Hlnterhaltimgsblatt des"Vorwärts Nr. 235. Sonnabend, den 2 Dezember 1905 (Nachdruck verboten.) "i Die r>uerta. Roman von SS. B la s c o I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Endlich gelang es Roseta, die stärker oder flinker war, sich loszumachen, und sie wollte schon ihre Gegnerin niederwerfen und ihr eine Züchtigung zuteil werden lassen— denn sie versuchte mit ihrer freien Hand eindn ihrer Schuhe loszumachen— als sich eine brutale Szene ereignete. Ohne sich verabredet, ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben, als wäre der Hasi ihrer Familien durch die Worte und Flüche, die sie zu Hause gehört, in ihren Seelen plötzlich zum Ausbruch gelangt, stürzten alle gleichzeitig auf Batistes Tochter zu. „Diebin! Diebin!" lind so schnell, daß man es kaum sehen konnte, verschwand das junge Mädchen unter den wütenden Fäusten. Ihr Gesicht bedeckte sich mit Kratzwunden; unter den Schlägen erliegend, konnte sie sich nicht mal auf die Erde werfen, denn ihre Feindinnen bedrängten sie auf allen Seiten; schließlich fiel sie, hin- und hergestoßen, nieder, mit dem Kopf nach unten, auf die glatten Stufen und schlug mit der Stirn auf eine Kante der Treppe. Blut! Es war genau so, als hätte man einen Kieselstein gegen einen Baum geworfen, auf dem eine Vogelschar sitzt. Alle ent- flohen schnell, den Knig auf dem Kopfe, und entfernten sich nach der entgegengesetzten Richtung. Eine Minute später sah man in der Nähe der Foickäne nur Roscta mit wirren Haaren und zerfetzten Röcken, die weinend ihrem Hause zuwanderte. Wie ihre Mutter aufschrie, als sie sie zurückkommen sah! Wie sie wetterte, als sie den Vorfall erfuhr. Diese Lmte waren schlimmer als die Heiden! Herrgott, Herrgott, war es denn glaubhaft, daß man ein solches Verbrechen in einem christlichen Lande beging! Das Leben war ja nicht mehr auszuhalten. Es war also nicht genug, daß die Männer ihren armen Batiste angriffen und verfolgten, vor Gericht verleumdeten und ihm ungerechte Geldstrafen auferlegten! Jetzt fingen auch die Mädchen an, ihre arme Roseta zu quälen, als hätte die lln- glückliche die geringste Schuld. Und warum? Weil die Familie, ohne jemand zu schaden, nach dem Befehl Gottes von ihrer Arbeit leben wollte! Batiste wurde bei Rosetas Anblick leichenblaß. Er-ging einige Schritte auf dem Wege, der zu Pimentos Hütte führte, deren Dach sich hinter dem Röhricht abhob. Doch dann blieb er stehen und schalt die Aermste schließlich in sanftem Tone aus. Das würde ihr eine Lehre sein, nicht mehr in der Ebene spazieren zu gehen... Sie niüßten jede Berührung mit den anderen vermeiden, einträchtig und einig zusammen zu Hause leben und sich nie von den Sleckem entfernen, mit denen ihr Leben abschloß. Sie hier aufzusuchen, würde man sich wohl- weislich hüten. VI. Der Lärm eines Wespennestes, das Summen eines Bienen- stockes, so hörte es sich voni Morgen bis zum Abend an, wenn man an der Mühle de la Cadena auf dem zum Meere führenden Wege vorbeikam. Ein dichter Pappelvorhang umgab den kleinen Platz, der von den der erweiterten Landstraße gegenüber liegenden alten Dächern, zerrissenen Mauern und schwarzen Jalousien gebildet wurde. Aus diesen Trümmern bestand die Mühle, ein ver- sallener, am Kanal errichteter Bau, der von zwei dicken Pfählen gehalten wurde, durch die sich ein schäumender Wasserfall stürzte. Dieses dumpfe, eintönige Geräusch, das von den Bäumen zu kommen schien, stammte von der Schule, die Don Joaquin in dieser Gegend unter einer Hütte hielt, die von dem Pappel- Vorhang verdeckt wurde. Nie hatte man die Wissenschaft schlechter untergebracht, ob- wohl sie gewöhnlich keine Paläste bewohnt; hier hauste sie in einer alten Baracke, ohne jedes andere Licht, als das durch die Tür und die Dachspalten hercindrang; die Wände waren von zweifelhafter Weiße, weil die Frau Lehrerin, eine dicke Frau, die ihr Leben lang auf ihrem kleinen Stuhl zu kleben schien, ganze Tage damit zubrachte, ihrem Manne zuzuhören und ihn zu bewundern. Zur Ausstattung gehörten einige Bänke, sowie einige Karten und Plakate ans schmutzigem Papier, die an den Ecken zerrissen und nüt Oblaten an den Wänden befestigt waren. Im Zimmer neben der Schulstube standen wenig zahlreiche und klapprige Möbel, die die Reise durch ganz Spanien gemacht zu haben schienen. Das Haus besaß nur einen neuen Gegensiand: den langen Stock, den der Lehrer hinter der Tür aufbewahrte, und den er alle zwei Tage aus dem benachbarten Röhricht ersetzte; es war ein wahres Glück, daß dieser Artikel so billig war, denn er nutzte sich auf den dicken Schädeln dieser wilden Junge» sehr schnell ab. Von Büchern sah man kaum zwei bis drei