Nnlerhaltuttgsblatt des vorwärts Nr. 249. Freitag� den 22 Dezember 1903 (Nachdruck verboten.) 29] Die f)uerta, Roman von V. B l a s c o I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. c Schluß.) Teresa kehrte in ihrem Zimmer alles um und. um, suchte in den Koffern, zerriß Leinewand und machte Streifen, während das junge Mädchen die blutigen Ränder der Wunde auswusch. Die beiden Frauen stillten das Blut, so gut sie konnten, und verbanden die Wunde. Nun fühlte sich Batiste erleichtert und atmete auf, als wäre er schon genesen. Er hatte in seinem Leben schon oftmals schlimmere Schläge bekomnien. Er erzählte seiner Frau zuerst, was geschehen war, dann schalt er die Kleinen und mahnte sie zur Vorsicht. Sie sollte von alledem kein Wort sprechen. Das waren Sachen, die man mit Stillschweigen übergehen mußte. Als Teresa davon sprach, den Arzt holen zu wollen, protestierte er lebhaft. Ebensogut konnte man auch gleich zu Gericht lausen! Er wollte sich selbst behandeln, und seine Haut würde ganz von selbst wieder zuheilen. Die Hauptsache war, daß sich niemand darum kümmere, was ani User des Kanals geschehen war. In welchem Zustande sich der andere wohl jetzt befinden mochte? Während Batiste die Kleider wechselte, bemächtigte sich Batistct des Gewehrs, trocknete es, reinigte die Läufe und tat alles Mögliche, um jede Spur des Gebrauchs zu verwischen. — Solche Vorsichtsmaßregeln sind immer gut. Dann legte sich der Verwundete mit heftigem Fieber nieder. Die beiden Frauen verbrachten eine schlaflose Nacht an seinen! Bett und reichten ihin jeden Augenblick Zuckerwasser, das einzige Mittel, das sie im Hause hatten finden können; dabei warfen sie von Zeit zu Zeit scheue Blicke aus die fest- verschlossene Tür, als müßten die Gendarmen ieden Augen- blick eintreten. Am nächsten Morgen fühlte sich Batiste besser, seine Wunde war augenscheinlich nicht bedenklich. Dagegen quälte ein anderer Gegenstand der Unruhe die Fainilic. Den ganzen Vormittag sah Teresa, die durch die halb- geöffnete Tür beobachtete, die Leute aus der Nachbarschaft über den Weg wandern und sich in einer wahren Prozession zu Pimento begeben. Diese vielen Menschen! Man bemerkte in der Nähe des Hauses ein wahres Gewimmel. Alle sahen entrüstet aus, schrien, machten mit den Händen heftige Be- wegungen und schleuderten haßerfüllte Blicke auf das che- malige Gehöft des Vater Barret. Als Teresa in Batistes Zimmer trat, um ihm ihre Be- obachtungen niitzuteilen, hörte dieser die Neuigkeit grollend an. Diese Wanderung der Bevölkerung zu Pimcntos Woh- nung war ein deutliches Zeichen, daß der Prahlhans ernst- Haft verlvuudet war, daß er vielleicht gar im Sterben lag: denn Batiste wußte genau, daß er ihm seine beiden Schrot- ladungen in den Leib gejagt hatte. Bei diesem Gedanken kitzelte ihin ein Etwas unangenehni die Brust. Was würde dann wohl passieren? Ob er auch im Zuchthaus sterben mußte, wie der arme Vater Barret? Nein, auch diesmal würde man die Sitten der Huerta achten und dem Prinzip treu bleiben, aber seinen Freunden, den Terrcrolas und den anderen die Sorge überlassen, ihn zu rächen. Und Batiste wußte nicht, was von beiden am meisten zu fürchten war,— die Justiz des Strafgesetzbuches oder dick der Huerta. Nachmittags wollte der Verwundete, trotz der Vorhal- tungen und Bitten der beiden Frauen aufstehen und aus- gehen. Er erstickte: sein an die Arbeit gewöhnter Athleten- körpcr konnte eine so lange Ruhe nicht ertragen. Mit etwas wankenden Schritten und von der Untätigkeit gelähmten Beinen verließ er, während ihm die Schulter noch heftig schmerzte, das Zimmer und setzte sich unter das Spalier. Der Tag war düster. Es wehte ein für die Jahreszeit zu frischer Wind, violette Wolken bedeckten die bereits nieddß stehende Sonne, und hinter ihr verschlossen dunkle Massen die Luft und bedeckten den Horizont wie mit einem undurch» sichtbaren Schleier. Zuerst blickte Batiste nach der Stadt und drehte Pi> mentos Hütte den Rücken. Er schwankte zwischen der Neu- gier, zu sehen, was dort vorging, und der Furcht, mehr sehen zu müssen, als er eigentlich wollte. Doch schließlich trug die Neugier den Sieg davon, und langsani drehte er den Kops um. Jetzt, da die Landschaft ihres Getreidevorhanges beraubt, war das Haus seines Feindes deutlich sichtbar. Ja, es war ein wahres Volk, das da vor der Tür wimmelte: Männer, Frauen und Kinder, die ganze Huerta war herbeigeeilt, um ihren niedergeschmetterten Befreier zu besuchen. Wie diese Leute