Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 246. Dienstag, den 19. Dezember. 1905 (Nachdruck verboten.1 26t Die fjucrta. Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Man konnte den Kopf nicht nach rechts oder links wenden, ohne auf ein Meisterwerk zu stoßen, dessen schreiende Farben die Kunden vergnügt stimmten und sie zum Trinken anzuregen schienen. Blaue Bäume auf violetten Feldern, gelbe Horizonte, Häuser, die höher als die Bäume, und Menschen, die größer als die Häuser waren, Jäger mit besenartigcn Gewehren, andalusische Musikanten mit der Po- saune an der Seite, schneidige Renner, die wie riesenhafte Ratten aussahen: ein ganzes Wunderwerk von Originalität, das die Trinker in Begeisterung versetzte, l'nd auf die Türen der Nebenzimmer hatte der Künstler in diskreter Anspielung auf das Lokal, dem er seinen Pinsel lieh, mißergewöhnliche Viktualien gemalt, Granaten, die wie zerplatzte blutige Herzen, Melonen, die wie ungeheuere Beißbeeren aussahen, und scharlachrote Wollenknäule, die sich für Pfirsiche ausgaben. Viele Leute behaupteten, die glückliche Konkurrenz, die die Schenke allen anderen der Huerta bereitete, hätte ihren Grund in dieser wunderbaren Dekoration, und Copa ver- fluchte die Fliegen, die eine so herrliche Schönheit durch ihren schwarzen Schmutz entstellten. Neben der Tür befand sich der schmutzige und klebrige Schenktisch, dahinter eine dreifache Reihe von kleinen Fässern, die von Flaschcnzinnen gekrönt wurden: das ganze Sortiment der verschiedenartigen und zahllosen Flüssigkeiten, die man im Hause verkaufte. An den Balken hingen wie groteske Wimpel Wurstgewinde, Rollen roter Beißbeeren, die so spitz wie Teufelsfinger aussahen und, gleichsam um die Eintönig- kcit der Dekoration zu unterbrechen, einige karmoisinrote Schinken und majestätische Trauben von kleinen Würstchen. Die Perlen für die leckeren Gaumen befanden sich in einem Schrank mit trüben Fenstern neben dem Schenktisch. Dort standen die Sterne der Pasta Flora, die Magdalenen- kuchen, die Rosinenkügelchcn, die mit Zucker bepuderten Tört- chen, alles in blassen Nuancen mit verdächtigen Flecken unter dem Moosflaum, der auf hohes Alter schließen ließ. Ebenso lag hier auch der frische weiche Murviedokäse, in appetitlichen brotähnlichen Stücken, die jetzt noch Sahne auszuschwitzen schienen. Außerdem hatte der Schenkwirt einen großen Kasten, wo er in Krügen die grünen, länglich aufgeschnittenen Oliven und die in Ocl eingelegten Würste aufbewahrte, die beiden Artikel, die am meisten verkauft wurden. Ganz im Hintergrunde der Schenke ging die Tür auf einen geräumigen, ungeheueren Hof hinaus, nuj einem halben Dutzend Oefen, in die die Kasserollen �geschoben wurden. Weiße Pfeiler stützten ein verfallenes Spalier, das einen Schatten auf den ganzen Hof warf, und hier standen, an einer Wand aufgcstavclt, eine so riesige Menge von Schemeln und kleinen Zinntischen, als hätte die glückliche Copa eine Invasion der ganzen Huerta in seine Schenke vorausgesehen. Batiste ließ die Blicke durch die Schenke schweifen und richtete sie dann auf den Wirt, einen dicken Mann, der aber niitten im Sommer auf seinem großen, massigen roten Kopfe eine dicke Mütze trug. Er war der beste Kunde seines Hauses und legte sich nur dann mit gutem Gewissen nieder, wenn er zu seinen drei Mahlzeiten einen halben Cantaro Wein ge- trunken hatte; darum ließ ihn auch diese Wette, die die ganze Ebene in Aufregung versetzt hatte, ziemlich kühl. Sein Schenktisch war der Posten, von dem aus er als erfahrener Kenner seine Gäste beobachtete. Und man durfte sich nicht etwa einfallen lassen, bei ihm Skandal zu niachen, denn bevor man noch ein Wort gesprochen, hatte er bereits einen dicken, keulenartigen Stock gepackt, den er unter dem Schenktisch aufbewahrte, und vor dem Pimcnto und alle Prahlhänse der Umgegend zitterten. In seinem Hause gab's keine Geschichten. Wollte man sich totschlagen, so war die Straße da. Und Sonntags nacht, wenn die Messer geöffnet wurden, und man die Schemel schwang, sprang er, ohne ein Wort zu sagen, ohne aus seiner Ruhe herauszugehen, unter die Kämpfenden, packte die Wütenden beim Arm und schleppte sie auf die Landstraße: dann verriegelte er seine Tür und be- gann ruhig, bevor er sich schlafen legte, seine Einnahme zu zählen, während draußen die schlage und das Gejammer des Kampfes ertönte, der ruhig weiter ging. Er schloß eben seine Schenke eine Stunde früher, aber so lange er hinter dem Schenktisch saß. sollte die Justiz in seinem Lokal nie etwas zu suchen haben. Nachdem Batiste verstohlen von der Tür aus den Schenk- wirt beobachtet hatte, der mit Hülfe seiner Frau und eines 5!ellners die Gäste bediente, kehrte er wieder auf den kleinen Platz zurück und schloß sich.einer Gruppe von alten Leuten an, die gerade dariiber stritten, welcher der drei Kämpen seine Kaltblütigkeit am meisten bewahrt hatte. Eine Anzahl von Bauern, die es müde waren, die Spieler zu bewundern, spielte für eigene Rechnung: sie setzten sich an den Tischen zusammen und ließen sich etwas zu essen geben. Der Krug wanderte von Hand zu Hand, und sein dünner, roter Strahl fiel mit leichtem Glucksen in die offenen Münder. Sie ließen Lagen auffahren und reichten sich gegenseitig Hände voll Wachsbohnen und Lupinen. Die Mägde der Schenke brachten auf flachen Porzcllanschüsseln die schwarzen öligen Würste, den weißen Käse, die aufgeschnittenen Oliven mit ihrer Lake, in der aromatische Kräuter schwanimen: und auf den Tischen sah man Weizenbrot, die Brotlaibe mit der hell- braunen Kruste, durch deren Spalten man die graue, schmack- hafte Krume bemerkte, die das dicke Korn der Huerta gibt. Tie ganze Gesellschaft trank, aß, gestikulierte und machte einen Lärm, als hätte ein feindlicher Schwärm den Platz mit Sturm genommen: und in der Luft schwebte ein Alkoholdunst,. ein erstickender Geruch von gebratenem Oel, ein scharfer, durch- dringender Weindunst, in den sich der frische Erdgeruch der benachbarten Felder mischte. Batiste näherte sich dem großen Kreise, der die Spieler umstand. Zuerst konnte er nichts sehen. Dann bahnte er sich langsam, von den Neugierigen, die sich hinter ihm bängten, gestoßen, einen Weg durch die dicht einander ge- preßten Körper der schwitzenden Menge und gelangte schließ- lich in die erste Reihe. Einige Zuschauer hatten sich, das Kinn in den Händen, die Nase auf dem Rand des niedrigen Tisches, an der Erde niedergekauert und blickten starr auf die Spieler, als wollten sie nicht die geringste Kleinigkeit von der großartigen Wette verlieren. Hier war der Dunst des Alkohols am unerträglichsten, und der Atem und die Klei- dungsstücke dieser ganzen Gesellschaft schienen davon durch- tränkt. Batiste sah Pimcnto und seine Gegner auf schweren Schemeln aus Johannisbaumbrotholz sitzen, die Karten vor den Augen, den Branntweinkrug neben sich und auf dem Zinktisch den kleinen Haufen Maiskörner, die die im Spiel gewonnenen Points darstellten. Und bei jeder Partie ergriff einer der drei den Krug, trank langsam, ohne sich zu über- eilen, und reichte ihn dann den Kameraden, die ebenso ge» wissenhaft davon Gebrauch machten. Die nächsten der Zuschauer blickten über die Schulter der -Spieler in die Karten, um zu beobachten, wie diese spielten. Doch es war nichts zu befürchten: die Köpfe waren ebenso solide als hätte mau nur Wasser getrunken. Nicht einer der drei beging einen Fehler oder spielte verkehrt. Die Partie ging weiter, ohne daß die Champions deshalb aufhörten, mit ihren Freunden zu plaudern und über den Ausgang der Wette Witze zu reißen. Als Pimento Batiste bemerkte, stieß er ein„Ha, ha!" aus, das man für einen Gruß halten konnte. Dann blickte er wieder in seine Karten. Möglich, daß Pimcnto ruhig war, aber er hatte rote Augen, seine Pupillen glänzten in schwankendem, bläulichem Licht, das an die Flamme des Weingeistes erinnerte, und zu- weilen nahm sein Gesicht eine fahle Blässe an. Die anderen befanden sich nicht in besserem Zustande, die Zuschauer reich- ten sich, von dem Wahnsinn dieser tollen Wette angesteckt, die auf gemeinschaftliche Kosten bezahlten Krüge: und es war eine wahre Branrtweinüberschwemmung, die da wie eine Feuerflut iu die Mägen binuntcrschoß. Auch Batiste, den die Leute aus dem Kreise eifrig ein- geladen, mußte mittrinken. Es war ihm das nicht an- aenehm: doch ciit Maua muß alles kennen lernen. Um sich Mut zu machen, wiederholte er sich außerdem von neuem, daß man sich eine kleine Tollheit leisten kann, wenn man viel gearbeitet hat und die Ernte in der Scheuer liegt. Er fühlte eine heftige Hitze in seiner Brust, und eine seit- same Verwirrung herrschte in seinem Hirne: doch er ge- wähnte sich an diese Kneipentuft: er fand die Wette immer amüsanter und meinte, Pimento wäre in seiner Art ein recht bedeutender Maua. Tie Zpieler hatten eben eine Partie beendet, deren Nummer niemand hätte sagen können, und berieten nun über die Zusammensetzung des Abendessens, das man einnehmen wollte. Augenscheinlich ließ einer der Terrerolas nach: die beiden Tage, die sie mit Trinken zugebracht, waren doch nicht so spurlos an ihm vorübergegangen. Seine Augen schlössen sich, und er ließ seinen müden Kopf auf die Schulter seines Bruders sinken, der ihn dadurch zir beleben suchte, daß er ihm unter dem Tisch wütende Tritte versetzte. Pimento lachte in seinen Bart: einen hatte er schon untergekriegt. Und er beriet nun mit seinen Anhängern das Menu des Abendessens. Dieses Essen sollte prächtig werden. Aus Geld kam es nicht an. Auf jeden Fall brauchte er es nicht zu bezahlen. Ein Essen, das die Heldentat würdig krönte: denn an diesem Abend ging die Probe jedenfalls zu Ende. Plötzlich ertönte wie eine Siegesfanfare, die Pimentos Triumph im voraus verkündete, das Schnarchen des jüngeren Tcrrerola, der mit dem Kopf aus dem Tische lag und jeden Augenblick von seinem Schemel zu fallen drohte, als hätte der ganze Schnaps, den er im Magen hatte, ihn auf Grund des Gesetzes der Schwere auf den