach der anderen bezahlten und sich von der Wut fortreißen ließen. Dann rückten die Richter, ohne aufzustehen, auf dem Sofa zusammen, so daß sie wie spielende Ziegen aussahen und tauschten einige leise Worte aus: darauf sprach der Aelteste mit feierlicher, gesetzter Stimme das Urteil aus, in welchem die Strafen nach Hellern angegeben waren, gerade als hätte das Geld seit Jahrhunderten keine Veränderung erlitten. Die Mittagsstunde war bereits vorüber, und schon waren die„Sieben Kanäle" etwas müde, denn schon lange hatten sie die Wohltat ihrer Justiz gespendet, als der Alguazil laut und vernehmlich Batiste Vornill aufrief, der wegen Ungehorsams und Verletzung der die Bewässerungsfrage regelnden Vor- schriften vorgeladen war. Batiste und Pimento schritten durch die Schranke, mid die Anwesenden drängten sich noch weiter vor. Man sah hier viele Bewohner des Bezirks, iir dein die früheren Aecker des Vaters Barret lagen, denn man inter- essierte sich sehr stark für diese Angelegenheit, in der der ver- haßte Eindringling auf die Anzeige Pimentos, des AtandadorS (Wasserverteiler), angeklagt war. Pimento, der sich auch mit Wahlen beschäftigte und in der ganzen Gegend den kühnen Mann spielte, hatte sich dieses Amt zu verschaffen gewußt, das ihm eine gewisse Autorität verlieh und seinen Nimbus bei seinen Nachbarn noch verstärkte: denn diese luden ihn an den Bewässeruiigstagcn aus bestimmtem Grunde gern zu sich ein. Batiste war infolge der Ungerechtigkeit der Anzeige so entrüstet, daß er zuerst blaß geworden war. Mit wütenden Blicken betrachtete er alle diese bekannten und spöttischen Ge- sichter, die sich gegen die Schranke drängten: er betrachtete seinen Feind Pimento, der sich stolz hin- und herwiegte, wie jemand, der gewöhnt ist, vor Gericht zu erscheinen und an der unbestreitbaren Autorität der Richter seinen Anteil hat. „Sprecht Ihr da!" sagte der„älteste Kanal", indem er einen Fuß vorstreckte. In Jahrhunderte alter Gewohnheit bediente sich der Prä- sident nicht der Hände, sondern zeigte auf den, der sprechen sollte, mit seinem Schuh. Pimento erhob seine Anklage. Dieser Mann, der da neben ihm stand, hatte sich, jeden- falls, weil er erst kurze Zeit in der Huerta war, eingebildet, die Verteilung des Wassers wäre etwas Unbedeutendes, und alles müßte nach seinem Willen gehen. Nun hatte er, Pimento, der Atandador, der Vertreter der Wasserjustiz in- ganzen Bezirk, Batiste die Stunde der Bewässerung seilies Getreides angegeben: nämlich für zwei Uhr morgens. Doch dieser Herr, der so früh nicht aufstehen wollte, hatte, als die Reihe an ihm war, die Zeit verstreichen lassen: und erst um fünf Uhr, als das Wasser schon anderen gehörte, hatte er die Ziehschiiize deS Kanals hochgezogen, ohne von jemand dazu Erlaubiiis zu haben— erstes Vergehen—, er hatte den Nachbarn das Wasser gestohlen— zweites Vergehen— und- sich mit Gewalt den Befehlen des Atandadors widersetzt,. was das dritte und letzte Vergehen bildete. Der dreifach Angeklagte, der über Pimentos Rede in die höchste Wut geraten war, und dessen Gesicht in allen Farben spielte, konnte sich nicht länger beherrschen. „Lüge und abermals Lüge!" Der Gerichtshof ärgerte sich über die Energie und die Respektlosigkeit, mit der der Aiigeklagte protestierte. Wenn er nicht schwieg, würde man ihm eine Geldstrafe auferlegen. Doch was waren die Geldstrafen gegen den Zorn dieses friedliebenden Menschen? Batiste protestierte weiter gegen die Ungerechtigkeit der Meuschen, gegen das Gericht, das Spitzbuben und Schurken, wie Pimento, zu Dienern hatte...., Doch nun geriet der Gerichtshof in Zorn und die„Sieben Kanäle" zeterten: „Vier Heller Strafe!" Plötzlich wurde sich Batiste über seine Lage klar: ganz entsetzt über die Geldstrafe schwieg er, während im Publikum das fröhliche Lachen und das Geheul seiner Feinde losbrach: und er blieb unbeweglich mit gebeugtem Haupte und Wut- tränen in den Augen stehen, bis Pimento seine Anklage sie- endet hatte. „Sprecht Ihr jetzt!" sagte der Präsident endlich zu ihm. Doch man sah wohl an den Blicken der Richter, daß sie wenig Sympathie für diesen Störenfried hatten, der die Feier- lichkeit der Sitzung mit seinen Protesten unterbrach. Batiste begann zitternd vor Zorn zu stammeln: weil er selbst seine Sache für sehr gerecht hielt, wußte er nicht, wie er seine Verteidigung einleiten sollte. Allan hatte ihn betrogen. Dieser Pimento war ein Lügner und außerdem sein er- klärter Feind. Der Atandador hatte ihm