ihn hassen mußten. Trotz der Entfernung erriet er, daß sein Name von all diesen Mänern ausgesprochen wurde. Im Summen seiner Ohren, im.Klopfen und Hämmern seiner iin Fieber brennenden Schläfe glaubte er die lauten Drohun- gen zu vernehnien, die diese Menscheninenge ausstieß. Und doch! Gott wußte es, er hatte sich nur verteidigt, und sein einziger Wunsch war es gewesen, seine Familie ernähren zu dürfen, ohne jemandem Schaden zuzufügen. Der Abend sank hernieder: die Dämmerung warf ein graues, trübes Licht auf die Ebene. Der immer stärker wehende Wind trug plötzlich eine wahre Explosion von Jammer und Wutgeschrei zu Batiste hinüber. Er blickte noch einmal hin und sah nun die Menge im Tumult auf die Tür der fernen Hütte zustürzen. Er sah, wie Arme sich in einem Ausdruck des Schmerzes erhoben, krampfverzerrte Hände, die die Tücher von den Köpfen rissen und sie wütend auf die Erde warfen. Nun strömte ihm sein ganzes Blut zuin Herzen. Was sich da drüben ereignete, war nicht schwer zu erklären: Pimento war eben gestorben. Batiste überlief ein Gefühl der Kälte, der Furcht und auch der Schwäche, als hätten ihn alle seine Kräfte plötzlich verlassen. Er kehrte ins Hans zurück und atmete erst ruhig, nachdem die Tür fest verschlossen und die Lampe angezündet war Die Nacht war düster. Die ganze Familie fiel vor Müdigkeit um, weil sich in der vorigen Nacht niemand Ruhe gegönnt batte. Man aß kaum. Und vor neun Uhr war die ganze Gesellschaft iin Bett. Batiste fühlte fast keinen Schmerz mehr, dagegen klopfte ihm das Herz zum Zerspringen. Er konnte nicht einschlafen. In der Dunkelheit glaubte er ein blasse, verschwommene Ge- stalt zu sehen, die nach und nach das Aussehen Pimcntos annahm, wie er ihn in den letzten Tagen bemerkt hatte, die Stirn mit einem Verband unNoickelt und mit der drohenden Miene eines rachsüchtigen, eigensinnigen Bauern. Um sich von dieser peinlichen Vision zu befreien, schloß er die Augen und versuchte einzuschlafen, doch gerade, als der Schlummer sich seiner bemächtigen wollte, begannen seine geschlossenen Augen das tiefe Dunkel mit roten Punkten zu bevölkern. Diese Punkte wurden größer, bildeten bunte Flecken: diese Flecken schwebten wirr umher, vermischten sich miteinander, und wieder einmal näherte sich ihm Pimento langsam mit der grausanien Hartnäckigkeit eines bösen Tieres, das mit seiner Beute spielt. Es gelang Batiste nicht, diesen Alb zu verjagen, der ihn selbst im wachen Zustande quälte. Ja, im Wachen, denn er hörte das Schnarchen seiner neben ihm schlafenden Frau und seiner Kinder, die vor Müdigkeit zusamniengebrochen waren, doch ihm war es, als hörte er sie in weiter Ferne, als hätte eine geheimnisvolle Macht das Haus fortgetragen, und als müßte er hier bleiben, ohne trotz aller seiner Bemühungen eine einzige Bewegung niacheu zu können. Jinmer noch preßte sich Pimcntos Gesicht an das seine, und er spürte den warmen Atem seines Feindes auf seinem eigenen Munde. Pimento war also nicht tot? Batiste legte sich in seinem Stumpfsinn diese Frage vor und beantwortete sie schließlich mit großer Mühe, daß Pimento doch tot war. Denn dem Prahlhans war nicht nur der Kopf zerschmettert, nein, auch sein ganzer Körper war von zwei Wunden entstellt, deren Lage Batiste nicht zu bestimmen vermochte: aber die Wunden waren vorhanden, und ihre violetten Ränder öffneten sich wie unerschöpfliche Blutquellen. Zwei Schüsse hatten ihn ge» troffen, dessen war er sicher. Er gehörte nicht zu den Schützen, die ihr Ziel verfehlen. Aber trotz allem blies ihm das Phantom seinen glühenden Atem ins Gesicht, sah ihn mit einem Blicke an, der ihm wie eine Stahlspitze in die Augen drang und beugte sich zu ihm hernieder, bis er seine Brust streifte. „Verzeih, Piments!" stöhnte Batiste, wie ein Kind zitternd, und infolge des bösen Traumes von Entsetzen ge- lähmt. Ja, Pimento mußte ihm verzeihen, Batiste hatte ihn allerdings getötet, aber der andere mußte sich erinnern, daß er zuerst Händel gesucht hatte. Nun, wenn man ein Mann ist, so muß man vernünftig sein. Es war doch Pimentos Schuld. Doch die Toten nehinen keine Vernunft an. Das Gespenst lächelte weiter mit wilder Miene und plötzlich sprang es auf das Bett und drückte mit seiner ganzen Wucht auf die verletzte Schulter. Unfähig, sich zu rühren und die gräßliche Last zurückzustoßen, stöhnte Batists vor Schmerz auf. Mit freundlicher Vertraulichkeit suchte er Pimento zu rühren, in- dem er ihn Toni nannte. „Du tust mir weh, Toni." Aber