Boden gezogen. Sein Bruder sprach davon, ihn mit Ohrfeigen aufzuwecken: doch Pimento legte sich gütig, wie ein großmütiger Sieger, ins Mittel. Man würde ihn schon zur Stunde der Mahlzeit wecken. Tann tat er, als lege er der Wette und seiner eigenen Widerstandskraft wenig Bedeutung bei. und beklagte sich, daß er an dem Abend fast gar keinen Appetit hätte: er sprach von seinem Apvetitmangel, wie von einem ebenso unvorher- gesehenen, wie unangenehmen Zwischenfall, während er doch zwei Tage lang gegessen und getrunken hatte. Ein Freund lief nach der Schenke und brachte einen großen Kranz von roten Pfesferschoten mit. Das würde ihm den Appetit wiedergeben. Dieser Spaß erregte lautes Ge- lächter, und Pimento bot, um die Zuschauer immer mehr und mehr zu verblüffen, diesen Teuselsfraß dem Terrerola, der noch standhielt. Dieser begann das scharfe Gewürz mit der- selben Gleichgültigkeit zu verzehren, als wäre es Broi. Ein Murmeln der Bewunderung durchlies die Reihen der Anwesenden. Für jede Beißbeere, die Terrerola aß. ver- schlang Pimento drei. Auf diese Weise waren sie mit dem Krctnz, der wie ein Haufen roter Teufelchen aussah, bald sertig. Dieser Kerl mußte einen gepanzerten Magen haben. Und er blieb ebenso ruhig und kräftig wie vorher, obwohl er noch blasser wurde und seine Augen angeschwollener, blut- unterlaufener erschienen. Er erkundigte sich, ob Copa ein paar Hühnern zum Abendessen den Hals umgedreht hätte, und gab seine Anordnungen, wie man sie herrichten sollte. (Fortsetzung folgt.) Vincent van Gogh, Der Kunstsalon Ca ss ir e r veranstaltet eine Ausstellung von Werken des verstorbenen holländischen Maler? Vincent van Gogh. Dieser Maler tragre nichl nacb Lehrsätzen und Doktrinen, keine Schulregeln lenkten ihn. Erst spät fand er sich zu der Malkunst, er stürzte sich mit ganzen, Feuer daraus. Seine Instinkte drängten ihn hin zur Malerei, und als er endlich d-n Pinsel ergriff, wurde er ihm ein Werkzeug, seine innerste Art zu offenvarcn. Diese? Elemenlare ist ein Kennzeichen' seiner Kunst. Gogh geht mit Vehemenz auf das Ziel zu, das ihm vor Augen schwebt. Er hat dabei die iuslinknve, rück- sichtslose Sicherheit eines beinahe imkultivierten Menschen, die Zähigkeit eines Monomanen. Einsamkeit umgibt ihn, die er vielleicht selbst um sich geschaffen, durch sein Wesen. Diese macht ihn exzentrisch. Primitivität und Raivelät mischen sich eigentiimlich mit bewußter Reaktion gegen alles Gelvesene. Seine Bilder sind wie Aufschreie eines zügellosen Temperaments. Da dieser Maler auch in Kreisen, die der Malerei unserer Zeit nahestehen, so gut wie nngekannt ist. so sei das Biographische kürz mitgeteilt. Es gibt manche Erklärung zu der künstlerischen Eni- Wickelung der Persönlichkeit, da in Gogh der Mensch mit den, Künstler eng zusammenhängt. Vincent van Gogh ist in Holland geboren, im Jahre U Sein Vater war Pastor. Gogh wurde Kunsthändler und versuchte sich in Holland, London, Paris. In England wurde er Schullehrer, geht 1877 nach Amsterdam, um Geistlicher zu werden. Der Formelkram stößt ihn ab. Er geht nach Brüssel. Hier verkehrt er mit den Bergwerksarbeitern. Eine neue Welt gehl ihm auf. die Welt der schweren Arbeit und der stummen Sorgen. Hier empfindet er die Notwendigkeit, die er im Leben suchte. Hier wird er Maler. Er findet hier ein Anpacken und Bezwingen deS Lebens, das seinem Ungestüm aleicht. Zum erstenmal mietet er sich nun ein kleines Atelier, das»ein Bruder bezahlt. Mit ekstatischer Inbrunst wirst er sich aufs Malen, geht 1883 aufs Land und lernt hier das Brabanter Bauernvolk kennen, dessen kraftvoller Typus ihn reizt. 1835 geht er an die Akademie nach Antwerpen, um zu studieren. l83ö»ach Paris, wo er von neuem auflebt, da er hier den Reiz der Farbe kennen lernt. Er entflieht dem m, ruhigen Pariser Leben und geht nach Arles zu den Bauern zurück. Dort bleibt er bis 1889. Freiwillig geht er ins Irrenhaus, malt dort weiter, geht noch einmal anfs Land und endet 1890 durch Selbst- mord. In der verhältnismäßig kurzen Zeit seines Schaffens malte er in einer Hast, als sähe er das Ende voraus. Sein Werk zählt über kl» Bilder, wobei die Zeichnungen nicht eingerechnet find. Wer zum erstenmal Goghsche Bilder sieht, der wird erstaunt darüber sein, wie dieser Maler mit der Farbe umgeht. Sie scheint unter seinen Händen lebendig zu werden. In Schlangenlinien windet sie fich breit hin. fällt in Tropfen zu Boden und löst sich in tausend Teilchen auf. Ein beinah' animalisches Leben erfüllt die rote Materie, das Mittel, die Farbe. Die Sprache, die sie spricht, sst nicht über- legt und ruhig, sondern aufgeregt, exaltiert, jeder Strich scheint mit Ausrufimgszeichen versehen. Franz Hals, der Maler, mit dessen Temperament Gogh an, ehesten Aehnlichkest hat. ist ein unschuldiges Kind gegen diesen Berserker der Farbe. Dieses leidenschaftlich sich selbst verzehrende. rückhaltlos strebende und fich hingebende Temperament ist es auch, das den Künstler schließlich zu Grunde richtet. Es peitscht