Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 7. Donnerstag, den 11. Januar. 1906 (Nachdruck verboten.) TZ Schwärmer. Roman von Knut Hamsun. Autorisierte Uebersctzung von Hermann Kiy. „Hier steht zweimal hintereinander Straußenfeder. Ich weiß nicht, ob es Absicht ist?" „Zweimal?" sagte sie.„Lassen Sie mal sehen. Herr «Gott. Sie haben recht. Leihen Sie mir doch bitte eine Feder." Während sie den Handschuh abzog und schrieb, sprach sie tvciter:„Es ist an einen Kaufmann in der Stadt, der hätte mich sicherlich ausgelacht. Jetzt ist es wohl gut so?" „Jetzt ist es gut so." „Und Sie smd immer noch hier," sagte sie und blieb auf dem Stuhle sitzen.„Jahraus, jahrein finde ich Sie hier." Rolandsen wußte wohl, was er tat, wenn er sich nicht von dieser Station fortmeldete und sich um eine andere Stelle be- warb. Da mußte wohl etwas sein, was ihn hier festhielt all die Jahre. „Irgendwo muß man ja sein," antwortete er. „Sie könnten nach Rosengaard kommen. Da ist es wohl etwas besser?" Doch eine ganz schwache Röte ergoß sich über ihre Wangen, so daß sie vielleicht wünschte, es nicht gesagt zu haben. „So eine große Station würde ich nicht bekommen." „Nein, Sie sind wohl noch zu jung." Er lächelte ein kleines armseliges Lächeln:„Jedenfalls ist eS liebenswürdig von Ihnen, zu glauben, daß das der Grund ist." „Wenn Sie zu lins herüberkämen, wir sind ja ein wenig mehr Menschen dort. Doktors, die nebenan wohnen, und der Buchhalter und alle Gehülfen aus dem Kramladen. Und dann kommen immer allerhand wunderliche Schiffer und solche Leute ans Land." Kapitän Henriksen von dem Küstcnboot? dachte Rolandsen. Was wurde denn eigentlich bezweckt mit diesem Uebermaß von Gnade? War Rolandsen Plötzlich seit gestern ein anderer Kerl geworden? Er wußte ja, daß seine törichte Vernarrtheit durch und durch hofsiningslos war, dazu war also nichts mehr zu bemerken.?lls sie ging, reichte sie ihm die Hand, und sie hatte unterlassen, erst den Handschuh anzuziehen. Es zischelte von Seide, als sie die Stufe« hinnnterfegte. Und Rolandsen setzte sich an den Tisch hinein, abgerackert und niedergebeugt wie er war, und schickte die Telegramme fort. Tausend wundervolle Gefühle durchströmten seine Brust, die Wänne dieser samtenen Hand war in ihn gefahren. Wenn man es recht bedachte, so war es auch nicht gar so jämmerlich um ihn bestellt, die Erfindung konnte schweres Geld ein- bringen, wenn er nur die dreihundert Taler bekäme. Er war ein bankrotter Millionär. Aber eines Tages könnte er ja doch einen Ausweg finden. Die Pfarrersfrau kaut, sie wollte ihrenr Vater tele- graphiercn. Ter vorige Besuch hatte Rolandsen aufgerichtet, er fühlte sich nicht mehr als Taugenichts, sondern als großer Herr, er sprach etwas mit der Frau Pfarrer, wechselte ein paar allgemeine Redensarten mit ihr. Auch die Frau blieb länger, als absolut notwendig war, sie bat ihn, im Pfarrhofe vorzusprechen. Am Abend traf er die Pfarrersfrau wieder auf dem Wege unterhalb der Station, und sie ging nicht weiter, sondern blieb stehen, und ein Gespräch entspann sich. Sie mußte wohl eigentlich nichts dagegen haben, da sie stehen blieb. „Sic spiele?: ja Gitarre," sagte sie. „Ja. Warte?? Sie ein wenig, dann sollen Sie hören, was ich kann." Und Rolandsen ging, die Gitarre zu holen. Die Frau tvartete. Sie hatte wohl eigentlich nichts da- gegen, da sie wartete. Rolandsen sang ihr etwas vor von seiner Herzallerliebsten und einem Freunde so treu wie Gold, und mit den Liedern war es nicht viel, aber seine Stimme war groß und schön Rolandsen hatte seine Absicht dabei, tvenn er die Frau initten im Wege festhielt: es konnte doch sein, daß jeinaud um die Zeit vorbeispazierte. Es war ja früher auch geschehen. Und wenn die Frau wenig Zeit gehabt hätte, so wäre sie jetzt übel daran gewesen, sie fingen wieder an, miteinander zu sprechen, und eine lange Weile verging. Er sprach anders als ihr Main?, der Pfarrer: es klang, als käme es aus eine?« ganz anderen Himmelsstrich, und wenn er sich in seinen herrlichsten Phrasen sonnte, so rundeten ihre Augen sich wie die Augen eines lauschenden Mädchens. „Ja, ja, Gott sei mit Ihnen!" sagte sie, als sie ging. „Das ist er wohl auch," antwortete er. Sie swtzte.