das wollte der andere gerade. Und als ob das Phantom an der Befriedigung seiner Rache noch nicht genug hatte, so riß er den Verband und die Charpie von der Wunde, die im Zimmer heruniflogen, bohrte seine grausamen Nägel in die Wunde und rijj so heftig daran, daß Batiste vor Schmerz brüllte. „Au, au! Pimento, vergieb!" Und so stark war der Schmerz des Verwundeten, daß heftige Schauer ihm vom Kops bis zum Rücken liefen, die Haare sich sträubten, sich gleichsam verlängerten, im Krämpfe der Angst verwirrteil, um sich schließlich in ein gräßliches Schlangenknäuel zu verwandeln. Nun ereignete sich etwas Gräßliches. Das Phantom packte Batiste bei diesen seltsamen Haaren und begann zum erstenmal zu sprechen: „Komm, Komm!" Damit zog er ihn an sich und zerrte ihn mit Übermensch- licher Leichtigkeit, teils fliegend, teils schwimniend, Batiste hätte es nicht sagen können, durch ein feines flüssiges Elemeilt. So zogen sie alle beide von bannen, mit rasender Schnellig- keit durch die Schatten aleitend, einem roten Flecke zu, den man dort drüben, dort orüben bemerkte.... Und der Fleck wurde größer und nahm eine Gestalt wie die Tür der Kammer an. Ihm entströmte ein dichter und übelriechender Rauch, ein Gestank von verbranntem Stroh, der ihm den Atem benahm. Das mußte der Höllenschlund sein. Und Pimento sckickte sich jedenfalls an, sein Opfer in den Herd zu stürzen, dessen Licht durch die Tür flammte.... Der Schrecken war größer als die Betäubung. Batiste stieß einen fürchterlichen Schrei aus, konnte endlich die Arme bewegen und stieß Pimento und das phantastische Haar, an das dieser sich klammerte, weit von sich. Er hatte jetzt die Augen offen. Das Phantom war ver- schwunden. Das alles war nur ein Traum gewesen. Aber wie? Fieberte er noch immer? Was bedeutete dieses rote Licht, das die Kammer noch immer erhellte? Woher kam dieser scharfe Rauch, der ihni den Atem benahm? Er rieb sich die Augen und richtete sich im Bett auf. „Christo!" Er hatte verstanden. Die Tür leuchtete imnier röter, der Rauch wurde iinmer dichter. Er hörte ein dumpfes Knistern, als wenn die Flammen an dünnes Schilfrohr leckten, und sah Funken wie Fenerfliegen umherflattern. Der Hund heulte. „Teresa! Auf!" Er warf sein Weib aus dem Bett, lief zu den Stuben der Kinder, schrie, um sie aufzuwecken, und trieb die Ver- dutzten, Zitternden im Hemde hinaus, wie eine Herde, die vor dein Stock flieht, ohne zu wissen, wohin. Schon warf das brennende Dach einen Funkenregen auf die Betten. Vom Rauche geblendet und erstickt, suchte Batiste die Ausgangstür, fand sie, und es gelang ihm auch, sie zu öffnen: die Familie stürzte, vor Entsetzen wie wahnsinnig, halb nackt hinaus und lief auf den Weg. Tort wurden sie etwas ruhiger und zählten sich. Alle waren da, alle, selbst der arme Hund, der wütend heulte und nach dem von. Brande verzehrten Hause starrte. „Wie gut sie es verstanden hatten!" Man hatte die Hütte an allen vier Enden angezündet, k« daß alles- auf einmal in Brand geraten war, man hatte auch den Hühncrhof und den Stall nicht vergessen, der jetzt mit seinem Schutzdach in Flammen aufging. , Das Wetter hatte sich geändert. Jetzt war die Nacht ruhig, der Wind wehte nicht mehr. Der klare Azur des Himmels wurde nur durch diese Rauchwolke getrübt, die durch die Zwischenräume ihrer wallenden Ballen die Sterne sehen ließ. Leckende Feuerzungen sprühten durch die Tür und durch das Fenster der Hütte; weißliche Wirbel erhoben sich vom Dach und bildeten eine ungeheuere Spirale, die im Aufsteigew breiter wurde und unter den Reflexen des Brandes eine rosige Durchsichtigkeit annahm. Batiste, der sich von seiner grausamen Ucberraschung ein wenig erholt hatte, wollte noch einmal in diese Hütte zurück: Eine Minute, nicht länger. Pur, um in der Kammer nach dem kleinen Geldbeutel zu suchen, der das Erntegeld enthielt. Und Teresa kämpfte, kämpfte, um ihn daran zu verhindern. Ach, die gute Teresa! Sie brauchte schon nicht mehr zu kämpfen und die heftigen Stöße Batistes zu ertragen; eine Hütte brennt schnell, Stroh und Schilf liebt das Feuer. Plötzlich brach das Dach krachend zusammen, dieses prächtige Dach, das die Nachbarn mit gehässigen Blicken angeschaut hatten. Und aus dem ungeheuren Brandherd sprühte eine riesige Fcuergarbe, deren schwankendes und verschwomnienes Licht der Huerta ein phantastisches Grinsen zu entlocken schien. Schon brachen die Mauern des Stalles mit dumpfem Krachen zusammen, als hätte eine Dämoncnschar sie angesägt. Man