HwterhaltmigMalt des Vorwärts Nr. 245. Sonnabend, den 16. Dezember 1905 (Nachdruck verboten.) 25] Die r>ucrta, Roman bon V. B la s c o I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Der Wanderer, der die Ebene zur Zeit der Sonnenhitze durchzog, wenn die Luft brannte und die Mücken und Hum- mein geräuschvoll summten und brummten, empfand ein Ge- fühl des Wohlbehagens beim Anblick dieses sauberen, frischen Hanfes. Der Hühnerhof verriet hinter seinem Wall von Erde und Pfählen ein wimmelndes Leben. Die Hennen gluckten, der Hahn krähte, die Kaninchen sprangen im Labyrinth eines großen Holzstoßes herum, und unter der Aussicht der beiden jüngsten Kinder watschelten die Enten in dem benachbarten Teich, während Scharen von Küken überall durch die Stoppeln liefen und, unaufhörlich piepend, ihre zarten, gelben, kaum mit einem feinen Flaum bedeckten Körper bewegten. Außerdem schloß sich Terese oft in ihre Kainmer ein, öffnete eine Schublade der Kommode und knöpfte ein Taschen- tuch auf, um vor einem hübschen Haufen Geld, dem ersten Geld, das der Mann der Erde abgerungen hatte, in Per- zückung zu geraten. Alles mußte einmal einen Anfang haben, und wenn die Zeiten nicht gar so schlecht waren, so würde dieses Geld wieder anderes herbeiziehen und dieses wieder anderes: wer weiß, vielleicht hatte man, wenn die Kinder das dienstpflichtige Alter erreicht hatten, so viel erspart, um sie frcikaufen zu können. Batiste teilte die stille und tiefe Freude seiner Frau. Man niußte ihn Sonntags nachniittags sehen, wie er, weil es Fest- tag war, eine Tagarnina zu einem Cuarto rauchte, vor seinem Hause auf und ab schlenderte und liebevoll die Felder be- trachtete, Ivo er, wie die meisten seiner Nachbarn, am vorigen Tage Gerste und Mais gepflanzt hatte. Er konnte mit dem aufgewühlten Terrain kaum fertig werden, doch ebenso wie der verstorbene Vater Barret fühlte auch er den Wunsch des Besitzes und wünschte mit seiner Arbeit immer mehr zu gewinnen. An diesem Sonntag nahm er sich vor, obwohl der günstige Augenblick schon ein wenig -verpaßt war, den hinter dem Hause gelegenen, noch unbebaut gebliebenen Teil des Bodens umzustechen, um dort Melonen zu säen: Eine unvergleichliche Ware, ein glänzendes Produkt, mit dem seine Frau viel Geld verdienen mußte, wenn sie sie, wie die anderen Bäuerinnen, auf den Markt brachte. Ach ja, cr hatte Grund, Gott zu preisen, der ihm endlich gestattete, ruhig in diesem Paradies zu leben. Und wie herrlich waren die Accker der Ebene! Nicht umsonst weinten diese Hunde von Mauren, wie die Geschichtsschreiber berichteten, als sie daraus verjagt wurden! Die Ernte hatte das Ponorama gleichsam weggefegt, die dichten mit Mohn durchzogenen Ge- trcidebreiten, die den Blick wie goldene Mauern auf allen Seiten versperrten, niedergelegt. Jetzt erschien die Ebene viel größer, sozusagen grenzenlos: sie zeigte auf unabsehbare Ferne ihre großen roten Schollen, die durch Fußpfade und Kanäle voneinander getrennt waren. Die ganze Ebene beobachtete aus das strengste das Gebot der Sonntagsruhe, und da das Getreide erst kürzlich ge- schnitten war und man Geld besaß, so fühlte sich niemand versucht, das Gebot der Kirche zu verletzen. Man sah nicht einen einzigen Mann auf den Schollen, nicht ein einziges Tier auf den Straßen. Die alten Frauen wanderten mit ihren schönen Mantillen, die sie bis auf die Augen hcraufge- zogen hatten, ihre kleinen Stühle über dem Arm, über die Wege und Steige, den Lockungen der Glocke zu gehorchen, die dort drüben jenseits der Dächer des Dorfes läutete. Auf einem Wege haschte sich eine Schar Kinder mit lautem Ge- schrei. Auf den grünen Böschungen hoben sich die roten Hosen einiger Soldaten ab, die die Sonntagsruhe benutzten, um einige Stunden bei den Ihrigen zu verbringen. In der Ferne knallten mit dem Geräusch zerreißender Leincwand die Flintenschüsse, die auf die Schwalben abgegeben wurden, die in Zickzackkreisen hier und da nut leisem Zischen herum flogen. Uebcr den Kanälen summten Schwärm? fast unsicht barer Fliegen, und in einem blau angestrichenen Gehöft drehte sich unter einem alten Spalier ein Wirbel geblümter Röcke und prächtiger Kovftücher, während di" Gitarren in schläf- rigcm Rhythmus spielten und unter Wiegen der Kantilene das Waldhorn begleiteten, das die maurischen Töne der valen» dänischen„Jota" bis zu den entlegensten Enden der in der Sonne schlummernden Huerta hören ließ. Batiste dehnte sich behaglich in dem friedlichen Wftjl- behagen, das sozusagen in der Luft schwebte. Seine Tochter war mit den Kleinen zum Tanz nach dem Gehöft gegangen, seine Frau schlummerte