Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 248. Donnerstag, den 21. Dezember. 1905 (Nachdruck verboten.) 2si Die f)uerta. Roman von V. Blasco Jbanez Autorisierte Nebersetzung von Wilhelm Thal. Die Friedlichsten entflohen über die Feldwege und drehten dabei mit ungesunder Neugier den Kopf! die andern blieben. zu allem bereit, stehen: ein jeder war fähig, seinen Nachbar zu Zerfleischen, ohne zu wissen warum, doch keiner wollte zuerst angreisen. Die Knüttel erhoben sich, die Messer blitzte« in den Gruppen, doch niemand näherte sich Batiste, der sich langsam, den blutigen Schemel in der Faust, zurückzog. Er konnte so den kleinen Platz verlassen, betrachtete aber noch immer mit herausforderndem Blick die Schar, die den niedergeschmetterten Pimento umgab: ganz tapfere Menschen, die sich aber doch von der Energie dieses Mannes bezwungen fühlten. Als er sich auf der Landstraße in einiger Entfernung von der Schenke befand, begann er zu laufen und warf bei seinein Hause den schweren Schemel in den Kanal, nachdem er entsetzt den schwarzen Fleck betrachtet hatte, den das bereits getrocknete Blut auf dem Holze bildete. X. Von nun an hatte Batiste jede Hoffnung aufgegeben, ruhig auf seinen Aeckern leben zu können. Wieder einmal erhob sich die Huerta in dichter Masse gegen ihn. Von neuem mußte er sich mit den Seinen in sein Häuschen vergraben, sich wie ein Pestkranker zu einer ewigen Einsamkeit verdammen, und er kam sich vor wie ein Raubtier im 5iäfig. dm man aus der Entfernring die Faust zeigt. Am Tage nach der Prügelei hatte seine Frau ihm erzählt. wie Pimento nach Hause gebracht worden war. Eine wahre Kundgebring! Die heulende Menge von Copas Gästerr hatte ihm unter wilden Drohungen gegen Batiste das Geleit gc- geben. Die Weiber, die infolge der wunderbaren Schnellig- t'eit, mit der die Neuigkeiten in der Huerta sich verbreiten. bereits von allem unterrichtet waren, traten auf den Weg. um den mächtigen Kämpen in der Nähe zu sehen, der sich für das öffentliche Wohl geopfert hatte, und ihn wie einen Helden zu bejammern. Sogar die sich vorher noch über seine Wette entrüsteten, jammerten jetzt über ihn. fragten, ob die Wunde ernst wäre, und erklärten, man müsse Rache an dem Hungerleider, dem Diebe nehmen, der nicht zufrieden, das Eigentum eines anderen an sich zu reißen, ihnen jetzt auch noch Schreck und Angst einjagte und anständige Leute angriff! Pimento benahm sich großartig. Die Wunde tat ihm sehr weh: er stützte sich beim Gehen auf die Schulter eines seiner Freunde und hatte den Kopf mit Bandagen umwickelt, gleich einem Leee boino, wie die entrüsteten Klatschweiber sagten: doch er bemühte sich, zu lächeln, und jedesmal, wenn man ihn zur Rache anspornte, antwortete er mit prächtiger Geste: „Ich werde ihn schon züchtigen, darauf verlaßt Euch!" Batiste zweifelte keinen Augenblick, daß diese Leute sich tatsächlich rächen würden. Doch er kannte das in der Huerta übliche Verfahren. Die Stadtjustiz war für dieses Land nicht geschaffen, wo selbst das Zuchthaus tvcnig bedeutet, wenn es sich um die Befriedigung einer Rache handelt. Braucht ein Mann Richter und Polizisten, wenn er gute Augen und ein Gewehr zu Hause hat? Was man unter sich abzumachen hat, muß nian eben unter sich erledigen. Und tatsächlich gingen am Tage nach fter� Prügelei zwei lackierte Dreimaster ganz umsonst durch die Feldwege. Sie pendelten zwischen der Schenke Copas und Pimentos Hause hin und her lind stellten unsinnige Fragen an die Bauern, denen sie auf dem Felde begegneten. Niemand hatte etwas gesehen, niemand wußte etwas. Pimento erzählte, er wäre infolge seiner Wette auf dem Nachhausewege gegen die Bäume der Landstraße gerannt und hätte sich selber den Kopf zer- schlagen. Kurz und gut, die lackierten Dreimaster mußten in ihre Kaserne nach Alboraya zurückkehren, ohne über die dumpfen Gerüchte von der Prügelei und dem vergossenen Blut, die bis zu ihnen gedrungen waren, etwas Genaues er- fahren zu können. Diese Großmut des Opfers und seiner Freunde war Batiste verdächtig, und er beschloß, beständig auf der Hut zu sein. Die Familie kehrte wie eine erschrockene Schnecke in ihr Haus zurück und vermied jede Berührung mit der Huerta. Die Kleinen gingen nicht mehr zur Schule: Roseta hörte auf. iu der Fabrik zu arbeiten. Batistet setzte nicht mehr den Fus aus dem Gehöft. Der Vater war der einzige, der noch aus- ging. Er war ebenso vertrauensselig und sorglos, wenn es sich um seine eigene Sick)erheit handelte, wie er für die Seinen besorgt und ängstlich war. Doch unternahm er keine Reise mehr nach der Stadt, ohne sein Gewehr mitzunehmen, das er in der Vorstadt bei einem Freunde