Mnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 232. Mittwoch, den 29� NobemBcr. 1903 12] Die r)uerta. (Nachdruck verboten.) Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Das hinderte die Mädchen nicht, beim Singen zu lachen und sich auch ganz leise zwischen zwei Gebeten zu schimpfen, ja sich sogar, wenn sie die Fabrik verließen, die Haare zu zer- zausen. Denn die braunen Mädchen ächzten zwar unter dem unbeugsamen Despotismus, der in den Bauernfamilien herrscht, und mußten nach ererbter Tradition vor den Männern stets die Augen zu Boden schlagen; doch waren sie einmal allein, so gebärdeten sie sich in ihrer Zügellosigkeit wie wahre Dämonen, und sie wiederholten die Roheiten, die sie unter- Wegs aus dem Munde der Kutscher und Bauern gehört hatten. In den ersten Wochen ihrer Lehrzeit sah Roseta nicht ohne Furcht die Nacht herannahen und mit der Nacht die(stunde, wo sie nach Hause zurückkehren mußte. Aus Furcht vor den Kameradinnen, die denselben Weg wanderten, blieb sie etwas länger in der Fabrik und ließ die anderen zuerst wie einen Wirbelwind hermisschießen. Dann machte sie sich in der frischen Winterdämmerung auf den Weg, wanderte müde durch die Straßen der Stadt, machte die Einkäufe, mit denen ihre Mutter sie beauftragt, und blieb verwundert vor den Schau- fensteru stehen, die schon im Lichterglanze strahlten; endlich entschloß sie sich, die Brücke zu überschreiten und die dunklen Gassen der Vorstädte zu betreten, durch die sie die Landstraße von Alboraya erreichte. Bis dahin ging alles gut. Aber dann kam sie in die dunkle Huerta mit den geheimnisvollen Tönen, den schwarzen ängstigenden Gestalten, die sie streiften und sie mit einem düsteren Bona nit! begrüßten. Nun begann die Angst und das Zähneklappern. Nicht etwa, daß sie sich von dem Schweigen und dem Dunkel hätte einschüchtern lassen! Inmitten der Felder er- zogen, war sie daran gewöhnt. Hätte sie genau gewußt, sie würde niemand unterwegs begegnen, sie hätte sich glücklich ge- schäht. Niemals dachte sie in ihrer Furcht, wie ihre Kameradinnen, an die Toten, an die Heren und Gespenster; nein, die Lebenden beunruhigten sie. Sie erinnerte sich mit immer größerer Angst an einzelne Geschichten, die sie in der Werkstatt gehört, an die Furcht, die die Mädchen vor Pimento und anderen häßlichen Persönlichkeiten hatten, die sich bei Copa versammelten, an die Unholde, die die Arbeiterinnen überall kniffen oder in die Wasserläufe stießen. Und Roseta, die seit ihrem Eintritt in die Fabrik nicht mehr so naiv war, ließ ihre Phantasie bis zu den äußersten Grenzen des Schrecklichen schweifen, sie sah sich bereits von einem jener Ungeheuer er- mordet, wie die Kinder, von denen die Legenden der Huerta erzählen, daß geheimnisvolle Henker ihnen das Blut abzapfen, um daraus Wlindertränke für die Reichen zu brauen. An diesen düsteren, oft regnerischen Winterabenden legte Roseta eine gute Hälfte des Weges unter Zittern und Zagen zurück. Doch am schlimmsten ängstigte sie sich erst ganz zuletzt, wenn sie schon in der Nähe des Hauses angelangt war; das fürchterlichste Hindernis, das sie zu überschreiten hatte, war Copas Schenke. Diese Schenke erschien ihr als der Herd des Bösen. Dabei herrschte auf diesem Stück des Weges der meiste Verkehr, und er war am besten beleuchtet. Lärni und Lachen, Gitarrespiel und laute Lieder drangen aus dieser Tür, die, flammend wie die Oeffnung eines Ofens, auf den schwarzen Weg einen viereckigen roten Lichtschein warf, in welchem groteske Schatten sich bewegten. Und trotzdem blieb das Mädchen, wenn es an diese Stelle kam, schwankend, zitternd stehen, wie die Heldin der Märchen vor der Höhle des Menschenfressers: sie war stets bereit, nach den Feldern zu stürzen, an den Häusern vorbeizueilen, in den Kanal zu springen und scheu hinter die Böschung zu schleichen, kurz, sie war zu allem bereit, wenn sie nur nicht an diesem Rachen vorüber mußte, der den Lärm der Trunksucht und die Roheit ausspie. Aber endlich entschloß sie sich. Sie machte eine heftig Willensanstrengung, wie jemand, der sich von einer Höh hcnuiterstürzen will und ging ganz am Rande des Kanals, mit der wunderbaren Ruhe, die nur daS Entsetzen verleiht, blitzschnell an der Schenke vorüber. So erschien sie wie ein Nebel, wie ein weißer Schatten vor den trüben Augen von Copas Gästen, deren Blicke keine Zeit hatten, auf ihr haften zu bleiben. War sie an der Schenke vorüber, so lief sie, was sie konnte, denn sie glaubte, es wäre noch immer jemand hinter ihr her, und sie fürchtete, eine unwiderstehliche Faust würde sie heftig am Rocke ziehen. Sie beruhigte sich erst in dem Augenblicke, wo sie das Geheul ihres Hundes