Nnterhattungsblatt des Horwärls Nr. 230. Sonnabend, den 23. November. !903 (Nachdmck verboten.) 101 Oie f)ucYta. Roman von V. BlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Als Batiste sich Copas Schenke näherte, verlangsamte er seinen Schritt. Er wollte sehen, ob man es wagen würde, sich in seiner Gegenwart über ihn lustig zu machen. Seltsamerweise dachte er sogar zum erstenmal daran, in die Schenke hinein zu gehen, um dort Auge in Auge mit seinen Feinden ein Glas Wein zu trinken; doch die beiden Lire Strafe drückten ihm zu schwer aufs Herz, und er bereute seine Absicht. Dieses verdammte Geld! Eine solche Strafe verschlang das Schuh- werk für seine Kinder, für das Teresa gespart hatte. Als er an Copas Schenke vorüberging, versteckte sich Pimento unter dem Vorwand, seinen Krug zu füllen, während die Kameraden des Feiglings so taten, als ob sie Batiste nicht sahen. Seine entschlossene Miene imponierte und flößte seinen Feinden Respekt ein. Doch dieser Triumph stimmte ihn nur traurig. Wie diese Leute ihn haßten! Die ganze Huerta er- hob sich düster und drohend zu jeder Stunde gegen ihn. Das war kein Leben. Selbst am Tage verließ er sein Gehöft so wenig wie möglich und sah sich genötigt, jeden Verkehr mit seinen Nachbarn einzustellen. Er hatte keine Furcht vor ihnen, nein; doch als kluger Mann wollte er Streitigkeiten aus dem Wege gehen. Nachts schlief er nur mit einem Auge; beim geringsten Geheul seines Hundes sprang er aus dem Bett und stürzte, das Gewehr in der Faust, aus dem Hause; mehr als eininal glaubte er schwarze Gestalten zu sehen, die über die Steige hinhuschten. Er fürchtete für seine Ernte, für dieses Getreide, das die Hoffnung seiner Familie bildete, und dessen Wachstum alle Bewohner der Hütte mit gierigen Blicken betrachteten. Er kannte die Drohung Pimentos, der, von der ganzen Huerta unterstützt, geschworen hatte, dieser Weizen würde nicht von dem geerntet werden, der ihn gesät hatte. Er vergaß fast seine Kinder und dachte nur an seine Aecker, an diese grüne Woge, die in der strahlenden Sonne immer größer und größer wurde und sich in gelbe Haufen Korn verwandelte. Der schweigsaine und dumpfe Haß verfolgte ihn Schritt für Schritt auf dem ganzen Wege. Die Frauen traten zur Seite und kniffen die Lippen zusammen, ohne ihm guten Tag zu sagen, wie es auf dem Lande üblich ist; die Männer, die auf den Feldern am Wegrande arbeiteten, riefen sich grobe Schimpfworte zu, die sie so in indirekter Weise Batiste zu- schleuderten: die kleinen Kinder riefen aus der Ferne„Spitz- bube", ohne zu sagen, wem die Beleidigung galt, als ob sie überhaupt nur auf den verhaßten Eindringling hätte passen können. Ach, wenn er nicht diese Riesenfäuste, diese un- geheuren Schultern, diese wenig beruhigenden Bewegungen besaß, wie schnell hätte die Huerta mit ihm abgerechnet! Doch jeder wartete darauf, sein Nachbar sollte sich zuerst hervor- wagen, und so begnügte man sich damit, ihm seinen Haß aus der Entfernung zu bezeugen. Trotz der Traurigkeit, die diese allgemeine Abneigung in ihm hervorrief, empfand Batiste eine gewisse Genugtuung. Während er sich seiner Wohnung näherte, bemerkte er, als er schon das Geheul seines Hundes vernahm, der ihn erkannt hatte, einen kräftigen jungen Burschen, der, die Sense zwischen den Beinen, am Wegrande saß; neben sich hatte er ein Reisig- bündel liegen. Als er den Bauer erblickte, erhob er sich und sagte: „Guten Tag, Seüor Batiste!" Dieser Gruß, die zitternde Stimme des schüchternen Burschen machte einen angenehmen Eindruck auf ihn. Die Freundschaft dieses Jünglings war nur wenig, und doch wirkte sie auf ihn wie das frische Wasser auf den Kranken, den das Fieber verbrennt. Er betrachtete mit sympathischen Blicken diese großen blauen Augen, dieses lächelnde Gesicht, das ein blonder Flaum bedeckte, und suchte in seiner Er- innerung, wer dieser junge Mann wohl sein könnte. Endlich besann er sich, daß es der Enkel des Vaters Tomba war, des fast blinden Schäfers, den die ganze Huerta verehrte: ein braver Junge, der Knecht bei dem nämlichen Schlächter von Alboraya war, dessen Herde der Alte hütete. „Danke, Kleiner danke!" murmelte er, erfreut durch diesen Gruß. Dann setzte er seinen Weg fort, und bald hieß ihn sein Hund willkommen, der bellend vor ihm hersprang oder sich an seinen Beinen rieb. Während er auf das Haus zuging, betrachtete er seine Aecker, und bald strömte ihm die ganze Wut, die er in Gegen- wart des Gerichtshofes unterdrückt hatte, wie eine wütende Woge zum Hirn. Sein Getreide dürstete. Was ihm fehlte, war das Wasser, das Pimento ihm mit seinen unehrlichen Schlichen gestohlen, denn vor zwei Wochen kam die Reihe jetzt nicht mehr an ihn, da das Wasser in dieser Gegend rar war. Und zum Uebermaß des Unglücks kam noch diese ganze ver- damnite Menge von Liren und Hellern, zu denen er verurteilt war....