ablegte, während er seine Geschäfte besorgte. Teresa war ebenso traurig wie bei Pascualets Tode. Jedesmal, wenn ihr Mann die Läufe der Waffe säuberte, die Patronen auswechselte oder die Hähne spielen ließ, um den Mechanismus zu erproben, jedesmal kam ihr das schreckliche Abenteuer des Vaters Barret in den Sinn. Sie sah Blut, dachte an den Schwurgerichtshof und verfluchte den Tag, wo sie sich auf diesen Unglücksseldern niedergelassen hatten. War Batiste von Hause fern, so verlebte sie Stunden der Angst, während sie auf den Mann wartete, der noch imnier nicht kommen wollte. Jede Sekunde öffnete sie die Tür. um auf den Weg zu blicken, und sie zitterte jedesmal, wenn in der Ferne der Flintenschuß eines SchwalbenjägerS knallte; sie fürchtete, das könne der Anfang einer Tragödie sein, dieser Schuß könne dem Oberhaupt der Familie den Kopf zerschmettern oder ihn ins Zuchthaus bringen. Und er- schien Batiste dann endlich, so schrien die Kleinen vor Freude. Teresa lächelte und trocknete sich die Augen. Roseta stürzte auf ihren Vater zu und umarmte ihn. und selbst der Hund sprang unruhig schnuppernd an ihm empor, als hätte er an der Person seines Herrn die Gefahr gewittert, der dieser sich ausgesetzt. Doch je mehr die Zeit verrann, desto ruhiger wurde Batiste. Er fühlte sich kühner, selbstbeivußter und begann über die Angst seiner Familie zu lachen. Er glaubte sich jetzt in Sicherheit. Mit diesem prächtigen„zweistimmigen Vogel", wie er das auf seiner Schulter hängende Gewehr nannte, konnte er ohne Furcht durch die ganze Huerta schweifen: wenn er in so guter Gesellschaft war. taten seine Feinde, als bemerkten sie ihn nicht. Manchmal hatte er sogar aus der Ferne Pimento gesehen, wie er mit umwickeltem Kopf in der Huerta auf und ab stolzierte. Der Prahlhans war ihm, ob- wohl er sich von seiijer Wunde erholt hatte, ausgewichen: er fürchtete eine Begegnung vielleicht noch mehr als Batiste. Jedermann sah ihn mit scheelen Augen an. doch niemals hörte er auf der Landstraße von den benachbarten Aeckern her ein beleidigendes Wort. Man begnügte sich, ihm verächtlich den Rücken zu drehen, neigte sich über die Furchen und arbeitete fieberhaft, bis er außer Sehweite war. Ter einzige. der noch mit ihm sprach, war Vater Tomba. der fast blinde Schäfer, der ihn trotzdem mit seinen lichtlosen Augen erkannte. Aber stets wiederholte der Alte ihm dasselbe: Er wollte also die verfluchten Aecker nicht aufgeben? Batiste hörte mit einem Lächeln das ewige Lied dcS Alten an. Mit der Gefahr vertraut, hatte er sie nie weniger gefürchtet als jetzt. Er empfand sogar eine Art Vergnügen. ihr zu trotzen und gerade ans sie loszugehen. Seine Helden- tat in der Schenke hatte seinen so sanften und geduldigen� Charakter verändert und schließlich eine Keckheit in ihm ge- weckt, die an Aufgeblasenheit streifte. Er wollte diesen Leuten beweisen, daß er sie nicht fürchtete, und daß der. der Pimento den Schädel gespalten, auch imstande war. auf die ganze Huerta zu feuern. Er wollte auch eine Zeitlang ein Prahlhans und ein Aufschneider werden, wie Pimento, um sich Achtung zu erzwingen, dann würde man ihn schon iu Ruhe lassen. Als er diesen gefährlichen Wog einmal betreten hatte, lies; er seine Felder im Stich und verbrachte unter dem Vorwande, Schwalben zu jagen, ganze Nachmittage auf den Fußpfaden der Huerta. In Wirklichkeit aber hielt er sich nur hier aus. um den Leuten sein Gewehr und seine wenig beruhigende Miene zu zeigen. Eines Tages war er nach dem Sumpfe von Carrairct gegangen, um dort Schwalben zu jagen. Dieser Sumpf durchschneidet die Huerta wie ein tiefer Spalt. Mit seinen stehenden und übel duftenden Wassern. seinen schlammigen Ufern bietet er einen trostlosen, düsteren AMick. Niemand ahnt, daß die Ebene hinter den hohen Böschungen jenseits des Schilfes und des Röhrichts ihre lachende, grüne Fülle zeigt. Selbst das Sonnenlicht wird in diesem Sumpflabyruüh düster; es erscheint hier nur von der üppigen Vegetation gedämpft und spiegelt sich mit blassem Schimmer in den toten Gewässern. Tie unermüdlichen Schwalben kreuzten sich ohne Ruh und Rast in ihrem launenhaften Flug, dessen seltsanie Arabesken die mit Schilf bewachsenen Gewässer wieder- spiegelten. Batiste brachte den Nachmittag damit zu. auf die heruinwirbelnden Vögel zu schießen. Schon hatte er in seinem Gürtel nur noch eine kleine Anzahl von Patronen, und zwei Dutzend Vögel bildeten zu seinen Füßen einen Haufen blutiger Gefieder. Ein königliches Mahl! Wie würde man sich zu Hause freuen! Er ließ sich vom Sonnenuntergang überraschen. In der Ferne wurde es schon dunkel; die Teiche strömten einen widerlichen Geruch, den