hörte ein verzweifeltes Wiehern, angsterfülltes Glucksen und wütendes Grnnsen. Man sah Hennen, die lebendig ver- brannt, wie Feuerbündel noch zu fliegen versuchten. Plötzlich stürzte ein niit Stroh gedecktes Stück der Mauer zusammen, und durch die schwarze Bresche raste wie der Blitz ein groß- liches Ungeheuer, das dicken Rauch durch die Nüstern blies, eine Fnnkcnmähne schüttelte und seinen, wie eine Fackel kohlenden Schwanz hin- und hcrbcwegte. Es war das Pferd, das instinktiv gerade zum Kanal lief, wo es sich, wie Feuer zischend, hineinstürzte. Und hinter ihm erschien, die Erde bc- schnüffelnd, nach rechts und nach links laufend, und ein gellendes Geschrei ausstoßend, ein anderes Feuergespenst: das Schwein, das mitten auf einem Erdhaufen zusammenbrach und dort wie eine Fettfackcl verbrannte. Nur einzelne Mauerstücke und das Spalier mit ver- kohlten Ranken blieben stehen, auch bemerkte man einzelne Pfeiler, die sich wie Tintenstreifen von dem rötlichen Hinter- gründe abhoben. Umsonst hatte Batiste, in der Hoffnung, noch etwas zu retten, wie ein Wahnsinniger geschrien: „Zu Hülfe, zu Hülfe, Feuer, Feuer!" Sein Geschrei war in der Einsamkeit ohne daß sich die Tür einer einzigen Hütte in der Nachbarschaft öffnete. Wozu auch rufen? Die Huerta blieb stumm und taub für sie. Gewiß gab es im Jnnern�dieser weißen Häuser viele Augen, die neugierig durch die Spalten lugten, viele Münder, die in verbrecherischer Freude lachten, doch es gab auch nicht eine großmütige Stinime, die da gerufen hätte: „Da bin ich!"' » Eine einzige Hütte zeigte ein erleuchtetes Fenster, das in blassem, gelbem, trübem Scheine schimmerte. Batistes Augen fielen auf dieses blasse, trübe Licht, das die Kerzen eines Totenlagcrs verbreiteten und er dachte:„Leb wohl, Pimento, Haus und Gut des Mannes, den Du haßtest, leuchten Deinem Leichnam mit fröhlichem Glanz, Du scheidest gerächt aus dieser Welt."...., So wies sie die mürrische, schweigsame Ebene also für immer fort. Sie mußten diesem Orte entfliehen, um, den Hunger aus den Fersen, ein lieiies Leben zu beginnen. Sie mußten dieser Gegend den Rücken kehren, wo sie den Leichnam eines der Ihrigen zurückließen, des armen Pascualet, der als unschuldiges Opfer des wahnsinnigen Kampfes in, Schatze dieser Erde verweste. ,•.,, Und mit orientalischer Entsagung und Resignation setzten sie sich alle am Rande der Landstraße nieder und erwarteten den Tag. Die Schultern von Kälte durchschauert, das Antlitz von der Glut verbrannt, die blutige Reflexe auf ihre traurigen Gesichter warf, folgten sie mit aufmerksamem Blicke den Fortschritten des Feuers, das die Früchte ihres Schaffens vernichtete und sie auf ewig in Asche legte. 995 Vas Licht. (vJrtdjSnii Bcifiolcn.) Von Lisa Wenger-Ruutz Vom Firmament lösten sich zwei Sterne, dnrchzogen den ewigen Raum und stießen aufeinander. Millionen Funken sprühten, stiegen, fielen, erloschen. Drei sanken zur Erde. Der er'te fiel auf einen Maulwurfshügel nieder, der zweite blieb neben einem Froschtcich liegen, und der dritte beleuchtete eine Schmctterlingspuppe, in der ein Falter seiner Auferstehung harrte. Ter Funke, der auf den Hügel gefallen, drang langsam durch die lockere Erde und fiel in der Wohnung einer Maulwurssfamilie zu Boden. „WaL ist das, was da kommt?" frug der Großvater, der in einem abgeschabten, alten Samtpelz hinter dem Ofen saß. «Es ist etwas Merkwürdiges," sagte mißtrauisch der Hausvater, „etwas, das ich noch nie gesehen habe! Ob es uns wohl Schaden tun wird?" „Ach nein," riefen alle die jungen Maulwürfe,„es ist schön, es glänzt!" „Nehmt Euch vor dem in acht, was glänzt!" warnte der Groß- vater. Eine Weile saß die ganze Familie stumm um den Funken her- um, der still sein Licht verbreitete und die Wohnung bis in den hintersten Winkel beleuchtete. Tann sagten die Kinder: „Großvater, Dein Pelz ist aber fchmichigl Und so häßlühe rote Augen hast Du!" Da wurde der Alte zornig und warf ein Stück Holz nach seinen Enkeln. „Ihr braucht mich auch noch zu verspotten, ihr Ungeziefer mit Eueren Mäuseschnauzen." Die Maulwürfchen fingen an zu heulen, denn Mäuseschnauzen verachteten sie. Tie Mutter tröstete ihre Kinder und schalt auf den Großvater, denn eS war des Hausherrn Vater, nicht der ihre. „Weißt Du. Frau, es ist merkwürdig, wie abgeschabt Du aus- siehst, so grau, gar nicht mehr so schön schwarz wie früher! Und auf dem Kopf hast Tu ja keine Haare mehr! Und sieh einmal, was in den Ecken alles herumliegt!" Aber er konnte