Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 243. Donnerstag, den 14. Dezember. 1905 (Nachdruck verboten.) 23t Die k)uerta. Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Das war nicht alles, das Schönste fehlte nollK Die Girlande, ein Bündel weißer Blumen mit Behängen, die bis auf die Ohren herabfielen, ein wahrer Wildenschmuck. Pepitas fromme Hand malte in schrecklichem Kampfe gegen den Tod die bleichen Wangen mit Schminke rosa und belebte mit dicker Zinnoberauflage den leichenblassen Mund. Doch um- sonst bemühte sich die naive Bäuerin, die weichen Lider zu öffnen, sie fielen immer wieder zu und verbargen die starren, matten, glanzlosen Augen, in denen die Traurigkeit des Todes schlummerte. Armer Pascualet! Unglücklicher kleiner„Bischof"! Mit seiner seltsamen Girlande und feinem geschminkten Gesicht war er zur Karikatur geworden. Vorher erweckte sein blasser, vom Tode grüngefärbter Kopf, der auf dem Kissen der Mutter ruhte, mit seinen blonden Haaren als einzigem Schmuck eine viel tiefere Rührung. Doch trotzdem begeisterten sich die guten Weiber der Huerta für Pepitas Werk und riefen entzückt: „Seht nur, seht!'� Man möchte glauben, er schläft, so hübsch, so rosig.-, Nie hatte man solches Engelchen gesehen wie dieses? Und sie füllten die leeren Stellen des Sarges mit Blumen aus, warfen Blumen auf das weiße Gewand, bedeckten damit den Tisch und stellten Büschel in die Ecken. Die ganze Ebene küßte den Körper dieses Kindes, das sie so oft wie ein Vögel- chen durch die Fußpfade hatte schlüpfen sehen, die ganze Huerta warf eine Flut von Düften und Farben auf diesen leblosen, starren Körper. Die beiden jüngeren Brüder betrachteten Pascualet mit frommer Bewunderung, wie ein höheres Wesen, das jeden Augenblick davonfliegen mußte.... Der Hund umschlich den Katafalk, streckte seine Schnauze vor, um die kalten Wachs- Händchen zu lecken: dabei stieß er eine fast menschliche Klage, ein Geheul der Verzweiflung aus, das die Weiber nervös machte, so daß sie das treue Tier init Fußtritten verfolgten. Gegen Mittag kehrte Teresa, die ihrer Gefangenschaft fast mit Gewalt entwichen war, nach Hause zurück. Ihre niütter- liche Zärtlichkeit empfand eine große Genugtuung, als sie sah, wie man den Kleinen ausgeputzt hatte: sie küßte ihn auf seinen geschminkten Mund und begann wieder zu weinen. Es war Essenszeit. Batistet und die Kleinen, bei denen der Schmerz nicht den Magen zum Schweigen bringen konnte, verschlangen große Stücke Brot und versteckten sich in den Winkeln. Doch Teresa und ihre Tochter dachten nicht ans Essen. Ter Vater, der noch immer auf seinem Strohsessel vor der Tür saß, rauchte eine Zigarre nach der anderen: un- beweglich wie ein Orientale, drehte er seiner Wohnung den Rücken, als hätte er Furcht, den weißen Katafalk zu sehen, auf dem der Leichnam seines Kindes wie auf einem Altar ruhte. Abends wurden die Besuche noch zahlreicher. Die Frauen kamen in ihren Sonntagskleidern, die Mantille auf dem Kopfe, um der Beerdigung beizuwohnen. Die jungen Mäd- chen stritten sich eifrig um die Ehre, zu den Vieren zu ge- hören, die den Kleinen auf den Kirchhof tragen sollten. Mit trauriger Miene erschienen am Rande der Land- straße, als wollten sie dem Staube wie einer todbringenden Gefahr ausweichen, zwei bedeutende Besucher: Don Joaquin und Donna Josefa. Der Schulmeister hatte seinen Schülern erklärt, in Anbetracht des„furchtbaren Ereignisses" fände an diesem Nachmittage kein Unterricht statt. Und man merkte das auch, wenn man die Menge der kecken und unsauberen Schlingel betrachtete, die sich in das Haus schlichen, und wenn sie sich an der Leiche ihres Kameraden satt gesehen hatten, über die Wege liefen oder sich damit belustigten, über den Rinnstein zu springen. Donna Josefa hielt mit ihrem abge schabten Wollenkleid und ihrer großen Mantille ihren frier lichen Einzug in das Haus: nach einigen schönen Phrasen, die sie ihrem Manne entlehnte, warf sie ihren dicken Körper in einen Stuhl und blieb dort stumm, gleichsam schlafend, in die Betrachtung des Sarges versunken, sitzen. Die brave Frau, die gewöhnt war, zuzuhören und ihren braven Mann zu be- wundern, war außerstande, auch nur die geringste Unterhal- tung zu führen. Don Joaquin, der seinen grünen Gehrock, den er nur an hohen Festtagen trug und seine umfangreiwste Krawatte angelegt hatte, setzte sich draußen neben dem Vater nieder. Seine dicken, groben Bauernhände steckten in schwarzen Hand- schuhen, die, von den Jahren gebleicht, die Farbe von Fliegen- flügeln angenommen hatten: er bewegte sie beständig, denn er wollte die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen nur bei feierlichen Gelegenheiten üblichen Schmuck lenken. Er ent- faltete für Batiste die Schönheiten seiner blumenreichsten und klangvollsten Beredsamkeit. Batiste war sozusagen fein bester Kunde und hatte ihm stets pünktlich an jedem Sonn- abend die zwei Heller