vergifteten Hauch des Eumpffiebers aus. Die Frösche quakten zu Tausenden, als wollten sie die aufgehenden Sterne begrüßen; sie waren glücklich, daß sie nicht mehr diese Schüsse hörten, die ihren Gesang unterbrachen und sie nötigten, ängstliche Kopssprünge zu machen, die das glatte Krystall des stehenden Wassers zerrissen. Nun hob der Häger hastig sein Wildpret auf, hing es sich an den Gürtel, über- schritt in zwei Sätzen die Böschung und schlug durch die Feld- Wege die Richtung nach seiner Hütte ein. Der Himmel, der noch in dem schwachen Lichte der Dämnierung schimmerte, zeigte eine sanft-violette Färbung: die Gestirne zogen auf. und die ungeheure Huerta ließ jene tausend Laute vernehmen, die verkünden, daß das Leben mit dem Einbruch der Nacht einzuschlafen beginnt. Die Arbeiter, die aus der Stadt zurückkehrten, eilten über die�Wege, die Männer kamen von den Feldern, die ermüdeten Tiere zogen den schweren Pflug nach Hause, und Batiste erwiderte:„Bona oit!" auf das„Bonn vit!", das ihm alle Personen, denen er begegnete, zuriefen: Leute aus Alboraya. die ihn nicht kannten oder wenigstens nicht dieselben Gründe zum Hasse hatten, wie seine nächsten Nachbarn. Doch je mehr er sich seinem Hause näherte, desto mehr ließ auch die Höflichkeit nach, die Feindschaft trat deutlicher her- vor. die Leute gingen in den Fußwegen hart an ihm vorüber, ohne ihm Guten Abend zu wünschen. Er kam auf feind- liches Gebiet. Wie ein Soldat, der sich zum Kampfe anschickt. sobald er die Grenze überschritten, so suchte auch er nach Munition in der Tasche: mit zwei Schrotpatronen, die er selbst fabriziert hatte, lud er sein Gewehr. Jetzt fragte er nichts mehr danach, was wohl passieren könnte; er hatte da eine gute Bleidouche für den ersten, der es versuchen würde, ihm den Weg zu versperren. Er wanderte ohne Hast, ruhig, als wolle er die Frische dieser Sommernacht auskosten. Doch seine Ruhe ließ ilm die Gefahr nicht vergessen, der man sich aussetzt, wenn man abends in der Huerta spazieren geht und Feinde hat. In einem bestimmten Augenblick glaubte er. mit seinen Bauernohren hinter sich ein Geräusch zu vernehmen. Er drehte sich lebhaft um. bemerkte beim unklaren Lichte der Sterne eine braune Gestalt, die mit einem leisen Satz vom Wege abwich und sich hinter einer Böschung versteckte. So- fort packte er sein Gewehr und näherte sich vorsichtig der Stelle. wo die Gestalt verschwunden war. Niemand zu selien... Doch es kam ihm vor. daß sich in einiger Entfernung die Pflanzen in der Dunkelheit bewegten. Man folgte ihm�lso? Man suchte ihn verräterisch von hinten zu überfallen? Trotz- dem regte ihn dieser Verdacht nicht besonders auf; vielleicht hatte er sich getäuscht, vielleicht war es auch nur ein verirrter Hund, der bei seinem Erscheinen davonlief. Sicher war jeden- falls nur so viel, daß der Urheber des Geräusches, ob es nun ein Tier oder ein Mensch war. die Flucht ergriffen hatte; in- folgedessen hatte Batiste hier nichts mehr zu suchen. Wieder wanderte er stillschweigend weiter, wie jemand, der, wenn er auch im Dunkeln nichts sehen kann, doch seinen Weg kennt und aus Vorsicht keine Aufmerksamkeit zu erregen sucht. Einige Minuten, bevor er nach Hause kam, zweigte sich der Weg an dem blauen Gehöft, an dem die Mädchen Sonntags tanzten." in mehrere Kreuzungen ab. Er wurde auf der einen Seite von einer Böschung begrenzt, die mit einer Doppelreihe alter Maulbeerbäume bestanden war, zur Linken von einem Kanal, dessen abschüssige Ufer mit dichtem, hohem Röhricht bewachsen waren. In der Dunkelheit glich die Gegend einem Bambuswalde, der sich über den tiefschwarzen Weg neigte. Die Masse des Schilfrohres zitterte mit düsterem Aechzen unter dem Nachtwinde. Dieser, in den warmen Stunden so frische und angenehme Ort schien jetzt Verrat und Grauen zu atmen. Obwohl Batiste nicht sehr beruhigt war, so sagte er doch zu sich selbst, als wolle er seiner Unruhe spotten:„Ein prächtiger Ort, um einen Schuß loszulassen, der sein Ziel nicht verfehlen soll! Wenn Pimento hier wäre, er würde eine so schöne Gelegenheit sich nicht entgehen lassen." Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, als zwischen dem Röhricht ein gerader roter Pfeil, eine Feuerzunge auf- sprühte, die wie ein Blitz glänzte, und der sofort ein Knall folgte, während etwas zischend an seinem Ohre vorüber- fuhr... Man schoß auf ihn. Instinktiv bückte er sich und versuchte gleichsam in den schwarzen Boden einzusinken, um seinem Feinde keinen Zielpunkt mehr zu gewähren. In demselben Augenblick blitzte eine zweite Flamme auf, und es ertönte ein zweiter Schuß, der sich mit dem Echo des ersten vermischte; gleichzeitig verspürte Batiste an der linken Schulter einen Schmerz, als zerreiße ihm eine Stahlkralle die Haut, doch er fragte nichts danach, sondern empfand im Gegenteil eine wilde Freude darüber. Zwei Schüsse! sein Feind war ent- waffnet! „Christo! Jetzt habe ich Dich!" Damit stürzte er in das Röhricht, ließ sich fast den Ab- hang hinunterrollen und trat bis zum Gürtel ins Wasser.