in der Laube, und er selbst ging von seinem Hanse bis zur Landstraße auf dem noch nicht be- bauten Streifen Erde auf und ab. Von der kleinen Brücke aus erwiderte er die Grüße seiner Nachbarn, die mit der fröhlichen Miene von Leuten vorüberkamen. die cinein äußerst amüsanten Schauspiel beiwohnen werden. Sie gingen zu Copa, wo sie die berühmte Wette Pimentos gegen die Brüder Terrerola mit ansehen wollten, zwei eigensinnige Köpfe, die ebenso wie der Prahlhans der Arbeit Feindschaft geschworen hatten und ihn tagtäglich in die Kneipe begleiteten. Diese drei Nichtstuer wetteiferten im Sausen. Ein jeder hatte es sich zur Ehre gemacht, die beiden anderen auszustechen, und daraus war eine Unmenge von Hcranssorderungen und Wetten hervorgegangen, namentlich zu den Zeiten, wenn es von Kunden in der Schenke wimniclte. Diesmal handelte es sich darum, beim Truquespiek nichts weiter als Branntwein zu trinken, und als Sieger sollte der gelten, der zuletzt unter den Tisch fiel. Sie hatten am Freitag angefangen, und Sonntag nach- mittag saßen sie noch alle drei auf ihren Schemeln, spielten die hundertste Partie Truque und hatten einen riesigen Branntweinkrng neben sich auf einem kleinen Spieltisch stehen. Tie ließen die Karten nur liegen, um die schmack- hasten Würste zu verzehren, wegen deren Copa berühmt war, weil er eine ausgezeichnete Methode besaß, sie in Oel auf- zubewahren. Die Geschichte dieser Wette hatte sich in der ganzen Ebene verbreitet, und auf eine Meile in der Runde waren die Leute wie zu einer Prozession herbeigeströmt. Die drei Helden blieben keine Minute allein. Sie hatten jeder ihre Anhänger, die abwechselnd den vierten Mann im Spiel abgaben und bei Einbruch der Dunkelheit, wenn die Zuschauer nach Hause zurückkehrten, da blieben, um die„Champions" beim Lichte einer an einer Pappel befestigten Lanipc Truque spielen zu sehen. Der Wirt war nämlich ein wenig ausdauernder Mann, der die lange Weile dieser blöden Wette nicht zu cr- tragen vermochte: sowie die Schlafenszeit gekommen war, warf cr die Spieler hinaus, brachte sie auf dem kleinen Platze unter, lieferte ihnen neuen Branntwein und schloß die Tür.- Viele der Bauern taten über diese Wette sehr entrüstet, doch im Grunde waren sie alle zufrieden, solche Leute zu den Ihrigen zählen zu können. Ach, sie waren kräftig, die Burschen, die die Huerta her- vorbrachte. Der Branntwein floß ihnen wie Wasser durch den Körper.... Die ganze Nachbarschaft beobachtete die Schenke, und die Nachrichten über die einzelnen Phasen der Wette verbreiteten sich mit wunderbarer Schnelligkeit. Sie hatten schon zwei Krüge getrunken, und das war so gut wie gar nichts. Copa schrieb den verzehrten Branntwein auf, und die Anwesenden wetteten je nach ihrer Neigung für den einen oder anderen der Rivalen. Auch Batiste hatte von dieser Herausforderung gehört, für die sich die ganze Ebene begeisterte, lind dieser nüchterne Mann, der fast nichts über den Durst trinken konnte, ohne .Kopf- und Hcrzschmerzcn zu bekommen, empfand unwillkür- lich ein der Bewunderung ganz ähnliches Erstaunen vor diesen Tieren, die, wie er meinte, einen Blechmagen haben mußten. Das mußte er sich ansehen! Und er folgte mit nerdischen Blicken den anderen, die ihre Schritte nach der Schenke richteten. Warum sollte cr nicht auch hingehen, wie die anderen? Bis dahin war er noch nie zu � Copa gegangen, dessen Haus lange Zeit der Herd der Feindschaft war: doch heute rechtfertigte dieses merkwürdige Ereignis alles, lind zum Teufel, wenn man so viel gearbeitet und eine so gute Ernte gehabt hat, konnte man sich als ehrlicher Mann doch wohl ein Stündchen Zerstreuung gönnen. Und rief seiner schlafenden Frau zu, er ginge aus, und schlug de a nf"* der Schenke ein. Ein iluijlw ichlicher Ameisenhaufen, eine Fülle von Leuten drängte sich auf dem kleinen Platze vor Copas Haus. Man sah hier alle Männer aus der Unigegend in Hemds- ärmeln, in ihren Plüschhosen, ihre gewickelten schwarzen Gürtel um den Leib und init ihren in Mitraform um den Kopf gelegten Hüten. Die Alten stützten sich auf dicke Liria- stocke, die Jungen zeigten unter den aufgekrempten Aermeln nervige, rote Arme und trugen im Gegensatz dünne Eschen- stöckchen in den ungeheueren, schwieligen Händen. Die großen Pappeln, die das Haus umgaben, verliehen diesen lärmenden, beweglichen Gruppen ein gespenstisches Aussehen und ver- senkten sie in schattenhaftes Halbdunkel. Zum erstenmal betrachtete Batiste aufmerksam die be- rühmte Schenke mit den geweißten Mauern, den blau ange- strichenen Fenstern und den Türen, deren Pfosten mit präch- tigen