ZlnterhaltungsSlatt des Ionvärts Nr. 1. Mittlvoch. den 3. Januars 1906 (Nachdruck verboten� Sd�wärmcr. Roman von Knut Hamsun. Autorisierte Uebersetzung von Hermann K i h 1. Am Küchenfenster des Pfarrhofes steht die Hausmamsell, Marie van Loos; ihr Blick schweift über den Weg fort bis weit hinauf. Sie kennt die zwei da oben an der Hecke, nie- wand anders ist es als Telegraphist Rolandsen, ihr eigener Bräutigam, mit Olga, der Küsterstochter. In diesem Früh- jähr war es jetzt nun das Zweite Mal, daß sie die beiden zu- sammen sah: was das nur heißen sollte? Wäre Jungfer van Loos im Augenblick nicht so beschäftigt gewesen, sie wäre schnurstracks zu ihnen hinaufgegangen und hätte eine Er- klärung verlangt. � Aber hatte sie Zeit dazu? Stündlich wurde der neue Pfarrer mit seiner Familie erwartet, und überall herrschte große Emsigkeit in dem geräumigen Hause. Den kleinen Ferdinand hat man an ein Dackifenster postiert: er soll die Bucht im Auge behalten und die Ankunft melden, damit die Reisenden warnien Kaffee vorfinden. Sie werden eine Er- frischung brauchen könne»: Rosengaard, der Halteplatz für die Dampfer, ist eine Meile entfernt, und von da bringt das Boot sie herüber. Noch liegt ein wenig Schnee und Eis auf den Feldern, aber es ist Mai und gutes Wetter, und der Tag über Nord- land ist lang und hell. Elster und Krähe haben fleißig an ihren Nestern gebaut, und auf den nackten Hügelchen ist das Gras schon grün. Im Garten die Lilie hat Knospen mitten im Schnee getrieben. Nun kam es darauf an, was für eine Art Mensch der neue Pfarrer wäre. Das ganze Kirchspiel war gespannt, es zu erfahren. Freilich sollte er nur vorübergehend Stifts- kaplan sein, bis ein fester Pfarrer ernannt wäre: aber die Stellvertretung durch die Stiftskaplane in dieser Gemeinde konnte oft recht lange dauern. Die Fischerbevölkerung war arm und die Reise in die Filialkirche jeden vierten Sonntag beschwerlich genug. Diese Pfründe war ganz und gar nicht von der Art, daß man es mit den Bewerbungen sehr eilig gehabt hätte. Es hieß, Kaplans wären reiche Leute, die nicht mit den Schillingen knauserten. Die Hausmamsell und zwei Mädchen waren schon gemietet worden: auch mit weiteren Hilfs- kräften für das Gehöft hatte man nicht gespart, sondern zwei Knechte gedungen: dazu kau, der kleine Ferdinand, der be- hend und aufgeweckt sein sollte und die Besorgungen für alle zu erledigen hatte. In der Gemeinde machte es einen gc- segneten Eindruck, daß der Pfarrer für so vermögend galt. Dann würde er es wohl auch nicht immer allzu genau nehmen mit dem Opfer und den Privilegien, sondern im Gegenteil den Armen ein wenig helfen. Die Spannung war groß. Beide Gcbülfen des Pfarrers und ein paar andere Fischer hatten sich unten bei den Bootsschuppen zum Empfange eingefunden in ihren schweren Stiefeln, und sie kauten Tabak und spuckten und schwatzten. Nun kam endlich auch der große Rolandsen gemächlich den Weg heruntergestiegen, er hatte Olga ziehen lassen, und Jungfer van Loos verließ ihr Küchenfenster. Sie würde ihm später einmal ihre Meinung schon sagen: es kam nicht eben selten vor, daß sie Ove Rolandsen zur Rede stellen mußte. Sie war von holländischer Abstammung, sprach Bergensisch und war so zungenfertig, daß ihr eigener Bräutigam sich genötigt sah, ihr den Spitznamen Jungfer Boden-Loos anzuhängen. Ucberhaupt, der große Rolandsen war ein witziger, dreister Mann. Wohin wollte er jetzt? Hatte er wirklich die Absicht, die Pfarrersfaniilie zu empfangen? Er war heute wohl nicht nüchterner als so oft, in seinen, Knopfloch stak ein knospender Lilienzweig, und der Hut saß ihm ein bißchen schief: so würde er auftreten! Die Gehlllfcn unten bei den Schuppen hätten es freilich am liebsten gesehen, wenn er sich in dieser Stunde, dieser wichtigen Stunde, gar nicht hätte blicken lassen. Ging es denn auch wohl an, auszusehen wie er? Seine große Nase war allzu unbescheiden für das wenig bedeutsame Amt, das er im Leben bekleidete: und dazu kam, daß er den ganzen Winter über sein Haar hatte stehen lassen, so daß er mehr und mehr einen Künstlerkopf bekam. Seine Braut sagte, um sich zu rächen, er sehe aus wie ein Maler, der als Photograph ende. Er war jetzt ein Bursch und Junggesell von vierundreißig Jahren: er spielte Gitarre und sang mit tiefer Stiinme die Lieder des Kirchspiels: an den rührenden Stellen lachte er, daß die Tränen rollten. So großartig war er in solchen Dingen! Er war Stationsvorsteher und zehn Jahre in der hiesigen Stellung. Rolandsen war groß und von starkem Bau: auf eine Schlägerei pflegte es ihm nicht anzukommen, wenn die Gelegenheit günstig war. Jetzt zuckt der kleine Ferdinand zusammen. Bon seinein Dachfenster aus sieht er den Steven von Kaufmann Macks weißem Boot um die Landzunge biegen: im nächsten Augen- blick hat er die Treppe in drei verwegenen Sprüngen ge- nommen und ruft in die Küche hinein:„So, nun sind sie da!" „Herrje, sie sind da!" schreien die Mädchen bestürzt. Doch die Hausmamsell verliert die Fassung nicht, sie hat hier schon beim vorigen Pfarrer gedient und versteht ihr Hand- werk, tüchtig und praktisch wie sie ist.