Schulgeld Übersand. „So geht's in der Welt, Sennor Batista, man muß sich in das Unvermeidliche fügen. Wir kennen nie den Willen Gottes, oft läuft auch ein Unglück zum Besten seiner Ge- schöpfe aus." Dann unterbrach er die lange Reihe der Gemeinplätze, die er pathetisch, als wäre er in der Schule, herunterleierte, und fügte mit leiser Stimme, pfiffig mit den Augen blinzelnd, hinzu: „Habt Ihr diese Menge Menschen beobachtet, Sennor Batista? Gestern fluchten sie noch das Schlimmste auf Euch und Eure Fannlie herab: und Gott weiß, wie oft ich sie wegen ihrer Bosheit getadelt habe. Heut treten sie niit dem- selben Vertrauen in Euer Haus wie in das ihrige und iiber- fchlltten Euch mit Liebesbeweisen. Infolge Eures Unglücks vergessen sie ihren Groll, er bringt sie Euch näher." Nach einer Pause, in der er mit gesenktem Haupte sitzen blieb, fügte er mit tiefer Ueberzeugung, sich auf die Brust schlagend, hinzu: „Ihr könnt mir glauben, ich kenne sie genau. Bestien, jawohl, der schlimmsten Dummheiten fähig: doch sie haben ein Herz, das sich vom Unglück rühren läßt, und dann ziehen sie die Krallen ein. Arme Leute! Ist es ihre Schuld, wenn sie als Vieh auf die Welt kommen und wenn niemand daran denkt, sie ihrer traurigen Lage zu entreißen?"' Er schwieg eine ziemliche Weile und fuhr dann mit dem Eifer eines Kaufmanns, der seine Ware lobt, fort: „Hier ist in erster Reihe Erziehung Vonnöten, viel Er- ziehung, Tempel des Wissens, die den Glanz der Aufklärung auf die Ebene werfen, Fackeln, die... die... kurz und Mit, wenn mehr Kinder in meine Schule kämen, und wenn die Väter, anstatt sich zu betrinken, mir pünktlich das Schul- geld zahlten, wie Ihr es tut, Sennor Batista, so würden die Dinge besser stehen. Aber ich sage nichts weiter: denn es liegt nicht in meiner Absicht, meinen Nächsten zu beleidigen." Er setzte sich dieser Gefahr indessen doch aus: neben ihm standen nämlich einige dieser Väter, die ihm Schüler zu- schickten, ohne ihre Taschen mit den zwei Hellern zu be- fchweren. Mehrere Bauern, die gerade der Familie die größte Feindseligkeit bezeigt hatten, wagten nicht, sich dem Hause zu nähern und blieben auf dem Wege stehen, wo sie eine Gruppe bildeten. Unter ihnen auch Pimento, der in Begleitung von fünf Musikern aus der Schenke kam und ein recht ruhiges Gewissen hatte, feit er sich wieder ein paar Stunden in Copas Schenke aufgehalten. Unaufhörlich strömten neue Besucher herbei. Es war kein Platz mehr in der Hütte, die Frauen und Kinder setzten sich aus die Steinbänke am Fuße des Spaliers und auf die benachbarten Böschungen, um hier die Stunde des Vegräb- niffes abzuwarten. Drinnen hörte man Wehklagen und mit energischer Stimme erteilte Ratschläge. Das war Pepita, die Teresa von dem Leichnam ihres Sohnes fortreißen wollte. Man mußte doch vernünftig fein, der Kleine konnte doch nicht immer da- bleiben.... Es wurde spät, und die schlimmsten Augenblicke macht man am besten recht schnell ab.... Und sie kämpfte mit der Mutter, um sie von dem Sarge fortzubringen, in die Kammer zurückzudrängen, um sie zu hindern, der schrecklichen Minute des Ausbruchs beizuwohnen, wenn das Engelchen, auf den Schultern der jungen Mädchen fortgetragen, mit den Flügeln entschwinden würde, um nie mehr zurück- SUkommen.„Mein Söhnchen I König seiner Mutter!" stöhnte die arme Teresa. Sie sollte ihn nicht mehr sehen.„Ein Kuß, noch einen Kuß!" Und der Kopf des Toten, der trotz der Schminke immer fahler wurde, wackelte von einem Ende des Kopskissens zum anderen und bewegte sein blühendes Diadem in den Händen der Mutter und Schwester, die sich um den letzten Kuß stritten. Doch der Herr Vikar mußte wohl mit den Meßkindern und Chorknaben am Ausgange des Dorfes warten, man durfte sich also nicht verspäten. Pepita wurde ungeduldig:„Geht, geht in die Kammer!" und mit Hülfe anderer Frauen stieß sie Teresa und ihre Tochter hinein. (Fortsetzung folgt.) j�ene Romane und l�owllen, Titel sind nicht immer Etiketten, die Büchern nur so auf- geklebt werden. Es gibt unter den Schaffenden Seiltänzer, Harle- tine und— ein paar ernst zu nehmende Künstler. Die von der crstcren Kategorie gebrauchen irgend eine marktschreierische Buch- Überschrift lediglich zu Geschäftszwecken, etwa wie reisende Schau- stcller ihre schauderhaft schönen Firmenschilder; diese, das heistt ein paar wirkliche Dichter bestreben sich, in den Titel die Quint- esscnz ihres Werkes zu legen: man tritt in dieses ein wie durch ein Portal mit feierlicher llebcrschrift in goldenen Lettern. Aber das sind nur wenige. Die anderen folgen dem rcklamelüstcrnen Zug unserer Zeit, sie erfinden Titel, die mehr versprechen, als daS betreffende Werk zu halten vermag. Pia kraus, sagt der La- keiner; nicht immer absichtlich, oft Selbsttäuschung, Ueberschätzung des Gegebenen— aber doch Betrug. Rudolf Huch schätze ich als regsamen Schriftsteller; doch der Titel seines Romans„Der Frauen wunderlich Wesen"�) macht