Nnterhaltungsölatt des Nr. 238. Donnerstag, den 7. Dezember. 1905 (Nachdruck verboten.) tA Vie fiuerta. Roman von V. BlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Zu Hause kam ein Unglück nach dem anderen. Es fehlte nur eins, der Sturz des Daches, der sie alle auf einmal er- schlagen würde... Ach, welches Pech! Wohin hatten sie sich verirrt?.. Der Zustand des Kleinen wurde mit jedem Tage schlimmer: er zitterte vor Fieber in den Armen seiner Mutter, die beständig weinte. Der Arzt kam morgens und abends, und diese 5rrankheit kostete gewiß weriigstens über zwölf Duros. Der Aelteste, Batistet, wagte sich kaum aus dem Gehöft. Er hatte noch den Kopf mit Bandagen umwickelt, und das Gesicht war ihm mit Rissen zerschnitten nach einem fürchterlichen Kampfe, den er gegen andere Jungen seines Alters hatte bestehen müssen. Diese sammelten wie er Dung in Valencia, und alle Fcmaters der Umgegend hatten sich gegen ihn verbündet, so daß der arme Junge sich nicht mehr auf dem Wege zeigen konnte. Die beiden Jüngsten hatten aufgehört, in die Schule zu gehen, aus Furcht vor den Schlachten, in die sie bei der Rück- kehr verwickelt wurden. Roseta war die traurigste von der ganzen Familie. Ihr Vater behielt ihr gegenüber seine brummige Miene bei und warf ihr strenge Blicke zu, um sie daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht war, sich gleichgültig zu zeigen, und daß ihre Leiden ein Attentat gegen die väterliche Autorität darstellten. Denn alles war entdeckt worden, und nach dem berühmten Skandal bei dem„Springbrunnen der Königin" hatte die Huerta über acht Tage lang nur von der Liebelei der Ar- beiterin mit dem Enkel des Vaters Tomba gesprochen. Der dickbäuchige Schlächter von Alboraya war außer sich vor Zorn über seinen Knecht. Ach, der Schuft! Man wußte jetzt ganz genau, warum er seine Pflichten verabsäumte, und waruni er abends wie ein Zigeuner herumstrolchte! Dieser Herr erlaubte sich, eine Braut zu haben, als wäre er im- stände, ihr den Lebensunterhalt zu verschaffen. Und was für eine Braut! Du lieber Gott übrigens brauchte man ja, nur zuzuhören, wenn die Kunden am Schlächtcrtisch Naschten. Alle wiederholten dasselbe: sie wunderten sich, daß ein Mann, wie er, ein religiöser, ehrenhafter Mensch, der keinen anderen Fehler besaß, als daß er ein bißchen am Ge- wicht betrog, seinem Knecht erlauben konnte, der Tochter des allgemeinen Feindes den Hof zu machen, dieses unehrlichen Individuums, das sogar im Zuchthaus gesessen haben sollte. Und da das alles nach dem Urteil des dickbäuchigen Meisters eine Schande für sein Geschäft war, so geriet er jedesmal, wenn die Weiber klaschtcn, in Wut, drohte dem schüchternen Burschen mit seinem Schlachtmesser und regte sich über den Vater Tomba auf, der diesen Schlingel nicht züchtigte. Schließlich entließ der Schlächter Tonet, und sein Großvater fand für ihn eine andere Stellung bei einem anderen Schlächter in Valencia, dein er ausdrücklich anbefahl, er solle dem jungen Menschen nicht die geringste Freiheit lassen, selbst nicht an den Festtagen, damit der Verliebte Batistes Tochter nicht auf der Landstraße auslauern konnte. Tonet fügte sich und ging mit feuchten Augen fort wie eines jener Lämmer, die er so oft vor das Schlachtmesser seines Herrn geführt. Nein, er wollte nicht wiederkommen, und die arme Roseta versteckte sich in ibrer Kammer, um zu weinen. Sie bemühte sich, ihren Kummer weder vor ihrer Mutter zu zeigen, die, durch so viele Widerwärtigkeiten reiz- bar geworden, stets eine mürrische Miene zur Schau trug, noch vor ihrem Vater, der ihr die Knochen im Leibe zer- schlagen wollte, wenn sie sich's wieder einfallen ließ, sich einen Liebhaber anzuschaffen, und so ihren Feinden Stoff zu Klatschereien lieferte. Aber trotz dieser Strenge, trotz dieser Drohungen litt Batiste sehr schwer unter dem Kummer seiner Tochter. Ver- geblich versuchte sie, gleichgültig zu scheinen: er sah wohl, daß sie den Appetit verlor, daß sie gelb wurde, und ihre Augen sich umränderten: sie schlief nämlich kaum, was sie jedoch nicht hinderte, jeden Tag pünktlich zur Fabrik zu gehen: dazu lag in ihrem Blick etwas Trübes, man merkte, daß ihr Geist ganz anderswo war, und daß ein Traum sie unaufhörlich in Anspruch nahm. Ja, im innersten Herzen war Batiste über das, was er sah, sehr traurig: er war auch jung gewesen und wußte, wie weh Herzenskummer tat. Man konnte unmöglich unglücklicher sein, und doch war eS noch nicht aus. In diesem Hause entgingen selbst die Tiere nicht dem Oden des Hasses, der sie umwehte. Bei den Leuten tvandte man die Prügel an, bei den Tieren den„bösen Blick". Sicherlich harte nur durch den bösen Blick der arme Morrut das alte Tier, das auf den, durch das Elend aus« gedrungenen