„Hinüber mit dem Kaffee," ist alles, was sie sagt. Der kleine Ferdinand springt mit seiner Neuigkeit weiter zu den Knechten. Die werfen hin, was sie gerade in der Hand haben, fahren hastig in die Sonntagsjacke und eilen zu den Schuppen hinunter, um behlllflich zu sein. Da waren nun im ganzen zehn Mann zum Empfange der Fremden beisammen. „Guten Tag," sagt der Pfarrer hinten vom Boot her und lächelt ein wenig und nimmt seinen weichen Hut ab. Und alle Mann am Lande entblößen ehrfürchtig die Köpfe, und die Gehülfen verbeugen sich so tief, daß ihr'langes Haar ihnen in die Augen kommt. Der große Rolandsen niacht ein bißchen weniger Aufhebens von der Sache als die anderen, er steht kerzengerade, doch auch sein Hut seukt sich tief. Der Pfarrer ist ein jüngerer Mann mit rötlichein Backen- bart und mit Sommersprossen: seine Nasenlöcher sind fast zugestopft mit hellem Barthaar. Die Frau liegt seekrank und heruntergekommen im Boothäuschen. „Wir sind da," sagt der Pfarrer zur Türöffnung hinein und ist seiner Frau behlllflich. Beide stecken sie in merk- würdig alten dicken Kleidern, die sich nicht sonderlich gut ausnehmen. Es sind wohl nur Ueberkleider, die sie sich für die Reise geliehen haben, ihre feine Garderobe haben sie ver- packt. Der Hut ist der Frau in den Nacken gerutscht, ihr blasses Gesicht mit den großen Augen lenkt die Blicke der Männer auf sich. Der Gehülfe Levion watet hinüber und trägt sie ans Land, während der Pfarrer allein fertig wird. „Mein Name ist Rolandsen, Telcgraphist," sagt der große Rolandsen und tritt vor. Er ist redlich betrunken und hat glasige Augen, doch weil er viel Lebensart besitzt, ist sein Auftreten doch recht sicher. Hoho, Teufels-Nolandsen pflegte keine Verstöße zu begehen, wenn es galt, sich unter den Großen zu bewegen und mit allen den feinen Redensarten um sich zu werfen, die man dazu brauchte.„Wenn ich könnte," fuhr er zum Pfarrer gewendet fort,„so möchte ich Ihnen hier uns alle vorstellen. Die zwei da sind, glaube ich, die Gchülfen des Pfarrers. Das da sind Ihre beiden Knechte. Das ist Ferdinand." Und der Pfarrer und die Frau Pfarrer nicken den Leuten zu:„Guten Tag, guten Tag," sie würden sich schon bald kennen lernen. Ja, ja, nun heiße es also, das Gepäck ans Land bringen. Doch der Gehülfe Levion sieht nach dem Bootshäuschcn hin und macht Miene, noch einmal hinüber zu waten.„Sind keine Kleinen dabei?" fragt er. Man antwortet ihm nicht, und alles blickt die Ehe- leute an. „Ob kerne Kinder dabei sind?" beharrt der Gehülfe. „Nein," antwortet der Führer vom Boot her. Das Gesicht der Frau hatte sich gerötet. Der Pfarrer sagte: „Nur wir... Daun kommt Ihr also nach dem Klarieren hinauf. Leute." Natürlich war er reich. Er war nicht der Mann, der den Armen ihren Lohn vorenthielt; der vorige"'�n-er pflegte sich nie mit dem Klarieren zu befassen, er sagte immer nur:„Schön Dank bis nachher". Sie stiegen landeinwärts hinauf, und Rolandsen machte den Führer. Er ging im Schnee neben dem Wege her, damit die anderen Platz hätten; er trug zierliche Lackschuhe, doch das kümmerte ihn nicht, auch die Jacke ließ er offen in dem kühlen Maiwind. „Da ist ja die Kirche!" sagt der Pfarrer. „Die sieht alt aus. Es ist wohl kein Ofen drin?" fragt die Frau. „Da würden Sie mich zuviel fragen," antwortete Rolandsen;„ich glaube aber nicht." Der Pfarrer wurde stutzig. Er hatte also wohl keinen Kirchgänger vor sich, sondern im Gegenteil einen, der nicht viel Unterschied machte zwischen Werk- und Feiertag. Und der Pfarrer wurde etwas zurückhaltender dem Fremden gegenüber. Die Hausmamsell stand auf der Treppe, und Rolandsen stellte wieder vor. Als er es getan hatte, grüßte er und wollte gehen.„Wart' ein bißchen, Ovs!" flüsterte Jungfer van Loos. Aber Rolandsen wartete nicht, er griißte wieder und stieg rücklings die Treppe hinunter. Das müsse ein sonderbarer Heiliger sein, dachte der Pfarrer. Die Frau war schon in der Stube. Sie begann sich von der Seekrankheit zu erholen und besah die Räume. Sie bat, die hellste und hübscheste Stube solle das Arbeitszimmer des Pfarrers werden, ferner nahm sie für sich selbst die Kammer in Beschlag, die Jungfer van Loos bisher bewohnt hatte. 