in der Schule. Dasselbe ABC mußte für alle herhalten. Wozu auch mehr davon anschaffen? Hier herrschte die maurische Methode: singen und wiederholen, bis die Lehrgegenstände dank dem ewigen Büffeln in die harten Köpfe eindrangen. Darum stieß die alte Baracke auch von? Morgen bis zum Abend durch ihre geöffnete Tür em langweiliges Geleier aus, über das sich die Vögel in der Nachbarschaft lustig zu mache» schienen. „Va.. ter..»in.. ser,.. der.. Du.. bist.. im.. Him.. mel." „Hei.. li.. ge.. Mut.. ter.. Ma.. ri.. a. „Zwei.. mal.. zwei.. ist.. vier." llnd die Hänflinge, die Lerchen, die Dompfaffen, die die Knaben wie den Teuzel in eigener Person fürchteten, die ent- flohen, wenn sie sie in Scharen durch die Felder strolchen sahen, ließen sich jetzt mit dem größten Vertrauen auf den benach- karten Bäumen nieder und wagten sogar, ihre kleinen, hüpfenden Füßchen bis auf die Schwelle der Schule zu setzen, indem sie mit ironischem Trillern diese Wilden hänselten, die, hier von dem drohenden Rohr in Schach gehalten, im Käfig saßen. Sie durften sie nur von der Seite ansehen und konnten ihre Plätze nicht verlassen, denn sie mußten ja den langweiligen und häßlichen Gesang bis ins Endlose weiter leiern. Von Zeit zu Zeit schwieg' der Chor, dann hörte man die inajestätische Stimme des Don Joaquin, der die Schleusen seines Wissens öffnete: „Wie viel Werte der Bannherzigreit gibt es?" oder „Wie viel ist zwei mal sieben?" Doch selten befriedigten ihn die Antworten. „Ihr seid nichts weiter als Dummköpfe, Ihr hört mich an, als spräche ich griechisch mit Euch; dabei behandele ich Euch doch mit entzückender Höflichkeit, wie in einem Stadtgym- nasium, damit Ihr gute Manieren lernt und Euch wie gebildete Persönlichkeiten ausdrücken könnt, llebrigcns habt Ihr ja auch nette Vorbilder: Ihr seid ebenso blöde, wie Eure Herren Väter, die wie die Hunde bellen und stets Geld haben, um in die Schänke zu gehen, aber tausend' Vorwände erfinden, um mir Sonnabend nicht die zwei Heller zu bezahlen, die sie mir schuldig sind." Dabei wanderte er durch die Klasse,' in ihrer ganzen Länge und Breite mit einer Entrüstung, die sich in seinen Gesten, seiner Miene und seiner ganzen Haltung verriet. Der Körper Don Joaquins zerfiel in zwei ganz ver- schicdenc Teile. Der' untere zeigte zerrissene und stets mit Schmutz besudelte Schuhe, alte, zerfetzte Hosen; knochige Hände, in denen die Hautfalten stets voll Erde waren, seit er sein Ge- müsebeet der Schule gegenüber bearbeitete. Dieses Gemüse war auch das einzige, was er in seinen Topf zu werfen hatte. Doch von, Gürtel bis zum Kopfe bewunderte ,„a>, die Auto- rität, die Würde, die den,„Verweser des Lehramtes" gebühren, wie er zu sagen beliebte; eine Krawatte von schreienden Farben auf einer unsauberen Hemdbrust; ein weißer Schnurrbart, der rauh wie eine Bürste sein dickes, karminrotes Gesicht in der Mitte wagerecht teilte. Dazu eine blaue Mütze mit einem Schjrn, aus Wachstuch, eine Erinnerung an eine der zahlreichen Stellungen und Aemter, die er in seinem, an Widerwärtigkeiten so reichen Leben ausgeübt hatte. Das alles tröstete ihn über sein Unglück, besonders die Krawatte, ein Gegenstand, den niemand in der Gegend trug, und den er als ein Zeichen höchster Vornehmheit betrachtete. Die Leute aus der Nachbarschaft respektierten Don Joaquin, was sie übrigens nicht hinderte, ihn in seinem Elend recht unbedeutend zu unterstützen und gern Sonnabends die zwei Heller Schulgeld zu vergessen. Er hatte so viel gesehen, dieser Mann! Er hatte die ganze Welt durchzogen! Zuerst war er Eisenbahnbeamter gewesen, dann Steuereinnehmer- gehülfe in einer der entlegensten Provinzen von Spanien; man erzählte sogar, er wäre in Amerika gewesen und hätte dort die Tätigkeit eines Feldhüters ausgeübt. „Don Joaquin", sagte seine dicke Frau,„war niemals in der Lage, in der er sich jetzt befindet. Wir sind aus sehr guter Familie, das Unglück hat uns so weit heruntergebracht, doch wir haben Unzen scheffelweise besessen." Und die Klatschweiber der Huerta verehrten Don Joaquin wie ein höheres Wesen, wobei sie sich ein wenig über den grünen Gehrock mit den viereckigen Schößen lustig machten, den er an Festtagen anzog, wenn er in der Kirche von Alboraya das Hochamt zu singen hatte. (Fortsetzung folgt.) (Rachdruck verboten.) freunäscbaft. Von Hennie Rache Es war ein köstliches Stückchen Einsamkeit, wo die drei Menschen saßen und ihr Frühstück verzehrten. In aller Frühe waren sie aufgebrochen, um den von Touristen gern bestiegenen Berg zu erklettern. Aber sie hatten nicht den gewöhnlichen Weg ge- wählt, sondern den Riesen von der weglosen linken Seite in Angriff