Irrfahrten das armselige Mobiliar und die kleinen Kinder über die Landstraßen gezogen, seine Kräfte nach und nach in diesem neuen Stalle verloren, der besten Wohnung, die er in seinem laugen, arbeitsreichen Leben jemals innegehabt hatte. Er hatte sich in den schlimmsten Tagen recht tapfer gezeigt, der brave Morrut, als die Familie sich in dem Gehöft niederließ, als man diese verdammten Aecker, die eine zehn- jährige Verödung hart wie Stein gemacht hatte, umkehren und beständige Reisen nach Valencia unternehmen mußte, um dort Baumaterial und Holz zu holen, als die Nahrung wenig reichlich und die Arbeit erdrückend war. Und jetzt, da sich unter dem kleinen Fenster des Stalles ein großer Platz mit frischem, hohem, wogendem Gras ausbreitete, jetzt, da sein Tisch stets mit jenem schmackhaften, grünen Tuch gedeckt war, das einen köstlichen Geruch ausströmte, jetzt, da er dick und fett wurde, seine spitzen Hüsten und sein knochiges Rück- grat zu runden begannen, ivar er plötzlich gestorben, ohne daß man wußte, woran: vielleicht, um sich der Ruhe zu er- freuen, die er so reichlich verdiente, nachdem er die ganze Familie dem Elend entrissen hatte. Eines Tages hatte er sich auf das Stroh gelegt und wollte den Stall nicht verlosten: dabei hatte er seinen Herrn mit glasigen und gelblichen Augen betrachtet, die die Flüche und Drohungen auf Batistes Lippen erstickten. Das waren fast die Augen eines Menschen, und wenn Batiste sich dieses Blickes erinnerte, hatte er große Lust zu weinen. Der Tod des Pferdes erschütterte das ganze Haus, und über dem neuen Unglück vergaß man sogar den armen Pascualet ein wenig, der nach wie vor in seinem Bett vor Fieber zitterte. Gehörte das brave Tier nicht auch zur Familie? Vor so langer Zeit hatte man ihn auf dem Markte von Sagunto klein, schmutzig, mit Kot und Unrat bedeckt, gekauft, eine wahre Schindmähre! Doch von seinem neuen Herrn gut gepflegt, hatte er sich bald erholt, war er der treue Diener, der unermüdliche Arbeitsgenosse, der Rettungs» ball ini Unglück gewesen. Darum liefen auch alle. Groß und Klein, vor die Tür, um ihm das letzte Lebewohl zu sagen, als häßliche Männer mit einem Wagen kamen, uin den Leich» nam dieses alten Arbeiters fortzubringen. Als sie den alten Morrut mit steifen Beinen und wackelndem Kopfe fortfahren sahen, konnte keiner von ihnen seine Tränen zurückhalten.- Am traurigsten war Teresa. Sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, daß das gutmütige Tier an dem Tage, da Pascualet zur Welt gekommen war, den Kopf durch die halbgeöffnete Tür gesteckt und der Geburt ihres liebsten Kindes beigewohnt hatte. Sic zerfloß in Rührung, wenn sie an die liebevolle Geduld Morruts dachte, der dem noch wackelnden Kleinen als Spielzeug diente, sich am Schwanz ziehen ließ und sich, bevor er einen Schritt tat, mit seinen runden, sanften Augen umblickte, um den Kleinen ja nicht mit seinem Huf zu stoßen. Sie glaubte, das Kind wieder auf dem harten Rücken des alten Wierdes sitzen zu sehen, wo sein Vater ihn oft rücklings hinsetzte, wie er mit seinen zu hohen Füßen gegen die breiten Lenden schlug und mit fröh» lichcr Stimme: Arre! arre! rief. Und sie sagte sich, daß das alles nun vorbei, daß das Tier zum Schinder gewandert war, und das Kind krank im Fieberschauer im Bette lag. Und eine düstere Ahnung durchzog ihre Seele, eine aber» gläubische Angst ließ sie erbleichen. Ihr war es, als hätte der Tod des guten Haustieres eine Bresche gerissen, die un- ausgefüllt blieb, und durck die vielleicht auch noch andere verschwanden. Ach, Herr Gott, niöchteu sie doch falsch sein, ihre traurigen Mutterahnuugcn, möchte es doch allein sterben, das arme Tier! Wenn es nur nicht auf seinem Rücken den armen Kleinen auf dem Wege zum Himmel mitnahm, wie eS ihn früher durch die Wege der Huerta führte, als der Kleine sich noch an seine Mähne klammerte, und Morrut, um ihn nur ja nicht fallen zu lassen, im langsamen Schritte weiter ging! Batiste, dessen Sinn von all den Widerwärtigkeiten und Sorgen getrübt war, verwechselte in seinen Gedanken das kranke Kind, das tote Pferd, den geschlagenen Sohn und die von einem geheimen Kummer verzehrte Tochter, während er die Vororte der Stadt erreichte und über die Serranosbrücke wanderte. Am Ende der Brücke auf der Esplanade, die die beiden Gärten trennt, den achteckigen Türmen gegenüber, die über den Bäumen ihre Bogenfenster, ihre vorspringenden Schieß- scharten und ihre Doppelreihe von Zinnen zeigten, blieb er stehen und fuhr sich mit der Hand über die Wange. Er wollte seine Besitzer besuchen, die Söhne des Ton Salvador, und sie um ein kleines Darlehn bitten, das er zum Ankauf eines neuen Pferdes brauchte. Und da die Sauber- keit der Schmuck des Armen ist, so setzte er