IlnterhaltungsSlatt des'Vorwärts Nr. 241. Dienstag, den 12. Dezember. 1905 (Nachdruck v erboten.) 211 Die k)uerta. Roman von V. Blasco Jbanez Autorisierte Uebersctzung von Wilhelm Thal. Die Tür blieb verschlossen, ebenso verschlossen wie die Jalousien und die drei Luken, die oben auf der Fassade des oberen Stocktverkes, der Cambra, wo man die Ernten ausbewahrte, Licht spendeten. Der Bandit mußte Batiste von irgend einem Loche her beobachten: vielleicht machte er gerade sein Gewehr zurecht, um tückisch Feuer zu geben: und mit der maurischen Klugheit, die stets bei dem Feinde die bösesten Absichten voraussetzt, stellte sich Batiste hinter dem Stamm eines ungeheueren Feigenbaumes, der Pimentos Hütte beschattete. Der Name des letzteren ertönte im Schweigen der Dämmerung, unaufhörlich wiederholt und von tausend Flüchen begleitet. „Komm' herunter! Mörder! Feigling!" Doch das Haus blieb stumm und verschlossen, als wäre es leer. Einen Augenblick glaubte Batiste, erstickte Stimmen zu vernehmen, den Lärm eines Kampfes, gleichsam eine Schlacht, die die arine Pepita mit Pimento begonnen hatte, um diesen zu hindern, auf die Beschimpfungen zu antworten. Dann hörte er nichts mehr. Und seine Schmähungen erklangen von neuem in dem traurigen Schweigen. Dieses Schweigen machte ihn noch wütender, als wenn sein Feind sich gezeigt hätte. Er hatte das Empfinden, als mache das stumme Haus sich über ihn lustig. Nun verließ er den Baum, hinter dem er sich versteckt, sprang gegen die Tür und begann mit Kolbenschlägen dagegen zu donnern. Die Planken zitterten unter dem heftigen Ansturm dieses Wahn- sinnigen Riesen. Da er den Bewohner nicht niedermachen konnte, so wollte er wenigstens seinem Zorn am Hause Luft machen: und so schlug er aufs Geradewohl darauf los, bald auf das Holz, bald auf die Mauer, von der er große Stücke losriß. Er hob mehrmals sein Gewchr, fest entschlossen, seine beiden Schüsse gegen die kleinen Luken der Cambra abzu- feuern, und er tat es nur nicht, weil er dachte, daß er dann wehrlos war. Seine Wut nahm zu, er brüllte Schmähungen und Schimpfworte: seine blutunterlaufenen Augen sahen nichts mehr, er taumelte wie ein Betrunkener. Noch ein paar Augen« blicke, und er wäre, wuterstickt, vor Zorn keuchend, zur Erde gestürzt. Aber plötzlich zerrissen die roten Wolken, die ihn ein- hüllten, die Heftigkeit machte der Schwäche Platz, er sah sein Ganzes Unglück und hatte das Gefühl, er wäre verloren. Sein Zorn, den dieser schreckliche Krampf gebrochen, schwand mft einem Male: mitten im Schimpfen erstickte seine Stimme in der Kehle und wurde zu einem Stöhnen und Aechzen, und schließlich brach er in Schluchzen aus. Er beschimpfte Pimento nicht mehr. Nach und nach wich er auf den Wegrand zurück und setzte sich, das Gewehr zwischen den Beinen, auf die Rasenböschung. Er weinte und weinte und fiihlte sich erleichtert von diesen Tränen, die ihin den Druck von der Brust nahmen, leicht von den Schatten der Nacht eingehüllt, die sich seinem Kumincr zuzugesellen schienen und immer dichter wurden, als wollten sie seine kindischen Tränen verbergen. Wie unglücklich er war! Er stand allein gegen alle. Seinen armen Kleinen würde er wohl tot finden, wenn er jetzt nach Hause kam: und das Pferd, ohne das er nicht leben konnte, hatten Verräter dienstuntauglich gemacht. Das Un- glück griff ihn auf allen Seiten an, erhob sich gegen ihn auf dem Wege, von den Häusern, vom Röhricht her, und benutzte jede Gelegenheit, um die Wesen zu verfolgen, die ihm lieb und teuer waren. Und er war wehrlos, machtlos, er konnte sich gegen diesen tückischen Mann nicht verteidigen, der sich versteckte, sobald sein Gegner des ewigen Leidens müde, ihn zu stellen versuchte. Herrgott, was hatte er denn verbrochen, um so gestrast zu werden, war er denn nicht ein ehrlicher Mann? Sein Schmerz drückte ihn zu Boden, daß er wie angenagelt hier sitzen blieb. Seine Feinde konnten jetzt kommen: er hatte nicht einmal mehr die Kraft, das Gewehr aufzuheben, das zu seinen Füßen niedergefallen war. Er hörte auf dem Wege ein langsames Glockenläuten, das die Dunkelheit mit geheimnisvollen Tönen begleitete. Nun dachte er an den Kleinen, an den armen„Bischof", der zweifel-. los eben gestorben war. Ach, tvenn er die anderen nicht ge- habt hätte, die seiner Arme bedurften, um weiter zu lebenl Der Unglückliche hätte nicht mehr leben mögen. Jetzt ertönten die Glocken ganz in seiner Nähe, und über den Weg huschten dunkle Massen, die seine von Tränen ge- trübten Augen nicht zu erkennen vermochten. Er fühlte, ivie man ihn mit der Spitze eines Stockes berührte, und bemerkte, als er das Haupt erhob, eine lange Gestalt, die sich von dein weiten Raum abhob, eine Art Gespenst, das sich über ihn neigte. Das war Vater Tomba, der einzige Bewohner der Huerta, der ihm nie etwas zu Leide getan hatte. Der Schäfer, den man für einen Hexenmeister hielt, be- saß den erstaunlichen Scharfsinn der Blinden. Er hatte Batiste kaum erkannt, da begriff er die ganze Verzweiflung des Un- glücklichen. Während er mit seinem Stocke tastete, stieß er auf das zur Erde gefallene Gewehr und wandte den Kopf» als wolle er in der Nacht Pimentos Haus suchen. Er erriet, warum Batiste weinte. Und er begann langsam, mit ruhiger Traurigkeit zu sprechen, wie jemand, der an das Unglück Welt gewöhnt ist, die er doch bald verlassen muß. .