Wnterhattnngsblatt des Horwärls Nr. 231. Dienstag, den 23. November. 1905 (Nachdruck verboten.) Die Duerta» Roman von V. BlaSco Jbanez. Autorisierte Uebcrsetzung von Wilhelm Thal. Ms der Mann Batiste mitten auf dem Wege bemerkte. verlangsamte er seinen Schritt, und als Roseta ihren Vater erreichte, hatte sie einen großen Vorsprung vor ihrem Be- gleiter. Batiste blieb stehen, um zu warten, bis der Unbekannte an ihm vorüber war und um zu sehei� wer er überhaupt war. „Gute Nacht. Herr Batiste!" Es war dieselbe schüchterne Stimme, die ihn am Nach- mittag begrüßt: der Enkel des Vater Tomba. Dieser Bursche schien keine andere Beschäftigung zu haben, als auf den Wegen herumzustrolchen, um Batiste zu begrüßen und ihn mit seinen süßen Worten einzulullen. Er betrachtete seine Tochter, die rot wurde und die Augen zu Boden schlug. „Nach Hause! Ich werde Dich bringen." Und mit der furchtbaren Majestät des latinischen Vaters. der mehr Furcht als Liebe einzuflößen sucht lind absoluter Herr und Gebieter iiber das Leben seiner Kinder ist. setzte er seinen Weg fort, von der zitternden Roseta begleitet, die einer un- vermeidlichen Tracht Prügel entgegenzuwanden, glaubte. Sie irrte sich. In diesem Augenblick hatte ihr Vater keine anderen Kinder mehr auf der Welt, als seine Ernte, als dieses arme, runzlige, durstige Getreide, das ihn laut zu rufen und um einen Schluck Wasier zu bitten schien, um nicht sterben zu müssen. Daran dachte er. während seine Frau das Abend- essen bereitete. Das junge Mädchen ging in der Küche hin und her. besorgte scheinbar verschiedene Arbeiten, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und fürchtete von einer Minute zur anderen den Ausbruch des väterlichen Zornes. Doch Batiste dachte noch immer an sein Feld, während er an dem niedrigen Tische saß, an dem alle Kleinen beim Lichte des Tonlämpchens mit gierigen Augen die Kasserolle be- trachteten, in der der Stockfisch mit den Kartoffeln brodelte. Während des Essens seufzte die Frau wieder, jedenfalls weil sie einen Vergleich anstellte zwischen der fabelhaften Summe, die das Urteil ihnen raubte und dem hastigen Eifer. mit dem die ganze Familie die Kinnbacken arbeiten ließ. Batistet, der Aelteste. bemächtigte sich in scheinbarer Zerstreut- heit sogar des Brotes der Kleinen. Die Furcht verlieh Roseta einen wahrhaft wilden Appetit. Batiste selbst aß kaum, doch er betrachtete den Eßkampf der Seinen. Nie hatte er so klar wie in dieser Stunde die Last begriffen, die seine Schultern bedrückte. Alle diese Münder, die sich nur öffneten, um die mageren Ersparnisse der Familie zu verschlingen, würden nichts mehr zu essen be- kommen, wenn das 5korn da drüben vertrocknete. Und warum? Weil die Menschen ungerecht sind, weil es Gesetze gibt, die den Arbeiter belästigen! Nein, er konnte sich in ein solches Unrecht nicht fügen. Seine Familie kam in erster Reihe. Hatte er denn nicht die Kraft, die Seinen vor den größten Gefahren zu beschützen? Hatte er nicht die Pflicht, ihnen ihren Lebensunterhalt zu schaffen? Er war der Mann, zum Dieb zu werden, damit sie ihr Brot hatten. Und warum hätte er sich auch untenverfen sollen, da es sich ja nicht ums Stehlen, sondern um die Rettung seiner Ernte handelte, die ihm doch gehörte? Das Bild des Kanals, der in einer Ent- fernung von wenigen Schritten sein wohltätiges Wasser murmelnd dahinwälzte. war für ihn ein wahres Martyrium. Das brachte ihn in Wut, daß das Leben an seiner Tür vorbei- ging, ohne daß er einen Nutzen davon hatte, weil die Gesetze es so verlangten! Plötzlich erhob er sich, wie jemand, der eben einen Entschluß gefaßt und, um ihn auszuführen, alle Hinder- nisse mit Füßen tritt. „Zum Wasser! Zum Wasser!" Seine Frau bekam Angst, denn sie erriet sofort die Gefahr dieses verztveiselten Entschlusses. Großer Gott, was ist denn? Man würde ihm eine noch schwerere Geldstrafe auferlegen! Vielleicht würden ihm die Richter sogar, über den Widerstand empört, das Wasser für immer entziehen! Daran mußte man doch auch denken... das beste war, mau wartete ab...« Doch Batiste stand zu sehr unter dem Einfluß jenes eigen- sinnigen Zornes der phlegmatischen und gesetzten Leute, die die Ruhe ebenso langsam wiederfinden, wie sie sie verlieren. „Zum Wasser!" Und Batistet, der fröhlich die Worte seines Vaters wieder- holte, ergriff die Spaten und verließ,„von seiner Schwester und den Kleinen begleitet, das Haus. Sie wollten alle an dieser Arbeit teilnehmen, die einem Feste glich. Die Familie erhob sich wie ein Volk, das sich in einer Empörung die Freiheit erobert. Sie lenkten ihre Schritte nach dem Kanal, der im Schatten murmelte. Die ungeheuere Ebene verlor sich in einer bläu- lichen Dunkelheit in der Ferne: das Röhricht wiegte sich wie eine raunende, dunkle Masse, und die Sterne glitzerten im tiefen Azur des Himmels. Batiste trat bis zu den Knien in den Kanal, um