AnterHallungMatt des Horwaris Nr. 239. Freitag, den 8. Dezember. 1905 (Nachdruck verboten.) ist Die Fjuerta. Noman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Batiste hatte Glück. Während er. in den Strohsessel zurückgelehnt, die Augen halb zur Seite gewendet, zuhörte, was der Prinzipal mit näselnder und eintöniger Stimme vorlas und auch auf die Bemerkungen und Kommentare dieses in öffentlichen Angelegenheiten bewanderten Mannes lauschte, bekam er nur drei Risse und einen Schnitt ins Ohr. Früher war er weniger glücklich gewesen. Er bezahlte seinen halben Real und betrat durch das Serranos-Tor die Stadt. Zwei Stunden später verließ er sie und setzte sich von neuem auf die Steinbank zu der Gruppe von Kunden, um wieder bis zur Stunde des Marktes den Reden des Prinzi- pals zu lauschen. Seine Besitzer hatten ihm die kleine Summe geliehen, die ihm zum Ankauf des Pferdes fehlte. Die Hauptsache war. jetzt, bei seiner Wahl gut aufzupassen, seine Kaltblütigkeit zu bewahren und sich von den Schlichen dieser Zigeuner nicht hineinlegen zu lassen, die mit ihren Tieren an ihm vorüberzogen und in das Bett des Flusses hinunter- stiegen. Es schlug elf Uhr. Schon mußte der Markt stark besucht sein: doch noch hatte Batiste die Bank nicht verlassen. Wohl hörte er den wirren Lärm dieser unsichtbaren Menge und das Gewieher und die Stimmen, die vom Ufer heraufkamen: wie ein Mann, der einen wichtigen Entschluß noch verschieben will, blieb er ruhig sitzen. Endlich entschloß er sich, ebenfalls nach dem Markte zu wandern. Wie immer war der Fluß auch heute fast verronnen. Vereinzelte Wasserläufe, mit denen man die Ebene bewässert, schlängelten sich in krpmmen Linien und bildeten Inseln auf diesem staubigen, brennenden, ungleichen Boden, der mehr einer afrikanischen Wüste, als dem Bett eines Flusses ähn- lich sah. In dieser Stunde strahlte das ganze Ufer im Sonnen- glänze, ohne daß sich der geringste Schatten zeigte. Die mit weißen Planen bedeckten Bauernwagen waren wie ein Lager in der Mitte zusammengestellt, und am Ufer standen die verkäuflichen Tiere in einer Reihe: bockige schwarze Maulesel, niit ihrem roten Zaumzeug und ihren leuchtenden Kruppen, die sie unaufhörlich in nervöser Unruhe bewegten; kräftige Arbeitspferde, doch mürrisch, wie zu ewiger An- strengung verdammte Leibeigene, betrachteten mit ihren glasigen Augen alle Vorübergehenden, während die kleinen, feurigen Pferde niit ihren Hufen im Sande wühlten und an dem Halfter rissen, mit dem sie angebunden waren. An dem Geländer, durch das man in den Fluß hinunter- stieg, stand der Ausschuß des Marktes. Esel ohne Ohren, mit unsauberem Fell und widerlichen Pusteln bedeckt, traurige Pferde, deren fleischlose Knochen mit ihren Spitzen durch die Haut zu dringen schienen, blinde Maulesel mit einem Schwanenhals: der ganze Abhub des Marktes, die Inda- liden der Arbeit, mit dem von Schlägen gegerbten Fell, mit leerem Magen und großen, von dicken grünen Fliegen er- zeugten Wunden, warten hier auf den Unternehmer, der sie für das Stiergefecht kaufen sollte, oder auf den Bettler, der sich von ihnen noch irgend welchen Nutzen versprach. Im unteren Teile, bei den fließenden Wassern,.an dem Ufer, das die Feuchtigkeit mit einem leichten Rasenteppich bedeckt hatte, trippelten die ungezähmten Füllen scharenweise mit ihren langen, im Winde flatternden Mähnen und ihren starken, den Sand fegenden Schweifen hin und her. Jenseits der Steinbrücken sah man die Stiere mit den krummen Beinen, wie sie friedlich das Gras fraßen,� das ihnen die Hirten hinwarfen, oder schläfrig iiber diesen verbrannten Boden wanderten, sich nach den frischen Weideplätzen heim- sehnend, und sich jedesmal stolz aufreckten, wenn die Jungen von den Brückengeländern pfiffen, um sie zu ärgern und zu reizen.. Das Treiben auf dem Markte wurde lebhafter. Ber jedem Tiere, um das gefeilscht wurde, sammelten sich Gruppen von Landleuten, die in Hemdsärmeln, den Knüttel in der rechten Hand, eifrig gestikulierend schwatzten. Die mageren Zigeuner mit der bronzenen Hautfarbe und den langen Beinen, in der Tunika aus geflicktem Schafsfell und die Pelz- miitze auf dem Kopfe, sprachen unaufhörlich und bliesen dem Käufer ihren Atem ins Gesicht, als wenn sie ihn hypnotisieren wallten, während in ihren schwarzen Augen ein Fieberglanz aufleuchtete. „Betrachtet das Tier recht genau, beobachtet die Linien� man möchte es für ein Fräulein halten.. Doch der Bauer blickte, unempfindlich für alle Schmeichel-. Worte des Zigeuners, verschlossen, schwankend und nachdenk- lich, zur Erde, betrachtete dann das Pferd, kratzte sich hinterm Ohr und erklärte schließlich mit eigensinniger Energie: „Gut, aber ich gebe nicht mehr." Um die Käufe abzuschließen und den Handel zu besiegeln, ging man in eine im Schatten eines Blätterdaches errichtete Schenke, in der eine dicke Frau mit Fliegcnschmutz besudelte Milchbrötchen verkaufte und in klebrige Gläser den