ihn weiter, bis er die Grenze überschreitet, hinter der die Nacht beginnt. Es ist charakteristisch, welche Farben Gogh bevorzugt. Rot. Gelb. Grün. Blau— alles Farben, die wie Ausrufe wirken. Keine ruhigen Töne, ein Auf- begehren, Unterstreichen. Betonen! In Linien und Pimkte löst er den gesehenen Eindruck, den er wiedergeben will, auf und schafft so aus einem simplen Natnrbild ein mit der Pracbr blitzender Ge- schmeide vergleichbares Werk, dem eine schaurige Schönheit eigen ist insofern, als hinler jedem Strich schon der Wahnsinn lauert. LSas die alten Meister malten, den Torentaiiz, das wird hier im- ausgesprochenes, aber um so tiefer wirkendes Erlebnis. Die Mahnung an das Ende begleitete Gogh immerfort, und überall grinst eine unheimliche Gebärde. Man kann sagen, jeden Pinselstrich zahlte Gogd mit seinem Blute. Eine merkwürdige Primitivität ist diesem Maler eigen. Wie er eine Figur hinstellt, halb naiv, halb bewußt karikiert, das ist für ihn charakteristisch. Hätte er nicht sein Temperainent gehabt, das ihm unbekümmert recht gab, er hätte fich bald geändert zuguusten eurer akademischeren Auffaffung. So aber begünstigte ihn auch die Zeit. in der die Künstler fich zu eigener Anschauung befreiten und gerade das Exaltierte Berewtigung erhielt. In dieses durch das Tempera- ment getragene Primitive mischt sich noch ein aitderes, das der Goghschen Kunst ein so eigentümliches Gepräge gibt: die Anwendung bewußten Raffinements. Gogb lernt den Kreis der moderneu Maler in Pari- kennen, die unter Zolas Aegide nach neuer Sprache ringen. Er sieht viel, er eignet sich ebenso leidenschaftlich an. was er sieht. Und so zeigt sich denn das Bestreben. die neuen Grundsätze modernen Sehens, die besonders in der französischen Karikatur, im Plakat zum Ausdruck kamen, die wieder durch Einflüsse von Japan her genährt wurden(schnelles Erfassen, monientane Wiedergabe), im Bilde zu verwerten, auf das Gemälde zu übertragen. So stellt die Goghsche Kunst den Versuch dar, das moderne Zeichnen und Malen, das bis dahin in mehr gewerblichen Entwürfen iPlakal) oder in der Karikatur iWitzblattillustrationen) fich betätigt hatte. in die hohe Kunst einzuführen. Nimmt man dazu noch die neue Farbe, die Gogh anwendet, das Bevorzugen des Grellen, Hellen und Scharfen, so hat man im.Kleinen die Faktoren beisammen, die die Kunst eines van Gogh ausmachen. Darum befand fich dieser Maler am weitesten voraus auf der Linie der Eittwickeluitg. Er zog mit Vehemenz in seinen Bereich, was sich ihm nahte. Darum liegeu so viel Werte in seiner Kunst. Er gab rücksichtslos heraus, was er hatte. Gerade in dem Primitiven liegen vollwertige Ansätze zu einer großen, neuen, dekorativen Kunst, ein Anlagekapital, das erst ausgemünzt werden kann, wenn die komnicn, die nicht mehr nur Uebergangserscheimmg sind, wie van Gogh, sonder» Ausbcnier, Vollender. Gerade als Nebergangs- typus aber hat Gogh seinen charakteristischen Wert. Er ist ohne Hinter- halt, ohne Berechnung, ein rückhaltlos offener Bekenner. In der Art. wie Gogh die Natur wiedergibt, zeigt sich neben schwächlichem Unterliegen ein neues Erringen. Wie er ein grellgelbcs Haus mit scharfrotem Dach neben einen Acker stellt, dessen breite Ebenen ganz summarisch durch breit»ebeucinander liegende Farbbänder angedeutet sind, wie momentaj- ans diesem Feld ein Bauer steht, kaum in seiner Eckigkeit noch erkennbar, ivie dann im Hintergrund in ebenso tiefen Farben eine Eisenbahn erscheint, über der der Dampf schwebt, das alles zeigt ebenso einen Versall wie einen Anfang. Gogh kann eben nicht anders malen Darin liegt seine Bedeutung. Er kann sich eem alten Schema nicht beugen, das ihm überall anempfohlen wjito. Das Neue erringt er fich mit tausend Opfern, und di« meiften werden nur die Unfähig- keit in ihm sehen. Darum die Hast in seinem Schaffen. Er sah so viel Neues und Großes, daß er nur in eiligster Nieder- schritt sich das nötigste notierte. So eng waren die Kesseln der her- kömmlichen Malerei, sc» zwingend die Schablone der erlaubten, gültigen Kunst, daß es der Kraft eines solchen Temperaments, in dem sich scheinbar aller Widerstand von Generationen her aufgestaut hatte, bedurft;, wn diese Fesseln zu sprengen. In diesem Kampf— auch das i£t bezeichnend— ging er selbst mit zugrunde. Aber die Enlwick-xung bedient sich solcher Menschen, die nicht bewußt vor- (damit kommt sie schon in ein neues, zweites Stadium), ern die instinktiv nicht anders können, die in anderen Zeiten eicht zugrunde gehen, ohne daß jemand ihre unterdrückten Schreie hört, die nun ihr Haupt erheben und ihre Sprache, die noch ohne Tradition ist, ohne Gebrauch und Herkommen, mit ungebändigter Leidenschaft stammeln. Welche Frische liegt in solch' einem Parkstück, in dem Gogh nur eine Wiese mit ein paar Bäumen gibt! Es ist keine„Natursehnsucht" darin. Gogh konzentriert fich ganz aus sein malerisches Vermögen, auf die Erscheinung. Er ist so sehr nur Auge, daß er die Dinge schreckhaft nahe sieht, die Linien sich