die Schütze herabzudrücken, die das Wasser zurückhielt, während seine Frau, sein Sohn und seine Tochter die Böschung mit Hacken angriffen und Durchgänge herstellten, durch die das Wasser in großen Wirbeln stürzte. Die Erde sang vor Fröh- lichkeit, mit einem gierigen Glucksen, das allen das Herz er- freute. Trink' Du Aermste, trink'! Und mit den Füßen im Schmutz watend, mit gebeugtem Rücken, liefen sie von einem Ende des Feldes zum anderen, um zu sehen, ob das Wasser auch überall hinkain. Die ganze Fanylie empfand ein Gefühl der Frische und des Wohlbehagens. Batiste atmete mit der wilden Genug- tuung, die der Genuß des Verbotenen verleiht. Welche Last ihm das von der Brust nahm! Jetzt konnten sie kommen, die Leute vom Gericht, und tun, was sie wollten. Sein Feld trank, das war die Hauptsache. Mit dem feinen Gehör des Mannes, der an die Einsamkeit gewöhnt ist. glaubte er in dem benachbarten Röhricht ein selt- sames Knistern zu vernehmen. Sofort lief er nach dem Hause und kam in aller Eile, sein neues Gewehr in derFaust, zurück. Dann blieb er, den Finger am Hahn, über eine Stunde bei der Schütze stehen. Das Wasser schoß jetzt nicht mehr stromabwärts, es ver- breitete sich vollständig durch Batistes Aecker, die es mit un- ersättlicher Gier tranken. Vielleicht beklagte man sich da drüben, vielleicht streifte Pimento in seiner Eigenschaft als Atandador in der Nachbarschaft umher und entrüstete sich über diese freche Abweichung von der Vorschrift. Doch Batiste blieb wie eine Schildwache stehen, er verteidigte seine Ernte, kämpfte für seine Familie mit dem Heldenmut der Äcrzweiftung, wachte über die Sicherheit der Seinen, die auf dein Felde arbeiteten, um das Wasser zu verbreiten, und war fest entschlossen, auf den ersten Feuer zu geben, der es versuchte, die Schütze wieder hochzuziehen und den Strom des Wassers zurückzudämmen. Sie war so wild die Haltung dieses Mannes, dessen mächtige Gestalt sich unbeweglich mitten im Kanal abhob; man merkte, dieses schwarze Phantom war so fest entschlossen, jeden, der da auftauchte, mit Flintenschüssen zu empfangen, daß niemand das Röhricht verließ und die Furchen über eine Stunde ohne den geringsten Protest tranken. Und nun ereignete sich etwas noch Merkwürdigeres. Am folgenden Donnerstag ließ der Atandador Batiste nicht vor das Tribunal fordern. Die Huerta wußte jehtj daß der einzige Gegenstand von Wert in Barrets ehemaliger Hütte ein zwei- läufiges Gewehr war. das der Eindringling kürzlich mit der afrikanischen Leidenschaft des Valencianischen Bauern gekauft, der sich gern des Brotes beraubt, um hinter der Tür seiner Hütte eine neue Waffe stehen zu haben, die Neid zu erregen und Achtung einzuflößen vermag. V. Tagtäglich sprang Roseta. Batistes Tochter, beim Morgen- grauen aus dem Bett; mit noch schlummerschweren Augen reckte sie die Arme mit hübschen Bewegungen, die ihren an- mutigen Blondincnkörper erzittern ließen, und öffnete dann die Tür des Häuschens. Schnell erschien, um ihre Röcke herumspringend und vor Freude beulend,' der kleine häßliche Hund, der die Rächt draußen zugebracht; und das junge Mädchen goß sich beim Licht der letzten Sterne über das Gesicht und die Hände einen ganzen Eimer frisches Wasser, das sie aus dem dunklen runden Loche holte, über dem sich eine dichte Lorbeerkrone hinzog. Dann trippelte sie, beim Lichte der Tonlampe, durch das ganze Haus und bereitete alles für ihre Wanderung nach Valencia vor. Die Mutter folgte, ohne sie zu sehen, von ihrem Bett aus ihren Bewegungen und gab ihr eine Menge Er- mahmlngen. Sie konnte den Rest vom Abendessen initnehmeu, außerdem noch drei Sardinen, die in der Speisekammer standen; daran hatte sie genug. Achtung, daß sie nicht wie neulich den Napf zerbrach. Ach ja, sie sollte nicht vergessen. Nadel und Faden zu kaufen und ein Paar Schuhe für den Kleinen: das Kind ruinierte alles... Das Geld würde sie in der Schublade im kleinen Tische finden. Und während sich die Mutter, sanft von der Wärme der Schlafkammer eingelullt, mit der festen Absicht, noch eine halbe Stunde neben dem dicken Batiste zu schlafen, der geräuschvoll schnarchte, nach der anderen Seite umdrehte, setzte Roseta ihre Arbeit fort. Sie legte ihr Frühstück in einen Korb, fuhr sich mit dem Kamm durch die blonden Haare, die so hell waren, daß die Sonne die Farbe ausgebleicht zu haben schien, knüpfte ihr Tuch unter das Kinn mid warf, bevor sie ging, einen letzten Blick zurück, um sich zu überzeugen, daß die Kinder auch gut zugedeckt waren; sie war liebevoll besorgt um diese kleine Gesellschaft, die auf der Diele in demselben Zimmer schlief, von Batistet, dem Größten, an. bis zu dem Kleinsten, der kaum sprechen konnte. Wenn man die Kinder sah, mußte man un- willkürlich an Orgelpfeifen denken. Adieu, bis heut' abend," sagte das mutige junge Mädchen, indem sie ihren Arm in den Henkel des Korbes