vernahm, des häßlichen Tieres, der sie mitten auf dem Wege mit tollen Sprüngen empfing und ihr freudig die Hände leckte. Nie ahnten ihre Eltern die Angst, die Roseta unterwegs empfand. Sobald das Mädchen das Haus betrat, glättete sich ihr Gesicht, und ihre Haltung wurde ruhig. Auf die Frage ihrer besorgten Mutter antwortete sie lachend, indem sie sich recht tapfer stellte, und behauptete, sie wäre mit anderen Arbeiterinnen zurückgekommen. Sie wollte nämlich nicht haben, daß ihr Vater abends ausgehen sollte, um sie zu begleiten; sie kannte den Haß der Nachbarn zu genau, und diese Schenke Copas mit ihrer zänkischen Bande flößte ihr zu großen Schreck ein. Am nächsten Tage kehrte sie wieder nach der Fabrik zurück, um von neuem die nächtliche Angst zu erdulden; nur in dein Gedanken schöpfte sie Hoffnung, bald würde der Frühling mit seinen längeren Nachniittagen und seiner helleren Dämmerung kommen, so daß sie das Haus vor Einbruch der Dunkelheit erreichen konnte. Eines Abends wurde Roseta ein wenig von ihrer Sorge befreit. Als sie noch in der Nähe der Stadt war, erschien ein Mann auf der Landstraße, der in. demselben Schritt wie sie ein Weilchen neben ihr herzuwandern begann. „Gute Nacht!" grüßte er. Und während die Spinnerin über die hohe Böschung wanderte, die dw Landstraße begrenzt, schritt der Mann nach einer Weile unten dahin, zwischen den tiefen Furchen, die die Räder der Wagen in den Erdboden gegraben hatten. Er stolperte oft über zerbrochene Ziegel, über Trümmer von Töpfen, über Glasstücke, mit denen vorsichtige Hände die alten Löcher ausfüllen gewollt. Roseta batte keine Furcht. Von dem Augenblick an, wo er ihr„Gute Nacht!" gesagt hatte, hatte sie ihn erkannt. Es war Tonet, der Enkel des Vaters Tomöa, jener gute Bursche, der beim Schlächter von Alboraya Knecht war. und über den sich die Spinnerinnen belustigten, wenn sie ihm auf der Land- straße begegneten; es machte ihnen großen Spaß, wenn er rot wurde und bei dem ersten Worte, das sie an ihn richteten, den Kopf abwandte. Ein so schüchterner Bursche! Er hatte keine anderen Ver- wandten als seinen Großvater. Er wurde zu allen Arbeiten verwendet: ging nach Valencia, um den Mist für die Felder seines Herrn zu sammeln, half diesem beim Viehschlachten, bearbeitete die Erde und tmg das Fleisch nach den reichereu Pachtyöfen. Das alles tat er, um seinen Großvater und sich selbst zu ernähren und als Kleidung die alten Sachen� des Schlächters zu bekommen. Er rauchte nicht, war nur zweimal in seinem Leben zu Copa gegangen, und wenn er Sonntags ein paar Stunden freie Zeit hatte, so blieb er nicht, wie die anderen, auf dem Platze von Alboraya sitzen, um dem Kegel- spiel zuzusehen, sondern er wanderte durch die Landschaft. Ziellos irrte er durch das verwickelte Netz der Fußpfade, und stieß er auf einen Baum, auf dem Vögel saßen, so blieb er mit offenem Munde stehen, sah ihnen zu. wie sie mit den Flügeln schlugen und lauschte dem Zwitschern dieser Luftzigeuner. Die Leute fanden die geheimnisvolle Art seines Großvaters zum Teil in ihm wieder, und jedermann betrachtete ihn als einen furchtsamen, gefügigen, einfältigen Menschen. In dieser Gesellschaft faßte Roseta wieder Mut Stets fühlte sie sich bei einem Manne in größerer Sicherheit, be- sonders wenn dieser Mann Tonet war, zu dem sie Vertrauen hatte. Sie redete ihn an und fragte ihn, woher er käme, und der junge Manu versetzte recht unbestimmt mit seiner gewöhn lichen Schüchternheit: „Von dort drüben!" Dann schwieg er. als hätten ihm diese Worte eine uii- geheuere Aiistrengung gekostet. Sie setzte stillschweigend ihre» Weg fort. In der Nahe des Hauses trennten sie sich. - 926— „Gute Nacht und Dank!" „Gute Nacht!" Damit verschwand Tonet in der Richtung des Dorfes. Das war ein bedeutungsloser Vorfall, eine angenehme Begegnung, die sie von ihrer Furcht befreit hatte. Und doch dachte Roseta diesen Abend beim Essen, und als sie sich zu Bett legte, an den Enkel des alten Schäfers. Sie erinnerte sich jetzt an die Tage, da ste ihn morgens auf der Landstraße bemerkt hatte; und sie glaubte sogar. Tonet ginge absichtlich in demselben Schritte wie sie, während er ein wenig zurückblieb, um nicht die Aufmerksamkeit der Arbeiterinnen zu erregen. Ja, sie glaubte sogar, er hätte sie an bestimmten Tagen, wenn sie Plötzlich den Kopf drehte, starr angesehen, und das junge Mädchen knüpfte die zerrissenen Fäden ihrer Erinnerungen wieder zusammen und holte aus ihrem Gedächtnis alle Vorfälle ihres Lebens, die auf den jungen Mann Bezug hatten; sie dachte an den ersten Tag, da sie ihn gesehen, und an die mitleidsvolle Sympathie, die er ihr wegen der Hänseleien der Kameradinnen eingeflößt