Nntuhaltimgsölatt des Vorwärts Nr. 234. Freitage den 1. Dezember� 1903 (Nachdruck verboten.) "i Die f)ucrta. Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal Die Frage der Ehe führte Roseta wieder in die Wirklich- keit zurück. Am Tage, wo ihr Vater alles erfahren würde. heilige Jungfrau, würde er ihr mit seinem Stocke die Knochen zerschlagen. Und sie sprach von der künftigen Tracht Prügel heiter und ruhig, wie ein starkes Mädchen, das an diese strenge und ehrwürdige väterlick)« Autorität gewöhnt ist. die sich durch Ohrfeigen und Püffe Geltung verschaffte. Ihre Beziehungen waren durchaus unschuldig. Sie wanderten im Halbduirkel der hereinbrechenden Nacht über den fast öden Weg. und selbst die Einsamkeit schien keinen unreinen Gedanken in ihrem Geiste zu erwecken. Als Tonet einmal un- willkürlich Rosetas Taille berührte, wurde er rot. als wäre er das junge Mädchen gewesen. Das war die erste Liebe der kaum erschlossenen Jugend, die sich mit dem Austausch von Blicken, mit naiven Uirterhaltungen und heiterem Lachen be- gnügt. Die Arbeiterin, die an den Abenden der Angst so innig das Erwachen des Frühlings herbeisehnte, sah jetzt mit großer Unruhe die langen und hellen Abende kommen. Es war jetzt noch Heller lichter Tag. wenn ihr Verlobter sich ihr anschloß. und stets hatten sie das Mißgeschick, irgend einer Arbeiterin aus der Fabrik oder einer Nachbarin zu begegnen, die alles erriet und ironisch lächelte. In der Werkstatt begannen Rosetas Feindinnen sie zu necken und sie ironisch zu fragen. wann denn die Hochzeit stattfinden würde; sie hatten ihr den Spitznamen„die Schäferin" gegeben, weil ihr Liebster der Enkel des alten Schäfers war. Das arme Mädchen zitterte vor Unruhe: früher oder später mußte die Neuigkeit Batiste zu Ohren kommen, und was gab es dann für eine Tracht Prügel! Um diese Zeit überraschte sie Battste am Tage seiner Vcr- urteilung vor dem Wassertribunal in Begleitung Tonets. Doch die Sache hatte keine Folgen: der glückliche Zwischenfall mit der Bewässerung schützte die Schuldige. Der Vater, der ganz selig war. daß er seine Ernte gerettet hatte, begnügte sich, sie mehrmals mit strenger Stirn anzuschauen und erklärte ihr mit langsamer Stimme und erhobenem Zeigefinger in ge- bieterischem Tone, sie hätte jetzt allein nach Hause zu kommen. sonst bekäme sie es mit ihm zu tun. Und eine ganze Woche lang kam sie auch allein. Tonet, der Respekt vor Batiste hatte, begnügte sich, sich am Rande der Landstraße zu verstecken, um die Arbeiterin vorübergehen zu sehen oder ihr in weiter Entfernung zu folgen. Uberigens waren jetzt, wo die Tage länger wurden, zu viel Leute auf der Landstraße. � � Die Trennung der beiden Liebenden konnte nicht lange dauern, und eines Sonntags nachmittags nahm Roseta, die nichts zu tun hatte, und es müde war, vor der Tür des Hauses zu promenieren, einen grünen Krug und sagte ihrer Mutter, sie wolle am„Springbrunnen der Königin" Wasser schöpfen. Sie hatte unter denen, die in der Ferne über die Fußwege wanderten. Tonet zu erkennen geglaubt. Ihre Mutter erlaubte es ihr. Man mußte dem armen Mädchen, das keine Freundinnen hatte, doch eine Zerstreuung gönnen. Und dann muß sich die Jugend doch auch ein bißchen ausleben. „Der Brunnen der Königin" war der Stolz der ganzen Huerta, die verurteilt war, das Wasser der Ziehbrunnen und die rötliche und schlammige Flüssigkeit zu trinken, die die Kanäle durchfließt. Diese Fontäne stand einem verlassenen Gehöft gegenüber; und nach der Behauptung der Klügsten des Landes war es ein Werk von großem Wert. Pimento meinte, es stamme aus der Zeit der Mauren; ein Dokument der Epoche, wo die Apostel durch die Welt zogen, um die Schurken zu taufen, wie der Vater Tomba sagte, der das mit der Majestät eines Orakels behauptete. An den Sonntagnachmittagen sah man über den mit Pappeln besäumten Weg Gruppen von jungen Mädchen wandern, die, ihren Krug gerade und unbewegt auf dem Haupte, durch den Rhythmus des Ganges und die Eleganz der Erscheinung an die Wasserträgerinnen von Athen er- innerten. Diese Prozession verlieh der Huerta von Valencia einen biblischen Charakter; sie erinnerte an die arabische Poesie,. die von der Frau am Springbrunnen singt und in ein und demselben Rahmen die beiden glühendsten Leidenschaften des Orientalen vereint, für die Schönheit und das Wasser. Der Springbrunnen bestand aus einem viereckigen Bassin init roten Steinmauern. Man stieg sechs Stufen hinunter, die das Rinnsal geglättet hatte. Auf der Vorderseite des steinernen Rechtecks, der Treppe gegenüber, zeichnete sich ein Basrelief mit verwischten Figuren ab, die man unter der Mörtellage nicht mehr zu erkennen vermochte. Es mußte die Jungfrau Maria, von Engeln umgeben, sein: eine plumpe und naive Skulptur des Mittelalters, jedenfalls ein Weihbild aus der Zeit der Eroberung. Doch während eine Generation den Stein behaute, um die von den Jahren ausgewischten Figuren hervor- treten zu lassen, während eine andere sie mit dem Eifer barbarischer Sauberkeit weiß anstrich, hatte man