Erwartungen rege, die hinterdrein nicht erfüllt werden. Man hofft, hier auf neue Offenbarungen der weiblichen Pstzchc zu stoßen, und findet doch nicht viel mehr als alltägliche Wahrnehmungen. Ein Gattungstypus wird da in der Frau des jungen Arztes geschildert: ein Individuum von mäßigem Intellekt, btfii potenzierten Voraussetzuilgen eines Grüßstadtmenschen, durch Heirat nach Krähwinkel verschlagen. Hier ist man zum Verzicht verurteilt, muß mit allertzst kleinlichen Verhältnissen und Widrigkeiten die begriffsstützi�en Anschauungen eines bornierten, um nicht zu sagen kulturfeindlichen Kleinstädtcrvolkes in Kauf nehmen und bekommt für jedwedes Löcken wider den Stachel tausend: Schwerin am eigenen Ich zu kosten. Zuvörderst hat man sich als junges Wesen, das zu Hause im Wohlleben aufgewachsen, die Ehe. ganz anders gedacht. Nun ist man nichts, als die Frau ein�s Slrztcs, der in irgend einem Provinznest die Praxis von «lncm Kollegen käuflich übernommen hat. Da heißt es sich durch- zusetzen. Das ist keineswegs so einfach. Immer, wenn wer ein Doktor Stockmann ist, wird er, das lehrt uns Ibsen, zum Volksfeind gestempelt. Stockmanns Kollege in Dingsda genoß in Berlin, als er noch Assistent an der Klinik war. einen guten Ruf als mcdizi- nisches Zukunftslumen, in seinem nunmehrigen ländlichen Wir- knngskrcis mutzte er, das war vorauszusehen, Anstoß erregen. DaS Studium der Naturwissenschaft lehrte ihn von HauS aus den Gebrauch aller Apothekenmittel zu verbannen. Auf Freundschaft mit dcni seßhaften Pillendreher sowie mit seinem BerufstollcgeN dort zu bauen, wäre trügerisch. Man betrarbtet ihn nnt feindlichen Augen. Dies um so mehr, als er auch gerade ins Volk hinabsteigt, um ihm den Segen der Raturheilkunst zn bringen. Als moderner Mediziner hat er soziale Instinkte. Darf einer das alles, wenn er in Krähwinkel als Arzt in die„Gesellschaft" kommen, zu ihr, dem höchsten Machtfaktor, mit dem ä tont prix gerechnet werden muß, gehören will? Unser Held ist aus anderem Holz geschnitzt. Der Häckelinner hält fest an dem Naturgesetz von der Auslese der Starken und Besten. So kann ihm denn nichts den Glauben an sich selbst und seinen endlichen Sieg erschüttern. So will er denn nichts von Empfehlung und Protektion durch andere wissen. Er, her fachwisscnsthaftlich hochbegabte Mann muß lediglich aus und durch sich selber einvorkommen, ohne der Krücken anderer zu bc- dürfen, ohne die Brücken zu betreten, die die große Mcnschenherde wandelt. Seine Frau huldigt gegenteiliger Anschauung. Erst hatte sie gehofft, sich beide in Dingsda unmöglich zn machen, indem sie der„Gesellschaft" mal aus, mal vor den harten Schädel schlug, um so wieder nach Berlin zu komme«. Nichts weiter, als daß man sich Feinde schaffte. Ihr Gatte, meint sie nun, werde ohne dir Mit- Wirkung Dritter, ohne Wegbereiter nicht zu einer auskömmlichen Praxis gelangen; die überwiegend proletarische bislang trug nichts — es wäre denn eine kassenärztliche. Richtig, da wird ini bcnach- harten Bergwerksrevicr die Stelle eines ArztcS mit fester Be- soldung demnächst frei werden. Nnwartschaft darauf dürste der Konkurrenzkollege haben; denn er ist lange Jahre hier— und ist •) Bei Egon Fleische! u. Co., Berlin. Stabsarzt der Reserve. Ihm muß die Stelle abgejagt werden. Das unternimmt die Frau des anderen. Zu rechter Zeit besinnt sie sich, daß ihr verstorbener Vater und der Bcrgdircktor zusammen auf der Universität gewesen sind. Er war ja auch schon im Hause geladen; man kennt sich also, und das übrige, nämlich die Empfeh- lung ihres Gatten-bei der Regierung, wird dann der Direktor gewiß besorgen. Inzwischen aber verliert die Frau ihr Erbver- mögen, daS der Mann bei einem Bankier arbeiten läßt; denn dieser ist eines Tages mitsamt den Wertpagieren durchgebrannt. Man ist nahezu am Bettelstab; die Praxis trägt noch immer nichts; der Apotheker mit dem anderen Arzte, kntrigieren heftig, weil sie dahinter gekommen sind, daß dex Junge Doktor nicht nur keine Medizinen verschreibt, sondern daß er vom Militär ohne den Stabs- arzttitel abgegangen und daß er außerdem von unehelicher Geburt sei. Ein Makel haftet also an ihm, das ist unzweifelhaft. Oben- drein will der Schlächter kein Fleisch mehr borgen und läßt den Arzt pfänden. Die Pfändung kann im rechten Augenblick noch abgewendet werden, weil sich ein reicher Patient„Krawatten- dreher" schlimmster Sorte, zur Hergabe einer Summe auf Wechsel herbeiläßt. Aber die Kasscnarztstelle ist noch immer in Schwebe. Beim ärztlichen Ehrengericht wird währenddem eine Beschwerde gegen den jungen Kollegen eingebracht. Dabei kommt es zum 5ilappcn. Der Apotheker sowie der rivalisierende Arzt werden als Schurken entlarvt— und so ist die Stelle dem Sieger sicher. Freilich, seine Frau mit dem„wunderlichen Wesen" hat unter- dessen manche Herzenskrise durchgemacht. Zunächst flirtete sie mit einem alten besoldeten Stadtrat. Er war ehedem Offizier