gesagt, er wäre um fünf Uhr morgens an der Reihe, er erinnerte sich dessen ganz genau, und jcht behauptete dieser Mensch, es wäre um zwei Uhr gewesen. Das alles tat er nur, um ihm zu einer Strafe zu verhelfen, und um das Getreide zu töten, von dem das Leben seiner Familie abhing. Galt dem Gerichtshof das Wort eines Ehrenmannes etwas? Nun denn, was er sagte, war die Wahrheit, wenn er auch keine Zeugen vorzuführen hotte, es war ja nicht möglich, daß die Herren Richter, die doch so gute Menschen waren, zu so einem Hallunken, wie Piinento, Vertrauen haben konnten. Ter Schuh des Präsidenten klopfte auf die Fliesen und beschwor so die Sturmflut von Protesten, die sich unter den Zuhörern erhob. „Schweigt!" Und Batiste sagte nichts mehr, während das siebcnköpfige Ungeheuer sich auf dem Damastsofa zusammendrängte und be- ratend tuschelte. „Das Gericht beschließt," sagte der„älteste Kanal". Es trat eine tiefe Stille ein. Alle diese Zuhörer, die sich gegen die Schranke drängten, zeigten in ihren Augen eine gewisse Angst, als hätte das Urteil sie persönlich betroffen. Sie hingen förmlich an den Lippen des Richters. Der Batiste Borrull wird zwei Lire für das Vergehen und vier Heller für die Ungebühr bezahlen. Ein Murmeln der Befriedigung durchlief die Anweserrden, und ein altes Weib klatschte sogar in die Hände und rief unter dem Lächeln des Publikums: „Bravo! Bravo!" Batiste verließ den Gerichtshof mit trüben Augen und ge� senktem Haupte, als wolle er sich auf jemand stürzen, und Pimcnto blieb klüglich zurück. Hätte die Menge sich nicht ge- öffnet, um ihn durchzulassen, er hätte sicherlich mit seinen Herkulesfäusten darauf losgeschlagen. Er entfernte sich und begab sich zu seinen Besitzern, um ihnen zu erzählen, was ihm zugestoßen war. Er sprach von der Bosheit dieser Menschen, die ihm mit eigensinniger Hart- uäckigkeit das Leben erschwerten und machte sich eine Stunde später, von den Worten der Herren ein wenig beruhigt, wieder nach seinem Hof auf den Weg. Welche unerträgliche Qual! Auf dem schmalen Wege nach Alboraya begegnete er böswilligen Nachbarn, Leuten, die er niemals grüßte: sie gingen neben ihren mit Mist be- ladenen Wagen oder saßen auf den leeren Sattelkörbeu ihrer Esel. Viele von ihnen hatten seiner Verurteilung beigewohnt. Als er an ihnen vorüberging, schwiegen sie und bemühten sich, ihren Emst zu bewahren, obwohl eine fröhliche Bosheit aus ihren Augen leuchtete: doch sobald er einen Vorsprung ge- Wonnen, ertönte unverschämtes Lachen hinter ihm drein, und er hörte sogar die Stimme eines jungen Burschen, der, den feierlichen Ton des Präsidenten nachahmend, ausrief: „Vier Heller Ungebühr!" Er bemerkte aus der Ferne vor der Tür von Copas Schenke seinen Ankläger Pimento, der, den Krug in der Hand, im Mittelpunkte einer Gruppe von Kameraden gestikulierte. als wolle er die Proteste und Klagen des Mannes, den er an- gezeigt hatte, nachmache». Alle lachten, diese Verurteilung war für die Huerta ein Gegenstand allgemeiner Freude. Er begriff jetzt, warum es Menschen geben kann, die töten. Ein Zittern bewegte die Muskeln seiner kräftigen Arme, und er fühlte in seinen Händen ein schreckliches Zucken. (Fortsetzung folgt.) kleines Feuilleton. tg. Der Hausspion. Das kleine spitze Fräulein Schwarz hielt die Nachbarin am Aermel fest:„O, liebe Frau Beier, ob ich eS gehört Habel Ganz deutlich, so deutlich wie Ihre Worte, die Sie jetzt zu mir sprechen. Sehen Sic, meine Tür hier geht doch direkt aus den Hausflur. Von meinem Korridor aus verstehe ich jedes Wort, das draußen gesprochen wird. Und wenn ich mein Ohr ans Schlüsselloch lege, könnte keine Katze draußen vorbei, ohne daß ich sie hörte. Nein, liebe Frau Beier, glauben Sie nur nicht, daß ich Mich täusche." Die große, stämmige Frau Beier blickte lächelnd in das erregte Gesicht des spitzen Fräuleins und sagte bedächtig:„Nee, nee. Sie find ja dafür bekannt, Fräulein Schwarz, dct Sie die Flöhe husten hören. Und von Ihre Augen sagen de Leute, det se durch de Wände kieken können. Wissen Sie, worüber ick mir bloß wundere: det Sie um zwölfen in de Nacht noch an't Schlüsselloch liegen statt in de Posen." „Liebe Frau Beierl Ich sehe die Dinge eben vorher kommen! Gestern mittag hörte ich jemand die Treppe hcruntcrrauschen. Aha, ■ denk ich, die kleine Walterl Richtigl Wie ich durch die Türritze , sehe, ist sie's. Da ist etwas am Werk-— sagte ich mir gleich—: | dies erwartungsvolle Gesicht; aufgedonnert, Lackschuhe, Rosahut, � Glaces— ahal Mich täuscht man nicht. Frau Beierl Ich mach also die Tür ganz auf und trete der Kleinen so ganz zufällig in den Weg. sage ganz unschuldig:„Na. Fräulein Hedwig, kleinen Spaziergang machen?"