Inhalt eines halben Dutzend Flaschen goß, die auf einem Zinktisch standen. Batiste ging mehrmals durch die Reihen der Tiere, ohnö auf die Händler zu achten, die seine Absicht errieten und ihn ansprachen. Nichts gefiel ihm. Ach, der arme Morrut! Wie schwer war es, einen Nach». folger für ihn zu finden! Hätte nicht die Notwendigkeit ge- sprochen, der Pächter wäre abgezogen, ohne einen Handel ab- zuschließen. Er glaubte, den Toten zu beleidigen, wenn er diesen widerwärtigen Tieren seine Aufmerksamkeit schenkte, Plötzlich blieb er aber doch vor einem weißen Hengste stehen, der weder sehr groß noch sehr blank war, noch dazu Schrammen an den Beinen und ein abgespanntes Aussehen hatte: ein Arbeitstier, das trotz seines erschöpften Zustandes kräftig und tüchtig schien. Kaum hatte er ihm die Hand auf die Kruppe gelegt, als der Zigeuner geschmeidig an seiner Seite auftauchte, er spielte sich auf den guten Kerl heraus und behandelte ihn, als hätte er ihn sein ganzes Leben lang gekannt. „Das Tier ist eine Perle; man sieht, Ihr versteht Euch auf Pferde. Und nicht teuer. Ich meine, wir werden uns schnell verständigen. Monote führe es auf und ab, damit der Herr sieht, mit welcher Grazie es geht." Und der fragliche Monote, ein Zigeunerjunge mit schläfrigem, schmutzigem Gesicht nahm das Tier beim Halfter und führte es über den ungleichen Strand, während das Tier widerwillig mithinkte: es schien sich von einer solchen, schon so häufig wiederholten Belvegung abgestoßen zu fühlen, Schnell näherten sich die Gaffer und gruppierten sich um Batiste und den Zigeuner und folgten der Probe mit den Augen. Als Monote zurückkam, untersuchte Batiste das Tier eingehend: er steckte seine Finger zwischen die gelblichen Zähne, fuhr mit den Händen über den ganzen Körper, hob die Hufe hoch, um nachzusehen, und studierte ganz eingehend die Beine. „Seht ihn Euch nur an, seht ihn Euch nur an," sagte der Zigeuner,„dazu ist er da. Das Geschäft ist klar und rein- lich, bei mir wird niemand betrogen. Alles geht mit rechten Dingen zu. Hier werden die Tiere nicht zugestutzt, wie es gewisse Viehhändler machen, die Euch einen Esel im Hand- umdrehen in etwas anderes verwandeln. Ich habe ihn in der vorigen Woche gekauft, und mir nicht einnial die Mühe gegeben, die Kleinigkeiten verschwinden zu lassen, die er an den Beinen hat. Habt Ihr gesehen, wie leicht er geht? Und erst am Wagen. Nicht mal ein Elefant zieht frischer an, da, auf dem Hals könnt Ihr die Spuren sehen." Batiste schien mit dem Resultat seiner Prüfung nicht un- zufrieden, doch er bemühte sich, flau zu machen und ant- wartete dem Käufer nur mit Grimassen und Knurren. Seine Erfahrung als Frächter hatte ihn Tiere richtig beurteilen gelehrt, und er lachte für sich iiber gewisse dumme Kerle, die sich von dem schlechten Aussehen des Pferdes täuschen ließen und dem Zigeuner erklärten, der Gaul wäre höchstens für den Schinder gut. Dieses traurige und müde Aussehen fand man gerade bei kräftigen Tieren, die so lange resigniert ge- horchten, wie sie sich nur auf den Beinen halten konnteil. Endlich kam der entscheidende Moment: Man könnte darüber reden. Wieviel? „Da cZ für Euch ist," sagte der Zigeuner, indem er Batiste die Schulter streichelte,„für einen Freund, für einen braven Mann, der auf dieses Tier acht geben wird... so will ich jhn Euch für vierzig Duros lassen, die Sache ist gemacht." Batiste nahm den Angriss ruhig entgegen: er war an solche Diskussionen gewöhnt und lächelte mit verschmitzter Miene. „Gut, also weil Du es bist, will ich nur einen kleinen Rabatt verlangen. Willst Du fünfundzwanzig Duros haben?" Der Zigeuner streckte mit theatralischer Entrüstung die Arme gen Himmel, trat ein paar Schritte zurück, kratzte seine Pelzmütze und machte allerlei komische Be.oegungen, um seine Verwunderung auszudrücken. „Heilige Mutter Gottes, fünfundzwanzig Duros, habt Ihr es Euch denn angesehen, dieses Tier? Selbst wenn ich es gestohlen hätte, könnte ich es Euch nicht für den Preis zum Geschenk macheu." Doch auf alle diese Bemerkungen antwortete Batiste un- verändert dasselbe: „Fünfundzwanzig, nicht einen Ochavo mehr." Als der andere alle seine Gründe, die nicht gering waren, erschöpft hatte, rief er das letzte Argument zu' Hülse: „Monote, führe das Tier auf und ab, damit der Herr sich überzeugt." Und von neuem zog Monote den Gaul am Halfter und lief vor dem, von diesen Promenaden immer verdutzter wer- denden Tiere her. „Das ist ein Gang, was?" rief der Zigeuner,„wie eine Marquise, die spazieren geht. Und das Tier ist für Euch nicht mehr als fünfundzwanzig Duros wert!" „Nicht einen Ochavo niehr," wiederholte Batiste eigen- sinnig. „Komm zurück, Monote, das genügt." Und der Zigeuner dredte mit scheinbarer Entrüstung dem Käufer den Rücken, als wollte er ihrn andeuten, die VerHand- lungen wären abgebrochen. Doch als er Batiste wirklich gehen sah, schwand seine Strenge. „Nun, Herrl Herr... wie heißt Ihr?" „Batiste." „Aha... nun, Herr Batiste, kann man sich denn gar .