Manisekacheln ausgelegt waren. Das Haus hatte zwei Türen. Die eine lag zur ebenen Erde, und durch die geöffneten Flügel bemerkte man die doppelte Reihe ungeheuerer Tonnen, die bis zur Decke hinauf- stiegen, den Hausen leerer und faltiger Schläuche, die großen Trichter und die riesigen, von dem beständigen Einlauf der Flüssigkeit rot gefärbten Zinnmaße sowie ganz im Hinter- grund des Raumes den schweren Wagen, der bis zu den äußersten Enden der Provinz fuhr, um die bei den Winzern gemachten Einkäufe nach Hause zu bringen. Dieses dunkle, feuchte Lokal strömte einen Weindunst, einen Mostgeruch aus, der die Nasen betäubte, die Sehkraft trübte und den Ge- danken erzeugte, die Atmosphäre und die Welt müßten im Weine untergehen. Da lagen alle Schätze Copas dicht neben- einander, diese Schätze, von denen alle Trunkenbolde der Huerta mit ehrfurchtsvoller Salbung sprachen. Er allein kannte das Geheimnis der Tonnen; seine durch die alten Dauben dringenden Blicke bewerteten die Qualität des feurigen Blutes, das in ihnen enthalten war; er war der Hohepriester dieses Alkoholtemvcls, und wenn er jemand eine ganz besondere Aufmerksamkeit erweisen wollte, so zog er selbst vom Besten ab. mit einer Vorsicht, als hielt er die Monstranz in den Händen; mit frommer Ehrfurcht brachte er die Karaffe, in der die topasartige Flüssigkeit mit ihrer Rcgenbogenreflexe ausstrahlenden Dianiantenkrone glitzerte. Die andere Tür führte zur Schenke; sie wurde eine Stunde vor Sonnenaufgang geöffnet, um zehn Uhr geschlossen und bildete auf dem dunklen Wege ein großes rötliches Recht- eck, das das Licht der über dem Schenktisch hängenden Petra- leumlampe hervorbrachte. Tie Mauern waren bis zur Manncshöhe mit roten lackierten Ziegeln versehen, und das Täfelwerk endete in einer Einfassung von geblümten Kacheln. Von dieser Einfassung an bis zur Decke war die ganze Ober- fläche der erhabenen Kunst der Malerei geweiht. Dieser Copa, der den Eindruck eines plumpen Bauern machte, der nur darauf bedacht schien, seine Kasse zu füllen, war in Wirklichkeit ein regelrechter Maren. Er hatte aus der Stadt sogar einen Maler zu sich kommen lassen und über eine Woche bei sich behalten, und diese Laune eines Grand Seigneurs, der die schönen Künste beschützt, hatte ihm, wie er behauptete, wenigstens fünf Duros gekostet. lFortsetzimg folgt.) (Nachdruck verboten.) Onkel jfakob. Von E. P r e c z a n g. (Schluß.) Der achtjährige Georg sagte: ,,Fisi bellt. Kommt Onkel Jakob, Vater?" „Wenn er lebt, sicher." „Was?" Ans dem Schatten des OfcnS tauchte eine weibliche Gestalt mit ländlich-ftrengen Zügen:„Jakob kommt?" „Stets." Heinrich, Jakobs Schivager, ging schon ungeduldig lm Zimmer auf und ab:..Zu Weihnachten kommt er immer. Sonst läßt er sich selten mal sehen. Er wird sich freuen, Dich zu treffen." „Wer weiß auch. Ich mache mir nichts aus seiner Ge- sellschaft." „Wieso. Therese?— Ach so," Heinrich erinnerte sich lachend. „Na, mein Gott— deshalb l Ist ja schon hundert Jahre bald her! Es muß doch mal'n Ende haben mit Deinem Haß." „Von Haß ist keine Rede. Aber ich bin nicht zu Vesuch bet Euch gekommen,. um mich zu ärgern." „Acrgern? Wer ärgert Dich?" „Na, sagte Therese,„wenn ich schon sein Gesicht sehen mußt Diesen ganzen kalten, herzlosen, leichtfertigen Menschen!" „Bißchen viel auf einmal," meinte Heinrich.„Ich kenne ihn von den Seiten nicht." „Ich kenn ihn. Ein Herz hat er wie ein ausgetrocknetes Tintenfaß!" Es klang so scharf, daß der kleine Georg erschrocken aufsah. Aber da in diesem Augenblick die Haustür ging, sagte Heinrich nur sehr ernst, fast warnend:„Halte Frieden. Tu bist mein Gast, aber er ist auch mein Gast." Ein weißer Mann trat herein. „Der Weihnachtsmann!" schrien jauchzend die stinder, und fielen über ihn her. Endlich konnte er allen die Hände drücken. An Therese ging er nur sehr zögernd heran:„Sich," sagte er erstaunt und ein wenig Verlegern Sie gab ihm die Hand:„Du bist recht alt geworden." Er lachte.„Ja. Das ist nun mal so. Das heißt: Du hast Dich gut gehalten." Tie Kinder drängten zur„Bescherung". Sie wurden hinaus- spediert. Tann öffneten sich Kommode und Schrank, Thereses Tasche und Jakobs Lcinwandkoffer. Ter Baum wurde angezündet. Die Kinder kamen herein, lind Onkel Jakob stand am Ofen und freute sich mit ihnen. Minna, seine Schwester, erinnerte sich als ewig besorgte Haus- frau bald ihrer Gäste. Ter Tisch zum Abendessen wurde her- gerichtet. Therese half. Heinrich sagte:„Der Rum läßt sich auch ohne Wasser trinken. Man muß bloß nicht zu kleine Gläser nehmen!." Er reichte Jakob ein Gläschen und war in der heitersten Laune:„Man denkt, man ist drüber hinaus— über solchen Kram—" er wies auf die Kinder und den Baum—„aber Spatz macht's doch immer wieder." Jakob nickte und sagte:„Ja." Er sagte stets und zu allem „ja" in solchen Momenten. Georg blies ununterbrochen auf einer Trompete, die Tante Therese ihm geschenkt. Essen wollte er nichts.