„Mein Sohn, mein Sohn..." Das alles hatte er erwartet. Er hatte Batiste an denr ersten Tage gesagt, da er sich auf den verfluchten Aeckern niedergelassen, die Felder würden ihm Unglück bringen. Er war eben am Hause vorübergegangen und hatte durch die geöffnete Tür Licht erblickt, er hatte das verzweifelte Geschrei gehört, der Hund heulte, nicht wahr, der Kleine war tot? Und er warnte Batiste, der am Rande des Weges zu sitzen glaubte, aber mit einem Fuß bereits im Zuchthaus stand. Ja, ja, so richteten sich die Menschen zugrunde, so lösten sich die Familien auf... Er würde schließlich dummerweise töten, wie der arme Barret, und wie jener auf der Galeere sterben, Es war unvermeidlich: auf diesen Aeckern ruhte der Fluch, und darum konnten sie nur Früchte hervorbringen, die eben- falls verflucht waren. Als der Schäfer diese schreckliche Prophe- zeiung gesprochen hatte, entfernte er sich hinter seiner Herde in der Richtung des Dorfes, nachdem er dem Batiste geraten hatte, auch fortzugehen, weit, weit fort, wo er sich sein Brot nicht im Kampf gegen den Haß der Armen zu verdienen brauchte. Und schon war der Greis verschwunden, die Dunkelheit hatte ihn verschlungen: doch Batiste hörte iwch immer diese langsame, traurige Stimme, bei der er schauderte: „Glaube mir, mein Sohn, sie werden Dir Unglück bringen." VIII. Batiste und seine Fainilie legten sich keine Rechenschaft darüber ab, wie das Wunderbare begann: sie wußten nicht, wer sich zuerst entschloß, die kleine Brücke zu überschreiten� durch die man zu den verhaßten Feldern gelangte. Sie hatten nicht das Herz, auf solche Einzelheiten zu achten.� In ihrer tiefen Trauer sahen sie nur, daß die Huerta zu ihnen kam, und sie protestierten nicht: denn das Unglück gedarf des Trostes: aber sie freuten sich auch nicht über diese nie gehoffte Annäherung. Pascualets Tod war in der ganzen Nachbarschaft init jener seltsamen Schnelligkeit bekannt geworden, die die Neuig- keit augenblicklich von Gehöft zu Gehöft bis zu den äußersten Enden der Ebene fortpflanzt: und in dieser Nacht schliefen viele Leute recht schlecht. Man mochte glauben, der Kleine habe beim Scheiden in den Gewissen dieser ganzen Bevölkerung einen Dorn zurückgelassen. Die Weiber bildeten sich ein, ihn weiß und licht wie eine Engelserscheinuug zu sehen, wie er, die sanften Augen traurig auf sie genchtet, ihnen Vorwürfe machte, daß sie zu ihm und den Seinen so hart gewesen waren. Ja, dieses tote Kind scheuchte den Schlummer aus den Hütten. Sie waren an diesem Tode alle mit verantwortlich: doch jeder wälzte mit heuchlerischem Egoismus die gehässige Ver- folgung ab, deren Opfer der Kleine geworden war. Jedes Weib schrieb das Unglück derjenigen zu, auf die sie den meisten Groll hatte, und faßte schließlich den festen Entschluß, das nun einmal geschehene Unglück dadurch gutzumachen, daß sie der Familie am nächsten Tage ihre Dienste bei der Beerdigung anbot. Am nächsten Morgen, bei Tagesanbruch, zerbrachen sich alle Leute aus der Gegend den Kopf, wie sie zu Batiste gehen und wie sie sich ihm gegenüber Verhalten sollten. Es war eine Ueberschwenglichkeit von Reue, die sich von allen Ecken und Enden der Huerta auf die in Trauer versunkene Hütte ergoß. Schon bei Tagesanbruch schlichen zwei alte Weiber,, dre in der Nähe»vohnten, in das Haus. Die bestürzte Familie war kaum überrascht über das Erscheinen an einem Orte, den seit sechs Monaten kein Fremder betreten hatte. Die Frauen verlangten das Kind zu sehen, den armen Engel, und als man sie in die Kammer ließ, betrachteten sie ihn. wie er in seinem Bette lag, wo der Abdruck des niageren Körpers unter der Decke kaum zu sehen war. Das Tuch war bis zum Hals hinaufgezogen, der blonde Kopf in das Kissen eingesunken. Die Mutter hatte sich zurückgezogen und konnte nur stöhnen, zusammengekauert saß sie da, als sollte sie sich ganz klein machen und verschwinden. lFortsetzung folgt.! Salome von Richard Strauß. Am. Sonnabend war's, im Dresdener Opernhause, als die musikalische Sensation dieses Winters das Licht der Bühne erblickte. DSa« kann übe. Richard Strauß denken, wie man will: daß er an der Spitze der lebenden Komponistenwelt steht, ist Von keiner Seite bestritten. Das Interesse an der Uraufführung seiner dritten Oper war deshalb ein allgemeines und ging weit über Dresden und selbst