schob. Damit schloß sie die Tür der Hütte und legte den Schlüssel darunter. Jetzt war es Tag. Beim bläulichen Lichte der Dämmerung sah mau auf den Fußpfaden und auf den Wegen die fleißige Schar der Arbeiterinnen, die alle nach derselben Richtung eilten. Die Spinnerinnen marschierten in flinken Trupps und gleichmäßigem Schritte, während sie ihre rechten Arme wiegten, die die Luft wie ein Ruder durchschnitten, dabei schrien alle jedesmal im Chor, wenn sie vom benachbarten Felde aus ein Bursche im Vorübergehen mit einem groben Spaße begrüßte. Doch Roseta wanderte allein bis zur Stadt. Das blonde Mädchen kannte ihre Gefährtinnen ganz genau, diese Töchter und Schwestern von Leuten, die ihre Familie verabscheuten. Mehrere arbeiteten in derselben Fabrik wie sie, und häufig hatte sie sich mit den Nägeln vor ihren Bosheiten schützen müssen. Die einen benutzten ihre geringste Unaufmerksamkeit, um ihr Schmutz in den Korb zu werfen, in dem sie ihr Früh- stück aufbewahrte: sie hatten ihr weiß Gott wie oft ihren Napf zerbrochen und gingen in der Werkstatt nie an ihr vor- über, ohne sie gegen den rauchenden Kessel zu stoßen, in dem die Seidenwürmer ertränkt wurden; dabei nannten sie sie Hungerleiderin und ließen ihr und ihren Eltern noch andere Schmeichelworte zuteil werden. Darum wich sie ihnen auch unterwegs aus und fühlte sich erst dann ruhig, wenn sie die Fabrik auf dem Marktplatz betreten hatte: ein großes alter- tümliches Gebäude, dessen im vorigen Jahrhundert al fresco bemalte Fassade, die herite verfallen und mit Rissen bedeckt war, noch Gruppen von rosigen Beinen und bräunlichen Pro- sils, die Reste von Medaillons und Malereien zeigte. Von der ganzen Familie glich Roseta am meisten ihrem Vater. Sie war, wie Batiste von sich selbst sagte, ein wildes Arbeitstier. Ter glühende Dampf all dieser Kufen und Zuber, in denen man den Seidenwurm kochte, stieg ihr zu Kopfe und verbrannte ihr die Augen. Aber trotz alledem blieb sie fest aus dem Posten und suchte in dem kochenden Wasser die freien Glieder dieser weichen Kapseln mit der zarten Goldfarbe, die Raupe mit dem kostbaren Schleim, die sich in ihr kleines Gefängnis einspinnt, um es als weißer Schmetterling zu ver- lassen. In der ganzen Fabrik herrschte der Lärm der Arbeit, der ermüdend und betäubend auf die Mädchen der Huerta wirkte; waren sie doch an die Ruhe der großen Ebene gewöhnt, in der sich die Stimme auf weite Entfernungen überträgt. Unten dröhnte die Dampfmaschine mit dem entsetzlichen Grollen, das sich durch die tausend Röhren fortpflanzte, Rollen, Trans- viissionsriemeu, Haspeln drehten sich mit einem Höllenlärm, und gleichsam, als genügte dieser Tumult noch nicht, so sangen hie Spinnerinnen nach ihrer.Gewohnheit im Chore mit näselnder Stimme das Pater noster, das Ave Maria und Gloria Patri in demselben Tone frommer Cantilenen, der am Sonntag morgen die ganze Huerta durchlies. s Fortsetzung folgt.) Liemes feuilleton. hz. Unter der Geißel. Unter diesem Zeichen stand das Winterfest der„Freien Volksbühne". Ein glücklicher Gedanke, in den Bühnendarstellungen durch Mitglieder des Vereins glücklich zur Ausführung gebracht. Dazwischen wob die feine Kunst der Barthschen Madrigal-Vcreinigung die anmutigen Weisen alt- vergangener Lieder und Strophen, mit ihren neckischen Refrains, ihren spielerischen Gegenbewegungen, ihren verschlungenen Rhyth- wen und den sanft, innig und sicher abschließenden Kadenzen. Alt- Uraltväterweisen. Und auch die Geißel hatte das fechszehnte Jahr- hundert hergegeben. Und die Torheit, die fie traf, die war noch eben so neu wie sie selbst. Denn wenn alles altert, die Torheit und Narretei der Welt bleiben immer jung. Der alte wunk-ervolle Frans Hals hatte seirien„Narren" auf das Programm ichnet. Ein Erzschelm und verschmitzter Bruder dal Tie Kappe>'iif einem Ohr, die Finger an den Seiten der Guitarre— Lachen und Bitterkeit um den Mund— in den Augen Schelmerei und Verachtung—. eine feine Signatur. Man wußte gleich, wo's hinausgehen würde den Abend, man wußte, daß man auf Genüsse rechnen durfte, die nicht auf der Gasse gesucht worden. Ein bißchen knnsthistorisch-literarisch drückt's der Prologus-Narr so aus,„dem Mittelalter ein Denkmal meißeln, im Trink- und Weinlied und im Schwank." Und es ist Lachen und Lustigkeit und kichernde Verachtung. Stiche und Streiche. Keine Zoten,—„deutlich zwar, doch nicht gemein". So versprach's der Narr in seinem Prologe. Und das Lied sang: Nehmt in die Arm und küßt auch fein Die zarten schönen Jungfräulcin. Nicht auf Schleichwegen zum Lebensgenüsse, gerade drauf und herzhaft zugepackt, wic's der Jugend geziemt. Es klingt uns alles ja aus einer jüngeren Zeit. Tan tan dari don. Tan tan dari don... In einer Ecke stand Base Prüderie und bließ sich ein Tröpflein von der Nase, und in einer anderen die Unsterblichste der Unsterb- lichen, die Dummheit. Im lieben Publikum hielten ein paar zu ihnen, ini allgemeinen tat sich aber niemand um fie scheren. Der Verächter Ricolo Machiavelli kommt mit seiner zwciaktigen Komödie„Mandrazola" zuerst zu Wort. Eine ganz giftige Ge- schichte. Ihr müßt die Geschichte genießen, liebe Leute, das ist ganz recht, und Euch an ihrer gesunden Deutlichkeit erfreuen, und nicht gleich meinen, daß es eine deutliche Ungesundheit sei. Aber Ihr müßt noch mehr verstehen, was fie will. Sie will etwas, etwas ganz Giftiges, und sie will das mit einer äußeren Wirkung, frech und kitzelnd, unterhaltsam und gewagt. Ganz teuflisch.