„Wenn ich blase,"' sagte er, Hab' ich keinen Hunger." Tie übrigen saßen in fröhlicher Stimmung um den Tisch. Onkel Jakob meinte lächelnd:„Na, Du, solche Trompete schaff ich mir auch an. Vorläufig aber will ich diesen Fisch—" Er kam nicht zu Ende mit seiner Rede; denn Georg steckte ihm einfach das Mundstück der Trompete in den Mund und sagt«: „Ist wirklich wahrl Probier mall Aber Du mutzt tüchtig blasen. So tüchtig, daß die Fenster wackeln. Das möcht ich nämlich gern mal sehen." Onkel Jakob wehrte sich gegen den plötzlichen Angriff, lachte toll los, wollte erst seinen Bissen aufessen, blies aber dann doch unwillkürlich— einmal, zweimal aus Leibeskräften... da ver- stummte das Horn plötzlich. „Nanu, was ist denn das? Sie bläst ja nicht mehr." Neue Versuche. Nein. Kein Ton kam heraus. Georg pustete hinein, daß ihm die Augen übergingen. Ver- gebens. Er fing an zu jammern. Die Trompete ging von Hand zu Hand, von Mund zu Mund. Umsonst. Georgs Verzweiflung wuchs. „Wie das nur gekonunen sein mag?" Jakob sah verlegen auf die übrigen.„Es muß ein Gräte hineingerate» sein." Tante Therese zuckte die Achseln und erwiderte mit einem vorwurfsvollen Blick:„Jedenfalls ist dem Jungen sein Vergnügen verdorben." Georg heulte noch lauter.„Ja." weinte er, mit bösem Blick zu Jakob,„Du hast überhaupt ein Herz wie ein Tintenfaß." Sein Vater bohrte gerade mit einer Gabel in dem ruinierten Instrument herum:„Kreuzmillionen, Bengell Jetzt sei aber stilll" Die Trompete flog gegen den Ofen. Jakobs Schtvcskcr lachte:„Wo hat er denn das her?" Therese war glühend rot geworden. Jakob wußte nicht, was er tun sollte. Er stocherte auf seinem Teller herum und hätte lachen, weinen und schimpfen mögen, sagte aber nur:„Wer Dich das gelehrt hat, mein Junge, das war jeden» falls ein sehr guter Freund von mir." Sein Schtoager ging wie ein wütender Löwe in der Stube auf und ab, Zornesblicke auf den Jungen sendend, der sich in eine Ecke verkroch. Therese kriegte auch einige ab. Und Minna, die Hausfrau, januncrte:„Nun laßt Ihr wohl gar das Effen stehen I Um solchen Ouarkl Ist das nicht lächerlich? Sei still, Georg, oder— I" Eine drohende Handbewegung. „Hinaus!" Heinrich nahm seinen Sohn beim Kragen und setzte ihn vor die Tür:„Feine Weihnachten I Das muß man sagen!" Und zu Jakob:„Nun iß Dich wenigstens sattl Ich begreife gar nicht, wie man sich solcher Lumperei wegen so aufregen kann!" „Der Aufgeregteste bist doch Tu", meinte Therese. „Du sei still, ja? Denn was Gescheites koimnt auS Deinem Munde nichtl Solche Redensarten zu sührenl" Therese wollte erwidern, aber ihre Schwägerin verschloß ihr mit der Hand den Mund:»Laß uns abräumen." Das geschah. Ter Grog kam herein. Mit ihm Georg. In eine Ecke drückte der sich nieder. Still, aber die vorwurfsvollen ?:ugcn traurig auf Jakob gerichtet. - 9' Auch blc anderen Kinder ivareu berschuchicet. Jakob schmeckte nicht Grog, nicht Tabak. Er nippte nur am Glase, und die Zigarre erforderte alle paar Minuten ein Zündholz. Mit den Frauen war's nicht viel anders. Tic trotzten auch geärgert vor sich hin. Bis Heinrich mit der Faust auf den Tisch schlug:„Ist denn das nun Weihnachten? Tas ganze Jahr freut man sich drauf und jetzt— Wütende Blicke nach allen Richtungen. Onkel Jakob, der unausgesetzt auf die Kinder gesehen, stand plötzlich auf und ging hinaus. Heinrich sah ihm nach, dachte sich aber nichts dabei. Es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde. Ein Schlitten klingelte. Therese horchte auf und rückte. „Wo bleibt denn der Jakob?" Ihr Bruder fragte. Ta blitzten Tante Thereses Augen auf:„Gedrückt hat er sichl Fortgelaufen ist er! Wie damals bei mir! Nachdem er einen Menschen in Leid versetzt hat, läuft er davon I Das ist seine Art! Hab ich nun recht, wenn ich sage: er hat ein Herz wie ein ausgetrocknetes Tintenfaß? Statt zu trösten, statt die gute Laune wieder herzustellen, macht er sich aris dem Staube I€>, ich kenne ihn!" „Unmöglich," sagte Jakobs Schwester.„Das kann nicht sein." „Nee." Ihr Mann schüttelte den Kopf.