sich auf eine Steinbank und wartete, daß man ihn von dem seit vierzehn Tagen nicht rasierten Bart mit den spitzen und wie Aehren steifen Haaren befreite, der ihm das Gesicht schwärzte. Im Schatten der hohen Plantanen arbeiteten die Bauern- barbiere unter freiem Himmel. Ein paar Rohrsessel mit ab- geschabten Polsterlehnen, ein kleiner Ofen, auf dem das Wasser gewärmt wurde, Servietten von zweifelhafter Farbe und ein paar stumpfe, ausgezackte Rasiermesser, die über die rauhen Gesichter kratzten, daß man eine Gänsehaut bekam, das war das ganze Material dieser Barbierstube. Ungeschickte Jungen, die bei den Friseuren und Bar- bieren der Stadt Anstellung finden wollten, verdienten sich hier die ersten Sporen, und während sie das � Handwerk lernten, Gesichter zerkratzten und die Schädel mit Treppen und Lichtungen schmückten, plauderte der Prinzipal mit den Kunden auf der am Wege stehenden Bank, oder er las der Gruppe von Zuhörern, die, das Kinn in beiden Händen, un- beweglich dasaßen und lauschten, mit lauter Stimme die Zeitung vor. Wer sich auf den Folterstuhl setzte, dem fuhr man zuerst mit einem Stück Seife über die Wangen, dann wurde er aus Leibeskräften gerieben, bis Schaum kam. Dann begann die grausame Arbeit des Rasiermessers mit den Schnitten, die der Kunde mit stoischem Mute ertrug, während das Geficht von Blut überströmt wurde. In einiger Entfernung knirschte die ungeheure Schere, die in unermüdlicher Bewegung über den runden Kopf eines dicken Bauernburschen wanderte, der nach beendeter Operation, nach Art eines Pudels geschoren, eine lange Locke auf der Stirn sitzen hatte, während die hintere Hälfte des Schädels vollständig kahl war, was er übrigens für den Gipfel der Eleganz hielt. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vcrvotc».) IVIorgcnrandifchcr UXitz. Von Roda Roda. Die folgenden kleinen HunwreSken, von modernen Schriftstellern muselmanischen Glaubens- allerdings meist nach älteren, zum Teil altarabischen Quellen— verfaßt und von mir mit Einwilligung der Verleger übersetzt, geben eine deutlichere Vorstellung von der Natur des morgenläudischen Witzes als spaltenlange theoretische Er« örtenmgen. Die Verfasser heißen Ata NertscheS und Wamik. Der erste ist zweimal vertreten. .» Ein Mann namens Atif hatte die Tochter eines reichen Grund- bcsitzers gefreit. Um seiner Klugheit und Schönheit willen liebten ihn die Schwiegereltern sehr und nahmen ihn, so oft er sie besuchte, mit vorzüglicher Gastfreundschaft auf. Man bereitete die besten Speisen für ihn, las ihm jeden Wunsch von den Augen ab und räumte ihm das schönste Zimmer ein. Atif behagte das alles sehr ivohl, und er kam immer öfter— zuletzt tagtäglich. Selbst das ließen sich die Schwiegereltern noch gefallen. Alis begann sich denn auch schon in ihrem Hause völlig daheim zu fühlen. Wenn eine Speise nicht recht gelungen war, murrte er und ordnete an, was er morgen essen wolle. DaS ward dem Schwiegervater denn doch zu viel. Er befahl eines Tages, das Mahl Aufs übermäßig mit rotem Pfeffer zu würzen. Als Atif wie gewöhnlich zur Effensstunde eintraf und gleich tapfer zulangte, bekam er den roten Pfeffer auf die Zunge— und schon traten ihm auch die Tränen in die Augen. „Wanim weinst Du?" fragte ihn der Hausherr freundlich. »Ah— mir ist meine selige Großmutter eingefallen. DaS ist dieselbe Frau, die immer das Sprichwort im Munde führte: Allzu- viel ist ungesund." »* Das Söhnchen eines Beys hatte von seinem Bater einen..... zum Geschenk bekommen und vergnügte sich damit, ihn zu reiten und zn füttern. Eines Tages stach den Esel eine giftige Fliege und die Kinn« backe schwoll ihm mächtig an. Der Knabe war darüber untröstlich. „Was weinst Du. Kleiner?" fragte ihn der Bey.„Dein Grau- Her wird davon nicht zugrunde gehen; und wenn auch; so lange Dein alter Vater lebt, soll es Dir nie an einem Esel fehlen." *** Man erzählt von einem Kalifen, dessen Rame nicht überliefert ist, daß er ebenso leidenschaftlich das Gold wie die Dichtkunst liebte. Sein Geiz veranlaßte ihn, ungeheure Schätze anzuhäufen, sein Hang zur Poesie, die ganze arabische Literatur auswendig zu lernen. Da- durch wurde sein Gedächtnis allmählich so geschärst, daß er ein Gedicht nur einmal zu hören brauchte, um eS fließend wiederholen zu können. Unter den Sklaven des Kalifen war einer, der seinem Herrn an Geist fast ebenbürtig war. Wenn er«in Gedicht zweimal gehört hatte, kannte er es. Eine Sklavin wieder sagte Gedichte nach drei- maligem Anhören fehlerlos auf. Eines Tages kam der berühmte Dichter Asmai an den Hof und bat, eine Ode vorlesen zu dürfen, die er zum Lobe des Herrschers gedichtet hatte. „Gut", sprach der Kalif—„lies Deine Ode immerhin vor. Wenn sie neu ist, will ich Dich königlich belohnen: Du mitsamt Deiner Schreibtafel sollst mit Gold aufgewogen werden. Ist Dein Lied aber abgeschrieben, laste ich Dich mit Ruten sortpeitschen." Asmai war natürlich seiner Sache sicher— hatte er doch die Ode vollkommen selbständig geschrieben— und las und las. Als er geendet hatte, lachte der Kalif hellauf.