„Die Dummheit schließt die Auge» zu, und die Kirche gibt ihren Segen dazu," sagte es der Prolog.„Gesegnet sei darum allezeit, die Mandragola und die Geistlichkeit." Tie Satire ist schneidend, ver- nichtend, der Cynismus ist gallig bitter. Tie Geißel hat Wider- haken. Jeder Hieb sitzt. Auf die äußerste Kante ist das Spiel gestellt. Und das alles mit einem feinen Geiste, der die Menschen nicht nur karikiert, sondern sie völlig entblößt. Ich täte gerne die Geschichte von dem Schwachmatikus Messer Nicio erzählen, der gern ein Kind haben möchte. Wie er stch zu dem Zweck selbst zum Hahnrei macht. Und die Jugend, die draus ihre Genüsse zieht, und die Tugend, die tut. was Tugend immer tut. die nachgibt. Da hat die Dummheit glänzend ihren Hieb weg. Und die Kirche hat einen mit abgekriegt, der fast noch schlimmer ist. Wo hat die noch nicht Kupplerdienste gele,stet. wenn sie vom Himmel reden konnte, und ihren Magen meinte! Wo war ihr Sophismus um eine Erklärung verlegen, wenn fie die Hand aufhalten konnte! Sie schloß schon immer die Ehen im Himmel, aber sie strich stets ihren Lohn ein aus Erden. Machiavelli kannte sie. Er laßt sie hier den Ehebruch arrangieren und segnen. Merkt Ihr den grandiosen Witz, die vernichtende Bloßstellung? Wollt Ihr noch mehr? Nun so dies: lernt fie kennen! Ter verschmitzte Romane sagt's nicht extra. Wozu auch. Was müßt Ihr gleich«in Lehrlein haben? Nun. das gibt Euch der biedere Hans Sachs. Der geißelt nicht. der schlägt nur mit Ruten. Der lauft die Narren mit Kolben. Versteht das recht. Seid nicht einfältig, zimpert und pimpert nicht. Blamiert Euch nicht. Die Sprache von heute ist nicht die Sprache von damals mehr. Die tat noch breit und recht das Maul auf— Luther hat das auch den Predigern so geraten— die nannte noch das Natürliche natürlich, das Derbe derb, die war noch grob und ungeschlacht. Und wie die Menschen sprachen, so taten sie auch. Stoßt Euch nicht dra». Es ist immer noch ein extraer Rüpelsinn in diesen alten Komödien, den ich jetzt nicht mehr auseinandersetzen kann. Schimpft nicht, liebe Frauen. Ihr seid gewiß nicht so, wie hier ini„Toten Mann", aber nicht wahr, was Wahres ist doch dran? Nehmt Euch gleich Eure Rache am Kranken im„Narren- schneiden". So was kann in den Männern sprossen. Denkt nurl So ein Rattenkönig von Narreteien. Was der da im Magen hat, das hat so mancher im Hirn. Aber seid nicht einfältig, und guckt l)ie Lache nicht als eine Zahnoperation an, bei der man in Ohn» macht fallen muß. In einer groben Schale steckt hier ein feiner Kern. Und so deutsch ist das. so holzschnittmäßig. Bertragt das doch und laßt die dummen Schnacken.„Sonst zürnt Euch über den Echnax und Fax, füglich der Schuster und Singer Hans Sachs.— ck.„Es ist nicht wahr." Ter Restauraiionsraum liegt in dumpfer Trägheit. All die Symptome einer Erwcrbsstockung machen sich ausdringlich bemerkbar: Man hört die Gasflammen summen, das Tropfen des Wasserhahnes an der Spülvorrichtung des Büfetts; man' hört die Uhr ticken und das Papier knittern, wenn der ein- zige Gast, der einsam inmitten der leeren Tische und Stühle sitzt, die Zeitung wendet. Wie zum Hohn hocken wir Musikanten auf unserem Podium in einer Ecke des Lokales. Wir sind— drei Männer und ein Weib— zu der Arbeit verdammt, mit Tamtam, mit Singen und Klingen gegen die Grabesstille dieses Erbbegräbnisses anzu- kämpfen. Die ganze Trostlosigkeit des elenden Mufikantendaseins drängt sich lähmend in mein Bewußtsein. Diese Leere, diese Inhalts- losigkeit eines Lebens und das Ahnen, das Vorauswisien. daß sich da» nie ändern werde, daß höchstens an besonderen Geschäftstagen eine vom Alkoholgenusse erregte, brutal sich geberdende Gäste- schar, eingehüllt in dicke Wolken schlechten Zigarrcnqualmes, eine Abwechselung in die triste Oede bringen werde, dieses Bewußtsein und die Gewißheit, daß alles Rütteln und Zerren an den Fesseln der Wirklichkeit vergeblich, daß der unglückselige Beruf sein Opfer festhält, wie die Schande, aus deren Umklammerung es kein Ent- weichen gibt, das führt unweigerlich zur Verblödung. Wir bilden ein„italienisches Tanz- und Gesangs-Ensemble". Trotz meines unverkennbar deutschen Charakters hat man mich in ein italienisches Pagliaccio-Kostüm gesteckt. Meine Zunftgenossen find„echt"; im