„Sind Sie dessen so sicher? Wieso?" „Er hat ja Grilnd dazu. Gewiß ist er Gott über alle Schöpsilug; doch das kann ja nichts Großes sein, Gott z?? spielen über Tiere und Berge. Wir Menschen erst machen ihn wirklich zu dem, was er ist. Waruin also sollte er nicht mit uns sein?" Und nachden? er diese prächtige Rede in die Welt gesetzt hatte, sah Rolandsen ganz zufrieden aus. Die Pfarrersfran dachte über ihn nach, als sie ging. Oho, der kleine Wulst, den er auf den Schultern trug, hatte jene große Erfindung nicht zufällig gemacht. Aber nun war der Kognak gekommen. Rolandsen hatte selbst den Anker von den Schuppen heraufgetragen: er machte keine?? Umweg n?it seiner Last, sondern trug sie?nitten am hellichten Tage unter seine??? starken Arm. So beherzt war er. Und nun kau? eine Zeit,?vo Rolandsen sich für all sein Mißgeschick entschädigte. Und Nächte gab es, in denen er auf- trat und allmvegei? den regierenden Herrn spielte, in denen er gründlich aufrännrte und die Passage unwegsam nrachte für die fremden Watenfischer, die in gebührender Weise den Mädchen nachstellten'. Eines Sonntags erschien eine Watenmannschaft in der Kirche, die Leute waren sämtlich angetrunken. Nach dein Gottesdienst trieben sie sich auf den? Wege herum und führe?? nicht an Bord zurück: sie hatten Branntivein?nit, tra?ifen sich immer munterer und belästigten die Passanten. Oben an?! Wege hatte der Pfarrer mit ihnen geredet, aber nichts aus- gerichtet; später>var der Vogt gekonimeu, und der hatte die Mütze?nit dem Goldrand auf. Da waren einige von den Leuten an Bord gegangen, aber drei Mann, unter ihnen der große Ulrich, hatten nicht NHÜchen»vollen. Es sollte bemerkt Vierden, daß sie an? Lande waren, riefen sie, die Mädchei? ge� hörten ihnen. Sie hatten Ulrich in ihrer Mitte, und Ulrich war bekannt von den Lofoten und von Finnmarken her. Ma»? solle nur kom?ne!?! Es sammelten sich viele Bewohner des Kirchspiels an. sie standen in einiger Entfernung auf de?« Wege oder lagen zwischen den Bäu»nen im Walde, je nachdem sie Mut iin Herzen trugen, und sahen begierig den? großen Ulrich zu, wenn er seine Sprünge wachte. „Nun lütt' ich Euch, an Bord zu gehen," sagt der Vogt� „Sonst muß ich anders»nit Euch reden." „Machen Sic, daß Sie nach Hause kommen»nit der Mütze da," antwortet Ulrich. Der Vogt erlvog, ob er ein paar Leute initnehmen und den Verrückten fesseln solle. ,',Hütc Dich nur vor Widersetzlichkeit gegen?nich, wenn ich meine Amtsmütze auf den? Kopf habe," sagt der Vogt. Da lachten Ulrich und seine Ka?neraden, daß ihnen übek wurde und sie sich den Bauch halten mußten. Ein dreister Fischcrbursch ging vorbei, er bekan? eine?? Stoß lnit dem Kopfe und»vurde übel zugerichtet. Ulrich sagte:„Der Nächste jetzt!" „Einen Fesselrieinen!" schrie der Vogt, als er Blut sah. „Ein paar von Euch sollen hinspringcn und einen Riemen holen. Er»nuß in Gewahrsan?." „Wie viele seid Ihr?" fragte Ulrich, der Unübcrwind» liche. Und»viedcr wurden die drei Freinden krank vor Lachen. Aber jetzt kan? der große Rolandsen oben den Weg ent- lang, und er ging geinächlich und schlürfenden Schrittes und hatte glasige Augen. Er war auf seiner gewohnten Runde. Er grüßte den Vogt und nahm einen festen Standpunkt ein. „Da ist Rolandsen!" rief Ulrich.„Wollt Ihr Rolandsen sehen, Burschen 1"� 7� Der Vogt sagte:„Er ist ganz wild. Er hat gerade einen blutig geschlagen. Aber jetzt wollen wir ihm den Fesselricmen anlegen." „Den Fesselriemen?" Der Vogt nickte:„Ich will es nicht länger mit ansehen." „Das ist dummes Zeug," sagte Rolandsen:„was nützt Ihnen so ein Riemen? Sie sollten mich ein Wörtlein mit ihm reden lassen." Ulrich näherte sich, bot Rolandsen einen heimtückischen Gruß und versetzte ihm dann einen Stoß. Er spürte wohl, daß er an etwas Festes und Massives gerührt hatte, er zog sich zurück, fuhr aber fort zu schreien:„Guten Tag, Tele- graphist Rolandsen! Ich tituliere Dich nach vollem Namen und Verdienst, daß Du weißt, wer Du bist." Dann wurde nichts daraus. Rolandsen wollte sich diese Gelegenheit zu einer Schlägerei beileibe nicht entgehen lassen, und es ärgerte ihn, daß er selbst so jämmerlich langsam gewesen war und den ersten Stoß nicht vergolten hatte. Er mußte anfangen, dem Fremden zu antworten, um die Sache im Gang zu behalten. Sie faselten und redeten, wie trunkene Leute reden, und prahlten beide nach Noten. Wenn der eine sagte:..Komm' bloß an, ich will Dich vermöbeln, daß...," so antwortete der andere:„Schön, Du wirst gerade recht kommen, wenn Du konimst, windelweich werd' ich Dich retour- schicken." Und die Menge ringsum fand, daß gut geredet würde auf beiden weiten. Während der Vogt sah, wie der Zorn und die Zufriedenheit immer üppiger in die Höhe schössen in dem Telegraphisten, lächelte er doch mitten in, Prahlen. Nun knipste Ulrich ihn unter der Nase, und Rolandsen geriet außer sich vor Entzücken, er holte mit der Faust aus und bekam die Jacke des Fremden zu fassen. Aber es war ein Fehlgriff, die