«nicht verständigen? Um Euch zu beweisen, daß ich Euer Freund bin und Euch dieses Kleinod schenken möchte, will ich kür Euch tun, was ich für niemanden tun würde... Fünf- Unddreißig Duros, abgemacht? Nicht wahr, ja? Ich schwöre Ls Euch bei Eurer Seele, ich würde es für niemand tun, nicht »einmal für meinen Vater." Der Protest war noch lebhafter und von noch mehr Gesten �begleitet, als beim erstenmal, da er sah, daß der Bauer mit diesem Preisablaß nicht zufrieden war und ihm kaum zwei Duros mehr bot. War es denn niöglich, diese feine Perle stiminte ihn nicht milder? Er hatte also keine Augen, um sie nach ihrem wahren Werte zu schätzen? „Na, Monote, führe es noch einmal auf und ab." Dock) Monote brauchte sich nickst mehr müde zu laufen: £emt Batiste entfernte sich uiit der Miene eines Mannes, der auf das Geschäft verzichtet. Er irrte hier und da über den Markt und sah sich im Vorübergehen andere Tiere an, be- obachtcte aber immer verstohlen den Zigeuner, der ihn eben- falls nicht aus den Augen verlor, und, wenn er auch den Gleichgültigen spielte, feine geringsten Bewcgmrgen be- obachtete. Er näherte sich einem großen, kräftigen Pferde mit leuchtendem Fell, das zu kaufen er gar nicht die Abficht hatte, denn er sah voraus, daß der Preis zu hoch sein würde. Kaum hatte er die Hand auf die Kruppe gelegt, da hörte er in seinen Ohren einen zischenden Atem, der ihm zu- flüsterte: „Dreiunddreißig! Beim Seelenheil Eurer Kinder, sagt jnicht nein. Ihr seht, ich bin vernünftig." „Achtundzwanzig," sagte Batiste, ohne sich umzudrehen. , Als er das schöne Tier genügend bewundert hatte, ging er weiter und begann, um doch etwas zu tun, zuzuschauen, wie eine alte Bäuerin um einen Esel feilschte. Ter Zigeuner hatte sich wieder zu seinem Tier gestellt Und betrachtete Batiste aus der Ferne, indem er den Strick bewegte, als wenn er den Käufer zurückrufen wollte. Batiste näherte sich langsam, mit zerstreuter Miene, in- dem er die Brücken betrachtete, auf denen die geöffneten Sonnenschirme der Frauen wie betveglichc Kuppeln in den perschieöensten Farben hin- und herfchwankten. lFortfetzung folgt.) (Nachdruck verböte».) LandwirtTchaftUcbcv Kleinbetrieb in frankreidx Tie Dekrete, welche die Nationalversammlung in Paris in der Nacht vom 4. August 1789 und an den folgenden Tagen über die Abschaffung der Feudalrechte faßte, hatten in Frankreich die Freiheit des Grundeigentums wieder hergestellt, die durch die Lchnsherrlichleit früherer Zeiten unterdrückt warten war. Die später folgende all- gemeine Verteilung des kirchlichen und königlichen Grundeigentums unter«ine Menge größerer und kleinerer Landeigentümer hatte mit der gänzlichen Befreiung des GrundeigeMums von allen Feudal- lasten einen Stand freier Landwirte geschaffen. Gesichert wurde die weitere Verteilung dcS Grundeigentums durch die französische Zioilgesctzgrbung, die eine allgemeine Teilbarkeit tesselben zur Regel machle. Wie groß die Verteilung des Grundeigeinums loar. ergibt die Tatsache, daß im Jahre 1820 z. B. nicht weniger denn zirka 5 Millionen Eigentümer Steuern bezahlten, von denen nur 90 873 eine jährliche Steuer von 300 Franken und darüber entrichteter». Diese Zersplitterung des rllen feudalen Großgrundbesitzes in Millionen von kleinen Landparzellen mutzte naturgemäß eine voll- ständige Revmurian des bis dahin geltenden kandtvirtschaftlichen Betriebes im.Gefolge haben. In der Tat wurde sie die Grundursache einer derart verbesserten Bearbeitung des Bodens, wie sie bis da- hin in Mitteleuropa unbekannt war. Da es keine Gutsherren mehr gab. die den Zehnten des Ertrages als ihren Anteil forderte», da die Baufrone, wie alle anderen lehnherrlichen Rechte weggefallen waren, da auch die Zeiten vorüber waren, wo selbst zur Saatzeit die Tauben der Herren auf die Felder der lintertauen und Pächter flogen und außerdem jeder das Recht hatte, auf seinem Grund und Boden alles Wild und Geflügel zu töten— so widmeten sich die kleinen Landeigentümer der Bodenkultur mit einem Eifer, einer Energie und Tatkraft, wie sie bis dahin in der Geschichte der euro- päischen Landwirtschast ohne Gegenstück ist. Erst jetzt entdeckte man gleichsam, wie reich die Erde Frankreichs an uarürtichen Produkten war, welch herrliche klimatischen und Bodenverhätonss« der n anschlichen Arbeit hier hülsreich zur Seite standen und daß beinahe jeder Fuß breit französischer Erde entweder schon an sich zur Erzeugung verschiedenartiger Pflanzen geschickt war, oder doch dazu fähig ge- macht werden konnte. Da von einer zweckmäßige!! Benutzung des Bodens hauptsächlich der glückliche Erfolg des landwirtschaftlichen Gewerbes abhängt, so war es nur natürlich, daß ein gewisser Wohl- stand die einstmalige sprichwörtliche Armut der französischen Land- bevölkerimg verdrängte. Zwar brachte Frankreich auch um diese Zeit nicht so viel Getreide hervor, als es nötig