hatte; er ertrug diesen Spott schüchtern und mit gesenktem Haupte, als wenn diese Schar ihn vor Angst lähmte... Dann dachte sie an die häufigen Gelegenheiten, wo der Zufall sie während der Wanderung zusammengebracht hatte, und an die hartnäckigen Blicke, mit denen der Bursche ihr etwas sagen zu wollen schien. Als sie sich am nächsten Tage nach Valencia begab, sah sie ihn nicht; doch abends, als sie sich auf den Weg machte, um nach Hause zurückzukehren, hatte sie keine Angst, obwohl die Nacht düster und regnerisch war. Sie hatte das Gefühl, sie würde den Begleiter, der ihren Mut so sehr stärkte, bald auf- tauchen sehen. Und tatsächlich trat er fast an der nämlichen Stelle, wo sie ihn am vorigen Tage gesehen hatte, auf den Weg. sFortsetzung folgt.) lNachdruck verboten.) Der Leichen rchmaud* Von Michel T i v a r s. Vor dem halbgefüllten Grabe beendete Julot, ein Kollege des Verstorbenen, der im Namen des Gastloirte-Verbandes daS Wort er- griffen hatte, seine Leichenrede: „Ja, mein braver Boujou, wir haben Dir daS letzte Geleite gegeben, um Dir unsere Freundschaft noch über das Grab hinaus zu beweisen. Du warst ein Gastwirt, der seinen Beruf liebte, ein Gatte, der seine Frau liebte, ein Vater, der seine Kinder geliebt haben würde, falls der Himmel ihm welche geschenkt hätte. Wenn eS Dir in jener anderen Welt ein Trost sein kann, mein braver Boujou, so nimm an dieser Stelle die Versicherung entgegen, daß ein ehrenvolles Andenken Dir beim ganzen Viertel wie beim Gast- Wirte-Verband gewiß ist. Lebe wohl, Boujou, lebe Wohl!" Auf dieses letzte„Lebewohl", das mit einem wohleinstudiertcn Zittern in der Stimme gesprochen wurde, antwortete ein herz- »erreißender Schrei der Verzweiflung. Madame Boujou, die trost- lose Witwe, war in Ohnmacht gefallen. Anne Frau! Sie hatte ihren Gatten so heiß geliebt! n. Inzwischen bereitete Marie, die Köchin des Restaurants Boujou, den Leichenschmaus. O I ein Mahl von geradezu spartanischer Einfachheit I Ein Stück Braten, Salat und Käse. Bloß um die wenigen Intimen des Hauses, welche dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen hatten, nach diesem schweren Gang körperlich und seelisch wieder ein wenig aufzurichten. „Rur das allernotwendigste I" hatte Madame Boujou angeordnet. »Eine Beerdigung ist kein Feiertag." Um 7 Uhr langte das vom Kirchhof zurückkehrende Leichengefolge bor dem Restaurant Boujou an, auf dessen herabgelassenen Jalousien «in weißer Zettel mit der Aiiffchrift„Wegen Todesfalls geschlossen" klebte. Auf der einen Seite gestützt durch den beredten Julot, auf der anderen durch den Gemüsehändler aus dem Stachbarhause, betrat Madame Boujou als erste das Lokal. Die anderen folgten ihr: die Männer ernst, feierlich, geniert durch ihre Sonntagskleider, die Frauen mit den Taschentüchern als Zeichen der Trauer in den Händen. In einer Ecke des Lokals war der Tisch gedeckt. Man setzte sich ernst und gemessen. Marie trug den Braten auf. Die ersten Bissen wurden in einem andächtigen Schweigen der- zehrt. Die Witwe saß zwischen Julot und dem Gemüsehändler, die Lugen starr ins Leere gerichtet, und aß nichts. Endlich seufzte sie: „Armer Boujou I" Dies Wort löste allen die Zunge. Man begann den zahl« reichen Tugenden des Verstorbenen die gebührende Anerkennung zu zollen. „Wenn man denkt, daß er noch bor acht Tagen hier hinter dem Schankttsch gestanden hat!" »Ja, ja, was find wir Menschen!" »Ein so biederer, so ehrlicher Mann!" »So lustig l" »So gut!" „Na. die Güte!... Der Herr hatte doch«ine recht lose Hand, nicht wahr, Madame?" warf dre Köchin ein. „Schweigen Sie, Marie!" erwiderte die Witwe streng.»Wenn er mich schlug, hatte ich eS wohl verdient." Nach einer längeren Pause bemertte der Gemüsehändler ttes- finnig: „Nicht die Toten find zu beklagen, sondern diejenigen, welche zurückbleiben." „Ach!" stöhnte die Witwe und trocknete fich die Augen. „Na, na, Madame Boujou. Sie müssen doch vernünftig sein", sagte Julot ernst.»Wenn Sie fich auch noch so sehr Ihrem Schmerze hingeben, damit werden Sie Boujou doch nicht wieder zum Leben erwecken." „Sie haben recht, Herr Julot.... Noch etwas Braten ge« fällig?" „Danke, Madame Boujou. An einem Tage wie der heutige, hat man keinen richtigen Appetit, wissen Sie." „Das ist wahr!" pflichtete die Gemüsehändlerin bei und leerte ihr GlaS auf einen Zug.„Gerade als wenn einem die Kehle zu- geschnürt wäre!" Indessen da Madame Boujou nochmals nötigte, langte Julot doch zu. Die Kohlenfrau auch. Der Gemüsehändler folgte ihrem Beispiel. Und auch die anderen reichten ihre Teller hin. „Aber nur ein Stückchen I Nur ein ganz kleines Stückchen!" „Marie!" schluchzte die Witwe.