2 Nein, Rolandsen wartete nicht: er kannte Jungfer van Loos und wußte, was bevorstand. Und er tat so ungern etwas anderes, als was er selber wollte. Oben auf dem Wege traf er einen Fischer aus der Ge- meinde, der zum Empfange des Pfarrers zu spät kam. Es war Enoch, der geweckte und sanftinütige Mann, der immer mit niedergeschlagenen Augen herumging und seines Ohren- leidens wegen ein Tuch um den Kopf trug. „Du hast Dich verspätet," sagte Rolandsen im Vorbei- gehen. „Ist er da?" „Er ist da. Ich habe ihm die Hand gedrückt." Ueber die Schulter rief Rolandsen zurück:..Merk' Dir. was ich sage, Enoch: Ich beneide ihn um seine Frau." Da war seine dreiste und leichtfertige Mitteilung gerade an die rechte Adresse gekommen. Er würde schon dafür sorgen, daß das unter die Leute käme. (Fortsetzung folgt.) l�atunvincnscKaftUcKe Qeberficbt» Von Dr. C. T h e s i n g. Wer mit offenem Blicke die Einrichtungen der Natur betrachtet. wird jedesmal von neuem erstaunen über die zahlreichen Beispiele von Zweckmäßigkeit und von weitgehender Anpassung der Lebewesen an die verschiedenartigsten Lebensbedingungen. Es sei an die großen Unterschiede in der Färbung der Tiere entsprechend ihrem ver- schiedencn Aufenthaltsorte erinnert. Während nämlich die Bewohner der Wüste vorwiegend eine gelbliche bis gelbbraune Farbe besitzen, werden die Regionen des ewigen Schnees, die Gipfel der Gebirge sowohl wie die Polarländer, hauptsächlich von weißen Tieren be» wohnt. Die Seen und Meere wiederum werden von zahllosen glas- klaren, durchsichtigen Lebewesen bevölkert, und die Mehrzahl der ausschließlichen Laubbewohner zeichnet sich durch eine grüne Färbung aus. Noch in die Augen springender wird diese Erscheinung bei vielen Tieren, die ihre Farbe zu wechseln vermögen und ein Sommer- und Winterkleid anlegen können, wie z. B. unser gemeines Wiesel, das in der milden Jahreszeit ein rötlichbraunes Pelzwerk besitzt, im Winter jedoch eine fast weiße Farbe annimmt. Das wunder- barste dabei aber ist, daß in den gemäßigten und schnecarmen Gegenden das Wiesel Sommer wie Winter die gleiche rotbraune Farbe behält. Ganz ähnliche Fälle ließen sich leicht zu Hunderten anführen, es mag jedoch hier geniigen, nur noch kurz auf die zahl- reichen Beispiele von Nachäffung hinzuweisen, daß Tiere, besonders Käfer und Schmetterlinge, teils leblose Gegenstände, wie trockene Blätter, dürre Zweige, Borke usw. teils sogar andere Tierarten, die infolge ihrer Giftigkeit oder aus anderen Gründen allgemein gescheut werden, bis zur Täuschung ähnlich in Gestalt und Färbung nach, ahmen und dadurch vor feindlichen Angriffen geschützt sind. In früheren Zeiten vermeinte man diese zweckmäßigen Einrichtungen nur mit Hülfe eines zwecktätigen Prinzipes, eines göttlichen Schöpfers der Weltordnung, begreifen zu können, der so handelte und alles eingerichtet hätte, daß der Mensch nach seiner Vernunft diese Einrichtungen als zweckmäßige bezeichnen mühte. Es unter- liegt nun keinem Zweifel und bedarf heute kaum»och eines Beweises, daß in Wahrheit die Hülfsmittel, deren sich die Natur bei ihrem Fortschreiten und bildlich gesprochen, bei der Konstruktion der Lebe- Wesen bedient, mit der menschlichen Zwecktätigkeit verglichen, nur dem blindesten Zufall gleichgestellt werden kann. Ein drastisches Beispiel aus F. A. Langes gedankenreichem Werke:„Die Geschichte des Materialismus" wird das Gesagte am besten klarstellen:„Wenn ein Mensch, um einen Hasen zu schießen, Millionen Gewehrläufe auf einer großen Heide nach allen beliebigen Richtungen abfeuerte; wenn er um in ein verschlossenes Zimmer zu konimen, sich zehntausend beliebige Schlüssel kaufte und alle nach der Reihe durchprobirte; wenn er, nm ein Haus zu bauen, eine ganze Stadt errichtete und die überflüssigen Häuser dem Wind und Wetter überließe, so würde wohl niemand dergleichen zweckmäßig nennen und noch viel weniger würde man irgend eine höhere Weisheit, ver- borgene Gründe und überlegene Klugheit hinter diesem Verfahren vermuten."— In ganz ähnlicher Weis« sehen wir in der Natur eine ungeheuere Vergeudung von Lebenskeimen, ja der Untergang der Lcbenskeime und das Fehlschlagen des Begonnenen ist die Regel, während die Erreichung des Endzieles, die naturgemäße Ent- Wickelung, nur ein Spezialfall unter Tausenden ja Millionen dar- stellt. Ein Beispiel wird dieses beweisen. Ein Karpfen setzt jährlich ungefähr 200 000 Eier ab und fährt in diesem Geschäfte, ganz niedrig gerechnet, etwa 50 Jahre lang fort. Bon diesen 10 000 000 Nachkommen müsien nun in der Regel 9 999 993 wieder zugrunde gehen, ehe sie das fortpflanzungsfähige Alter erreicht haben, teils als Eier, teils als Embryonen oder endlich als junge noch nicht ge- schlechtsreife Tiere, und nur zwei erreichen das fortpflanzungs- fähige Alter. Würden nämlich von einem Elternpaare im Durch- schnitt mehr als zwei Nachkommen überleben und wieder zur Fort- Pflanzung gelangen, so müßte die betreffende Tierart in ständiger Vermehrung begriffen sein und im Laufe von wenigen Jahrtausenden würde die Weite der Erde nicht ausreichen, um nur diese eine Art zu beherbergen. So unglaublich dieses zuerst scheint, ein einfaches Rechcnexempel beweist es. Wählen wir hierzu eine Tierart mit auf- fallend geringem Fortpflanzungsvermögen, den Elefanten. Ein Elefant wird ungefähr mit dem dreißigsten Jahre zeugungsfähiz und bleibt es bis zu seinem neunzigsten Jahre. Da jedoch die Elefanteneltern