herrlichen Neapel geboren. Eine unglückliche Ge- schichte liegt in ihrer Vergangenheit. Sie bilden eine Familie; Vater. Mutter und Sohn. Der Vater war Lehrer in Neapel; er hat in seiner Militär- dienstzeit von einem„Stellvertreter Gottes auf Erden" ein An- denken für die ganze Zeit seines Erdenwallens erhalten, das sich ihm in Form eines Ohrenleidens von Jahr zu Jahr fühlbarer machte und ihn zwang, den Beruf eines Volkserziehers aufzustecken. Seine Frau entstammte einer„kleinen Beamten"-Familie Neapels; fie hatte als Mädcben guten Gesangsunterricht genossen. Wie so die einfältigen Menschen find! Sie schämten sich ihres Unglücks; sie flüchteten vor dem Hohne, dem cynischen Mitleide der lieben Nachbarn ins Ausland, und nun versuchen fie in Deutsch- land als Musikanten ihre Magen in normaler Funktion zu er- halten. So lange die Mutter noch„dells Signora", ging das Geschäft gut. Der Sohn konnte ein Konservatorium für Musik besuchen. Nun steht die Signora an der Schwelle der Vierzig. Sie„zieht" nicht mehr. Der Sohn, kaum dreizehnjährig, muhte eintreten in die Tretmühle des Lohnsklaventums. Die Not, das Unglück zerfrißt ihre Herzen, erzeugt böse Säfte. die das Blut vergiften, das Gemüt umdüstern und gallige Wut über die Lippen treiben. Einer wirft dem anderen die Schuld an seinem Elende vor. Ewig wogt der Zank und Streit zwischen ihnen. Nur der vorwurfsvolle, unheilvoll die Kündigung ver- heißende Blick des Wirtes macht sie schreckhaft verstummen, und die Angst um die Existenz schlingt schnell ein einigendes Band um fie. Das Tanibourin gellt, ihre Augen sprühen Lust und Leiden- schaft, und wild braust die Tarantella über die schaukelnden Bretter des Podiums, daß das Klavier unter meinen Händen auf und ab wippt. Danach wage ich Signora zu bitten, das schöne Lied zu singen „Non e ver."(„Es ist nicht wahr!") Sie singt es so schön, so warm, so schluchzend, und ihre schivarzcn Augen fließen vor Weh- mut über, wohl weil sie die Wahrheit klagt. „Hier ichc bin Pagliaccio!" sagte fie wehleidig in gebrochenem Deutsch zu mir.„Jche muß laken un immer heiter; aber iche möchte weinen I Jsse mein Leben schwerer wie das von andere Leute. Jche seit zehn Jahre so fingen muß. Zehn Jahre keine Theater, kein Promenade, kein Verkehr mit Leute, die nich finde von dieses Geschäft. Jche immer fingen; spät nak. Hause, und immer Acrger.— Möcht ich. daß mein Wirtschaft aussehn wie eine Bukett;— aber wann malen ich das? Spät in Bett, muß lang schlafen. Jche nur kann koken— un wieder weg. Jsie sehr schlimm das!" So klagt sie über die degenerierende, das Familienleben zer- störende Lohnsklaverei.— t. Die schwimmende» Insel» des Nil. Wie der Nilstrom über- Haupt, ist sein Schlamm gewifiermaßen historisch geheiligt. Wenn die Ueberflutungen durch den Nil im Altertum Aegypten zu einem reichen Land gemacht und die dort erwachsene hohe Kultur eigentlich erst ermöglicht haben, so ist der Grund dafür in den besruchlenden Eigenschaften de« NilschlammS zu suchen. Daneben besitzt der Nil nach eine andere Merkwürdigkeit, die jedem Reisenden auffallen muß. Sie besteht in einer Art von schwimmenden Inseln, die aus mehr oder weniger großen Mengen in einander geschlungener Massen von �Pflanzen bestehen. Der Leiter deS Forst- Wesens im Sudan hat jetzt eine botanische Untersuchung der treibenden Pflanzeninseln angestellt. Hauptsächlich sind vier Pflanzen an ihrer Bildung beteiligt, einmal die PapyruS- staude, dann eine Art der Hirse, die von den Arabern als Wollmutter bezeichnet wird, drittens gemeines Schilf und viertens«ine Art des als Sumpfgewächs bekannten Rohrkolbens. Mit dieser Aufzählung ist aber die Pflanzenwelt der schwimmenden Inseln des Nil durch- aus nicht erschöpft. Eine wichtige Rolle spieleil außerdem acht Arten von Schlingpflanzen, die hauptsächlich dafür sorgen, daß die von ihrem Standort losgelösten Massen ihren Zusammenhalt im fliehenden Wasser bewahren. Dazu kommt noch eine lange Reihe von Pflanzen, die sich auf vorübergehend überschivemmtcm Boden ansiedeln und dann oft wieder fortgerissen werden. Unter ihnen ist auch eine Anzahl von Bäumen, die auf den schwimmenden Inseln munter weiter wachsen. Im ganzen erreichen diese oft die Aus- dehmmg stattlicher Flöße von beträchtlichem Tiefgang. Der Papyrus erfordert in den Sümpfen eine etwas größere Wassertiefe, während in den flacheren Strecken der Rohrkolben vorherrscht und das Schilf überall vorkommt.— Theater. Schauspielhaus. Der Froschkönig. Romantische Komödie in drei Aufzügen von D i e t r i ch E ck a r t.