Jacke hielt nicht, und das hieß ja doch nichts, eine Düffeljacke festhalten. Er � machte ein paar Sprünge dahinterher und grinste und wies die Zähne vor Behagen. Da wurde etwas daraus. Als Ulrich es mit einem Kopfstoß versucht hatte, kannte Rolandsen die Spezialität seines Gegners. Aber Rolandsen war Herr und Meister in einer anderen: im lang aus- holenden, wuchtigen Schlag mit der flachen Querhand gegen das Kieferbein: der Schlag muß das Kinn an der Seite treffen. Eine ungeheuere Erschütterung des Kopfes hat dieser Schlag im Gefolge, alles wird ein einziger Wirbel in einem, und man stürzt zu Boden. Man zerbricht nichts, und es fließt kein Blut, nur an Mund und Nase ein wenig. Eine Weile bleibt mau auf dem Platze. Plötzlich traf es den großen Ulrich, und er rollte ein Stück fort, bis ganz über den Wegrand hin. Seine Beine verschränkten sich, sie sielen zusammen unter ihm, als wenn sie stürben, der Wirbel hatte ihn gepackt. Und Rolandsen verstand genug von der Sprache der Raufbrüder, und er sagte:„Der Nächste jetzt!" Er meinte, so froh zu sein, und wußte nichts davon, daß sein Hemd am Halse aufgerissen war. Der Nächste aber war Ulrichs Freundschaft, die beiden waren jetzt still und verblüfft und hielten sich nicht mehr den Bauch vor Lachen. „Kinder seid Ihr ja," schrie Rolandsen ihnen zu.„Zer- knüttern könnt' ich Euch bloß."" Dem Vogt gelang es, den zwei Fremden vernünftig zuzu- reden, sie sollten ihren Gefährten auflesen und ihm an Bord helfen, auf neutrales Gebiet. Zu Rolandsen sagte er:„Ich niuß mich bei Ihnen bedanken." Doch als Rolandsen die drei Fremden sich den Weg hinunter entfernen sah, da war das so wenig nach seinem Sinne, daß er ihnen bis zum letzten Augenblick nachrief: „Kommt morgen abend wieder. Werft auf der Station eine Scheibe ein, das versteh' ich schon. Kerls, Jbr!" Wie gewöhnlich machte e' zu viel Wesens davon, er hörte nicht auf zu schwatzen und aufzuschneiden. Doch die Zuschauer gingen ihrer Wege. Da plötzlich komnit eine Dame auf Rolandsen zu und sieht ihn mit blitzenden Augen an und reicht ihm die Hand. Die Pfarrersfrau ist es. Sie ist mit dabei gewesen, sie auch. „Wirklich großartig»var es," sagte sie.„Er wird daran denken." Sie sah, daß sein Hemd offen war. Die Sonne hatte einen braunen Ring um seinen Hals gebraunt, und darunter wa-r er nackt und weiß. Er zieht sein Hemd zusamnien und grüßt. Er sieht es nicht ungern, wie die Pfarrersfrau sich vor aller Augen mit ihm abgibt; der Sieger der Rauferei blähte sich auf; er findet, er hat es dazu, dein Kinde da ein bißchen freundlich zuzusprechen. Die arme Frau; die Schuhe, in denen sie ging, hielten wirklich nicht lange mehr, und allzuviel Huld schien für sie nicht abzufallen. „Mißbrauchen Sie diese Augeir nicht, um mich anzu- sehen," sagte er. Das färbte chr die Wangen rot. Er fragte:„Sie entbehreil wohl die Stadt?" „O neill," erwiderte sie,„auch hier ist's gut. Hören Sie, könnten Sie nicht mitgehen jetzt und heute bei uns sein?" Er dankte, er könne nicht. Das Bureau wäre offen, Sonntag wie Montag.„Doch haben Sie Dank," sagte er. „Es gibt eine Sache, die ich dein Pfarrer mißgönne, das sind Sie." „Was...?" „Höflich, aber besnmmt muß ich ihm Sie mißgönnen." So, nun war es geschehen. Man würde zu suchen haben nach seinesgleichen, wenn es hieß, ein wenig Freude ausstreuen ringsum. „Sie fiild ein Spaßvogel," antwortete sie, als sie sich wieder erholt hatte. Aber Rolandsen überlegte sich auf dem Heimwege, daß er heute alles in allem einen guten Tag gehabt habe. In seinem Rausch und seiner Siegerstimmung begann er, sich Ge- danken darüber zu machen, daß die junge Pfarrerin sich so oft mit ihni einließ; er wurde verschmitzt, er wurde verschlagen: konnte sie doch die Jungfer van Loos verabschieden und seine bitteren Fesseln lösen. Er durfte es nicht geradezu fordern; nein, nein, aber es gab andere Wege. Wer weiß, vielleicht würde sie ihm diesen Dienst tun, da sie ja gute Fremide geworden waren. 8. Gesang weckt die Pfarrersleute in der Nacht. Nie haben sie so etwas erlebt, der Gesang dringt unten vom Hofe herein, die Sonne bescheint die Welt, die Möwe ist erwacht, die tlhr ist drei. „Ich glaube, ich höre Gesang," sagt der Pfarrer zu seiner Frau hinein. „Hier vor meinem Fenster ist es," antwortet sie. Sie lauschte. Sie erkannte so gut die Stimme des wilden Rolandseil und hörte seine Gitarre da unten; er war aber auch allzu dreist, da saug er nun von seiner holden Maid, und gerade zu ihr hinauf. Me Frau glühte vor Erregung. Der Pfarrer kam herein und guckte ins Freie.