genommen. Die Luft flimmerte von Millionen Sonnenstäubchen, die Gräser bogen sich manchmal unter einein leisen Luftbauch, und nur das leise Zirpen eines Heimchens störte die Stille. Etwas so W- geschiedenes, Weltfernes lag über der wilden Schönheit der Land- schaff, daß es die Herzen erzittern machte. So feierlich war es, der Alltag schien so fern gerückt, und wie ein Hauch von ewiger Harmonie wehte es sie cm. Ein Vöglein erhob seine Stimme, schwieg aber gleich wieder, und von irgendwo her erscholl leise das melodische Klingen einer Kuhglocke. Die junge Frau sah ihren Gatten mit einem langen Blick an, und sie las in seinen Augen das Verständnis für das, was sie fühlte. Das beglückte sie und machte sie sicher, denn sie hatte sich beinahe ein wenig ihrer Andacht geschämt. Mit einen, scheuen Seitenblick streifte sie dann den gemeinsamen Freund, und sie sah ihn ver- funken in die Ferne schauen, ins Blaue, ins Wesenlose. Zärtlichkeit für alle beide erfaßte sie, Dankbarkeit, weil sie empfand, daß auch Männer weich werden und ihnen allen Dreien ein wenig Sentimentalität gemein war. Da stand sie auf, umschlang ihren Mann und gönnte auch dem Freund einen Händedruck. „Wollen wir weitergehen? Einmal müssen wir uns doch losreißen, nicht?" Die Männer waren einverstanden. Sie nahmen ihre Bergstöcke und schwangen sich mit großen Sätzen über Felsblöcke und Gestrüpp. Die junge Frau kletterte langsamer, aber nicht minder ge- wandt. Zierlich wie eine, Gemse efftieg sie die steilsten Stellen. ließ sich selten helfen und freute sich wie ein Kind, wenn sie eine besonders schwierige Stelle überwunden hatte. Manchutal ver- sperrte ein Gießbach den Weg, oder eine silberglänzende Quelle lud murmelnd zum Trinken ein. Man fand auch vielleicht eine seltene Pflanze, oder ein Eidechschen schlüpfte blitzschnell vorüber. Das alles hielt sie auf und machte ihnen den Weg angenehm. Der Gatte betrachtete seine Frau, wie sie so unschuldig ge- nicßend und ganz hingegeben die Schönheiten in sich aufnahm. Ihr braunes Haar hatte sich etwas gelöst und umflatterte anmutig das Kindergesicht. Der kurze Rock und die lose Bluse gaben ihr etwas Mädchenhaftes, ganz Junges-, und er war von neuem von ihrer Lieblichkeit entzückt. Tann fielen seine Augen auf den Freund, der ihr eben half, einen besonders hohen, glatten Felsblock zu erklimmen, und sie sorg- fältig dabei unterstützte. Sie lachte heiter und scherzte mit ihm, und er antloortetc ihr lächelnd. Das Bild gefiel dem Mann und er dachte bei sich: „Man redet so viel, daß Freundschaft zw''chen Mann und Weib unmöglich sei.. hier, meine Frau und unser Freund sind ein Beweis, daß sie möglich ist und existiert. Mich liebt sie, un.' mit ihn, verbindet sie Freundschaft. Und er? Ich habe nie einen Blick gesehen, nie ein Wort erlauscht, das über Freundschaft hinaus- ginge. Ich wüßte niemand, zu dem ich mehr Vertrauen hätte. Tie junge Frau wandte sich um, winkte ihm und rief: „Wo bleibst Du denn, Ewald? Kannst Tu nicht mehr? Wollen wir ausruhen? Er war in ein paar Sätzen bei ihr und gab ihr einen Kuß. „Nein," sagte er lachend,„müde bin ich nicht." „Aber es machte mir Freude, Euch zu beobachten, es war ein so hübsches Bild— ein Bild von Freundschaft und Brüderlichkeit.'� Tie beiden anderen lachten. „Freundschaft?" rief die Frau,«gar nicht! Ich habe tüchtig mit ihm gescholten, er hat ein unschuldiges Tier getötet, und er behauptete, es sei ein giftiges Jnsett gewesen." „Es wollte Sie aber stechen, und das konnte ich doch nicht dulden," erwiderte der Freund ein wenig ernster, als nötig war. „es gibt hier eine Menge giftiger Insekten— und man kann doch nicht wissen—" „Wie besorgt Sie um mich find!" lachte sie und sah ihn mit harmloser Koketterie von der Seite an,„so besorgt wie ein Papa! Ja!" Ihr Gatte lachte ebenfalls, aber der Freund sagte bestimmten Tones: „Sie können ganz bestimmt keine Schmerzen aushalten� wenn Sie sich auch noch so tapfer zeigen wollten, darum tötete ich das Tier. Ich weiß, daß Sie nicht leiden können," fügte er ruhig hinzu, „ich kenn« Siel" Da errötete die junge Frau und antwortete nicht gleich, der Gatte aber wandte sich zu ihm und meinte: „Du irrst Dicht Meine Frau kann viel aushalten, ich habe sie noch niemals klagen hören, wenn sie Schmerzen hatte." Ein scheuer Blick der jungen Frau irrte hinüber zuerst zu dem Freund, dann zu dem Gatten. Aber sie schwieg noch immer. „Sag Du selbst, Frauchen, Du bist doch sehr tapfer und ge- duldig im Ertragen, wie?" „Ich bin sehr tapfer und geduldig, jal" wiederholte sie und senkte die Augen, denn sie fühlle, daß der Freund sie ansah und wußte, lvenn sie seinen Augen begegnet