hatte, und es gab Jahre, wo es auch in den Jugendjahren des französischer» Kleinbetriebes vom Auslande kaufen mußte, dafür aber halte derselbe Kleinbetrieb Frankreich binnen wenigen Jahrzehnten in das vorzüglichste Wein- und Obstland Europas verwandelt. Im ganzen Land«, mit wenigen Strichen in der nördlichen Hälfte ausgenommen, gedieh der Wen» vortrefflich: im südöstlichsten Striche lieferte die Kultur des Oel- baumes ein vorzügliches Oel, lind die unübertreffliche Qualität und die nicht minder erstaunlichen Oucmtitäten des französischen Obstes erworben sich Weltruf. Seitdem sind acht Jahrzehnte vergangen, ein kleiner Zeitraum für die Weltgeschichte, groß genug aber, um in der Kulturgeschichte eines einzelnen Volkes bedeutsame Spuren zurückzulassen. Sie sind auch an der Weiterentwickelmig der französischen Bodenkultur und in Sonderheit an t m Betriebe des französischen Kleingrundbesitzes nicht spurlos vorübergegangen. Zwar beruht der so viel gerühmte National reich tum uitd die Stabilität Frankreichs auch heute noch zum großen Teil auf der ländlichen Bevölkerung— 1891 betrug dieselbe 24 000 000 oder 62 Proz. der EesamtbevLkkerung, auch gibt es heute noch nur wenige Taufende auf dein Lande, die nicht ein eigenes Häuschen oder ein kleines Stück Land, wenn nicht gar beides besitzen— aber die wirtschaftliche Lage dieser Kleingrundeigcnrümer und die Betriebsform der Bodcnwirtschast hat sich gewaltig ge- ändert. Während noch sin ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts die große und lvahrhafte Regeneration der französischen Bodenkultur durch eine mit der vermehrten Teilung des Grundbesitzes gleichen Schritt haltende Herabsetzung der Grundsteuer vorteilhaft beein- flußt wurde, erblickten die bürgerlichen Regierungen der nach- folgenden Perioden bis in die Gegenwart hinein gerade in dem erhöhten Ertrage dcS landwirtschaftlichen Kleinbetriebes eine milchende Kuh für den Staatsfiskus. Die Vermehrung der Staats- schulden, die drohenden Defizits des Staatshaushalts usw. und die damit gleiche Entwickelungsfähigkeit zeigende Erschließung neuer Eteuergiiellen hatte der Herabsetzung der ländlichen Grundsteuer nicht bloß ein jähes Halt zugerufen, sondern im Gegenteil die Ab- gaben der kleinen Landwirte in» Laufe der Jahrzehnte auf eine zeit- weise unerträgliche Höhe getrieben, die bis vor kurzem 44 Proz. der Totakproduklion der Bodenkultur verschluckte. In diesem immer härter werdenden Kampfe um die Wirtschaft- lichc Existenz mußten notgcdnmgen alle jene nach und nach zugrunde gehen, deren Grundbesitz entweder zu klein war, um durch seine Erträge alle Anforderungen zu befriedigen, oder die durch ungünstige klimatische Boden- oder Absatz Verhältnisse im wirtschaftlichen Wett- laus mit ihren Nachbqrn behindert wurden. Wucherischen Hypo- thekenschuldcn folgte so der zwangiocise Verkauf in taufenden von Fällen. Die in den Jndustriebezirken groß gewordenen Schlot- barone waren nur zu willig, ihre Kapitalien in solchem ländlichen Grundbesitz zu investieren, und so entstand eine neue Art von Feudal- lord, der„grond cultivateur", der„gentleman per excellence", der in großem Stile lebt, vierspämiig einherfährt, sich einen Mar- stall und Jagden hält, lind wie zur Zeit der alten Feudalherrschaft lüften in einem llmkreis von drei Mellen die einstmals fteien Land- Wirte vor diesem Auchfarmer ihren Hut. denn er ist ihr neuer Herr und Meister. Diese Großfarm mit ihrer grand culture ähnelt einem feudalen Anwesen wie ein Ei dem anderen. Rekonstruiert durch aufeinanderfolgende Ankäufe von kleinen landwirtschaftlichen Einzelbetrieben, erneuerte sie unter der dritten Republik den Zu- paud des Grundbesitzes, wie er vor der großen Revolution bestanden hatte. Die neu erbanten Farmgebäude sitzen auf ihren Hügeln und erinnern in ihrer massiven Konstruktion an Raubschlösser aus den Zeiten des Mittelalters. In den Getreide bauenden Teparte- ments der Pirardic, von Berri, von Langnedoc und in der Tauphine sind solche modernem Feudalsitze sehr häusig zu sinden. Sie sind auch nicht unbekannt in den Weingegenden Gupenne, Gascogne, Burgund und aus den Kalkhügeln in der Nähe der Ardennen, der Heimat des Champagners. Und ständig nehmen sie an Umfang zu. Dabei benutzt der neue„grand cultivateur" zur Erreichung seines Zieles nicht etwa Hinterlist, Betrug und Schwindel— o nein! Ein solcher moderner Großfarmer ist nach der Aussage der bürgerlichen Welt einfach klug, ausdauernd, geschickt und reich. Die einstmals freien Landwirte aber begeben sich, expropriiert Von ihrem kleinen Grund- besitz, entweder als Pächter oder Landarbeiter zurück in das durch die große Revolution abgeschüttelte Joch der feudalähnlichen Unter- drückimg, oder aber sie schütteln den Staub der heimatlichen Erde von den Pantoffeln, um in den Industriezentren und großen Städten die Proletarierarince zu vermehren. Während in solcher Form sich jener Aufsaugungsprozeß des