Teutschland hinaus. Seit Monaten wurde man in den Spalten bürgerlicher Blätter mit Notizen über das bevor. stehende Ereignis gefüttert, und von dem ersten Auftauchen der Opernidee an bis zum extra neu erfundenen Orchcsterinstrument. dem Zensurverbot und dem authentischen Interview, fehlte nichts, was nicht zum herkömmlichen Rüstzeug der Neklcnne geHorte. Man wird bei der Beurteilung des neuen Werkes von all diesem absehen dürfen und nur den Eindruck nachprüfen und wiedergeben, den das Anhören und Anschauen des Werkes hervorgerufen hat. Und da mag denn zuerst ausgesprochen sein, daß der Musiker in Strauß dem Dramatiker eine» Streich gespielt hat. Ter Eindruck von Salome ist zwiespaltig. Wir haben wieder nur eine Oper mehr erlebt, nicht aber ein musikalisches Drama ge- schaut. Daß die Tonsprache der neuen Oper modern ist, daß die Form leitmotivisch aufgebaut ist, hat dabei nichts zu sagen. Denn nicht die Form ist bestimmend, sondern das Wesen. Die Frage ist: Hat Strauß vermocht, das dramatische Leben seiner Personen und die szenischen Vorgänge so mit Musik zu durchtränken, daß die Musik ein unlösbarer Bestandteil des dramatischen Vorganges und der psychologischen Eigenschaften der handelnden Personen ge- worden ist? Und da müssen wir mit Stein antioorten. Im Gegen- teil sogar, wir müssen sagen, daß das Original, das einaktige Drama von Oskar Wilde, geschlossenere Wirkung ausübt. Wildes Stück bedeutet uns noch lebendige Kunst und ein Vergleich der Oper und des Schauspiels in der bühnenmäßigen Wirkung würde sicherlich zugunsten des letzteren ausfallen. Die Musik von Strauß ist eine Illustration zu Wilde, aber keine Ergänzung, allerdings eine stellenweise geradezu geniale Illustration, die sich andererseits aber auch wieder so selbstherrlich breit macht, daß sie den Bühnen- Vorgang gefährdet. Wildes„Salome" ist Aesthetcutum, raffinierte Stimmung?- schilderung. Es liegt viel Lyrik in chr, viel Musikalisches. Diese Stimmungen musikalisch auszukosten, sie in Tönen ausleben zu lassen, konnte einen in seinem Fache ebenfalls großen Stimmung?- künstler wie Strauß wohl reizen. Daß Strauß den Versuch machte, statt eines Opcrnlibrettos ein wertvolles Bühnenwerk in Töne zu kleide», müssen wir ihm danken. Wenn auch der Versuch selbst dem Drama zum Nachteile gereichte und seine Wirkung nicht steigerte, sondern sogar herabdrückte. Warum dies geschah, ist nicht all zu schwer zu erklären. Strauß ist zwar auch Stimmur-gskünstlcr, aber eine gesund empfindende Vollnatur. Und diese mußte sich Luft machen. Strauß konnte das Empfinden der Salome nicht aus den Trieben perverser Neigungen— haut-gout-rcifcn Menschentums — heraus nachempfinden. Sein Fühlen ist gesunder. Und so wurde denn seine Salome tiefer, inbrünstiger als das Original. Sie wurde aus dem gierigen, naiv perversen Geschöpf, d«m halben Kinde, zum Befriedigung heischenden Weibe. Der Hauch des Lasters ist zum Teil sogar vor. ihr genommen. Jsolden-Stimmung dringt auf uns ein. Das Heimliche, das Lyrische ist weggewischt, das Heroische ist an seine Stelle getreten. Daß Jockianaan, der Täufer, der Prophet, stark in den Vordergrund tritt, hängt hiermit auch zusammen. Denn bei dessen Zürnreden und Prophezeien konnte Strauß feine musikalische Gabe rein walten lassen. Was Iochaiman singt, gehört zu den schönsten Gaben des Stcaußschen Schaffens überhaupt. Hört nian diese erhaben dahinströmenden, machtvoll den Hörer bezwingenden Töne, so begreift man beim besten Willen nicht, wie eine Wiener Theaterzensur aus �Gründen der Religion die Aufführung des Werkes untersagt. Denn edler, als dieser Jochanaan, kann eine biblische Gestalt kaum in Er- scheinung treten. Bei dem Rein-musikalischen der neuen Oper verweilt man gern. Es sind nicht landläufige Töne, die man vernimmt. Mag nmnches auch nur geistreich erdacht sein, das meiste dürfte doch aus dem Borne einer unendlich reichen Phantasie gequollen sein. Was wir an Strauß lieben, waS�seine sinfonischen Dichtungen unS so wert macht, seine»musikalische Schlagkraft, kehrt auch in Salome wieder. Sie ist ihm als Mittel der Illustration außerordentlich wertvoll geworden. Seltsame Klänge, eigenartiges Znsammen- fügen von Tönen, packende Rhythmen, bestimmte melodische Bögen, alles ist ihn: Mittel zu dem höheren Zweck, eüie ganz bestimmte Wirkung zu erreichen. Nicht um der Musik willen werden die Töne niedergeschrieben und kombiniert, sondern um ganz bestimmte Effekte zu erreichen. Atusikalischer Naturalismus, wenn man so sagen darf, beherrscht die Oper. Die Singstimmen klingen oft wie Sprache, wie charakteristische natürliche Laute. Sie stimmen nicht innner mit den Tönen des Orchesters überein, sondern ergehen sich frei, aber die Wirkung ist genau abgewogen zu den Klängen des Orchesters. Ein Kabinettstück von solchem musÜalischem Realismus ist eine Streitszeue