„Wie"— rief er —„mit diesem uralten Gedicht wagst Du es, vor mein Angesicht zu treten? Das habe ich ja schon als Knabe auswendig gekannt. Höre einmal, ALmai l"— Und der Kalif rezitierte die Ode Wort für Wort, Der Dichter war wie vom Donner gerührt. „Nicht genug daran, daß ich sie kenne", fuhr der Kalif fort, „auch mehrere meiner Diener kennen die Verse, die Du gedichtet zu haben behauptest." Auf einen Wink des Herrn stand der Sklave auf und wieder- holte die Ode bis zum Schlüsse, ebenso die Sklavin. So ward der Sänger Asmai um seinen Lohn betrogen und mit Ruten fortgepeitsckt. Er hatte aber die List des geizigen Kalifen wohl durchschaut und beschloß, sich zu rächen. Aus den seltensten arabischen Worten flocht er im gewundensten Stile eine neue, viel längere Ode und erschien als Wüstcnbeduine verkleidet abermals vor dem Thron. „Woher kommst Du— und was wünschest Du, Bruder Beduine?" fragte der Kalif. „Allah möge den Herrscher der Gläubigen auf dem rechten Wege erhalten." antwortete Asmai.„Ich bin ein armer Sänger aus dem Stamme Kaudi, o Kalif, und habe ein Lied zu Deinem Preise erdacht." „Gut. sag' Deine Verse auf. Wenn sie neu sind, will ich Dir so viel Gold schenken, wie Du und Deine Schreibtafel zusammen wiegen. Sind fie aber alt--" Asmai machte eine abwehrende Gebärde und unterbrach:„Weml meine Verse alt sind, magst Du mich mit Hieben belohnen." Der Kalif lächelte boshaft, ebenso aber diesmal auch Asmai. der sofort begann, seine verzwickten Sätze ohne Stocken auswendig abzuleiern. Der Kalif riß die Augen auf. Er hatte keine einzige Wendung behalten können. Hilflos sah er den Sklaven und die Sklavin an. Auch ihnen war's nicht besser ergangen. Seufzend gestand denn auch der Kalif;„Dein Gedicht ist wirklich neu, Beduine. Führt ihn in die Schatzkammer, Ihr Diener, und zahlt ihm sein Gewicht in Gold aus." .Verzeih', o Herr," entgegnete Asmai,„Du hast versprochen, die Schreibtafel mitwiegen zu lassen.. „Nun— und?" rief der Kalif. „Nun— und wir in der Wüste haben keine Wachstafeln und kein Pergament, da habe ich das Gedicht ans zwei Steine ge- meißelt. Sie stehen nicht weit von hier auf einem kleinen Sand- Hügel, und wenn Du zwei recht starke Kamele um sie schickst, können sie in einem Tage zur Stelle sein." Der Kalis versuchte nie mehr, einen Sänger um seinen Lohn zu betrügen.—_ Kleines feuilleton. oe. Borberatungen. Langsam, in dem gemütlichen Schleuder- schritt der zum Vergnügen Bummelnden, trotteten die Drei die Leipzigerstraße entlang. Die beiden jungen Frauen hatten sich untergefaßt, die Mutter ging dicht hinter ihnen. Mit hellen Augen sahen sie in das Lichtmeer, in das Auf- und Niedcrwogcn der Men'chcnmassen. Ab und zu blieben sie an einem Schaufenster stehen und tauschten lachend und vergnügt ihre Meinungen aus. Marie konnte ordentlich in Feuer kommen, wenn sie etwas sah, das ihr gefiel. Sie entdeckte auch alle Augenblick etwas Neues.„Die Visitenkartenschale. Mama! Nein, steh' doch bloß, diese reizende Schale! Weißt Du, das war' was für Maxens Schwester, die könnten wir ihr zu Weihnachten schenken, sie hat sich schon immer so etwas gewünscht." „Du bist wohl!..." sagte die Mutter lakonisch, und Lotte lachte hell auf:„Die Schale für Deine Schwägerin? Na weißte, willste denn für die so viel Geld ausgeben?" Marie seufzte etwas im Weitergehen.„Was wird sie denn kosten? Doch höchstens zehn Mark, na, und nobel muß man sich zeigen, sonst reden sie über Einen." „Na ja, die von Deines Mannes Verwandtschaft sind so." nickte die Mutter giftig.„Immer de Hand auf, und haben, haben, haben!" „Du wirst doch aber nicht zehn Mark ausgeben? Ich bitte Dich, zehn Mark, für Maxens Schwester? Fünfe sind für die reichlich genug." „Max selbst hatte aber so viel für Käthe angesetzt." verteidigte sich Marie. „Na. denn mach' ihm man den Standpunkt klar!" Die Mutter lachte kurz auf.„Der Gesellschaft kann's wohl nicht genug losten? Sind die denn immer so freigebig? Max hat immer die Hand in der Tasche." „Na, nicht wahr, das sage ich auch!" Maries Gesicht nahm einen triumphierenden Ausdruck an:„Wir haben uns gestern schon fast d'rum gezankt, ich sage auch, wozu muß denn Käthe für zehn Mark kriegen, sie hat mir zum Geburtstag auch nur für drei Mark geschenkt, na, und zu Weihnachten wird sie auch nicht viel mehr anlegen, die legt ja überhaupt nur immer für jeden'n Taler an." „Schmierig," bemerkte Lotte wegwerfend. „Jawohl, schmierig! Das sag' aber nur Maxen." Marie loar im Fahrwasser.