Kleinbetriebes zu verwirklichen scheint, den der Schriftsteller Montorgueil in seinen Schriften über„La Ferme Feodale" gleichsam im voraus schilderte, und amerikanische und kanadische landwirt- fchaftliche Geräte in der grand culture den gewöhnlichen Pflug, den Spaten und die Hacke der Kleinwirtschaft verdrängen, sehen sich andererseits die Besitzer der noch übrig gebliebenen kleinen land- wirtschaftlichen Betriebe gezwungen, Mittel ausfindig zu machen, wie dem allgemeinen Bankrott zu entgehen sei. Das wurde die Ursaihe zur Organisation der Kleinwirtschaft, die in zahlreichen Gegenden Frankreichs heute den gesamten Kleinbetrieb umfaßt und ihn im Zeitalter der Grotzkapitalisation konkurrenz- und lebensfähig erhalten hat. Nach den letzter» statistischen Zusammenstellungen gibt es gegenwärtig über 4000 landwirtschaftliche Gesellschaften in Frank- reich. Zum größten Teile sind dieselben in sogenannten Federationen gruppiert. Eine solche Föderation, die„Bereinigung von Zentral- Frankreich", besitzt allein 350 000 Mitglieder. Das Bestreben aller stmdwirtschaftlichen Syndikate geht nun dahin, verbesserte Kultur- Methoden einzuführen, die Anschaffung der neuesten Maschinen, Ge- rätc, Säniercien, Dnngmassen, Körbe, Kisten, Säcke, Glas- fenster usw. durch gemeinsamen Einkauf zu verbilligen, die Bcr- Packung der Prodnfle auf einer gemeinsamen Grundlage zu re- gulieren und den gemeinsamen Absatz zu erleichtern. Außerdem haben diese Organisationen mehr als 400 Kreditbanken gegründet, wo vcrtrauenswerte Mitglieder zu leichten Bcdmguitgcn Gelder geborgt erhalten. Unter dem Einfluß dieses organisierten Kleinbetriebes hat sich der weitaus größere Teil der französischen Landwirtschaft in Spatenkultur verwandelt. Während in der modernen grand culture Frankreichs die modernsten landwirtschaftlichen Maschinen tätig sind, haben sich im organisierten Kleinbetrieb im großen und ganzen die landwirtschaftlichen und gärtnerischen Handgeräte, wie Hacke und Spaten, als unentbehrlich behauptet. Die Kleinheit der Betriebe ließ die Maschinen in nur beschränktem Maße aufkommen. Tagegen hat die massenhafte Benutzung der Handgeräte das Frank- reich der Gegenwart in zahlreichen Gegenden iu ein Gartenland verwandelt, wie wir es in solcher Ausdehnung in Europa sonst nirgends wieder vorfinden. In gleichem Verhältnis zu der Aus- dchnung der Spatenkultur steht der Gesamtwert der durch sie er- zeugten Erträge. Zwgr läßt sich der Gesamtwert nur sehr schlecht in Mark und Pfennigen abschätzen, aber er wird augenscheinlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, in welcher Weise die Spatenkultur der Grundfaktor des Wirtschaftslebens ganger Departements. ge- worden- ist. Meilenweit ziehen sich im Süden von Sannes bis nach Mentvne jene oft in die Felsen eingehauenen Blumengärten hin, die im Winter halb Europa nicht bloß mit abgeschnittenen Blüten versehen, sondern deren Erzeugnisse, was weit wichtiger ist, das Fundament bilden für die in Europa iir ihrer Großartigkeit einzig dastehende französische Parftimfabrikation. Die Kleinbetriebe de» südlichen Frankreichs beschäftigen sich weiter mit der Kultur von Feigen, Pistazien, Mandeln, Kapern, Oel- und Maulbeerbäumen, die ganze Industrien mit den nötigen Rohprodukten versehen. Die Aepfel- und Birnengärten der Normandie und Bretagne, die Kirschen-, Wallnuß- und Kerstanienplantagen in Ardeche, die Pfirsiche-, Aprikosen- und Reine-Claudes-Kulturen Zentral-Frank- reichs, die Erdbeerkulturcn und Frühobst-Treibereien in der Nähe aller großen Städte usw. beschäftigen weitere Tausende von Kleinbetrieben, auf die nafjet einzugehen hier nicht der Platz ist. Für den Fremden, der Frankreich zum erstenmal besucht, wird die Wirt- schaftliche Bedeutung des landwirtschaftliche!, Kleinbetriebe? für Frankreich jedenfalls am augenfälligsten, wenn der Erpreßzug ihn in die Peripherie der grötzereu Städte bringt. Meilenweit, so weit das Auge reicht, erblickt er dann nichts als Kleinbetriebe, die in der Nähe solcher Zentren wie Rouen, Troyes oder Paris die gesamte Bodenkultur beinahe ausschließlich beherrschen. Hier finden sich Tausende von landwirtschaftlichen Betrieben, die so klein sind, daß der Laie in der Regel staunend sich fragt, wie die Bodenkultur für den Züchter noch lohnend sein kann. Unter den Mauern von Paris z. B. finden sich auf einer Fläche von 2224 Ackern nicht weniger wie 5000 solcher Einzelwirtschaften, die in der Regel zirka 020 M. Pacht pro Acker und Jahr zahlen. Hier hat sich die Kleiukultur zur Virtuosität ausgebildet. Wollte sie existenzfähig bleiben, hatte sie zu außerordentlichen Mitteln zu greifen. Tie"bloße Organisation! allein konnte dabei nicht helfen. Nur im Bunde mit einer aufs raffinierteste ausgeblldeten intensiven Bodenkultur war unter solchen Verhältnissen noch etwas zn machen, und wo die Natur ver- sagte, erzwang der Mensch durch Erzeugung künstlichen Bodens und künstlichen Klimas seineu