kaum ausreden. Die Alte stellte sich vor ihn hin, fuchtelte mit ihren kleinen, rosa- sarbenen Patschchcn in der Luft herum und schrie: «Und Du! Du mit Deinem verrupften Schnurrbart! Und Deinem dicken Leib! Und Deinem kahlen Pelz! Du brauchst mich noch zu höhnen! Und wenn ich Dir nicht mehr gefalle, kann ich ja gehen!" Sie setzte sich auf einen Haufen Weizen, verbarg ihre spitze Schnauze in ihrer Schürze und weinte laut. Kleinlaut standen der Maulivnrf und die Kinder rmi die Mutter herum, und es war einen Augenblick ganz still in dem Maulwurfshügel. Ter Funke strahlte auf alle die zornigen und bösen und häß- lichen Aeuglein, die ihn anstarrten. „Der ist an allem schuld," sagte da der Großvater.„War nicht alles schön und gut bei uns ehe er kam?" „Und gefiel ich Dir nicht immer, ehe dies unverschämte Licht mich bestrahlte?" quiekte die Maulwürfin.„Und sahst Du denn je Unordnung' bei uns?" „Und hast Du nicht immer gerade meinen Schnurrbart bc- Ivundert?" rief der Maulwurf.„Waren wir je unzufrieden! Gefiel uns nicht alles bei uns? Das Licht ist schuld, das Licht!" „Ja, das Licht ist schuld," rief erlöst die Maulwurssfrau. „Fort mit dem Licht, fort mit dem Licht, wir wollen kein Licht," schrien und piepsten und quietschten sie alle durcheinander, und sie warfen Erde auf das Licht, traten auf ihm herum und gössen schmutziges Regenwasier auf das glühende, leuchtende Fünklein. Da zischte es, strahlte noch einmal auf und erlosch. Und bei Maulwurss wurde es wieder schön dunkel, wie es vor- her geivesen. Des Großvaters schmutziger Pelz schien schwarz, der Mutter Haare dicht und des Hausherrn Schnurrbart männlich stolz und lang. Die Ecken voll Unrat traf kein Licht mehr, sie waren wieder im alten, für Maulwürfe behaglichsten aller Zustände: In« Dunkeln! * Ter zweite Funke lag also neben dem Froschteich und glühte weiter, unbekümmert um die erstaunt glotzenden Augen eines gras- grünen Frosches, der dort gesessen und sein Abendlicd in die Welt hinausgebrüllt hatte. „Nanu, was kommt denn da?" dachte er, denn er hatte seiner Lebtage kein Licht in der Nähe gesehen. Er hüpfte über das Fünklein weg und betrachtete eS von der anderen Seite. Es glühte weiter. Dann kletterte er auf einen Stein und betrachtete es von oben. „Es macht sich gut in meiner Wohnung," quakte er und schmunzelte, als er sah, wie das Licht seine schmutziggraue Unterseite bestrahlte und seine grüne Farbe hell erglänzen ließ. „Was bin ich für ein Kerl, ein famoser," freute er sich. Aber da sah er etwas, das ihm noch bester gefiel. Allerlei Mücken und kleine Nachtschmetterlinge tanzten um das Licht, einer, zwei, zehn, eine ganze Menge. Der Frosch hatte die Auswahl, er brauchte nur zuzugreifen. Und er griff zu. Schnapp! Die fetteste Mücke war verschwunden. Und noch einmal Schnapp! Und Schnapp! Und Schnapp! Eine Panik verbrestete sich unter den Mücken, aber sie konnten nicht fort. Das Licht! Das helle Licht! Das hielt sie fest! Endlich konnte der Frosch nicht mehr. Er hockte breit auf der Erde und schnappte nach Luft. „Ausgezeichnet, so ein Licht, ganz ausgezeichnet!" Tc_if schlief er ein. Still glühte der Funke. Am nächsten Tage dieselbe Geschichte. Bei Tage hatte der Frosch den Funken natürlich nicht leuchten gesehen und glaubte dcshall, die Herrlichkeit sei schon zu Ende. Aber als es dunkel lourd-'. flimmerte und lockte das hell« Licht über das Wasser, die Mücke,.' konnten nicht widerstehen, flogen hinein und fanden den Tod. Der Frosch aber saß und fraß sich fett und rund. Er lebte von dem Licht. Er baute ein Hans von Glas darum herwn, damit kein Windstoß es vernichte. Er hütete und liebte das Licht und prahlte damit bei den anderen Fröschen und verachtet« diejenigen, die keines hatten. Und der strahlende Funke aus Himmelshöhen diente dem Frosch bis dieser sich einmal überfraß und starb. Da trat sein Sohn an seine Stelle und mästete sich. Nach diesem wieder ein anderer und wieder ein anderer. Das stille Licht aber lenchtets allen. »» Ter dritte Funke, der größte, der schönste, war auf eine Wiese gefallen und lag helleuchtend neben einer schlichten, braunen, un- scheinbaren Puppe. Sie regte sich nicht, und der Funke goß sein Licht aus über sie. Die Puppe schlief, und daS Licht hütete ihren Schlaf. Da endlich regte es sich, die Hülle der häßlichen Puppe sprang, und ein neues Wesen ging aus ihr hervor, erst so unscheinbar wie das abgestreifte, braune Kleid, ein ungeschicktes Geschöpf mit kleinen, > reichen zerknitterten