„Max wird Dir's schon klar machen, sie kann nicht mehr ausgeben, und sie bringt immer was Hübsches und immer was, was'n Wunsch erfüllt und zeigt, daß sie Einen lieb hat und nach- denkt, was freut, und dafür muß man sich dankbar zeigen, noch dazu, wo man's kann. Ja, solche Predigten habe ich ju hören gekriegt." «Max ist wohl verdreht?" Lotte blieb stehen, einen Augenblick, sie war völlig erstarrt.„Na, weißte, wenn er's kann, denn soll er'S lieber Dir zulegen, aber so's Geld rausschmeißen, das ist ja toll! Nee, so sind wir nicht, bei uns wird ganz genau eingeteilt. Wer sich bei unfern Geburtstagen nobel zeigt, zu dem sind wir's auch, die andern können sehen, wo sie bleiben. Ich Hab' noch genug mit Tante Lina." „Na, das war ja auch zu schäbig," sagte die Mutter empört. „Ja, weiß der Himmel!" Lotte nickte.„Ich schenk' ihr zum Geburtstag'n schönes Tuch für fünf Mark, und sie kommt zu meinem an mit'ner Vase für zwei Mark fünfzig." „Und denn vergißt sie noch'n Preis abzumachen," fiel die Mutter entrüstet ein. „Sie kann ja auch lange warten, bis ich mich wieder spendabel zeige," höhnte Lotte.„Zu Weihnachten kriegt sie'n Abreißkalender — fertig ist die Laube!" „Das ist auch reichlich genug," lachte Marie.„Na, wir werden wohl von Maxens Tante Klara wieder was Elegantes kriegen, die macht's nie unter fünfzehn, zwanzig Mark. Voriges Jabr den schönen Armleuchter und zum Geburtstag daö Nickelservtce, da wird's auch jetzt wieder was werden." „Dann müßt Ihr aber auch tief ins Porimonnaie greifen," meinte Lotte etwas neidisch. „Na... ja...!" Marie sagte es etwas gedehnt.„Aber, weißt Tu, allzu tief doch nicht. Nun kommt die so aus Buckow, die kennt ja Berlin und die Berliner Preise nicht; wenn wir'n hübsches billiges Stück aus dem Bazar kaufen, denkt die ja Wunder was sie kriegt." „Das Beste wär's überhaupt, es kaufte sich jeder selber, was er haben will." Ter Neid in Lottens Stimme wuchs. „Pfui, Lotte." rief Marie. „Na, was willst'n? So gibt man bloß Geld aus für andere Leute und selber fällt man rein." „Na, da muß man sich eben vorsehen!" Marie und die Mutter riefen es fast aus einem Munde, und die Mutter fuhr entrüstet fort:„Selber kaufen? Ich versteh' Dich nicht, Lotte, wie man so etwas überhaupt bloß aussprechen kann! Wo bleibt denn da der Wcihnachtszaubcr und die ganze Wcihnachtspocsie?"— e. a. Uebcr nette Weihnachtsgaben für die Jugend sprach am Dienstag Dr. M. O S b o r n in der Vereinigung„Die Kunst im Leben deS Kindes". DaS Albrecht DürerhauS hatte es über- nommen, Bücher, Bilder, Spielsachen zur Jllustrierung des Gesagten aufzustellen. Der Vortragende wies auf zwei neuerdings erschienene Werke hin, die sich mit dem Kinde und dent in ihm wirkenden Kunst- trieb beschäftigen. Die beiden Autoren dieser Bücher, Dr. A. Lewin- stein und Dr. Kerschensteiuer, kommen darin zu dem Ergebnis, daß daS Kind, ivenn es zeichnet und die Natur wiedergibt, nicht sich von Sinneswahrnehmungen, sondern von seinem Ge- dächtnis, von seiner Vorstellung, von seinem Bewußtsein leiten läßt. Es ist nicht, wie der Vortragende sormulierte, Naturalist, sondern folgt einem naiven JdealisnmS. Ein Beispiel verdeutlicht sinnfällig das Gesagte. Wenn ein Kind einen Mann im Profil zeichnet, so zeichnet es die beiden Ohren hin, obgleich es nur eines ficht. ES weiß, daß jedermann ztvei Ohren hat und bringt das zum Ausdruck. Es zeichnet die Haare unter dem Hut. die Gestalt unter dem Rock, es zeichnet ebenso zwei Augen. Ist das Gesicht dem Beschauer von vom ganz zugewandt, so setzt es die Nase regelrecht und ganz sichtbar hinein, obgleich die Wirklichkeit es ihm nicht so zeigt. DieS stimmt mit primitiven Zeichnungen der Naturvölker übereilt und überrascht daher nicht. Es müßte komisch zugehen— und diesen Hinweis unter« ließ der Vortragende— wenn ein Kind. das mit seinen in der Kultur der Jahrhunderte ererbten Eigenschaften gebunden ist, plötzlich eine Naivität und Similich« keit in der Anschauung entwickeln wollte, mit der es den Erwachsenen beschämen würde. Schuld daran ist eben unsere unfinnliche, gelehrte und unlehendige Erziehung, die nicht zum Sehen führt, sondern zum Buchstaben, nicht zur Sinnlichkeit, zur unmittelbaren Anschauung, sondern zum toten Wissen. Und dieser Sieg des toten Wissens über das Auge, das eigentlich Maßstab sein sollte, was das Sehen anlangt, kommt eben geradezu grotesk und beinahe gespenstisch in der Tatsache zum Ausdnick, daß daS Kind das hinzeichnet, was es nicht sieht. Diese Tatsache aber beleuchtet zugleich den Wert der Bestrebungen, die der genannte Verein mit dem ominösen Namen, der zu parodistischen Erweiterungen und Parallelen auffordert, ver« folgt. Wir sollten eben bei uns anfangen, uns zu einer fröhlicheren, traditionsloseren, natürlicheren, furchtloseren Anschauung der Natur bekennen. Aber die Autorität knechtet die Erwachsenen und knebelt die sinnliche Anschauung und das Wissen und der Glaube an die Autorität, die befiehlt, was zu sehe» ist. straft das Auge, dieses untrügliche Kontrollorgan, Lügen. Fangen wir so bei uns an und befreien wir uns von unnötigen Fefieln, so wird das Kind, da? in solcher siirchtlosen, natürlichen Umgebung auf« wächst, unwillkürlich von diesem Geist sich vollsaugen und eine Ver« einigung„Die Kunst im Leben des Kindes" ist dann eine aschgraue Theorie, die unter Lachen und gutmütigem Spott verschwindet.