„Christo!" Teresa stand, von ihren Kleinen umgeben, vor der Tür der Hütte und wartete ungeduldig auf ihn, weil er sich bereits zum Essen verspätet hatte. Er aß ohne Appetit und erzählte seiner Frau, was sich abgespielt hatte. Teresa hörte ihm bleich, mit der Aufregung der Bäuerin, zu, die Herzschmerzen bekommt, wenn sie die Schleife des Strumpfes lockern nmß, in dem sie ihr Geld aufbewahrt. „Heilige Jungfrau! Man hatte also beschlossen, sie zu Grunde zu richten! Wie entsetzlich, gerade als man sich zu Tisch setzen wollte!" Und sie ließ den Löffel in die Reispfanne fallen und weinte heiße Tränen. Dann errötete sie in plötzlichem Zorn, betrachtete den Winkel der Ebene, mit seinen weißen Häuschen, mit seiner grünen Getreideflut, den man durch die Tür- öffnung bemerkte, und rief, die Arme ausstreckend: „Schurken! Schurken!" Ueber die zornige Miene des Vaters erschrocken und über das Geschrei der Rdutter verwundert, konnte die kleine Ge- sellschaft sich nicht zum Essen entschließen. Sie sahen sich verdutzt und bestürzt an, steckten, um doch etwas zu tun, den Finger in die Nase, und schließlich begannen alle, nach dem Beispiel der Mutter, in ihren Reis zu weinen. Von diesem Heulchor nervös gemacht, erhob sich Batiste wütend, warf fast mit einem Fußtritt den kleinen Tisch um und stürzte aus dem Hause. War das ein Abend! Der �.urst seines Getreides und die schreckliche Strafe waren gleichsam zwei wilde Hunde, die sich an ihn hingen. Wenn der eine, deS Beißens müde, losließ, kam der andere herangeschossen und bohrte ihm seine Zähne ins Fleisch. Er versuchte, sich zu zerstreuen und bei der Arbeit seine Sorgen zu vergessen. So machte er sich denn mit all seiner Energie an ein schon angefangenes Werk, das Dach des Schweinekobens, den er im Hühnerhofe erbauen wollte. Doch die Arbeit machte keine Fortschritte. Er erstickte zwischen den Lchmwänden: er mußte sein Feld sehen, wie Leute, die ihr Unglück deutlich vor Augen sehen müssen, um sich so recht in den Schmerz zu versenken. Nun verließ er, die Hände noch voller Mörtel, den Bau und stellte sich vor sein schon halb ver- welktes Getreidefeld. Am Rande des Weges, in einer Entfernung von wenigen Metern, wälzte der Kanal seine roten Wasser dahin. Dieses belebende Blut der Huerta zog in die Ferne, zu anderen Feldern, deren Pächter glücklicherweise nicht gehaßt wurden. Da stand nun sein armes Getreide, verschmachtend sein grünes Haar zusammenrollend, als wolle es dem Wasser ein Zeichen geben, es möge kommen und ihm seine frische Liebkosung bringen. Batiste hatte das Gefühl, als scheine die Sonne stärker als an anderen Tagen. Das Gestirn versank am Horizont, und doch bildete sich der Mann ein, die Strahlen schössen hernieder und verbrannten alles. Die Sonne spaltete krumme Risse und riß tausend Münder auf, die vergeblich auf einen Schluck! Wasser warteten. Das Getreide sollte bis zur nächsten Be- Wässerung einen solchen Durst ertragen können? Christo! Es würde sterben, vertrocknen, die Familie würde kein Brot haben, und außer diesem Elend mußte er mich noch die Strafe zahlen. Und da wundert man sich, wenn die Menschen schlecht werden! — 918— Wütend ging er an der Grenze seines Feldes auf und nieder.„Ach, Pimento, Verbrecher, wenn nur die Feldhüter nicht wären...." Und wie die Schiffbrüchigen, die vor Hunger und Durst umkonimen, in ihrem Wahn ungeheuere Tafeln, zum festlichen Mahle hergerichtet, und klare, sprudelnde Quellen erblicken, so sah auch er mit seinen trüben Augen große Getreidefelder mit grünen, geraden Lehren. Er sah wie das Wasser in großen Wellen über die Böschungen stürzte und sich mit leuchtendem Rieseln verbreitete; die Erde schien förmlich fröhlich zu lachen, wenn sie gesättigt die angenehme Liebkosung des Wassers verspürte. Als die Sonne verschwand, empfand Batiste eine Art Er leichterung, als erlösche das Gestirn für immer, und als wäre seine Ernte gerettet. Nun entfernte er sich von seinen Aeckern und wanderte mit leichten Schritten bis zu Copas Wirts- haus. Wenn die Gendarmen auch nicht abgeschafft waren, so dachte er doch mit einem gewissen Wohlgefallen an die Möglichkeit, Pimento zu begegnen, der sich stets in der Nähe der Schenke aufhielt. Die Huerta schimmerte in bläulichem Licht. Am Horizont auf den düsteren Bergen färbten sich die Wolken mit dem Glänze eines fernen Brandes; auf der Seite des Meeres zitterten die ersten Sterne an dem unendlichen Azur; die Hunde heulten traurig, und der eintönige Gesang der Frösche und Grillen verschmolz mit dem Knirschen unsichtbarer Wagen, die über alle Straßen der ungeheueren Ebene dahinzogen. An den Wegrändern