der Juden über religiöse Dogmen. Da sucht einer den anderen zu übertrumpfen. Ein unglaubliches Stimmen- gcwirr ist zu vernehmen, aber doch ist jeder einzelne typisch be- handelt. Diese fabelhafte Naturtreue der musikalischen Zeichnung verspüren wir in allen» Aber es bleibt musikalische Zeichnung. Es geht nur weniges von dein eigentlichen Kern des Stückes restlos in der Musik auf. Alan wird sich in musikalisch-orthodoren Kreisen wieder wcid- lich über die Kühnheit der„ Salome"-Mnsik entsetzen, man wird wieder behaupten, das sei schon keine Musik mehr. Und hierin liegt, meiueni Erachten nach, gerade der Wert der neuen Oper. Musikalisch bringt sie Neues. Nie Gehörtes. Zuweilen glaubt man, eine Viston in Tönen aufsteigen zu sehen. Ein bisher nur Geahntes, das jetzt zuni erstenmal Wirklichfeit annimmt. Tonfolgen im schulmätzigen Sinne sind das natürlich nicht mehr. Aber ist die Musik der Harmonielehre wegen, oder die Harmonielehre der Musik wegen da? Schftuerig ist die Musik. Nicht zum Verstehen, denn sie redet eine deutliche Sprache. Aber zum Ausführen. Es ist bewunders- wert, was die Dresdener Künstler geleistet haben. Den» in musikalisch-technischcr Hinsicht war die Vorstellung ausgezeichnet. An erster Stelle stand das Orchester. Em orchestraler Apparat, der noch über das Nibelungen-Orchester geht, ist erforderlich. 120 Musiker waren tätig. Ter Orchesterraum war durch Umbau extra für diese Masse vergrößert worden. Das neue Instrument, daS Heckelphon, eine tief« Hoboe, trat nur selten charakteristisch hervor. Eigentlich habe ich nur an einer Stelle seine Wirkung gespürt; da, als Jochanaan in der Tiefe des Brunnens enthauptet werden soll und Salome mit schauriger Neugier oben am Brunnenrand den Todesschrci erhorchen will. Da tönte ein unendlich banger Laut aus dem Orchester, eine seltsain verschleierte Klage. � Daß_ das Orchester überhaupt virtuos behandelt ist, ist bei Strauß selbftver« ständlich. Er spielt ja auf diesem Instrument, wie kaum ein zweiter. Er denkt aber auch orchestral. Denn im KlavicrauSzug gesehen, klingt die Musik vielfach hart, während im Orchester alles fließt und in steter Bewegung die einzelnen Stimmen sich kreuzen, sich verschlingen und so das charakteristische Gesamtbild ergeben. Die Aufnahme von feiten des Publikums zollte den Schwierigkeiten der Ausführung besonders Rechnung. Schon beim Betreten des Orchesterraumes wurde der Dirigent von S ch u ch demonstrativ mit Beifall begrüßt. Und als nach Schluß des ungefähr eine Stunde und vierzig Minuten dauernden Stückes der Vorhang sich wohl an zwanzig Mal hob, galt der Beifall in gleicher Weise ihni und den Darstellern wie dem Komponisten. Die Darsteller hatten zun: Teil Aufgaben zu lösen, die weitab von den übliche» Bühnenfiguren lagen. Herodes, der von allerlei Zeichen und Ahnungen heimgesuchte nach der Stieftochter lüsterne fand in Karl B u r r i a n einen Vertreter, der sich von den üb- lichen Tenorbeivegungcn möglichst fernhielt. Stimmlich zu glänzen, dazu bietet diese Heldentenorrolle keine Gelegenheit. Das wieder ist in hervorragendem Maße bei Jochanaan der Fall, dem Karl Perron die Gewalt eindringlichen machtvollen Gesanges verlieh. Jochanaan sticht musikalisch von allem übrigen ab. Uni ihn zu charakterisieren verließ Strauß das Gebiet der Chromatik und hob ihn in diesem Zeichen aus allem �nipor. Am wenigsten fand sich Frau W i t t i ch, die Brünhilde und Kundry Bayreuths, mit der Salome zurecht. Sie gab sich auch hier zu sehr als Heldenweib. zu sck)wer; mehr als Isolde, wie als Salome. Ich muß bei Salome an Klingers Büste denken, an daS kalte Geschöpf mit den Mitleids- losen Auge», den sicher über der Brust verschränkten Armen. Ein gieriges Weib müßte Salonie sein, eine Raubtiernatur. Bei Wilde ist sie mehr Katze, listig, schmeichelnd, ein verwöhntes Kind. JJfcau Wittich war nichts von beiden. Strauß hat die Salome mit Tönen bedacht, mit Ausbrüchen höchster Leidenschaft, die meist nur eine dramatische Sängerin sich leisten kann. Eine solche wird aber nur selten die Geschmeidigkeit haben, die zur Salome erforderlich ist, zur Salome, die vor HewdeS tanzt, die ihn> wild vor Verlangen machen soll. Der Fehler des Komponisten rächt sich an der Dar- stellung. Zu erwähnen ist noch, daß die Dresdener Bühne fich für die Inszenierung in, Herrn Wirt eigens einen Regisseur aus München hatte kommen lassen. Ueberblicken wir alles, so finden wir eine für das letzte Jahr- hundert gültige Weisheit von neuem bestätigt: daß nämlich das Talent des Dramatikers sich mit dem des Erzählers nur schwer vereint. Der Erzähler, mag er Lyriker oder Epiker sein, ergeht sich in die Breite des Gefühls und der Schilderung. Das verträgt die Bühne nicht. Diese Erfahrungssätze gelten auch für die Musik. Richard Wagner hat in der rein instrumentalen Musik schlecht abgeschnitten, während doch selbst die Vorspiele und Zwischenspiele seiner Bühnenwerke meisterlich sind. Richard Strauß, dem Be- Herrscher des sinfonischen Stiles, wird das bühnengerechte Denken und Empfinden wieder schwer. Er verschleppt oft die Szene aus musikalischen Gründen. Er verfällt, bei aller Verschiedenheit der Tonsprachc, in denselben Fehler, den die Sinfoniker des vorigen Jahrhunderts beim Opernschreiben machten. Die Nachfolge Wagners ist noch nicht gefunden. Das stellt sich als das Ergebnis der ersten„Salome"-Aufführung heraus.