gewesen, hatte dann Jus studiert, was Asscsfor geworden und schließlich auf diesen Posten verschlagen, der ihn keineswegs befriedigte. Eine „Hcrrennatur", ein origineller Poltrian, hatte er sich nun in die junge Frau verliebt. Sie wies ihn ab und er zog in den Buren- krieg, wo er den Tod fand. Dann versucht ein Kollege ihres Gatten, der bei dem Konkurrenten als Assistenzarzt tätig ist, sie zu Fall zu bringen. Auch dieser Coup gelingt nicht, weil die Frau ein so„wunderlich Wesen" ist. Als sie sich guter Hoffnung fühlt, kommt eine vollständige Wandlung über sie. Run wird ja alles gut werden. In dem Roman, der im ersten Drittel tüchtige Qualitäten zeigt, verstimmt doch hernach das Konstruierte seiner ganzen Fabel. Manches ist zu stizzenhaft und unlogisch. Der„Krawatten- dreher" zum Beispiel; ferner die Arbeitertypen; unbehauen wirkt dann die Sitzung des Ehrenrats. Anderes gerät wieder besser. Gute Zeichnung verraten einige Nebenfiguren; am besten ist die des Stadtrats gelungen. Als Konstruktionsroman möchte ich auch„PeterSchüle r"�) von Erich Lilienthal bezeichnen. Der mir bis dato un- bekannte Verfasser nennt sein Werk eine„Tragi-Grotcske". Damit hat er recht. Er stellt einen Typus aus der Genicperiode des jüngsten literarischen Deutschlands ans die Beine. Der Held ist aber Vorzug- lich gezeichnet. Wir begleiten ihn von Kind auf durch alle Phasen seiner„EnNvickclung" bis zum Wahnsinn. In ihm spiegelt sich die verderbliche Haltlosigkeit jener Gott sei Tank begrabenen Epoche. So sahen sie aus die Jkarufsel Jammerprodukte einer weichlichen Erziehung. Schlechte Schüler dann, Universität Äniminler später, inzwischen Cafehaus-Pflanzen, die sich hier den größten Teil der Tage und Nächte fautcNzend auf den Polstern räkelten, ihr„Wissen" ans Zeitungen und literarischen Winkelblättchcn sogen, mit Nitzsches „Zarathnstra" schlafen gingen, bei Kartendämchen platonische Liebes- künstr durchmäckten, Avstnth schlürften, ihre hohle» Hirne künstlich zu poctiscler Breibhauslyrik entzündeten und sich im übrigen als ck'arnktrrlose Lumpe und literarische Genies brüsteten. Wie viele haben wir an ihrem Größenwahn, der ihrer künstlerischen Zucht- losigkcit die Wage hielt, elend verkommen gesehen! Man möchte auf diesen oder jenen, jn auf Dutzende, die am Wegrand liegen ge- blieben und nach deren ephemeren Leistungen und noch gleich- gültigeren Namen längst kein Hahn kräht, mit dem Finger hin- weisen und sagen: Der war Peter Schillerl Mir scheint, daß Erich Lilicnihal der Verschwommenheit jener literarischen Dekadenzzeit eine plastische Gestalt verliehen hat, bcsset, als alle Geschichts- schreibet: des Naturalismus zusammen genommen. Und noch auf ein charakteristisches Merkmal sei nebenbei hingelviescn: auf den Anieit. den Lilienthal der Frau seines Romanhelden an dessen Schicksal zugewiesen hat. Diese Episode erinnert an historische Tat- sacken. Bekanntlich verübten die Frauen ziveier deutscher Dichter: Heinrich Stieglitz' und Gottfried Kinkels, Selbstmord, um deren sinkende Schöpferkraft aufs neue zu entfachen. Es war, obwohl ein krankhafter, jedenfalls doch ein ungewöhnlich persönlicher Heroismus der Tat. Auch die Frau des Peter Schüler opfert sich für den Gatten, aber sie opfert sich ans völlig andere Weise: sie sucht die lyrische Impotenz und küustkerifche Fraglviirdrgkeit Sämkers trol; alledem bei der Menge durchzudrücken, indem sie— als Odaliske aufs Podium steigt imd des Mannes platonische Liebeslieder deklamiert. Ihrer Nacktheit jauchzt das Pnblilum zu; der Dichter aber gewinnt keine Gemeinde. Die Frau setzt den höchsten Preis, den ein Weib zu vergeben hat: ihre Schamhaftigkcit, ein. Sie vcr- fällt einer Lungenentzündung— und ein rascher Töd rafft sie bin weg. Der„Held" stiehlt sich nachts hincmS, gräbt die Leiche der geliebten Frau auf— und wird wahnsinnig. ES waltet ja in diesem Kapitel ein kapriziös romantisches Spiel, vermengt mit *) Minden i. W., I. L. L. Bruns' Verlag, 1005. Üijcismcn; allein der sjkrfajjct erreicht damit, wie mir trVTut, was er beabsichtigte: die Auflösung der Lebenstragödie in �ohngellende Groteske. Ironie und groteske Laune bilden bollcnds die Toniinantcn in Frank Wedekinds neuen Erzählungen, die er unter dem bezeichnenden Titel„Feuerwerk"*) zu einem Bukett der- einigt hat. Bei diesem Autor müssen wir— das steht nun schon fest— stets auf die tollsten Dinge gefaßt sein. In sämtlichen Ge- schichten wird das Thema Geschlechtsliebe mit der ausgesuchtesten Finesse' eines Gourmets von süffisanter GenicßenSart und diabolischer Grazie angeschlagen. Wedekind vermag die peinlichsten erotischen Tinge zu behandeln, ohne den Boden des selbstverständlichen zu verlieren. Moralische Einwände kennt er nicht; das Erröten über- läßt er den anderen— den Lesern. Daß er indepen iminoraltfche Wirkungen erzeugt, bestreite ich entschieden. Seine Gemeinde setzt sich vorwiegend aus Feinschmeckern zusammen, die