wandernd, näherten sich ihm die raschen Scharen der Mädchen, die, den Korb am Arm, mit bauschigen Röcken, aus den Fabriken von Valencia nach Hause kamen. Er sah seine Tochter, abgesondert von allen anderen, wie sie mit müdem Schritt einherging. Dabei war sie aber nicht allein. Er glaubte zu bemerken, daß sie mit einem Mann plauderte, der dieselbe Richtung verfolgte, obwohl er ein bißchen von ihr getrennt blieb, wie es die Verlobten der Huerta stets tun. weil die allzu große Nähe ihnen ein Zeichen der Sünde dünkt. l Fortsetzung folgt.) lNachdruck verboten.) Der dnfterbUcKKeitsglaiibe. Bon I. Stern. Wiewohl Diskussionen über religiöse Glaubenslehren dem modernen Geschmack nicht mehr recht zusagen— mit gutem Grund: die Arau- mente für und wider sind sattsam bekannt, die Scheidung der Geister hat sich so ziemlich vollzogen und die Erfahrung hat gelehrt, daß die Neigung weit mehr als die Logik in solchen Dingen entscheidend ist— so dürfte doch eine h i st o r i s ch e Behandlung deS Un sterblichkeitSglaubens von Interesse sein. Der Unglaube an die Unsterblichkeit der Seele gehört wie der Atheismus zu den Anschauungen, die in der Regel auf recht niedriger oder auch recht hoher Zivilisationsstufe verbreitet sind. Der naive Naturmensch verfällt noch gar nicht auf die Meinung. daß ein Toter resp. ein unsichtbarer Teil des Toten weiter lebt, und der Freigeist belächelt alle Syllogismen der Unsterblichkeits- lehre als Trugschlüsse. Doch scheint der Glaube schon frühzeitig in der Periode der Barbarei aufgetaucht zu sein, da der Ahnen tultus noch jetzt bei sehr rückständigen Völlern und Stämmen an- getroffen wird. Vermutlich gaben den ersten Anstoß dazu Traum gesichte, in denen Verstorbene den Träumenden wie lebend erschienen find. redend und handelnd. Traf es fich gar. daß in solchen Träumen der Verstorbene ein Ereignis prophezeite, das zufällig eintraf, so erhärtete da» den Glauben an die Realität der Erscheinung. Aus dem primitiven Glanben entwickelte fich sodann ein Totenkultus, der namentlich in Egypten mn stärksten ausgebildet war; ferner die Amiahme eines Schattenreichs als Aufenthalt der Seelen, verbunden mit dem Glauben an jenseitige Be- lohnung und Bestrafung, Seligkeit und Verdammnis; sodann die Auffassung der Bestattung als Liebesdienst, der den Toten erwiesen wird; und endlich die Nekromantie. Diese, die Beschwörung der Toten, um allerlei Geheimnisse von ihnen zu erfahren, aus Priester- und Magiertrug beruhend, indem man mittels der Bauchrednerei eine Sttmme aus dein Grabe vermeintlich ertönen ließ swie in der Erzählung im Buche Samuelis, Kapitel 28, von der Hexe von Endor). trug nicht wenig zur Befestigung des Unsterblichkeits- glaubenS bei. Die Vermutung. daß Träume zum Unsterblichkeitsglauben führten, wird durch die Stelle in, 23. Gesang der, I l i a s" be- stätigt, wonach der gefallene Patroklos seinem Freunde Achilleus er- schienen war, und dieser dann ausrief: „Götter, so ist denn sürwahr auch noch m Aide 5 Wohnung Seel' und Schattengebild, doch ganz der Besinnung entbehrtt stt l Diese Nacht ja stand des jammervollen Patroklos Seele bei mir an, Lager, die klagende, herzlich betrübte, Und sie gebot mir manches und glich zum Erstaunen ihm selber." Die Stelle zeigt auch, daß die Alien da? Fortleben der Seele nicht als ein höheres, vollkommeneres, sondern als ein vermindertes Dasein sich dachten. Noch deutlicher ist das aus dem 11. Gesang der„Odyssee" zu ersehen, wo OdysseuS seine Fahrt in die Unterwelt berichtet. .Durchbebt von inniger Sehnsucht Wollt' ich umarmen die Seele der abgeschiedenen Mutter, Dreimal strebt ich hinan, voll heißer Begier der Umarmung, Dreimal hinweg aus den Händen, wie nichtiger Schatten und Traumbild Flog sie. und heftiger ward in meinem Herzen die Wehmut." Nach dem Grund befragt, erwidert der Geist der Mutter: „Also will'S der Gebrauch der Sterblichen, wann sie verblüht find. Denn nicht mehr wird Fleisch und Gebein durch Sehnen ver- bunden, Sondern die große Gewalt der brennenden Flamme verzehrt dies Alles, sobald aus dem weißen Gebein das Leben hin wegfloh, Aber die Seele verfliegt wie ein luftiger Traum und entschwebet." Umgekehrt im christlichen Glauben. So lang fle in den Körper gebannt ist, haften der Seele auch die körperlichen Schwächen an, die physischen und moralischen; erst wen» sie der leiblichen Fessel ledig, kann sie ihre edleren Qualitäten ungehemmt entfallen und als reiner Geist eines gesteigerten Daseins teilhastig sein. Diese Aussassung stammt wohl— wie nianches andere im Thristentum— aus der griechischen Philosophie des Platon, der in seinem„Phädon", der Schrift, die eigens den. Erweis der Un- sterblichkeit dienen soll, den Körper als eine Fessel der Seele be- zeichnet(was schon