>— a. Kleines feuUleton» cg. Sittlichkeit. Am Tisch, den Kneifer aus der Nase, den Kopf in die Hand gestützt, saß das junge Mädchen und las. Der hagere, blasse Student beschäftigte sich eifrig am Spiritus- kocher:„Gleich gibt's Kaffee, Fräulein Helmer. Räumen Sie, bitte, allmählich die Schwarten beiseite, damit der Haeckel keine Flecken kriegt." Die jimge Dame tat, wie ihr geheißen, legte den Stoß Bücher aufs Bett und trat ans Fenster, indem sie sich den Kneifer zurecht- rückte:»Sie haben eine pracktvolle Aussicht von hier oben, Herr Brenklein. All die weißen Dächer— herrlich l" „Nicht? Und für achtzehn Marli" „Das Zimmer ist fünfundzwanzig wert." „Nicht so laut, um Gotteswillen I Meine Wirtin würde sich sicher sofort Ihrer Schätzung anschließen. Achtzehn ist auch schon ein Batzen. Grenze meiner Leistungsfähigkeit.— So, da— Ihr Kaffee. Spüren Sie den Dust? Für neunzig Pfennige pro Pfund, ganz respektabel, wie?" Sie lachte:„Was für ein billiger Mann Sie sind I" „Na im I Nationalökonom im dritten Semester!— Aber lassen Sie den Mokka nicht kalt werden, er verliert sonst die Blume. Da ist auch Zucker. Glauben Sie nur nicht, daß ich arm bin l Bloß die Kuh ist auf der Weide. Milch gibt's nicht. Aber Kuchen!" „Kuchen!" Sie kehrte sich mit komisch-entsetzter Miene um. „Nicht gerade Windbeutel mit Schlagsahne. Ich glaube, man nennt ihn Schrippe. Bitte. Butter liebe ich nicht; sie befördert den Fettansatz. Und mein Schmalz"— er sah in einen Topf—„hm, wenn Sie kratzen, langt's am Ende." Sie aß schon:„Danke. Ich ziehe grundsätzlich trockenes Gebäck vor. Es herrscht eine ziemliche Schlemmerei bei Ihnen. Ich revanchiere mich nächstens. Wenn Sie an einem Sonntag kommen, kriegen Sie Knüppel." „Falsch." Er trank und wischte sich den Bart.„Man sollte sich nicht an das Wohlleben gewöhnen." Er sah nach der Uhr:„Eine Tasse müssen wir reservieren. Onkel Kranebill, mein alter Herr, hat mir seinen Besuch angekündigt und muß jeden Augenblick hier sein." Es dauerte auch nicht lange, da klingelte es und herein trat Onkel Krancbill, ein ländlicher Pensionär mit militärischem Schnurr- hart, weiten Hosen, grobem Tuchrock und schweren Stiefeln. „Ah, da bist Du ja, Onkel. Run, wie geht's?" „Tag, mein Junge. Danke. Ich— er stutzte plötzlich und nahm eine kühle, strenge Miene an:„Aber ich störe wohl?" „Nicht im geringsten." Brenklein stellte vor:„Mein Onkel, Herr Kranebill. Fräulein Helmer."„ Sie verbeugte sich. Krancbill nickte nur von oben herab und sagte trocken:„Freut mich." Er setzte sich auf den entferntesten Stuhl am Fenster und blickte hinaus. „Willst Du eine Tasse Kaffee? Frisch vom Faß." „Danke. Ich trank schon auf dem Bahnhof." Herr Kranebill wandte sich gar nicht uni. „Die Reise hat Dich sehr ermüdet?" „Gar nicht." Ein zorniger Blick zum Neffen, dann wieder auf die Dächer.„Ein solides Leben— auch in der Jugend— und man trägt sich schon noch trotz seiner Sechzig." „Ich habe einen Verwandten," bemerkte Fräulein Helmer, „der ist fünfundsicbzig Jahre alt, geht ohne Stock und liest ohne Brille." Herr Kranebill bettachtete die Dächer. Das junge Mädchen erhob sich:„Adieu, Herr Brenklein. Aus Wiedersehen. Wann haben Sie Zeit?" Er stand da und biß sich im Zorn auf die Lippen:„Verzeihen Sie." Und zun» Onkel:„Wie lange bleibst Du?" „O", antwortete Herr Kranebill:„meinetwegen geniert Euch nicht. Ich bin ein aller Mann." Ter junge Mann wollte auffahren, bezwang sich aber, weil Fräulein Helmer lächelnd den Kopf schüttelte:„Wir sehen uns ge» legentlich im Hörsaal, nicht?" „Wollen Sie den Haeckel mitnehmen?" Sie nahm ihn und ging. War kaum hinaus, als Onkel Krancbill steif aufstand, seinen Neffen scharf musterte und sagte:„Schöne Wirtschaft hier!" „Wieso?" „Na, höre mal! Mit einem Weib allein auf der Bude!" „Es ist eine Studentin. Völlig unantastbar. Onkel! Wir lesen nnt einander den Haeckel." „Ich glaub's. Der Haeckel I Uebrigens: das ist doch der, der sich zum Urahn einen Affen ausgesucht hat?" „So ungefähr." „Und den lest Ihr: Eine hübsche Unterhaltung zwischen jungen Leuten. Fällt Dir denn nichts Besseres ein?" „Aber Du bist völlig im Irrtum, Onkel!" „Spielt mir doch keine Komödie vor I Wenn Ihr Euch vor mir auch„Sie" nennt und„Herr" und„Fräulein"— man weiß doch, wie es in der Welt zugeht I— Uebrigens: ich meldete mich doch an. Hast Du meine Karte nicht gettiegt?" „Gewiß." „Und Du läßt das— das— die„Studentin" hier sitzen, trotz« dem Du weißt—?" „Warum nicht? Zu verbergen ist da nichts. Allerdings: hätte ich Dich von dieser mißtrauischen Seite gekannt—" „Mißtrauen I Ich bin gar nicht mißtrauisch I Aber Du wirst mir doch nicht einreden, daß ein Mädchen, das aus sich hält—" „Onkel I" Kranebill stieß den Stock auf den Boden:„Jawohl! Ein Mädchen, das auf sich hält, geht nicht zu einem Studenten auf die Bude I Und mag sie wirklich selber Sttidenlin sein.