v«r- zerren, die Farben peinigend schreien. Aber welches Leben in dem Grün der Flächen, in den hängenden Zweigen, den Stämmen! Nicht die tote Ruhe eines versteckten Winkels ist darin, es jauchzen die Farben, und in den Farben ersteht mit voller Kraft der Gegen- wart die Lust, der Raum. Solche lebendigen Neuwerte stecken auch in dem eigentümlichen Bilde, das er im Irrenhaus malte. Man sieht die langen Säle, links die grünlichen Betten, rechts die grünliche Wand, die fich lang hinzieht und den Raum vertieft. Born orangenfarbene Tönung. Dort fitzen am Ofen die deformierten Gestalten, die Insassen der Anstalt. In der Zeichnung dieser Gestalten, wie sie gehen, stehen, sitzen, in der Zusammenhanglosigkeit des Ganzen, die so räumlich und weit wirkt(der Arzt sieht im Hintergründe aus dem Fenster, ganz hinten erscheint eine Schwester in Schwarz), erinnert diese Art auffallend an stiihe italienische und deutsche Bilder. Speziell die Mischung orange und grün wirkt durch die Dissonanz so bezeichnend und eindringlich. Dabei ist es interessant, psychologisch intereffant, zu merken, wie ein Eindruck fich in dem Gehirn dieses Künstlers umwertet. Mau sieht oft, zum Beispiel gerade in dem oben geschilderten Parkstück, was ein anderer Maler daraus gemacht hätte. Dieser hätte nicht so scharf gesehen, hätte nicht so schlagfertig ge- arbeitet und wäre der Nattrr nicht so treu geblieben. Er hätte ein tüchtiges, nach den guten Regeln des Herkommens gemaltes Landschastsbild gegeben. So schimmert oft das Bild hindurch, das ein anderer Maler ans dem Vorwurf gemacht hätte. Und oft sieht man auch, wie die Bilder Gleichstrebender, der französischen Im- pressionisten, auf ihn einwirkten, und wie er etwa einen Monet Eindruck in sich umwertet, und ganz etwas anderes wird daraus, Mau merkt aber die Anregung. Auch hier zeigt sich wieder der künstlerische Zwang, das Muß. Die Unfähigkeit, nicht zu arbeiten, tvi« die anderen, wird zun« Anfang eines Neuen. Ueberall wandelt sich der Eindruck in jedem Gehirn zu einer andere» Prägung. Und so mag eS oft sein. Was wir als Entartung, ansehen, hat in sich den Keim zu einer Neubildung. In der Unfähigkeit, so zu sein, wie die anderen, revoltiert die Natur gegen das ihr aufge.zwungene Schema. Und abnorm« Erscheinungen sind möglicherweise Versuche zn neuen Möglichkeiten. Hat diese Eigenheit Kraft, so betont sie sich und betont sich dann auslehnend, ihrem Wesen nach exzentrisch. Ist das nicht der Fall, so geht sie zugrunde. Wir hallen das für selbstverständlich und glauben, da? sei so vorher bestimmt und müsse so sein. Aber es ist nur ein Zufall, nur Schwäche, die das Individuum nicht halten kann. Ist so die Tendenz der meisten Werke van Goghs eine dissonie- rende, wegstrebende, auseinanderfließende, so wirken zwei Arten am geschlofiensteii: das Porträt, das Stilleben. In ihnen gibt Gogh eine unwiderlegliche Andeutung dessen, was seine Kunst leisten kann. In ihnen ruht sich sein Irren und Wähnen aus. Die kräftig roten Rosen in einer Vase zusammen mit grünein Lorbeer sind ein reifes und sicheres Werk, dem beides eigen ist, eine feste, plastische Form und eine lebendige Farbe; alles Neue ist hierin schon zu einer Vollendung gediehen, als wäre es ihm hier, vor der toten Form. dem Stilleben, geglückt, in seiner Sprache verständlich zu reden. Auch das Portrait eines jungen Maunes rechnet hierher. Es ist farbig wundervoll groß, vor grünem Hintergrund ein Kopf, die Schulter mit blauer Jacke bekleidet, auf dem Kops ein blauer Hut. Die Plastik der Erscheinung ist auch hier aufs eindringlichste, mit ruhiger Monumentalität, erreicht. An diese Werke voll gesammelter Kraft müssen die denken, die anS den fragmentarischen Versuchen den Charakter des Künstlers nicht zn erkennen vermögen. Gewiß ist van Gogh nur ein Anfang. Sein Schaffen ist eruptiv und nicht sicher aufbauend. Er ist vom Augenblick abhängig und klammert sich voller Verziveiflung an die jeiveilige Erscheinung, um aus ihr Leben zu ziehen. Er geht immer an Abgründen entlang. Aber gerade solche rückhaltlos ehrlichen Sucher, die ihren Gelvinn mit dem. Leben bezahlen, zeigen unS, daß die Welt der Kunst und des Schaffens noch voll nncntdeckter, nnbenutzter Möglichkeiten ist. Ernst Schur. kleines feuilleton. — Ei» kostbarer Kodex. Das„Neue Wiener Tagblatt" bc- richtet: Der Amanuenfis der Hofbibliothek Professor Dr. Mantuani führte in einem Vortrag, den er in der Leo-Gesellschaft hielt, aus. daß fich in der Wiener Hosbibliothek ein rmgewöhnlicher Kodex be- finde, der in der Welt nicht seinesglelchen aufzuweisen habe. Es ist dies der„Constaiitinopoliianus" von dem Arzte Dioslurides, eine überaus wertvolle Handschrift aus dem Jahre 512 n. Ehr. Sie war bis in das 16. Jahrhundert die Hauptquelle des pharmakologisch» botanischen Wissens. Das Werk befand sich in verschiedenem Be» sitze und wurde im Jahre 1569 vom Sohne des jüdischen Leibarztes des Sultans Soliman, Hanion, durch den holländischen Gelehrten Busbecke um hundert Dukaten gekaust und kurz darauf der Hof- bibliothek einverleibt. Als die Franzosen zu Beginn des 19. Jahr- Hunderts in Wien einmarschierten, wurde es vor ihnen verborgen. Ter Kodex wurde viel benützt, und nicht weniger als 22 Hand- fchriften in den verschiedensten Städten Europas schöpften ganz oder teilweise aus ihm. Van Swieten erwirkte von der Kaiserin Maria Theresia den Auftrag, die Bilder des Kodex in Kupfer stechen zu lassen. Dieser Kodex hat auch einen hohen Wert für Sprachwissen- schaft und ist zugleich ein Beleg für die Porträtkunst im E. Jahr» hundert, weiter für die Kunstgeschichte und Technik der Miniatur- malerei. Tie Handschrift enthält 4SI Pergamentblätter, 7 ein- leitende Miniaturen. 