„Das— 1" Er ging hinaus, Jakob zu suchen. Kam zurück und sagte nur:„Fort ist erl" Dann brachte er leine Stunde lang keinen Laut mehr heraus. Nur Therese sprach: ihren ganzen Groll schüttete sie aus. Ter hatte sich seit fünfzehn Jahren angehäuft. Minna, Jakobs Schwester, schüttelte immerzu den Kopf. Mein Gott, tvas für ein Ausbund an Schlechtigkeit, Leichtfertigkeit, Herzcnshärte war doch ihr Bruder! Na,'dachte sie bei sich, wenn Du fertig bist, muß ich wohl auch einen Ton dazu sa�enl Aber sie kam nicht dazu. Denn noch ehe Therese mit ihrer Anklagerede zu Ende war, läuteten wieder Schlitienglöckchen, die in scharfem Trabe nähergeführt wurden, Fifi bellte, der Schlitten hielt— Onkel Jakob trat ins Haus und in die Stube. Sein altes vertrocknetes Geficht leuchtete vor Eifer und Freude: „Da, Georg, hast Tu eine neue Trompete. Ein schlechter Tausch ist es nicht, glaub ich." Und zu den übrigen:„Ihr anderen dürft es mir nicht weiter übelnehmen, daß ich Euch einige Wcihnachts- stunden verdorben habe." Georg blies schon auf seinem neuen Instrument und war außerordentlich glücklich. Tas steckte an. Mit der Trompete kam der Frieden, kam die Freude wieder. „Wo, zum Teufel, hast Du die denn so schnell hergenommen?" fragte Heinrich. „Ich Hab eine Extrapost genommen." Heinrich kehrte sich um. steckte die Hände in die Joppentaschcn und sagte:„Du bist verrückt." Aber er kehrte sich doch gleich noch einmal um und umarmte Jakob:„Trinkst Tu einen Grog mit mir?" TaS wollte Jakob gern— nicht nur einen. Aber zunächst zog ihn Therese mit zitternden Händen in eine Ecke:«Du, jetzt sag mir mal: ivarum hast Tu mich damals sitzen lassen?" Er mochte erst nicht heraus mit der Anitwort. Sprach aber dann doch mit einiger Unsicherheit:„Es war ja nur eine Kleinig- keit, aber mich stieß sie ab: ein Taglöhnerkind kriegte von Dir ein paar Maulschellen und furchtbar ausgeschimpft, weil es sich ein paar Aepfel genommen. Da dacht ich: steh'n die Sachen so? Da geh beizeiten." Therese fand nur langsam ihre Sprache wieder:„Des- wegen gabst Du mich auf?" „Laßt doch den alten Klatsch!" Heinrich wurde ungeduldig. „Dein Grog wird kalt. Eine Wcihnachtszigarre Hab ich Dir auch schon abgeschnitten." Onkel Jakob nickte freundlich den Kindern zu und stieß mit seinem Schwager an. Therese aber war den ganzen Abend hindurch sehr nach- denklich.— l Schluß.) Sine„luftige" Sefcbichte. Villi F r e d r i ch hat sie geschrieben,„Schön S u s ch e n und die beiden Grazien" nennt sie sich;„eine lustige Gc- schichte", fügt der Untertitel hinzu. Nun, eine„lustige Geschichte" ist es auch, man muß viel dabei lachen, nur in etwas anderem Sinne, als die Verfasierin gemeint hat. Ein Buch für die Jugend, für die reifere Jugend. Die Großen sollten es auch lesen; wenn sie es nämlich gelesen haben, geben sie es der Jugend ganz gewiß nicht in die Hand, weder der reifen, noch der unreifen. Es ist auf dem Gebiete der Jugendliteratur schon Viel gesündigt worden, die„lustige Geschichte" übertrifft alles. Also,„Schön Suschen und die beiden Grazien". Schön Tüschen spielt eigentlich nur eine Nebenrolle, die beiden Grazien heißen im bürgerlichen Leben Thea und Etti Fangmeier, zwei aufgeblas. me dumme Dinger, eitel, putzsüchtig, naschhaft und verlogen. Die Mutter hat ihr Vermögen verloren, und die Mädchen sind gc- 9— zwungen, Verdienst zu suchen. Thea geht alS Gescllschafte.in fti ein— ausgerechnet— gräfliches Haus— Etti zieht noch Berlin. um„das Schauspielern zu erlernen", wie Lilli Frcdrich sich ausdrückt. Am Anfang finden wir Thea auf dem Wege zu„Grafs". Diese ebenso melodische wie geistreiche Bezeichnung behält ihre Herrschaft durch das ganze Buch. Thea hofft auf große Dinge bei„Grafs". vor allem auf einen reichen Rann:«Ohne einen Baron als Ber- lobten kam sie gewiß nicht heim, das st and bombenfest und war so klar wie dicke Tint e," sagt Lilli Fredrich in ihrer bilderreichen Sprache. Ueberhaupt diese bilderreiche Sprache; sie. übertrifft selbst die der Chinesen. Die Verfasserin verfügt über Vergleiche, auf die kein anderer Mensch kommen würde. Eine Mutter will ihre Tochter nicht in Stellung geben, ihr Bruder redet ihr zu, und dieses Zureden„wurde Tauwind für ihre Be» denken, sie, die!M ar in or Harte, ward n ud e l w c i ch". Ein junges Mädchen„wird rot wie ein neugedecktes Ziegeldach". Schön Suschen schnellt vor Freude über das Wiedersehen mit einer Freundin in die Höhe, wie eine be- freite Sprungfeder. Eine Leiter fällt umv „Kracht fiel sie zu Boden, p a r d a u tz l stürzte sie zum andern mal, rattatata sauste sie wieder herab, und mit einem dumpfen unheimlichen bum-bum-bums dröhnte sie zum vierten Male auf den Teppich nieder.'