— Bist Du denn wirklich so von aller Moral und Sittlichkeit verlassen, Junge, daß Du nicht begreifst, wie schamlos das ist?" „Nee. Sehe ich nicht ein." „Na, dann tust Du mir leid." Krancbill nahm seinen Hut. „Dann wird es einmal ein böses Ende mit Dir nehmen." „Du gehst?" „Ja, ich gehe I Denn ich merke, daß Du verloren bist! Alle Reinheit der Jugend ist getötet in Dir l Nicht ein Restchen von Schamgefühl mehr! Das habe ich wirklich nicht erwartet. Junge l — Na, auf meinen Zuschuß wirst Du ja dann auch wohl ver« zichten wollen. Nicht? Auf einen Zuschuß von so einem altmodischen Kerl?" Brcnklcin war ganz blaß geworden. Er ergriff mit zitternden Händen die Lehne eines Stuhles, sah den Onkel mit großen Augen an und sagte:„Es ist natürlich Deine Sache Onkel, ob Du mir den Zuschuß entziehen und damit eine Fortsetzung meines Studiums unmöglich machen willst. Aber das muß ich Dir noch sagen: Wenn Du schon jemals zwei Menschen verkannt hast, dann hier! Wenn Du jemals verständnislos gewesen bist, dann jetzt I" „Ach was I" Onkel Kranebill ließ knurrend und in etwas besänstistt die Türklinke loS:«Verständnislos! Ich bin garnicht verständnislos! Bin kein Mucker und Philister! Ich verstehe alles. Habe auch meine schönen Jugenderinnerungen. Aber es fuhr mir in die Krone: eben setzt du einen Fuß vom Lande in die Stadt, da— na— da sehe ich Euch hier. Aa, das wirst Du doch zugeben: bei uns ans dem Land« ist so etwas einfach unmöglich I" „Bei Euch auf dem Lande," sagte Brcnklcin,„gehen die jungen Leute nicht durch die Tür, sondern meist durchs Fenster— und den Haeckel lesen sie dann nicht!" „Ja I" Der Onkel lachte laut:„Da hast Du recht I Den Haeckel lesen sie nicht! Aber." er wurde wieder ernst und flopste dem Neffen die Schulter:„Am hellen lichten Tage passiert so etwa? nicht I" „Ach so l" „Ja l Nun siehst Du den Unterschied ein, denke ich."— !— Im jüdischen Theater. Der„Köln. Ztg." wird aus New Jork geschrieben: Wer vom jüdischen Thealer hört, wo für die russischen Juden New Uorks gespielt wird, mag an Schmieren in qualmerfüllten Bierlokalen denken. In Wahrheit sind wenigstens die besseren unter ihnen, wie Kalich, Grand und Peoples, moderne Bauten mit befriedigender Ausstattung in der Garderobe,. den Kulissen- und Bühnenesfekten. Ich machte mir dieser Tage den Genuß, einer Vorstellung im Volkstheater an der Bowerg bei- zuwohnen. Das Theater war dicht gefüllt, selbst im Parkeit, wo die Sitze einen Dollar kosteten. Allerdings ging es etwas un- geniert zu, die jungen Dandies standen in den Pausen mit dem Hut auf dem Kopf umher, Melodien wurden gesummt, und laute Scherzworte flogen zwischen dem Parkett und den Galerien hin' und her. Trotzdem fehlten die sozialen Abstufungen keineswegs, und im Parkett wenigstens vernahm man niehr Englisch als Juden- deutsch.«Tie Rache oder Fabia Romani" �vurfc« gegeben, ein Greueldrama mit Scheintoten und endlosen Schurkereien, sür das auf dem Programm Marie Corelli, die bekannte englische Roman- schreiberin, verantwortlich gemacht war. Es tvar mein Glück, daß sich das Stück um die Schicksale einer gräflich italienischen Familie drehte, denn auf dieser gesellschaftlichen Höhe verliert das Jüdische die meisten seiner polnisch-russisch-hebräischen Zutaten und stellt such fast als unverfälschtes Judendcutsch dar. Die Komik blieb freilich auch so noch kräftig genug, wenn ellva der Liebhaber der herzlosen Gräfin ausrief:„Der Kiitz, lvas er hat gestohlen von Deinen rien Lippen," sder wenn Ver Graf vöm Scheintod erwacht und seiner Gruft die Spuren eines Räubers lvahrnimmt und dann einmal übers andere ausruft:„Wieso ist er herein?" Erst unter den gräflichen Bedienten und vollends beim gemeinen Boll der Gasse entfaltete das Jiddische sein ganzes Kauderwelsch, so dast mir der Äinn der Scherze entging, über die das Publikum in heiterstes Gelächter ausbrach Uebrigens waren einige Schauspieler keines- Wegs übel. Herr Rosenthal, der zugleich Regisseur ist, erhob sich sogar über den Durchschnitt amerikanischer Schauspieler und seine anmutige, junge Frau gab die Naive sehr niedlich. Jedenfalls ivar das Publikum hingerissen, und man konnte sich daran erbauen, mit welch ursprünglichen Gefühlen es Laster und Tugend begleitete. Wenn ain Schluß der Akte der Beifall erscholl, kamen