wäre, dann hätte sie gesagt: „Sie haben recht-- Sie kennen mich gut." Darum schlvieg sie und sah nicht auf. „Ueberhaupr Schmerzen," fuhr der Gatte fort,„ich behaupte. es ist jeder Schmerz zu ertragen." „Auch seelische Schmerzen?" fragte der Freund ruhig und sah dabei die Frau an. „Tie erst recht! Denn sie zerren nicht an den Nerven, sie peinigen dock? nickt so wie beispielsweise Zahnschmerzen," sagte der Gatte halb scherzhaft. „So? Bist Du wirklich der Meinung?" entgegnete der Freund sachlich und sah immer noch die Frau an Sie hatte die Augen noch nicht wieder erhoben, und doch fühlte sie quälend und bohrend diesen Blick, und durch die Fäden einer geheimen Jdeenverbindung fühlte sie sich plötzlich wehrlos mit dem Freund verknüpft. Durch das: Ich kenne Siel schien sie ihm aus- geliefert, es lvar ihr unangenehm, daß ihm ihre Furcht vor Schmerzen nicht entgangen war, während ihr Gatte.. Und plötzlich fiel ihr ein, wie der Freund schon so oft ihren kleinen Wünschen und Steigungen zuvorgekommen war, wie er un- angenehmes von ihr ferngehalten.. Ihr Gatte liebte sie, und doch war seine Liebe nicht so sorgsam, wie die Freundschaft des Freundes. Das beunruhigte sie und machte sie befangen. Sie liebte ihren Mann zärtlich, und es kräntte sie, daß ein anderer sie eben so gut oder noch besser kennen sollte als er. Sie war ihm ein wenig böse darum, und ein leiser Trotz regte sich in ihr. Was muhte der Freund denken, wenn er sah, baß ihr Mann sie nie so richtig bc- obachtet hatte, wie er. Da wandte sie sich hastig und lebhaft gegen ihren Gatten. „Du hast ganz recht, Schatz I Mit Willensanstrengung kann man alles aushalten, und ich habe viel festen Willen. Ich kann auch jeden Schmerz ertragen—— und Sie, mein Freund, Sie kennen mich nicht!" sagte sie trotzig zu dem anderen. Er antwortete gar nicht, sondern zuckte beinahe unmerklich mit den Achseln I Das erfüllte sie mit Zorn, und sie hing sich an den Arm ihres Gatten und lehnte sich schwer an ihn. „Bist Du müde. Schatz?" fragte er und streichelte ihre Hand. „Ja. Wollen wir ein wenig niedersitzen, Ewald? Ich möchte so gern." „Aber natürlich. Kleines. Du, hier ist ein. famoser Platz, da streck Dich nur aus." „Bleibst Du nicht bei mir?" fragte sie enttäuscht, als er Miene machte, weiter zu klettern. „Hast Du Angst?" entgegnete er lachend,„ich will nur mal den bequemsten Weg für uns entdecken, ich bin gleich wieder dal" „Ich bleibe bei Ihnen," sagte der Freund und ließ sich neben ihr nieder,„ich bin auch etwas müde." Sie antwortete nicht, aber sie kämpfte mit den Träne ru. Da ging ihr Mann dahin, und sie hatte sich so nach ein paar Minuten des Alleinseins mit ihm gesehnt. Neben ihr saß der fremde Mann.. Ter fremde Mann? Jemand, den sie so gut kannte, war der ihr fremd? Eine beklemmende Angst überfiel sie und sie versuchte aufzu- stehen und wollte ihrem Manne nachgehen. „Bleiben Sie doch ruhig sitzen, lcnifein Sie nicht bor mir 'davon I Warum sind Sie mir böse? Weil ich Sie besser kenne als — als andere Leute? Haben Sie etwas zu verheimlichen?" „Nein!" sagte sie hart und sah ihn unftcundlich an.„Aber Ich will nicht, daß Sie mich kennen." „Das kann ich mir denken. Aber habe ich S!e je damit l-c- lästigt? Ist es Ihnen je aufgefallen? Sie haben cS vielleicht nicht einmal gemutzt bis heute!" „Nein." antortete sie kurz,»ich denke auch nie über andere Menschen nach." „Das ist ein Fehler. Und weil ich es tue, darum sind Sie mir böse? Weil ich Sie mit meinen Gedanken umspinne, weil ich Sie errate, weil ich Sie ganz in mir aufgenommen habe.." „Ja, das ist es!" stietz sie hervor,„das dürfen Sie nicht! Das kommt Ihnen nicht zu. Das ist Unrecht, das ist.." „Freundschaft!" vollendete er ruhig und erhob sich,„Freund- schaft, ich gebe Ihnen mein Wort darauf!" Da sah sie ihn einen Augenblick an und streckte ihm mit Plötz- lichem Impuls beide Hände entgegen. „Ich war dumm," sagte sie beschämt,„ich seh' es ein!" Er lächelte ein wenig melancholisch, von ihr unbemerkt, dann half er ihr, sich zu erheben, und sie wanderten wieder gemeinsam vorwärts. Ein lauter Jodler sagte ihnen, wo sie den Gatten zu suchen hatten, und die junge Frau antwortete ihm fröhlich mit heller Simme. Sie fanden ihn bald, und er begrützte sie mit einem komisch besorgten Gesicht. „Das ist hier eine ganz gefährliche Gegend, Frauchen, lauter Steine und wieder Steine, aber es bleibt uns nichts anderes übrig, tvir müssen hier hinauf!" „Also dann vorwärts!" kommandierte die junge Frau mutig und schritt tapfer voran. Es war ein eigentümliches Landschaftsbild. Ter Boden war ganz übersäet mit spitzen Steinen, die fest in der Erde steckten und 'den Weg