früher von den Pythagoräern gelehrt ward), ein Hindernis ihrer Tätigkeit; nur durch ihre Befteiimg vom Leibe gelangt sie zn ihrer wahren Existenz. PlatonS großer Antipode dagegen, Aristoteles, erklärt, die Seele ohne Leib kann nicht existieren und so wenig gedacht werden, als ein Gehen ohne Füße. Merkwürdigerweise kennt die Religion der Hebräer in der klassisch-biblischen Periode eine Fortdauer nach christlicher Auffassung init einem Gottesgericht nicht. Wohl ist stellenweise von dem Aufenthalt der Abgeschiedenen in der Unter- welt(sdisol) die Rede, doch auch wenn das mehr bedeuten sollte als eine dichterische Schilderung des Grabes, so ist jenes Fort» leben doch nur im homerischen Sinne gedacht, als Dasein in herabgestimmter Potenz, als dumpfes Hinbrüten in traumartiger Halbschlummerexistenz. Erst in einer der spätesten Schriften des alten Testaments, dem sogenannten„Prediger Salomo", einer philosophischen Studie, wird der Unsterblichkeitsglaube erwähnt, aber nur um ihm flepttsch entgegenzutreten:„Es gehet dem Menschen wie dem Vieh, wie dies stirbt, so stirbt er auch und haben allerlei einerlei Odem und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh. Es fähret alles an Einen Ort. es ist alle? von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem des Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde fahre."(3. Kap. 19— 21.) Zwar versichert der Schluß des Büches, daß nur der Staub zur Erde kommt, der Geist aber„zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat", doch abgesehen davon, daß der ganze Schluß dieses Buches offenbar späteres Anhängsel ist, um die ketzerischen Aeußerungen des Verfassers als flüchtige Gedankenblasen erscheinen zu lasien, so ist damit keineswegs eine selbständige Fort- dauer ausgedrückt, sondern das Aufgehen der Seele in die göttliche Weltseele. Sogar in der älteren talmudischen Periode komtte im Judentum der Unsterblichkeitsglau b« noch nicht anerkannt gewesen sein, da in der.Mischnah"(dem älteren Teil de» Talmuds) ein so großes Gewicht auf die einstige Auserstehung der Toten und das damit verbundene jüngste Gericht gelegt wird, von der Fortdauer der Seele nach dem Tode aber erst in der„Gemara", der jüngeren Partie des Talmud, ausdrücklich die Rede ist. Eine eigentümliche Auffassung der Unsterblichkeitslehre vertritt MaimonideS{1133—1204), der gefeierte Gesetzeslehrer und Religionsphilosoph des jüdischen Mittelalters, der biblische und aristotelische Ideen miteinander verschmolz. An sich sei die Seele nicht unsterblich, aber ste befitze die Fähigkeit, unsterblich zu werden dadurch, daß sie fich vom Göttlichen durchdringen läßt und fich sitt- lich veredell, womit sie fich von den Banden der Leiblichkeit befreit und fich derart hinaufläutert, daß sie mit den, Absterben des Leibes gar nicht vergehen kann, sondern in daS Lichtteich der Geisterwelt einttitt.— Anklänge an diese Auffassung finden fich übrigens schon in Platons„Timäus". Im Christentum wie im Judentum allmählich zum Dogma er» tarrt und neben dem Gottglauben zum wichtigsten Glaubens» ündament gestempelt, dabei mächtig unterstützt von dem Entsetzen >er Menschen vor dem Gedanken der Vernichtung, wurde der Un» terblichkeitsglaube erst von der neueren Philosophie vor das forum der Kritik gezogen und in der Aufklärungsperiode in weiteren i kreisen erschüttert, am stärksten durch den französischen Materialismus, der mit dem lieben Gott auch ihn über die Klinge springen ließ. Daher suchte ihm der Champion jüdischer Aufklärung und LesfingS Freund Moses Mendels- söhn mit seinem berühmten„Phädon' ZU Hülfe zu kommen, eine Schrift, die mit der genannten Plates nur Titel und Dialogform gemein hat und deren Stil ebenso schön wie deren Argumentation durchweg brüchig ist, aber dennoch eine Art Welt- liches Evangelium für alle Inden und Christen wurde, denen der Gedanke, mit dem Tod das süße Dasein zu der- lieren und der Vernichtung anheimzufallen, unerträglich war, oder die den Zusammenbruch der Religion und Kirche fürchteten und des- halb die arAnmouta borniletüm iKanzelbeweise, die nichts beweisen) des Philosophafters für schlüssige Beweise hinnahmen; während Goethe und Schiller das Buch mit heiterer Ironie in der Xenia kennzeichneten: Moses Mendelssohn. Ja! Du stehst mich unsterblich l—„Das hast du unS ja in dem Phädon Längst bewiesen".