-Mit den Füßen im Schlamm und die Arme in der Luft, um sein Gewehr nicht naß zu machen, bewahrte er seine beiden Schüsse für den Augenblick, wo er sie in voller Sicherheit abfeuern konnte. Vor Augen hatte er das verzweigte Röhricht, das fast an der Oberfläche des Wassers eine dichte Wölbung bildete. Gegenüber hörte er in der Dunkelheit, in einer Entfernung von wenigen Schritten, ein dumpfes Klatschen, als wenn ein Hund das Ufer entlang floh. Ter Feind war dort. Los! Und Batiste begann eine wilde Verfolgung durch das Kanalbett, er tappte sich durch die Finsternis, verlor seine Schuhe im Schmutz. Seine immer schwerer werdenden Hosen klebten am Körper fest und hinderten seine Bewegungen, während das zerbrochene Röhricht sein Gesicht peitschte und die starren, schneidenden Blätter ihn kratzten. Plötzlich glaubte er etwas Schwarzes zu sehen, das sich an das Schilfrohr anklammerte und die Böschung emporzu- klimmen versuchte Er wollte also entwischen? Batiste spürte das Prickeln der Mordlust in den Fingern. Er riß sein Ge» wehr an die Backe und drückte los. Feuer! Ein Knall, und der schwarze Puntt fiel mit einem Regen von Blättern und zerfetztem Schilfrohr in den Kanal. Weiter! Doch von neuem vernahm Batiste dieses Klat« schcn eines davonlaufenden Hundes, und zwar jetzt stärker, als ob der Stachel der Verzweiflung den Flüchtling antrieb. Und auf�iieue begann das furchtbare Rennen durch die Finsternis. �Sic glitten über den schlammigen Boden, ohne sich an das Schilfrohr anklammern zu können, denn sie durften ja ihre Gewehre nicht loslassen. Das von diesem wütenden Lauf gepeitschte Wasser sprudelte heftig. Zwei- bis dreimal fiel Batiste auf die Knie, doch beim Fallen hatte er nur einen Gedanken, die Arme zu erheben, um seine Waffe über das Wasser zu halten und sich den Schuß, der ihm noch blieb, zu wahren. Tie Menschenjagd ging so weiter, bis zu dem Augen- blick, wo sich in einer Kurve des Kanals eine Stelle des Ufers zeigte, auf der kein Schilfrohr stand. Batistes Augen, die an die Dunkelheit der Laubwölbungen gewöhnt waren, bemerkten ganz deutlich einen Mann, der mit Hülfe seines Gewehres aus dem Kanal klomm und sich mit seinen von Schlamm be- deckten Beinen nur mühsam vorwärts bringen konnte. TaS war er. Pimento! Immer derselbe! „Dieb! Dieb! Du sollst nicht Entwischen!" brüllte Batiste und gab mit der Sicherheit des Schützen, der Zeit zu zielen hat, seinen zweiten Schuß ab. Er sah Pimento schwerfällig auf den Bauch fallen und dann auf allen Vieren kriechen, um nicht ins Wasser zu stürzen. Batiste wollte ihm nach, sprang ewer so hastig, daß er selbst einen Fehltritt tat und der Länge nach mitten in den Kanal fiel. Sein Kopf sank in den Schlamm ein. Er ver- schlang diese erdige rötliche Flüssigkeit� und glaubte, in diesem Schmutzbctt begraben ersticken zu müssen. Doch schließlich ge- lang es ihm mit heftiger Anstrengung, sich wieder zu erheben und die Augen und den Mund zu öffnen. Kauni konnte er wieder sehen, so suchte er den Verwun- deten. Doch dieser war nicht mehr da. Nun trat er, von Schlamm und Wasser triefend, ebenfalls aus dem Kanal und überschritt die Böschung an derselben Stelle wie sein Feind. Doch oben sah er niemand. Er be- fühlte an der Erde einige schwarze Flecken: er roch nach Blut. Doch alle seine Nachforschungen waren vergeblich. Er hatte nicht die Genugtuung, den Leichnam seines Feindes zu erblicken. Pimento hatte eine harte Haut, und wenn er auch viel Blut verlor, so würde es ihm doch jedenfalls gelingen, sich bis nach seiner Hütte zu schleppen. Er brachte vielleicht dieses dumpfe Rauschen hervor, das Batiste irgendlvo auf den Feldern vernahm, gerade als wenn eine große Natter über die Furchen kroch. Vielleicht heulten seinetwegen alle Hunde der Hnerta so wütend! Plötzlich bekam Batiste Angst. Er war allein in der Ebene und vollständig entwaffnet: sein Patronen- loses Gewehr war jetzt nur noch ein einfacher Stock. Pimento konnte allerdings nicht wiederkommen. Doch er hatte Käme- raden. Und von plötzlicher Angst ergriffen, lief Batiste quer- feldein, um den Weg zu erreichen, der ihn nach Hause zurück- führte. Die Ebene war in vollster Aufregung. Diese vier, fast zu gleicher Zeit abgefeuerten Schüsse hatten die ganze Gegend in Schrecken versetzt. Die Hunde