sehr erschwerten. Das junge Weib sang ein Lied, und manchmal stimmten die Männer mit ein. lind dann— plötzlich— eine fallende Gestalt— ein gellender Schrei, leises Röcheln, und dann Totenstille. Die beiden Männer starrten untätig und fassungslos auf die junge Frau, die vor ihnen am Boden lag, und deren brechende Augen geradewegs in den blauen Himmel schauten. Sie war mit dem Kops auf einen spitzen Stein gefallen, der tief in ihre Schläfe hinjeingedrrmgen war. Das Blut sickerte zwischen den braunen Haarflechten hinab und färbte die Erde mit unheimlichen Flecken. Noch immer standen die Männer. Da entrang sich dem Munde des Freundes ein Aechzen, das nicht mehr menschlich klang, ein Stöhnen wie aus zerbrochener Brust. Seine Augen blickten irr, und er beugte sich plötzlich herab und hob die Tote auf. „Was willst Du?" fragte der Gatte,„geh, hol Hülfe.. geh, Icraf, schnell, schnell!" „Sie gehört mir!" murmelte der Freund, ohne auf den anderen zu achten, dann setzte er sich auf die Erde und legte den Lopf des toten Weibes in seinen Schatz. Inbrünstig kützte er die weitzen Lippen, wieder und wieder. Der Mann starrte auf ihn und begriff zuerst nicht.. dann stietz er ein heiseres Wutgeheul aus, und der ungebändigte Zorn übermannte die angestrengten Nerven und verdrängte momentan den Schmerz. „Tu hast sie geliebt!" schrie er,„Dar hast sie geliebt! Du Schurke! Du Schuft! Latz sie los! Sie ist meint Sie ist mein! Latz sie los. Du Schuft, mir gehört sie!" Der andere achtete gar nicht auf ihn und fuhr fort, die Tote innig zu betrachten und zu küssen. „Latz sie los, sage ich Dir! Mein Weib hat nichts mit Dir zu schaffen.. sie ist mein, mein ganz allein!.. oder?.." Seine Augen weiteten sich plötzlich vor Entsetzen, ihr Blick wurde dunkel vor Furcht und Schrecken, als ob sie etivas Grauen- Haftes sähen. Er warf sich plötzlich neben die Tote nieder und zerrte sie an den Haaren empor. „Hast Du ihn geliebt?" schrie er,„hast Du ihn geliebt?" „Liebtest Du ihn auch? Rede, sei barmherzig, rede nur noch ein- mall Sag, hast Du ihn geliebt? Die Wahrheit will ich wissen, die Wahrheit, die Wahrheit!" Er stietz die letzten Worte gellend, jammernd hervor. Da blickte der Freund auf und sah die Frau, die er liebte, von dem Gatten, mitzhandelt. Er streckte müde die Hnnh nach ihm aus. „Sie hat mich nicht geliebt," sagte er.„nicht eine einzige Sekunde in ihrem Leben. Dich hat sie geliebt. Dich! Und Du hast recht, sie gehört Dir! Denn meine Liebe, die viel grötzer war als Deine, die hat darum kein Anrecht auf sie!" „Ist das wahr?" bettelte der Mann,„ist das wirklich wahr? Bin ich nicht betrogen von ihr?" „Nein, Du käst nicht betrogen. Sie hat Dich geliebt. Sie wußte nicht einmal daß— ich— sie liebte. Vor einer halben Stunde schwor ich ihr mit einem Meineid, daß ich nur Freund- schaft für sie fühle. Bei meiner Liebe zu chr, eS ist wahr!" Da rannen dem Gatten die ersten Tränen über die Wangen. Der Freund aber sah ihn hassend an und sagte:„Tu weinst zetzt. Frcudentränen, weil Deine Ehre nicht verletzt ist—— sie aber, die Tote— sie gehört mir doch!" schrie er laut auf,„nimm ihren Körper, behalte ihn! Mit ihrer Seele hat sie doch gefühlt, wer ihr näher ist, Tu oder ich! Vor einer Stunde, da hat sie's gewußt!" Da sahen sich die beiden Männer an, und in ihren Augen brannte funkelnder Haß. Der Freund blickte auf den Gatten, und er empfand in diesem Augenblick, daß ihre jahrelange Freund» schaft grimmige Feindschaft gewesen war. Einer dürstete nach dem Blut des anderen. Aber zlvischen sie beide war das große Schweigen der all- mächtig.", Majestät getreten und gebot Frieden und zwang sie, sich über die Tote hinweg die Hände zu reichen. Und beide fühlten, wie ihr Herzschlag stockte ob der Lüge, dia sie begingen... kleines Feuilleton. — Das Griinsehen. Der französische Naturforscher Chauveau hat die folgende eigentümliche Beobachtung gemacht, die man leicht wiederholen kann. Beim Erwachen sah er hellerleuchtete farblose Gegenstände einen Augenblick in deutlich grüner Farbe. Zur Er» klärung dieser Erscheinung nahm Chauveau an, daß für jede Grund» färbe ein besonderes Wahrnehmungszentrum im Gehirn vor» Händen sei, und daß das für die Grünempfindung eher aus dem Schlafe erwache, als die der anderen Grundfarben. Nach der Volks- tümlich-wissenschaftlichen Zeitschrift„Der Stein der Weisen" wurden diese Beobachtungen von A. Guebhard wiederholt und bestätigt. Ter Gelehrte bemerkte die Erscheinung zuerst im Eisenbahnwagen und hat dann noch einige andere Versuche über das„Grünsehen" beim Oeffnen der Augen angestellt, die ihn zu einer abweichenden Deutung führten. Guebhard stellte zunächst