Flügeln. Bald aber entfalteten sich diese Flügel im Licht des hellen Funkens, sie breiteten sick aus und fingen an in bunten Farben zu schillern, und ein wunderschöner Falter flog staunend um das Licht. Er reckte und dehnte sich, er sog die weichen Lüste ein, die ihn trugen, er wiegte sich hin und her und flog hinauf, seine Kräfte zu erproben, aber immer wieder hinab zum Licht, das seine Wiege bestrahlt hatte. Und das Licht leuchtete ihm, und er starrte entzückt in seine Glut und wuchs in seiner Helle. Aber er wollte mehr Licht, immer mehr Licht. Der kleine Funke. der ihn mit seinem Glühen aus der Hülle gelockt und sein Werden mit Wärme erfüllte, genüg!« ihm nicht mehr. Wenn er den seinen Strahlen des Fünkleins sich nahte, träumte er von unendlichem Licht. Ta wich die Nacht, die Sonne durchbrach die Morgennebel, der Funke erblaßte, und allüberall flutete es über die Erde. Trunken vor Freude badete sich der Falter in den funkelnden Strahlen. Selber ein farbiger, schimmernder Funke, gaukelte er in den Lüften. Höher und immer höher flog er. dem Lichte zu, der Sonne zu, im goldenen Feuer badete er, vermischte sich mit ihm, und war, in- dem er verschwand, selber ein Teil des ewigen Lichtes geworden.—- Kleines feuilleton. —„So seid Ihr!" Unter diesem Titel ist dieser Tage bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart eine AphoriSmen-Samm-- luug von Otto Weiß erschienen. Einige Proben mögen hier Platz finden: Zu den allgemeinen Bcdürstiissen zählt dasjenige, mißverstanden zu werden.— Diesem und jenem wird es übel genommen, daß er nicht so dumm ist, als er scheint.— Mißerfolg— hat schon manchen größenlvahnsinnig gemacht.—- Wer eine Wahrheit entdeckt, die jeder kennt, den feiert die Menge.— Es gibt eine eigene Art von Großtuern: daS find die Klein« wer.— Mancher hat einen großen Vorzug: er ist gesprächig; manche» dagegen hat einen großen Fehler: er ist gesprächig.— ES hat noch keiner die Reise durchs Leben fahrplanmäßig gemacht.— Wer scharf zu hören versteht, der unterscheidet genau daS verneinende Ja von dem bejahenden Rein.— Ost denkt einer lange nach, um herauszubekommen, ob er sich beleidigt fühlen soll oder nicht.— Ein Buch kann so großen Anstoß erregen, daß alle Welt eS liest.— Wenn die Menfefftn sich unbeachtet glauben, dann nehmen sis eine fremdartige Gestalt an:— ihre eigene.— Manche Patienten fühlen so viel Dankbarkeit gegen ihren Arzt, daß sie nicht einsehen, Warum sie ihn auch noch bezahlen sollten.— Un» knapp zu schreiben, muß mau über viele Worte verfügen.— Gewisse Kritiker sind so sehr damit beschäftigt, den allgemeinen Geschmack zu heben, daß sie- ihren eigenen darüber vernach- lässigen.— Der Inhalt jeder Rede besteht aus zwei Teilen: aus dem, was sie sagt, und aus dem, was sie verschweigt.— Kinder lügen nicht soviel wie Erwachsene: sie find eben noch nicht erzogen.— Unglaublich: Es gibt Leute, die heiraten, weil sie ruhe, bedürftig sind!— Der Ausbeuter maskiert sich gern als Wohltäter.— Während mancher Gerichtsverhandlung kann man feststellen: »Der Beweis ist schon da; bloß die Schuld fehlt noch."— Wer unter uns hätte nicht wenigstens einmal in seinem Leben gehofft, es iverde zu seinen Gunsten irgend ein Naturgesetz außer Kraft treten?— Reaktionäre Moral:„Das Boll soll entsagen— zugunsten jener, die Entsagung predigen".— Fast jeder Gebildete glaubt sich verpflichtet, mehr Wissen zu zeigen, als er besitzt.— Wenn gewisse Leute dumm sprechen, haben sie dafür ihre der- nünftigen Gründe.— Es ist traurig: Die meisten Gesanglehrer behaupten, daß die meisten Gesanglehrer nichts taugen. Und noch trauriger: Die meisten Gesanglehrer haben recht.— ie. Phonographische Allotria. Wenige Besitzer eines Phono- graphen dürften wisse», wie vielseitige Leistungen dieser Apparat als Htmiorist zuwege zu bringen vermag. Eine amerikanische Wochenschrift gibt diesbezüglich einige Anweisungen. Indem man den Apparat ans die größtmögliche Geschwindigkeit bringt und erst mit tiefer lauter Stimme hineinspricht, dann aber den Gang plötzlich sehr verlangsamt und denselben Satz weiter mit besonders scharfer Aussprache wiederholt, entsteht bei der Medergabe bei der Höchstgeschwindigkeit ein merkwürdiges Duett, indem die laute Stimme immer gefolgt wird von einer schnellen leisen Stimme wie von einem Echo. Noch belustigender ist ein auf ähnliche Weise hergestelltes Pfeifduett. Bei einer Geschwindigkeit von 160 Um- drehungcn in der Minute tvird irgend ein volkstümliches