„Machen Sie uns etwas Rührei mit Speck!" Aber Julot protestierte mit der Autorität eines Mannes, welcher weiß, was sich bei einem solchen Anlaß schickt. „Nicht mit Speck. Madame Boujou! Bloß Rührei ohne Speck. Darin dokumentiert sich eine ttefere Trauer I" Das Rührei verschwand mit der nämlichen unheimlichen Ge- schwindigkeit wie der Braten. Ein Teller mit kaltem Aufschnitt hatte das gleiche Schicksal. Der Aufschnitt war derart gesalzen, daß August, der Hausdiener, zum zweitenmal in den Keller hinabsteigen mußie, um die zum Löschen des allgemeinen Brandes notwendige Flüssigkeit in Gestalt diverser Flaschen Bier herauszuschaffen. Die Augen begannen zu glänzen. Man sprach nicht mehr aus- schließlich von dem armen Boujou. Die Witwe seufzte noch immer, aber auch sie spürte endlich ein wenig Appettt. „Marie, mein Kind," sagte sie in weinerlichem Tone,„Wärmen Sie mir doch das Hühnerfrikassce von gestern!" EL Um Mitternacht saß man noch immer bei Tisch. Alle Wangen waren gerötet. Selbst Madame Boujou hatte kleine, verschommene Acuglein, wenngleich auf ihrem Gesicht noch der nämliche ver- zweifelte Ausdruck der untröstlichen Witwe lag. Julot hatte sich bereits einige Witze erlaubt, die beifällig auf» genommen worden waren. ' Und aus dem Keller wurden ununterbrochen Bierflaschen herauf- : geschafft I Die Unterhaltung war jetzt ziemlich geräuschvoll und wurde durch häufige Lachsalven unterbrochen. Einmal gestattete fich sogar der Portier Dupont, der schon ziemlich animiert war, mit heiserem Baß anzustimmen: „Die Sonne vergoldet den Horizont „Tralala... lala... zont, zont.. Aber da erhob sich allgemeiner, lebhafter Widerspruch. WaS sich Dupont eigentlich dächte? Ob er vergäße, daß er fich in einem Trauerhause befände? „Ja, aber es war doch das Lieblingslied deS armen Boujou l" stammelte der Portier zu seiner Entschuldigung.„Und dann kommt doch darin auch der Vers vor: „Wir kehrten just vom Kirchhof heim..." i Julot, der Mann, welcher weiß, was fich„bei einem solchen Anlaß schickt", erklärte ernst, daß das Lied den Umständen angepaßt, gewissermaßen ein Trauermarsch wäre. Und außerdem wäre es eine Ehrung des Verstorbenen. Ermutigt, sang der Portier weiter. Als er geendigt hatte, quittterte Madame Boujou zum Zeichen deS Dankes mit einem malten Lächeln. „Ich will Euch ein lustigeres Lied singen!" rief der Gemüse- Händler und stimmte an: „Komm, Karlinchen, komm.. Dieses Mal klatschte man ohne Gewissensbisse Beifall, und den Refrain sangen alle begeistert mit, während sie mit den Messern den Takt dazu schlugen. Tei Bann war gebrochen. Jeder trug sein Scherslein zur all- gemeinen Unterhaltung bei. August kam gerade wieder mit einer Batterie Bierflaschen aus »«m Keller nach oben, als an die Ladentür gepocht wurde. Zwei Schutzleute erschienen auf der Schwelle. .Es ist zwei Uhr. Haben Sie Konzession.. Der Lärm brach jäh ab. Aber Julot erhob sich sehr würdig und näherte sich den Repräsen- kanten der staatlichen Ordnung. Mit einer wahren Grabesstimme fetzte er ihnen auseinander, daß man am letzten Nachmittag den armen Boujou zur letzten Ruhe geleitet hätte und daß man jetzt..." Die beiden Schutzleute hatten begriffen. .DaS ist natürlich etwas anderes," sagten sie. Und nachdem sie ein GlaS Bier angenommen hatten, zogen sie flch diskret zurück, indem sie sich in Entschuldigungen darüber er- fchöpften, daß sie eine trostlose Familie in ihrem berechtigten Schmerze gestört hätten. IV. Sobald die Schutzleute da? Lokal verlassen hatten, begann der Lärm, mit erneuter Heftigkeit. Um drei Uhr ichrieen alle durch- einander, ohne daß der eine auf den anderen hörte. Julot hatte das GaS über dem Billard angezündet und spielte mit einem aus dem Trauergefolge Karambolage um Punsch, der bereits auf dem Schanktische kochte. In diesem Augenblicke brach die Witwe plötzlich in lautes Schluchzen aus. Der Portier erwachte jählings aus süßem Schlummer. Julot stieß vor Schreck ein Loch ins Billard. „Was denn, Madame Boujou?" Und von häufigen Schluchzern unterbrochen, antwortete sie: „Ich..., ich denke an..., an den armen Boujou...., der gute Mann I... Wenn..., wenn er doch hier wäre I" Die unerwartete Erinnerung an Boujou halte bei den An- wesenden etwa den nämlichen Effekt wie das Erscheinen von Bankos Geist auf dem Festmahl Macbeths. Sie blickten einander verlegen, leicht beschämt an. „Ach I fuhr die Witwe fort, während ihre Tränen von neuem zu fließen begannen.