dem Dichter bis in die tiefsten Jrrgänge der Psyche zu folgen vermögen. Kaviar ist nicht für alle und jeden. Indem ich nunmehr das neueste Novellcnbuch von Ernst Zahn:„Helden des Alltag s"**) zur Hand nehme, fühle ich mich plötzlich aus den Niederungen dieses Lebens, aus dem Dunstkreis tierischer Instinkte und Leidenschaften zu reineren Menschheitshöhen erhoben. Das Buch ist ein Hymnus, von seinem Dichter dem volklichcn Heldentum gesungen. Einfache Dörfler und Kleinstädter sind es, die wir in den zwölf Novellen kennen lernen; aber sie wuchsen auf in einer grandiosen Gebirgsnatur: die Schweizer Alpen sind ihre Heimat. Daß einer von ihnen ins große W-eltleben hineintaucht, hören wir kaum. Eng bezirkt ist ihr Wirken und Schassen. Was der Tag beschert:— das bewegt die Gemüter. Bon ihren Kämpfen, von ihrer Duldergröße geschieh! draußen kein Rühmens. Und dennoch wohnt bei ihnen ein Heroismus ohnegleichen. Es ist ein starkes Geschlecht da in den Felsenbergen. Die großartige Namr ringsumher, ihre mächiig-erhabene Schönheit weckt in den Seelen feierliches Heldentum. Männer und Frauen, so leidenschaftlich sie hassen und lieben, sind auch groß im Er- tragen. Sie sind eins mit dem Hcimatboden, der sie trägt. Ihre Gemüter, bald tosend wie Sturzbäche und Lawinen, bald klar wie ein Bergsee, haben doch auch ihr Alpenglühen, das sie verklärt und vergoldet. Und so ist dies Buch in seiner vollsäftigen Kraft und Schönheit wie ein herrliches Brevier, von dem man nicht mehr loskommt, wenn man barin zu lesen begonnen hat.— Ernst K r e o w S k i. Kleines feuiUeton. ie. Die fünf Systeme in unserem Körper.(Nachdruck verboten.) Das Ich ist für den Menschen der Inbegriff all seiner Fähigkeiten. der körperlichen wie auch der geistigen. Ter Mensch versieht unter dem Ich seine ganze Person, aber nicht mit Recht. Die Jchsetzung ist eigentlich nur für einen Teil, des menschlichen Körpers berechtigt, nämlich sür den Teil der empfindet, denkt, will und handelt, sür den Teil, dessen ich mir bewußt bin. Diese besonderen Tätig- leiten bezlv. Fähigkeiten werden in unserem Körper durch ganz bestimmte Teile vertreten, nämlich durch die Nerven- und BinSkelmasse. Außer jenen Tätigkeiten bez!v. Fähig- leiten begegnen wir aber in unserem Körper noch andere», die denen des genannten Systems mindestens gleichwertig sind; es sind die Bewegungen des Herzens, die Atembewegungen, die Bc- Ivegnngen des Darmkanals und dazn eine andere, d>e noch besonders hervorgehoben werden soll. Diese Tätigkeiten empfinden wir bei nornmtem Zustande unseres Körpers nicht, sie kommen uns nicht zum Beionßtscin, sie sind daher für das Ich als solches so gut wie nicht vorhanden. Entsprechend diesen verschiedenen Bewegungen in unserem Körper ist auch dessen Masse in gegeneinander abgegrenzte Teile unterschieden, die verschiedene Tätigkeiten, Fähigkeiten verkörpern und eigene Systeme bilden. Die größte Masse des Körpers nimmt das Nerven- und Muskel- shstem ein. Wir stellen es uns am besten in schematicher Weise vor, nämlich als eine zentral gelegene weiche Masse, die Zentral- masse, die durch Gehirn und Rückenmark dargestellt wird, und eine um diese Zentralmasie herumgclagcrte besondere Masse, das Fleisch, die Ivir in Wirklichkeit in zahlreiche„Muskeln" zerlegt sehen, und die die Fähigkeit besitzt, sich zusammenziehen zu können. Zu der von der Muslelmasse umgebenen Zcniralmasse führen von der Gc- samtoberfläche dcö Körpers aus zahlreiche Leitungen,..Nerven", die alle von außen auf den Körper auftreffenden „Reize" der Zentrale zuführen. An bestimmten Siellen der Körpcrobcrfläche aber, die damit gleichzeitig zu besonderen Empfindungsstellen, zu„Sinnesorganen" umgewandelt sind, werden nur bestimmte Reize aufgenommen und wcitcrgeleitet. So niinmt das Auge nur Lichtreize, das Ohr nur Schallrcize auf, die dann mittels der Sinnesncrven der Zentrale zugeführt werden, während die übrige Gcsamtobcrstäche nur allgemeine Reize ivic Wärme, Kälte und Berührung der Zentrale übermittelt. Somit wird die Außen- Welt mit ihren Gegenständen, Erscheinungen und Vorgängen *) Albert Langen, München, 1903. •*) Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig, 1999. in der Zentrale„empfunden*,„wahrgenommen"; die Außen- weit wird hier abgespiegelt und gleichsam in unserem Ge« Hirn zentralisiert. Da die Zentrale Vorstellungsfähigkeit besitzt, so ist sie eine Welt für sich. Aber das nicht allein. Die von außen zugeleiteten Reize werde» in der Zentrale auch um- gewertet und unmittelbar oder mittelbar in Bewegungen und Hand« lungcn umgesetzt. Es zieht nämlich von der Zentrale wieder eine ganze Anzahl von Leitungen(Nerven) zu dem sie umgebenden Fleisch und bewirkt hier Zusammenziehimgen einzelner oder mehrerer Muskeln. Die Zentrale empfindet also nicht allein, sondern sie kann auch handeln, ivollen. Die durch die Zusammenziehungen bewirkten Bewegungen sind die„willkürlichen" Bewegungen, und