„Ach nein," antwortet sie, steht auf ihre > Lackspitzen und wird ganz rot:„Ich gehe zum Geburtstag einer � Freundin." Na, denk ich, mach Tu andere Leute dumml Eine Freundin mit einem Schnurrbart, ja! Und richtig—" ,„Sie hatten alles schon vorher janz jenau jewußtl" fiel Frau Beier ein und nickte recht niederträchtig. „Ob ich es hatte! Ich warte den ganzen Nachmittag, ich warte den ganzen Abend hinter meinem Fenster, hinter der Gardine— da kann mich kein Mensch von draußen sehen!— Ich warte also und ! warte, die kleine Walter kommt nicht I Zünde extra kein Licht an, und bin bloß im Trab einmal nach der Küche, um mir ein Butter- brot zu holen, im Trab, damit mir das Vögelchen nicht durch das Netz geht und warte weiter. Nicht mal richtig Abendbrot konnte ich essen um das dumme Dingl Gehört das nicht um acht Uhr nach Hause? Nein, es wird neun, es wird zehn— Sie können sich meine : Entrüstung denken; ich bibberte vor Frost schon am ganzen Leibe l — Es wird elf, es wird halb zwölf— na, denke ich, das ist ja ' eine saubere Pflanze! Ich Hab ihr noch ganz andere Namen bei- gelegt! Man meint doch, man wohnt in einem anständigen Hausl Also, wo war ich gleich? Richtig, ich bibberte und kriegte schon ganz blaue Finger, da, drei Minuten nach dreiviertel zwölf seh ich sie ankommen. Arm in Arm— mit ihrer„Freundin" natürlich l Aber einen schönen Schnurrbart hatte die Freundin, wie ich voraus- gesehen! Zärtlich untergefaßtl Aha. denk ich! Jetzt bist du wirk» lich neugierig, wie sich die Sache weiter abspinnen wird! Es dauert eine Weile, dann dreht sich der Schlüssel im Schloß. Ich steh natürlich schon auf Strümpfen an der Flurtür. Warte und warte. Mindestens fünf Minuten. Endlich geht die Tür. Und in demselben Augenblick schmatzt es— ganz laut und deutlich! Sol" Fräulein Schwarz schnalzte mit der Zunge. „Ja," sagte Frau Beier,„wenn S i e wüßten, wie das gemacht wird. Aber an Ihnen hat sich wohl nie einer vergriffen." „Nein, liebe Frau Beierl Ich bin Gott sei Dank so erzogen, daß ich mich nicht in einem dunklen Hausflur küssen lasse." „Meinen Sie, daß das einer am hellen Tage tut oder bei der Lampe?" „Wenn ich gewollt hätte, liebe Frau Beier— I Aber ich bin in Ehren unverheiratet geblieben und niemand kann mir etwas nachsagen. Niemandl" Fräulein Schwarz betupfte sich mit dem weißen Taschentuch erregt das Gesicht.„Wenn ich daran denke. werde ich schon rotl Wissen Sie, ich habe bloß darauf gewartet, daß der junge Mann mit hereinkommen würde und daß sie sich dann vor meiner Türe geküßt hätten. Eine Lampe hätte ich heim- lich geholt und wäre plötzlich dazwischen geplatzt." „Ja, das war ja nu nichts. Um das Vergnügen find Sie gekommen. Schade!" „Eins, zwei, drei war die Kleine die Treppe hinauf— pstl" Fräulein Schwarz unterbrach sich und horchte:„Da kommt Frau Walter. Ich kenne sie am Schritt. Glaube» Sie, daß ich jeden hier im Hause am Schritt kenne?-- Guten Morgen, liebe Frau Walter. Nun, Einkäufe besorgt? Es ist recht kalt geworden, nicht wahr?" „Ja." Frau Walter blieb stehen.„Ich Hab eben für mich und meine Hete Filzschuhe gekauft. Bei dieser Jahreszeit—" „Kriegt man leicht kalte Füße, das ich wahr. Namentlich wenn so ein junges Mädchen im Hausflur steht." Frau Beier stieß Fräulein Schwarz in die Rippen. Tie ließ sich nicht stören:„Nun kann man wohl zur Verlobung gratulieren?" „Verlobung?" Frau Walter fiel aus den Wolken. „Ach was!" Frau Beier faßte sie unter den Arm.«kommen Sie doch. Fräulein Schwarz hat schon wieder mal die Mäuse niesen hören." Die kleinen Augen des Fräuleins funkelten in dem gelben Gesicht:„Wenn die Mütter schlafen, muß ein anderer wachen I Hüten Sie Ihre Tochter. Frau Walterl Ein Mann hat sie heute nacht in der Haustür geküßt!". „WaS?" Frau Walter erstarrte.„Meine Hete— ein Mann? Fräulein Schwarz, nehmen Sie sich in acht! Meine Tochter war zum Geburtstag einer Freundin gestern." „Ich weiß es nicht." erwiderte das Fräulein.„Deshalb ist sie jedenfalls auch so vergnügt heute. Den ganzen Morgen schon singt mir das über dem Kopfe herum." Frau Walter war bereits eine halbe Treppe hinauf, gleich darauf die ganze. Sie hörten eine Tür klappen. Dann einen heftigen Wortwechsel mit der Tochter. „Kommen Sw," flüsterte Fräulein Schwarz und schlich wie eine Katze die Treppe hinauf.