„Wenn er doch hier wäre l... Wie würde er sich fteuen, der arme Boujou I... Er hatte eS ja so gern, wenn eS hier recht laut und lustig herging 1"— Klelncd fcinlleton. a. Wege und Wegerccht. Zu allen Zeiten waren gute Ver- bindungs- und Verkehrswege die wichttgsten Kulturförderer. Daher unterstützten auch alle polinsch und kulturell erstarkenden Völker den Wegebau so viel wie möglich im staatlichen wie privaten Interesse. Wohin immer ein eroberndes Volk auszog, um Gebiete sich zu unterwerfen und wirtschaftlich wie polittsch auszubeuten, immer mußte neben der Anlage sichernder Grenzfestungen die Herstellung guter Wege zum Anschluß an das Mutterland allererste Bedingung und Aufgabe sein. Und so sehen wir den römischen Legionär in allen von den Römem unterworfenen Weltteilen ebenso hurtig das Schwert in der Schlacht wie den Spaten beim Wegebau benutzen. Die römischen Verkehrswege waren musterhast. Bei den Germanen legte erst Karl der Große Wert auf gute Wege- und Verkehrsverhältnisse. Seine Sendgrafen, missi, hatten strenge Befehle, alle Sttaßen unter fortwährender Aufficht zu halten und jede Vernachlässigung derselben zu bestrafen. Die Unterhaltungs- Pflicht derselben lag dabei auf den Schultern der Gemeinden und der Gaue. Staat und Reich zahlten zu deren Erhaltung und Herstellung keine Beiträge. Das Nutzungsrecht der Sttaßen durch Abgaben und Wegegeld war dagegen Regal des Kaisers, der dafür die Sicherheit der Sttaßen verbürgte und dieselben in den Königs- ftieden nahm, d. h. alle auf des Reichs und des Königs Straßen begangenen Vergehen und Verbrechen ungleich härter bestrafte, als sonst üblich war. Doch war eS mit der Sicherheit der Land- und Königsstraßen das ganze Mittelalter hindurch ebenso schlecht bestellt wie mit ihrer sonstigen Beschaffenheit, die in der Hauptsache ge- wöhnlich nicht mehr wie alles zu wünschen übrig ließ. Die Breite einer Königsstraße soll nach dem Sachsenspiegel so sein, daß ein Wagen ausweichen könne; vom Fußsteig heißt es,„ein Fußweg soll haben in der Weite drei Schuhe breit".— Ebenso setzt der Schwaben« spiegel für die Köniasstraße eine Breite von 16 Schuhen, für einen Triebweg eine solche von 4—8 Schuhen und ftir einen Fuß- steig 2 Schuhe breit fest. Die Straßen sollen gegen den Himmel frei sein bis zur Höhe eines Speeres. Schwieriger als die öffentliche war die privatrechtliche Regelung des Wegcrechles im Mittelalter. Diese erfolgte nicht einheitlich und systematisch, sondem nur langsam und widerwillig unter dem Drucke der Verhältnisse. Staats- und Privatinteressen standen sich dabei anfänglich feindlich gegenüber. Die typische Siedlungsweise der Germanen in ihren Gewanndörferu empfand Wege eher als eine Last statt einem Vorteile. Da die Ackerflur in Streifen zerschnitten und diese Stteifen oder Gewanne so verteilt waren, daß der beste, mittlere und geringe Boden jedem Flurgenossen im gleichen Verhältnisse zugemessen war, so lagen die dem Einzelnen zugewiesenen Ackerflächen über die ganze Dorsflur verteilt. Und war derart, daß fast ein jeder über Grundstücke seiner Nachbarn zu gehen und zu fahren hatte, um seine Aecker besäen und abernten zu können. Die Gemengewirtschast bedingte daher ganz von selbst für die Flurgenosscn das Recht der Ueberfuhr. Mit diesem Rechte aber war für die alten Gewanndörfler jedes Interesse am Wegebau er- loschen. Waren die Wege, die jedes Jahr neueingefahren und um« geackert wurden, unpassierbar, so hatte er ohnehin das Recht, auf dem anliegenden Acker auszuweichen. Für sich selbst brauchten sie daher keine festliegenden, ewigen Wege und bei dem geringen Verkehr, den sie mit den Nachbardörfern unterhielten, auch für jene nicht. Sie saßen ruhig hinter dem festen Zaunverschluß ihres Dorfe? und waren froh, daß ihnen niemand so leicht zu nahe kommen konnte. Erst der Ausbau des Staatswesens legte in diese Abgeschlossen« eit eine Bresche. Das öffentliche Jnteresie erzwang den Durchzug urch das Dorf und das Anlegen von KommunikattonSwegen zu den benachbarten Dörfern, die aber immer noch mit Nachtanbruch ge» schloffen wurden und den Eintritt in das Dorf wehrten. Die alten germanischen Gesetze schrieben ganz allgemein vier Wege zu einem jeden Dorfe vor, außerdem mußten Wege offen sein zum Dorf- anger und der Viehtrieb zur Allmend. Das burgundische und das bayerische Gesetz legen demjenigen, der diese Verbindungswege wider« rechtlich sperrt, eine Buße von 12 bez. 6 solicki auf. Jedes Jahr, beim Frühjahrsanfang wurden die Wege feierlich begangen und neu eingeschworen. Mit dem Sinken der Kaisergewalt führen statt statt des Kaisers die Territorialfürsten die Oberaufsicht über Sttaßen und Wege, wi« ihnen denn auch das Nutzungsrecht der Straßen, Wege und Geleite» geld, Bußen usw. zugefallen find. Die mittelalterlichen Weistümer regeln daher auch ausführlich das Recht der Wege, der Bußen usw. gegenüber Gemeinde und Territorialherrn. So lautet ein