die Fliesen in einen Zustand versetzt, daß man nur noch den Torso einer Frauengestalt unterschied, der„Königin", der der Spring- brunnen seinen Namen verdankte: eine Maurenkönigin, wie es alle Königinnen der ländlichen Sagen unvermeidlich sein müssen. An lärmender Fröhlichkeit und heiterem Trubel fehlte es an Sonntagnachmittagen in der Umgebung des Spring- brunnens gewiß nicht. Mehr als dreißig Mädchen versammelten sich dort, alle wollten zuerst ihre Krüge fiillen,'hatten es aber dann mit dem Fortgehen gar nicht so eilig. Sie stießen sich auf der engen Treppe, die Röcke zwischen den Beinen, um sich hinunterzu- beugen und ihre Krüge in das kleine Bassin zu tauchen, dessen Oberfläche unaufhörlich von den Strudeln des aus dem Sand- bctt aufsteigenden Wassers bewegt wurde. Hier wuchsen Schlammpflanzcn, grünen Haaren gleich, die in ihrem Ge- fänguis von flüssigem Kristall hin- und herwogten und unter dem Druck der Strömung ängstlich zu zittern schienen. So- genannte„Weber" huschten unaufhörlich mit ihren feinen Füßchen über die klare Oberfläche. Die Mädchen, die ihre Krüge bereits gefüllt hatten, setzten sich an den Rand des Bassins und ließen die Beine über dem Wasser hängen, zogen sie aber jedesmal, wenn ein Bursche zum Trinken hinunterging und die Augen erhob, mit entrüstetem Geschrei zurück. Das sah einer Versammlung rebellierender Sperlinge ähnlich. Sie sprachen alle zusammen; die einen schimpften sich gegenseitig, die anderen hechelten die Abwesenden durch und klatschten über die Skandale der Huerta; und diese augenblicklich von der strengen, väterlichen Autorität befreite Jugend streifte die heuchlerische Haltung, die sie zu Hause zur Schau trug, ab und zeigte den aggressiven Geist, wie er den ungebildeten Seelen eigen ist. die sich niemals aussprechen dürfen. Diese„Engel", die am Tage der Jungfrau Maria in der Kirche von Alboraya mit so sanfter Stimme die Litaneien und Hymnen sangen, enianzipierten sich, wenn sie allein waren, gebrauchten in ihrer Unterhaltung Flüche von Fuhrknechten und sprachen von gewissen Dingen mit der Ungenicrtheit alter Weiber. Bei Rosetas Erscheinen schwieg die lärmende Gesellschaft; ihre Anwesenheit hatte eine Bestürzung hervorgerufen, etwa als wäre ein Maure mitten während der Hochmesse in die Kirche von Alboraya getreten. Was hatte sie hier zu suchen, diese Hungerleiderin? Roseta begrüßte zwei oder drei junge Mädchen, die in ihrer Fabrik arbeiteten; doch sie antworteten ihr kaum mit zu- sammengekniffenen Lippen und mit verächtlichem Tone. Die anderen, die sich von ihrer Verwunderung erholt, begannen wieder zu sprechen, als wäre nichts geschehen, sie wollten der Eindringlingin nicht einmal die Ehre des Schweigens schenken. Roseta'stieg hinunter und als sie, nachdem sie ihren Krug gefüllt, den Kopf über die Mauer streckte und einen ängstlichen Blick auf die ganze Huerta warf, rief eine boshafte Stimme: „Schau' nur! Er wird nicht kommen!" Die Sprecherin war eine Nichte Pimentos, eine Brünette. die vollständig aus Nerven zu bestehen schien. Eine Person Mit frecher Ttumpfnase, keck und hochmütig, weil sie eine einzige Tochter und noch dazu die eines Vaters war, der niemand Pacht bezahlte, denn die vier Aecker, die er bebaute, gehörten ihni gu eigen. Ja, sie konnte so viel hinsehen, wie sie wollte, er würde boch nicht kommen. Man Wichte ja, wen sie erwartete, ihren Bräutigam, den Enkel des Vater Tomba. Na, das war auch eine Partie! Und diese dreißig grausamen Münder lachten, lachten, als wenn sie bersten wollten, nicht etwa, weil die Sache an sich sehr komisch schien, sondern nur um der Tochter des verhaßten Batiste wehe zu tu in „Die Schäferin! Die göttliche Schäferin!" Roseta zuckte gleichgültig die Achseln; sie erwartete, so empfangen zu werden. Und außerdem hatten die Hänseleien aus der Fabrik ihre Enipfindlichkeit abgestumpft. Sie setzte also ihren Shmg auf den Kopf und stieg die Stufen hinauf; doch bei der letzten veranlaßte sie die dünne Flötcnsttmme von Piments Nichte, stehen zu bleiben. Wie diese Viper stach! Nein, sie würde sich nicht mit dem Enkel des Vater Tomba verheiraten. Das war ein Einfaltspinsel, ein dummer Teufel, doch ein ehrlicher Bursche, der mit einer Familie von Dieben keine Verwandtschaft eingehen würde. Roseta ließ beinahe ihren Krug fallen. Sie wurde rot, als liefe ihr bei diesen Worten, die ihr das Herz zerrissen, das Blut über das Gesicht, dann wurde sie weiß, blaß wie eine Tote. „Wer ist ein Dieb? Wer?" fragte sie mit zitternder Stimme, über die alle Mädchen am Springbrunnen lachten. „Wer, nun Dein Vater. Pimento wußte es wohl und bei Copa sprach man von nichts anderem. Glaubten sie, das würde verborgen bleiben. Sie waren aus ihrem Dorfe ausgerückt. weil man sie dort zu genau kannte; darum kamen sie hierher und eigneten sich an. was ihnen nicht gehörte. Man hatte sogar erfahren, Batiste hätte wegen häßlicher Dinge im Zucht- hause gesessen..." llnd die kleine Viper schimpfte in dem Tone weiter; sie spritzte alles Gift aus, alles, was sie zu Hause