bellten mit wagender Wut. Die Türen der Häuser und Gehöfte öffneten sich, und auf den Schwellen erschienen schwarze Schatten, die sicherlich keine leeren Hände hatten. Mail hörte jene Pfiffe und Alarmrufe, mit denen sich die Bewohner der Huerta auf weite Ent- fernungen Warnungssignale geben, und die während der Nacht einen Brand, Diebe, Gott weiß was, aber zweifellos nichts Gutes zu bedeuten hoben. Daruni traten die Männer, zu allem bereit, aus ihren Hiitten. Sie alle beseelte der In- stinkt brüderlicher Solidarität und gegenseitigen Beistandes, der bei den Leuten, die allein in einer Gegend leben, wo jedes Haus isoliert daliegt, stark entwickelt ist. Ueber diese Aufregung höchlichst erschrocken, lief Batiste weiter und bückte sich fortwährend, um im Schutze der Bö- schungeil oder Strohhaufen unbemerkt vorüberzukommen. Schon erblickte er sein Haus und bemerkte an der offenen und beleuchteten Tür auf den roten Fliesen die schwarzen Gestalten der Seinen. Sein Hund witterte ihn und war der erste, der ihm einen Gruß zusandte. Teresa und Roseta stießen ein Freudengeschrei aus. „Batiste! Bist Du es?" „Vater! Vater!" Und alle liefen ihm bis unter das Spalier entgegen, wo die Sterne zwischen den Ranken wie Glühwürmer glänzten. Die Familie hatte eine schreckliche Viertelstunde verlebt. Als die Mutter, die schon über das Ausbleiben ihres Mannes unruhig geworden war. in der Ferne die vier Schüsse hörte, hatte sich chr das Blut im Leibe umgekehrt, wie sie sagte. Sie war mit ihren Kindern aus die Schivelle gestürzt und hatte ängstlich nach dem dunklen Horizont geblickt, denn sie waren alle fest überzeugt, diese Schüsse, die die Ebene in Auf- regu ng versetzten, ständen niit der Abwesenheit des Vaters in Zusainnicnhang. Darum achteten sie auch in ihrer tollen Freude, ihn wiederzusehen, ihn sprechen zu hören, gar nicht auf sein mit Schinutz besudeltes Gesicht, seine von Schlamm triefenden Kleider oder auf seine Füße, von denen er die Schuhe verloren hatte. Sie zogen ihn ins Haus, während Roseta mit feuchten Augen und liebevollem Tone wiederholte: „Vater! Vater I" Sie fiel ihm leidenschaftlich um den Hals, doch er konnte ein schmerzliches Zucken, ein ersticktes, ängstliches„Aul" nicht unterdrücken. Rosetas Arm hatte sich auf seine linke Schulter, aus dieselbe Stelle gelegt, wo er die Stahlkralle verspürt hatte und wo er jetzt eine immer stärker werdende Schwere fühlte. Als er ins Haus getreten war, als das Licht der Ton- lampc sein Gesicht vollständig beleuchtete, stießen die beiden Frauen und die Kleinen einen Schrei des Entsetzens aus: sie sahen das blutgetränkte Hemd, sie sahen diese Erscheinung eines Banditen, der durch eine Kloake dem Zuchthaus ent- iprungcn zu sein schien. Teresa und Roseta brachen in Wehklagen aus. „Heilige Jungfrau, man hatte ihn ermordet!" Doch Batiste, dem der Schmerz in seiner Schulter tiner- träglich wurde, machte dein Gejammer schnell ein Ende, indenr er ihnen rasch nachzusehen befahl. Roseta, die d�e mutigere von beiden war, zerriß das grobe, graue Henid und entblößte die Schulter.„Das viele Blut!" Das junge Mädchen erblaßte und mußte an sich halten, um nicht ohnmächtig zu werden. Batistet und die Kleinen fingen an zu weinen. Teresa heulte noch immer, als läge ihr Mann im Sterben. Doch der Verwundete war nicht in der Stimmung, diese Jeremiaden zu dulden, und unter- brach sie in rauhem Tone: Genug der Tränen, die Sache hat nichts zu sagen, und der beste Beweis dafür war, daß er den Arm bewegen konnte. Ein Ritz.eine Schramme, nichts weiter Er fühlte sich zu kräftig, als daß die Sache hätte ernst sein können. Also Wasser, alte Leinewand, Charpie, die Arnikaflasche! Man sollte sich tummeln, das war doch kein Grund, regungslos dazustehen und ihn wie ein Götzenbild anzustarren. (Schluß folgt.) kleines feiaUetoti. kh. Zur Psychologie dcö Hcxrnwrscns. In einer Sitzung des .Instituts für aßgemeine Psyckologie" in Paris hat Gilbert Ballet, ein Gelehrter, der sich lange Zeit mit der Erforschung dieses seit- sinnen Aberglaubens beichäfligt bat, die psychologische» Grundlagen des Hexenwcsens erörtert.?n der französischen Lilcrawr hat mau ja auch in neuerer Zeit wieder versucht, die seelische Veranlagung und die krankhafte Disposition solrber Hexen zu schildern. Seit Baudelaire, Barberyd Aurevilly und Rops ihre satanischen Visionen in Gedichten»nd Radierungen,' gestallet, hat vor allein HuysmanS die furchtbaren Handlungen der„schwarzen Meiie" und die hysterische Ekstase der Satansbrmrte geschildert. Ballet spricht besonders Sardous„Hexe" eine psychologische Wahrheit in der Schilderung dieser seelischen Vorgänge zu. Er unterscheidet