— k. Zeituugswesen in Japan. Ter Herausgeber des japanischen Blattes„Hochi Shimbun", Uasujiro Jshikawa macht in einem Londoner Blatte interessante Angaben über das Zeitungswesen in seinem Vaterlande. So sehr Japan auch den modernen europäischen Einrichtungen nacheifert, so steht dennoch Bedeutung und Verbreitung der Zeitungen ein wenig gegen unsere Verhältnisse zurück. Gleich- wohl gibt es eine Anzahl von täglich erscheinciiden Zeitungen, die in Tokio und Osaka veröffentlicht werden und sich rühmen können, eine Auflage von Über IVO OOO zu haben. Die Zeitung, die in Japaw an meisten verbreitet ist, ist der„Osaka Maimchi", dessen Auflageziffer täglich 220 000 Exemplare beträgt. Der„Asahi", der in der- selben Stadt erscheint, hat eine fast gleich hohe Sluslage. In Tokio ist die am meisten gelesene Zeitung der„Hochi Shimbun", zu deutsch etwa„Die Tagesnachrichteu", von dem täglich 200 000 Exem« plare verkauft werden. Der„Hochi" ist die große oppositionelle Zeitung, das Organ des ExPremierministers Okuma. Weiter er» scheint in Tokio der„Jiji Shimpo", der„Nichi Nichi", der„Kotumin" und der„Asahi", deren Auflagen alle zwischen 50 000 und 180 000 betragen. Ter„Kokumin" ist das Organ der Regierung; man er- innert sich vielleicht daran, daß das RedaktionSgcbäude dieser Zei- hing bei dem Abschluß des Friedens mit Rußland angegriffen und beschädigt wurde, weil die Bewohner Tokios über seine ruhige und gleichgültige Stellung zu dem Friedensschluß entrüstet waren. Die Tageszeitungen Japan? sind im ganzen billiger als die in Europa, selbst jetzt noch, wo doch auch bei uns der Preis schon vielfach herab- gesunken ist. Wenn man sich auf eine japanische Zeitung monatlich abonniert, so kostet sie Höchstens zwei bis drei Pfennige für den Tag, und das obwohl die Annoncengebühren in den Blättern Japans viel geringer sind als etiva in den Londoner Zeitungen. Bei kleinen Annoncen ist die höchste Summe, die für die Zeile gezahlt wird, eine Mark, und selbst in den teuersten Blättern beträgt die Jnscrtions« gebühr für eine Seite nie mehr als 500 M. Wenn Nachrichten von großer Bedeutung bekannt werden, so ist es gebräuchlich, Extrablätter auszugeben. Es sind das einzelne Blätter, die nichts als den Wort» laut der wichtigen Neuigkeiten enthalten und überall an den Straßen verkauft werden. In einer Hinsicht übertreffen die japanischen Zeitungen fast alle europäischen Blätter. Es ist nämlich bei ihnen durchaus etwa«(fiewöhnlicltes. farbige Illustrationen beizugeben, und der„Hochi" z. B. veröffentlicht jeden Tag eine Seite mit farbigen Abbildungen. Auch ein Feuilleton mit einem Roman, dessen Fort- setzungen sich häusig durch mehrere Monate hinzichen, ist in Japan seit mehr als dreißig Jahren beliebt. Ueberhaupt ist das System, größere Arbeiten in Fortsetzungen verschieden« Nummern hindurch zu bringen, in Japan viel verbreiteter als bei uns. Auch Leitartikel und wichtige politische Betrachtungen werden in mehreren Fort- setzungen gebracht. Die Herstellung einer javanischen Zeitung ist sehr viel komplizierter als die einer deutschen, denn eine Setzmatchme kann beim Setzen der Artikel nicht verwandt tvecden. Bielmehv muß alles mit der Hand gesetzt lverden, da die japanische Svrache einige 50 000 verschiedene Buchstaben hat, von denen 28 000 im täglichen Gebrauch verwendet lverden. Ter Scher mutz daher in Japan«in Mann von nicht geringer Gewandtheit und BeHendtgkm sein-. Der Setzerr aum einer japanischen Zeitung ist ein großer Saal, an dessen vier Wänden lauter kleine Fächer angebracht ,ind. in denen sich die Typen befinden. Ter Scher läuft nun mit dent Manuskript rund im Saal herum rmd sucht sich a»S den tauenden von kleinen Abteilungen die Typen heraus, die er braucht So ts» die Setzcrtätizlcit in Japan eine körperlich wie geistig gleich an« strengende Beschäftigung. Um eine Vorstellung von dem redak- tionellen Betrieb einer japanischen Zeitung zu geben, erzählt Jshitawa von der Redaktion deö„H�chi": sie besteht aus JS t, Redakteuren und Reportern. Die Redaktion ist in acht.lbteilungen geteilt, in eine Abteilung für das Heer, Ne Flotte, eine politische, eine landtvirtschxrftlicke Abteilung, einen Hanstelsjteik und einen Lokaltcil, Kunst und Wissenschaft und in eine Abteilung für Ueber- setzuugen. Die Arbeit beginnt sehr früh, denn es ist bei der Art des Druckes nicht möglich, tvie bei uns in wenigen Minuten eine Neuig- feit zu drucken. Vielmehr braucht ein« Nachricht nach ihrem Ein- treffen in der Redaktion ivenigstens zwei Stunden, um druckfertig zu sein. Der Krieg hat die Unternehmungslust und die Bedeutung der japanischen Presse sehr gefördert, die führenden»Zeitungen haben jetzt Korrespondenten in Peking, Söul, Shanghai, Tschifu, San Franziska, New Vork, London, Paris und Berlin.