Stück gepfiffen. Wenn die Platte voll ist, so wird der Schreibstift, ohne den Apparat anzu- halten, ivicder an den Anfang gebracht, und dann wird der zweite Teil gepfiffen. Die? Experiment kann man nach Belieben abändern. Man kann auch zwei Platten von sehr verschiedenem Inhalt entzwei- schneiden und dann die Hälften aufeinander setzen, so daß immer wieder ein höchst sonderbarer Sprung vom Erhabenen zum Lächer- lichen gemacht wird, wenn der Stift von der einen Hälfte zur andern übergeht. Noch merkwürdiger wird eine solche Darbietung des Phonographen ausfallen, wenn man die dünne Hälfte einer dieser Tafeln fortnimmt, so daß auch bei gewöhnlichem Gang des Apparats alle Aufzeichnungen in umgekehrter Reihenfolge ertönen. Es ist dabei auffallend, daß die Stimme, die man bei dem gewöhnlichen richtigen Gang des Phonographen sofort erkannt hat, gänzlich entstellt und nnkenntltch wtrd, wenn sie nun in gerade umgekehrter Form vorgeführt wird— Literarisches. o. K. Robert Thomas:„Unter Kunden, Komö- dianten und wilden Tieren". Leipzig. Fr. Wilh. Grunow 1905.— Unsere Zeit hat es mit dem Mentoirenschreiben. Das ist kein Fehler. Der Drang, sich seilten Mitmenschen in schriftlicher Form mitzuteilen, zeugt für den geistigen Fortschritt der Masse. Sie strebt von unten noch oben, vom finstern Dasein ztim lichtsrohen. Wir wissen es ja wohl am besten, wie rege unter unseren Arbeitern das„Schriftstellern" geübt wird. Diesen treibts von innen heraus, weil er glaubt, daß in ihm ein Talent verborgen stecke— das haben doch nur wenige—; den anderen reizt die Fülle seiner Er- lebnisse. diese, von denen er immer die Meinung hegt, daß sie ungewöhnlich, ja noch von nientandem ähnlich, geschweige denn inter- esiamer und wichtiger durchgemacht worden wären. Alle Schreibenden jedoch— das darf zugestanden Iverden, beseelt wohl der gleiche End- ziveck: ihren Arbetterkollcgen, wenn nicht sogar der Partei zu nützen. Von diesem Standpunkt aus läßt sich eine Art Zweck nicht verkennen. Aber der letztere genügt doch nicht allein. Der Leser sucht noch etwas anderes an einem Schriftwerk: eS soll ihm auch ästhetischen Genuß gewähren. Und ferner sucht er hinter dem Autor eine Persönlichkeit, die sich interessant zu äußern vermag. Wenn ich an die Lebenserinnerungen einiger Proletarier erinnere, die Paul Göhrc und Adolf Wilbrandt herausgegeben haben, so wird man ver- stehen, ivorauf ich abziele. In diesen Niederschriften steckt mehr als bloße„Erinnernitg". Wir erfahren nicht allein, wie irgend ein Mensch Kind geivesen, Jüngling und Mann geworden ist, sondern— und darauf kommt es uns an I— daß er eine geistige und ethische Eittwickclintg durchmacht, kurz daß er um eine Weltanschauung gerungen hat, ein Kämpfer wurde. In dieser spezifischen Gattung von Lebcnsschilderungen spiegelt sich dann ein wirkliches und wahrhastiges Stück zeitlicher und kultureller Geschichte, aus dem der Psychologe wie Soziologe und Historikar mannigfache Aufschlüsse holen können. Das Etiigangs erwähnte Buch Rehört nicht zu dieser Kathegorie. Wohl ist der Verfasser ein hlichter Arbeiter— Bäcker— gewesen. Wohl hat er als Hand- werksbnriche Deutschland, einen Teil von Dänemark, Frankreich und die Schweiz durchzogen, in„Kunden"-Herbergen, oft auch bei „Mutter Grün" Nachtlager genommen, gebettelt,' Strafen dafür ab- gesessen, in Arbeit und wieder ohne diese gestanden und so ziemlich alles graue Elend durchgekostet, das einem regelrechten„Proletarier der Landstraße" begegnet. Aber die Aufzählung dieser„Erlebnisse" an sich böte kein Interesse besonderer Art. Ob der Mensch eine E n t iv i ck e l u n g durchgcinacht hat: das ist's, was wir wissen wollen. Von einer solchen im Sinne unserer sozialistischen oder gewerlschaftlichen Arbeiterschaft erfahren wir aber nicht das geringste, auch selbst nicht dann, wenn wir am Ende der 475 Druckseiten umfassenden„Lebenserinnerungen" angelangt sind. Es ist ja kaum denkbar, daß der Verfasser auf seinen Wanderfahrten nirgends— und wär es auch nur wenigstens einmall— mit der modernen, will sagen sozialistischen Arbeiterbewegung in Berührung gekontmen sei. Vielleicht scheute er sich darüber Andeutungen zu machen: oder aber der Heransgeber dieser.Lebenserinnerungen' — Julius R. Haarhaus— hat jene aus dem Manuskript getilgt l Würde diese Vermutung zutreffen, so hätte der Herausgeber aller« dings dem Verfasser einen schlechten Dienst erwiesen. Möglich ist aber auch, daß dieser durch sein Hineingeraten in die Welt