lange Zeit für ihre Kinder sorgen müssen, bringen sie in diesem langen Zeitraum von sechzig Jahren nur zirka sechs Junge zur Welt. Von diesen sechs Jungen würden, unter der Vor- aussetzung, daß alle leben blieben und zur Fortpflanzung gelangten, 0 mal 0 gleich 36 Nachkommen entstehen und deren direkt« Nach- kommenschaft würde bereits die stattliche Zahl von 1264 Köpfen er- reicht haben. So hätten wir schon in der kurzen Zeit von 900 Jahren von dem einen Elternpaare lö 000 000 Kindeskinder. Wir beobachten nun aber, daß die Jndividuenzahl einer Art auf einem bestimmt begrenzten Gebiete, so großen Schwankungen sie auch vorübergehend unterworfen sein mag, im Verlaufe größerer Zeitabschnitte sich ungefähr auf der gleichen Höhe erhält. Voraus- letzung hierfür ist natürlich, daß auch die äußeren Lebensbedingungen oicselben bleiben. Eine ungewöhnliche Hungersnot, Ueber- schwcmmungen oder Seuchen können natürlich eine Art in kurzer Frist bis zur Vernichtung dezimieren. Soll nun diese„Normal- ziffer" nicht überschritten werden, so dürfen, wie gesagt, von jedem einzelnen Elternpaare nicht mehr als zwei Nachkommen am Leben bleiben und zur Fortpflanzung gelangen. Es ist nun Darwins großes Verdienst, in diesem scheinbar blinden Spiele des Zufalls eine Gesetzmäßigkeit erkannt und im„Kampfe ums Dasein", im Ueber- leben des Passenden, ein Prinzip aufgefunden zu haben, das es uns ermöglicht, auch die Entstehung des Zweckmäßigen in der Natur auf mechanischem, d. h. natürlichen: Wege zu begreifen. Die Nachfolger dieses großen Mannes glaubten jedoch im dieser Methode die Wünschelrute zu haben, welche mühelos alle Geheimnisse des Lebens offenbarte. Ter„Kampf ums Dasein" wurde zu einem Schlagwort. immer mehr wurde sein tiefer fruchtbarer Sinn verflacht! Der von HobbeS verkündete„Krieg aller gegen alle" sollte das Leitmotiv der gesamten organisierten Natur sein und in ihm allein die Triebfeder jeder Entwickelung, jeder Vervollkommnung liegen. Erstaunt blickt der Naturforscher umher, der noch nicht den Zusammenhang mit der lebendigen Natur verloren hat, der sich nicht begnügt, zu Hause am Schreibtisch und mit dem Mikroskop die Rätsel der Welt lösen zu wollen, sondern der noch gewohnt ist, draußen in der Freiheit des Waldes oder der Steppe Antwort aus seine Frage zu suchen. Sind wirklich Streit und Raub das einzige Mittel der Vervollkommnung? Sollte es nicht noch ein anderes Prinzip geben, das neben diesem hergeht, ja ihm entgegenwirkt? Er sieht umher, er sieht winzige schlvache Geschöpfe Großes leisten, während andere starke und für den Kampf um die Existenzmittel und gegen die Gewalten der Natur besser ausgerüstete Arten zum Stillstmide und zum Untergange ver- urteilt sind. Tritt man der Erscheinung näher, so zeigt sich unschwer, daß hier eine Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt, daß allemal die Arten die widerstandsfähigsten und fortgeschrittensten sind, die in grogcren Gemeinschaften imö auZgekchnlen Verbänden zusammenleben, mit einem Wort die sozialen Instinkte am stärksten ausgebildet haben. Das klassische Beispiel hierfür bieten die Staaten der Insekten, vor allem der Ameisen und Termiten. Alle Forscher, welche Gelegenheit hatten, eingehender sich mit den Lebensgewohnheiten dieser Tierchen zu beschäftigen, sind voll Bewunderung und höchsten Lobes der ge- waltigen Arbeitsleistungen, die sie vollbringen, und der hohen Kultur- stufe, die sie erreicht haben. Hohe und geräumige Bauten finden wir errichtet, weite Landstrecken in der Umgebung ihrer Burgen ur- bar gemacht und mit Gräsern und Pilzgärten bebaut, ja selbst die Haltung von Haus- und Nutztieren ist ihnen vertraut. Wie konnten Tiere, die ihrem ganzen Bau nach eine so tiefe Stufe im Tierreiche einnehmen, zu einer solchen Höhe der Kultur gelangen, daß man sie nach dem Menschen für die intelligentesten Lebewesen erklären mutz? Ter roh« Kampf ums Dasein versagt hier die Erklärung! Wohl sehen wir auch die Ameisenstämme gegen Stämme anderer Arten und gegen andere Tierklasscn erbitterte Kriege führen, doch im Volke selbst herrscht ewiger Friede! Der Ameise fehlt vollständig jedes Selbstbewußtsein, stets fühlt sie sich nur als Teil eines ganzen, als Mitglied ihrer Gemeinschaft. All ihre Tätigkeit, die Frucht ihrer Arbeit gehören ihrem Volke, und gegenseitige Hülfe, die Unterstützung der Stammesgenossen, bildet die Richtschnur ihres Lebens. Das gleiche Prinzip der gegenseitigen Hülfe finden wir auch bei den höheren Tierklassen, und es ist ein großes Verdienst Peter Kropotkins, in seinem schönen Buche:„Gegenseitige Hülfe in der Entwickelung" auf diese Verhältnisse aufmerksam gemacht und ein reiches Tatsachenmaterial hierfür gesammelt zu haben. Nur wenige charakteristische Fälle mögen hier Platz finden. In den lveiten Steppen Rußlands beobachtet man häusig, wie hoch in den Lüften einsam ein Seeadler(Hnliaetos albicilla) seine