und in der Ebene gehört, all die Lügen, die das Gesindel ersann, das bei Copa verkehrte, ein ganzes Gewebe von Verleunidungen, die Pimento erfunden hatte. Dieser zeigte sich von Tag zu Tag weniger geneigt, Batiste offen anzugreifen, dagegen suchte er ihn durch Beschimpfungen zu ärgern und mürbe zu machen. Plötzlich erwachte die Tapferkeit des Vaters in der zitternden Tochter, die vor Wut stammelte, und deren Augen sich bluttg färbten. Sie ließ ihren Krug fallen, der in tausend Stücke zerbrach und die zunächst stehenden Mädchen bespritzte. Diese protestierten und nannten sie ein dummes Tier. Doch sie kümmerte sich nicht um diese persönliche Beleidigung. „Mein Vater!" rief sie, indem sie aus die Freche zustürzte. „Mein Vater ein Dieb? Sage es noch einmal, und ich werde Dir das Maul stopfen!" Doch die Brünette brauchte nicht erst zu wiederholen, denn bevor sie auch nur den Mund ausmachen konnte, bekam sie einen Faustschlag mitten ins Gesicht, und Rosetas Finger packten sie bei den Haaren. Unwillkürlich klanimerte auch sie sich unter der Einwirkung des Schmerzes an die blonden Haare der Arbeiterin, und einige Augenblicke sah man beide zappeln, vor Wut und Schmerz laut schreiend Die Stirnen berührten fast den Erdboden, und abwechselnd zerrten sie sich hin und her, während die eine der anderen aus den Kops schlug. Die Haar- nadeln fielen, die Flechten lösten sich auf. die üppigen Haare glichen Kriegsstandarten, nicht siegreich slatternd, sondern von den Händen des Feindes zerrissen und zerfetzt. lFortjetzung tolgt.) t?!achdriick verboten.) Der fcindlicbc Oedankenkreis. Der Pädagoge verlangt vom Ninde beim ErnUiU in die Schule. daß es u n t c r r i ch t s f ä h i g sei Tariinte, versteht er den Grad vhhsischer. besonders aber intellekiueller tt™iivicfelung. der den Schulnculing befähigt, dem Unterricht jii folgen und den ausge- nommenen Lehrstoff geistig zu verarbeiten Hierzu ist neben ge- sunden und geübten Sinnes» und Beivegungsoigiinen vor allem ein« Summe relativ richtiger Vorstellungen und Begriffe erforderlich, denn alles Iternen ist ein Apper- zeptionsvrozeß, d. h. ein physisch- pshchischel Borgaiig. der darin be- steht, daß sich an vorhandene Vorsielllingen in bestimmter Gesetz- Mäßigkeit neue Vorstellungen angliedern Ist die Zahl der vor» handenen. also vor dem Schulbeginn erworbenen Vorstellungen des Kindes groß, so sind für viele der in der Folgezeit neu hinzu- tretenden Vorstellungen Anknllpfnngspunkte gegeben, infolgedessen kann in zahlreichen Fällen die Apperzeption, vor sich gehen, der Vor» stellungskreis des Kindes erweitert sich rasch, das Kind macht geistig schnelle Fortschritte. Dies m» so mehr, je klarer die vorhandenen Vorstellungen sind und je sicherer sie im Vorstellungsschatze des Kindes haften. Die Apperzeption ist für die menschliche Psyche. was die Assimilation für den Leib ist. Dieser erhält in Speise und Trank die erforderlichen Nährstoffe zugeführt; mit seinen Verdau, ungskräften bildet er diese in aufnahmefähige Formen um und scheidet alles nicht Aufnahmefähig« als fremdes Element wieder aus— genau so erwirbt der Geist mit Hülfe der Sinnesorgane seine Nährstoffe; wie Zelle an Zelle so reiht im allmählichen geistigen Wachstum sich Vorstellung an Vorstellung, nur was innerlich ver» wandt ist, vermag sich dauernd zu erhalten, isolierte Vorstellungen gehen mit der Zeit unrettbar wieder verloren.„Ohne Assimilation keine Ernährung, kein Gedeihen des Leibes— ohne Apperzeption kein geistiger Reichtum, kein wirkliches Leben der Seele." Naturgemäß ist der Vorstellungskreis seinem Umfang« wie seiner Zusammensetzung nach bei jedem Kinde anders geartet. Kein Kind gleicht völlig einem anderen, weder körperlich noch geistig. wie es in der ganzen Natur überhaupt nicht zwei Dinge gibt, die einander in allen Stücken gleich wären. Durch diese als I n d i- v i d u a l i t ä t bezeichneten besonderen Leibes- und Geistescigcn- tümlichkeitcn erfährt der Gedankenkreis eine verschiedene Ausge- staltung. Dazu kommt als weiterer beeinflussender Faktor die Um- gcbung, in der das Kind aufwächst, also die Oertlichkeit, taS gesellschaftliche Milieu, die soziale Stellung der Eltern, die große, oft unkontrollierbare Menge der geheimen Miterzieher usw. Das Kind der Großstadt hat bei seinem Eintritt in die Schule einen anderen Vorstcllungsschatz aufzutveisen als ein Kmd vom Lande, das Kind eines Kaufmanns einen anderen als das eines Arbeiters, das Kind gebildeter, gesitteter Eltern einen anderen als das unge- bildeter, fittcnioser, verbrecherischer Eltern usw. Doch nicht bloß die Art, auch die Qualität der Vorstellungen unterscheidet sich nach diesen Gesichtspuntten. Die Stadt mit ihren mannigfaltigen wechselnden Eindrücken macht das Kind zwar mit vielen Gegen- ständen bekannt, aber infolge des raschen Wechsels der Eindrücke vermag die Aufmerksamkeit nicht längere Zeit bei dem Einzelnen zu verweilen; die Vorstellungen werden nur sehr mangelhafte, un- vollkommen ausgebildete sein. Das Dorfkind, in dessen Sinnes- kreis die Erscheinungen der Außenwelt nicht einem so häufigen Wechsel unterworfen sind, tritt zivar mit weniger, daftür aber meistens vollkommeneren Vorstellungen in die Schule.