Willen. Di« Benutzung von Mistbeetkästen, zum Zwecke der Frühobst- und Gemüsekultur, hat in keiner Gegend des kontinentalen Europas solche Bedeutung gewonnen wie hier. Bon Weihnachten an wird sie für Hunderte von Kultivateuren eine Quelle des Einkommens. Naht späterhin das Frühjahr, Wird in einigen leeren Kästen mit der Anzucht der Sämlinge für die Freilandkultur begonnen. Unter GlaS gesät, in nahrhaftem Boden airgezüclstet, sind diese Sämlinge z» einer Zeit auspflanzungsfähig, in welcher in Teutschland z. B. keiner an Freilandkulturen denkt. Auch in Frankreich würde das natürliche Klima in solchen nördlichen Distrikte», wie Rouen oder Paris, ein. Auspflanzen der herangezüchteten Pflänzchen unnio-stich machen, wenn sich die Pflanzenzüchter, die für ihre Freiland-. kulturen nötige Wärm« nicht mit Hüls« des Thermosiphons zu ver- schaffen wüßten. Zu Zeiten sind dann Hunderte von Aeckern mit Tausenden bald größeren, bald kleineren Glasglocken bedeckt, von denen jede einzelne ein Pflanz lein schützt. Sind keine kalten Tage mehr zu befürchten, werden bei Sonneufchein die Glocken gelüftet. und die mittlerweile hevangewachfenen Pflanzen nur nock des Nachts bedeckt. Derartig behandelte Pflanzen geben marktfähige Ware zu einer Jahreszeit, wo man in Deuischland noch nicht einmal mit dem Auspflanzen der Sämlinge fertig ist. Der französische Kleinkultidatenr aber ist nicht bloß ein Künstler in der Erzeugring und Verwertung künstlichen Klimas, sondern auch-unübertrefflich in der Herstellung und Beobachtung seines Bodens. Die ungeheuren Quantitäten von Pferdedung, die zur Massenunterhaltung und Erwärmung der Treibkästen uötig sind, geben ihm die Mittel dazu. Alljährlich, oft zu wiederholten Malen, werden di« Kästen ihrer Dringmassen entledigt und dieselben dem Kulturboden einverleibt. Tie Bodenguantität vergrößert sich auf den kleinen Anbauflächen dadurch in solcher Weise, daß die Züchter gezwungen sind, sie teilweise zu verkaufen, soll sich die Bodeufläche nicht alljährlich um einen Zoll erhöhen. Andererseits wird durch di« Massci, Verwendung des PferdedungS die Boden- Verbesserung so ausgeprägt, daß viele Züchter in ihren Pacht, konträkten sich das Recht ausbedingen, auch die Erde mit fortnehmen zu dürfen, wenn sie ihren Pachtboden nach Abkauf der Pachtzeit verlassen.— A. G. Graut. kleines fculllcton. ie. Der verkehrreichste finiinl der Erde ist nicht etwa der Suez» kanal, wenigstens ist er es heute nicht mehr. Seit einer Reihe von Jahren hat ihn der Kanal von Sault-St. Marie erheblich über- sliigelt. Freilich ist letzterer kein Meerkanal, aber nicht viel wenig-» als ein solcher, denn er verbindet den Obere» See mit dem Hurou- See, d. h. überhaupt mit den übrigen„großen" amerikanischen Seen. Der Aufschwung des Schiffsverkehrs auf diesen Seen ist ein ganz außerordentlicher, und die Zahlen, die der� letzte Jahresbericht über die Verhältnisse des Kanals vonSanlt-St. Marie angibt, iiitd ungeheuer, zumal wenn man berücksichtigt, daß der Kanal wegen Ber» eisung während eines vollen Drittels des Jabres unbenutzbar wird. Der Suezkanal, der im ganzen Jahr fahrbar ist. sah 4904 Schiffe mit den» Gesamtgehalt von 13'/z Millionen Tonnen passieren. der Kanal von Sanlt-St. Marie dagegen in den acht Monaten der fteien Fahrt 31t/, Millionen Tonnen, und die Gesamtheit der Tonnenmeilen der den Kanal benutzenden Schiffe erreichte 27 Milliarden. Ans der letzten Angabc nun geht hervor, daß die mittlere Länge des Trans- ports 1353 Kilometer betragen hat. Der Gesamtwert der hen Kanal durchlaufenden Waren wird ans 1430 Millionen Mark geschätz', und für den Transport dieser Waren durch den Kanal wurden Abgaben in der Höhe von 86 Millionen Mark bezahlt. Die Fracht für das Tonnen- kilometer jeder Ware ohne llnterschied ihres Wertes stellt sich danach aus etwa 3 Pf., zuweilen noch erheblich niedriger. Die Kohle, lne in ungeheuren Mengen auf diesem Wasserivcge verschifft wird, lostet z. B. nur etwa Vs Pst auf das Toniienkilonieter. Der Wert der auf dem Oberen See fahrenden Schiff« wird am 280 Millionen Mark veranschlagt, wozu noch eiue Anzahl von Fahrzeugen zu rennten find, die ausschließlich der Schiffahrt aus dem Kanal dienen. Im ganzen sind eö 386 Schiffe, unter denen sich auch eine stattliche Anzahl sehr großer befindet. Der Kanal ist eigentlich ein doppelter» er zerfällt nämlich in eilte» amerikanischen und einen kanadischen Teil, von dem jedoch der erste im Jahr 1904 89 Proz. des Gesamtdcrkehrs und 94 Proz. aller Waren aufgenommen hat, dagegen nur 37 Proz, der Reisenden. Noch eindrucksvoller werden die Zahlen, wenn man die vier vcrkehrsstärksten Monate deS vorigen Jahres für sich nimmt, für die sich ein Durchschnitt von mehr als je fünf Millionen Tonnen ergibt, für den August sogar die Zahl 5 645 000 Tonnen, was einem Tagesdurchschnitt von 180 000 Tonnen entspricht. Die Zahl wie die Größe der auf den Seen verkehrenden Schiffe hat sich in letzter Zeit außerordentlich erhöht. Im Jahre 1894 gab es ans ihnen erst 15 Schiffe, die einen Tonnengehalt von über 3000 und höchstens 4000 besaßen. 