— Mein Freund, freue dich, daß du eS stehst I Um dieselbe Zeit schrieb der Königsbergcr Philosoph Kant sein Hauptwerk, worin er mit dem Hammer der reinen Vernunft alle Beweise stir die Unsterblichkeit der Seele zertrümmerte, um ihr freilich später mit dem der praktischen Vernunft einen Schein- beweis zusammenzuschweitzen. Denn Kants praktische Vernunft ist nichts anderes als die Galvanisierung von Leichnamen. Es gibt eben keine Vernunft mit doppeltem Boden, und wenn eine Theorie logisch unhaltbar ist, so wird sie darum nicht wahr, weil sie einem praktischen Bedürfnis entspricht resp. einsprechen soll. Und eben hierauf laufen ja die Wiederbelebungsversuche der in der„Kritik der reinen Vernunft" totgeschlagenen Beweise für das Dasein eines persönlichen Gottes, die Unsterblichkeit und die Willensfreiheit hinaus. Als notwendige Basis der Moral poswliert Kant wunder- licherweise den Unsterblichkeitsglauben, während eine gesunde Moral desselben durchaus nicht bedarf, was lange vor Kant philosophisch dargetan und durch die Erfahrung von Jahrtausenden bestätigt wird. Dagegen entsteht allerdings im vulgären Empfinden eine schmerzliche Lücke durch die Vorstellung, daß„mit dem Tode alles aus" sein soll. Denker und Dichter waren daher zu verschiedenen Zeiten bemüht, den Unlustaffekt zu beschwichtigen, den die tief im Menschengemüt wurzelnde Abneigung, in den Zustand des Richsteins zu sinken, erzeugt. Eines der gescheitesten Worte stammt von dem freigeistigen Philosophen Griechenlands Epikur:„Es gibt eigenttich keinen Tod, denn find wir, so ist der Tod nicht, und ist der Tod, so find wir nicht." Ein neuerer Poet aber, Riickert, läßt seine sterbende Blume sprechen: „Heil, o Frühling, deinem Schein l Morgenluft, heil deinem Wehn! Ohne Kummer schlaf' ich ein, Ohne Hoffnung, aufzustehn." und ähnlich Hermann Rollett: „Der starke Geist blickt heiter drein, Bedenkt er, daß auf ewig Zerrinnend wie der Woge Schaum Wir alle gehn vorüber." Das beste Rezept gegen den Affeft der Vernichtungsscheu ist in dem Schillerschen Disttchon enthalten: „Vor dem Tode erschrickst du? Du wünschest, unsterblich zu leben? Leb' im Ganzen, wenn du lange dahin bist, es bleibt." Oder wie ein neuerer fingt: „Nur das Ich verwelkt; unsterblich fühlt fich, wer wie der Planet Sich mit seinem Wollen, Können, um die Sonne Menschheit dreht." Da? ist kein Blendwerk poestscher Phrase, sondern psychologisch wohl begründet. Die Idee der Fortdauer der Menschheit und ihrer stettgen Entwickelung zu höherer Vollkommenheit stumpft den Stachel des individuellen Untergangs vollständig ab bei denen,„die ihr Selbst von ihrem Selbst erweitert" haben, und entflammt naturgemäß ihr Streben, nach Kräften mit- zuwirken an dem Kulturforstchritt. Der Unglaube fuhrt also nicht. wie die Frommen behaupten, zu der Maxime:„Lasset unS effen und trinken, denn morgen sind wir tot", sondern erhebt vielmehr die Gesinnung über den ordinären Materialismus und Egoismus in die edelste ethische Sphäre.— Kleines f eirilleton. Das Rheinische Kirschbaumst erben. Im„Prometheus" Hefen wir: Seit Anfang der neunziger Jahre wird am Rhein, süd- kich von Koblenz, in der Gegend von St. Goar, wo umfangreiche Kirschenzucht betrieben wird, ein großes Krrschbaumsterben bcob- «chtet, das besonders stark in den Jahren 1393 und 1399 auftrat und Tausende von Kirschbäumen vernichtet hat; auch in Westfalen ist feit 1895 dieselbe Krankheit ständig beobachtet worden. Die Krankheit verläuft sehr rasch; es kommt vor, daß ein üppig wachsen- der Baum in drei Wochen völlig abstirbt, oder daß ein Baum seine Früchte reift und zwei Wochen später rot und tot ist. Allerdings find dies Ausnahmefälle. Auffallend ist, daß nur die schönsten und gesundestem glatten, besten und kraftstrotzenden Bäum« von der Krankheit heimgesucht werden. Dieselbe äußert sich auf verschieden- Weise. Im Frühjahr ergießt sich vor dem Aufbrechen aus den dick. schwellenden Knospen tropfenweise ein dünnflüsfiger Sast, der zur Erde fällt. Die schönsten und üppigsten Knospenbündcl tropfen aus, treiben weder Blätter noch Blüten und sterben ab. An den Zweigen und Aesten oder auch am Stamm tritt Gummifluß auf, worauf dann die betreffenden Teile vollständig ersterben, oder es stirbt auch der ganze Baum ab. Tie Krankheit verrät sich durch Gilben und Notwerden der Blätter an einzelnen Zweigen oder Aesten oder an der ganzen Krone. Sucht man dann an diesen Teilen nach, so findet man gewöhnlich Gummiflutz bereits ausgebildet oder im Ent> stehen begriffen, oder Frostplatten mit abgestorbenen Rindenteilen oder Rindenrisse und geplatzte Rinde. Die verschiedenen Beobachter haben die Krankheit sehr der» schiedenen Ursachen zugeschrieben. A. B. Frank nimmt einen kleinen Kernpilz(Cytospors rubescens), der aus der Rinde der abge» storbenen Zweige hervorbricht, R. Goethe Frühjahrsfröste, P.Sorauer Gummifluh infolge von Frosteinwirkung, Labontö Kulturfehler und insbesondere Bodenmüdigkcit für Kirschen als Ursache an. Aderhold findet als Veranlass« den bereits von Frank bezeichneten Pilz, der aber nur in Rindenbeschädigungen eindringen kann, welche durch Spätfröste des Frühlings