(Janke.)/ Hier wie dort gibt es natürlich tausend und abertausend Variationen, so daß die kindlichen Gedankenkreise nach Umfang und Inhalt ein« Mannigfaltigkeit aufweisen, die ins Unendliche geht. Dem Pädagogen, der, um seinen Unterricht fruchtbar zu ge- stalten, die Individualitäten der Sichler sorgfällig studieren und erforschen mutz, erwächst den Sechsjährigen gegenüber als erste und wichtigste Verpflichtung die: eine genaue, eingehende Analyse der lindlichen Gedankenkreise vorzunehmen. Der Lehrer soll dem Arzte gleichen, der vor der Behandlung seine Patienten gewissermaßen untersucht, um nach der Diagnose seine Behandlung einzurichten. Aus den Ergebnissen der Analyse lassen sich Grundlagen für die Weiterentwickclung des Kindes, lassen sich Fingerzeige und Gesichtspunkt« für die Auswahl und psychologische Durcharbeitung der Stoffe für das erste, bis zu einem gewissen Grade auch für das zweite Schuljahr gewinnen. Seit ein paar Jahrzehnten sind in pädagogischen Kreisen viel- fache und umfassende Untersuchungen des kindlichen Gedankenkreises vorgenonimc» worden. Bahnbrechend wirkten besonders die Be- mühungen des Schuldircktors Dr. Hart mann tn Annaberg im Erzgebirge, der in den'Jahren 1880 bis 1884 den Borstellungs- schätz von 1312 sechsjährigen Kindern einer genauen Untersuchung und Analyse unterzog. Sein Vorgehn regte in weiten Kreisen zur Nackzciferung an. so daß bald aus Plauen i. V., Weimar, Ham- bürg und zahlreichen anderen Orten Deutschlands, ja sogar Eng- lands und Amerikas Berichte über ähnliche Experimente und deren Ergebnisse vorlagen. Dr Hartmann stellte an die Kinder hundert Fragen, die sich auf das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich der Stadt Annaberg, aus Naturereignisse, Zeiteinteilung, die heimatliche Landschaft, auf Verkehrsmittel, Raum-, Zahl- und Farbcvorstcllungcn, Religiöses und Soziales bezogen und zum Schluß, unter sonstigem, zu wissen verlangten, wieviel Kinder Märchen erzählen, Versehen aufsagen, einen Satz nachsprechen oder einen Ton nachsingen konnten, wieviel auf dem Kirchturm und auf dem Tanzsaal gewesen waren usw. Die Ergebnisse dieser Erhebung waren über alle Erwar- t ungen schlecht. Von den Kindern hatten gesehen: einen im Freien lanfeuden Hasen nur 16 Proz., ein Eichhörnchen auf dem Baume 13 Proz., eine weidende Schafherde 33 Proz., einen Stav vor dem Kasten 12 Proz., eine schivimmende Gans 40 Proz., eins Henne mit ihren Küchlein 28 Proz., den Kuckucksruf hatten gehört 12 Proz.. den Gesang der Lerche im Freien 12 Proz., einen im Freien hüpfenden Frosch hatten 24 Proz. gesehen, einen Bienen- stand 9 Proz., einen Schmetterling auf der Blume 49 Proz., eine kriechende Schnecke 31 Proz., ein Aehrenfeld 22 Proz., ein Kar- tofselfeld S4 Proz., einen Teich 70 Proz., eine Wiese 36 Proz., eiu Tal 9 Proz., einen Fluß 33 Proz., eine Sandgrube 7 Proz., ein Bergwerk 6 Proz., einen Steinbruch 17 Proz.; cK kannten eiw Dreieck 10 Proz., ein Viereck IS Proz.,«inen KrciS 43 Proz., einen SBfiirfel 39 Proz., eine Kugel 80 Proz.. d!e Wochentag 11 Proz., die Jahreszeiten 8 Proz. Den Zahlenraum von 1 bis 70 beherrschten 66 Proz., etwas von Gott wußten 59 Proz., von Jesu 16 Proz., von biblischen Geschichten 2 Proz.; Gebete und Lieder kannten 23 Proz., den Gottesdienst 32 Proz., die Tause 26 Proz., die Hochzeit 23 Proz.; die Zeit abzulesen verstanden nur 3 Proz. Nur verhältnismäßig wenige der vorhandenen Vorstellungen waren für die Schularbeit als Anknüpfungspunkte zu gebrauchen; die Mädchen erwiesen sich durchgängig reicher an verwendbaren Vor- pellungen als die Knaben. Tie Hartmannschen Untersuchungen sind, wie schon bemerkt, in zahlreichen Orten und Ländern mit örtlich gebotenen Ab- änderungen wiederholt worden; die Ergebniste waren da oder dort dürftiger oder günstiger, im wesentlichen aber überall die- selben. Ganz umfangreiche und sorgfältige Erhebungen wurden . 1903 in Rothenditmold lKassel) von Heuck und Traudt an- gestellt. Unter Benutzung der Annaberger Fragebogen, die lokal abgeändert oder ergänzt waren, gelangte man zu Ergebnissen, die im allgemeinen etwas günstiger sind als die Annaberger und im einzelnen sich zu diesen und den Ergebnissen von Weimar etwa wie folgt stellen: In der Gruppe Mineralogie wurden erzielt in Rothen- ditmold 10 Proz., in Annabcrg 10 Proz., in Weiniar 2 Proz., in Zeiteinteilung R. 14 Proz., A. 7 Proz., W. 11 Proz.; in Religiöses R. 34 Proz., A. 26 Proz., W. 46 Proz.; in Raum-, Zahl- und Farbe- Vorstellungen R. 51 Proz., A. 42 Proz., W. 46 Proz.; in Soziales R. 52 Proz., Ä. 44 Proz., W. 48 Proz.; in Naturereignisse R. 56 Proz., A. 38 Proz., W. 46 Proz.; in Vorstellungen vom Heimat- lichen Ort R. 58 Proz., A. 38 Proz., W. 46 Proz.; in Sonstiges R. 64 Vroz., A. 33 Proz., W. 50 Proz.; in Tierreich R. 75 Proz., A. 23 Proz., W. 30 Proz.; in Pflanzenreich R. 82 