zuerst mit Armensündermienen die Bösewichter hervor und wurden a tcmpo Mit einem wohlverdienten Huhuhu abgefertigt, worauf sie flohen und den Tugendreinen Platz machten, die mit Freudengebrüll und selbst mit Koseworten empfangen wurden. Nicht das Uninteressanteste war übrigens für mich die Theaterzeitung mit dem Programm. Alles in hebräischen Lettern; als ich intensiv daran herum- buchstabierte, entdeckte ich, daß hier in ixn Anzeigen das Jiddische genau wie das Deutsch-Amerikanische schon toll und voll mit eng- tischen Wörtern durchmengt ist, nur daß diese rein phonetisch wieder- gegeben loerden. Wenn ich z. B. las:„Sucht fir dem Singer sein," so kam ich erst allmählich darauf, daß das„sein" für sign zu nehmen ist und daß der Satz bedeutet:„Seht auf die Singersche Handelsmarke," nämlich, wie es lociter heißt:„Wenn Ihr darft haben a Nähmaschin oder alles was gehört zu der Maschin, Riedles(Nadeln) fir allerhand Nähmaschinen."„N graußer Offerl" heißt es an einer anderen Stelle: Mir machen diesen Offcr als a Adverteis- mentl" Als ich dann nach diesen Sprachübungcn in einem jüdischen Geschäft eine jiddische sozialistische Zeitung— auch sie sind in hebräischen Lettern gedruckt— in die.Hand nahm und dem Mann daraus vorlas, kam die ganze Familie zusain mengelaufen, voll Verwunderung, daß ein Christ Jiddisch verstehe.— en. Tie Kautschukmistel. In der Kautschufgeivinming ist jede Neuheit, die eine Steigerung de? Ertrages verspricht, von höchster Wichtigkeit, weil die Nachfrage nach Kautschuk, namentlich infolge der ungeheuren Ansprüche der elektrischen Industrie, so schnell an- gewachsen ist, daß ihm das Angebot kaum mehr zu folgen vermag. Zudem besteht die Gefahr, daß die.Kautschukpflanzen wegen des hohen Wertes ihres Produktes derart ausgenutzt werden, daß ein eigentlicher Raubbau stattfindet, der für die.Zukunft verderblich und geradezu zu einer Kamschuknot führen muß. Das wirksamste Mittel dagegen würde in einer vermehrten Ausnutzung der Kautschukpflanzen bestehen, und zwar einer solchen, die den Bestand der Pflanzen am ivenigsten angreift, außerdem in der Auffindung neuer Gewächse, die Kautschuk in lohnender Menge zu liefern ver- mögen. Das Ideal einer Kaukschukpflanze wäre ein Baum oder Strauch, der den kostbaren Stoff in seinen Früchten darböte, so daß man nur diese zu benutzen brauchte und somit die Pflanzen im übrigen ebenso pflegen und erhalten könnte wie Obstbäume. Bisher hat nicht die geringste Aussicht bestanden, daß sich dies Ideal verwirklichen könnte. Zum erstenmal wird eine solche eröffnet in einem Anfsatz, den Professor Warburg im„Tropenpflanzer" ver- öffentlicht hat. Die Früchte der Kaiitschulpflanzen, die vorläufig der Verwertung unterworfen worden sind, haben entweder gar keinen Gehalt an Kautschuk oder einen so geringen, daß er keine Möglich- keit der Ausnutzung bietet. Etlvas anders und günstiger scheint die Sache bei gewissen südamerikanischen Pflanzen zu liegen, die wegen ihrer Lebensart auf anderen Gelvächsen als Kautschukmisteln bezeichnet worden sind, Sie wurden zum erstenmal vor ettva 2V2 Jahren durch den Italiener Giordana in Venezuela entdeckt, In den Früchten dieser Pflanze ist der Kautschuk merkwürdigerweise nicht als Saft in Mtlchschlänchen, sondern als eine zusammen- hängende Schicht enthalten, die den Samen einhüllt. Bei einzelnen Arten erreicht die Menge des Kautschuks eüva ein Fünftel des Trockengewichts der Frucht. Diese Kautschukschicht entspricht in ihrer Bildung dem sogenannten Viscin das sich in den Früchten der meisten Misteln— unsere geivöhnlicke Mistel heißt bekanntlich Visca— findet und durch die chemische Ilmwandlung gewisser Zellen entsteht. In Venezuela kommen drei Gruppen von Kautschukmisteln verschiedener Arten vor, die in großfrüchtige, mittelfrüchtige und kleinsrüchtige unterschieden loerden. Begreif- licherwcise bieten die Arten mit großen Früchten die meiste Aussicht auf Verlvertbarkeit. Der Stoff kann auch leicht aus den Früchten herausgezogen loerden, indem letztere in reifem Znstand ge:cocknet und dann zerstampft oder zermalen und mit Wasser geschlämmt werden. Man erhält so einen zwar noch unreifen, aber immerhin brauchbaren Rohkaukschuk, der, in Fladen geformt, billig versandt werden kann,— Aus dem Tierleben. — Aus dem Aktenmatcrial des hessischen Ministeriums über die Reblaus teilt Wilh. Schnster-Gonsenheim in der„Deutschen Jäger-Zcitnng" eine interessante Feststelluna mit: Der Fcchs ist, wie schon die Fabnla Aesopi und danach Lessing erzählen, großer Liebhaber von Weintrauben. Mag es nun Gutedel, Riesling, amerikanische Jsabella, Oesterrcichcr. Klcinberger, Portugieser, Sjraminer sein— er holt sich die Trauben, wenn cr sie höben kann, alle. Und es wird ihm dies in unserem Rheingau(Wiesbaden- Rüdesheim) sehr leicht gemacht, da fast alle Weinstöcke auf einem ziemlich