das ganze System verleiht unserem Körper die Jchsetzung, die Wesenhaftigkcit. Ich sehe, ich denke, ich will, ich arbeite, dagegen„mein Herz schlägt", und nicht: ich schlage. Außer diesem System finden wir im menschlichen Körper ein zweites, das Zirkulationssystem, das aus dem Herzen und den zu- und abführenden Röhren(Gefäßen) besteht, in denen die den ganzen Körper ernährende Flüssigkeit, das Blut, zirkuliert. Dies System macht in unserem Körper unausgesetzt rhythmische Bewegungen der Znsammenziehung und Ausdehnung: das Herz„schlägt" uunns- hörlich. Neben diesen rhythmischen Bewegungen des Herzens laufen in unserem Körper noch andere rhythmische Bewegungen einher, die „Atembewegnngen"; durch sie wird die gasförmige Nahrung, der Sauerstoff, eingesogen und die Kohlensäure dafür ausgehaucht. Endlich sehen wir den Körper der Länge nach von einem Rohr durchzogen, dem Ernährungskanal, den man in Schlund, Speise- röhre, Magen und Darm eingeteilt hat. Der Ernährungskanal ist wieder ein System für sich, macht seine eigenen Bewegungen, indem er von unserer Geburt bis zum Tode, Tag und Nacht, unausgesetzt sich bewegt wie ein Wurm und dabei den in ihr enthaltenen Speise- brei immer weiter schiebt. Mit diesen seinen Bewegungen hat sich da» Darmrohr im Laufe der Zeiten fast ganz vom übrigen Körper losgelöst und verlängert, so daß der Darm beim Menschen Ijcui ungefähr sechsmal so lang ist als der Körper selbst. Jedes der genannten Systeme besitzt in seinen Bewegungen eine große Selbständigkeit— daS Herz eines Frosches anS dem Körper heraus» geschnitten schlägt noch stundenlang—, und doch kann jedes System seine Bewegungen dauernd nur im Zusammenhang mit den übrigen, im Nahmen des ganzen Körpers, vollführen. Das Herz schlägt dauernd nur im Körper; ich sehe, denke und handle nur so lange, wie mein Herz schlägt und so lange ich atme. So lange jedes System ruhig arheitet, werden die anderen nicht in Mitleiden» schaft gezogen; es besteht unter ihnen die schönste Harmonie. Be« einträchtigling und abnorme Tätigkeit eines Systems aber verändert auch die Tätigkeit der anderen. Besonders haben abnorme Zustände in dem Zemralnervensysien, große Wirkung auf die übrigen; so läßt die Freude das Herz„höher schlagen", die Angst bewirkt, daß die Puste„schneller fliegen", und beschlemiigt die Bewegmigen des Darmes so sehr, daß eS nicht selten zu einer unangenehmen Katastrophe kommt. Dagegen verlangsamt die Ermüdung den Herzschlag und die Atembewogniigen, wodurch andererseits ivieder ein Zustand in der Rervcnzemrals herbeigeführt wird, wobei von außen auftretende Reize liberhaupt nicht mehr anfgeiiommen werden. Der Mensch steht und hört nicht mehr, er hört ans zn denken. Diesen Zustand nennen ivir bekannt- lich Schlaf.— Die normalen Bewegungen des Herzens empfinden wir nicht, wohl aber die abnormen Bciucgungen. Das hüpfend« oder heftig pochende Herz macht sich uns sehr deiitlich fühlbar, und dem Asthmatiker werden seine Atembewegnngen zu« weilen recht unlieb in Erinnerung gebracht. Abnorme Zustände und Beivegungeil im Magen- und Darmkmlal verraten uns oft in unangenehmer Weise, daß wir auch diese Organe besitzen, toenn man von eil, er„Uebelkeit" oder von einem„Kolikanfall" heim- gesucht wird. Die einzelnen Systeme leisten also je eine besondere Arbeit im Rahmen des Ganzen, sie sind„Organe", und das Ganze lebt nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung, d. h. es ist ein Organismus. Wie nun kommt unser Körper zu dieser Zerlegung in Systeme? Eigentlich sollte unser Körper all diese verschiedenen Beweanngen mit seiner ganzen Masse machen; er sollte sich unausgesetzt rhythmisch zusammenziehen und ausdehnen,„pulsieren"; er sollte sich gleich» zeitig wie ein Wurm dauernd bewegen; er sollte„willkiirli.se" Bewegungen machen, wie gehen, arbeiten u. a. DaS ist ihm aber unmöglich, denn niemand kann auch nur zwei Herren glüazeitig dienen. Doch die Natur hat sich zu helfen gewußt. Sie ha: die verschiedenen Tätigkeiten, die der Körper mit seiner ganzen Masse nicht alle gleichzeitig vollführen kann, ans bestimmte Körperpartien beschränkt. Damit sind diese Teile Organe des Ganzen geworden. Auf dieser Lokalisierung der Tätigkeiten, der Herausbildung der Or- gane, beruht die ganze EntwickeUnig der Lebewesen von ihrem ersten Entstehen bis auf den heutigen Tag, nur sehen wir heute die einen höher, die anderen nieder„organisiert". Bon diesem Gesichtspunkte ans erklärt sich uns auch der so rätselhafte Vorgang der Fortpflanzung, das fünfte System in unserem Körper. Neben den oben angeführten Bewegungen soll fich unser Körper auch noch andauernd teilen, wie zum Beispiel eine Zelle sich teilt. Diese unaufhörliche Teilung ist heute ebensalls auf ein besonderes Organ, das Fortpflanzmigsorgan lokalisiert, das andauernd„Keimzellen" erzeugt. Ter Mensch teilt sich so oft, als er KcimMeu hervorvriügt. Jede Keiinzelle kann demnach