— — Die Böhömmer sind wieder da. Aus der Pfalz wird der „Franks. Ztg." geschrieben: In den Wäldern bei Bergzabern ist gegenwärtig wieder die eigenartige Böhämmer-Jagd in großem Betrieb, da dieses Jahr die Kucheln gut geraten sind. Der eigen- artige, fast geheimnisvolle Strichvogel kommt in der Buchelzeit zu Tausenden und Abertausenden in die Wälder. Die Jagd auf ihn wird zur Nachtzeit abgehalten. Mit Fackeln und Blasrohren aus- gerüstet ziehen die Böhämmer-Jägcr in den Wald, und im. Scheine des roten Fackellichtcs, der die Vögel blendet, werden diese erlegt. Geräuschlos fliegt der Bolzen hinauf in die Acfte, wo die Böhämmcr in Reihen schlafend sitzen; einer um den anderen werden sie sicher heruntergeholt. Da es der Böhämmer gern auf beiden Seiten warm hat, rückt er, wenn eine Lücke entsteht, sofort an seinen Nach- bar, so daß die Reihen immer geschlossen sind und der Schütze dadurch sichere Treffpunkte hat. Die Beute einer Nacht zählt oft stach Tausenden. Fette Böhämmer werden von Feinschmeckern hoch gepriesen. Allerlei Leute nehmen an dieser Jagd teil: Beamte. Bürger, Kaufleute, Handwerker usw.; es ist jedermann gestattet, diese Jagd auszuüben. Der Vogel mit dem sonderbaren Namen Böhämmer ist der Bergfink(Fringilta montifringilla), der etwa 16 Zentimeter lang ist. Er kommt im Herbst oder Winter von Norden her in Scharen nach manchen Teilen Deutschlands. Er wird auch auf Finkenherden in Masse gefangen; sein Fleisch ist etwas bitter, da er ölhaltige Sämereien als Nahrung bevorzugt.— Literarisches. ek. Viktor Fleischer:„Das Steinmetzendorf'. (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1966.) Der Schauplatz dieser Erzählung spielt in einem Dorfe dcS Erzgebirges auf böhmischer Seite: Sandberg, mit richtigem(oder fingiertem?) Namen. Seit Alters her waren hier Steinmetzenfamilren ansässig; manch einer war laut Nachweisen der Ortschronik ein Künstler in seinem Fache. Als Bauer bestellle� er gleichzeitig seinen Acker. Noch heute stehen die alten Fackwerkhäuser von dazumal. Die ihren Besitzer verloren haben, überläßt man dem Verfall. So war es vor Jahren— und so wird es wohl bleiben. Heute wohnt dort ein ander Geschleckt: Bauern, Käthner und Fabrikarbeiter; die Steinmctzenfamilien sind ausgestorben, fortgewandert. Zur Zeit, da diese Erzählung spielt. waren noch sechs Steinmetzen. Sre hatten bis dahin friedlich und einträchtig miteinander gelebt. Aber dann kam es anders. Ein paar Maulschellen, die ein Steinmetz dem anderen versetzt, weil er, dessen Frau soeben wieder Zwillinge und zwar Mädchen statt eines erhofften Knaben bekommen, sich von seinem Kollegen und Nachbar gefrozzelt lvähnt, bilden die Ursache z» Prozessen. Streitig- feiten und Reibungen unerquicklichster Art. Manch einer kriegt dadurch Hypotheken auf sein Anwesen und muß es sckließlich verlassen oder er wandert aus, um feruercu Unbilden für immer aus dem Wege zu sein. Einer von den Jungen ist da, der möchte ein wirk- licher Künstler werden. Früh hat er zu kneten, zu bosseln und schnitzen angefangen. Ist doch auch sein Vater Steinmetz I Aber der Alte, dem die Tradition der Seßhaftigkeit auf der ererbten Scholle als unverletzliches Heiligtum gilt, weiß den Knaben fest- zuhalten, aus väterlicher Autorität und aus angeborenem Bauern- trotz. Nein, der Junge darf nicht nach Wien gehen, um da zu studieren. Das war' ja wohl auch gelungen. wenn jener nicht im Dorflehrer einen Beschützer und Förderer gehabt hätte. Ist noch ein Mädchen da. Beide Kinder sind zusammen in die Schule gegangen, haben Freundschaft geschlossen und lieben sich nun. Aber bei dem Sicinntetzgesellen hat der Entschluß, nach Wien zu entkommen, niemals locker gelassen. Eines Tages, am Begräbnis- läge der Bachmüllerin, die ihm schon lang zuvor 360 Gulden zu Studienzlvecken vermacht hatte, ist Albin verschwunden. Von Prag, dann aus Wien läßr er von sich hören. Bald ruft ihn der Tod dcS Vaters heim. Er kommt gerade nock rechtzeitig, nin auch die Mutter zu Grabe zu bringen. Als einziger Sleinmetz will er nun im Dorfe bleiben. Nach einem