„Tele- graphist Rolandsen ist's, wie ich sehe," sagte er mit gerunzelter Stirn.„Er hat kürzlich einen halben Anker Kognak be- kommen. Eine Schande ist es mit dem Mann." Aber die Frau mochte die kleine Begebenheit nicht so düster ansehen, dieser prächtige Telegraphist konnte raufen wie ein Lastträger und singen wie ein gottbegnadeter Jüngling, er brachte viel Abwechslung in das stille Leben herein und in die bescheideneu Lebenslose. „Es soll wohl eine Serenade sein," sagte sie und lachte. „Die Du nicht gut annehmen kannst," erwiderte der Pfarrer.„Oder was meinst Du selbst?" Immer mußte er sich über etwas aufhalten! Sie ant- wartete:„Nun, so gefährlich ist die Sache nicht. Ein kleiner amüsanter Scherz ist es von seiner Seite, sonst nichts!" Doch bei sich selbst dachte die gute Frau, nie mehr wolle sie No- landseil schöne Augeil machen und ihn nie mehr zu tollen Streichen verleiten. „Da fängt er wahrhaftig ein neues Lied an," ruft der Pfarrer. Und er trat hin ans Fenster, wie er ging und stand, und klopfte an die Scheibe. (Fortsetzung folgt.) Tellmers JVIoiiumcnt der Hrbeit, (Ausstellung bei Keller und Reiner.) Meunicrs„Monument der Arbeit" ist in Berlin! Zum ersten Male sehen wir das Lebenswerk des belgischen Bildhauers, der eine neue Welt entdeckte, die Welt des Arbeiters. In dieser Schöpfung konzentriert sich oll sein Schaffen, das, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, wie eine Vorbereitung auf dieses letzte Werk erscheint, mit dessen Vollendung der Künstler Abschied nimmt. Es ist interessant, im schnellen llebcrblick an der Hand des vollzählig gebotenen Materials den Werdegang Meuniers zu skizzieren. Mcunier ging nicht geradcswcgs auf sein Ziel zu. Wir sehen, wie Meunicr sich hier und da versucht. Was wir gar nicht vermuten würden, eine ganze Reihe spanischer Bilder, Stierkämpfe, Straßcnszenen, sehr lebendig aufgefaßt, malerisch überraschend gewandt hingesetzt! Dann aber melden sich schon frühzeitig bedeut- same Anzeichen. Es kommen die Bilder, die den Stoff aus dem belgischen Arbeitsmilieu entnehmen. Unter ihnen fällt eins bc- sonders auf. Am Ende eines Weges eine Fabrik; das Tor steht weit auf wie ein geöffneter Rachen. Da ziehen sie hinein am frühen Morgen, einer wie der andere, einer wie der andere, ein langer Zug. Hier schon wird das ethische Gefühl des Künstlers ein künstlerisches Mittel. Es führt den Künstler direkt zu einem neuen Stil. Es lehrt ihn absehen von dem Zufälligen, es lehrt ihn das Betonen des Typischen, des Bleibenden. Und fo streicht er alles ab, was dem großen Eindruck hinderlich sein könnte und stellt Gestalten hin, denen nichts Kleinliches mehr anhaftet. Die zu- fällige Einzelerscheinung wird auf die Grundform zurückgeführt. Ja, selbst da, wo er, wie in dem Bilde„1�' hecatombe" das Leiden in seiner furchtbarsten Form schildert, die Einzelnen auf dem Krankenlager, ausgemergelt, verzweifelnd, ohne liraft des Wider- standes, da zieht er die Linien dennoch so einfach und fest, dah wir auch hier noch den Eindruck der Größe haben. Man ficht an diesem Beispiel wieder, wie leer und öde das Geschwätz ist, das behauptet, oer Inhalt, das Stoffliche sei dem Künstler nichts. Es kann allgemein darüber gar nichts gesagt werden. Bei dem einen ist es so, bei dem anderen anders. Und hier bei Meunier sehen wir gerade, wie an und mit dem Stoff der Künstler sich vereinigt, klärt, sich hindurchringt. Darauf folgen die Plastiken. Es führt ein gerader Weg von den Bildern zu den Statuen. Diese sind aus den Bildern ge- iwmmene, plastisch gerundete Figuren. Derselbe Typus, den wir dort sahen. Meist bevorzugt Meunier in sicherer Empfindung ein kleines Format und gewinnt gerade damit den Eindruck der Größe. Eine ganze Reihe von Einzelköpfen zeigen die Fähigkeit energischer Charakterisierungskunst. Es schlummert hinter der persönlichen Gebärde schon das Erfasien des Allgemeinen. Langsam ringt sich dies durch. Oft stellt Meunier seine Figuren bewegt dar, von irgend einer Empfindung ergriffen, die sie markant zeigen. Auch die zahlreichen Reliefs sind bewegt. Aber am eindringlichsten wirkt er in jenen hohen, statuarisch machtvollen Gestalten, die wie Sym- bole der Kraft dastehen, in Besonnenheit und Ruhe. In ihren Mienen hat die Wucht der Arbeit Furchen eingegraben. Aber es sind keine Leidensmale, es sind Abzeichen eines unerkannten Helden- tums. So zeigt dieser Weg von Etappe zu Etappe eine Entwickelung: wie das Alte abfällt, wie das Reue sich heraufringt zum Licht— bis es allein noch herrscht! Dieser Mann war wie kein anderer berufen, das Denkmal der Arbeit zu schaffen. Alles in ihm drängt