reisender Schausteller und Artisten ganz vom ursprünglichen Wege seiner Ent« Wickelung abgekommen ist, oder daß ihm Instinkt und Verlangen fehlten, und daß sein Wandertrieb und seine Neigung zu Tierbuden, Karussels und sonstigen Markterscheinungen alles andere überwuchert hat. Thomas lvird also da in allen möglichen Beschäfttgungen unthergeworfen. Er bereist fast jeden Ort im nördlichen, westlichen und südlichen Deutschland, wie die Schweiz, Tirol zc. Bald greift er als Gelegenheitsarbeiter zu, bald tritt er als Tierlvärter, Karusseldreher, Athlet, Kellner, Traitsporteur und Dompteur auf. Jnzivischen verliebt er sich, gibt aber später seiner Braut den Laufpaß. Später verheiratet er sich wirklich mit einer andere»: aber es dauert nicht gar lange, so muß er, heimgelehrt, erfahren, daß ihm die Frau mit einem Liebhaber davongegangen. Es geht auf und ab: heute ist er hier, morgen dort, jetzt bei diesem, übermorgen, vielleicht schon über Nacht, bei jenem Tierbudenbesitzer. Abwechselung gibts genug, Heiteres und Trauriges in Hülle und Fülle: freilich Arbeit, schwere Arbeit noch mehr. Auch als Tier- bündiger erlebt er zuweilen Zusammenstöße, die ihm die Gesundheit, nicht selten sogar daS Leben gefährden. Das alles lernt man gleich« mütig in Kauf zu nehmen. Man hat leichtes Blut; man teilt dies Naturell mit dem ganzen Artistenstand. Und eS ist wahrlich ein ehrlicher Stand. Freilich zu Wohlstand gelangen ihrer nicht viele. Man bleibt ein armseliger Ritter von Habenichts sein Leben lang. Diese einzige Erkenntnis ist der alleinige Gewinn, den man bestenfalls davon trägt. Sie war eS denn auch, die Robert Thomas schließlich bewog, eine zwar bescheiden gelohnte, aber sichere Stellung anzustreben. Als ihm dazu die Hand geboten wird, greift er herzhast zu. Seit zehn Jahren ist er Tierwärter im Zoologischen Garten zu Leipzig. Wir vernehmen ein buntfarbiges Durcheinander von allem, was Thomas erlebt hat. Gar vieles konnte ruhig weg« fallen und der Herausgeber hätte sich hier nicht zu scheuen brauchen, alles auszumerzen, was über nackte Aufzeichnung nicht hinausgeht, oder sich in ähnlicher Weise wiederholt, oder gar jedes Interesses für Dritte ermangelt. Denn eine gewisse Eintönigkeit durchzieht doch den ganzen Inhalt. Das Anekdotische hat die Ueberhand. Auch über das Leben der Schausteller wünschte man mehr zu erfahren, als tat« sächlich geboten wird. Trotzdem wird man sich an dem humoristischen Einschlag und der naiven Frische, mit dem das Ganze vorgetragen ist, gern zu erstellen haben.— Notizen. � Zugegangen ist uns: Karl Henckell„Mein Lied". Mit Beiträgen von Rich. Strauß und Buchschmuck von FiduS. Berlin. Bard, Marquardt u. Co.— — Von Gustav FrenssenS neuem Roman„Hilligenlei" sind schon über 80 000 Exemplare verkauft worden.— — Der V e r e i n f ü r K u n st veranstaltet am 19. Januar im Salon Cassirer einen Sonderabend, an dem Alfred Mombert aus seinen Dichtungen vorlesen wird.— — Vahrs Münchencr Kontrakt lautet auf zwei Jahre.— — Das Deutsche Theater bereitet für die zweite Hälfte dieser Spielzeit eine Neueinstudierung von„Emilia G a l o t t i" vor.— — In Rom wurde dieser Tage das erste ständige Theater Italiens eröffnet. Es ist daS der dritte derartige Versuch.— — Eine musikalische Volksbibliothek wurde in München durch die Ortsgruppe München des Allgenieiuen deutschen Musikvereins eingerichtet. Der Katalog weist 2000 Nummern auf. Der Bibliothekraum ist wohnlich ausgestattet und vorläufig jeden Mittwoch von 7 bis 9 Uhr abends und jeden Sonntag von 11 bis 1 Uhr mittags geöffnet.— — W h i st l e r- P r e i s e. Bei der Versteigerung des Nachlasses von Henry Irving in London kam u. a. auch Irvings Bildnis in der Rolle Philipps II. von W h i st l e r unter den Hammer. Es wurden dafür 4800 Guinea<100 800 M.> bezahlt. Irving hatte Whistler dafür seinerzeit 2000 M. gegeben.— — Der„Mainzer Anzeiger" bringt folgendes Geschichtchcn: In einem Dörfchen des Odenwald wurde nnlängst die Ge« meinderats-Ergänzungswahl vollzogen. Das bisherige Gemciuderatsmitglied, Bauer N., wurde von der Kandidatenliste gestrichen. Verwundert fragte ein Freund einen älteren Gemeinde- rat, ob sich denn N. als Gemeiudevorstaudsmitglied nicht be« währt habe.„Durchaus nicht," lautete prompt die Antwort,„der hat bei den GemeiuderatSsitzungen regelmäßig geschnarcht, daß der Bürgermeister aufgewacht ist." Und N. fiel durch.— Verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»austattPaulSii>gerLtCo..BerlinL1V,