Schöffen« spruch aus Liebenscheid im Westerwaldkreise von 1559:„Wo jemant were, der rechte Wege zumachte ond ohnrechre Wege öffnet oder uff- thete weiset der scheffen nach alten rechten einen solchen Theter ode» Frevler unseren gnädigen Herrn(den Grafen von Nassau) in die Büß". In einem Urteile des Gaugerichtes zu Vehlen bei Bückebura wird die Frage:„Was de gogreve fiir sinen gohanern uns honer wederumb tho donde schuldig! sye", wie folgt beantwortet» „Darum schal he verpflichtet sin, tho befordern, dnt Wege ond srsg»> gebetert ond in wolstand geholden werden". In dem gleichen Gau« gericht wird ferner bestiinntt, wenn über jemandes Ackerbreite ein Voigtsteig gelegt worden, während früher kein Voigtpfad über das Grundstück gegangen, so verfällt derjenige, der nicht den rechten Weg behalten hat, in eine„sülff walt", d. h. eine Buße nach dem freien Ermessen der Herren von Schaumburg. Recht ausführlich wird das Wegerecht in einem Weistum deS Edagser Gohes, im Westen von Hildesheim liegend, vom Jahre 1357 behandelt. Es heißt da:„Wo breit eine gemein» Heersirate sin schulle ond wo feer man blieven schulle?... ... Dat eyn Rüther könne im Wege holden ond mit der stangm, so he föret umher wenden I... Wo wiet eyn gemeyner Kerkweg sin schalle?... Dat eyn man mit finer Frmven könne gahen, dat fe de Dau nit beschütte im wege l... Eyn gemeyner Hollweg, wo breit de sin schulle?... Drey Wogenspoer breit sol hei sin l... Wen nun eyner bey solchen Wege land her hette, ob man schulle nicht ob dem lande herfahren, so lange desülve fins wert, solchen thom wegge liggen tho latende?■ Wenn man solchen befünde, mag man up dem lande herfahren!.... So eyn weg dorch dat korn geht, wer de Horde sZäune) schulle holden, dat keyn schade gescheige?"... Obs der negiste Machbar) thon schulle?... Es soll it thon de ganze gemehne, so in demselvigen felde ackerbuw hefftl..." Ueber die Breite der Straßen und deren Aufficht äußert sich ein Weistum von Sandweiler im Jahre 1664,„daß in dem Dorfe Sandweiler und in jedem anderen Dorfe vier Wege fem sollen, die man Landstraßen nennt. 32 Schuh breit, von einem Bann zum andere,» gehend, die die landsürstlichen Schöffen und Meyer aus« zuweisen und auszumarkcn haben."— Kunst. es. Ter Kunstsalon Gurlitt ehrt in, der neuen AuS, stellung zwei deutsche Maler: Oberländer und Karl Haider, Man denkt bei Oberländer(München) meist nur an die launig« gemütvollen, humoristischen Zeichnungen für die„Fliegenden Blätter". Obcrläicdcrs Humor ist weich, er verletzt nicht. Wärme geht von ihm aus. Aber man übersieht dabei seinen leicht-phan- tastischen Farbensinn, seine sichere Art zu zeichnen. Wie viel Können steckt in dem kleinen Bildchen„Die gelehrte Prinzessin". Es wirkt groß und ruhig. Die Farben sin� aufs feinste zusammengestellt. Es ist der stille Reiz alter Gemälde darin. Wie selbstverständlich märchenhaft wirkt daS Bild„Ter Zlverg und die drei Riesen". Ter Zwerg sitzt oben in» Asttoerk des Baumes, unter dem die drei Riesen, in bunt-phantastische Kleider gehüllt, liegen. In dieser Art zeigt sich das ganze Können eines reifen Meisters, bei dem Inhalt und Technik sich restlos decken. Nicht ganz so vollendet und eigen ist Haider(Cchliersec)', Er wirkt manierierter. Er hat die Anlehnung nicht ganz über« wunden. Aber auch er erscheint in seiner besonderen Art als ein echter Künstler, dein man seine Welt glaubt. Haider sieht die Welt durch die Brille der alten, deutschen Kunst. Es ist, als wäre dieses Geist in ihn» lebendig geworden. Sein« Bilder haben den warmen. gelblichen Ton altdeutscher Landschaften. Es webt ein warmes Licht darin. Nichts Aufdringliches»nacht sich geltend. Unauffällif und ruhig wie seine Motive, ist auch seine Technik. Es ist alle» genau und sorgfältig gegeben, und nirgends täuscht di« Mache, Eine bewunderungswürdige, sachliche Ehrlichkeit in allem. Ein Stück Wald, eine Wiese, ein See—• das ist alles, und nichts Blendendes ist dabei. Aber der Endeindruck ist ein imponierend geschlossener. Jedes Bild wirkt ungeheuer eindringlich, und so merkt man, wie viel Fleiß der Maler auf die Komposition gelegt, die in Farbe und Linie ohne Rest so gelöst ist, wie er es haben wollte. Still und in sich versunken scheinen die Farben, nichts Lautes ist in den Linien. Auch darin mahnt Haider an die alte Zeit, daß er die Gewänder der Personen so ungebrochen in der Farbe hinstellt� ein kräftiges Rot oder Blau, und die Wärme dieser ausgesprochenen Farben mahnt wieder an italienische Luft, an italienische Kunst. So eint dieser Maler in sich das Alte zu neuer Erscheinung. Vom Ausland sehen wir eine Reihe von Bildern des fran- zösischen Malers Fantin-Latour(1836— 