fest, daß man auch am Tage, wenn die Netzhaut in voller Tätigkeit und für Nachbilder oder Gegensatzcrscheinungen am wenigsten empfänglich ist, das äugen» blickliche Grünsehen weißer, in einem Zimmer befindlicher Gegen» stände erhalten kann, wenn man zuerst am Fenster die geschlossenen Augenlider kurze Zeit von der Mittagssonne bescheinen läht und dann, nach dem Zimmer gerichtet, die Augen plötzlich öffnet. Am Morgen konnte Guebhard selbst nach dem vollständigen Erwachen und sogar beim Ankleiden das Grünschen hervorrufen, wenn er dieVorhänge des halbhellen Zimmers mit geschlossenen Augenlidern öffnete und dann sich schnell nach dem Hintergrunde des ZimmerS umkehrte; er sah dabei zunächst die rot durchscheinenden Lider und bei ihrem Oeffnen eine sehr lebhafte grüne Färbung der weißen Gegenstände im Zimmer. Auch wenn er des Morgens, im Bett verweilend, schon fast zwei Stunden lang bis zur Ermüdung Ver- suche über Nachbilder angestellt hatte, konnte er, wenn er die ge» schlossenen Augenlider vom Fenster her belichten lietz und, sich dann schnell gegen die helle Wand umdrehend, die Augen öffnete, das plötzliche lebhafte Grün erblicken. Einmal vermochte Guebhard an einem Morgen unter besonderen Umständen, während er das eine Auge mit der Hand verdeckte, mit dem anderen über fünfzigmal hintereinander den Versuch mit dem Grünsehen zu wiederholen. Nach Gncbhards Meinung handelt es sich bei der Erscheinung ein- fach um eine sogenannte Kontrastwirkung. Unter Kontrast versteht man die gegenseitige Einwirkung nebeneinander stehender Hellig» keiten oder Farben(gleichzeitiger Kontrast) oder die Wirkung zweier Farben aufeinander, die nacheinander auf derselben Stelle der Netzhaut erscheinen(nachfolgender Kontrast). Die Kontrast- erscheinungen sind Folgen einer Ermüdung der Netzhaut für eine bestimmte Farbe. So erklärt Guebhard auch das Grünsehen bcrm plötzlichen Oeffnen der Augen einfach als eine Kontrastwirkung der vorangegangenen Rotenipfindung, indem die rot durchscheinenden Lider die Netzhaut für diese Farbe ermüdet haben.— Theater. Kleines Theater. Ein Feiertag. Tragikomödie in 3 Akten von Richard Felling�r.— Ein stilles nachdenkliches Stück, das ohne Reichtum der Gestaltung, ohne Mannig- faltigkeit und dramatische Zuspitzung in der Bewegung, mit seinen Mängeln, durch die Wärme der Empfindung versöhnt.— Wer, der einmal irgendwie zu dem Theater in nähere Beziehung getreten» kennt sie nicht, diese sauber kopierten Dramenmanuskripte, die von einem Heere unbekannter und ewig unbekannt bleibender wieder und immer wieder zur Prüfung und gefälligen Aufführung aus, gesandt werden. Fast ausnahmslos bestätigt sich die schlimme Ahnung, in der man die Lektüre beginnt. Alle Skalen der Talent- losigkeit sind da vertreten, aufwärts von den Dramen, die den Ein- druck machen, als habe der Verfasser überhaupt noch nie ein Bühnen- stück gesehen, bis zu denen, die, umgekehrt von einem allzu großen Fleiß des Sehens zeugen, die in gewissem Matze glatt und korrekt» den Stempel„nach berühmten Mustern" an der Stirne tragen. Und doch, was, an dem künstlerischen Matzstab gemessen, leer und kalt erscheint, mit wie viel Liebe und Begeisterung, unter welchen Opfern und Entbehrungen bei harter Tagcsarbcit mag das wohl oft geschaffen sein. Gefühl und Wille sind da vielleicht gar nicht so selten in gleicher Weise angespannt gewesen wie bei deni echten Künstler, dessen Werk uns mit der Macht der vollen Wahrheit packt. Was wir geschraubt, nachgemacht, unwahr, verlogen nennen— mit vollem Recht, weil es in seiner fertigen Erscheinung so auf unS so wirkt—, kann darum im Prozesse der Entstehung von. Dichter selbst durchaus als echt und wahr empfunden sein. Die Eitelkeits» komödie, als die das schlimme Dilettanten. reiben Spott und Hohn herausfordernd zunächst sich darstellt, ist mit reichlichen Zügen der Tragik durchsetzt. Neben der urtcilSloscn lächerlichen Ruhmsucht Kerer. die ohne jede Spur der inneren Nötigung, ohne Ernst und Hingabe pfuschend einen leichten Sieg erringen möchten, stehen die anderen, denen die Natur mit starker künstlerischer Erregbarkeit zugleich den sehnsüchtigen Trieb nach eigenen Formen mitgegeben, doch die Kraft des Vollbringens bersagt hat, und die, so geäfft durch ihr Verlangen, den blosten Trieb für eine Bürgschaft des Vcr- mögens nehmend, in fruchtlosem Kampfe sich zermürben. Der Held der Fcllingcrschcn Tragikomödie ist von dieser Art-. Ein feinfühliger, grundgütiger Mensch, dem jede Spur ehrgeiziger Pose fern liegt. Grillparzer, sein bewundertes Muster, hat zu dem jungen Dollereder einmal gutmütig gesagt:..Sehen Sie zu, vielleicht wird etwas