drei Typen der Hexe, die schwachsinnige, die halluzinatorisch erregte und die von einer fixen Idee gepeinigte und verfolgte. Freilich gibt er zu. daß unter den zablloien Hexen auch eine Aniahl von Betrii gerinne» und Ver» brechcrinncn gewesen seien. Zur Erklärung der furchtbaren Grausam- leiten»nd Verblendung, mit der die Prozesse geführt wlirdeii. muß man sich vorstellen, daß jene Zeiten von solchen Geisteslrankheiten sich überhaupt keine Voritellung machen konnten und daß der Glaube an böse Dämonen, an ihren Einfluß auf des Mensche» Denken und Handeln allgemein verbreitet war. Selbst die erlenchtersten und vorgcschrilleniten Geister der Renaissance, ein Pico dclla Mirandola, ein Shakespeare, ein Fischardt waren in dem Glauben an die Wirk» samkeil böser Geister noch völlig befangen, und von da war zum Glauben an Hexen und Zanberei nur ein Schritt. Zudem haben diese Unglücklichen fast immer, absichtlich oder'von der Arr ihrer Krankheit getrieben, Unruhen verursacht, den Geist der Massen erregt und durch irgendwelche ge- Heime Bräuche oder irgendwelche Ungewöhnlichkeit des Betragens sich in diese» Tagen eines erst beginnenden Individualismus von der noch einförmig empfindenden Menge abgesondert. Der Glaube an böse Geister uud an ihren unheilvollen Einfluß auf die io dunkel«! Geschicke de? Menschenlebens ist uns ja bei allen primitiven Völkern ebenso bezeugt wie in den kulturell hochentwickelten Zeiten des ab- sinkenden Römerreichcs und der Gegenwart. Die Gestalt des christ- lichen Teufels, der wie ein brüllender Löwe unigeht und suchet, wen er sauge, mußte zu dem Gedanken führen, daß der Satan mir manchen Menschen einen Vertrag schließe, daniil sie ihm dienren. Bald bildete der in' Einbildungen geschäftige Geist des Mittelalters eine ganze Ärmee von Teufeln in semer Phantasie ans; man zählte außer Satan, dem Obersten, noch 72 Offiziere und 7 40ä 928 gemeine Tenfel. Dieses ungeheure Teufelsheer wird nun nach allen Weltgegcndcn hin ausgesandt, die Menschen zu ve.siibrcn und in ihre Schlingen zu locken, ganz so. wie es Lesfing in seinem Fragment dargestellt hat. Der Teufel bietet seinem Opfer Gold. Macht und Reicdmn, an. er besiegelt den Vertrag durch ein Zeiche», das er dem Zauberer oder der Hexe in das Fleisch drückt. Für all diese Formen der Teuselsverlocknng und der dämonischen Feste, wie sie der englische Gelehrte schildert, haben wir Deutschen in Goethes Faust, in der Darstellung der Walpurgis- nacht ein klaisisches, uns stets vor Augen stehendes Beispiel. De» einmal Verdächtigen wurde mit der größten Willkürlichkeil und ans völlig Ungewisse Anzeichen hin der Prozeß gemacht. ES genügte häufig, daß einer Frau hysterische Krämpfe nachgewiesen wurden, ja der Köiper brauchte nur eine„anästhelische Stelle", d. h. einen Fleck, der gegen das Stecken mit einer Nadel unempfindlich war, ausweisen, so galt sie bereits der Buhlschaft mit dem Satan über» führt.— t Ncrztlichcr Rettungsdienst im Altertum. Bei den alten Griechen gelangte die ärztliche Kunst zu hoher Achtung. Niemals vorher und nachher durste einer ihrer Vertreter eine so hohe Ehrung erhalten haben wie Hippokraies, dem die Athener eine Krone�auS Gold widmeten und ihm gleichzeitig eine Unterhastung auf Staatslosten für seine ganze Lebenszeil zusprachen. Mit dieser hohen Wertschätzung eineS Arztes ging die EntWickelung, die auf ihre Anstellung im öffentlichen Dienst abzielte, Hand in Hand. Die griechischen Städte besaßen in ihrer Blütezeit bereits ärztliche Beamte, die vom Volk gewählt wurden. Die Stellung dieser Aerzte war jedoch nicht überall gleich und wohl auch nicht überall erfreulich. Zuweilen wurden sie direkt von der Stadtverwaltung ernannt, das Honorar wurde aber durch besondere Beiträge der Bürger beschafft. Zuweilen erhielt der öffent- liche Arzt eine geräumige Wohnung mit zwei Toren, wobei besonders Bedacht darauf genommen wurde, daß alle Räume möglichst viel Licht hatten. Das Haus des Arztes hatte dann mehrere Säle, einen für die Operationen, einen zweiten für die Zubereituirg der Arzneien und weitere endlich zur llnterbringung der Operierten oder armer Patienten, die sonst kein Unterkommen hatten. Der öffentliche Arzt konnte Gehülfen und Schüler annehmen, die in einein bestimmten Vertragsverhältnis zu ihn, standen. Am Ende der Lehrzeit hatten sie einen Schwur zu leisten und wurden dann selbst als Aerzte entlassen. Weiblichen Personen war damals die Ausübung der Heilknnst unter- sagt. In Rom dauerte diese Entlvickelung ivesentlich länger, wie denn auch noch bis in das Kaiserreich hinein der ärztliche Beruf dort fast ausschließlich von Fremden ausgeübt wurde, die