1903). Mehrere Porträts sind äußerst gesammelt im Eindruck und durch die vor- nehme, reichliche Verwendung eines weichen Schwarz auffallend. Auch hier nehmen wir darin eine altmcisterliche Note wahr. Mit feinem Pinsel reduziert der Franzose die bunte Fülle der Farben und macht aus einem Porträt ein Kunstwerk, dessen breite, ruhige Wirkung sich einprägt. Eine ganz andere Seite zeigen seine land- schaftlichen Bilder, auf denen sich Nymphen usw. zeigen. Da lvebt eine warme, zittrige, unendlich zarte Luft zwischen den Zweigen. Man denkt an die feinen Reize der Rokokomalcrci, an Watteau, und zugleich taucht, in der subtilen Art wie die Bilder Strichelchen an Strichelchcn hingetupft sind, die ganz moderne Technik des Pointillismus schon auf. Reizvoll mischt sich so Ver- gangenheit und Zukunft in diesem Maler. Indem diese drei Maler nebeneinander gestellt sind, können wir gut die verschiedene Art deutschen und französischen Schaffens empfinden, die beide in ihrer Art charakteristisch und berechtigt find und sich ergänzen.— Volkskunde. — T o t e nch o ch z e i t. R. T. Ka i n d l- Czernowitz schreibt «m„Globus": Bekanntlich hat O. Schräder in seinem Vortrag„Totenhochzeit"(Jena 1904) den Beweis erbracht, daß schon in der indogermanischen Urzeit bei den Leichenbegängnissen auf das weitere Schicksal des Toten im Jenseits Rücksicht genommen wurde, insbesondere Unverheirateten auch ein Weib mit aller Feierlichkeit angetraut wurde. Schräder verweist auch auf allerlei Beweise, aus denen hervorgeht, daß bei den Slawen die symbolische Darstellung einer ganzen Hochzeit bei Leichenbegängnissen üblich war. Zu diesen Ausführungen hat im„Zcntralblatt für Anthropo- logie", X. Jahrgang, S. 147 f., A. Brun!(Osnabrück) aus Pomniern einige Nachträge gebracht. Auch ich möchte zu dieser höchst interessanten Arbeit, die in schlagender Weise die hohe Be- deutung volkskundlicher Forschungen dartut, ans meinem engeren Studiengebiete einige Mitteilungen machen. Bei den Huzulen .(Gcbirgsruthenen in den Karpathen) sind Gebräuche üblich, die deutlich auf die Totenhochzeit weisen. Ich habe darüber schon in meinen„Huzulen"(Wien 1894) hingewiesen.„Außer den son- ftigen Vorbereitungen zur Beerdigung wird, wenn der Verstorbene ein Kind oder doch ledig war, für denselben noch ein Kranz ge- flochten und ein Bäumchen(ckerzniee) mit weißer und roter Wolle geschmückt, Vorbereitungen, die man, wenn der Verstorbene es er- lebt hätte, für seine Hochzeit gemacht haben würde. Das Bäumchen wird neben die Leiche gestellt, auf dem Wege zur Kirche und zum Friedhofe aber der Leiche vorangetragcn, um schließlich auf dem Grabhügel aufgesteckt zu werden." lieber die Rolle des Bäumchens bei der Hochzeitsfeier wolle man den betreffenden Abschnitt in den „Huzulen" nachlesen. Ferner ist hier der Text eines huzulischen Klageliedes, das einem Kinde gilt, zu erwähnen. Es lautet:„O, du silberner, goldener Engel, warum hast du uns verlassen...? Warum hast du dir solch eine Hochzeit gewählt? Warum wolltest du mir nicht die Augen zudrücken, sondern ich mußte dir diesen Dienst erweisen? Warum willst du zu mir nicht sprechen...?" In Czernowitz und Umgebung pflegt man bei den deutschen, rnmä- uischen und ruthcnischen Einwohnern der schlichteren Volksklasse das verstorbene Mädchen ganz„wie eine Braut" zu kleiden, ins- besonders flicht man den Brautkranz und Brautschleier ins Haar. Auf einem Pölstcrchcn wird ebenfalls ein Kranz von einem Burschen dem Sarge voran- oder nachgetragen, während zwei andere, rechts und links gehend, die Bänder desselben halten. Burschen tragen die Bahre, wenn diese nicht auf einem Leichenwagen geführt wird. Im letzteren Falle gehen je zwei Burschen zu beiden Seiten des Sarges. Neben den Burschen gehen Mädchen. Es sind dies ge- wissermaßen die Brantsnhrer und die Brantführcrinnen: daher sind sie auch gerade so mit Sträußlcin geschmückt, wie zur Hochzeit. Auch Atrisik und Schmaus wird wie bei Hochzeiten besorgt. Ganz ähnlich sind die Bräuche bei Jünglingen. Knaben werden von Mädchen zu Grabe getragen.