Proz., A. 20 Proz., W. 38 Proz. und in Verkehrsmittel R. 86 Proz., A. 42 Proz., W. 31 Proz. Insgesamt ergaben sich in Rothen- ditmold bei 7448 Untersuchungen 4196 brauchbare Vorstellungen (56 Proz.), ein Ergebnis, das. obwohl es günstiger ist als viele anderen, doch keineswegs als gut bezeichnet werden kann. Besonders interessant sind die Ergebnisse der Erhebungen in Boston, indem sie einen Vergleich zwischen dem Gedankenreichtum der Stadt- und Landkinder anstellen. Hall, der Leiter dieser Unter- fuchungcn, glaubt behaupten zu dürfen, daß die Stadtkinder durch- weg auf einem niedrigeren geistigen Niveau stehen als die Land- krnder. Man muß jedoch dabei in Betracht ziehen, daß diese Frage nicht so ohne weiteres, am allerwenigsten aus den Ergebnissen einer Analyse, gelöst werden kann, weil es an einem fiir beide Gruppen gleich verbindlichen Fragenmaterial stets fehlen wird und man ohne dieses sich von dem Boden des exakten Experiments auf das Gebiet nicht genau kontrollierbaren Abschätzens begibt, womit das Grundprinzip der Expcrimentalpsychologie aufgegeben wird. Mehr Beachtung, besonders für die Praxis, verdient die andere Mit- teilung, daß Stadtkinder durch einem wenn auch nur kurz be- mestencn Landaufenthalt ganz bedeutend an Vorstcllungsreichtum gewinnen. Allen Untersuchungen gemeinsam ist das Ergebnis, daß sich in den Gedankenkreisen der Kinder eine gewisse Anzahl kon st anter Vorstellungen zeigt. Eine Menge von Vorstellungen ist bei fast allen Kindern vorhanden, eine Anzahl anderer fehlt bei fast ollen. Diese konstanten Erscheinungen für jeden Ort oder für jedes engere oder weitere Gebiet, in dem die Lebensverhältnisse gleich sind, zu ermitteln, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Pädagogik, denn die bei allen Kindern anzutreffenden Vorstellungen haben die naturgemäße Grundlage für die Anfänge des Schulunterrichts zu bilden. Nicht minder wichtig aber ist die zweite Aufgabe, die noch fehlenden Vorstellungen den Kindern so rasch als möglich zu verschaffen. Geschieht dies nicht, so operiert der Lehrer im Unterricht nur mit Worten, die Erziehung erschöpft sich im Vor- und Nachsprechen, Auswendiglernen und Aufsagen, die Schule wird zur Papageien- schule, die sehr gute Dressurerfolge haben kann, aber niemals im- stände ist, Menschen zu bilden. Am sichersten und bequemsten vcr- hilft man den Kindern zu lebendigen Vorstellungen durch weitest- gehende Berücksichtigung der Naturanschauung. Unser Schuluntcr- richt spielt sich viel zu viel in Zimmern und Lehrsälen ab, die Kinder gehören mehr ins Freie, müssen bekannter werden mit der Natur, und zwar nicht durch Bilder, Präparate, aus- gestopfte Tiere und dergleichen, sondern durch persönliche An- s ch a u u n g, durch eigenes Erleben, durch Wanderungen in der Umgebung der Städte. Je weiter die Kinder bisher davon entfernt bleiben, je weniger sie bisher dazu Gelegenheit hatten, um so rascher und gründlicher mutz dies nachgeholt werden, um so öfter ist die Natur aufzusuchen. Gewiß sind dabei, besonders in der Großstadt, mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, aber sie müssen eben überwunden werden, wenn es das Interesse und das Wohl der Jugend erheischt. Der Unterricht im Freien mutz mehr und mehr den Unterricht in Schulräumen, die gerade für die gesündesten, tüchtigsten und hoffnungsvollsten unserer Kinder Schul- kecker sind, ablösen; die Entwickelung der Unterrichtsmethode strebt unverkennbar dem— wenn auch vorläufig noch fernen— Ziele zu: die Erziehung mehr und mehr ins Freie zu verlegen. Die Türen der Schulen müssen geöffnet werden, da- mit unsere Jugend hinausströmen kann, um von der Natur und vom Leben für das Leben unterrichtet und erzogen zu werden.—. O.!?.. tNachdruck verboten.) Zvirik- und prunhgläfcr. Das B er lin er Kunstgewerbe-Museum besitz! eins der reichsten und schönsten Sammlungen alter und neuer Kunst- gläser. Man findet hier Beispiele jeder Technik. Da sind namcnt» lich Trinkgläser venetianischen, deutschen und böhmischen Ursprungs, die modernen Gläser von Tiffany und Gallo, die feinen geschnittenen und geschliffenen«Gläser der Chinesen usw. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts begann die hohe Blüte der venetianischen Glaskunst, deren Herrschaft bald darauf in der ganzen Welt anerkannt wurde. Tie Venetianer wurden auch die Begründer dieser Industrie in Teutschland und den Niederlanden, woselbst die Entwickelung etwa zu Anfang des 16. Jahrhunderts begann. Die ältesten Stücke der Venetianer, wie man solche auch im Berliner Kunstgcwerbe-Museum findet, sind noch ziemlich schwer- fällig; die Formen scheinen den spätgotischen Metallgefäßen entlehnt zu sein. Aber bald werden die Gläser leichter und zierlicher, die Formen anniutig und zart, wie dies der Natur des in der Glut leicht bildsamen Materials entspricht. Neben zierlichen, far- bigen Gläsern mannigfacher Art— darunter karneolfarbiges Glas, ferner sogenanntes Aventuringlas(mit eingesprengtem Kupfer) aus dem 17. Jahrhundert— finden wir die