� Wirklich eine komische Leiter, sie scheint auch wie eine„befreite Sprungfeder" inimer wieder in die Höhe gestiegen zu sein. Etti „liegt es auf der Brust wie viele Kilogram m", als sie umziehen muß, sie wäre also froh, wenn sie„z immer- s u ch e n d e r w e i s e" ihre Cousine Suse treffen würde. In anderen Büchern essen die Leute und essen auch manchinak ein bißchen viel. Bei Lilli Fredrich„fährt man ein". Etti fuhr ein wie eine Mastkuh, heißt es einmal in einem ganz be- sonders eleganten Bilde und auch von Thea wird gesagt:„s i e f u h r große Portionen ein". Bei Leuten, die in dieser besonderen Weise speisen, kann man sich nicht wundern, wenn sie auch besondere Geschmäcker entwickeln und mal gern was„Extraes" zu essen wünschen; so bestellt sich denn Thea beim gräflichen Koch marinierte Heringe mit Schlagsahne, oder Omelettes mit Sgrdellen, Etti gerät mit ihrer Wirtin in Streit, weil diese den Wirsingkohl nicht mit Kümmel kochen will. Gelegentlich dieser Wirsingkohl- affäre flicht Lilli Fredrich übrigens eine hauswirtschaftliche Beleh- rung ein, die sehr interessant ist. Der Wirsingkohl war nämlich kein frischer, sondern getrockneter.„Letztere Tatsache war aber ohne jeg-. lichen Einfluß auf die Entwickelung der Ereignisse; denn ob man in einer Großstadt wie Berlin das Gemüse frisch, getrocknet oder in Konserven kauft, ist in bezug auf seine Güte und Qualität total das nämliche." Daß Güte und Qualität auch„total das nämliche" sind, scheint die Verfasserin nicht zn wissen. Wenden wir uns anderen seltsamen Seiten dieses seltsamen Buches zu. Da ist vor allem die geradezu glänzende Kenntnis der Naturgeschichte zu erwähnen, die Lilli Frcdrich entwickelt. Ein zahmer Nabe ist seiner jungen Herrin entflohen und stellt nun philosophische Betrachtungen an über als das Gute, das er daheim gehabt, nämlich:„regelrechtes Essen, anständige Behandlung und — sein weiches Federbett". Ob einen Schlafrock und Pantoffeln, wird leider nicht gesagt. Jedenfalls kann man sich aber auch nicht wundern, wenn derselbe Rabe den Speck, den man ihm vorwirft, um ihn heim zu locken,„beschnuppert"; wie er das gemacht haben kann, ist freilich etwas rätselhaft. Ein anderes Mal geht Etti mit Salatköpfen über die Straße, sie fallen ihr aus dem Arm;„schrumm, pardautz— war wieder einer aufs Trottoir gefallen und wurde von zwei Tauben als hoch willkommene Beute begrüßt. Etti aber, fix wie sie war, bückte sich und schlug ihn erden Salatkopf um die Ohren. Das schaffte sofort den gewünschten Erfolg. Die Ge maßregelten flogen in die Höh e." Tauben mit„Ohren", die ruhig sitzeiH bleiben, bis man ihnen einen Salatlopf um diese ihre Ohren schlägt» sind wohl auf alle Fälle zoologische Raritäten. Aber nicht bloß diese Vergleiche und Unsinnigkeiten, auch der ganze Sttl, die Schilderung der Personen und ihrer Eigenheiten geben dem Buch seinen Charakter. Ich möchte wissen, was sich die Verfasserin gedacht hat, als sie den Pompadour der Dichterin Blüten reich jchil- dcrte. Die Dichterin entnimmt ihm nämlich:„Drei paar Strümpfe, n, chrere dickleibige Bücher, ver- schicdcne BuchPapier.eine große Flasche Brenn. spiritns und andere Einkäufe". Ob es wirklich „Pompadours" gibt, die all das zu bergen vermögen? Oder soll dies« unsinnige Uebertreibung zum Lachen reizen? Dan» ist's zunr mindesten ein Lachen, das nur mit einen« Kopfschütteln begleitet werden kann. Und dieses Kopfschüttcln kommt einem Seite für Seite. Theas Verhalten bei„Grafs" wird geschildert:„BegeisteruriHsselig und schönheitsdurstig, wie sie war, spielte sie denn(wenn„Grafs'" nicht daheim waren) Graf und Gräfin möglichst in den Zimmern' derselben, und sie legte die Roben der letzteren an."' (Ter Zimmer also).„Sie kannte daS seidene Rokokkokostüm ganz, genau, in welchen, s i c letzthin an einem herzoglichen Hofe Menuett Hüwnzt hatte/' Wenn s i e selbst bann getanzt hat, und nach dem Satzlxiu bezieht sich das sie. nur auf Thea selber, wird„sie" es ja wohl kennen, sollte mau meinen.„Zur Abwechselung", heißt es dann weiter,„dachte sie sich auch die Gedanken eines Grafen und einer Gräfin aus." Ebenso macht -es ihr Spaß, in das Boudoir der Gräfin zu gehen und da auf dem Teppich zu schlafen. Hier ereilt sie ihr Schicksal. Ich zitiere wörtlich:„Tas tat sie sogar einmal, als Frau Gräfin zu Hause war. Sie war zwar daheim, aber sie schneiderte... Es machte ihr nämlich Freude, sich ab und zu ein Hauskleid selbst zu arbeiten. Thea nannte diese Idee barock und fand es dito abgeschmackt, daß die Gräfin ihre besten Vorratsbetten selbst durch die lveiten Korri- dore des Schlosses trug. Sie hatte ja so viel Dienerschaft und jeden Tag konnte sie ein anderes seidenes Kleid anziehen lvenn sie wollte." Kommentar zu diesem, nein, es muß gesagt werden — Blödsinn, ist wckhl überflüssig. Und der Blödsinn geht weiter. Thea schläft also auf dem Tcppich:„Aber da jeder Sünde und jedem Unrecht einmal im Leben der Tag aufgeht so—" Na, was meinen Sie, was nun kommt, meine Herrschaften?... also„so — vermißte die Gräfin ihren Fingerhut— ein Kunstwerk mit allegorischen Figuren, das sie von einem Fürsten als Hochzeits- geschenk erhalten hotte— und sie kam selbst in ihr Boudoir, um ihn zu suchen." Zum Schluß will ich noch verraten, daß Thea sich mit dem Obergärtner verlobt„trotzdem sein Urgroßvater kein Denkmal in Berlin hat." Als sie zu ihrer Adutter heim- reist, gibr ihr der Bräutigam verschiedene Verhaltungsmaßregeln mit. „Jeden Tag mußt Tu mir einen Brief von wenigstens zwanzig Seiten schreiben. Was irgend wichtig ist, unterstreiche zehnmal darin, und was noch wichtiger ist, die ganze Seite lang. Vergiß auch nicht, zu erwähnen,>oie viel Butterbrote Du täglich ißt, denn das zu wissen, ist von eminenter Bedeutung für mich. Mein« und Deine Schwester können Dir so viel an Deiner Aussteuerwäsche Helsen, wie sie wollen, Du aber darfst nicht einen Namen einsticken, das dulde ich einfach nicht. i-.md wir erst verheiratet, packe ich Dich ohnehin in Warte und setze Dich in einen Glasschrank, und sollte Tic in unserer Ehe auch nur ein Finger tvehe tun, oder solltest Du gar große Wäsche haben, so muß natürlich einer der Unsrigen kommen, um zu helfen, denn ich könnte es ja nicht bei Gott ver- antworten, wenn Du auch nur ein Haar von Deinem teuern Haupte verlörest.� Ehe Tu aber reist, gebe ich Dir noch zwei Dutzend Taschentücher mit, für jeden Tag, den wir getrennt sind, eins." Man fragt sich, wenn man das gelesen hat, unwillkürlich, ob der Manr ei» Idiot ist. Er soll aber nur ein verliebter Bräutigam und sonst ein ganz vernünftiger Mensch sein. Alles in allem also wirklich ein lächerliches Buch. Man lacht von Ausaug bis zu Ende, allein in dem Lachen klingt der Aerger vor,»der Aerger und der Zorn. Das Buch ist in einem großen Berliner Verlage erschienen, und wird von einem Warenhause ver- trieben. Mt jener billigen Schleudereleganz ausgestattet, die das Auge blendet, dabei für wenige Groschen erhältlich, mag es manchen Wen. Wir können nur sagen:— Hände weg!— G. Kleines feinlleton. k. Auf einem sinkenden Leuchtschiff hatte, wie aus New Dort gemeldet wird, die Besatzung von 15 Personen furchtbare Stunden durchzumachen, che sie im letzten Augenblick gerettet werden konnte. Das Nantucket-Lcuchtschiff, das erste, das die von Europa� kommenden Äeiseuden von Neu, chorl sehen, wurde während eines Sturmes am Sonntag leck. Die Mannschaft teilte durch drahtlose Depeschen mit, daß das Schiff in Gefahr wäre zu scheitern. Riesige Wellen von der Küste Neu-Englands trieben das Fahrzeug, dessen Besatzung von Ingenieuren mid Telegraphisten 15 Mann betrug, weiter hin- aus in die See.„Schickt bald Hülfe, wir sind in großer Gefahr I" lautete die erste Depesche am Sonnlag. Das Leck hatte sich ertveitect und die für die Maschinerie des. Schiffes nötigen Feuer wurden gelöscht. Nun besaud sich das Leuchtschiff in der Gelvalt der großen atlantischen Sturzsceni>veim das Feuer gelöscht ist und die Maschit.e» zum Stillstand gekommen sind, ist es hülfloser, als die alten Segelschiffe. Eine zweite Depesche, die inaii am Land empfangen batte, lautete:„Wasser steigt noch. Schickt Hülse. Wir sind hülflos." Schließlich wurde noch eine dritte drahtlose Nachricht ausgeschickt:„Schickt Hülfe von irgendwo her." Da der Sturm so heftig getobt harte, verzlveiselten schon viele Leute au der Rettung der Besatzung, besonders da man nichts mehr von ihnen hörte; die Schiffbrüchigen waren durch ständiges Pumpen, Schlaf- losigkcit und Aufregungen tvährend des Sturmes so erschöpft, daß sie leine Nachrichten mehr geben konnten. Der Sturn: hatte in- zwischen die höchste Geschwindigkeit von 80 englischen Meilen in der Stimde gehabt,-13 Stunden lang hat kein Mann an Bord etwas gegessen oder geruht. Als das Schiff Montag nacht schon lief im W lasser lag und die Wogcn sein Vorder- und Hinterdeck besvüüeu. erschien endlich der Tender„Azalea". Mail wollte das Leuchtschiff ins Schlepptau nehmen, aber es Ivar unmöglich. Zehn Minuten, nachdem die Besatzung das Rettungsboot der„Azalea" bestiegen hatte, ging das Leuchtschiff unter.