384 Bilder von Pflanze»., 52 Tierminiaturen und 47 Familienbilder. Künstlerisch anr tmchtigsten sind die einleitenden Miniaturen, darunter ein Pfau, ztoei Aerztegruppen, zwei Tiostnrides-Bilder. Tie Direktion der Hosbibliothek läßt jetzt eine phototypische Ausgabe des Wertes veranstalten. Es wird in zwei Riesenbänden erscheinen. Seren Gewicht nicht weniger als 25 Kilo- gramm betragen wird. In Leyden< Holland) hat sich ein Verleger gefunden, der 72 606 M. auf die Ausgabe des Werkes Veriveiidet. Im ganzen werden 150 Exemplare angefertigt, deren jedes 610 M. kosten wird.— — Vom Britischen Museum. Ueber die Entstehungsgeschichte des Britischen Museums lesen wir in einem„Englischen Briefe" des«Literarischen Echos":„Der 1753 gestorbene Hans Sloane, Leibarzt Königs Georg II., hatte in seinem Testament bestimmt, daß seine ivcrtvolle Bücher- und Naturaliensammlung, die ihm 50 000 Pfund Sterling gekostet hatte, dem König für 20 000 Pfund Sterluig zum Kaufe angeboten werden solle, und daß dasselbe An- gebot, falls der König es ablehne, der Reihe nach dem englischen Parlamente, der Universität Oxford und den Akademien voi? Paris, St. Petersburg, Berlin und Madrid gemacht werden solle. Georg II. erklärte, die verlangte Summe nicht erschwinge» zn können. Das Parlament aber kaufte die Sammlung, vereinigte damit die bereits früher erworbene Haudschriftensammlung Cottons, bewilligte weitere 10 000 Pfund Sterling zum Ankauf der.Handschriften Harteys und bestimmte, daß von jedem neu erscheinenden Werke ein Pflichtexemplar an die Bibliothek abzuliefern sei. Um di« Geldmittel für die Bibliotheksgebäude aufzubringen, genehmigte das Parlament di« Abhaltung einer Lotterie, was damals in England noch nicht für so unmoralisch galt wie heutzutage, und so konnte die Bibliothek am 15. Januar 175S eröffnet werden. Im ersten Jahre wurde sie von 140 Personen benntzt, darunter der Historiker David Hume, Dr. Samuel Johnson und der Dichter Thomas Gray. Der letztere schrieb damals;„Tie Bibliothek hat ein Einkommen von 900 Pfund Sterling jährlich, die Ausgaben belaufen sich auf 1300 Pfund Ster- ling, und so wird sie wohl nächsten Winter öffentlich versteigert > vecden." Er war ein schlechter Prophet! Das Britische Museum enthält jetzt an zwei Millionen Bände. 100 000 Handschriften und Urkunden, und wächst jährlich um etwa 40 000 Bücher."— Theater. Schauspielhaus. B enr» s Amathusia. Drama in drei Aufzügen von M a x D r e y e r.— Dreyer. der mit einer höchst humorvollen Komödie„In Behandlung" und dem stimmungsvollen Drama„Winterschlaf" seine Laufbahn so vielversprechend begann, hat seinen Freunden in den späteren Werken mancherlei Ent- läuschung bereitet, aber nie eine so arge wie durch dieses Unglück» selige Alemannenstück, dessen Stil einen etwa um dreißig Jahre, in die Zeit, da man sich für den Felix Tahnschen„Kampf um Rom" begeisterte, zurückversetzt. Vielleicht, daß das Stück unter der Nach- Wirkung jener Periode in schönen längst entschwundenen Jugend- tagen des Dichters entstanden ist. Tarin lägen mildernde Um- stände für das Produkt, aber sreilich gar kein Entschuldigungsgrund dafür, das Publikum nachträglich noch mit ihm bekannt zu machen. Es ist charakteristisch für die im Königlichen«chauspiclhause herrschende literarische Ueberlieferung, daß die Direktion, solange Drehers Gutes oder doch Mittelmäßiges zu sagen hatte, ih» vornehm ignorierte, um dann am Ende auf dieses schwächste Machwerk mit Applomb hereinzufallen. In einem modernen, intim individualisierenden Werke, da hätte Dreyens Thema, der Widerstreit keuscher Jünglmgsgesiniiuug und weiblicher Lockung, gewiß sehr interessieren können. Feinere nach. denllichere Naturen, die unter dem Einfluß einer rdealistisch ge- färbten Moralerziehung aufgewachsen sind, werden schwer in solchen Konflikten leiden. Ja, ein wirklicher Dichter tonnte hier sogar den tragischen Ausgang, welcher in diesem Stücke geradezu opcrnhaft unnatürlich wirkt: ben Selbstmord eines Jünglings, der zu unter- liegen fürchtet, ergreifend und mit zwingender psychologischer Not- tvendigkeit motioieren. Aber die Ucbertragung solcher Seelen- kämpfe auf die robusten alten Germanen der Völkerwanderung hat etwas unwillkürlich komisches. Die Motivierung kann da gar nicht anders