„Ich bin neugierig, wie die Sache sich weiter abspinnen wird." Sie waren kaum oben, da klatschte es. Hete schrie. „Wie brutal die Frau ist!" flüsterte Fräulein Schwarz und zog sich ängsilich ein wenig von der Tür zurück. „Sie seien man ganz still!" schrie Frau Beier und zog die Glocke. Frau Walter öffnete, erregt, mit rotem Gesicht. „Lassen Sie sich doch nicht von der ollen Klatschbase in Wut bringen," mahnte Frau Beier.„Das Stück geht ja blok darauf auS!" „Ich?" Fräulein Schwarz erblaßte empört.„Ich? Was Hab ich denn groß getan? Was Hab ich denn gesagt? Gar nichts Hab ich gesagt I" Frau Beier bebte vor Entrüstung. Sie stemmte einen Arm in die Seite und schwang drohend eine lräftige Hand:„Ick kann Ihnen bloß raten: kommen Sie nich noch mal vor meine Tür, verstehen Siel Da haben Sie neulich auch jestandenl Sonst hau ich Ihnen eine'runter, daß Ihre elende Spioniervisage acht Wochen wie'n jekochter Krebs aussieht l" Fräulein Schwarz stand eine halbe Treppe tiefer und jammerte: „Das hat man nun davon. Alles hackt auf mir armem, altem Mädchen herum. Immer soll ich schuld sein. Und ich will doch nur das beste der Leute I" Dann war sie plötzlich verschwunden, ohne daß man sie gehen hörte. Lautlos öffnete und schloß sich ihre Tür.— — Woher kommt die Bezeichnung„Tituskopf?" Diese Frage beantwortet eine Mitteilung K. Naumanns im letzten Heft der „Zeitschrift für Deutsche Wortforschung" wie folgt: „Der berühmte französische Schauspieler Talma, geboren den IS. Januar 1766, legte, wie er in seinen„Memoiren" beridjtet, großen Wert darauf, seine historischen Rollen in möglichst treuen, der Zeit des dargestellten Stückes entsprechenden Kostümen zu spielen. Talma rühmt sich sogar, daß man den Geschmack in der Kostü- mierung, die Wahrheit in der äußeren Erscheinung einer antiken Person ihm allein verdanke. So war er der erste, der als„wahrer Römer" auftrat,„in, wollener Kleidung, im echten antiken Cothurn init nackten Armen und Beinen". Als er auf die Bühne trat, brachte er, so erzählt Talma, eine ungeheure Wirkung hervor. Madame Vestris, die sich gerade auf der Bühne befand, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.„Aber", sagte sie mitten in der Rolle,„Sie hoben ja nackte Arme, Talma". „Ganz so wie die alten Römer." „Aber Sie haben ja auch keine Hosen an." „Tie Römer trugen auch keine." „Sic Schwein!" rief sie aus. Madame Vestris konnte vor Zorn nichts weiter sagen und ging wütend ab, ohne begreifen zu können, wie Talma bei vollen, Ver- stände eine solche Ungebührlichkeit begehen konnte. Bei seinen Kostümstudien unterstützte Talma Bouchcr, über den sich Talma folgendermaßen, ausläßt:„Uebrigens hatten wir in der rue Uicbelieu ein Individuum, Ivelches als Kostümezeichner ganz vorzüglich war: einen unserer Kameraden, namens Boucher, der als Maler nicht ohne Talent war, und mit dem ich ganze Tage in der Bibliothek zubrachte." Im Mai 1791 wurde in der Comedic-Franeaise der„Brutus" von Voltaire neu einstudiert. Talma stellte den Titus dar. Er ließ sich die Haare nach dem Modell einer antiken Büste schneiden. Diese Neuerung brachte, wie Talma erzählt, eine so große Wirkung her- vor, daß acht Tage danach alle jungen Leute das Haar kurz geschoren hatlen und daß sich die Coiffure a la Titus von jenem Theaterabend herschrcibt.— hl. Hochzeitsgebräuchc in Finnland. Eine merkwürdige Mischung von alten heidnischen �Gebräuchen und religiösen Zere- monien gibt sich noch in den Sitten mancher Gegenden Finnlands kund. So sind die Hochgeitsfeierlichkeiten, wie sie in den nahe an der Grenze Rußlands gelegenen finnischen Gebieten beganger. werden, volksknndlich von hohem Interesse, da hier gew'fs? primitive Formen der Ehe noch deutlich erkennbar sind. Das Fest einer Hoch- zeit ist in Finnland einem Begräbnis viel ähnlicher als einer Freudenfeier, und die„glückliche Braut" ist in Schmerz und Tränen aufgelöst. Vielleicht fühlen sich aber die finnischen Bräute gar nicht so furchtbar unglücklich, als sie es erscheinen müssen; aber es wäre ein arger Verstoß gegen jede gute Sitte, wenn sie nicht eine tiefe Melancholie zur Schau tragen würden. Die Großmutter der Braut, die Mutter, die Schwestern und die Freundinnen, alle weinen sie bitterlich, und dem armen jungen Mädchen bleibt nichts übrig, als in den Heulchorus einzustimmen. Man darf wohl annehmen, daß diese Traurigkeit aus den Zeiten der Raubehe noch übrig geblieben ist, wo der plötzliche Ucberfall das gewaltsame Herausreißen des