im Prinzip nichts anderes sein als das„Alte", nur ist sie winzig klein gegenüber dein zurückgebliebenen anderen Teil, dem„Alten"; denn die Teilung ist ans einen engen Raum beschränkt, und je kleiner dieser Raum ist, desto häufiger findet die Teilung statt, aber auch desto kleiner sind die Keimzellen. Daher kommt es, dafi manche Tiere Millionen von Keimzellen erzeugen. Diese Auffassung von der Fortpflanzung und der Gleichwertigkeit der Keimzelle mit dem „Alten" erleichtert uns auch das Verständnis der wunderbaren Tatsache, dafi ein solches loinziges Kliimpchcn, wie es die Keimzelle ist, sich zu einem so kompliziert gebauten Organismus, wie ihn das„Alle" besitzt, auswachsen kann. Fünf Tätigkeiten sind es also, die unser Körper zu vollführen hat, und die wir heute auf bestimmte Teile lokalisiert sehen; und gerade dadurch, das; sie lokalisiert sind, sind sie relativ energischer und folgenreicher, als wenn sie je der ganze Körper ausübte.— Dr. Emil König. Kunst. es. Bei Keller und Reiner stellen drei Künstler aus, die insofern Aehnlichkcit miteinander haben, als sie alle die Land- schaft pflegen. Am anspruchslosesten ist H a n s B u s s e. Er nennt seine Bilder, die nicht viel mehr als Studien sind, Erzählungen vom Meer. Abgesehen davon, daß Bilder keine Erzählungen sind und sein sollen, ist aber gerade das Inhaltliche darin von dünnster Qualität. Es ist nicht viel mehr als ein augenblicklicher Ausschnitt, dessen regctmätzige Wiederholung auf die Dauer monoton und bläßlich wirkt. Immer wieder kehren die Klippen und das Wasser wieder. Dabei ist nun aber nicht etwa das Technische raffiniert behandelt, so daß eine virtuose Meisterschaft entschuldigt. Im Gegenteil, die Bildchen sind so harmlos und bescheiden gemalt, daß man nicht begreift, wie ein so harmloser Künstler zu solchen Präten- sionen sich aufschwingt. Man merkt hieran schon den schlechten Einfluß der impressionistischen Schulung. Es macht sich schon eine Schablone geltend. Und bescheidene Gemüter, die einmal von Im- prcssionismus haben etwas läuten hören, meinen, eS genügt wirklich die bloße Bescheidenheit des Motivs, um ein Bild interessant zu machen. Allein durch'irgend einen Inhalt wäre solche auf niedrigem Niveau stehende Malauffassung für die, denen das Ver- ständnis für reife Kunst abgeht, genießbar und erklärlich. Obst hat sich an den Riälern der märkischen Landschaft ge- schult, an Lcistlkow, an Kaiser-Eichberg. Ohne deren Kraft und Eigenart zu erreichen. Aber er lernt mit Umsicht und Gründlichkeit von ihnen und man meint, einem sicheren Willen gegenüber zu stehen. Ob eigene Anschau iig in diesem Künstler lebendig ist, dürfte erst dann zu entscheioen sein, wenn das Schülerhafte, die Anlehnung abgestreift wird. Am künstlerischsten präsentiert sich A. I o h a n n s e n. Er wertet das Gesehene um. Ihm wird die Landschaft ein Eindruck. Da das Technische nicht so fein ausgebildet ist, daß es an sich allein interessieren könnte, ist aus der Landschaft ein« dekorative Note herausgeholt. Die Bilder haben alle ein großes Format und große, einheitliche Flächen in den Farben. Diese Farben sind manchmal etwas dünn und bläßlich, aber man merkt eine gewisse Eigenheit in dem Ganzen, bis zu einem gewissen Dradc Frische. Blühende Obstbäume breiten ihre hellen, schimmernden Zweige über saftige Wiesen. Zartes Rosa, Helles Weiß sind die hervorstechenden Farben. Doch nicht diese cttvas zu groß geratenen Oelbilder zeigen das Können des Malers, sondern die großen Zeichnungen, die in sicheren Zügen den Stamm, das Astwcrl eines Baumes, das sich mannigfach verschlingt, markig hinsetzen. L i e b m a n n stellt eine Reihe seiner technisch interessanten farbigen Radierungen aus, die man schon oft gesehen hat. Es ist etwas Problematisches in diesem Versuch, in die Radierung Farbe hincinzubriligeii. Ter Reiz der Radierung läge, meint man, gerade in dem Umwerten des vielfarbigen Eindrucks in Schwarz und Weiß. Dadurch erhielt die Radierung ihren vornehmen Charakter. Andererseits ist ja die farbige Radierung kein naturalistisches Wirklichtcitsbild. Auch sie kann nur andeutend die Natur wieder- geben. Die beschränkte Farbigkeit erhält einen eigentümlichen Hintergrund in der Weichheit der Töne, die der Radierung eigen ist. Und so behält sie einen besonderen Charakter und diese Er- Weiterung ist als eine Bereicherung der Mittel zu werten, wenn auch vorläufig die Erzeugnisse allzu ausgeklügelt sind, allzusehr als Versuch und Experiment erscheinen. Im K ü n st l e r h a u s ist Weihnachtsmcsse, und daher ist das Niveau im allgemeinen nicht hoch. Plan rechnet auf ein Publikum, das dem Gegenständlichen mehr huldigt als der tech- nischen Güte. Unter den vielen Bildern fallen nicht allzuviel auf, bei denen man länger vertveilt. Von S ch e r r e s sieht man Lupinenfeldcr, deren gelber Schimmer sich iveit ansdehnt, und alte Stadtbilder aus Danzig, wo die Häuser sich im Dunkel