berühmien Millefiori- Glasgefäße von zierlicher Form, die ebenso sehr ihres delorativen Reizes wie. ihrer Technik wegen bcachtensloert sind. Bei diesen un- durchsichtigen, meist in tiefen Tönen gehaltenen Gläsern greifen alle Farben scheinbar willkürlich durcheinander, so daß das ganze Glas aus kleinen Fasern, Flecken und«terucil hundert verschiedener Farben zusammengesetzt erscheint. Es werde» ganz wunderbare Effekte dadurch erreicht. Die Farbenwirkung ist jedoch auch nicht so sehr vom Zufall abhängig, wie dies auf den ersten Blick er- scheinen Ivill. Unter Millefiori versteht man Glasflüsse, in welche farbige Glasstücke in vorher zusammengestellten Mustern eingeschmolzen werden. Namentlich wurden schöne Perlenschnüre, die einen bedeutenden Tauschartikel für den Handel mit dem Orient bildeten, aus diesem DSaterial angefertigt. Doch auch Ziergcfähe, Dosen usw. aus derartigem Glase findet man sehr häufig in den Museen. Millefiori bedeutet so viel wie„Tausendblniiien"; die Be- zeichnung ist nicht ungerechtfertigt, denn häufig sind in die Glas- masse tatsächlich hunderte von Blümchen, Sternen usw. ein- geschmolzen, die aus Qucrabschnitten farbiger Stäbchen gc- bildet sind. Sehr reich ist die Berliner Sammlung an venetianischen und spanischen Filigrangläsern, bei denen in die Masse Glasfäden in Bündeln. Streifen, oder auch netzartig eingefügt sind. Diese Linien sind weiß oder farbig, bestehen aber größtenteils aus Milchglas. Auch bei farblosen Gläsern werden durch Einlegen derartiger Netz- werke sehr schöne Erfolge erzielt. Die Technik ist ziemlich einfach, läßt sich aber doch in Kürze nicht gut beschreiben. Es sei nur an- gedeutet, daß das feine Netzwerk aus regelmäßigen Reihen von Luftbläschen gebildet wird. Im übrigen wird jede andere Technik der Venetianer durch lehrreiche Beispiele veranschaulicht. Da sind die sogenannten Eis- gläser mit ihrer rissigen Oberfläche, die durch plötzliche Abkühlung bezw. durch Aufschmelzen von Glassplittern erzeugt wird, da ist ferner bunt marmoriertes und geflammtes Glas< durch Mischung farbiger Glasflüsse erzeugt), ferner das hellblau schimmernde Opal. glas mit Malereien in Gold und Farben, kostbare Trinkgläser mit Emailmalcrei usw. Zwei der wertvollsten Stücke der mit Email» Malerei geschmückten Becher verdienen besonders hervorgehoben zu werden. Ten einen derselben bezeichnet die Generalverwaltung der Museen als„eine der edelsten Perlen venetianer GtaSkunst". Es ist ein Becher aus dem 15. Jahrhundert mit Darstellungen aus einem Ritterroman. Der zweite Becher, mit nicht minder reizvollen Malereien, Chimären-Gestalten, geschmückt, dürste derselben Zeit angehören. Auch die deutschen Gläser bekunden ein feines Schöiiheits. gcfühl, zeigen aber im Gegensatz zu den venetianischen Gläsern etwas Kerniges, wie es dem deutschen Volkswcsen eigentümlich ist. Tie verschiedenen Bezeichnungen dieser Gläser sind zum Teil heute noch in Gebrauch: Patzglas, Stiefel, Tümmler, Willkomm, Aengster, vor allein aber der Römer, die klassische Form des Rhein- Weinglases. Man hat schon in früher Zeit in Deutschland nament. lich kernige Gebrauchsgläser gefertigt. Dies gilt z. B. von den hier gezeigten geblasenen und gekniffenen Gläsern. Die gekniffenen Buckel bilden eine einfache und doch recht wirksame Verzierung. Mit Borliebe werden allerlei Trinkgefäße in Tiergcstalt gefertigt, manche sogar von ziemlicher Vollkommenheit. Tie Vorliebe des deutschen Handwerkers für allerlei Scherze äußert sich vielfach durch wunderliche Formen; ich erinnere nur an den„Stiefel", der sich als Trinkgefäß bis auf den heutigen Tag erhalten hat. In der Renaissancezeit bemalte man die Gläser mit Email färben oder vergoldete sie; auch das Schleifen und Radieren wurde sehr vervollkommnet. Es wurden mit eingebrannten Emailfarben die mannigfachsten Gegenstände, hauptsäcklick Wappen, Jnnungs» symbole, Devisen, figürliche Gruppen, Spielkarten usw. auf den Gläsern dargestellt. Das Kunstgewerbe-Muscmn besitzt eine groß« Reihe solcher aus grünlichem Glase bcstehendcc Humpen des 16, — 936— »nd 17. Jahrhunderts, von denen die meisten aus dem Fichtel- gcbirge und dem Thüringer Walde ftanmcn. Obwohl die venctianischen Arbeiten ursprünglich als muster- gültige Vorbilder galten, schlugen die schlesischen und böhmischen Hütten bald eigene Wege ein. Im Gegensatz zu den Venetianern, welche das farbige Glas bevorzugten und häufig dem Zufall freies Spiel ließen, suchte man nunmehr möglichst weißes Glas zu er- zielen. So entstanden z. B. jene böhmischen GlaStvaren, bei deren Her- stellung man den natürlichen Kristall nachzubilden strebte. Die Kristallgläser sind ja auck heute wieder sehr beliebt. Man ver- stand aber auch in den böhmischen und schlesischen Glashütten ganz vorzüglich die verschiedenen Methode» des Schleifen» und Gra- Vierens. Es ist ganz natürlich, daß man zuerst in Böhmen da» Glas zu schleifen begann; denn Böhmen ist auch die Heimat der Steinschleifer. Man fand also hier die Leute, die mit der Technik bereits gut vertraut