majestätischen Kreise zieht. Plötzlich hat sein scharfes Auge irgendwo in dem Grase die Leiche eines gefallenen Tieres erspäht. Anstatt nun sofort herunter zu stoßen und seinen Hunger zu befriedigen, kreist er weiter in der Höhe, von Zeit zu Zeit einen gellenden Schrei aus- stoßend. Bald vernimmt man aus weiter Ferne von verschiedenen Richtungen Antwort, und es dauert nicht lange, so haben sich zu dem ersten Adler zehn bis zwölf andere der gleichen Art gesellt. Erst jetzt, wenn alle zu einer Jagdgesellschaft gehörige Teilnehmer ver- sammelt sind, lasten sich die Tiere gemeinschaftlich auf die Beute nieder, und ohne Neid und Streit verzehrendste ihr Mahl. Ja, während die Mehrzahl sich sofort an das Fressen begibt, lasten sich zwei oder drei der Adler auf erhöhten Punkten der Umgebung nieder und halten Wache, daß keine Störung naht. Nach einiger Zeit werden dann die Wächter von anderen Tieren, die sich bereits ge- sättigt haben, abgelöst. Die Adler haben durch solche Jagdvereinigungen natürlich gegenüber einzeln jagenden Raubvögeln einen ganz gewaltigen Vorteil. Während nämlich ein einzelner Adler trotz seines enorm scharfen Blickes nur einen verhältnismäßig kleinen Kreis abzusuchen vermag, beherrschen die Tiere, wenn sie sich zu Trupps von zehn oder zwölf Exemplaren vereint haben, gleich- zeitig eine Strecke von 40 bis 50 Quadratkilometer. Oft genug konnte ich selbst beobachten, namentlich zu Zeiten strenger Winterskälte, wie eine Schar Krähen sich gemeinschaftlich auf die Hasenjagd begab. Und Meister Lampe, der sich gegen den Uebersall einer einzelnen Krähe, ja sogar eines größeren Rmib- Vogels, sehr wohl zu verteidigen weiß, war angesichts dieser gleich- zeitig von allen Seiten erfolgenden Angriffe und den unausgesetzt auf ihn niedersausenden Schnabelhieben völlig hülflos und wurde in den meisten Fällen eine leichte Beute der schlvarzen Räuber. Gar kein seltener Anblick ist es ferner, daß Krähen einen großen Raubvogel, einen.Habicht oder Bussard, der sich rnworsichtigerweise in die Nähe ihrer Brutplätze gewagt hat, angreifen und in die Flucht schlagen. Ja selbst viel Reinere und schwächere Vögel, wie Schwalben und Grasmücken, besitzen in ihren Vereinigungen eine sichere Waffe und wissen sich feindlicher Angriffe sehr wohl zu erwehren. Nur kurz erinnern kann ich an die Brutgcmeinschaften der Webervögel. Teils bauen diese kleinen Webckünstler im Gczweige eines Baumes dicht nebeneinander jedes Paar sein eigenes Nest, andere wiederum vereinigen ihre Arbeit und errichten gemeinschaftlich in den Baum- krönen aus Pflanzenfasern und Stroh riesige Schutzdächer, unter denen dann erst die Nester angelegt werden. Das großartigste Bei- spiel geselliger Verbände zur Ausübung des Brutgeschäftes bilden jedoch unzweifelhaft die nordischen Vogelberge. In friedlicher Ge- meinschaft nisten dort auf engem Räume zahllose Scharen von Pinguinen. Möwen, Eiderenten, Sceschlvalben und manchen anderen Wastervögcln, und nichts stört den Frieden. Nur erinnern kann ich noch an die Wanderzüge der Vögel, die Gesellschaften der Kraniche und Papageien und endlich an die Fischcreivereinigungen der Flamingos und Pelikane. Wenden wir uns zum Schlüsse noch den höchsten Lebewesen, den Säugetieren zu, so ist es nur nötig, an die Staaten der Biber, die Ausstellung von Wachtposten bei Gemsen und Alpensteinböcken und endlich an die Jagdgesellschaft der Raubtiere und die festen Schutz- und Trutzbündnisse vieler Affenarten zu denken, um zu erkennen, daß auch bei diesen Tieren neben dem Kampfe um die Existenzmittel die gegenseitige Hülfe eine wichtige Rolle spielt.— Kleines Feuilleton. ek. Rußlands erster Memoirist und sein Schicksal. Die definitive Einführung der Leibeigenschaft unter dem ersten Romanow Michael <1612—1640) ist eins der traurigsten Kapitel in der Geschichte des Zarenreiches. Nicht genug damit, erlangte auch die Moskauer Kirche innerhalb des Staates eine furchtbare Macht. Es kamen die großen und weitverbreiteten Bauernaufstände, schließlich die konsequente und grausame Unterdrückung der Nichtkonformisten. Unzweifelhaft müssen alle diese Ereignisse im Volksliede ihren Ausdruck gefunden haben. Aber durch Staat und Kirche wurde, was irgend eine Spur vom Geiste der Empörung zeigte, gewaltsam unterdrückt. So ist es gekommen, daß nur wenige Schriften politischen Cbarakters und die merkwürdige Autobiographie eines nichtkonformistischen Priesters A w a k u m erhalten blieben, lieber ihn und seine Aufzeichnungen, die bis heute das Vorbild russischer Memoiren geblieben find, macht Peter Krapotkin in seinem Werke:„Ideale und Wirk« lichkeit in der russischen Literatur" sverdeutscht von B. Ebenstein. Leipzig, Verlag von Theodor Thomas) interessante Mitteilungen. A w a k u m war nach Sibirien verbannt worden und halte seinen Weg bis zu den Ufern des Amur mit Kosakenbauden zu Fuß zu machen. „Als ich nach Jeniseisk gekommen