des- halb auch eine verachtete Stellung einnahmen, bis ihnen Zäsar das Bürgerrecht verlieh. Im kaiserlichen Rom unter- schied man bereits Leibärzte, städtische und ländliche Ge- meindeärzte und Schulärzte. Selbst die kleinsten Städte dursten bis zu fünf Gemeindeärzten unterhalten, größere bis zn zehn. Sie wurden vom Genleinderat gewählt und hatten die Pflicht, arme Patienten zu behandeln und außerdem einen Unterricht in der ärztlichen Kunst zu gewähren. Unter dem Kaiser Constantin wurden sämtliche Gemeindeürzte von allen Steuenr und Abgaben befreit. Der Unterricht in der Medizin war im Altertum alio aufs engste mit dem öffentlichen Dienst der Aerzte verkirüpft, indem die Schüler entweder im Haus des Arztes lernten oder ihn zu den Kranken be- gleiteten. In Griechenland wurde die erste eigentliche Aerzteschule von Asklepiades, in Rom unter Augustns begründet. Augustus schuf auch den Militärarzt. Das ReltungSivesen nahm immer größeren Umfang an, indem auch einzelne Gesellschaften und Vereine, sowie die Gymnasien und Gladiatorenschulcn ihre besonderen Aerzte anstellten. Ein französischer Arzt, der eine gründ- liche Untersuchung über ärztlichen Rettungsdienst im Altertum ver- öffentlicht hat, erinnert bezüglich der Wertschätzung des Arztes im kaiserlichen Rom an eine Aeußerung des berühmten Seneca:„Mein Arzt bezeugt mir mehr Sorgfalt, als es seine Pflicht verlangen würde, er ist stets um mein Ergehen besorgt und eilt mir stets dienstbeflissen in Augenblicken der Not zu Hülfe. Die mühsamsten und unangenehmsten Dienstleistungen sind ihm nicht zu viel, und er hört meine Seufzer nicht ohne Mitgefühl."— Aus dem Tierleben. — Eine Ehrenrettung dcS Eichhörnchens unternimmt H. Chr. Nußbaum in„Wild und Hund". Fast allgemein wird gegenwärtig, so schreibt er, das Eichkätzchen als Nesträuber be- trachtet und verfolgt. Biese Anschauung vermag ich nicht zu teilen. Nach meinen langjährigen sorgfältigen Beobachtungei» halte ich das Eichkätzchen vielmehr für einen Netzschützer. Mehrfach habe ich gc- sehen, daß Eichkätzchen einen heftigen Lärm erhoben und wie toll unihersprangen, sobald Habicht, Sperber, Marder oder Wiesel sich dem Platze näherten, wo sie zuvor mit Amseln, Drosseln, Finken und Meisen vergnüglich nach Nahning gesucht hatten. Das Eichkätzchen warnte die Vögel rechtzeitig und zog die Aus- rnerksamkeit des Räubers auf sich. Leider wird es dann oft von ungenau beobachtenden Leuten für den Störenfried gehalten, weil es das Auge auf sich lenkt, während der schlaue Räuber ungesehen bleibt, sobald der Beobachter sich bewegt. Dem Jäger, der einer solchen Szene beiwohnt, kann ich nur raten, sich nicht zn rühren, aber den Schrotlauf schußfertig zu machen. Es ist ein hoch- interessanter Anblick, wenn Habicht, Sperber und Marder auf das Eichkätzchen jagen und oft wird sich Gelegenheil bieten, einen dieser Räuber unschädlich zu machen.— Ferner sah ich bei Herrn Architekt Gardenier bei Apeldoorn lHolland) mehrere Eichkätzcheupaare nebst ihren Jungen in einer Voliere zwischen einer großen Schar fleiner und kleinster Vögel, die sämtlich nisteten, einträchtiglich leben. Nie hat Herr Gardenier auch nur den Versuch einer Störung oder eines Nest- raubes beobachtet. Er lächelte über einen solwen Aberglauben und hob die Freundschaft hervor, die zwischen den Vögeln uud den Eich- kätzchen herrschte.— Warum soll endlich ein.Tier, das ausschließlich Pflanzenkost nimmt, Eier oder junge Vögel rauben? Darum bin ich vorläufig der Ansicht des Herrn Gardenier, werde niich aber gern eines Besseren belehren lassen, wenn sorgfältige persönliche Beobachtungen gegen das Eichkätzchen geltend gemacht werden können. So schädlich das Eichkätzchen den Obstgärten, nainentlich durch Birnenraub, zu werden verniag, so wenig kann ich sein Aus- rotten in deu� Waldungen gutheißen. Denn der von ihm durch Samenraub geübte Schaden kann die Forstvcrwaltungen wohl ver- anlasse», seine Zahl durch Abschuß in sachgemäßen Grenzen zu halten, nicht aber sollte dieses reizende Tier aus unseren Wäldern verschwinden. Namentlich in den Stadtivaldungen steht die Freude, die den Kindern durch das Beobachten der Eichkätzchen zn teil ivird, in gar keinem Verhältnis zu dem Schaden, den es hier anzurichten vermag. Daruin möge erst durch genaue Beobachtungen festgestellt werden, ob das Eichkätzchen Nestranb ausübt, ehe man es ausrottet. Verantwortl. Redakteur: Ha-rS Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Beim Beobachten aber verhalte man sich regungslos und suche den wirklichen Räuber zu erspähen, ehe nian über diesen Liebling der Kinder ein voreiliges und hartes Urteil fällt.