waren. Derartige böhmische und schlesisthe Gläser, die das Kunstgcwcrbe-Muscum in sehr großer Zahl besitzt, sind meist dickwandiger als die vcnetianer Gläser. Die»leisten sind mit Städte-Ansichten, Burgen. Schlössern, Wappen, Devisen und schalkhaften Sprüchen geschmückt; ja häufig ist die ganze Fläche mit diesen gravierten und geschlissenen Zeichnungen bedeckt. Wir finden hier sehr viele schöne Stücke aus dem 17. und 18. Jahr- hundert, aber das kostbarste Exemplar ist ein von Gottfried Spillcr geschnittener Humpen mit einer Darstellung des Orpheus,� dessen Lied wilde und zahme Tiere des Waldes herbeilockt. Dieses auf kleiner Fläche enthaltene gravierte Bild wirkt geradezu plastisch und ist von einer köstlichen Feinheit in der Komposition wie im Detail. Zu den wertvollsten Exemplaren der Sammlung gehören ferner die von dem Alchymistcn Kunckcl um das Jahr 170V hergestellten Rubingläser, die sich durch ein wunderbares Feuer auszeichnen und vielfach auch mit eingesckmittenen Wappen, Blattornamenten usw. geschniückt sind, namentlich Kelche, Becher und Schalen. Schon im Mittelalter war die Kunst bekannt, Glas durch Zusatz von Kupfer rot zu färben. Diese Technik ging wieder verloren, bis es dann Kunckel gelang, das prächtige Goldrubinglas zu erzeugen, bei welchem die rubinrote Färbung durch Zusatz von Gold erzielt wird. Heute kennt man außer dem Goldrubingla» noch ein hochrotes Kupferrubinglas, sowie ein gelbes Silbcrrubingla». Es ist ein Ver- dienst der rheinischen Glashütte zu Köln-Ehrcnfcld, aufs neue die tadellose Herstellung des Goldrubinglases nach vielen Versuchen auf- genommen zu haben; denn nach Kunckel war die Technik allmählich wieder verloren gegangen. Lange Zeit hindurch half man sich durch Herstellung von Ueberfanggläscrn, wie sie in der Glasmalerei vor- kommen, d. h. durch Aufschmelzen der roten Fritte auf das weiße Glas. Dabei erschienen aber alle stärkeren Teile, Füße, Henkel, Knöpfe usw. schwarz, wodurch natürlich die Wirkung sehr becin- trächtigt wurde. Erst nach vielen Experimenten ist c» gelungen, das Material in prächtigem Purpurrot und in allen Teilen durch- sichtig herzustellen. Die Erwähnung der Ehrenfelder Hütte leitet uns zu den modernen Arbeiten über. In Deutschland war es an erster Stelle Oskar Rauter, der Direktor der genannten Hütte, der während der letzten Jahrzehnte die Formen wie die Dekorationen der deutschen GMer veredelte. Es war dies nur durch eingehende Studien der venetianischen und altrömischcn Gläser möglich. Dazu boten Privat- sammlungen in Köln ein reiches Material. Es wurden aber nicht allein die alten, guten Gläser kopiert, sondern auch völlig neue Formen gefunden. Auch auf technischem Gebiet hat sich die Hütte ein hohes Verdienst erworben. Sie stellt nicht weniger als sieben verschiedene Nuancen des grünen Glases her, das vorzüglich zur Herstellung von Trinkgcfäßen zum Genuß deS edlen Rheinweins Verwendung findet. Neben diesen rheinischen Gläsern finden wir in der Berliner Sammlung moderner Arbeiten zarte französische und feine böhniische, sowie schlesische Glaswarcn, dann aber auch die Prunkstücke von Lobmeyr in Wien, von Tiffanh in New??ork und von Gallo und Daum in Nancy. Die Becher, Kelche und Vasen Tiffanys zeichnen sich durch die wunderbare Harmonie in der Masse gefärbter Glas- flüsse aus, die bei diesem geflammten oder marmorartig gezeichneten Stücke launenhaft durcheinander greifen. Andere Stücke dieses Künstlers haben einen durchaus metallischen Eharakter; nur ist der Glanz des Goldes und Silbers hier sogar noch überboten. Wesentlich anderer Art sind die Dekorationsmittcl von Gallo und Daum. Die Grundlage dieser farbenreichen Rcliefgläscr bildet das sogen. Ueberfangglas. Dieses Glas kann aus zwei oder auch mehreren Schichten verschiedener Färbung bestehen, und die Grund- läge kann weiß oder auch farbig sein. Durch Fortstechen einer oder mehrerer Farbenschichtcn kann man bald den einen, bald den anderen Ton zur Erscheinung bringen, aber auch die mannigfachsten Zwischen- töne erzeugen, denn das durchfallende Licht, das hier zwei, dort vier Farbschichten zu durchbrechen hat, bereichert die ganze Farbcnskala um neue Töne. Das lind nun die Mittel, mit denen Gallo und Dauni ihre wunderbaren Farbcnrcliefs bilden, ihre Kompositionen au» naturalistischen Blumen, Vögeln, Käfern und Pflanzen, die nicht nach Willkür über die Fläche gebreitet, sondern im logischen, natür- lichen Zusammenhange durchgebildet werden. Wieder anderer Art ist der Schmuck der Gläser von Lobmeyr. Da ist z. B. eine Fruchtschale von klarem, weißen Glase, die gar kein Relief und gar keinen Farbenschmuck besitzt, aber doch durch wunder- bare» Irisieren des Glase» alle bunten Farben deS Regenbogens zeigt, welche je nach unserem Standpunkt wechseln, also jedenfalls durch die eigenartige Lichtbrechung hervorgerufen werden. Bekannt ist jedenfalls, daß man diesen eigenartigen Farbenreiz auch auf hlindgewordenen alten Fensterscheiben beobachten kann. Bemerkenswert ist, daß die Chinesen, und zwar offenbar