aus Ihnen." Die Jahre sind dahingegangen; tagaus, tagcin bat er auf dem Bureau gesessen, Brot für die Seinen herbei- zuschaffen; aber der Abend gehörte ihm, da schrieb er Gedichte, Skizzen, Dramen nach Herzenslust. Wenn die Welt nichts von ihm wußte, Frau und Kinder glaubten an ihn. Er selbst, der Bescheidene, fühlte wohl nach Abschluß jedes Werkes dunkel die Unzulänglichkeit, aber jeder neu aufsteigende Einfall beflügelte sein Hoffen wieder. Das nächste Mal, da mußte der große Wurf gelingen! Das Dienstjubiläum Dollercdcrs versammelt die ganze Familie um ihn. Die Kleinen im Engclkostüm begrüßen ihn mit einem Liebchen, die älteste Tockter, eine Bildhauerin, hat eine Wüste des geliebten Vaters gemeißelt, und mit strahlender Freude übergibt ihm die Frau eine heimlich ersparte Summe, die die Her- ausgäbe seiner Dichtungen ermöglichen soll. Nur der Sohn, der draußen den anerzogenen Glauben an die väterliche Poesie vcr- loren hat, ist ohne Festgabe zurückgekehrt. Der Tag der Feier ist ein Tag des schmerzlichen Erwachens, des jähen Sturzes aus der lieben Illusion. Wie der betagte Mann die Bände in die Hand nimmt, prüfend auf das Drängen der Frau, was wohl aus diesem Schatz die Ehre der Veröffentlichung verdiene, wird ihm das un- bestimmte Bangen zur niederschmetternden Gewißheit. Nicht Eins ist reif, wertlos der Ertrag des ganzen Lebens I Er betrog sich selbst, Frau und Kinder betrogen ihn in der blinden Bewunderung ihrer Liebe. In diesem zweiten Akt mit seinen intimen Familien- szenen und dem gut motivierten Umschlag kulminiert das kleine Stück. Am Schlüsse sieht man Dollereder, wie er von dem Jubiläumsschmaus, auf dem die Kollegen in Spottversen seine Dichterei verhöhnten, gebrochen, aber ohne Groll gegen die Bc- leidiger heimkehrt, wie er sich aufrichtet an der treuen Liebe der Scinigcn und doch, nachdem er eben erst von seinem Lebensirrtum feierlich sich losgesagt, gleich wieder dem alten Wahn verfällt. Sein eigenes Schicksal, welch ein bedeutsamer Stoff! Daraus muß eine große Tragikomödie werden! Instinktiv geht er zum Schreib- tisch, ergreift die Feder, Frau und Tochter schleichen leise aus dem Zimmer. In der unübertrefflichen Darstellung T h a l l c r s wuchs einem dieser Mensch ans Herz. Er weckte mit den schlichtesten Mitteln, ohne auch nur einen Augenblick uns den prosaischen Bureau- Vorsteher über den stillen Schwärmer vergessen zu lassen, einen so tiefübcrzeugenden Eindruck vornehmer Seclenweisheit, wie ich ihn sonst nur noch in einigen Darstellungen Saucrs gespürt. Etwas rührend Resigniertes lag über der Gestalt. Man begriff die Liebe, mit der Frau und Kinder an ihm hängen, fühlte sie mit. Sehr gut und einfach war auch I l k a G r ü n i n g in der Rolle der Frau. Die beiden ältesten Gcschivister wurden mit tcilwcis recht gelungener Nüancierung von M a r i c t t a O l l V und Klein- Rhoden g»spielt. Das Publikum folgte mit offenbarem Jnter- csse. Der Autor konnte mehrmals erscheinen.— ckt. Lu st spielhauS.„N c in e s i s", Lustspiel in drei Akten von"Arthur Pscrhofer.— Ein Schatten, aber kein Stück. Kein Lustspiel, nicht einmal dcr� Schatten von einem. Auch nicht ein- mal, wenn wir dem Genre Berlin ein Gewicht geben. Oder ist die deutsche Literatur glücklich so weit heruntergekommen, daß sie ein bißchen Zynismus, ein bißchen Witz, mathematischen Witz und Kalaucrcicn, Bonmots und ganze und halbe Anzüglichkeiten, deut- liche Zweideutigkeiten und zweideutige Deutlichkeiten plumper Pariser Kopie, daß sie ein bißchen Sachkenntnis und aus ihr Fachkenntnis, ein Quäntchen guten Spott— viel zu unterstrichen und kurzatmig leider, um eine rechte Freude dran haben zu können— daß sie hillige Verhöhnung und eine Nuance Schnoddcrigkeit— ausgerechnete dabei inliegriffen, und einen Auftrag modernistischen, ironisierenden, schielenden und schillernden Berlin"W.-Gcistcs für ausreichend zu einem Lustspiel hält! Wir wollen uns fein be- danken. Tie Flagge des Lustspiels hängt schon genug in Fetzen. Ist das schon eins, wenn sie sich kriegen zum Schluß? So nach ein bißchen Chasse-croise! Mit einem biederen Bourgeoisphilistcr, der mit seinem Stich überlegener Bonhomie und leise ironischem Be- Hagen verbindet, was auseinander ist. Ilnd mit dem deklamierenden Bravadcu. Und mit der dummen Gans Tochter— sie Hol weder richtige Frechheit-noch Charme— oder mit der unbefriedigten Frau, mit einem leisen Stich Unmoralität— weder mit Reiz noch mit Schick, nicht mit der Kultur des Dcniimondaincn und nicht mit demimoudainer Kultur! Und dann der schüchterne Referendar mit dem notorischen Pech in der Liebe, Rollenfach: schüchterner Lieb- Haber. Und dann der sieghafte Bonvivant, Rollenfach: Bonvivant, Salonliebhaber. Sie waren alle da, wie sie der Thcatcrdirektor sich engagiert. Die komische Alte, die nicht komisch war, der humoristische Vater, die Naive, die in hohen Tönen piepst. Es war darauf gemacht, daß sie alle da waren. Dazu ein bißchen Ehe- bruch und Beinahe-Ehebruch, Gerichtsverhör unter vier Augen, der Ehcniann, der sich selbst bchörnt, private und amtliche Beurteilung, Beamtengeist und-Dünkel— wie gerne ließe man sich gerade das gefallen mit einer tüchtigen Säure Übergossen!