— Meteorologisches. — Wolkenbcobachtungcn. In den Pyrenäen befindet sich ans dem Pic du Midi in 2877 Meter Mecrcshöhc eine unter der Leitung von S. Marchand stehende Wetterwarte, die sich in den letzten vier Jahren besonders eingehend mit der Beobachtung von Wolken befaßt hat. Der Umstand, daß der Gipfel häufig in Wolken gehüllt war. gestattete bemerkenswerte Ausschlüsse über die Zusammensetzung, den Wärmezustand und daS elektrische Verhalten der Wolken. Vielfach konnten die kleinsten Wolkenteilchen mit dem Vergrößerungsglase untersucht werden. Die Beobachtung ergab. daß Wolken, deren Wärme über 0 Grad liegt, sich aus kleinen Wassertröpfchen von sehr verschiedenem Durchmesser zusammen- setzen. Tie Tröpfchen haben, wenn die Wolke einen Nebel bildet, der nicht benetzt, einen Durchmesser von wenigen Hundertstel Milli- meter, so daß sie für das unbewaffnete Auge fast unsichtbar sind. Solche Nebel geben zur Entstehung von Lichtkränzen Veranlassung. die sehr lebhaft gefärbt sind. Auch das bekannte Brockengespenst wird durch Beugung des Lichts in solchen Nebeln erzeugt. Beginnt sich nun der in der Wolke enthaltene Wasserdampf weiter zu ver- flüssigen, so mischen sich den bezeichneten Tröpfchen solche von 93— 95 Hundertstel Millimeter Durchmesser bei, die das sogenannte Nebelrcißen verursachen. Wachsen die Tröpfchen noch weiter, so geht das Nebelreißen allmählich in Regen über, wobei Tröpfchen in der Wolke stets in sehr lebhafter Bewegung sind. Häufig ver- dampfen die fallenden Tropfen wieder, sobald sie in die mit Wasser- dampf weniger gesättigte Luftschicht unterhalb der Wolke ge» langen, so daß ein stetes Neubilden und Verschwinden der Regen» tröpfchcn zu beobachten ist. Vielfach aber wachsen sie auch im Fallen durch Zusammenfließen mehrerer kleiner Tropfen derartig an, daß sie nicht mehr durch Verdampfung aufgelöst werden können. Im Innern einer solchen Wolke ist stets ein starkes elektrisches Feld vorhanden. Während in der freien Luft die Wärmcabnahme mit zunehmender Höhe ziemlich gleichmäßig vor sich geht, wenn sich nicht verschiedene Luftströmungen störend geltend machen, ist die Abnahme innerhalb der Wolke erheblich geringer, vielfach ist sogar die über der Wolke befindliche Luftschicht wärmer, was wohl in erster Linie der Wirkung der Sonnenstrahlen zuzuschreiben ist. Ist die Wolke unter 0 Grad kalt, so ist sie aus kleinen Eis- körnern von mehr oder minder kristallinischem Ansehen zusammen- gesetzt, deren Durchmesser 0,05 Millimeter nicht überschreitet und denen verhältnismäßig wenig größere Körnchen, seltener feine Eis- nadeln und Eisblättchen beigemischt sind. Dem Aussehen nach sind diese Wolken den aus Wassertröpfchen bestehenden gleich, auch sie erzeugen Lichtkränze, niemals aber Sonnen- oder Mondringe, die an die Anwesenheit von regelmäßigen Eiskristallen gebunden, sind. Diese finden sich aber nur in dem Cirrusgewölk, den feinen weißen Federwolken, vor, die nur in Höhen von etwa 8000 bis 10 000 Metern vorkommen. Im Innern von eisigen Wolken ist die Spannung des elektrischen Feldes viel größer als in wässerigen; die Wärmcabnahme init der Höhe ist sehr gering.— („Tägl. Rundschau".) Humoristisches. — Ungeduldig.„Warum gehen Sie denn immer so ge- senkten KopfeS einher, hat Sie ein Unglück betroffen?" „I wo! Aber der Arzt hat mir wegen meines dicken BancheS Bewegung verordnet, und da schaue ich bloß, ob's auch hilft."- — Doppelsinnig. Wirt(der sich geärgert, mit einer vollen Maß im Ausschank stehend):„Was unsereins täglich hinunter- schlucken muß... das ist wirklich schrecklich!"— — Ein Grobian. Dicke ältere Dame:„Kutscher, sind Sie frei?" Kutscher:„Nee, aber warten Sie'n Oogcnblick, es kommt jleich'n Möbelwagen."— („Mcggcndorfer-Vlätter.") Notizen. — Leo Greiner? Drama„Die Herzöge von Genna" wird demnächst im Deutschen Theater in Szene gehen.— —„Venus Amathusia". Max Drehers neneS Bühnenwerk, wird am 9. Dezember im S ch a u s p i e l h a u s e zum ersten Male aufgeführt.— — Die nächsten Vorstellungen des Rheinischen Goethe- Vereins f ii r V e r a n st a l t n n g von Festspielen in Düsseldorf finden in dem Zeiträume vom 1. bis 16. Juli 1906 statt.— — Bei der zweiten Aufführung von Hermann Vahrs Komödie„Die Andere" im Wiener Deutschen Volks- T b e a t c r kani es abermals zu Lärmszenen. In das Zischen, Johlen. Fnßgctrampel schrie der Regisseur V a l l e n t i n:„Roheit ist keine Kritik". Sofort lvandte sich der Zorn und die Wut der Demonstrierenden gegen ihn:„Keckheit I",„Frechheit I",„Hinaus mit dem Affen!" Zmi! Schluß wurde er ausgezischt. Das Stück ist vom Spielplan bereits abgesetzt.— — Karl S ch ö n h e r r S Drama„Die Familie" erlebt am 2. Dezember die Uraufführung am Wiener Burgtheater.— — Eine Reform der Jury bei den Großen Berliner Kunstausstellilngcn soll durch Einführung einer Revisions- i n. st a n z angestrebt iverden.— — Die Wiener Sezession will Rudolf Alt ein Grabdenkmal setzen. Eine Konkurrenz wurde soeben aus- geschrieben.— — Dem amerikanischen ForschungSrciscnden W a l l a c e glückte die D u r chq u e r u n g Labradors ohne Hülfe der Eingeborenen .mit einem einzigen weißen Begleiter.— Verantwortl. Redattenr: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VerwärtsBuchdruckerei u.VerlagsansraltPaul Singer chCo..Berlin8iV.