— Technisches. — Elektrische Heizung in Davos. In Davos. jenem von Erholungsbedürftigen und Lungenkranken vrelbesuchten Lust- kurort, wurden von den Aerzten der Sanatorien die weitgehendsten Anforderungen an die Reinhaltung der Luft gestellt, als es sich daruin handelte, welches Heizungssystem zur Anwendung gelangen sollte. Die Benutzung von Kohle, Gas und auch Dampf wurde als bedenklich erklärt, so daß man sich zur Einführung elektrischer Heizung entschloß, nachdem man sich davon überzeugt hatte, daß die Kosten einen außergewöhnlich hohen Betrag nicht er- reichen würden. Zur Erzeugung der erforderlichen elektrischen Energie wird der ungefähr 17 Kilometer von Davos entfernte Wasser- fall des Flusses Landwasser ausgenutzt. Die Kraftstation enthält 3 Maschinensätze für je 30V Pferdestärken und entsendet Zweiphasen- ström von 16 000 Volt Spannung nach Davos. Zur Heizung der Gebäude dienen in den einzelnen Räumen verteilte, mit Einail be- kleisete Widerstände. Für die Heizung eines Raumes von 1 Kubik- nieter werden, ziemlich genau mit der Vorausberechnung übercin- stimmend, ungefähr 700 Kilowattstunden pro Tag aufgewendet. In den Küchen sind die Ofenherde durch kleine Transformatoren ersetzt. Die gesamten Betriebskosten im ersten Jahre bettugen 830 000 Frank bei einer Gesamtleistung von 25 000 000 Kilowatt- stunden. Die Kosten einer Kilowattstunde stellen sich demnach aus 3,3 Centimes, was für Heizung an jenem Orte nicht übermäßig hoch ist. Das elekttische Kochen lvird bei diesem Preise allerdings als etwas teurer empfunden.—(„Techn. Rundsch.") Humoristisches. — R e k l a ni e.„Ist die Soubrette durch ihre Stimme und ihr Talent so berühmt geworden?" —„O nein, nnt der ist nicht zu konkurrieren— die hat jede Woche ihren Automobilunfall!"— — Einen P o st t a g zu spät. Der Schwätzer:„Ach, sieh da, sieh da. lieber Freund, endlich nach langer Zeit trifft man Dich einmal wieder. Na, wie geht Dir's denn, ivas hast Du in der ganzen Zeit getrieben; na und vor allem, wo lebst Du denn jetzt?" Der Stotterer:„In In... now... Der Schwätzer:„Das steut mich, das freut mich. Na. und Dein Geschäft geht gut, und Deine liebe Frau ist Wohl und Dein kleines Töchtercheir auch, wie heißt doch Dein Töchterchen?" D e r S t o t t e r e r:„lo... raz... law!"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Hermanns Abschied. In der Wiener Wochenschrift „Der Weg" veröffentlicht Hcrinann Bahr seit einiger Zeit Tage- buchblätter. Unter den Eintragungen befindet sich auch die folgende: „27. Novembcr. Kontrakt unterschrieben: vom 1. August 1908 bin ich als Oberregisseur in München. Wäre nicht unverhofft dies ge- kommen, so wäre ich nach Berlin gegangen oder wer weiß wohin. Aber fort. Denn mir ist in den letzten Jahren immer mehr alles, was in Oesterreich künstlerisch versucht wird, als ein Schwindel vor- gekommen. Man kann in Asien nicht Europa spielen. Wir paar Europäer müssen abwarten, bis Oesterreich europäisch gelvorden sein wird. Der Künstler vermag nichts, dies verlangt politische Taten. Ich aber traue mir solche nicht zu. Ich kann politisch nur wünschen oder wüten. Also fort. Olbrich hat es mir immer gesagt. Fort, bis Männer der Tat, stärker, mutiger und fester als ich, uns ein Vaterland geschaffen haben werden."— — Der nächste Novitätenabend des Deutschen Theaters findet am 29. Dezember statt. Zur Aufführung ge- langen der Einakter von Oskar Wilde„Florentinische Tragödie". „Der heilige Brunnen", eine dreiaktige Legende von I. M. Synghe, und der Courtelinsche Einakter„Der Herr Polizeikommisiär".— — Die vieraktige Oper„Acts" des spanischen Violinvirtuosen Jean M a n ö n ist vom Dresdener Hoftheater erworben worden.— — Die Museen, das Alte und Neue Museum, das Pergamon-Museum, daS Kaiser Friedrich-Museum, die National- Galerie, das Museum für Völkerkunde und daS Kunstgewerbe- Museum sowie die Sammlung für deutsche Volkskunde bleiben am Sonntag, den 24. Dezember, für das Publikum g e- schlösse n.— — Aus Reiche nberg in Böhmen wird gemeldet: � In der letzten Sitzung des Stadtverordneten-Kollcgiums wurde beschlossen, den M o n u m e n t a l b r u n n e n, der anläßlich der deutsch- böhmischen Ausstellung im kommenden Jahre dort nach den Plänen Franz M e tz n e r S errichtet wird, für die Stadt anzukaufen. Die Erbauungskoftcn betragen 70 000 Kronen. � — Tie Galeric der Uffizien hat. wie der„Franks. Ztg." an? Florenz berichtet wird, dieser Tage 1 1 000 Porträts crivorben, die aus Radierungen, Lithographien, Holz- und Kupfer- drucken bestehen. Sie stellen Berühmtheiten, Monarchen, Päpste, Sängerinniien und Tänzerinnen dar.— VorwärlsBuchdcuckcrei u.VerlagSaujtaltPaul Singer LcCo..Berlin S�V.