Mädchens Jammer und Klagc vorrief. Auch heute noch find die Formen der Kaufehe in Fiu. j durchaus festgehalten. Der Be- Werber verhandelt nicht mit dem Mädchen, sondern mit dem Vater durch einen berufsmäßigen Advokaten, der sich über Mitgift und Anlage des Vermögens des jungen Mädchens erkundigt. Ist der Abgesandte über die materiellen Fragen unterrichtet und durch die Auskunft befriedigt, so läßt er mit diplomatischer Gleichgültigkeit die Frage einfließen, ob man die Tochter zu verheiraten wünsche, und auf eine bejahende Antwort hin kehrt er mit den Eltern des jungen ManneS zurück, worauf eine gemeinsame Vereinbarung ge- troffen und ein feierlicher Vertrag geschlossen wird. Einige Tage vor der anberaumten Hochzeit beginnen die Trauerzeremonien, durch die die Finnländerin in das Glück der Ehe eingeht. Unter schlver- mutigen Gesängen und melancholischen Reden verfließen die Tage, bis der Tag vor der Hochzeit, der„Tag der Tränen" herein- bricht. An diesem findet die Zeremonie des Bades statt. Schon früh am Morgen nimmt die Braut, von ihren Freundinnen um- geben, auf einer Bank vor den, Hause Platz, während die berufs- mäßigen Klageweiber höchst wehleidige Gesänge anstimme». Dann erhebt sie sich und bittet mit genau vorgeschriebenen Worten und tränenerstickter Stimme ihren Bruder. Holz zum Heizen des BadcS zu holen, dann die. Schwester, das Bad zu bereiten, und die liebste ihrer Freundinnen, das Wasser aus dem Brunnen zu holen.„Laßt mich noch einmal baden, damit ich von meinem so weihen Körper jede Spur des Unreinen und aus meinem Herzen den quälenden Kummer entferne," das ist der Inhalt eines eintönigen Gesanges, der während der Vorbereitungen zum Bade erklingt; er wird wie alle diese Hymnen mündlich unter den Finnen überliefert, und es gibt eine ganze Reihe poetisch sehr reizvoller Hochzeitsklagen. Tie Braut kehrt mit ihren Gefährtinnen aus dem Bade zurück; sie stützt sich auf die Führerin der Klageweiber. Am Eingang des Hauses tritt ihr ihr Bruder, der bei dieser Zeremonie eine große Rolle spielt entgegen; er trägt in der Hand ein merkwürdig geformtes Gefäß, das mit geweihtem Wasser gefüllt ist,»nd reicht es der Schwester, daß sie sich damit bekreuzige, um böse Geister und Krankheiten da. mit zu vertreiben. So mischen sich heidnische und christliche Vor- stellungen durcheinander. Dann erscheint die Mutter, ganz in Tränen aufgelöst, und führt die Tochter mit ihren Begleiterinnen in das Innere des Hauses. Alle wenden hier ihr Antlitz nach Osten, werfen sich vor den Heiligenbildern nieder und berühren mit der Stirn den Fußboden. Sie rufen den Segen des Himmels auf die Braut herab, während die Männer der Fainilie in feierlichem Ernst dabeistehen. Dann nehmen sie enTseHr bescheidenes Mahl ein, und zwar nur die Verwandten und Freundinnen der Braut; der Bräutigam ist am „Tränentag" nicht sichtbar, da dieser Tag dem traurigen Abschied der Braut von der glücklichen Zeit ihrer Unschuld allein geweiht ist. Auch in diesem Beklagen des traurigen Loses der Ehegattin und in dem Preisen der Jungfräulichkeit könneit wir Aiillänge an orientalische Sitten finden, nach denen die Frau nur die Sklavin des Mannes ist und für ihn arbeiten mutz. Nach dem Mchl macht die Braut mit den jungen Mädchen und den Träncnfrauen Abschieds- einem melancholischen Gesang begrüßt, der das traurige Ereignis einem melancholischen Gesand begrüßt, der das traurige Ereignis anlündet. Rührende Szenen des Abschiedes mit Küssen, Tränen und Umarmungen lösen einander ab; die Braut erhält kleine Ge- schenke und enipfiehlt sich wieder unter neuen Gesängen und Kom» plimenten. Bewundernswert ist die unerschöpfliche Tränenfülle und die nie ermüdende Zungenfertigkeit, die den finnischen Frauen dabei zu Gebote steht. Dazwischen wird bei allen diesen Besuchen vcm> der vorgesetzten Aufwartung eifrig gegessen. Unterdessen hat die Mutter der Braut ebenfalls mit Korben, Backen und Braten ihre Vorbe- reitungen für das festliche Mahl getroffen, das den„Tag der Tränen" beschließen soll. Man setzt sich zu Tisch, und wieder arbeiten die Tränendrüsen, wieder sind alle Augen mit Wasser gefüllt. Das guta Essen scheint die Rührung noch zu steigern; sie lvenien alle, weinen, weinen. Alle jungen Mädchen tragen ein breites Band um die Stirn geschlungen, das hinten am Kopf geknüpft ist und in zwei langen Schleifen auf den Rücken flattert. Dieses Band hält das gestickte, sehr kostbare Taschentuch fest, das als Kopfschmuck über die