und andere WitterungScinflüsse, u. a. wahrscheinlich auch durch Sonnenbrand verursacht werden. Wenn im zeitigen Frühjahr, im Februar, März und April an warmem Tagen die Stämme an der Südseite um 10 Grad höher erwärmt werden als an der Nordseite, so daß sich die Gewebe an der Südseite frühzeitig mit Säften füllen, so bringt der geringste Frost die Ge» webe zum Zerreißen, und es tritt Saftstockung ein, also eme Störung der Wasserversorgung des Baumes gerade zu der Zeit, da er am meisten Feuchtigkeit bedarf. Die Folge davon ist dann der Gummi» fluß. Da die gesündesten Bäum« im Frühjahr auch am frühesten treiben, find sie der Frostgefahr am meisten ausgesetzt und erliegen somit der Krankheit am ehesten. Deshalb neigt A. von der Mühlen, lvelcher die Krankheit seit 1395 in Westfalen verfolgt hat, zu der Ansicht, daß der genannte Pilz nicht die Ursach«, sondern sein Auf» treten eine Folge der Kirschbaumkranlheit sei, was nicht ausschließt, daß er den Verlauf derselben und das Absterben beschleunigt. Durch künstliche Infektion mit den Cytospora-Sporen vermag man aller- dings gleichfalls Gummifluß und das Absterben eines Seitenzweiges unter Hervorbrechen der Cytospors-Polster hervorzurufe». Auf Grund dieser Beobachtung widerlegt Adcrhold denn auch die angefübrten entgegenstehenden Ansichten der Krankheitsursache und andere Mög- lichkeiten, z. B. Bakterien, andere Pilzarten, Fraß des Obstbaum- splintläfers, Wurzelerkrankungen. Zur Bekämpfung des K i r s chba unisterbe ns empfiehlt sich einer- seits das Aufgeben der frühen Kirschenforten, andererseits das möglichst frühzeitige Entfernen und Verbrennen der toten und kranken Zweige, Aest« und stärker befallenen Bäume. Alles Kranke muß mit scharfem Messer bis aufs gesunde Holz ausgeschnitten, die Wunden mit halbverdünnter Essigessenz ausgerieben und mit einer Leinenkompresse mit dieser Esfigesscnz verbunden werden. Räch einigen Tagen sind die Wunden mit Kuhfladen und Lehm dick auS- zuschmieren, von anderer Seite wird auch Teer zu demselben Zweck empfohlen. Eigentümlich ist. daß ein von der Krankheit sehr stark befallener Baum, nachdem er von den kranken Teilen befreit wurde. wieder völlig gesund ist; der kahle Stamm treib» wieder ans und kann dann gepfropft werden. Es folgt daraus, daß das Kirsch- baumstcrben mit der Wurzel- und Bodenmüdigkeit nicht in Beziehung gebracht werden kann, sondern daß dt« Krankheit— nur äußerlich auftretend— von außen ar. den Baum herantritt, sei es nun durch Frostwirkung oder den Cytospors-Pilz. Jr. neueftcr Zeit ist die Krankheit auch bereits in Schlesien und im Altenlande an der Untcrelbe aufgetreten.— Musik. Komische Oper.„Der Gaukler unserer lieben Frau." Das Mittelalter besaß innerhalb der Musik eine eigen- tümliche Scheidung zwischen einer höheren und einer niederen Kunst, eine Scheidung, von der sich Spuren noch heute finden, etwa dort, wo man den„Tonkünstler" vom„Musiker" unterscheidet. Die Instrumentalmusik stand dabei vorwiegend auf der unteren Stufe; wohl nur die Orgel gehörte zur höheren. Ungefähr um- gekehrt war es mit der Vokalmusik: sie bedeutete vornehmlich die höhere Musik und war in der niedrigeren hauptsächlich durch die Gassenlieder oder dergleichen vertreten. Jene höhere Schicht wurde vorwiegend von der kirchlichen Tonkunst gebildet, während die niedrigere Schicht den fahrenden Leuten verblieb, die unter ver- schiedenen Namen, wie Gaukler, Jongleur, Spielleute usw. be- kannt und nicht gerade wohlangesehen waren. Poesie und Gesang der Troubadour, der Minnesänger und dergleichen mehr war dem Wesen nach höhere Kunst. Dock) hielt sich ein solcher vornehmen Sänger gern einen zu jener unteren Schicht gehörenden Assistenten, der ihm mehr oder wenig« von seiner Leistung abnahm. Den Blondel des Richard Löwenherz ist ein allbekanntes Beispiel dafür. Eine der rührendsten mittelalterlichen Sagen baut sich aufj jene untergeordnete Stellung des Gauklers auf und benützt außer- dem das spezifisch kirchliche Bewußtsein von der Milde der Jung- frau Maria gegenüber der Strenge der männlichen Vertreter der; Kirche, also die späterhin schärfer herausgearbeitete Ucdcrzcugung, daß der leichteste Weg zu Gott durch seine Mutter führt. TrefeH StoffcS hat sich nun vor einigen Jahren ein französischer Komponist bemächtigt, den man, mit einem beträchtlichen Abstand, als einen gweiten Saint-Saens bezeichnen könnte: I. Massen et(geboren 1842). Er beherrscht, wie es in Paris wohl bis zu den einfachsten Operettenkomponisten hinab üblich zu sein scheint, die strenge Tra- dition musikalischen Könnens, einschließlich alter Formen. Wir kennen ihn hier in Berlin von seiner Oper„Manon" und von seinem Oratorium„Maria Magdalena", ohne daß wir von beiden Werken ein besonderes Entzücken davongetragen hätten.