der Nacht mondbeschienen im Wasser spiegeln. Dann besieht man ein inond- scheinftimmerndes Bild von Hamburg von der Wasserseite aus, das Touzctte genialt hat. Es ist viel Leben und Feinheit in den leichten, silbernen Tönen, die ivie ein Schleier über dem Wasser liegen und die Häuscrwand am Ufer wie unwirklich erscheinen lassen. Auch Kaiser-Eichberg fällt in diesem Ensemble auf, weil seine Grunewaldbildcr einen kräftigen Ton zeigen; das Braun der Stämme, das tiefe Grün der Äiefertroncn, das matte Weißblau der Seen ist energisch zu einem beinahe dekorativ abgeschlossenen Ganzen gestaltet. Auch Eichstädt wirkt mit seinen Mecklenburger Land- schaftcn erfrischend an dieser Stelle. Tie Farben sind in ihrer Buntheit lebhaft. Freilich gibt das Gegenständliche, die alten Bauernhäuser der dortigen Gegend mit ihren ausgesprochenen Farben schon Hinreichendes her, und der Künstler b-aucht nicht viel hinzuzntun, um zu wirken. Eine weiche und doch sichere. träumerische Wirkung ist den Landschaften Fr. HeggcrS eigen. Seine Farben sind mati. Nichts Hervorstechendes in den Nuancen. Die Gleichmäßigkeit ist jedoch beabsichtigt und man vermutet, daß eine eigene Anschauung dahinter steckt. Diesem stillen Gesamt- eindruck entspricht auch die Linienführung, die unaufdringlich, un- akzentuiert ist und in großen Zügen hingeschrieben ist. In dem dem Künstlerhaus angegliederten Kunstsalon Rabl sind interessantere Stücke zu sehen. Bor allem ein Menzel. Ein Aquarell von 1353, bisher unbekannt. Das Innere einer Kloster- kirche bei Braunschweig. In dem Innern der Kirche herrscht die Orgel vor, die bunt bemalt ist, weiß gestrichen und blau, rot und gelb geschmückt. In diesem Bild mischt sich der zeichnerisch elegante und sichere Stil Menzels mit seinem feinen Farbcnempfinden.' Die Linien sind alle leicht und graziös. Die Farben sind mit Meister- schaft abgestimmt, die Lokaltöne berücksichtigt und dennoch das Ganze einheitlich koloristisch zusammengehalten. Es ist etwas Prickelndes in der Abwechslung der Töne und doch wieder eine sanfte Weich- heit, mit der alle die Farben ineinander übergehen. Dieses Blatt zeigt wieder, ein wie freier Maler Menzel war, der viele Probleme schon zu einer Zeit löste, in der andere noch gar nichts von der Möglichkeit solcher Auffassung ahnten. Bon Corinth ist ein derbes Frauenporträt und ein feines Blumenstillleben, weißer Flieder in silbergrauer Vase, zu sehen. L e i st i k o w gibt eine seiner kräftigen Grnr.ewaldlandschaften.— Humoristisches. — D e n k m a l s t a u s ch. Ein Professor zum andern:„Wohin, Kollege?" „Ich bringe Hekmholtzen nach Schlorrendorf— und Sie?" „Ich bringe Otto den Faulen nach der Universität I"— — Vom Hoftheater.„Fräulein ck. soll ja eine großartige Sängerin sein!?" „Und ob; wenn's der aufstößt, kost's schon zwanzig Mark."— — Beweis: Eid. Klient:„Herr Rechtsanwalt, morgen ist doch unser Termin; was meinen Sie, werde ich meinen Prozeß gewinnen?" Rechtsanwalt:„Wahrscheinlich; das heißt. Sie können autb verlieren, wenn der andere gerade zufällig sehr gut bei Schwurist."— („Lustige Blätter.") Notizen. — Im Schauspiclhause geht am Sonnabend D r e y e r s „Venus Amathusia" zum erstenmal in Szene.— — Rat S ch r i in p f" von M a x B u r ck h a r d ist die nächste Novität des L e s s i n g t h e a t e r s. Die erste Aufführung ist auf Freitag, den 22. Dezember, angesetzt.— — Das Wiener Burgth eater hat Hauptmanns Glashüttenmärchen„Pippa tanzt" zur Aufführung an- genommen.— — DaS Vermögen der P e n s i o n s- A n st a l t der Bühnen- Genossenschaft beträgt 6 571 134.10 Mark. 335 155,23 Mark sind in diesem Jahre zugewachsen.— — Das Kunstgewerbe-Museum veranstaltet in den Monaten Januar— März 1906 die nachstehenden Vorträge: 1. Das Ornament des Barock und Rokoko, Dr. Gustav Kühl, acht Vorwäge Montag abends 8'/z— 9l/z Uhr, Beginn Montag, den 8. Januar 1906.— 2. D a s italienische Haus der Renaissance, Dr. Georg S warzenski, acht Vorwäge Dienstag abends 8i/z— g'/g Uhr, Beginn Dienstag, den 9. Januar 1906. — Die Kunst des Hellenismus, Professor Dr. Hermann Winnefeld, acht Vorträge, Donnerstag abends S'/j— ö'/z Uhr. Beginn Donnerstag, den 11. Januar 1906. Die Bo: räge finden in dem neuen Hörsaal des MuscumS statt, sie werden l.ch Lichtbilder mittels elektrischen LichtwerferS erläutert. Der Zugang befindet sich in dem Hofe zwischen dem bisherigen Museumsgebäude und dem Neubau in der Prinz Albrechtswaße.— — In G r a u b ü n d e n gibt es noch 36 000 Rätoromanen- Drei Zeitungen(Wochenblätter) erscheinen in ihrer Sprache; zwei in der Oberländer Mundart, eine in der Engadincr Mundart.— — Die kleinste Stadt des Deutschen Reiches ist Hauen st ein im Amtsbezirk Waldshut knapp an der Süuoeizer Grenze. Am 1. Dezember hatte sie 216 Einwobner, 25 mehr als 1900.— Verantwortl. Redakteur: Hau» Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckcrei n.VerlagSanstaltPaul Singer s�Co. Berlin