niedrigen Schnitt geyalten sind, und vielfach Weingärten an Waldgebiete stoßen. Aber noch ein anderes bleibt festzustellen. Der FuchS ist auch ein Verschlepper und Weiterverbreiter der Rebläuse(Ltzzckloxsra vastatrix). Diese Tatsache ist ganz neuer» dings auf den verseuchten Herden von 13S0 und 1391 bei St. Goars» hausen, Bornich, Patersberg, Caub, Nochern festgestellt worden, Gegen Ende des JahreS(1392 am 22. Juli, 1893 am 3. August) entwickeln sich aus den Jungen alter Wurzel-Mutterläuse geflügelte Tiere(Nymphen); diese kriechen nach der vierten Häutung an den Wurzeln hinauf an die Stöcke— 1891 z. B. fanden sich im Anfang September auf dem großen Herd Nr. 152 bei Nochern am Rhein sehr viele Nymphen in allen Entwickelungsstadien vor, von denen sich die ältesten an dem Wnrzelstock der Erdoberfläche lebhaft bewegten— und schwärmen dann in die Lust. Eine nur sehr geringe Eigenbewegung ist ihnen möglich, Luftströmungen aber können sie weithin forttragen und über 10 OOO Meter— also über die Flug- region des Kondors hinaus— in die Höhe heben(wie überhaupt kleine Insekten und kiesclschalige Infusionstierchen), auch vermögen sich die geflügelten Rebläuse auf eine ganz kurze Strecke hin gegen schwachen Gegenwind selbst fortzubewegen. Die geflügelten Weibchen legen vier Eier an ftemde RsSstöcke. ÄuS diesen entstehen Männchen und Weibchen; letztere legen je ein Winteret in die Rindenichalen des Stocks usiv. Die Verschleppung durch den Fuchs vollzieht sich nun in der Weise, daß an den Klauen. Läufen, dem Balg, Fang des Fuchses beim Scharren in den Weinbergen, beim Fressen der Trauben usw. Eier und Läuse hängen bleiben und daim weiter- getragen werden. In den Herden von 1890 fand sich viel Fuchs- losung. Dasselbe gilt vom Dachs, der fteilich früher auch viel zahlreicher in Hessau-Nassau vorkam als heute; er Ivar noch 1890 häufiger als der Fuchs. Im folgenden noch ein typischer Fall I 1891 lag ein einzelner Herd vier bis fünf Kilometer weit von allen anderen verseuchten entfernt in der Gemarkung Caub a. Rh. Jede begründete Erklärung für die Verseuchung fehlte. Auffallend aber war die spontan- gemachte Erklärung des Besitzers, daß in der nördlichen, am meiste» verseuchten Ecke des Weinberges schon seit längeren Jahren beinahe regelmäßig die Füchse fast all» Trauben geholt härten. Hier also, wie der amtliche Bericht angibt, ein deutlicher Beweis für die Einschleppnng der Reblaus durch Füchse l Die Vernichtung von 94 kranken und 1199 gesunden Reben auf 993 Ouadratmeter Fläche hatten die gütigen Besuche der Füchse in diesem einen Weinberge zur Folge.— HiiinoristischeS. — Die Autoren„Meine Stücke werden von den Theater- direttoren gar nicht gelesen," jannnerte einer, den man nicht aufführt. „Trösten Sie sich— meine auch nicht," sprach der andere, den man aufführt.— — Ans Tirol. Richter:„Also Ihr gebt die Vaterschaft für dieses Kind zu?" Mann:„Woll!-- jo— jo!" „Richter:„Na, und was wollt Ihr denn dann bei Gericht?" Mann:„Abschwöarn!"—(„Jugend") Notizen. — Die Nobel-Preise. Der Preis in der Literatur wurde dem polnischen Romanschriftsteller Henryk Sienkiewicz verliehen, den Preis in der Medizin erhielt Robert Koch ftw seine Arbeiten und Entdeckungen auf dem Gebiet der Tuberkulose, den Preis in der P h y s i k Professor L« n a r d in Kiel für seine Arbeiten über Kathodenstrahlen, den Preis in der Chemie Professor v, B a e y e r in München für seine Untersuchungen über Indigo, den Friedenspreis Berta v. Suttner.— Die Nobel-Preise sind übrigens kleiner geworden. Während sie bei der ersten Austeilung etwa 159 782 Kronen betrugen, sind sie für diese? Jahr auf je 138 989 Kronen festgesetzt worden. Grund: Die Ver- waltnng ist sehr kostspielig,— — Alfred Schmiedel:, der bisherige Oberregisseur des LustspielhanseS, übernimmt am 1. Juli 1999 die Direktion des Neuen Theaters.— — Die Nachricht, Bonn habe das Berliner Theater ail gekauft, war— Reklame.— — Max Halbes Komödie„ D i e I» s e l d e r S e l i g e n" ist bei der Uraufführung im Münchener Schau spielhanse durchgefallen.— Halbe ist jetzt ungefähr soweit wie Bahr. Braucht das Berliner Schauspielhaus keinen Direktor?— — Er st aufführ nngen i n Wien. Im Raimund» Theater erstritt sich H n n a S soziales Drama„Der Herr ans R 0 n e Iv a l d" einen schwachen Achtungserfolg.— Gerade so groß war der Erfolg, den Bierbaums Stilpe-Komödien„Das Cenacle der Maulesel" und„Die Schlangendame" im Jubiläums-Theater davontrugen.— —„Hotel Eva", ein neues dreiaküges Singspiel von Max Möller, Musik von Dr. Schwarz, wird im Zentral- Theater im Januar die Uraufführung erleben.— — Der SchmerzI Der Preis der Diamanten be- trägt für gute Steine 199 Proz. mehr als vorige? Jahr um diese Zeil.— «krantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärls Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer&