NnterhaltMgsblatt des Vorwärts Nr. 10. Dienstag, den 10. Januar. 1906 lNaihdriick verboten.) 10Z 8ck�ärmer. Roman von Knut Hamsun. Autorisierte Uebcrsctzung von Hermann Kit). Das Gras auf den Wiesen war jetzt da, und der Wald war belaubt, milde Nächte weilten über dem Lande. Tie Bucht lag leer, alle Watcufischer waren fortgezogen, und Macks Schuten waren niit Heringen nach dem Süden ge- fahren. Es war Sommer. Das strahlende Wetter rief des Sonntags Kirchgänger in Scharen herbei, viel Volk strömte herzu, zu Wasser und zu Lande, und darunter waren Schiffer aus Bergen und Haugesund, die mit ihren Jachten längs der Berge lagen und Klippfische trockneten. Jahraus, jahrein kamen sie wieder und wurden an Ort und Stelle alt. An der Kirchtür träte?» sie in vollem Putz auf, in farbige» Hemden aus seinem Kattun und mit Uhrketten von Haaren über der Brust: sogar Gold- ringe trugen einige in den Ohren, und sie brachten Leben und Farbe unter die Kirchgänger. Aber das trockne Wetrer war auch der Grund, daß man von einem betrüblichen Wald- brande von drinnen aus den Fjorden hörte, die Sonuner- wärme schaffte nicht imnier nur Gutes. Enoch hatte sein Amt angetreten und war des Pfarrers Gehülfe in ernster Gründlichkeit niit einem Tuch um die Ohren. Das junge Volk weidete sich an diesem Anblick, ältere Leute aber nahmen Aergernis daran, daß die Chortür durch einen Affen von Menschen entheiligt werde, und sie gingen zum Pfarrer hinein mit einem Ansinnen um Abhülfe. Konnte Enoch sich die Ohren nicht mit Baumwolle per- stopfen? Aber Enoch antwortete dem Pfarrer, daß er die Ohrcubinde nicht entbehren könne und all der Gicht willen, die in� seinem Schädel Hause. Da hatte der verabschiedete Gehülfe Levion eine schadenfrohe Lache über seinen Ersatz- mann Enoch angeschlagen und geäußert, es müsse einem doch recht warm machen, jetzt am Tage eine Ohrenbinde zu tragen. Der Ltimp Levion hatte seit seiner Erniedrigung nicht abgelassen, seinen Nachfolger Enoch mit seinem Neide zu ver- folgen. Keine Nacht konnte er draußen sein und Flundern stechen, ohne daß er sich gerade vor Enoch Strand niederließ und den Flunder stach, den zu fangen Eiwch der Nächste war. Und brauchte er ein Bootskeep oder Material für ein Oesfaß, so mußte er es ausgerechnet in Enochs Fichtenwald unten am Meere aufstöbern. Es wurde bald ruchbar, daß Jungfer van Loos mit ihrem Verlobten gebrochen hatte und um der großen Schande willen unverziiglich den Pfarrhof verlassen würde. Kaufmann Mack mochte den verlorenen Telegraphisten bedauern, und er be- schloß, einen kleinen Versuch zu machen, ob sich der Brnch nicht heilen lasse. Eigenhändig nahm er Nolandsens Ge- ständnis von dem Heckcnpsahl herunter und äußerte, es sei überhaupt gegen seinen Willen da oben angebracht worden. Darauf begab er sich zum Pfarrhof hinunter. Mack hatte gut wohlwollend sein, er hatte schon von dem überwältigenden Eindruck gehört, den seine Behandlung des Diebes auf die Leute gemacht hatte, jetzt grüßten sie ihn alle wieder wie in alten Tagen, ja, achteten ihn höher als je. Es gab doch nur einen Mack an der ganzen Küste! AbelWsein Gang zum Pfarrhos war zwecklos. Jungfer van Loos weinte vor Rührung, daß Mack in eigener Person erschien: aber das sollte keiner fertig bringen, daß sie nun alles wieder vergessen sein ließe mit Rolandsen, nie im Leben sollte das geschehen. Mack gewann den Eindruck, daß der Pfarrer hinter dieser bestimmten Aussage, stünde. Als die Jungfer sich zu den Bootsschuppen hinunter begab, begleiteten sie der Pfarrer und seine Frau. Beide wünschten ihr eine glückliche Reise und sahen sie ins Boot steigen. „Q Gott, nun bin ich sicher, daß er da oben im Walde liegt und alles bereut," sagte Jungfer van Loos und zog ihr Taschentuch. Das Boot stieß ab und unter kräftigen Ruderschlägen glitt es von dannen. „Da seh ich ihn," schrie die Jungfer und erhob sich halb. Sie sah aus, als wollte sie ans Land waten. Dann fing sie an, ans Leibeskräften zuin Walde hin zu winken. Und das Boot verschwand hinter der Landzunge. Rolandsen ging durch den Wald nach Hause, wie er es in der letzten Zeit zu tun pflegte: aber oberhalb der Pfarrhof- hecke suchte er unten den Weg wieder auf und folgte ihm. Siehe da, alle Gummiproben tvaren versandt, er hatte nichts zu tun, als das Resultat zu erwarten. Nun würde es nicht mehr lange dauern. Und vor lauter guter Laune kinpste er im Gehen mit den Fingern. Ein Stück vor ihm saß des Küsters Olga auf einem Stein am Wege. Was hatte sie da zu suchen? Rolandsen über- legte: sie kommt aus dem Kramladen, und jetzt wartet sie auf jemand. Kurz darauf kam Elise Mack. Soso, waren die beiden unzertrennlich geworden? Auch sie setzte sich nieder und schien zu warten. Wir wollen die Damen bezaubern mit Geknicktsein und in die Erde sinken, sagte Rolandsen zu sich selbst. Und er sputete sich in den Wald hinein. Doch unter seinen Füßen knackte das trockene Reisig, seine Schritts waren zu hören, es war eine verfehlte Flucht, und er gab sie auf. Vielleicht könnte man sich wieder auf den Weg begeben, dachte er, wir wollen sie nicht allzu sehr bezaubern. Und er trat auf den Weg hinaus. Aber es war jetzt doch ein gewagter Schritt, von An- gesicht zu Angesicht mit Elise Mack zusammenzutreffen. Sein Herz klopfte in schwerfälligen Schlägen, eine warme Welle durchflutete ihn, und er blieb stehen. Vorher schon hatte er nichts erreicht, und später war eine große Missetat binzu- gekonimen. Rückwärts gehend zog er sich wieder in den Wald zurück. Wäre er nur schon wohlbehalten über diese Rodung weg, so würde das Reisig aufhören und das Heidekraut be- ginnen. Er nahm die Rodung in ein paar Sprüngen und war erlöst. Plötzlich blieb er stehen. Was zum Kuckuck ließ ihn hier herumhüpfen? War er nicht Ovc Rolandsen? Trotzig kehrte er über die Rodung zurück und stampfte auf dem Reisig umher, so viel er Lust hatte. Als. er auf den Weg hinunterkam, sah er, daß die Damen noch an demselben Fleck saßen. Sie plauderten, und Elise bohrte mit dem Regenschirm in der Erde. Wieder stand Rolandsen still. Es gibt keine vorsichtigeren Menschen als die Waghälse. Ich bin ja ein Dieb, dachte er: wie kann ich die Frechheit haben, mich zu zeigen? Soll ich denn grüßen und von den Damen ein Kopfnicken erzwingen? Und noch einmal glitt er in den Wald hinein. Ein großer Narr war er, daß er noch immer ging und Gefühle hatte: hatte er nicht an andere Tinge zu denken? In ein paar Monaten oder so würde er ein reicher Mann sein: fort mit de» Liebeleien! Und er machte sich auf den Heiniweg. Sollte man glauben, daß sie noch da saßen? i£r kehrte um uud spähte aus. Friedrich>var dazugekommen, alle drei kamen sie ihm nun entgegen. Er stürmte zurück, das Herz schlug ihm bis zum Hasse hinauf. Wenn sie ihn nur nicht gesehen hatten! Sie bleiben stehen, er hört Friedrich sagen: „Pst, mir ist, als hörte ich einen im Wald."„Es wird nichts sein," antwortete Elise. Und vielleicht sagte sie eS nur, weil sie ihn gesehen hattet dachte Rolandsen. Ihm wurde kalt uud bitter ums Herz. Natürlich war er nichts, noch nicht: aber wir wollen uns wieder sprechen in zwei Monaten! Und was war sie selbst? Eine Jungfrau Maria aus Eisenblech, die Tochter des bekannten Lutheraners auf Nosengaard. Friede sei mit dir! Auf dem Dache der Station stand ein Wetterhahn auf seiner Eisenstange. Rolandsen kam nach Hause, stieg auf das Dach und brachte der Eisenstange mit eigenen Händen einen Knacks bei: der Hahn krümmte sich hintenüber, es sah aus, als ob er krähe. Und so sollte er stehen. So war es reckst. 11. Nun ist die Zeit, wo träge Tage anbrechen für die Lentc: nur den kleinen Fischfang für den Hausbedarf betreiben sie in sonnenwarmen Nächten als winzigen Ersatz. Brombeeren und Kartosseln wachsen, und das Wiesengras wellt sich, jedes Haus hat Ueberfluß an Heringen, und Kühe und Ziegen geben eimerweise Milch und bleiben doch feist und fett. Mack und seine Tochter Elise sind nach Hause gereist, Friedrich schaltete wieder allein in der Fabrik und im Kram- laden. Und Friedrich schaltete nicht zum besten, er ist von der Liebe zum Meer entflammt und vegetiert höchst ungern hier auf dem Lande. Kapitän Henriksen vom Küstenboot hat halb- Wegs versprochen, ihm eine Stelle als Steuermann auf seinem Schiff zu verschaffen: aber daraus scheint nichts zu werden. Nun fragt sichs also, ob der alte Mack dem Sohn einen Dampfer zur Führung kaufen kann. Er tut so und redet oft davon, aber Friedrich vermutet, daß es unmöglich sein wird. Friedrich weiß den Umständen Rechnung zu tragen. Er hat von Natur so merkwürdig wenig von einem Seemann an sich, er ist der Typus der vorsichtigen und verläßlichen Jugend, die im täglichen Leben von allen Dingen genau soviel tut, wie nötig ist. Er verdankt seine Anlagen der Mutter und ist weiter kein echter Mack. Aber so sollte man sein, wenn man mit Glanz bestehen möchte in dieser Welt: nie zuviel tun, sondern im Gegenteil ein klein bißchen zu wenig tun, und es würde gerade für genug gerechnet werden. Wie war es Rolandsen ergangen, diesem dreisten Drauflosgänger mit seinen Uebertreibungen? Ein großer Dieb wurde er vor den Menschen, und schließlich verlor er noch seine Stellung. Da ging er nun mit seinem beladenen Gewissen, und seine ver° schlissenen Kleider wurden dünner und dünner, und bei keinem anderen als beim Orgeltreter Börre hatte er ein Kämmerchen gesunden. Da war Ove Rolandsen gelandet. Börre mochte ein tüchtiger Kerl sein in seiner Art, aber er war der ärmste Von allen, denn seine Hütte barg die wenigsten Heringe. Und weil außerdem seine Tochter Pernille ein gebrandmarktes Geschöpf war, brachte man dem Hause des Bälgetreters nicht viel Achtung entgegen. Kein besserer Mann konnte füglich bei ihm wohnen. Es ging ein Gerede, daß Rolandsen vielleicht seinen Posten hätte behalten können, wenn er dem Telegraphen- inspektor mit ein wenig zerknirschtem Herzen gegenüber- getreten wäre. Aber Rolandsen war bloß davon ausge- ggngen, daß er seinen Abschied bekommen würde, und der In- spektor hatte keine Gelegenheit gehabt, ihn zu begnadigen. Und der alte Mack, der Vermittler, war fort. Aber der Pfarrer war nicht ganz unzufrieden mit Rolandsen.„Ich habe gehört, er soll weniger trinken als früher," sagte er,„und ich sehe ihn durchaus nicht für hoff- nungslos an. So hat er selber eingestanden, daß ein Brief von mir die Veranlassung war, daß er den Diebstahl bekannte. Man erlebt doch mitunter eine Freude in seinem Wirkungs- kreise." Johanni rückte heran. An allen hochgelegenen Stellen wurden am Abend Scheiterhaufen angezündet, die Fischer- jugend versammelte sich um die Feuerstellen, und Zieh- Harmonika und Violine ließen ihre Weisen über das Kirchspiel hin ertönen. Es sollte fast kein Feuer zu sehen sein, aber es sollte reichlich rauchen, das war das solideste; man warf darum feuchtes Moos und Wacholder auf die Scheiterhaufen und erzielte einen dicken, mild riechenden Rauch. (Fortsetzung folgt. 1 (Nnchdnirk verboten.) Dcv Garten des Laubcnholomften. Januar. Mit einem Blumentops auf dem Fensterbrett, bei besseren Wohnungsverhältnissen mit einigen Saatversuchcn in die Balkon- lösten, beginnt der großstädtische Handwerker und Arbeiter seine Laufbahn als Garkenlicbhaber, während der praktischen Frau aus dem Volke ein Schnittlauch-, Esdragon- oder Petersilientopf am Küchcnfenster die ersten Einblicke in das Werden und Vergehen der Pflanzentvelt übermittelt.„Kleine Ursachen, große Wirkungcnl" Ist die Kellerwohnung nicht gar zu tief, das Hossenstcr nicht jedem Sonnenstrahl entzogen, so wird der Erfolg nicht ausbleiben, zu neuen Taten anspornen, und bald sehen wir denn den ehemaligen Zimmergärtner Pritzke mit seiner Frau, der vormaligen Küchen- gärtnerin, bei der ersten Einrichtung der Laubcnparzclle. Vom Fenster- und Küchengarten bis zur Laubenparzelle ist es ein weiter Weg, aber gepflastert mit den schönsten Hoffnungen. Die mühe- volle Arbeit, welche die neue Pachtung nun mit sich bringt, wird zum Spiele, und die Familie Pritzke sieht schon im Geiste, wie sich im Herbst Küche und Speisekammer mit den köstlichsten Garten- Produkten füllen. Der Erfolg, und sei er auch noch so bescheiden, läßt den Laubenkolonisten die arme märkische Scholle lieb gewinnen, er wird zum Kulturpionier, der in rastloser Arbeit den Flugsand in Humusboden verwandelt. Nur zu bald ist es oft aber mit der Freude vorüber; der Grundstücksspekulant, aus dessen Terrain sich die Kolonie befindet, erschließt seinen Besitz der Bebauung, dem Generalpächter wird gekündigt und mit vielen anderen werden Pritzkes nebst ihrer Laube, den Erdbeeren, Kohlrüben und Kürbissen auf die Straße gesetzt. Sie können sich glücklich preisen, wenn die Kündigung nicht im Spätfrühling oder Sommer, sondern erst zur Erntezeit im Herbst erfolgt. Guter Rat ist nun teuer. Manche finden eine neue Pachtung weit draußen vor den Toren der Stadt, andere sind es müde geworden, fremdes Oedland zu erschließen und schreiten zur Erwerbung einer Parzelle außerhalb des eisernen Ringes, den die Bodenwucherer um Berlin und seine Vororte ge- zogen haben. Bis an die Grenze des Borortverkehrs der Stettiner, Ost- oder Nordbahn muß man heute schon gehen, wenn man für 5 bis 10 M. pro Ouadratrute f 14 Quadratmeter) brauchbares Land erwerben will, das dann meist noch abseits der Bahnstation gelegen ist. Aber erst ein solcher Besitz von 60 bis 80 Quadratruten bietet einem Familienvater die Möglichkeit, zunächst den ganzen Bedarf der Fa- milie an Gemüse und Kartoffeln, später auch an Sommer- und Winterobst heranzuziehen. Die unter den kleinen Verhältnissen des Laubengartens gesammelten Erfahrungen werden dem„Ritterguts- besitzer", wie sich der Berliner Parzelleninhaber selbst spöttisch nennt, bei Bewirtschaftung des eigenen Grund und Bodens sehr förderlich sein. Lehrgeld bleibt keinem erspart, in der Laubenkolonie ist es sehr bescheiden, auf dem eigenen Besitz wird es aber jenen sehr drückend werde», denen jede praktische Erfahrung fehlt. Es ist Januar. Einem nassen Sommer ist ein ebenfalls milder Winter gefolgt. Wir machen uns an einem schönen Sonntag- morgen auf die Socken, um Umschau nach einem geeigneten Grund» stück für unsere gärtnerische Betätigung zu halten. Die Zeit ist günstig. Weite Länderstrecken werden wir unter Wasser finden; sie sind entweder dem Hochwasser ausgesetzt oder haben überhaupt einen hohen Grundwasscrstand, wie er vielfach für das Spreegcbiet charakteristisch ist. Diese im Winter unter Wasser stehenden und teilweise auch noch im Hochsommer sumpfigen Ländereien sind für jede Gartenkultur untauglich. In solchem Gebiet etwas zu pachten oder zu kaufen wäre ein nicht wieder gut zu machender Fehler. Feuchte Ländereien sind für denjenigen, der auch Obstbau treiben will, stets ungeeignet. Für die Laubenkolonisten eignen sich aber noch Grundstücke, auf welchen in diesem nassen Jahre das Grund- Wasser bei ö0 bis 60 Zentimeter ansteht. In der Laubenkolonie be- schränkt man sich eben auf Gemüse und Blumen, die mit ihren Wurzeln nicht sehr tief in den Boden gehen. Keinem Lauben- kolonisten wird es einfallen, auf solch unsicherer Pachtung Obstbäruue zu pflanzen, deren Ertragfähigkeit erst nach vieljährigcr Kultur bc- ginnen kann. Auf einer Parzelle mit hohem Grundwasserstand erübrigt sich die Anlage eines Brunnens, falls es nicht auf Trinkwasser abge» sehen ist, denn ein tiefes Loch, in welches zwei alte Zementtonnen über einander eingelassen werden, ist bald gegraben, und diese ein- fache Anlage wird dann eine unerschöpfliche Quelle für die Entnahme des im Sommer nötigen Gietzwassers sein. Wo das Grundwasser in geringer Tiefe ansteht, da treffen wir auch meist an Stelle des märkischen Sandes den schwarze» Moor- beben, der, aus seit Jahrtausenden verwesten Sumpf- und Wasser- pflanzen entstanden, reich an fruchtbarem Humus ist; er ist nur in sauerer Beschaffenheit für Kulturgewächse ungeeignet. Auf saueren Boden weist das Vorhandensein von sogenannten Sauer- gräsern hin; es sind dies die hohen Seggen- und Binsenbüsche, die wir auch auf Viehweiden in voller Entwickelung finden, da sie vom Wcidcvieh stets gemieden werden. Wo also in der Ebene Moorboden vorhanden, der Grundwasserstand nicht zu hoch und auf den noch öden Strecken nicht die verdächtigen Sauergräscr vorherrschen, da kann die Laub« unbedenklich errichtet werden. Beim Ankauf einer Parzelle, auf welche auch Bäume gepflanzt werden sollen, mutz der Grundloasscrstand beträchtlich tiefer sein. Steht das Grundwasser im Winter schon bei einem Meter Tiefe an, so können neben Beerensträuchern nur auf Zwergunterlage ver- edcltc Apfelbuschbäumchen gepflanzt werden. Am günstigsten ist das in 3 bis 7 Meter Tiefe anstehende Grundwasser für die Obst- knltur. Bei tiefcrem Grundwasscrstand leiden auch ältere Obst- bäume in trockenen Jahren, falls sie nicht bewässert werden. Eine Ausnahme machen Wallnüsse und Süßkirschen, die mit ihren Wurzeln in große Tiefen gehen, ferner Sauerkirschen, die noch im trockensten Sande gedeihen und allenfalls noch die gewöhnliche Haus- ztoetsche. Fast überall sehen wir uns in der Mark dem verrusenen Saud- Beden gegenüber. Da mag es uns ein Trost sein, daß er entschieden besser als sein Ruf ist. Gewiß, er ist hungrig, d. h. arm an Nähr- stoffen und arm an Kalk, aber warm. Die Bewurzelung ist im Sand