— — Kelten in Dentschlanb. Zu Casars Zeit waren nicht nur Gallien und Britannien, sondern auch ansehnliche Teile Deutsch- lands von keltischen Völkerschaften besetzt. In dem Gebiete nörd- lich der Alpen bis zur Donau saßen im Nordosten die Bojer, im Südosten die Noriker, im Nordwesten die Hclveter und im Süd- Westen vorhelvetische gallische Stämme, zwischen den Bojern und den Helvetern, die damals noch das Gebiet vom Main bis zum Rhein innehatten, wohnten die Vindeliker von der Donau bis an den Fuß der Alpen. Tiesem keltischen Stamm schreibt der Mün» chener Altertumsforscher F. Weber die wichtigen Gräber- und An- siedeluirgsfunde zu, die im Laufe des vergangeneu Jahrzehnts bei dem Dorfe Manching, eine Stunde südöstlich von Ingolstadt, ge- macht worden sind. Die Reste jener Wohnstätten lagen, schreibt man der„Tägl. Rundsch.", innerhalb eines alten Ringwalles und gehören der letzten Stufe der La-Tene-Zeit, dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, also dem Jahrhundertc Casars, an. Außerhalb des Walles wurde ein ausgedehntes Reihcngräbersekd aufgefunden, das aber noch der vorletzten Stufe der La-Tene-Zeit angehört und in das zweite vorchristliche Jahrhundert zu stellen ist. Leider ist ein großer Teil der Gräber zerstört worden, dennoch konnten genug geborgen werden, um ein deutliches Bild der Be- stattungsweise zu geben. Die Leichen kamen vollständig bekleidet und ausgestattet in die Erde; sie lagen augenscheinlich nicht in Särgen(von denen lvenigstens nichts übrig geblieben ist), sondern wurden, nur in Kleidern oder allenfalls noch in ein Tuch gehüllt, in die Erde verseickt. Den Männern:var Schwert, Schild und Lanze beigegeben. Der Schmuck bestand in Fibeln(Gewandnadeln) Ulrd Oberarmrcifcn aus Eisen und Bronze. Die Fibeln sind aus der linken und rechten Achsel beobachtet worden und deuten somit auf dort geschlossene Gewänder, Leibrock und Mantel. Die Arme scheinen wegen des Ringschmuckes nackt gewesen zu sein; die Be- kleid-i:ng mit Hosen und Schuhen ist als sicuer anzunehmen. Auch die Frauen trugen die Arme vermutlich bloß und ringgeschmückt, dabei aber lange, bis auf die Füße reichende Gewänder und einen Mantel darüber, lvahrscheinlich auch einen Schleier oder ein Tuch über dem Kopf. Um die Hüfte hatten sie einen Gürtel von Bronze oder Eisen und um den Hals sehr häufig einen Schmuck aus Glas- perlen. Die Funde von Manching zeigen uns nach Weber die Vindeliker als ein Volk, das auf gleich hoher Kulturstufe stand, wie die gallischen Völker im Westen, die mit den alten Kulturländern im Mittelmeergebiet über Massilia in steter Verbindung waren und den Römern der republikanischen Zeit nicht wesentlich an Gesittung nachstanden. Wir sehen in der Gräberausstattung eine Kultur- höhe erreicht, die derjenigen der Reihengräbcr in der Merowinger- zeit gleichkommt, also bei den germanischen Völker» sich erst 500— 600 Jahre später zeigt.— Humoristisches. — BoShaft. Händler zum Sonntagsjäger: .. Ein ganzer Has' ist leider nicht mehr da— aber einen schönen Hasen rücke n Hütt' ich noch I"— — Von der Volkszählung. Hochwohllöbliches Bezirksamt I In unserer Gemeinde hat die Volkszählung heute leider nicht zu Ende geführt werden können; denn bei dem Herrn Lehrer ist mittags ein Bub' und nachmittags ein Mäderl angekommen, und weil er gewöhnlich alle Jahr' Drillinge kriegt, sind wir noch im Ungewissen und verbleiben in dieser frohen Erwartung die gehorsamste Gemeindeverwaltung von Storchheim.— — Beleidigt. Fremder:„Zum Antreiben Ihrer Ochsen brauchen Sie doch nicht imnier gleich die Peitsche zu nehmen I Das könnten Sie ja auch mit Worten machen I" Bauer:„Na na— die hab'n rni' zu arg g'ärgert I Mit dena red' i' nix mehr I"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Eine Z ei t u n g s- A u S st e ll u n g veranstaltet der Verein Berliner Buchdruck-Maschineiuneistcr. Sie umfaßt über 5000 Stücke und wird vom 17. bis 22. Dezember in den Industrie- Fcstsälen, Bcnthstr. 20, 1 Treppe, täglich von 10 bis 0 Ilhr geöffnet sein.— — Felix Philippis vicraktigeS Schauspiel„Der Helfer" hatte bei der Uraufführung im Wiener Bnrg-Thea ter einen starken äußeren Erfolg.— — Im Theater des Westens wird als nächste Novität die Operette„Die S ch ü tz e n l i e s e l" vorbereitet.— — Im Kunstsalon G n r l i t t sind 50 Pastelle(„Frühling und Sommer in Italien") von Melchior L echt er zu sehen.— — Die K ü n st l e r st a d t M ü n ch e n. Das von der Polizei- dircktio» herausgegebene Adreßbuch Münchens verzeichnet 1692 Künstler(Architekten, Bildhauer. Maler. Kupferstecher, Porzellan- inaler, Radierer und Mstographe»). Darunter sind 1232 Maler und Malerinnen und 266 Bildhauer.— — An der Wiener Universität wurde am 17. November ein ehemaliger Fris eurgehülfe zum Doktor der Rechte promoviert.— Verantwortl. Rcdatteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: V-rwärtö Buchdruckerei u.Vcrlag»aiij:aIt Paul Singer LcCo..Berlm LV/.