schon in sehr früher Zeit, die von Gallo angewendete Technik gekannt haben. Da» zeigt uns die Sammlung chinesischer Gläser im Kunst- gcwerbe-Museum. Da sind kleine Flaschen zum Aufbewahren von Schnupftabak, mit dem Diamant gravierte Gläser, Schmucksachen aus Glas usw. Namentlich die dickwandigen Tabakfläschchen zeigen sehr kräftige und recht vollkommene Reliefs. Der Grund ist meistens in hellen Tönen gehalten, sodaß sich die sehr kräftig geschnittenen Fische, Drachen, Schlingpflanzen in tiefblauen und tiefroten Tönen von weißem, gelbem und hellblauem Grunde abheben. Am inter- cssantestcn sind Arbeiten, bei denen zwei verschiedenartige Pflanzen- ornamente in starkem Relief übereinander liege», so daß beispiels- weise ein rotes Rankenornamcnt über ein anderes von gelber Färbung netzartig hinweggeht. Wertvoll ist diese Sammlung namentlich auch deshalb, weil uns hier auch Proben von Roh- Material und halbfertigen Arbeiten der Chinesen gezeigt werden, so daß wir ein vollkommen klares Bild der Technik gewinnen können.— Fred Hood. Kleines feuilleton. t. Die Turkisminen Pcrsiens. Die unterirdischen Reichtümer Persicns sind bisher in sehr geringem Grade ausgenutzt worden. Die einzige Ausnahme machen die Türkisminen bei Nischapur, einem Ort, der an der großen Handelsstraße zwischen dem Kaspischeu Meer und Nieschhed am Fuße einer beträchtlichen Bergkette gelegen ist. Diese Minen I verde» seit langen Jahren regelmäßig aus- gebeutet. Früher hatte tvahrscheinlich die Regierung selbst den Betrieb in die Hand genommen, während er heute gegen eine mäßige Abgabe Privatleuten überlassen ist. Das Bcrgwerkgeländ'e erstreckt sich über eine Fläche von etwa 36 VVV Hektar und liegt von Nischapur 60 Kilometer gegen Nordwest entfernt. Außer den Türkisminen findet sich dorr ein Salzbergwerk, ein Steinbruch für Mühlsteine und eine Bleiminc, doch werden, die letzten beiden nicht mehr ausgebeutet. Tie Arbeiter verteilen sich auf mehrere Dörfer, deren wichtigste» Maadan heißt. Der Pächter ist eigentlich unbc- schräntcr Herrscher diese» Bezirks und erhebt als solcher Steuern von den Einwohnern, die sich dort niederlassen, aber nicht in Geld, sondern in Arbeit. Die Turkisminen erstrecken sich einmal auf das vulka- nische Gcbirge Tschurag-Kuh und auf da» Schwemmland am Fuße dieses Berges, wo gerade die schönsten Türkisen, die durch den Regen ausgetvaschcn worden sind, gefunden werden. Man nennt sie Sengi-khaki(Erdsteine), und infolge ihrer Seltenheit werden sie mindestens dreimal höher bewertet als entsprechende Steine, die aus dem Gestein des Berges selbst hervorgeholt werden. Das Schtveminland wird von Frauen und Kindern durchsucht, die für ihre Arbeit noch eine Abgabe bezahlen müssen. Im Gebirge selbst sind vier Schachte angelegt, und früher bestanden wahrscheinlich auch regelmäßig angelegte Stollen mit Lustschachten, die aber all- inählich infolge ihrer Vernachlässigung verfallen sind. Die einzige Regel, die beim Betrieb der Minen beobachtet wird, geht darauf aus, mir möglichst geringen Kosten einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen. ES kommt dem Pachter darauf an, die Pachtsumme möglichst rasch herauszuschlagen und der Mine, wie man zu sagen pflegt die Augen auszureißen, ohne Rücksicht auf die Zukunft. Die Schachte erreichen eine Tiefe bis zu 120 Metern, gehen übrigens nicht senkrecht in die Erde hinab, sondern in Winkeln von 30— 75 Grad. Das Gestein wird mit Hacken abgelöst und durch eine Kette von Arbeitern von Hand zu Hand herausgeschafft, um unter Tag in roher Weise mit Hämmern zerschlagen zu werden, wodurch oft die schönsten Steine zu Grunde gehen. DaS zerkleinerte Gestein wird dann durch Kinder unter Betvachung von Soldaten geschlämmt. Nur Stücke von der Größe einer Nuß, in denen Türkise vorhanden zu sein scheinen, werden gesammelt, gleich in Säcke verpackt und nach Mcschhcd gesandt, um dort zerschnitten zu werden. Außer den vier regelmäßig bearbeiteten Schächten ist noch eine Anzahl anderer vorhanden, die auf den früher weit größeren Ilmfang de» Bergbau- betriebs hindeuten. Es steht den Bewohnern des Bezirks frei, das Reckst ihrer Bearbeitung von dem Pächter gegen eine hohe Abgabe zu erwerben, doch müssen dann alle gefundenen Steine zu natür- lich möglichst geringem Preis an diesen verkauft werden. Der Unternehmer überwacht in Mcschhcd da» Schneiden und den Ver- kauf der gewonnenen Türkise selbst. Man darf sich nicht darüber wundern, daß diese überaus rohe Art de» Bergbaues die Qualität der Türkise beträchtlich herabgesetzt hat. 5tleinc Stücke finden sich bei allen persischen Juwelieren in Ucberfluß und werden zur Aus- schmückung von Wasserpfeifen und kleineren Silberarbciteu benutzt, dagegen sind wirklich gute Stücke selten und werden immer teurer, wenn sie die echte tiefblaue Farbe des orientalischen Himmels be- sitzen und keinerlei Flecke oder Risse haben sollen.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber» - �—lag: Vorwiircs.Buchdruckerei u.Verlagsanjtalt Paul Singer chCö., Berlin LIV.