eine reiche, weitverzweigte, und eS lassen sich bei fachgemäßer Düngung große Erträge und frühe Ernten erzielen. Allerdings ist unser märkischer Sand nickst überall gleichwertig; nur in feiner Körnung, die unö den berüchtigten SommeZtaub liefert, ist er gut, ini grobkörnigen Kies will nichts recht gedeihen. Fruchtbare Lehm- erde ist in der Mark selten, was der Laubenkolonist oft für Lehm hält, ist Ton. Dieser zähe undurchlässige kalte Tonbodcn steht an Nutzwert weit hinter dem reinen Sand zurück. In fast allen Fällen steht der Laubenkolonist unkultiviertem Brachland gegenüber, denn auch die Grotzgrund- und Bauernguts- besitzer, die jetzt in der weiterem Umgebung Berlins parzellieren, pflegen hierzu nur die schlechtesten, unfruchtbarsten Teile ihres Be- sitzes cniszuwählcn. Da heißt es zunächst den Boden aufschließen, verbessern und kulturfähig machen. Es geschieht dies durch Lockerung und rationelle Düngung. Wenn man nichts in den märkischen Sand hineinsteckt, kann man auch nichts he rausholen I Ter Moorbode» macht aber im jungfräulichen Zustand eine Ausnahme; er ist nur arm an Kalk und begnügt sich zunächst mit einer Düngung von Netz- kalk oder feingemahlenem kohlensaurem Kalk, beides Düngemittel, die für bis 2 M. pro 100 Kilogramm zu haben find. Dieses Quantum reicht für 60 bis 80 Ladratruten. Auch unser Sand- boden ist nieist kalkarm. Zur einfachsten aber ausreichenden Fest- stellung des-Kältgehaltes des Bodens nehmen wir eine kleine Probe nicht zu feuchten Erdreichs auf einen Porzellanteller und begießen dieselbe mit verdünnter Salzsäure: Starkes Aufbrausen zeigt aus- reichenden Kalkgehalt an, schwaches Aufbrausen dagegen Kalk- mangel. Kalk ist die Grundlage jeder Bodendünguirg, da er nicht nur die im Boden vorhandenen unlöslichen Pflanzennährstoffe, bc- sonders das Kali, löslich macht, sondern auch einen direkten Pflanzen. Nährstoff darstellt. In zu reichen Gaben verschlechtert er aber den Boden, wie auch reiner Kalkboden an Minderwertigkeit noch hinter dem Tonboden zurücksteht. Wenn wir nicht gezwungen sind, die Laube auf dem ersten besten Spekulationsgrundstück zu errichten oder die erste beste Zu- kunftsbaustelle in Grünhcim oder Hasenfelde zu kaufen, so müssen wir neben der Bodenbeschaffenheit und dem Gruudwasserstand noch auf einige andere Punkte achten. Wir bevorzugen eine gesunde, sonnige und freie Lage. Ein Grundstück, das durch einen, wenn auch nur mageren Kiefernwald etwas gegen die bei uns vorherrschen- den Westwinde geschützt ist, wird demjenigen, der Obstzucht treiben will, vmi großem Nutzen sein, da in exponierten Lagen die Stürme oft schon das halbreife Obst von den Bäumen reißen. Wenn man vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der Werkstatt oder Fabrik in oft verbrauchter, dumpfer Luft gearbeitet hat und dann nach getaner Arbeit auf der Parzelle Erfrischung sucht, so meide man die Nähe von Gasanstalten, von Fabriken mit rauchenden Schloten, deren Auswurfsstoffe unsere Pfanzen beschmutzen und verkümmern lassen und— die Nähe der Rieselfelder. An heißen, windstillen Tagen steigen von diesen Feldern Düfte auf, die jeden. der sich des kostbaren Besitzes einer sogenannten besseren Nase er- freut, rasend machen können. Und Frau Pritzke hat nicht nur eine feine Nase, die alles wittert, was in der Lust liegt, sie hat auch trotz der schwieligen Arbeitshände eine zarte, empfindliche Haut. Ihr und allen denen es ähnlich geht, kann ich ferner nur