hin zu dem großen Ab- schluß, der sein Werk krönen soll, von dem er selbst sagte:„Dieses Denkmal soll das Werk meines Lebens zusammenfassen." Es hat etwas Feierliches, wie konsequent Meunier auf dies sein letztes Werk zuschreitet. Alle Fäden seines Schaffens einen sich hier. Es .könnte alles zu Grunde gehen, was er geschaffen. Bliebe dieses erhalten, wir wüßten, Iver Meunier war. So liegt über diesem letzten Werk eine Weihe: die Weihe der gesammelten Kraft, der Vollendung. Es zeigt eine neue Menschheit. Eine Menschheit, die ihr Los nicht knechtisch trägt und wehleidig jammert, sondern eine stolze, triumphierende Menschheit, die nach heißem Ringen sich selbst die Krone aufsetzt. Es ist e:was von dem ernsten, ringenden Geist Zolas in diesem Werk, dem Meunier gleichfalls ein Denkmal, das in der Skizze hier zu sehen ist, setzte. Auf hohem Sockel eine schreibende Gestalt in modernem Gewand, zu beiden Seiten unten zwei ernste Figuren, die eine aufblickend. Ganz unten vorn eine Gruppe, eine Mutter mit Kindern. Das„Monument der Arbeit" bildet den krönenden Abschluß der Ausstellung. In seiner gewaltigen, umspannenden Größe der Auffassung und Anlage spricht es deutlicher als alle Denkmäler unserer Tage von dem Sinn und dem Streben unserer Zeit. In ihm konzentriert sich das Wollen der Gegenwart, soweit es ernst ist und die Zukunft will. In diesem Slnn ist es nicht nur das Monument der Arbeit, sondern das Denkmal unserer Zeit. Der Zeit, die über sich selbst sich klar geworden ist und besonnen den ins Auge gefaßten Zielen zustrebt, nichts will, was außer ihr liegt, keine Vergangenheit, keine matte Sehnsüchtelei, nur sich und die Erde. Es ist schön, daß dies Denkmal in Berlin zu sehen ist. In Berlin, das den Ruhm hat, quantitativ und qualitativ den Rekord der schlechtesten Denkmäler erreicht zu haben. Mögen die Künstler hier lernen, was es heißt, seine Zeit ernst zu erfassen und den Sinn der Zeit künstlerisch zu gestalten. Hier ist Inhalt und Form eins. Aus dem Stoff heraus ist ein neuer.knapper, strenger Stil geformt. Dieses eine Denkmal spricht all den unzähligen Monumenten unserer Stadt das Urteil. In ihm konzentriert sich der Protest gegen die Verschandelung unserer Stadt mit plastischen Arbeiten, die uns nichts sagen. Das Denkmal hat seine Geschichte. Ursprünglich sollte es auf einem freien Platz in Brüssel stehen. So hatte es Meunier be- stimmt. Die Anlage war danach folgende: Ein quadratischer Mittclblock sollte vier Hochreliefs enthalten. Diese Reliefs sollten de» Ackerbau, den Handel, die Industrie und den Bergbau dar- stellen, die vier Mächte, die Belgien beherrschen. An den vier Kanten sollten vier Arbcitcrstatuen zu stehen kommen. Vorne, an dem Absatz des Sockels eine Gruppe, die„dlaternite"(Mütterlich- keit), eine Frau, die zwei Kinder in ihrem Schoß hütet. Die Konzentration sollte das Ganze in dem„Säemann" erhalten, der oben auf dem Sockel steht, der mit weiter Gebärde Samen aus» streut, vorschreitend, ruhig, sicher, die Hand weit geöffnet. Die Proben zu den Reliefs waren schon gemacht. Es war ein hellgrauer Granit dazu gewählt, der in seiner Farbe und Wetter- beständigkeit vorzüglich paßte. Tie belgische Regierung unter- handelte mit dem Künstler. Der Platz war schon bestimmt, die Allee de Tervueren, hinter dem Cinquantenair bei Brüssel. Hier sollte das Wahrzeichen der Zeit stehen, und Belgien sollte als erstes Land den Ruhm haben, der Arbeit ein Denkmal errichtet zu haben, während man sonst nur denen ein Denkmal errichtet, die in Schlachten das meiste Blut vergossen, oder in diplomati- schcn Verhandlungen die größte Pfiffigkeit entwickelt haben. Eine neue Welt fürwahr I Meunier entdeckte sie im Bergwerk, im Hafen, in der Fabrik, die neue Seele unseres Jahrhunderts. Mit Millet und Bourbet gehört er zu denen, die dem Gegenwartsleben fest in die Augen sahen und aus der Wirklichkeit eine Idealität der Erscheinung herausholten, die mit sichcrem Fundament auf zuverlässigem Grunde steht, organisch herauswächst aus der Zeit und dem Streben der Zeit. Wer die Stoffarmut, die Verlegen- heit und Verlogenheit dct Kunstgeschichte kennt, weiß, was diese energische Bereicherung des Stoffgebiets zu bedeuten hat. Endlich kehren nicht immer dieselben Motive in ewiger Variation wieder, etwas Neues steht am Ende des 19. Jahrhunderts, am Anfang des 29., das nicht ohne Einfluß bleiben wird. Doch es sollte nicht so kommen. Die Ausstellung auf einem freien Platz, allen sichtbar und vielen eine Mahnung, die Meunier am meisten gewünscht hatte, wurde hintertrieben. Der König der Belgier