Htni erha ltlln g sb l att des vorwärts Nr. 11. Mittwoch, den 17. Januar. 1906 lNfiäjdaick verboten) 11] Schwärmer. Roman von Knut Hamsun. Nntorisicrte Uebcrsctzung von Hermann K i y. Rolandsen hatte nach wie vor nicht genug Schamgefühl. um dieser Volksbelustigung fern zu bleiben: er saß auf einem hohen Berge und schlug seine Gitarre und sang, daß es im Tale widerhallte. Als er zum Scheiterhaufen hinunterstieg. stellte es sich heraus, daß er betrunken war wie eine Strand- kanone und sich init effektvollen Phrasen aufspielte. Er war und blieb der Alte. Aber unten kam des Küsters Olga den Weg entlang. Es war nicht im geringsten ihre Absicht, hier stehen zu bleiben. sie kam nur den Weg entlang und wollte vorbei. Ach, sie hätte leicht einen anderen Weg einschlagen können, aber Olga tvar so jung, die Weisen der Ziehharmonika zogen sie an: ihre Nasenflügel waren in Bewegung, ein Strom von Glück durchbrauste sie, sie war verliebt. Früher am Tage war sie iin Kramladen gewesen, und Friedrich Mack hatte ihr soviel gesagt, daß sie ihn verstehen mußte, so vorsichtig er auch ge- sprachen hatte. Könnte es nicht vielleicht sein, daß er tvie sie einen Gang unternähme um diese Abendzeit! Sie traf die Pfarrersfrau. Die beiden schlössen sich ein- ander an, und sie sprachen von keinem Geringeren als von Friedrich Mack. Er war der Herr im Kirchspiel, sogar das Herz der Frau Pfarrer hatte sich ihn, in der Stille zugeneigt, er war ein so netter, vorsichtiger Mensch und blieb auf der Erde nnt jedem Schritt. Tie Frau Pfarrer beinerkte zuletzt. daß Jung-Olga in der größten Verschämtheit einherging, und fragte:„Aber Kind. Du bist so still. Du bist doch nicht am Ende in den jungen Mack verliebt?" „Doch." flüsterte Olga und brach in Tränen aus. Die Frau blieb stehen.„Olga, Olga! und macht er sich auch was aus Dir?" „Ich glaube." Da wurden die Augen der Frau wieder still und dumm und sahen leer in die Lust.„Ja ja," sagte sie lächelnd,„Gott segne Dich. Du wirst sehen, es geht gut!" Und sie ver- doppelte ihre Freundlichkeit gegen Olga. Als die Damen zum Pfarrhofe kamen, stürmte der Pfarrer aufgeregt hin und her.„Drüben der Wald brennt," rief er:„ich habe es von meinem Fenster gesehen!" Und er sammelte Aerte und Hacken und Leute und bemannte sein Boot unten bei den Schuppen. Es brannte in Enochs Wald. Aber dem Pfarrer und seinen Leuten zuvor kam der ab- gesetzte Gehülfe Lcvion. Levion kam vom Angclfang ge- rudert, wie gewöhnlich hatte er vor Enochs Wald gelegen und ein wenig gekocht. Aus dem Heimweg hat er dann gesehen, wie eine kleine helle Lohe im Walde emporschlug und immer größer wurde. Er nickt ein flüchtiges Nicken mit dem Kopf und scheint zu wissen, was solch eine Lohe zu bedeuten hat. Und als er unten bei dem Pfarrhofsschuppen sich emsig tummelnde Menschen sieht, versteht er, daß Hülfe unterwegs ist: er wendet das Boot mit einemmal und rudert zurück, um als Erster auf dem Platze zu sein. Es war ein recht schöner Zug an Levion, daß er allen Groll vergessen wollte und seinem Feind zu Hülfe eilte. Er landet und begibt sich in den Wald hinauf, er hört das Feuer prasseln. Levion läßt sich Zeit und sieht sich bei jedem Schritt genau um: kurz darauf sieht er Enoch in großer Eile herbeikommen. Eine ungeheure Spannung packt Levion, er versteckt sich hinter einent Felsen und hält Ausschau. Enoch kommt näher, zäh folgt er einem Ziele, sieht nicht rechts noch links, kommt nur, kommt. Hatte er seinen Gegner ent- deckt, und wollte er ihn jetzt aufsuchen? Als er ganz nahe tvar, rief Levion ihn an. Enoch wich aus und blieb stehen. Und in seiner Betroffenheit lächelte er und sagte: „Hier brennt es leider. Das Unglück ist da." Der andere bekam Mut und gab zur Antwort:„Es ist wohl Gottes Finger." Enoch runzelte die Stirn.„Was stebK hier?" fragte er. Levions ganzer Haß flammt auf, und er sagt:„Oho, hier wird's warm jetzt mit der Ohrenbinde." „Mach, daß Du fortkommst," sagte Enoch.„Du bist wohl der Brandstifter." Aber Levion war blind und taub. Enoch schien gerade zu dem Punkt an dein Felsen Vordringen zu wollen, wo Lcvion stand. „Hüte Dil Dich!" schrie Levion.„Ich Hab Dir einmal ein Ohr abgedreht, ich werde Dir auch das andere nehmen." „Fort sollst Du Dich scheren," antwortete Enoch und drang auf ihn ein. Levion kaute und kaute vor Wut. Er rief laut:„Denkst Du an den Tag auf dem Fjord? Du lagst und zogst an meinen Schnüren. Da Hab ich Dir ein Ohr abgedreht." Es kam an den Tag, warum Enoch immer eine Ohren- binde trug, er hatte nur ein Ohr. Die beiden Nachbarn hatten sich in den Klauen gehabt und hatten beide Grund ge- nug, von der Sache zu schweigen. „Du bist so gut wie ein Mörder," sagte Enoch. Man hörte das Boot des Pfarrers schäumend heran- fahren, hörte von der anderen Seite den brausenden Brand, der näher und näher kam. Enoch wand sich und wollte Lcvion fort haben, er zag das Schnitzmesser, er besaß ja dieses prächtige Messer zum Schneiden. Levion ließ die Augen rollen und schrie:„Wenn Du es wagst, mir das Messer zu zeigen, so sind hier Leute im Fahr- Wasser. Da kommen sie." Enoch steckte das Messer wieder ein.„Was hast Du gerade da zu stehen? Geh fort!" sagte er. „Und was hast Du gerade hier zu suchen?" „Es schert Dich nichts. Ich Hab zu tun an der Stelle, ich habe da etwas versteckt. Und jetzt kommt das Feuer." Aber Levion wollte aus Trotz nicht weichen, nicht einen Zoll. Jetzt kam der Pfarrer und hörte wohl den Zank vom Lande her: aber waS kümmerte sich Levion denn noch um den Pfarrer! Das Boot legte an, alle Mann stürmten mit Aexten und Hacken herauf, der Pfarrer grüßte im Fluge und sagte ein paar Worte:„Diese Johannisfeuer sind eine verderbliche Sitte, Enoch: die Funken stieben nach allen Richtungen. Wo sollen wir anfangen." Enoch war kopflos: der Pfarrer faßte ihn und zog ihn fort, so daß er nicht fortfahren konnte, mit Levion zu hadern. „Von wo kommt der Wind?" fragte der Pfarrer.„Komm und zeig uns, wo wir den Graben aufwerfen müssen." Aber Enoch stand wie auf Nadeln, er mußte Levion im Auge behalten und antwortete dem Pfarrer wie verwirrt. „Laß Dich nicht so unterkriegen vom Unglück," sagte der Pfarrer wieder.„Ermanne Dich doch. Das Feuer muß ge» löscht werden!" Und er nahm Enoch unter den Arm. Einige von den Leuten gingen dem Brande ein Stück entgegen und begannen von selbst mit dein Graben. Levion stand noch immer an demselben Fleck, und schöpfte Atem: er trat mit dem Fuß gegen eine Steinfliese, die vor dein Felsen lag. Hier wird er schon nichts verborgen haben, das sind nichts als Lügen, dachte er lind guckte hinunter. Und lvie er nun auch ein wenig in etwas Erde herumtrat, die unter der Fliese gelegen hatte, kam ein Tuch zum Vorschein. Das Tuch gehörte Enoch, es war onre ehemalige Qhrciibinde, Levion nahm es auf, es war ein Paket. Er warf das Tuch ab, Geld war darin, viel Geld. Banknoten. Und zwischen den Banknoten lag ein großes, weißes Dokument. Levion wird redlich neugierig, er überlegt: es ist ge- stohlcnes Geld! Er wickelt das Papier auseinaildcr und buch- stabiert darin herum. Da wird Enoch ihn gewahr und stößt einen haiseren Schrei aus: er zerrt sich vom Pfarrer los und eilt zurück zu Levion, das Messer in der Hand. „Enoch! Enoch!" schreit der Pfarrer und sucht ihn ein- zuholen. „Hier ist der Dieb!" ruft Levion ihnen entgegen. Der Pfarrer überlegte: Enoch hat der Brand so mit- genommen, daß er außer sich ist.„Steck' das Messer ein!" sagte er zu ihm. Levion fuhr fort: ..'Hier ist Macks Einbreche?.' „Was sagst Du?" fragt der Pfarrer, ohne zu verstehen. Enoch>pringt hart auf seinen Gegner ein und will sich des Pakets bemächtigten. „Ich werd' es an den Herrn Pfarrer abliefern!" rief Leviom„Da soll der Herr Pfarrer sehen, zu was für'ner Sorte sein Gehülfe angebört." Enoch sinkt an einen Baum hin. Er ist grau im Gesicht. Der Pfarrer wird nicht klug aus den Banknoten, dem Tuch und dem Dokument. „Dort Hab' ich es gefunden," sagte Levion und zitterte am ganzen Körper.„Er hatte es unter einer Steinfliese der- steckt. Hier steht Macks Name in dem Papier." Ter Pfarrer las. Er wußte nicht, wo ihm der Kopf stand, er sah Enoch an und sagte:„Das ist die Lebens- dersicherungspolice. die Mack verloren hat, nicht wahr?" „Da ist auch das Geld, das er verloren hat," sagte Levion. Enoch nahm seine Kraft zusammen.«Dann hast Du es wohl dahin gelegt," sagte er. Das Sausen des brennenden Waldes kam näher, es bmrde heißer und heißer um sie her, aber die drei Männer standen still. „Ich weiß nichts davon," sagte Enoch wieder.„Levion wird es dahin gelegt haben." Levion fragte:„Hier sind zweihundert Taler. Habe ich aber je zweihundert Taler besessen? Und gehört das Tuch nicht Dir? Hast Du es nicht um die Ohren gehabt?" „Ja, hast Du das nicht?" sagte auch der Pfarrer. Enoch schwieg. Ter Pfarrer blätterte in dem Papiergeld.„Es sind keine zweihundert Taler," sagte er. „Er hat schon was verbraucht," erwiderte Levion. Aber Enoch stand da und atmete schwer, immer noch sagte er:„Ich weiß von nichts. Aber Tu. Levion, kannst es Dir merken, daß ich Dir das nicht vergessen werde." Dem Pfarrer wirbelte es vor den Augen. War Enoch der Dieb, so hätte Telegraphist Rolandsen mit dem er- mahnenden Brief, den er erhalten hatte, nur Komödie ge- spielt. Und warum hatte er das getan? Die Hihe wurde zu groß, die drei Männer verzogen sich zum Meere hinunter, und das Feuer kam nach. Sie mußten das Boot besteigen, ja, sie mußten vom Lande abstoßen. „Jedenfalls ist es Macks Police," sagte der Pfarrer. «Wir wollen die Sache anzeigen. Ruder nach Hause, Levion." Enoch war zu nichts zu gebrauchen, er saß nur und schaute verschlossen vor sich hin.„Ja, wir wollen es anzeigen," fagte er,„das ist auch meine Meinung." Bedrückt fragte der Pfarrer:„So?" Und er schloß unwillkürlich die Augeir vor Entsetzen über alle diese Ge- schichten. Der gierige Enoch, n- war zu einfältig gewesen. Sorg- faltig hatte er dieses VersiihmmgSpapier versteckt, das er nicht verstand. Es trug viele Stempel und lautete auf eine hohe Summe, vielleicht könnte er nach einiger Zeit fortreisen lind das Papier veräußern; um es fortzuwerfen, hätte er wirklich Nicht Mittel genug. Ter Pfarrer drehte sich um und sah nach dem Brande. Im Walde wurde gearbeitet. Bäume fielen, ein breiter, finsterer Graben wurde sichtbar. Es waren mehr Leute dazu- gekommen. „Das Feuer wird von selbst anfhören," sagte Levion. „Glaubst Du?" „Wenn es an den Birkenwald kommt, erlischt es." Und das Boot niit den drei Männern ruderte bis tief in die Bucht hinein nach dem Hofe des Vogtes. 12. Als der Pfarrer am Abend nach Hause kam, hatte er geweint. Es häufte sich so viel betrübliche Sünde rings um ihn. Er war niedergeschlagen und schmerzlich berührt, nun würde feine Frau nicht einmal die Schuhe bekommen, die sie so bitter nötig hatte. Enochs großes Opfer auf dem Altar des Herrn mußte zurückgegeben werden, es war gestohlenes Geld. Und dann würde der Pfarrer wieder ganz abgebrannt fein. Er ging sofort zu seiner Frau hinauf. Schon in der Türe durchfuhr ihn ein Ruck von Verzweiflung mck> Ueberdruß. Die Frau nähte. Rings auf dem Boden lagen Kleidungs- stücke, eine Gabel und ein Wischlappen aus der Küche lagen auf dem Bette zusammen mit Zeitungen und Häkelzeug. Ihr einer Morgenschuh stand auf dem Tische. Auf ihrer Kom-- mode lagen ein Birkenzweig mit Lall? lin? ein großes Feldstein. Der Pfarrer machte sich aus alter Gewohnheit daran, aufzulesen und zurechtzusetzen. ,Das brauchst Du nicht." sagte sie.„Ich hätte selber den Morgenschnh fortgestellt, wenn ich mit der Naht fertig bin." „Aber daß Tu in diesem Wust sitzen kannst und nähen!" Die Frau fühlte sich hierdurch verletzt- und antwortete nicht „Was soll der Feldstein da?" fragte er „Ter soll gar nichts. Ich Hab' ihn unten am Strands gefunden, er hat mir so gefallen." Er nahm ein Bündel verwelkte Gräser, die auf dem Spiegel lagen, und sammelte sie in einer Zeitung auf. „Ja, vielleicht soll das einen Zweck haben?" fragte ev und hielt inne. „Nein, das ist zn alt. Es ist Sauerampfer, ich hatte Salat davon mackeir wolleil." „Es hat über eine Woche hier gelegen," sagte er,„es hat einen Fleck auf der Politur hinterlassen." „Ja, da kannst Tu sehen. Polierte Möbel sollte kein Mensch kaufen, zn nichts sind sie zu gebrauchen." (Fortsetzung folgt, s (Nachdruck verbalen.) I�askeraclen. Die Lust, sich zu vermummen, ist dem Menschen förmlich ange- boren. Schon unsere Kinder, wenn sie kaum erst auf ihren Beinchen vorwärts stapfen können, lieben es, sich zu verhüllen und zu verkleiden, und wie ihnen, so bereitet:s auch den großen Kindern, den Naturvölkern, ein Vergnügen, in Verhüllungen und Verkleidungen Scherz und Spuk zu treiben. Tie Maske, die zur Vermunrmung eigens geschaffene Erfindung, ist denn auch uralt und allenthalben verbreitet. Schon das mylenifche Zeitalter kannte sie, und in allen Erdteilen finden sich Volksstämme, die ihre Phantasie in der Herstellung höchst grotesker Masken- spielen lassen. Maskeraden, Ver- klciduugcn iner größeren Gruppe, sind indessen erst aus iner ge- wissen Stufe der Ausbildung deS Gemeinwesens möglich. Doch auch sie treten ziemlich frühzeitig auf. In Indonesien, der Südsce, in Zentralafrika und Nordamerika legen zu bestiinmien Festlichkeiten geheimnisvollen Charakters die eingeborenen Stämme Maske und Maskenkostüm an. Ebenso ist es�n der Borzeit bei den europäischen Naturvölkern gewesen. Auch bei ihnen war es üblich, bei gemein- samen Feiern und festlichen Umzügen sich zu vermummen. Ms später die Christianisierung erfolgte, versuchte die Kirche gegen diesen heidnischen llnfug einzuschreiten. Seine llnterdrückung gelang ihr nur der äußeren Form nach. Die ehemaligen religiösen Festum- zöge mit seltsamen BcrkleidunHcn wandelten sich in volkstümliche Lustbarkeiten mit Mummenschanz und Mastenspiel um, und auS ihnen gingen allmähich unsere jetzigen gesellschaftlichen Maskeraden hervor. Nachweisen lassen sich die Maskeraden schon im t 3. Jahrhundert, denn in einem kirchlichen Verbot vom Jahre l293 heißt es: „Ebenso untersagen wir, daß theatralische Spiele und Aufführungen, sowie Maskenbclustigungen in Kirchen und auf Kirchhöfen abg« halten werden." Trotzdem gab man den vergnügliche» Spaß nicht auf, sondern gestaltete ihn in der Folgezeit im Gegenteil immer mehr und mehr aus, denn um die Mitte des 14. Jahrhunderts sind Maskeraden unter Umführung eines Schiffwagens im Rheinland und de» Niederlanden zur Feier deS Schiffahrtsaufgangs ruf dem Rhein ein allbelicbter Brauch. Noch vor 1500 fällt die Hochsaison der Maskeraden auf die drei Tage vor den Fasten. Nicht nur in den Rheingegenden, der.Hauptstätte des heutigen Karnevals, sondern ebenso in Tirol, in Franken, in Schlesien und in Pommern ergeht man sich In ausgelassener Maskcnfreiheit. Sebastian Braut gedenkt ihrer in seinem ,, Narrenschiff" und Sebastian Franck geißelt sie in seinem„Weltbuch".„Man ißt, man trinkt," sagt Franck,„man gibt sich dem Spiele, dem scherze hin, als ob das niemals wiederkehre, als ob man morgen sterben müsse und heute sich noch an allem:r- sättigen wolle. Jeder denkt ein neues Schaustück aus, mit dem«c Sinn und Augen aller erfreut und in Beivun-derung festhält, und die, die sich in jenen Scherzen hingeben, stecken Larven vor die Ge- sichter, verkleiden sich und verstellen Alter und Gesicht. Männer ziehe» Frauenkleider. Frauen Männerkleider an. Andere wollen Teufel oder böse Geister darstellen, bemalen sich mit Mennig oder Tinte md entstellen sich auch schändlich in der Kleidung. Etliche," fährt er fort,„kriechen auf allen Vieren wie die Tiere, etliche sind Mönche und Könige, etliche gehe» auf hohen Stelzen mit Flügeln und langen Schnäbeln Ivic Störche, etliche sind Bären, etliche wilde Holzleute, etliche Affen, etliche sind nit Narrenileidern geputzt, und diese gehen in der richtigen Mummerci und sind in Wahrheit das, was sie anzeigen." Tie Tollheiten, die sich die Scharen der jungen Männer ge- statteten, die in ihren Kostümen von Haus zu Haus zogen, Scherz- gedichte