als bloß äußerlich sein. So ist'S in Drehers Drama der reine Eigensinn, aus dem heraus der wackere Leutharis, Hcerkönig der Alemannen, sich und die Seinen mit der Keusckheitsfordcrung plagt. Ganz nebenher hört man davon, daß der wunderliche Kriegsbefehl, i der jedes flüchtige Abenteuer bei strengster Strafe untersagt, er- lassen worden, weil einstmals die italische Geliebte eines Kriegers das Heer verriet. Was geht das uns an? Und doch, von dieser zufälligen Schrulle, die Leutharis als Ehrenpunkt betrachtet, kommt all das langweilige Malheur. Der König ist als Sieger in Florenz eingezogen. Doch da eine Vcnusstatuc und deren schöne Besitzerin sein Blut in Wallung bringt, läßt er, aus der eigenen Gefahr auf die der anderen schließend, die Truppen noch vor Abend aus der Stadt marschieren, was die leichtsinnigen Florentinerinnen anscheinend sehr verdrießt. Jedenfalls zieht dann an dem Morgen des heidnischen Florafestes eine blumcnbckränzte Jungfrauenschar an dem Germanenlager vor- bei und zeigt, zum Aergernis der Alten, nicht übel Lust, mit den jungen Leuten anzubändeln. Finster weist Leutharis den bunten Sckiwarm zurück, und als ein blonder Alcmanne— schön wie der Tag— im Ueberschwang des Herzens aufbegehrt und sich trotzig der Verletzung des Gebotes schuldig bekennt, spricht er das Todes- urteil über ihn und sein Mädchen. Dann, sich besinnend, will er ihnen das Leben schenken, wenn sie von einander scheiden, worauf sich Venus' Macht noch glänzender bewährt. Die Beiden werden nämlich hoch pathetisch; sie wollen lieber sterben, als sich trenney. Gefesselt führt man sie ab. Auch die Bitten jener schönen Frau, für welche Leutharis' Herz im Stillen glüht, erweichen ihn nicht. Im dritten Akt erwartet man programmgemäß nun den endgültigen Triumph der Venus Amathusia: Leutharis Bekehrung, Rettung der Liebenden und allgemeinen Alemanncn-Jubel, wenn die verhaßte Satzung fällt. Statt dessen gibt es, offenbar der lieber« raschung wegen, nach langer Quälerei, den schon erwähnten blutigen Schlußeffekt. Der 5tönig erscheint im Garten der Lucretia, um, wie er ai. gedroht, das Standbild der Licbcsgöttin zu zertrümmern. Natürlich liebt Lucretia Leutharis; unverständlich, wie ihr seine Sittcnreinheit ist, imponiert sie ihr—- es ist dies einer der wenigen feineren Züge— doch außerordentlich. Erst sucht sie ihn durch stolze Herausforderung zu erobern und wiederholt die Bitte um Be- gnadigung; doch er, so mächtig er die gleiche Versuchung in sich selber wachsen fühlt, beharrt auf dem Todesspruche wider die Liebenden und geht mit seinem Schwert dem armen Venusbilde zu Leibe. Aber die Göttin rächt sich. Lucretias Stolz schmilzt hin in heißem Licbcswcrbcn. Und wie Leutharis die letzte Kraft des Widerstandes in sich erlahmen fühlt, da sinkt er nicht in ihre Arme, sondern stößt sich die Klinge in die Brust. Nun ist mir wohl, nun bin ich frei, versichert sterbend der untadelige Gcrmancnhcld. So geschraubt wie die Erfindung, so abgegriffen und prosaisch war die Sprache. Nirgends, auch nur für Augenblicke, ging eine Illusion von diesen Szenen aus. Die Hauptrollen stellten Matkowsky, Christians und die Damen Poppe und Wachner dar. Sie konnten das fehlende Leben nicht aus eigenem ergänzen. Prächtig waren die Dekorationen. Wie üblich, tourde applaudiert, der Autor konnte mehrmals erscheinen, ckt. Aus dem Tierreiche. en. Die Schneeziege. Die Vereinigten Staaten haben sich als Kulturland in einen so hohen Ruf gesetzt, daß man geneigt ist. zu vergessen, wie große Teile ibres Gebietes noch immer verhältnismäßig wenig erforscht sind. So sollte man auch meinen, daß die Tierwelt der Vereinigten Staaten, wenigstens was die größeren Tiere betrifft, allgemein bekannt ist, und daß sich kein Geschöpf unter ihnen finden dürfte, das als eine ganz besondere Sehenswürdigkeit zu betrachten wäre. Daß diese Meinung nicht zutrifft, hat in letzter Zeit die Tatsache gelehrt, daß die im nordamcrikanischcn Felsen- gcbirge von den Vereinigten Staaten bis nach Canada hinein lebende Schneeziege, von der der Berliner Zoologisck>e Garten jetzt ein Ercmplar erhalten hat. zum erstenmal lebend nach Europa ge- kommen ist. Lbgleick unserer Hausziege der äußeren Gestalt nach ähnlich, macht die Schneeziege einen merkwürdigen Eindruck durch ihre auffallend starke Behaarung, die sich vom Kopf bis auf die Sckiwanzspitze und sogar bis auf die Hufe erstreckt. Das Haarkleid erscheint äußerlich sehr hart und starr, ist aber von einer feinen Wolle unterlagert. Besonders eigentümlich wirkt cm dicker Haarbusch, der vom Hinterkopf nach beiden Seiten bis auf Hals und Rücken herunterfällt und den Kopf wie mit einer Mähne umrahmt, auch sogar die Vorderbeine noch zum größeren Teil verdeckt. Das Gesicht selbst ist bis auf die Lidspalte der Augen und bis auf den Rand der Nasenlöcher ganz mit Haaren bewachsen, die auch die Ohren bis zur Spitze bekleiden. Die Jagd auf Schneeziegen gehört zum höchsten Sport leidenschaftlicher Bergjäger, der einen