— Es ist nichts so schlimm, daß es nicht schlimmer werden könnte. Wie wurde nicht Philippi, der ehemalig« Hauptlieferant von Schauspielhaus- Premieren wegen der Skrupellofigkeit, mit der er auf den äußeren Theatereffelt hinarbeitet«, von der Kriük verhöhnt I Vielleicht, daß nun die Tlrektion aus diesem Grunde die regelmäßige, Geschäfts- Verbindung mit ihm abgebrochen Hot. Sein neuestes Produkt, so heißt es, soll auf einer Bühne der Provinz das Licht der Welt erblicken. Jndeö, wie ficht's mit den Ersatzmannschaften aus? Tie Auf- führung von Eckardts„romantischer Komödie" weckte ein beinah wehmütiges Erinnern an den Verfasser des„Großen Lichts" und des„Dunklen Tores". Die Sirupellosigkeit wird hier noch über- boten, nur daß, während Philippi sich denn doch auf das Arran- gieren der Effekte verstand, Herr Eckard- immer nur nach ihnen hascht, ohne jemals einen wirklich zu erwischen. Nicht die Komödie, die darin eingewickelte Melodramatik des schwarzlockigen aus all- gemeiner Melancholie Juwelen stehlenden Helden bringt zum Lachen. Ein früheres Schauspiel Eckarts,„Familienväter", in Deutschland noch nirgends ausgeführt, hatte besseres erwarten lassen. Da spürte man bei aller Unbeholfenheit der Technik, daß es dem Autor ernst war mit dem, was er zu sagen hatte. Er geißelte im speziellen, auf den„Lokal-Anzeiger" und den großmächtigen Herrn desselben anspielend, das Kulitum der Journalisten, die um des liebe» Brotes willen je nach der von dem Verleger ausgegebenen Parole schwarz in weiß und weiß in schwarz umfärben. Wenn auch der Schluß — der Selbstmord eines Dramen dichtender Angestellten, gegen dessen mißliebiges Werk die Geldmacht des Verlegers einen Theater- boykott inszeniert— in seiner mehr als mangelhaften Motivierung und überflüssigen Wehleidigkeit emtäuscht, das Thema interessiert, und die Schilderung der Redakteurtypcn zeigt Spuren einer frisch zupackenden satirischen Kraft. In der Komödie sucht man nach einem solchen substantiellen Kern vergebens. Die Figur des trottelhafte» Polizeimenschen, der den im Hause des Kommerzienrats verübten Juwelendiebstahl untersuchen soll und dabei, stets auf seinen Scharfsinn pochend, den als Graf maskierten Dieb mit Ehrenbezeugungen überhäuft, hatte wohl einige satirisch amüsante Pointen, wirkte aber im ganzen doch nur als matter Abklatsch des seligen Wehrhahn in dem Hauptmannschen„Biberpelz"/ Immerhin stach auch noch die Kopie gegen die Originale, die in dem Werk ihr Wesen treiben, vor allem gegen den bereits erwähnten Helden, vorteilhaft ab. Dieser düster blickend« Herr mit den aristokratischen Manieren, erscheint bei dem Kommerzienrat, plaudert allerhand GcschäflUches und zieht sodann kalt lächelnd den gestohlenen Schmuck aus seiner Drusttasche hervor. „Seine Leute" haben ihm das Ding gebracht, ftandalöserweise find. aber die Juwelen, von denen der kreditbedürfligc Besitzer aussprengen ließ, sie hätten(50 000 M. gekostet, nicht echt. Ter Fremd- fing droht, er werde, wenn man ihm nicht sofort ein Sümmchen von 10 000 M. aushändige, die blamable Geschickte publik machen, und der Kommerzienrat in seiner Angst bezahlt. Das ist nun reichlich unwahrscheinlich, aber da zwischendurch die gnädige Frau erscheint, den Herrn Grafen um die Ehre seines Besuchs zu bitten, und da das jüngste Fräulein Tochter frcud- und liebestrahlend in ihm den kühnen Retter ihres fast ertrunkenen Pudels wieder er- kennt, denkt»ran, es sei doch wenigstens auf lusfige Nnmöglichkeiten, auf ein toll-parodistisches Durcheinander nach Pariser Sckuvankart abgesehen, wo der Abenteurer, seine Unverschämtheit stilvoll weiter steigernd, schließlich bei dem von ihm Bestohlenen um die Hand des Mädchens anhalten werde, bis dann die Maskerade in irgend einem komischen Eklat ihr Ende findet. Statt dessen gibtS nach diesem Possenauftritt„Romantik". Weltschmerz, Mondschein, Liebe! Der ganz unterhaltsame Frechling des ersten Aktes verwandelt sich in eine Sorte Edelanarchist, die jedem Kolportageroman zur Zierde gereichen würde. Die Augen des Backfisches lösen das cifig starre Schweigen seiner Seele. Er erzählt ihr das� Märchen von dem Froschkönig, der nur durch den Kuß einer ebenso schönen Im« reinen Prinzessin von seiner Mißgestalt befreit werden tonnte. So harre er selbst der Befreiung. Die Menschen ekelten ihn dermaßen an, daß er teils aus Rache wider das mißratene Geschlecht, teils in der Hoffnung, einmal arretiert zu werden und dabei die Gelegen, heit zu einem Selbstmord auszunutzen, sich der Spitzbuben- und Tiebeskarricre höheren Stils gewidmet habe. DaS alles wird im vollen Ernst«vorgetragen, an einzelnen Spellen bekräftigt durch Klavierbegleitung. Es war schauerlich ergreifend. Die kleine a bekommt vor ihrer Liebe solche Angst, dag sie sich Hals über Kopf mit einem faden Forstassessor verlobt. Das Licht erlischt, die Mächte der Finsternis haben den llnglücklichcn wieder. Das Kollier, das die Kommerzienrätin am Schluß ihm anvertraut, wird sie nie wiedersehen. Das ist die Strafe, wenn man lieber- menschen um eines Assessors willen ausschlägt. Die mäßigen Komödienszenen, die das schicksalsschwangcre Seelendrama ein- rahmten, retteten das Stück vor dem verdienten Durchfall. Ter Autor konnte einige Male erscheinen. Matkowsky mußte cen Rinaldo tragieren. Die relativ dankbarste Rolle, der Polizeirat, wurde in sehr chara'teristischer Maske von Herrn Grube gespielt.