untersagte die Aufstellung. Für ein„Denkmal der Ar- beit" fehlte das Verständnis. Nun mutzte Meunier den Aufstellungsplan ändern. Das Mo- nument kommt nun in einem Museum in Brüssel zur Aufstellung. Was wir jetzt sehen, ist dieser zweite, umgeänderte Entwurf, den Meunier, der darüber starb, noch selbst bestimmt hat. Das Denkmal bildet nun den Abschluß einer Rotunde und füllt diese aus. Was als Relief um den Block herum angebracht war, ist nun auseinandergelegt. Wir sehen rechts den Acker» bau(Jünglinge und Mädchen zwischen hoben A ehren>, den- Handel tMänner schleppen Säcke, schieben Fässer, einer hält ein Pferd), dem entsprechend ans der linken Seite die I n d u st r i e (am Feuer eine Schar von Arbeitern! und den Bergbau(tief drunten arbeiten die Bergleute). Namentlich die beiden letzt- genannten überlebensgroßen Reliefs sind herrlich in der Wirkung. Machtvoll überfliegt die Feuerlobe die Arbeiter, die sich zurücklehnen und nachgebend die Gewalt des Feuers zwingen und lenken. Ebenso konzentriert ist der Bergbau, der mehr die ausharrende und vordringende Kraft schildert, auch hier wir't die Neberschnei- düng durch den überhängenden Felsen eindringlich. Vier Bronze- figuren, fitzend, teilen die Felder. Zwei kraftvolle Jünglinge in gesammelter Kraft. Ein Greis, die Hände schwach im Schoß, eine einheitliche große Schöpfung. Am weitesten rechts die„Mütterlich» keit", eine mit antiker Ruhe thronende Mutter, die hocherhobenen Hauptes Kinder schützt, an die Madonnenbilder der Italiener mahnend. In der Mitte der„Säemann". Weit ausschreitend. Weit mit der Hand ausholend. Er schreitet auf den Beschauer zu. Die Samenkörner streut er aus, den Samen der Arbeit, die segensreich aufgehen wird. Wie ein Seher blickt er in die ukunft, furchtlos, gefaßt, voller Kraft. All das ist nicht nebeneinander gestellt, sondern eine aus dem Innersten gestaltete, einheitliche Schöpfung. Es berührt ange- nehm, daß kein Zierrat, kein Ornament, kein Emblem die strenge Harmonie stört. Alles konzentriert sich aus die Gestalten. Der Blick gleitet hin über die Flächen der Reliefs, hastet auf den fitzenden Figuren und sammelt sich schließlich auf dem Säemann. So klingt das alles zusammen wie eine ernste Symphonie. Nichts lenkt ab. Nur das Notwendige ist da. Keine Nachahmung der Vergangenheit. Eine neue Schöpfung, die auch in diesem strengen, schmucklosen Geist der Erscheinung der Arbeit, die es verherrlichen will, gleicht. Die Ausstellung ist in den Räumen der ehemaligen Hocksschule für Musik untergebracht, Potsdamerstratze 129. Der Eintritt kostet 1 M._ Ernst Schur Kleines feullleton. i. AuS Zürich vor hundert Jahre». Anfangs des vorigen Jahr- Hunderts gab es in Zürich noch keine Kaffeebäuscr, nur„Zunft- Häuser". Hier pflegten sich die Zunftgenossen wwobl zu polnischen Versammlungen als zur Uiiterbaltniig und..Aveudsitz" zu treffen. Gemeinschaftliches Gesellschaftslokal war das Schützeicha»« und zwar weil e-Z einen großen Saat besaß. Dort herrichle noch ein eigen» artiger Brauch. Nicht der Wirt verschenkte seinen Wein, sondern jeder Gast brachte sich sein Quantum von Hause mit. Der Knecht trug eine gewaltige Kanne von zirka drei Matz dem Herrn nach. Auszutrinken brauchte dieser aber die Kanne nicht; es war nur dafür gesorgt, daß er den Tischnachbaru auch ein GlaS einschenken könne. Der Wirr oder„Stubenknecht" verschenkte, wie gesagt, nicht nur nicht, er durste auch keinerlei Getränke ausschenken und van Speisen nichts anderes liefern als Käse mid Brot für zwei Schillinge, gleich zehn Rappen des heutigen Geldes. Aus diesen mußte er seinen be- scheidenen Nutzen suchen. Besoldung bezog er nicht, nur freies Quartier. Für diese karge Vergünstigung hatte er aber noch Gläser und Teller anzuschaffen und die Gäste zu bedienen. Der„Abend- sitz" begann schon nachmittags ein Uhr und dauerte bis abends sechs Uhr i dann begab sich alles nach Hause. Der Hausknecht stellte sich schon um halb sechs Uhr pünktlich ein, im Winter mit einer Laterne, um Gäste und Kannen in Empfang zu nehmen. Unter den damaligen Ziinfthäusenr war daS„zur Safran" am günstigsten gelegen, inmitten der Stadt, gegenüber dem Rathanse. Hier konnten sich, wie ein Altzüricher, Dr. Locher, in seinen Lebens- erinnerungen schreibt, die„Regenten", ihre Kreaturen und Wähler von Regiernngssorgeu erholen, und wenn eS zur Abstimmung ihrer Anwesenheit bedurfte, brauchte der Waibel sich nur am Rathaus- fenfter zu zeigen. Rur bei offiziellen Festlichkeiten pflegten Bürger- meister damals öffentlich hervorzutreten. Außerhalb ihrer Wohnung traf man sie selten, es wäre denn zu Wagen, wenn sie sich auf ihr Landgut begaben. Popularitätshascherei war nicht au der Tages- ordnnng. Mir dem Jahre 1330 hörte bekanntlich die Herrschaft der Aristokratie ans. Es verschwanden allniählich die Zunfthäuser i sie machten den Kaffeehäusern Platz, die heute in Zürich ebenso wie überall den eigentlichen Treffpunkt des geselligen Lebens und Ver- kehrs bilden.