-— große Reden und absichtliche Wiederholungen. Mit alldem eine Handlung auf- gebaut— na aufgebaut!—, und mit all dem so ein bißchen gekitzelt. Gerade so beinahe ein Feuilleton. Drei Absätzchen und drei Stern- cken. Es könnt"s auch einer in einem schreiben. Ein paar Nadel- stiche und beinahe der Anfang einer Satire. Und wichtig. D. h. Wichtigkeit, die nicht über die Harmlosigkeit hinauskommt. Leere, die von Oasen redet. Im Grunde ein Kalauer in„moderner" Geste und mit überlegener Miene. Bestenfalls eine Gogucnarde. Und doch wieder zu breit und platt, man kann nicht mal Absynth dazu trinken und Zigaretten dazu rauchen. Eafegcist. Nicht frei von Bicrdunst. Und nennt sich Lustspiel. Laßt auf Dolchen tanzen, ich wills mit den Händen in den Hosentaschen respektvoll zusehen. Aber sagt mir nicht, daß das ein Lustspiel wäre. Was für Philister seid ihr doch, ihr Uebergeister! Gespielt wurde schlecht. Grob. Was noch mit Feinheit gut zu machen wäre, das wurde auch noch ver- säumt. Unausstehlich waren die Frauen. Herrgott, heißt man das Thcatcrspiclcn! Aber das ist ja nicht mal Theater, viel weniger gespielt. Gut war Max Marx als nervöser Rechtsanwalt und Bramarbas. Gut war auch Fritz Beckmann als Privatier Hildebrand. Es war aber auch kein allzugroßes Kunststück. Die viel unterstrichene Nemesis— was für ein unmöglicher Titel!— wird das Stück bald erreichen, hoff ich. Der„Dichter" war, sich verneigend, wiederholt erschienen. Er niachte eine gute Figur zu seinem Stück. Und zu seinem Publikum.— hz; Humoristisches. — Sicheres Zeichen.„Ist Ihre Braut hübsch?" „Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben— aber Sie kriegt immer einen Sitzplatz in der Elektrischen,— — Kasernbofblüte. Leutnant(zu einem Rekruten, der den Mund weit offen hat):„Was sind Sie eigentlich im Zivil?" Rekrut:„Bei der Post!" Leutnant:«... Na, dann machen Sie Ihren Briefkasten gefälligst zu I"—. — H a u p t u n t e r s ch i e d. A.(zu seinem früheren Mittagstisch- genossen, der seit einiger Zeit verheiratet ist):„Zwischen dieser eintönigen Wirthanslost und der Hausmannskost ist doch ein gewaltiger Unterschied— nicht wahr? B,:'„Na, der Haiiptuntcrschied bei der HauSntamtskost is halt der, daß D''s Maul dazu halten mußt!"— �..Fliegende Blätter.") Notizen. — Uraufführungen. Tiefen Eindruck machte Karl Schön herrs dreiaktiges Schauspiel„Familie" im Wiener B u r g t h e a t e r.— Beherleins Drama„Der Groß- k n e ch t" wurde im Hamburger T h a l i a- T h e a t e r ab- gelehnt.— — Dem Düsseldorfer Maler E r n st H a r d t hat der„Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein" für 1906 ein Ehren- gehakt bewilligt. Des Künstlers„Frühling am Nicderrhein" wurde von der städtischen Galerie zu Koblenz angekauft.— — V e l a S q u e z' Gemälde„Venus mit dem Spiegel" ist in London zum Verkauf ausgestellt. Der Wert des Bildes wird auf 700 Ovo-Svo 000 M. geschätzt.— c. Im Innern des Simplontunnels beträgt die Teinpe» ratnr iininer noch 45 Grad, und es stießt weiter kochendes Wasser, etwa 350 Liter in der Sekunde. Die Wasserniassc im Tunnel nimmt zu, seitdem die Berge niit Schnee bedeckt sind.— t. Ein neuer Papierstoff. Nach der französischen Papier- zcitnng soll der G i n st c r bei geeigneter Behandlung einen sehr weißen und festen Papierbrei liefern. Die grüne Pflanze wird so fein wie möglich geschnitten, mit einer Lauge von Aetzsoda gemischt, auf eine Temperatur von 170 Grad und unter einen Druck von 0 Kilogramm gebracht. Nach einem Kochen von fünf bis sechs Stunden wird der Brei mit Wasser gewaschen, etwas mit Schwefel- säure versetzt, mit Chlorkalk gebleicht und nochmals gründlich ge- waschen.— — Die„zärtlichen Verwandten". Das Ouedlinburger Kreisblatt schreibt:„Zurückgekehrt zu den Seinen ist der kurze Zeit vermißte Kaufmann Sch. hier. Derselbe hatte eine Geschäftsreise unteriiommen, ohne seine Angehörigen davon in Kenntnis zu fetzen, weshalb sie in der Hoffiiimg lebten, cS könnte ihm ein Unfall zugestoßen sein."— Vcrantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwäris.Buchdruckerei u. VerlagSanstalt Paul Singer �Co.,BerlinLW.