— dt. Lessing-Theater. Zwischenspiel. Komödie in drei Akten von Artur Schnitzler. Der interessanteste Dranialiker, den wir neben Hauptmann besitzen, ist in Gefahr, sich dem Theater zu entsremden i dieser Eindruck ließ keine rechte Freude an dem ver- schlungenen Geflechte seelischer Nuancen in dem neuen Werke auf- kommen. Er nutzt, schon in dem„Einsame Wege" trat diese Neigung hervor, seine Menschen jetzt lieber zu einem geistreich gedankenvollen Spiel, als daß er sie und ihre Schicksale zu anschaulicher Realität auszugestalten strebt. Er verkörperlicht die Per- sonen, rückt sie in eine schattenhaste Ferne, in welcher der Zuschauer nicht mehr unterscheiden kann, tvas ein notwendiges Ge- schehen, was dichterische Willkür ist. Nicht nur die Bühnenwirksam- keit im größeren Sinne, auch die. die mit zu dem Wesen jede» echten Dramas gehört und sich auf den Glauben an die Wahrheit des im Bühnenbilde Dargestellten gründet, geht bei dieser Art ver- lorcn. Die dreiaktige Komödie wirst wie ein Selbstgespräch des Dichters, ein Duett der Enipfindunge», das er an Mann und Frau verteilt hat; davon, daß die beiden mehr als nur die Vortragenden, daß sie selbständige Eigenwesen sind, davon kamt er uns nicht über- zeugen. Niemand wird Schnitzlers Landsmann Hermann Bahr, der sein Talent durch so viel schlechte, flüchtig auf den Tageserfolg hin- gearbeitete Stücke kompromittiert hat, als künstlerische Gesamt- Persönlichkeit dem Wiener Dramatiker zur Seite stellen wollen. Aber in dem einen Bühnenwerk, das Vahr gelungen und das einen in inancherlei Hinsicht verwandten Konflikt behandelt, hat�er, der Ilnbedenk- liche, der auch hier die Mittel der Theatermache nicht verschmäht, viel mehr als SchnitzlerS überfeines„Zwischenspiel" die Impression der Wirk- lichkcit erreicht. Der Meister Cajus, der grobkörnige für Konsequenz begeisterte Naturwissenschaftler, vergleich Schnitzlers ätherische»! Kapellmeister die eheliche Treue für eine belangloseKonvention erklärt und sich wie seiner Frau— sie ist bei Bahr die'wissenschaftliche, in Schnitzlers Stück die künstlerische Mitarbeiterin des Mannes— das Reckt der vollen Liebesfreiheit wahren will, steht in fest unirissener Zeichnung leibhaft uns vor Augen. Man begreift, wie er geworden, wie sich das angeborene Temperament mit seinem geistigen EntwickelungS- gang vereinigte, um dies und gerade dies Produkt zu erzeugen. Die Trennung zwischen ihm und seiner Frau, die in ihrer Freiheit nach Zärtlichkeit und Liebe hungert, erscheint durch eine klare Rot- wendigkeit bedingt. Bei Schnitzlcr aber verlieren sich die Voraussetzungen in ein dämmerndes Zwielicht. Wir hören das Gespräch der beiden seit- samen Menschen, des Komponisten Amadeus und seines jungen Weibes, der berühmten Opernsangcrin. Sie haben einen Pakt ge- schlössen: Jedes von ihnen soll den Regungen des Herzens frei folgen dürfen, aber verpflichtet sein, dem anderen in voller Wahrheit alle Seitensprünge, auch die der bloßen Empflndnng, zu beichten. Wie sie ihn schließen, wie sie ihn bewahre» konnten, wie sich unter dieser Bedingung die sieben Jahre ihres Ehelcbens gestaltet haben mögen, das alles deckt ein dichter Schleier zu. Der Pakt, auf den sich alles weitere aufbaut, scheint loidersinnig in sich selber. Eine Freiheit, die in dieser Weise die Beichte nicht vom inneren Be- dürfnis abhängig macht, sondern für alle Fälle vorschreibt, ist keine Freiheit mehr, am wenigsten sollte man meinen, für zart empfindende Naturen, wie es doch Schnitzlers AinadeuS sein toll. Das Eingehen einer solchen Verpflichtnng hat offenbar nur einen Sinn für den. der ganz im Widerspruche zu dem flatter- haften Helden des Stückes sich gegen die Versuchung zur Untreue mit aller Kraft verschanzen lvill.' Dein, der diese Dinge leicht nimmt, muß das Versprechen zum lästigen aufgedrungenen Zwange werden. Der Stolz, mit dem ein Amadeus davon spricht, ist einfach unverständlich. Es sieht so aus, als sei ihm die Erfüllung dieser Pflicht besondere Genugtuung, als ahne er gar nicht, welchen Schmerz er seiner Fran bereitet. Er rühmt sich sogar seiner Offenheit noch vor der ganz gelvöhnlichen Kokette, der gräflichen Theaterdame, die ihn in ihren Netzen fängt. Die Anscinandersetzung der beiden Gatten vollzieht sich mit musterhafter Delikatesse, durch keinen rauh vorbrechenden Natnrlaut des Leides gestört. Die Frau, von einem jungen Fürsten hofiert, Ivird in Berlin ein Engagement annehmen. Der Mann kann so, ganz un- gehindert, sick der neuen Liebschaft, die er, wie alle früheren als un- abänderliche Schicksalsendung hinnimmt, widnien. Als Cäcilie nach einigen Monaten voll rauschender Bühnentriumphe Amadeus und ihren