Vergleich in den europäischen Gebirgen höchstens in der Jagd auf Steinböcke und Gemsen findet. Früher hat man geglaubt, daß die Schneeziege wohl auch im europäischen Hochgebirge angesiedelt werden könnte, l)at sich aber in dieser Erwartung, wie aus dem Gesagte» hervorgeht, l Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag:' gründlich getäuscht, da die Schneeziege bis auf den heutigen Tag bei uns eine Seltenheit allerersten Ranges in zoologischen Gärten geblieben ist,- Technisches. — Neues von, Tantal. Der„Franks. Z." wird ge- schrieben: Das neue Metall Tantal hat bei den weiteren Versuchen alle Erwartungen erfüllt. Die wunderbaren Eigenschaften dieses > Edclmctalles, namentlich seine Härte und Zähigkeit, traten am beut- ! lichsten bei Bohrversuchen hervor, zu welchen man den besten Diamant- Bohrer benutzte. Obgleich dieser 72 Stunden lang auf ein milli- mererstarkes Tantalblcch einwirkte— wobei er in der Minute 5006 Umdrehungen machte I— gelang es nur, eine unscheinbare Mulde von Vi Millimeter Tiefe hervorzubringen. Die Zähigkeit des Tantal, das weicher als Stahl ist, war beim Zerreißen größer(93 Kilogramm pro Ouadratmillimeter) als die des Stahles(75 Kilogramm) und der Schmelzpunkt bedeutend höher(2275 Grad Celsius) als der des Gußstahles(1375 Grad) und des Platins(1775 Grad). Tnzu kommt noch die außerordentliche Beständigkeit des neuen Metalles, das durch Kochen in den schärfsten Säuren, mit Ausnahme der Fluß- säure, nicht angegriffen wird, sowie die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Temperatureinflüssen. Es ist bekannt, daß Eisenbahn- schienen sich im Sommer„werfen"(verbiegen), wenn bei ihrer Verlegung in kälterer Jahreszeit kein Zwischenraum zwischen den Stößen gelassen worden ist(der letztere beträgt auf die Schienenlänge bis zu 3,2 Millimeter). Das Tantal hingegen zeigt bei einem Temperaturunterschied von 39 Grad(also z. Ä. von-st 39 Grad bis— 30 Grad» nur die winzige Längendifferenz von acht Millionstel Teilen eines Millimeters. Alle diese Eigenschaften rechtfertigen die Einführung des neuen Metalles in die Belenchtungsindustrie. Einen Fehler hat das Tantal freilich noch: es ist sehr teuer. Gegenwärtig muß man mit ihm noch sparsam wirtschaften, aber für 45 999 Lampen reicht schon ein einziges Kilogramm hin.— HmnvriftischeS. — Kann stimmen.„Was geschieht denn mit dem Holz da, Herr Förster?" „DaS kommt in die Fabrik, da macht man das holzfreie Papier daraus."— — Aus einer Polizeianzeige. Als gehorsamst Unterzeichneter gestern abend am'Garten des Bäckermeisters Hübcr vor- überging, vernahm er in der daselbst befindlichen Weinlaube ein verdächtiges Geräusch. Gehorsamst Unterzeichneter spähte pflichst gemäß zwischen den Blättern hindurch und erblickte die verehelichte Huber, welche daselbst in schamloser Weise ihr Kind stillte. Unverzüglich nahm hierauf gehorsamst Unterzeichneter das gesetzlich vorgeschriebene öffentliche Aergernis und verfehlte nicht, die Ge- nannte hiermit wegen Vornahme einer unzüchtigen Handlung gehorsamst zur Anzeige zu bringen.— („Jugend".) Notizen. — Ernst KreowSkis Gedichtsammlung„R o t f e u e r" ist in den Verlag von Adolf Hoffmann, Berlin. Blumenstratze 14 über- gegangen. Das modern gebundene Buch kostet 1 Marl.— Wäre was für Weihnachten.— — Ebenfalls zu empfehlen ist: C u r t G r o t t e w i tz,„Sonn- tage eines großstädtischen Arbeiters in der Natu r". Verlag Buchhandlung Vorwärts Berlin. Preis ge» bunden 1 Mark.— Enthält die schönen Plaudereien, die Grottewitz 1898 für unser Blatt geschrieben.— — Einen Preis von 5999 Kronen hatte die schwedische Wochenschrift„J d u n" für die beste Erzählung ausgesetzt: er wurde dem bisher fast unbekannten Schrifrsteller Olaf Högberg in Sundsvoll fürfeinen nordschwedischen Roman„DenstoraFreden" zuerkannt.— — Bernsteins vieraktigeS Schauspiel„Herrenrecht" hat es bei der Uraufführung in Breslau zu keinem rechten Erfolg gebracht.— — Im Kleinen Theater findet die Erstaufführung von Bierbaums„Stilpe-Komödien" Montag, den 25. De- zember statt.— —„ A m grünen Weg", ein heitere? Bühnenwerk von Heinrich Lee, ist vom L u st s p i e l h a u s e erworben worden.— — Ein Mozart-Zyklus wird im O p e r n h a u s e für die zlveite Hälfte der Spielzeit vorbereitet. Zur Aufführung gelangen: „Die Eiilsiihnmg aus dem Serail",„Figaros Hochzeit", Don Juan",„Oosi fan tutte" und die„Zauberflöie".— — Professor O r l i k ist zum Mitglied der künstlerischen Sachver st ändigenko m Mission für die Rei chs- d r u ck e r e i ernannt worden.— — Die älteste literarisch beglaubigte Nachricht vom Weihnachtsbaum stammt aus dem Jahre 1995. Damals schrieb ein iingeiiannter Straßburger Chronist: „Ailff Weibeuachten richtet! iiian Dannenbäum zu Strasburg in den Stuben nuff. daran hencket»lau roßen aus vielfarbigein papier geschnitten, Aepsel, Oblaten. Zischgolt. Zucker etc. Mau pflegt darum riir vcrcckent ramcii zu»lachen..." Vorwärts.Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer LcCo.,BerliuL1V.