„D e r Gaukler unserer lieben Fra u" wurde, wenn wir nicht irren, zuerst in Monte Carlo 1302 aufgeführt. Die Bezeichnung der dramatischen Spezies ist diesmal:„Mirakel in drei Akten"; die Dichtung stammt von Maurice Lena. Jean, der Gaukler, wird vor der Abtei Clunh von dem Volke verspottet und schließlich «ls Frater in das Kloster aufgenommen. Der Abstand seiner geringen Bildung und seiner Interessen von denen der Kloster- brüder geht ihm sehr zu Herzen. Einmal reißt es ihn fort, der Mutter Gottes seine alten Lieder vorzusingen und seine Tänze darzubringen. Natürlich wird er von den übrigen belauscht. Doch wie sie sich aus den Frevler stürzen wollen, erglüht das Marienbild »md spendet ihm, dem nunmehr Verklärten und Verehrten, seinen Segen. Man sieht, es handelt sich nicht nur nn: ein Thema, sondern Such um eine Denkweise aus einer 5kuliurschicht, mit der wir in unseren Gegenden und zumal im nördlichen Teile der Friedrich- straße schwer etwas anfangen können. Freund wie Feind jener Weltanschauung können von der Hereinzichung eines solchen Stückes Welt in die unserige recht unangenehm berührt sein, und das eigentliche Mitfühlen stellt sich hier schwerlich ein. Daß Direktor Gregor von der„Komischen Oper" gerade dieses Stück als die zweite Darbietung des neuen Unter- uchmcns ausgewählt hat, scheint uns schon aus diesen Gründen ein Mißgriff zu sein. Man wird vielleicht antworten, daß nichts besseres zur Verfügung steht. Ebenso gut aber, wie man diesen Versuch machen konnte, der vielleicht übel ausgehen wird, konnte man das. Wagnis auf einen der deutschen Komponisten richten, die bisher nur erst in engeren Kreisen angesehen sind. Wir deuten hier weniger an Hans Pfitzner, als an Josef Reiler, dessen Er- folge in Wien und in Dessau bemerkenswert sind, und an Robert Erben, der in Prag Glück gehabt hat. Zu den Zweifeln, mit denen wir den neuen Griff des Direktors vom Weidendamm aufnehmen müssen, kommt nun noch der ziemlich geringe Wert der Musik hinzu. Sie ist vornehm gehalten, verfügt über eine reichliche kompositorische Virtuosität, besitzt manche freundliche Lieblichkeiten im einzelnen, ist aber nicht nur im ganzen ohne Schwung, sondern auch auf Ivcitc Strecken hin(namentlich in dem ohnehin stillcstehendcn ziveiten Gilt) geradezu langweilig. Einen entgegengesetzten Eindruck machte uns die gestrige Aufführung. Direktor Gregor hat, was gegenüber den gewvbnlichen Zuständen ganz besonders auffällt, sehr gute Teiwrc. Diesmal War es ein früherer, ich glaube auch in Berlin bekannter, Operettentenor, Julius S p i e l m a n n, der sich uns als ein heroischer Tenor von allererstem Range erwies. Daß seine Stimme in der Höhe manchmal versagt, geht vielleicht auf augenblickliche Störungen, vielleicht auch darauf zurück, daß bei der Konzen- trierung alles Interesses aus die Charakteristik der Belcanto ver- nachlässigt wird. Die dramatische Gestaltung des armen hülflosen Jungen war geradezu ausgezeichnet. Rein stimmlich konnte immer- hin Ludwig Montier in der heitere» Rolle eines Bruders Küchenmeisters noch mehr Freude macheu. Unter den übrigen Sängern möchten wir Julius N üu g e r und namentlich Willi Buers rühmend hervorheben. Den Darsteller des Dichters unter den Mönchen jedoch können wir wegen seines Vergreifens-ber Rolle nur entschieden bedauern. Wenn aus einem mittelalterlichen Klosterdichter ein verrückter Ucberbretiler eines sezessionistischen Eafehauses gemacht wird, so ist dies mindestens wiederum ein Zeichen dafür, daß das Stück nicht herpaßt. Die Frauen- stimmen treten diesmal sehr zurück, doch sei R e t a Walter in der mimisch nicht leichten Rolle der Mutter Gottes hervorgehoben. Die Künstler der Dekorationen und der Kostüme waren Karl Walser und Professor L e f l e r. Beides wiederum sehr be- ochtcnswcrt; über die historische Genauigkeit müßte man sich aller- dings noch näher aussprechen. Orchester und Chor hatten wieder einen bedeutenden Anteil an der trefflichen Gesamthaltung aller Beteiligten. Unser zweiter Besuch in diesem Thcatcrgebäude läßt uns nun die rasch und provisorisch gemachte Kritik von neulich er- gänzen. Die Akustik schien uns jetzt besser. Ucbcr die verunglückte Architektur haben wir nichts hinzuzufügen, als daß wir nun iauch die rückwärtigen Teile des Parketts unter dem weit vor- springenden Balkon für verunglückt halten müssen. Man sieht die Bühne schlecht und hat nicht einmal im Zwischenakt oder vor- her genügend Licht. Dazu noch der verspätete Anfang, die über- »näßig langen Zwischenakte und die geringe Festigkeit der Parkett- sitze. Es ist in diesem Haus ersichtlich so ungemein viel auf- gewendet worden, um die Theaterbedürfniffe in einer ganz eigenen Weise zu befriedigen, daß nian es zum Teil ungünstiger hat als in «ltercn 5f>äusern. Die Bühne liegt gegenüber dem Parkett sehr hoch, ist also von ihm aus schwer zu übersehen. Und damit ver- bindet sich zum Schlüsse noch der Umstand, daß die Regie etwas gar viel tut, um die Situation auf der Bühne recht anschaulich zu machen: vor lauter Anschaulichkeit sieht man manchmal eigent- lich nichts.