kleinen Knaben wieder aufsucht, findet sie daS Feuer dieser letzten Leideitschaft schon längst verglüht. Bangen Herzens hatte sie ihn, den noch immer Geliebten, verlassen, doch draußen in der großen glänzeden Welt vernarbte die Wunde. Ein neues Jugendgefühl und wildes Glücksverlangen sind in ihr er- lvacht. Als seine alle liebe Kameradin heißt der Komponist sie will» kommen. Ihre Schönheit entflammt ihn, seinem heißen Werben gibt die Widerstrebende einmal noch, zum letztenmal sich hin. Der dritte Akt, der bei dem Premierenpublikunt auf teilweise Opposition stieß, hat noch den nieisteit dramatischen Akzent. Wie diese Liebesnacht den bissigen Gemahl in.einen eifersüchtigen Liebhaber umwandelt, der den fürstlichen Kurinacher seiner Fran vor die Pistole fordern möchte, das ist mit überlegener feiner Ironie skizziert. Recht glaube» kann man freilich nicht an diese plötzliche Dnellwut, wie man auch nicht versteht, daß sich des Amadeus geistreicher Freund, der mit seinem spöttischen Räsounement begleitet, zur Sekundantenrolle pressen läßt. Antadens ineint, nun müsse alles wieder sein wie früher: ste aber, die weiterfchauende, die tiefer fühlende und kühnere löst den Bund. DaS was gewesen, wird sich immer wiederholen; die Illusion, die ihr das Bild des Mannes zauberisch verklärte, ist dahin. So scheidet sie von ihm. Das Spiel von B a ss e r m a n n und Irene Triesch in den beiden Hauptrollen war meisterhaft. Würdig stand ihnen Reicher in der Figur des Hausfreundes und Räsouneurs zur Seite. d t. Astronomisches. — Der neue Komet nimmt an Helligkeit immer mehr a b. Auf Grund der Beobachtungen vom 18., 19. und 20. Ro- vomber hat Dr. M. Ebell in Kiel seine Bahn berechnet. Danach hat der Komet, wie der„Tägl. Rundsch." geschrieben ivird, seine größte Sonnennähe sdas„Perihel") bereits am 27. Oktober erreicht: er stand damals in einem Abstand von 1ä9 Millionen Kilometer (also nur etwas■ mehr als die Erde) von ihr; erfahrungsgemäß nimmt nach dem Perihel Helligkeit und Schweifcntwickelung immer mehr ab. Unglücklicherweise ist auch die größte Eronähe schon vor- über: am 20. November war er 36,4 Millionen Kilometer von uns entfernt, bis zum 10. Dezember wächst der Abstand auf 120 Millionen Kilometer. Die Helligkeit war zur Zeit der Eist- deckung auf siebeute Größe geschätzt worden lzuin Vergleich diene die Bemerkung, daß unter günstigen Verhältnissen Sterne sechster Größe mit bloßem Auge wahrnehmbar find), am 28. November ist er nur neunter, am 6. Dezember zehnter und am 10. Dezember nur noch elfter Größe: eS gehören dann schon recht große Fernrohre dazu, um ihn anfzufinden und zu beobachten. Die Bahn, in der er seinen Weg um die Sonne zieht, liegt außerhalb der Erdbahn, deren Ebene ist gegen die letzteren um 41 Grad geneigt. Die DurchstoßmigZ- punkte(die„Knoten") seines Weges mit der genannten Grundebene liegen in der Richtung, die von der Sonne nach der Wage führt, und zwar kommt er in der Wage selbst von Süden nach Norden herauf, dort ist also der„aussteigende Knoten". Sein Weg ist eine Parabel: ans dein Unendlichen kommend, wurde er von der anziehenden Kraft der Sonne gezwungen, sie zu umkreisen, je näher er ihr kam, um so eiliger ward sei» Lauf, bis mit der größten An« Näherung an die Sonne das Spiel sich umkehrte, in derselben Weise verringerte sich die Geschtvindigkeit, er verliert sich wieder ins Unendliche.— Notizen. — Zur Instandsetzung des Kleist-GrabeS ist in den preußischen Etat die Summe von 10000 Mark eingesetzt worden.— — Hermann Nissen wird vom 1. Juli 1906 ab die Leitung und Pacht des Neuen Theaters übernehmen. Rein- Hardt erhält eine Abstaudssuminc von 135 000 Mark. Das Neue Theater soll eine.vornehme Lustspielbühne" werden.— — Maxim GorkiS neue Stücke„Die Barbaren' und „Kinder der Sonne" werden im Kleinen Theater in Szene gehen.— —„Der Weg zur Hölle", ein neuer dreiaktigcr Schlvank von G n st a V Kadelburg, gelangt zu Weihnachten im Lust- s p i e l h a u s e zur Aufführung.— — Im Gärtnerplatz-Theater zu München hat Ludwig Thoma's vieraktige Posse mit Gesang„Der Schuft ernazi" freundliche Aufnahme gefunden.— — Hermann B a h r s Schauspiel„ D i e A n d e r e" ist im Wiener Deutschen Volkstheater unter Zischen und Pfeifen zu Ende gespielt worden.— —„Gesang der Verklä rten", M a x Re g e r s fünf- stimmiges Chorwerk mit großem Orchester, gelangt am 14. Dezember durch das städtische Orchester in Aachen zur ersten Aufführung.— —„Tannhäuser" hat dieser Tage im Wiener Hof- O p e r n t h e a t e r die 300. Aufführung erlebt. Die Gesamt- einnahmen betrugen zwei Millionen, die Tantieme 200 000 Kronen.— — Mit der K u n st a u s st e l l u n g Mannheim 1 907 wird eine große Garte nbau-Auö st ellung verbunden sein. lverantwortl. Redalleur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VurivartsBuchdruckerei u.Verlagsaustalt Paul Singer ScCo..BerlinSlV.