1893 waren schon fünf Schiffe von 9000 Tonnen vor- Händen, und in diesem Jahre sind im ganzen sieben Schiffe von 11 536 Tonnen hinzugekommen. Die Fracht für die Tonnenmeile hat sich im vorigen Jahr noch niedriger gestellt als zuvor. Der erste Kanal wurde im Jahre 1855 Vollender und zwar auf Grund einer Konzession des Staates Michigan. Zuvor war der Verkehr zwischen dem Oberen See und den unteren Seen durch Boote ge- schehen, die auf der verbindenden Wasserstraße bis zu den Schnellen fuhren, an diesen aber ausgeladen werden mußten, so daß die Waren auf einer Strecke von mehr als Iffz Kilometern zu Land befördert wurden. Bei solcher Umständlichkeit war der Berkehr begreiflicherweise ziemlich spärlich und betrug 1851 im ganzen nur 12 500 Tonnen, hat sich also bis heute etwa um das 2500fache vermehrt. Die jährliche Zunahme des Warenverkehrs hat während der letzten 50 Jahre im Durchschnitt 20 Proz. betragen. Schon im Jahre 1797 war von einer Pelz- Handelsgesellschaft zur Umgehung der Stromschnellen von St. Marie ein kleiner Schiffahrtskanal erbaut worden, der aber während des Krieges 1812 einer Zerstörung durch die Amerikaner anHeim fiel. Seit 1855 sind zur Verbesserung deS Kanals etwa 64 Millionen Mark ausgegeben worden und es sind für die nächste Zukunft noch weitere Vervollkommnungen vorgesehen.— Müssen Masthühner Kiesclkörncr fresse»? Bei vielen Vogel- arten, die Körner als Nahrungsmittel genießen, findet man im Magen kleinere oder größere Kieselkörner; diese merkwürdige Er- cheinung ist sowohl bei solchen Vögeln wahrzunehmen, die so zu agen wild, in der freien Natur leben, als auch bei solchen, die als Haustiere gezüchtet lverden. Man zog daraus den ganz richtigen Schluß, daß diese Tiere der Kiesel als eines mechanischen Hüifs- mittels bei der Verdauung ihrer hartschaligen Nahrung bedürfen, die durch die Reibung an den noch viel härteren Kieselkörnern zerkleinert und dann erst der eigentlichen Verdauung zu- gänglich gemacht wird. Viele Hühnermäster glauben nun, während der Mästung dem Futter auch eine gewisse Menge Kiesel beimengen zu sollen, damit die Tiere niemals dieses fo wichtige Material entbehren. Andere Hühnermäster erklären jedoch, daß sie davon keinen Vorteil an den Hühnern merken, und sie lassen deshalb die Steinchen Iveg. Kürzlich wurden nun genauere Untersuchungen zur Entscheidung dieser für einen wichtigen Teil unserer Viehhaltung nicht belanglosen Frage angestellt. Man hielt von einer Anzahl Hühner während der Versuchsdauer von zwei und einem halben Monat sorgfältig jede Möglichkeit, Kieselkörner zu fressen, fern; als man danach diese Tiere tötete, fand man in ihrem Magen dennoch einen beträchtlichen Kieselvorrat. Das ist nur so zu erklären, daß die vorher verschluckten Steinchen mindestens zwei Monate im Magen festgehalten werden. Die Hühnermästung dauert aber im allgemeinen nicht mehr als zwei Wochen, für diesen Zeit- räum genügen die vorher gefressenen Kiesel und eS ist deshalb nicht nötig, solche dem Mastfutter selbst noch zuzufügen.— Theater. Trianon-Theater.„Die herbe Frucht." Lustspiel in drei Akten von Roberto Bracco.— Diese neueste Frucht ides sonst nicht übel berufenen Italieners Vracco war in der Tat schon mehr als herb; man spürt den squren Nachgeschmack noch an dem nächsten Morgen. Wenn der erste Akt de? fogenannten Lust- fpiels sich etwa auf dem üblichen Niveau Pariser Schwanke hält, sinken die beiden anderen noch unter dies bescheidene Maß. Die Späße über das eheliche Manko des fünfzigjährigen Herrn Ricchetti, die in ihrer frechen Ungeniertheit anfangs hier und da noch drollig schienen, wurden bei dem breiten witzlosen Behagen ewiger Wiederholung unerträglich. Die armselige Pointe ist, daß Madame Ricchetti, als Backfisch verkleidet, den eleganten alten Sünder, der sich um die Hand ihrer jungen Schwester betvirbt, zu handgreiflichen Zärtlichkeiten verlockt. So rettet sie die Schwester vor einer Ehe wie der ihrigen. Dafür be- kommt das Mädchen den zwanzigjährigen früheren Liebhaber Madamcs zum Bräutigam. Die mittelmäßige Darfftellung der tveiblichcn Hauptfigur durch ein wenig bekanntes Mitglied des Ensembles machte die Fatalitäten des Stückes noch empfindlicher. Der Applaus, der selbstverständlich nicht fehlen durfte, war wohl lein Maßstab für die Wirkung auf das Publikum.— ckt.. Völkerkunde. — HoHzeitsgebräilche der U d i n e n. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die lkdiuen(die Bewohner des alten Aghwanicns der armenischen Chronisten, oder Albaniens nach der Nomenklatur der Römer) gegenwärtig schnell aussterben; wciiigstens ist ihre Zahl in den letzten 15 Jahren um volle 20 Proz. herabgegangen, ivas neben verringerter Lebensfähigkeit zum Teil in einer armenischen Assilnilation des Stammes seine Erklärung finden mag.