raten, eine Parzelle in der Nähe von stehendem Wasser, sei es nun ein stattlicher See oder ein lumpiger Tümpel, zu meiden. Stehende Wasser find die Brut- stätten der Stechmücken, die im Sommer den geplagten Lauben- lolomsten Tag und Nacht verfolgen, ihn rot und blau stechen. Also auch bei Auswahl eines Grundstückes, und sei es die bescheidenste Laubcnparzelle für fünf Mark Jahrespacht, ist Vorsicht die Mutter der Weisheit; lassen wir sie walten, wir werden dann im kommenden Monat sehen,-was weiter zu geschehen hat.— Max Hesdörffer. Kleines feuilleton» 1. Nette freie Bolksbühne: Mozart-Feier.— Im großen Konzertsaale der Hochschule für Musik ein festlich gestimmtes Publikum, dem Genius Mozarts zu huldigen. In den einleitenden Worten, die Dr. Leopold Schmidt sprach, wurde der große Künstler kurz charakterisiert, seine Jugendlichkeit, sein freies Künstlerseiti. Aus seiner Salzburger Herkunft wurde sein Sinn für die Schönheit, sein Humor. seine Arbeitslust hergeleitet. Mozart ist nicht national, nicht Volks- tümlich, er ist, Ivie alle Klassiker, Aristokrat. Aber natürlich und allgemein verständlich und darin ruht seine Bedeutung für ttnS, darin kann er uns Ausgangspunkt für die Zukunft werden. Im vergangenen Jahre hat das Chevillard, der Leiter der Pariser Lamoureux-Konzerte, ebenfalls proklamiert und die Wiederkehr Mozarts— ISO Jahre nach seinem Geburtstage— angekündigt. Und so feiern wir ihn nun wie wir eben alle Großen feiern, nach ihrem Tode. Eine ungerechte Gerechtigkeit, denn alles Große will Zeit. Das Programm lvar mit fernem Sinn und Verständnis zusammengestellt: eine Sonate für zwei Klaviere CD-Dur), die Phantasie in E-Dur für Klavier und das G-Dur- Trio Nr. ö. Da- zwischen Gesang: die Arie der Konstanze ans der„Entführung aus dem Serail", die Arie der Susanne aus„Figaros Hochzeit" und die beiden bekannteren Lieder Mozarts:„Veilchen" und„Sehnsucht nach dem Frühling". Seine heitere Seele breitete die leichten Flügel, von denen die grobe Hand des Lebens nicht den schillernden Glanz ttnd die liebliche Buntheit hatte abstreifen können. Nicht, trotz Not und Armut, die den Meister in ein frühes Grab zwangen. Von den arten Jrdifchkeiten blieb sein Geist unberührt, er schwebte immer in en Hellen, leicht, sich selbst ergötzend, seines Genießens immer froh. In diese seine Lebenssphäre hebt er die schreitenden Töne seines Andante herauf, in sie hinein quellen feine Allegroö, und in ihr blühen sich seine Allegrettos aus, wie die frischen Blumen auf der Wiese. ES ist alles Glück, es ist alles daS Falterglück des Kindseins, das die köstlickisten Märchenherrlichkeiten kostet, und nicht müde wird, davon zu erzählen, nicht müde von seinen Süßigkeiten zu plaudern. Mit der sanften Wehmut, die in Erinnerungen ist. Mozart führt das Leben wie ein Schäfchen an der Hand. Seine Schwere kennt er nicht.„Zu- letzt befreit mich doch der Tod", singt Konstanze, und es klingt wie Vogellied, leicht und heiter. Und es klingt wie Liebe, die ihres Traums nie müde wird. Beim Andante des Trio sah ich ein graues Paar sich aneinander schmiegen. Sie wußten selbst nicht, daß fie's taten. Das war Mozart. Er hatte sie in ihre Jugend geführt. Laßt euch das ein Bild und eilten Sinn seilt. Die Mitwirkenden machten sich sämtlich an dem Gelingen der vornehmen Feier verdient. Frau A e n n h Hin derma itn auS Hamburg vermittelte die Gesänge, Herr A r t u r Schnabel Mavier), Fräulein Kirf ch fKlavier), Fräulein Stolz