war," schrieb Awakum,„kam ein anderer Befehl von Moskau, mich nach Dauria, 2000 Meilen von Moskau, zu schicken und mich dem Gewahrsam von Paschkoff zu übergeben. Er halte 60 Mann bei sich, und zur Strafe meiner Sünden zeigte er sich als ein schrecklicher Mann. Fortwährend ver- brannte, quälte und peitschte er seine Leute, und ich hatte oft zu ihm gesprochen, um ihm vorzuhalten, daß das, was er tat, nicht gut sei, und nun fiel ich selbst in seine Hände. Als wir den Angara-' fluß hinaufzogen, befahl er mir:„Gehe aus Deinem Boot, Du bist ein Ketzer. und das ist der Grund. weshalb die Boote nicht vor- wärts kommen. Gehe also zu Fuß über die Berge." Das war schwer zu tun. Hohe Berge, undurchdringliche Wälder, Felsen, die wie Mauern emporsteigen— wir hatten sie zu überschreiten, um- schwärmt von wilden Tieren und Vögeln. Ich schrieb ihm einen kleinen Brief, der so anfing:„Mann, denke an Gott. Selbst die himmlischen Mächte und alle Tiere und llllenschen fürchten ihn. Du allein kümmerst Dich nicht um ihn," Viel mehr stand noch in diesem Brief, und ich sandte ihn zu ihm. Sogleich sah ich 50 Mann koinmen, und sie brachten mich vor ihn. Er hatte das Schwert in der Hand und zitterte vor Wut. Er fragte mich;„Bist Du ein Priester oder ein abgesetzter Priester Ich antwortete:„Ich bin Awakum, ein Priester, was willst Du von mir?" Und er begann mich auf den Kopf zu schlagen und warf mich zu Boden und fuhr fort, mich zu schlagen, während ich am Boden lag, und befahl dann, mir 72 Knutenhiebe zu geben. Ich antwortete:„Jesus Christus. Sohn Gottes, hilf mir 1" Und er war nur umso wütender, daß ich nicht um Gnade bat. Dann brachten sie mich zu einer Festung und steckten mich in ein Verließ und gaben mir etwas Stroh, und den ganzen Winter wurde ich in diesem Turm gefangen gehalten ohne Feuer. Und der Winter dort ist schrecklich kalt. Aber Gott erhielt mich am Lebe», obwohl ich keinen Pelz hatte. Ich lag da wie ein Hund auf dem Stroh. An manchen Tagen gab man mir zu essen, an anderen nicht. Ratten schwärmten überall herum, und ich pflegte sie mit meinqr Mütze zu töten, da die arinen Narren mir nicht einmal einen Stock geben wollten." Die Frau des Exilierten machte alle Strapazen tapfer mit. Später, so berichtet Krapotkin weiter, wurde Awakum nach dem Amur gebracht, und als er und sein Weib im Winter über das Eis des großen Flusses zu marschieren hatten, fiel sie oft vor reiner Erschöpfung nieder.„Dann kam ich", schrieb Awakum..um sie auf- zubeben, und sie rief verzweifelt:„Priester, wie lange werden diese Leiden dauern?" und ich antwortete ihr:„und wen» es bis zum Tode wäre." Dann pflegte sie sich aufzuraffen und zu sagen:„Nun gut, Priester, laß uns weiter wandern." Keine Leiden konnten diesen Mann überwältigen. Vom Amur wurde er nach Moskau zurück- gerufen und wieder mußte er die ganze Reife zu Fuß machen. Dort lvurde er wegen Widerstandes gegen Kirche und Staat an- geklagt und 1681 am Marterpfahl verbrannt.— , Theater. Neues Theater.„L ie bc s l e u te." Komodw in fünf Akten von Maurice D o n n a y.— In ihrer unerforschlichen Weisheit hatte die Zensur, die mit kleinen Streichungen die gröbsten Pariser Possen frei passieren läßt, gegen das feingeschliffcne Donnas- sche Konversationsstück ihr Veto eingelegt. Erst jetzt, mechdcn' die Komödie beträchtlich in die Jahre gekommen— sie wurde um 05 herum mit großem Erfolge in Paris gespielt— hat die Behörde die Tugend eines Berliner Publikums für genügend gefestigt erachtet, um sie den sittlichen Gefahren dieser Plauderei aussetzen zu können. Direktor Reinhardt verdient Dank, daß er die Ausführung ermöglicht hat. Fehlt es den lose aneinder gefügten Szenen auch an raschem dramatischen Pulsschlag, leidet auch die Charätteristik nicht weniger als die.Handlung an einer gewissen abstrakten Magerkeit,— die originelle Pointierung der Liebesgeschichte, der andeutungsreiche, graziöse Dialog und die Fülle intimer Siimmungsnünncen hebt das Stück weit über den DurchsckMtr französischer Theaterlitcratur hinaus. Hier tritt die leichte skepiisch-ironische Tonart, die man den modischen Komödien von Capus als besonderen Vorzug nachrühmt, bereits in virtuoser Durchbildung hervor, und dabei verschmäht Donnay vornehm alle die komplizierten unwahrscheinlichen DheatcrtrickS, zu denen der Verfasser des„Gluck" unbedenklich greift. Ist die Hand- lung in den„Liebesleuten" ohne spczifisch-dramatische Spannkraft, so stehen die Etappen derselben doch in einem inneren Zusammen- hang und sind mi! großer Einfachheit ohne alle Zwangsmittel einer ckimstelndeu. Konstruktion zur Darstellung gebracht. Die EntWicke- lung hat für das Milieu, in welchem sie verläuft, etwas Typisches. In dem Müßiggänge und dem Luxus dieser obersten, wohlrangierten Halbtveltgeschichten, bei dem Mangel alles ernsten Lebensinhaltes, aller Sorgen und Kämpfe, die zur Disziplinierung des Willens nötigen, muß die