Haare gelegt ist. Der Braut wird zum Synibol.hm Jrauenschaft das Band von der Stirn genommen, dann wird ihr die aus Zöpfen geflochtene Frisur der Mädchenjahre aufgelöst, denn die finnische Ehefcau trägt eine andere Haartracht als das Mädchen. Dazu er- klingt wieder ein besonderer Gesang. Am Morgen des HochzeitS- tages uaht der Zug des Beloerbers mit seinem Slnhang. Von den Klagefrauen geleitet, erscheint die Braut aus dem Hofe, und zum Zeichen ihrer Unterwerfung untc.. ihren künftigen Herrn>nuß fis sich auf die Knie beugen und die Stirn tief gegen die Erde drücken'. Tann folgt die Austreibung der bösen Geister durch den Zauberer oder„Patvaska". Er nimmt das gestickte Taschentuch der Braut und beschreibt drei geheimnisvolle Kreise um das junge Paar, indem er dazu alte Zaubersprüche murinelt. Man glaubt sich bei solchen Zeremonien in die Zeiten des Mittelalters zurückversetzt, bemerkt „Le Tour du Monde" zu dieser Schilderung.— Theater. — Die„Neue Freie Volksbühne" führte am Mittwoch im Neuen Theater„Die Asche nbachS" von A r in i n Gimmerthal auf.— Es sind die alten und die jungen Aschen, bachS, aber es ist nicht die alte und die junge Welt, die sich an ein- ander reiben. So weit greift das Stück nicht aus. Es macht bei den Charakteren Halt. Ter alte Aschenbach ist ein Geizkragen, der Besitz und Kommandv im Hause nicht an die Jungen abtreten will. Er gehört eben aufs Altenteil. Da löimte er Herumbossel». Sein Sohn ist fleißig und kann arbeiten. Und er möchte nun die Rosals Rohrbach ins Haus bringen und sich zur Frau nehmen. Mit ihr könnte er tüchtig wirtschaften, denn die ist wie er, fleißig, flink unk» fröhlich. Die Alten solltens dann gut haben. Aber die Rosals brächte nur ihre junge Kraft, Vermögen hat sie leines. Drum mag sie der Alto nicht. Er will keine, die ihm sein bißchen Sach nehmen und ihn beiseite schieben könnt. Anders nun aber, wie eine Erb« schaft in Aussicht ist. Da beeilt der Schlauberger die Hochzeit. Aber der vertrocknete Knichcler hat sich verrechnet. Der Rosale ist nichts vermacht worden von der Muhme. Und Wenns erst gut ge, Wesen war zwischen den Alten und Jungen, erst, �solange ine Sachs nicht sicher lvar, bald wird alles schlecht. Das nörgelnde Regiment und die stichelnde und stachelnde Bosheit des Alten werden nncrtrag« sich. Er ist der Fluch im Hause. Er nimmt crstmal den Junger, alse Arbeit weg, daß sie beschämt und verschrien im Torf als Faulenzer dastehen, die alles den Eltern aujbürden und sich selb' «Itt gut Leben maHen. Er hat ihnen das Recht auf Arbeit ge- r.ommen, um das Recht auf eigenen Erwerb nicht zugestehen zu Müssen. Und da ist die Rosale. Ein Mensch,.der sich nicht ducken kann. Ein Mensch, der freien, breiten Raum braucht. Ein Mensch, der seinen geraden und gesunden Egoismus nicht dran gibt, geh'S wie's will. Und es geht abwärts. Der Alte ist die Treppe herunter- gestürzt, die er selbst.ausgebessert hat und hat sich zum Krüppel gc- fallen. Nun gehört alle Arbeit den Jungen. Sie schaffen wie die Feinde. Besonders die Rosale. Aber es ist kein Segen in ihrer Arbeit. Alles was sie bauen und aufrichten wollen, das steht auf hohlem Grund. Der Bater unterwühlt's. Er schädigt sie auf jede Art, denn einmal kann es seine Habsucht nicht verwürgen, dag er nicht mehr der Kommandierende im Hause sein soll, und dann hastt er die Rosale. Er sät Unkraut in ihren Weizen, bis es die gute und schöne Saat erstickt. Er hetzt dem Sohne die Gläubiger ans den Hals, er bringt ihn in Verruf als Schuldeumacher, er liefert ihn der Verachtung der Leute aus, indem er sich als Bettler auf die Straße stellt. Dadurch verscherzt er seinem Sohne die Gunst des Rittmeisters, der Hülfe bringen wollte. Die inneren Verhält- nisse hat er längst zerrüttet. Selbst die Liebe zwischen den jungen Leuten hat er zerrieben, daß sie leer zu einander stehen, leer mit der Enttäuschung und dem Sehnen, leer in Vorwurf und Reue—: sei's doch wieder, wie es war. Bei Rosale schluchzt das aus so wehem ge- »nartertcm Herzen auf, um so härter und bitterer, als sie wehende Fahnen einst ins Leben getragen und alles gut und schön und glück- lich gewollt hatte. Selbst zur Mutter ist sie nun hart geworden. Sie ist hier nur ein gehetztes verachtetes Schaffvieh. Noch nicht ge- hrochen, aber fremd. Ihr Mann schenkt ihr kein Vertrauen mehr. Er frißt alles still in sich hinein, und sie ahnt'S und weiß es, daß er da einmal dran ersticken müsse. Aber sie achtet ihn auch nicht mehr voll, und