halben Jahre wird er seine Braut heiraten und die Wirtschaft weiterführen; denn in Wien war es nichts; sein Talent hatte nicht ausgereicht. Aber was hört er? Die Steinschneider-Mahri ist rasch des Warten? müde gewesen und hat einen anderen Dörfler genommen. Drei Wochen noch bleibt Albin in Sandberg. Als er die Grabsteine für die Eltern gemeißelt hat, verkauft er das Anwesen und wandert abermals nach Wien, uin dort fortan als Geselle zu arbeiten. Viktor Fleischer erweist sich als geschickter frischer Erzahlerl Vielleicht, weil es die eigene Dorfheimat ist, die er diesmal auf« leuchten lassen kann. Und das darf man von seiner Geschichte sagen: sie ist mit Liebe und Wärme gestaltet. Nichts wird da übertrieben; alles begab sich gewiß so, wie geschildert. Und die Menschen, die sind echt und leibhaftig in Gestalt, Wesen, Hantierung, Denkweise und Sprache. Nur jemand, der dort heimisch ist, vermag auch so intim den Ortsdialekt zu behandeln.»Das Steimnetzendorf" wird— nicht bloß im Erzgebirge— Leser finden.— Geographisches. — Die Forschungen in der Sabara.die in diesem Jahre von den französischen Gelehrten G a u t t e r und C h u d e a u vorgenommen worden sind, haben bereits zu Ergebnissen geführt; die ein neues Licht auf die Vorgeschichte der Wüste werfen. Sie zeigen, wie Professor Gautier selbst in den„Annales de Geographie' berichtet, daß einst die natürlichen Wasserläufe, die heutigen QuedS, noch lange nach der Verbreitung des Wüstenklimas Wasser geführt haben müssen bis in die Tiefe der Sahara hinein. Durch die Bildung von Dünen sind sie nach und nach versandet und ausgetrocknet, und dieser Vorgang dauert mit überrasckender Schnelligkeit fort. Dank jener natürlichen Bewässerung sckeint sich eine ackerbautreibende Bevölkerung, die auf der Kulturstufe der jüngeren Steinzeit stank» und mit den Sudanbewohnern verwandt war, bis in die geschicht« licke Zeit hinein in der Sahara erhalten zu haben. Ueber die Spuren, die sie zurückgelassen hat, lagern sich unmittelbar diejenigen der großen berberischen Einwanderung der Eisenzeit. Die Vor» stellnng, die man sich von der Sahara in römischer Zeit gemacht hat. wird vielleicht geändert werden müssen. Die heutige Sahara bildet ein weniger bedeutendes Hindernis für den Verkehr, als nian bisher annahm. Ihre südliche Grenze bleibt noch bedeutend nördlich von Timbuktu. Man hat sich anscheinend durch das Vorhandensein ausgedehnter Dünen in der Gegend von Timbuktu täuschen lassen; aber diese Dünen sind höheren Alters und durch Pflanzenwuchs befestigt. Sie geben Zeugnis da- von, daß zur Diluvialzeit die Wüste schon vorhanden war, aber weiter im Süden lag. Durch die kürzlich zwischen den Regierungen Algeriens und des Sudan vollzogene Teilung ist die ganze eigcnt- liche Sahara zu Algier geschlagen worden. Wenn das Kamel nicht da wäre, so könnten die sudanesischen Tragochsen noch heute, wie zur Zeit der Stviner, ihre Lasten nach dem Norden tragen, wenigstens in der Richtung Hoggar— In Salah.—(„Tägl. Nnndsch.") Hnuioristisches. — In der Verlegenheit. Herr:„Sie haben ein Zimmer zu vermieten?" Vermieterin:„Jawohl." Herr:„Ist es auch schön sonnig." Vermieterin:„O, da scheint den ganzen Tag die Sonne hinein." Herr:„Dann kann ich das Zimmer nicht brauchen, denn ich muß als Maler ein soimenfreicS Zimmer haben.--- Ein zweiter Herr:„Sie haben ein Zimmer zu ver- mieten?" Vermieterin:„Allerdings." Herr:„Ein sonniges Zimmer?" „Vermieterin:„Nein, da scheint den ganzen Tag keine Sonne hinein." Herr:„Dann mutz ich verzichten, denn wo die Sonne nicht hinkommt, da kommt der Arzt hin."--- E i n dritter Herr:„Haben Sie ein Zimmer zu ver- mieten?" Verinieterin:„Jawohl, bitte." Herr:„Hm. Ein Eckziinmer. Wahrscheinlich kühl. Scheint die Sonne viel hinein?" Vermieterin:„Nach Belieben."— — Ein kitzlicher Auftrag. Arzt:„Die zunehmende Schwerhörigkeit Ihrer Frau Gemahlin ist lediglich eine Alters- erscheinuiig, das können Sie ihr sagen." Herr:„Sagen Sie ihr das gefällig st selbst, Herr Doktor!"—(„Lustige Blätter".) Notizen. — Max Halbes neue Komödie„Die Insel der Seligen" ist soeben bei Albert Langen, München, in Buchform erschienen. Preis 2,50 M.— —„Der Weg zur Hölle", Kadelburgs neues Lust- spiel, geht am 23. Dezember im L u st s p i e l h a u s e in Szene.— — Die„Komische Oper" hat die Aufführung von Leoncavallos.Bohöme" für Montag, den 11. Dezember angesetzt.— —„Jan a". die neue Oper des jungen apulischen Komponisten V i r g i I i o, hatte im Theatro dal Verme zu Mailand großen Erfolg.— — Für Kalkreuth tourde der Maler Adolf Hoelzel in Dachau zum Professor für die Kompogierschule au der Stutt» g a r t e r Akademie eenannt.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlsgsaustalt Paul Singer srCo..Berlln LVV«