Entstehung heftiger LiebcÄcidcnschaftcn hier noch mehr als anderswo den eifersüchtigen Hang entfesseln und das ge- suchte Glück in Leid verwandeln. Man weiß, wie skrupellos man selbst betrogen, und setzt bei dem Geliebten naturgemäß die gleiche Sinnesart voraus. Henriette Jamine hat dies Elend schon einmal durchgekostet und zittert bei der Erinnerung daran. Die Rente, die sie von dem Grafen, dem Vater ihres Kindes, bezieht, genügt, all ihre kost- spieligen Launen zu befriedigen; so ist sie dem betagten Herrn, den seine Frau auf Schritt und Tritt betrügt, treu geblieben. Die Aus- sicht, ihr Töchterche, mitten im Ucberflusse aufzuziehen und dann reich verheiraten zu können, ihre eigene Bequemlichkeit, etwas wie Dank für den Spender, der mit allen Fasern seines Herzens an ihr hängt, zusammen mit jener warnenden Erinnerung, ließen selbst den Gedanken an ein neues Abenteuer nicht aufkommen, bis ihr Vetheuil entgegentritt. Die eigenartige Kleinkunst Tonnays markiert sich nach ein paar witzig-charaktcristischen Gesellschaftsbildern dann sofort in der Werbeszene des ersten Aktes. Vetheuil plaudert mit einer so bestechenden Liebenswürdigkeit, er gewinnt durch die Bc- weglichkeit des Geistes ii. seinem Spott und dem verhüllt durch- klingenden Akzent zärtlicher Schwärmerei einen Reiz, daß man die Macht, die er auf Jamine ausübt, selbst nachempfindet.— Im zweiten Akt erreicht das Stück den Höhepunkt. Wie Jamine den armen demütig liebenden Grafen nachts aus dem Zimmer drängt, um Vetheuil einzulassen, das jähe Durcheinander von hingebendem Gefühl und sinnlos eifersüchtiger Anklage— das ist mit überraschend feiner Nüancierung durchgeführt. Famines Ahnung trog nicht; wieder macht die Leidenschaft sie zur willenlosen Beute leerer Einbildungen. Sie möchte den Mann am liebsten abtrennen von aller Welt, nur damit er nicht andere schöne Frauen zu Gesich bekommt. Sie bebt in ewiger Erregung, ihn zu verlieren und spürt gar nicht, daß die gehässige Borniertheit ihrer Anklagen chn sicher von ihr entfernen muß. Als er, den selbst die Eifersucht auf den Grafen verzehrt, der entnervenden Last dieser Liebe endlich zu entfliehen sucht, erobert sie ihn noch einmal mit einem Tränenstrom zurück. Aber nun, da sie selber beruhigter er- scheint, wirkt das Falsche der ganzen Situation zerstörend. Je tiefer er sie liebt, um so widerwärtiger muß er den fortgesetzten Be- trug am Grafen empfinden. Sie aber scheut vor dem Bruch mit ihrem Wohltäter zurück. Den Grafen täuschen, ist nicht böse, weil er es ja doch nicht merkt, aber ihm den Schmerz des Abschieds zu bc- reiten, das wäre schändlicher Undank! Und dann, Vetheuil ist auch nicht reich genug, sie braucht die Rente für die Tochter! Nach ein paar Wochen stillen Licbesglückes in Italien, reißt er sich, da sie auf ihrer Weigerung beharrt, von der Jammernden los; und als die beiden nach langer Zeit bei einem Pariser Halbiveltfeste der Zufall wieder zusammenführt, da zeigt sichs, daß die Wunden gar nicht so lange geblutet haben. Jamine,„das herrliche Weib", wird ihren Grafen heiraten und Vetheuil, wenigstens versichert es der Autor, sich aus der schwülen Alkovenatmosphärc in ein tätiges Leben retten. Fern von Paris ruf seiner Reise um die Welt hat er zum ersten Male Männer von anderem Schlage als die galanten faulenzenden Pflastertreter kennen gelernt. Die Aufführung brachte alle Feinheiten glücklich zur Geltung. Helene Fehdmer in der Rolle Henriettes war ebenso über- zeugend in der Leidenschaft, wie in der abgestillten, fast heiteren Resignation der letzten Szenen. Stein rück gab der obenhin skizzierten Figur des Grafen ein ganz individuelles und wirksames Gepräge. Die interessanteste Leistung war der Vetheuil Winter- st e i n s. Ging ihm die salonmäßige Korrektheit der Bewegungen ab, so fiel das neben der herzlichen echten Liebenswürdigkeit, die sein ganzes Wesen atmete, kaum ins Gewicht. Unter den Episoden- rollen stand das naiv leichtsinnige Dämchen Lucie Höflichs an allererster Stelle.— dt. Freie Volksbühne:„Maria Magdalena". Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich Hebbel.'— ES ist ein»n- bedingtes Verdienst der Vereinsleitung, den Mitgliedern dieses starke Meisterdrama Hebbels vermittelt zu haben. Mit welcher' Kraft ist dieses zerschmetternde Drama gemauert I Mit ivelcher Sorgfalt und Härte ist seine Tragik aufgebaut, mit welcher Festigkeit sind seine Gestalten gemeißelt! Man hört die Hannncrschlnge, man spürt das Material erzittern. Und man erzittert mit. Vielleicht in keinem Drama mehr nimmt man so teil an dem Gestaltungsprvzcß des Tragischen. Und hat auch nianches der Zeit den Tribut zahlen müssen, erscheint es uns gehäuft, gewaltsam, wie groß triumphiert das Ganze über das Einzelne, wie ragt das Dauernde tibi» das Vergängliche empor! Eiir bürgerliches Trauerspiel— und das Trauerspiel deS Bürgertums. Sehen wir vom besonderen Geschehen ab, sehen Verautwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck Verlag: wir ab von den individuellen Zügen, die den Meister Anton schaffen und seine Wesensart, seine dichterische und darin so vollkommene Wesensart ausmachen, sehen wir auch ab von dem kleinbürgerlichen Philistertum, von dem er auch ein Vertreter ist: der Meister Anton steht an einem kulturellen Scheidepunkt. An dem Punkte, Ivo die neuen Wege ins Neue gehen, Ivo der neue, wachsende, umbildende Geist kräftig und mächtig geworden und die alten Säulen einer ausgelebten Zeit, eines ausgelebten und eng gewordenen Geistes ins Wanken bringt. In Leid und Leiden ge- Kunden ist dieser neue Geist im Stück, frei und tätig ist er nicht. Der Meister Anton versteht ihn nicht zu lösen, und versteht ihn nicht.„Ich verstehe die Welt nicht mehr." Wie er als eine der tragenden und hervorragenden Gestalten in unserer Literatur steht, so steht er mit diesem Wort in unserer Kultur. Und lvie er in vergangenen Zeiten stand, wird er in künftigen stehen, gleichwie er in der gegenwärtigen steht: eine Personifikation in einein lebendigen Charakter, ein Typus in einem individuellen Menschen. Die Entivickelung schreitet weiter und wirst ihn nieder.— Und dann ist in dem Drama die Tragödie des Weibes. Der Titel sagt es schon. Die Tragödie der doppelten Moral, in der die' Männermoral die Weltordnung beherrscht und sich immer ein Recht einzureden weiß. Die Tragödie des sitt- tichen Makels vor der Welt der„Gefallenen".„Darüber kommt kein Mann". Man muß sich hüten, dies Wort auf Hebbel zu werfen. Wir fangen schon an, es nicht mehr zu begreifen. Hier aber ist diese ganze einseitige Moral damit zusammengefaßt und furchtbar getroffen. Und das Gewaltige ist: während der Dichter aus dieser Moral heraus alles Leid, alle Onal auf ein Weib häuft und alle Last ihres Geschlechts auf sie legt, wächst der Egoismus deS Alten riesenhaft darüber empor und schützt, ohne daß er es weiß, dieses mißbräuchliche Sittlichkeitsrecht mit seinen großen Händen, und leise läßt er sie sinken und erdrückt sein Kind mit ihnen. Aus diesem großen Sinn wachsen die Forderungen an die Dar- steller. Adolf Klein gab den Meister Anton, packend, stark fest, mehr den Charakter als de» Typus, in einer hervorragenden Leistung, die den Künstler ehrt. Elise Pank-Steiuert gab in Klara das Weib, Sie begrenzte ihre Aufgabe in dem Leidenden dieses Mädchen, und sie wirlle damit zu einer tiefen Rührung, die mehr das Mitleid als die tragische Zerschmetterung auslöste. Sie fand HerzenStöne. Die übrigen Rollen wurden angemeffen gespielt, zu sehr Bühnengestalt Leonhard, nicht gut war der Bruder. Die In- szeuieruug durch A d o l f S t e i n e r t ist zu loben. Ein paar Ver- schleppnugen im erüen und letzten Akt, aber ein gutes Ganzes.— hz. Humoristisches. — G uter-Rat. Patient: Bei Ihnen werden ja wohl auch unentgeltlich Zähne gezogen? Diener(vertraulichj: Ja, aber wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll... zahl'» Sie's lieber!— — I n einer sächsischen Volksschule. Der Herr Schulinspektor revidiert in einer sächsischen Volksschule und ruft einen Jungen auf:„Wandle mal das Zeitwort„Haben" ab!" Prompt ertönt von den Lippe» des Kleinen:„Ich habe, du hast, er hat, da hammersch, da habt ersch, da Hann ses!"— (»Lustige Blätter".) Notizen. — Max Grube, der bisherige Oberregisseur des Schauspiel- hauscS, hat am 1. Januar einen neunmonatlichcn Urlaub angetreten, ans dem er nicht mehr an die kgl. Bühne zurückkehren wird. An seine Stelle ist, als Direktor des k ö n i g l i ch c n S ch a u- spiels. der 6t jährige Ludwig Varnay berufen worden.— — Rosa Berten? ist für die Titelrolle in der „Antigone" des S o p h o c l e s, die im Februar im Kleinen Theater in Szene gehen wird, gewonnen worden.— — Die erste Urpremiere des Schauspielhauses in Düsseldorf wird das vieraklige Lustspiel„Eine Nacht in Florenz" von Paul Ernst sein.— — Die DeutscheJahrhundertanSstellung in der Ratio nalgalcrie wird Milte Januar eröffnet.— — Preise f ü r Erfinde r. Das Komitee der im Jahre 1906 in Mailand stattfindeiideit A u s st e l l n n g hat mehrere i n t e r- national» Preisbeiverbe ausgeschrieben. Die größten sind: ein Preis von 10 000 Frank für diejenige Brrfahrimgsiveiie, be- ziehtmgSweise diejenige in der Arbritshalle im Gange vorgeführte Maschine, die den Charakter der Neuheit hat und die größtmöglichen Vorteile für die Produktion und den Volkswohlstnitd zu dielen ge- geeignet wäre; ein Preis von 5600 Frank für den Erfinder eiucS einfachen, handlichen und billigen Apparats, der geeignet ist, bei Arbeiten nnb Neparatnren von elektrischen Stromleilnngen daS Vor- Handemein von Starkstrom anziizeigen; weiter ein Preis von 5000 Frank für die Erfindung einer neuen Waggonkist'pelnng. die jede Gefährdung des Verschiebepersonals in Zukunft ansschließen soll.— Vorwärts Buchdruckern u. VcrlagsanstaU Paul Singer LtCo., Berlin