deshalb liebt sie ihn nicht mehr. Wenn sie ihn an- sieht, so weiß sie: man muß jemand kennen, wenn man ihn lieben soll. Sie hat ihn früher nicht gekannt, sie kennt ihn jetzt. Wenn sie die Verhältnisse ansieht, so weiß sie: ich hatte zu viel Platz nötig für mich, da paßte ich nicht in dieses HauS. In dieses Hau? l)ätte jemand gepaßt, der dünn gewesen loäre und nichts für sich beansprucht hätte. Der unbemerkt sich in den Kreis eingefügt hätte, wie daS Winchen etwa, ans das sie einmal eifersüchtig gewesen war. Und nun, wie die Katastrophe hereingebrochen ist, wie Heinrich seinen Bater erschlagen, da fühlt sie selbst ihr Teil Schuld. Sie stürzt ihrem Manne nach zu den Gendarmen. Und wie in RoscggerS «Am Tage des Gerichts", so fühlen ihre Schuld auch die anderen. Hedwig Mangel hat die Rosale dargestellt. Sie hat ans der Rolle eine lebendige Gestalt gemacht, von einer Einheit und Rundung, von einer solchen Starktönigkeit und einem so ergreifenden Gefühl in allen Mädchcli- und Frauentöuen, daß sie, selbst in einer Abgcruudetheit der Gesamtdarstellung, Ivie diese war, alles und alle überragte. In ihrer Leistung war der Glanz der Echtheit, in der das Künstliche Kunst und die Kunst Leben wird. Paul Wegener aus Hamburg spielte den Typus des alten kratzigen Aschenbach mit allen schauspielerischen Finessen und viel, allzuviel, bewußt markierendem Detail. Emilie Kurz war eine Vortreff- liche alte Frau Aschenbach, während Albert Stein rück sich vergebens bemühte, seiner Rolle zu geben, Iva? ihr vom Verfasser des Stückes versagt worden. Seine Darstellung übte nicht die volle IleberzeugungSkraft aus. Das ist aber so leicht bei Stücken der Fall, die einen starr illustrativen Charakter in ihrer Anlage haben. Man muß ihren Worten mehr glauben als ihrem Handeln. In Heinrich ist das Werden versäumt. Nur in Rosale liegt es. Und darum liegt die Möglichkeit in dieser Rolle, entwickelnd und wachsend darzustellen. Sonst ist alles Gewordensein in dem Stück. DaS tvird den Schauspielern immer gefährlich. Es kann nur da ganz über- wunden werden, wo einem Dichter die Sprache Gewalt gibt, oder wo eine knapp« Komposition auf eine scharfe Bointierung zusammen- zieht. Der Verfasser beeilte sich, seinen Erfolg zu quittieren. Nach dem zweiten Akte erschien er regelmäßig mit den Darsteller». Wenn das in Berlin so Brauch ist, so ist's lein schöner Brauch, muß ich sagen.— Hz. Medizinisches. en. DieEntstehnngund Behandluirg der Bleich- sucht. Die Bleichsucht oder Blutarmut gehört zu den Leiden, denen auch die moderne Heilkunde noch nicht so recht hat bcikomnren können. Dr. Wallian hält in einer Zuschrift an den..Lancct" da? Wort Bleichsucht(.Anämie) in seinem allgemeinen Gebrauch über- Haupt für irreführend. Er ist der Ansicht, daß der Zustand, der den Arzt zu beschäftigen hat und in seiner Behandlung die schärfste Weachtung fordert, richtiger durch den Namen Dysämie bezeichnet werden würde. Danach ist nicht chic Blutarmut, sondern die schlechte Weschaffenheit des Blutes zu betonen. Bei allen Zuständen der Bleichsucht erstreckt sich der Verlust in der Zusammensetzung des Blutes hauptsächlich auf die Eiweißkörper und den roten Blut- farbstosf. Auf ihren Ersatz in reichlicher Menge und in leicht- verdaulicher Form muß also i» erster Linie Rücksicht genommen werden. In der früheren Annahme, daß man dem Bleichsüchtigen ohne linterschied Eisen zuführen müsse, weil ein Eisensalz der wesentliche Bestandteil des roten Blutfarbstoffes ist, kann nicht länger aufrecht erhalten werden. Immerhin bleibt die Tatsache bestehen, baß das Eisen etwa ein Halb vom Hundert des roten Blutfarbstoffes in gesundem Zustande bildet. Die Bekämpfung der Bleichsucht muß darauf gerichtet sein, die ständige Eiweißerschöpfung des BlüteS durch den in seinen Geweben unaufhaltsam bor sich gehenden Stoff- Wechsel zu vermeiden oder wieder auszugleichen, weil sonst der menschliche Organismus einem allmählichen Verfall entgegengeht. Von den getrockneten Bestandteilen der roter Blutkörperchen sind acht vom Hundert Eiweißstoffe und neunzig vom Hundert roter Blutsarbstoff. Eisensalze werden meist von Nutzen sein, aber sie können in der gewöhnlichen anorganischen Form nur zu geringem Teil vom Körper aufgenommen und ausgenutzt werden. Besser wirken sie, wenn sie in Verbindung mit Eiweißstofsen dargereicht werden. Sorgfältige chemische Untersuchungen haben gezeigt, daß die wichtigste Quelle eisenhaltiger Verbindungen in Pflanzenstoffen zu finden sind, namentlich in Hülsenfrüchten, Linsen, Spinat usw. Der Physiologe und der Chemiker haben die Ausgabe, auszuforschen, wie dem Bleichsüchtigen diese Stoffe am leichtesten zugeführt werden können, jedenfalls ist neben guter geeigneter Nahrung mich ein reich- lichcr Genuß frischer Luft für die Behandlung der Bleichsucht er- forderlich.