- Um 1890 zählte man noch etwa 10 000 Vertreter dieses kaukasischen Völkchens, das gegenwärtig ausschließlich in den Mcderlassungen Nidza und Wartasen seinen Sitz hat. In der Ethnographie desselben, von der Arutinow in seiner„Physischen Anthropologie der Udinen"(Moskau 1905) eine zusammenfassende Darstellung nach zum Teil schwer zu- gäuglichen Quellenwerken liefert, sind besonders gewisse Anzeichen des Mutterrechts benrerkenswert, das in den Sitten und Hochzeits- gebräuchen des Stammes unzweifelhafte Spuren zurückließ. Bei der Wahl der Braut und dem Hochzeitszeremoniell spielt die väterliche Linie nicht die geringste Rolle; wohl aber ist der Einfluß der Mutrer entscheidend, und auch dem Bruder der Braut, sowie ihrem Onkel mütterlicherseits ist eine beträchtliche Bedeutung vorbehalten. Letzterer vollführt die„Vorderlobung", bestehend in Uebergabe des silbernen Ringes der Braut an die Eltern des Bräutigams, der vorher ein „Wegegeld" von 10 bis 60 Rubel entrichtet haben muß. Beim offiziellen Verlobnngsfeste wird vom Bräutigam die ganze Ver- Wandtschaft eingeladen mit Ausnahme der Brauteltern, die erst acht Tage nach vollzogener Trauung eine Einladung seitens der Neu» vermählten erhalten. Das Hauptgericht beim Verlobnngsmahl („Tapak") lvird zu allererst dem Brautbrudcr überreicht oder mangels eines solchen einem nächsten Anverwandten der Braut. Erweist sich die Braut nicht als jungfräulich, dann wird sie, mit nichts anderem als einem nach außen gekehrten Pelz bekleidet, hinausgejagt und ihren Eltern zurückgegeben.—(„Globus".) Medizinisches. br. Witterungseinflüsse und Erkältungskrankheiten. Die Ab- hängigkeit der Erkrankungen der Nase und des Halses von Witterungs- einflüssen ergibt sich schon daraus, daß gerade in den Jahreszeiten, in welchen die meisten Temparaturschwankungen vorkommen, also im Frühjahr und Herbst, sich die Erkrankungen an Schnupfen ganz be- sonders häufen. Namentlich schaden hier die rauhe und kalte Luft, sowie die Feuchtigkeit des Bodens. Starke Abkühlungen des Kopfes und des Gesichts, besonders wenn diese Teile der Zugluft ausgesetzt sind, führen daher leicht zu Schnupfen und Halsentzündung; das gleiche bewirken Abkühlungen und Durchnässungen der Füße. Viel zu wenig bekannt und gewürdigt lvird der Ilmstand daß Menschen, welche in gesunden Tagen ihre'Nase und ihren Rachen pflegen und abhärten, viel weniger zu Erkältungen geneigt sind. Bei Personen, die ihre Nase auch wirklich zur Atmung gebrauchen, wird der kalte Luftstrom, der im Winter der Lunge zuströmt, vorgewärmt und demselben eine Temperatur erteilt', welche die Lunge vor starker Abkühlung bewahrt. Ein weiteres Vorbeugcmittel gegen Nasen- und Halskrankheiten besteht in einer zweckentsprechenden Kleidung; Personen, die zu Erkältungen neigen, namentlich Kinder, sollen wollene Unterkleider tragen. Ist ein Schnuvfen ausgebrochen, so müssen Schädlichkeiten, welche die Nase noch stärker reizen können, wie Rauch, Staub und schlechte Luft, gemieden lverden. Dr. Klatt redet in seinem Buche;„Die Krankheiten der Nase und des Nachens" (Schumanns Medizinische Volksbücher) dem altbewährtem Hausmittel des Schwitzens das Wort. Hierzu kann man etwas salicylsaureS Natron oder Antipyrin nehmen; noch zweckmäßiger ist es aber, am Abend ein heißes Fußbad oder ein Dampfbad zu gebrauchen. Oft erzielt man mit einem Glas heißen GrogS dieselbe Wirkung. Schweißtreibende Mittel wirken aber i'ur dann, wenn sie sogleich beim Ausbruch des KatarrheS in Anwendung gezogen werden.— Notizen. — Ludwig Börnes Berliner Briefe, nach den Originalen mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Prvtefior Ludwig Geiger, sind soeben bei F. Fontane u. Co. in Berlin erschienen. Preis 3 M.— — Der Rani an preis des Pariser FrauenblatteS„Vis Heuronso" im Betrage von 5000 Fr., den im vergangenen Jahre die Schriftstellerin My'riam Harry für„Die Eroberung Jerusalems" erhielt, wurde Romain Rolland für' seinen Roman„Jean Christophe" zuerkannt.— .— Nissen wird nicht Direktor deS Neuen Theaters. Die Verhandlungen haben sich im letzten Augenblick zerschlagen.— — Im Kunstsalon E a s s i r e r kommt am 10. Dezember eine große Samnilung van G o g hffcher Werke zur Aus- stcllung.— — Eine das gesamte Lebenswerk Konstantin MeunierS umfassende Ans stell» n g wird von Keller u. Reiner im Januar 1906 in dem großen Saale des fiskalischen Gebäudes Pots- damerstr. 120 eröffnet lverden.— — Benedikte tem bum. In der„Bayerischen Lehrer- zeituug" wird erzählt: Ein Lehrer fragt schriftlich bei einem Vater an:„Ihr Knabe hat heute den Unterricht versäumt. Wo war er?" Der Antwortzcttel des Vaters, eines geborenen Böhmen, enthielt die rätselhaften Worte:„benedikte tem bum, krisüne Tebibek". DaS ist nicht Lateinisch, lvie man meinen könnte, sondern soll heißen:„Benötigte den Buben. Grüßt Ihnen Tschibek".— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSaujtalt Paul Singer LcCo., Berlin L W,