— sz Medizinisches. hr. Berufskrankheiten durch Nerven st örungen. Tie fortschreitende Gcwerbehygiene schenkt heute manchen beruf» lichcn Störungen Beachtung, die früher tvcnig bekannt und ge- würdigt wurden. So ergibt sich, daß Berufskrankheiten durch ner- vöse Störungen bei vielen Arbeiterkategorien gar nicht so selten sind, und zahlreiche, interessante Fälle sind in letzter Zeit berichtet und beschrieben worden. Es erhellt daraus, daß übcrangestrengte Nerven- und MuSkclparticn meist entzündet werden und in einen langwierigen, oft sckiver heilbaren oder gar unheilbaren Krankheits- zustand verfallen. Meist werden die oberen Gliedmaßen betroffen. So waren bei einem Kllncr die Muskeln und Nerven des Halses, des Nackens, der Schulter und des Rückens infolge des Tragens schwerer Speiseplatten erkrankt. In der Tübinger Klinik wurde ein Mann behandelt, der infolge des fortgesetzten Tragens von jungen Bäumen über der Scbulter eine Arm- und Schulterlähnrung davontrug; durch Ruhe und Galvanisation wurde jedoch Heilung in loenigen Wochen erzielt. Ganz besonders machen sich die krankhaften Störungen naturgemäß an den Händen geltend. So wurde in der Pariser Gesellschaft für Nervcnheilkunde turzl:ch ein Kutscker vor- gestellt, ein 54 jähriger Mann, der, gezwungen, die Zügel jahrelang viele Stunden täglich mil den Händen festzubaltcn, eine Schwellung beider Hände auiwies. Dieselben schmerzten namentlich abends und nachts und zwangen den Äiann, seinen Beruf aufzugeben. Eine Nervenentzündung wurde auch bei einer älteren Frau beobachtet, die seit 40 Jahren Zigarren wickelte. Bei dieser trat.Kribbeln in den Fii gern auf, und die Daumenballen magerten ab; dieselbe» Störungen zeigten sich bei einer Maschinennäherin, die mit schwer zu verarbeitendem Kunstleder hantierte. Ihre recht« Hand war geschlvollen, die Muskeln derb und empfindlich, die Finger waren taub, schmerzten und warem in ihrer Empfindlichkeit herabgesetzt. Natürlich können unter Umständen auch die unteren Gliedmaßen erkranken, und Dr. Curschmann beobachtete bei Arbeitern in knieender Stellung, bei Steiullopfern und Rübenziehern, daß deren Unterschcnkeluerven und-Miskeln gelähmt wurden. Alle diese Störungen werden um so eher wieder geheilt, sie frühzeitiger sie erkannt werden, und der Erkrankt« veranlaßt wird, seine Tätigkeit einzustellen. Nach einer neuen Theorie über die Entstehung mancher Nervenkranheiten beruhen diese darauf, daß bei starkem Gebrauch eine rasche Abnutzung der Nervcnsubswuz und ein unvollkommener Ersatz derselben stattfindet.— Humoristisches. — Er kennt sich aus.„Aber, Franzi, waS wird Dein Papa sagen. Ivenn Du mit den zerrissenen und beschmutzten Kleidern heimkommst?"— „Das weiß ich schon I Er sagt:„WaS wird die Mama sagen?" I"— ■— I m E i f e r. Chef(der eine Todesanzeige erhält):„Na, die Frau kann froh fei», daß sie endlich den Lüderiahn und Säufer los ist!(Zum Komnns) Drücken Sie ihr'mal unser herzlichstes Beileid aus, Müller!"— — Ländlich.„Sagen Sie, Frau Wirtin, wann ist denn bei Ihnen Table-d'hote?" „Da brauchen S' nur aufz'passen, wann's Vieh g'füttert wird — a' halbe Stund' später is Tabl-dot' I"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Direktor Reinhardt hat das„Deutsche Theater" angekauft.— — Im„Kleinen Theater" wird die Aufführung einer neue», dreiaktigen Tragikomödie„Ein Feiertag" von Richard F e l l i u g e r vorbereitet. Das Stück soll schon Ende der nächsten Woche in Szene gehen.— — Stach Schnitzlers„Zwischenspiel" kommt im L e s s i n g» t h e a t e r die drciäktige Komödie„Rat Schrimpf" von Max Burckhardt zur Aufführung.— — Das Schiller-Theater 0. versucht es einmal mit einem neuen Stück. Für den 2. Dezember hat es die Uraufführung des vieraktigen Dramas„ W a» j u s ch i n s Kinder" von S. N a i d j o n o w angesetzt.— — Der Miinchener Komponist Wilhelm Mauke hat eine dreiaktige Oper„Der Taugenichts" vollendet. Das Libretto ist nach Eichendorffs„AuS dem Leben eines Taugenichts" ge- arbeitet.— — Der schnell bekannt gewordene Bildhauer A u g u st H u d l e r ist dieser Tage in einem Dresdener Krankenhause g e st o r b e n. Vor einigen Monaten war er als Lehrer an die Dresdener Kunst- akademie berufen ioorden.— Vcranttvortl. Redakteur:.Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwänsBuchdruckerci u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.