— Llns de;» Tierleben. — Von der Zu traulich feit eines Schmetterlings berichtet Dr. Rodier in Ruelle(Charente). Es lebt in Französisch- Guyana und Ivahrscheinlich auch in anderen Gegenden des tropischen Amerikas ein Scbmetterling, der durch die Gegenwart des Menschen herbeigelockt wird. Es ist ein herrlicher Tagfalter von mehr als Durchschnittsgröße, der, wie es sein glänzendes blaues Gewand ver- rät, zur Gruppe Morpüo gehört. Er bewohnt den Urwald. Wenn man eine Zeitlang in jenen einsamen Gebieten dahinwmidelt, kommt es nicht selten vor, daß er plötzlich aus der Tiefe des Waldes auf- taucht und dem Wanderer zur Seite erscheint. Sein Flug ist ge- räuschlos, stoßweise, und in demselben Maße, wie man auf dem kaum erkennbaren Pfade vorwärtszieht, hält er sich, ohne einen je au? dem Auge zu verlieren, auf gleicher Höhe. Sorgsam bleibt er in sicherer Entfernung, die er stets zu bewahren weiß; niemals setzt er sich nieder. Nachdem er einen eine Weile begleitet hat, fliegt er davon und verschtvindet in gleich geheimnisvoller Weise, wie er auf- tauchte, um oft nach kurzer Zwischenzeit wieder von einem seiner Artgenossen ersetzt zu werden, der dann dasselbe Spiel beginnt. In der Tat darf man sagen, daß dieser Schmetterling zum toahren Gefährten in dieser ungeheueren Waldeinsamkeit wird, wo kein Ge- rausch die schlvüle Stille stört und sonst kein Zeichen an daS Vorhandensein eines lebenden Wesens erinnert. Manchmal lassen sich mehrere Falter bei einander beobachten, doch immer nur in sehr beschränkter Zahl. Dr. Nodier erinnert sich nicht, jemals mehr als zwei zugleich gesehen zu haben.—(„Prometheus".) Notizen. — Max Halbes„Insel der Seligen" wird an, 9. Dezember im MünchenerSchauspielhaus zum erstenmal anfgejührt.— —„Der Helfer", ein nencZ Schauspiel von Felix P h i l i p p i, gelangt demnächst am B u r g t h e a t e r in Wien zur Uraufführung.— — Da»„Theater des Westens" bringt nächstens eine neue Operette von E y S ler:„P n f f e r l" heraus.— — Im A l b r e ch t Dürer- H aus, Kronenstr. 13. findet bei freiem Eintritt von, 24.— 30. November eine Ausstellung von Drucken nach Werken Adolf Menzels statt.— — Der neue Komet ist, nach einer Meldung der Sternwarte Königstuhl, mit bloßem Auge auffindbar. Mit dem Opernglas ge- sehen, erscheint er als ein rundlicher Nebelfleck mit schwachem Kern.— u. Salpetersäure in verdünnter Milch. Bekanntlich ist in de», Wasser, das wir zum Trinken und zu den sonstigen Ge- branchszlvecken verwenden, stets ein wenig Salpetersäure vorhanden, und wir müssen nur darauf achten, daß nicht zu viel Salpetersäure im Wasser enthalten ist. weil dadurch das Trinkwasser ungesund und schädlich Iverden iviirde. Eine kleine Menge Salpetersäure im Wasser tvird aber nicht nur nicht m, angenehm empfnndei,, sie kann sogar in gelvisser Beziehung noch nützlich wirken, indem sie nämlich zum Verräter tvird, Ivem, Milch durch Wasserzusatz verfälscht lvurde. Reine, unverfälschte Milch enthält nämlich keine Salpetersäure und wenn die chemische Untersuchung der Milch ergibt, daß sich die ge- nannte Säure in ihr befindet, kann mit Sicherheit geschlossen werden, daß Wasser künstlich zugesetzt worden ist; dabei ist gerade der Umstand von Wichtigkeit, daß wir in jede», Wasser Salpeter- säure haben. Denn dieser Umstand allein gibt uns die Sicherheit, wenn in eil, er Milch die Säure nicht nachzuweisen war, zu wissen, daß auch kein Wasser zugesetzt ist; dies ist sogar die einzig sichere Prüfung auf Wasserznsatz, und sie ist viel sicherer, als die mit dem Galaktomcter.— — Auch e i n e A u f f a s s u n g. Im Geschichtsunterricht hatte ich— so erzählt der„Tägl, Rnndsch," ein Leser— den Schülern von der Pest in der Heimatstadt im Jahre 1631 erzählt, die die Stadt fast entvölkerte. Darüber wurden Aussätze geschrieben. Der Schluß eines solchen lautete:„Daß die Leute wieder fröhlicher wurden, das sieht man daran, daß im Jahre 1632 48 Hochzeiten gefeiert wurden. Gott möge uns in Zukunft vor solch einer Säuche bewahren,"— Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwäctL.'öuchdruckcrei u.VerlagSaiffitlltPaul Singer LcCo.,Bii;liuSW.