— r. Herr, Ehr, Ehrn— Frau, fer. Manche Menschen haben in- folge ihres Aussehens oder ihres Verhaltens das eigentümliche Ge- schick, ihren Namen nie einfach so, Ivie er in den amtlichen Berzeich- uissen steht, genannt zu hören oder geschrieben zu sehen. Besonders in unserem Zeitalter der Tinte zeigen sich diese Namen immer mit Zusätzen versehen, die ihnen keineswegs innner zur Zierde gereichen. So ist es mir aufgefallen, daß Herr Stöcker, wenn er in der gegnerischen Presse genannt wurde, es sich oft gefallen lassen mußte, als Ehre» Stöcker zu erscheinen. Der Leser denkt in solchen Fällen natürlich sofort an das Wort Ehre, im Hintergrunde seiner Vor- stellungen taucht so etlvas wie Ehrenmann auf,-von denr der letzte Bestandteil weggefallen sein muß, so daß nur Ehren übrig geblieben » ist. Und daraus wird dann unbewußt Ehre gleich nicht-Ehre gesetzt und zwar sicherlich mit größerem Rechte als Hegel im Anfange seiner Weltschöpfung Sein gleich nicht-Sein setzt. Der Leser hat ganz richtig herausgefühlt, daß mit der genannten Bezeichnung etwas Herabsetzendes gesagt werden soll, er ist dieser Spur gefolgt und zu der vom Schreiber beabsichtigten Vorstellung gelangt. Aber trotzdem befindet er sich auf ganz falscher Fährte, wenn er bei dem Worte Ehren, daS richtiger Ehrn lauten würde, an das bekannte Ehre denkt. Ehrn ist vielmehr gleich Herrn, also gar nicht einmal der erste Fall, folglich eigentlich da, wo es für diesen stehen soll, ein grober Schnitzer. Aber die Entwickelnng der Sprache bekümmert sich nicht darum, ob Schnitzer oder nicht, sondern läßt sich ruhig Ehren Müller oder Schulze gefallen, weil eben die zugrunde liegende Vorstellung verdunkelt ist. Ehren Müllers Behausung wäre dagegen ganz richtig, da es hier der zweite Fall ist. Um nun zu zeigen, daß Ehren eigentlich gleich Herrn ist. wollen wir uns den Gebrauch und die Herkunft des Wortes„Herr" ein wenig näher ansehen. Int Althochdeutschen heißt eS hOroro oder liöriro, kommt hier auch in der verkürzten Fonn lrSrro und hC-ro vor. im Mittelhochdeutschen börrs und herro, und hier lautet eS in der verkürzte» Form Irl-r, bor und or. Diese letztere Verkürzung dauert im älteren Neuhochdeutsch fort, daneben aber erscheint sie auch in der Dehnung- als obr, während umgekehrt bis auf den heutigen Tag ini altertümlichem und volkstümlichem Ausdruck noch die Forin borro lebt. Acki Herrc Gott, ach Herre Gott, Erbarm Dich doch des Herrn. Goethe. Für die verkürzte, uns angehende Form»nögen folgende Bei- spiele auS alten Schriften dienen: er Albroclit von Lindenau rittor; wir, er Busse von Querxurt. Ha, sagt Ehr lanotus, Esel, Eselskopf usw. Fragen wir nun nach der Herkunft des Wortes, so sagt uns die Forschung mit Bestimmtheit� daß hfiroro ursprünglich eine Eteigernngsform von her, hoch, hehr, ist. Herr würde also der Höhere, der höher Gestellte bedeuten, gegenüber dem niedriger Stehenden, dem Geringen,-dem Knechte- Dem althochdeutschen herero, Herr, steht für da? weibliche Geschlecht daS Wort fromvii, Herrin. Frau, gegenüber. ES hat sich wahrscheinlich aus einem alten männlichen Worte kraus a, wie domina aus dominus, Herrin aus Herr, ergeben. Im Mittelalter, wie noch heilte landschaftlich unter dem Volke, wird, ganz so wie Ehr vor männlichen Rainen, krouwo, frö, Frau unmittelbar vor weiblichen Namen und Gattungsnamen gern in kor oder vor gekürzt. Und hing sich an ein unehlich böse Wip, genannt vor Life. Königshofen. Zumal erscheinen alte mythologische Namen in dieser Verkürzung: ver Hilde, ver Gode, gleich Frau Hilde, Frau Gode. Da? nieder- sächsische Erntefest hieß Vergodensdel, gleich Frau Gödens Teil. Es ist leickit einzusehen, daß ans dieser Fonn ter oder ver die von der Schriftsprache angenommene Fonn Jungfer, jümforcheu entsprang. Hentzutage bedeutet Herr oder Frau kaum etwas anderes als eine Geschlechtsbezeichnling, denn jeder Arbeitssklave muß es gewisse» inaßen als eine Verhöhnung über sich ergehen lassen, als Herr an» geredet zu werden. Dies hat auch die in dieser Beziehung fein« fühlige Bourgeoisie herausgefühlt, und die nicht sorgende Hausfrau läßt sich daher zum Unterschied von der Proletarierin jetzt, auch wenn sie nur die Tochter eines Lumpenhändlers oder eines ohne seine Schuld reich gewordenen Schöneberger Bauern ist. gnädige Frau titulieren.— Aus dem Pflauzenleben. U. Die Bedeutung mancher Pflanzen für die Landgelvinnung an der Meeresküste läßt sich so recht ermessen, tvenn man das Leben einer an und für sich recht unscheinbaren Pflanze verfolgt, des Quellers(Zalicomia herbacea L.). Diese Pflanze ähnelt so» wohl in der Farbe wie auch in dem ganzen Aufbau besttnimten KaktuSgewächsen, doch hat sie mit solchen durchaus nichts gemein, sie zählt zur Faniilie der Meldengewächse, auch Gänsesußgewächfe genannt. Die Pflanze Wird etwa 25 Zentimeter hoch, sie ist recht häufig an der Westküste von SchleSwig-Holstein, wo sie von allen Landpflanzen am weitesten in die See hineingeht. Man findet hier den Queller an Stellen, die zur Flußzeit einen halbe» Meter unter dem Wasser- spiegel stehen. Je mehr sich das Watt aus dem Meere erhebt, um so mehr geht der Queller gegen die offene See vor, während er an den am höchsten gelegenen Stellen verschwindet; er will eben tag- täglich sein Seebad haben. Dort, wo das Land nicht niehr von der salzigen Flut beleckt wird, vermag der Queller nicht mehr zu gedeihen. Der gedrungene, stark verästelte Bau dieser Pflanze bietet den anstürmenden Wasserwogen genügenden Widerstand und sorgt gleich» zeitig dafür, daß die zurückrollende» Fluten die eben mitgebrachten erdigen und sonstigen festen Bestandteile nicht wieder ins Meer mit zurücknehmen. Keine andere Seestrandpflanze ist so sehr zum Fest- halten des Schlick geeignet, wie gerade der Queller mit seinem buschigen Wuchs. Daß die Aeste und Zweige recht dickfleischig sind, kommt der Pflanze insofern sehr zustatten, als sie dadurch einen wirksamen Schutz gegen die sengendeii Sonnenstrahlen zur Ebbezeit besitzt. In derselbe» Weise, wie die Kakteen den Gefahren einer übermäßigen Wafferverdunstung, hervorgerufen durch Sonnenbrand, begegnen, so schützt sich auch der Queller gegen das gleiche Uebel, indem er die Wasierverdulistenden Organe, die Blätter, nach Möglichkeit reduzieit. Zwar steht dem Queller weit mehr Bodenfenchiigkeit zur Verfügung als den iiieifteii wüstenbewohnenden Kakteen, allein er würde das Master nicht so schnell hochleiten können, als es die Sonne in den Blättern zur Berdmistung bringen würde, und darum sind die Blätter einfach zu unscheinbaren Gebilden verkümmert. Der Wert dieser Pflanze für die Landgewinnuiig ist zwie- fachcr Natur. Erstmals sorgt der Queller, daß die an- stürmenden Wogen gebrochen iverden, lind somit das Erdreich nicht ailfivühlen können, und zweitens hält die Pflanze den vom Wasser»litgebrachten Schlick fest. Dieser Schlick haftet in de» spitzelt Blattwinkeln, welche die kleinen Blätter mit den Siesten bilden. Ist die Flut zurückgetreten, so trocknet die Sonne den anhaftenden Schlick schnell ab, so daß dieser zu Boden fällt. Jede einzelne Pflanze vermag jeder Flut zwar nur wenige winzige Körnchen Schlick zu entreißen, aber„Viel Hilst viel", und die großen Bestände dieser Pflanzen häufen alljährlich ein nicht unbeträchtliches Quantum Erde a», und nach Jahren wird aus millimeterstarken Decken eine solche von Zentimeter- und Dezimeter-Stärke. HnmoriftischeS. — Kurz und bündig. Er:„Und liebst Du mich auch wirklich, Schatz?" Sie:(schwörend):„Deine Gläubiger sollen auch meine Gläubiger sein."— — Berufskrankheit.„Sagen Sie mal, warum nickt denn der Herr alle Augenblicke so mechanisch mit dem Kopfe?" „Ja, lvissen Sie, der ist nämlich Mechaniker."— („Lustige Blätter.") Notizen. — lieber die Premieren der Woche ans Bühne und Büchermarkt und über Friedrich Nietzsches künstlerische Sendung hält Theodor K a p p st e i n zwei Vortragszyklen von je acht Vorlesungen in der Vogeler-Aula, Ritter« straße 4/5. Die Vorträge, welche an acht ans einander folgenden Montagen stattfinden, beginnen Montag, den 22, Januar, um llß Uhr. Karten find beim Saaleingang zu haben.— — Eine teure F l i ck c r e i. Beinahe drei Millionen hat der Umbau des Schauspielhauses gekostet.— — Im S ch i l l e r- T h e a t e r O. ist für den 20. Januar die Erstaufführung des biblischen Dramas„Königsglaube" von H c r m a n n S t o d t e angesetzt.— —„Spätsommer", eine vierattige Komödie von Paul Lllep ander und Victor Stephan h versagte bei der Ur- auMhrung im Deutschen S ch a u s p i e l h a u s e zu H a m- b n r g.— — Die Oper„ R a r c i ß" von Julius Stern erlebt im Februar am Breslau er Stadtthee.ter ihre Uraufführung.— Bcraniwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorlväriSVuchdruckerei u.VerlagsanstaltPanl Singer LcCo.,BerlinL�V'