hersagten, Maskenspiele aufführten und dann niit Speise und Trank bewirtet wurden, überschritten zuweilen jedes Mast. Ver- ordnungen der Stadtbehörden suchten der Zügellosigkeit Einhalt zu tun. So erinnerte der Rat der Stadt Leipzig 1469 daran, dast das Larventragen und überhaupt das Verkleiden verboten sei, dast sich die Leute nicht mit Lohe und Unsauberkeiten bewerfen sollten, und dast keine unzüchtigen Reimereien in den Häusern und auf der Straste geduldet werden würden. Auch die Kirche war der Masken- freiheit abgeneigt und mitzbilligte es besonders, dast Mönchs- und Nounenkleioer zur Maskerade benutzt würden. Schon im 16. Jahrhundert war Süddeutschland, und vor allem Nürnberg, berühmt wegen der Lustigkeit seiner Fastnachtsfeier. Wie es dabei herging, zeigt uns die Schilderung eines jungen Kauf- mann», Ulrich Wirschung, vom Jahre 1S88.„Ta im endlich der frohe Tag kam," berichtet er,„und das Glöcklein bei St. Sebald erklang, liest der edle Rat die Eröffnung der Fastnacht ausrufen. Alsbald sprangen aus den Häusern heraus die Masken, gar fröh- lich und froh, hatten sich angepuppt als Mohrenweiber, Heiden- männer, als schöne Frauen und fahrende Weiber,'.in ige ils Vögel, Meerweiber, heidnische Prinzessinnen, Schäferinnen, Zauberinnen, Nonnen, Klausnerinnen und Besenmädchcn, ander als Sänger, Pfeifer, Pickelheringe, Hofnarren, Leiermänner, Bauern, Mönche. Witzbolde, und in allerlei Trachten und Kleidungen. Wo nun die Musika erklang, liefen alsobald Springlustige zusammen, nahmen die Plätze und Märkte etn und tanzten einen Mummenschanz nach Belieben. Vir Kesten aufspielen den Moriskentanz und fangen dazu. Ich selbst trat mf als wohlbeleibter Toktor mit Krause und Barett, ganz grün gekleidet, umhängen mit einem roten Mantel, der mit goldenen, und silbernen Franzen garniert war. Hinter uns her tobte das oilde Heer, gar sonderbare Figuren, gehörnt, geschnäbelt, geschwänzt, bekrallt, bebuckelt, belangohrt, sausend und brausend, schnalzend, pfeifend, zischend, scharrend, blökend und brumniend, und ihm folgte ruf einem schwarzen Rost Frau Holda, die wilde Jägcrin, stostend ins Jägcrhorn, schwingend die knallende Peitsche und ihre Haupthaare wild schüttelnd, wie ein wahrer Wunderfrevel." - Um die Mitte des 17. Jahrhunderts kommen zur Faschingszeit, schon ganz nach unserer heutigen Art, die Maskenbälle auf. Der Wiener Hofprcdiger Abraham a Santa Clara erzählt von einem solchen:„Ich bin unlängst in einem vornehmen Hause gewesen, da Hab' ich gesehen— was? Ich Hab' gesehen'-in Zimmer voll von Spiegeln, dast sich darin die Göttin Venus von vorn und hinten beschauen könnte. In diesem Zimmer bab' ich auch gesehen etwelche Tische mit vielen Speisen besetzt, dast man wohl ein paar Dutzend hungrige Bauern hätte aushalten können. In diesem Zimmer habe ich ferner gesehen allerhand Gattungen und Sorten von Menschen aus allerhand Orten, nämlich: Chinesen, Japoneser, Italiener, Mohammedaner, Niederländer und Fronzosen, Schweizer mit pludrigcn Hosen, Spanier und Kalmücken, Kroaten und Heiducken, Slowaken und Kosaken, in Summa allerhand Nationen und Pro- fessionen Ebenso Hab' ich noch gesehen unterschiedliche Frauen- zimmer, graste und kleine, teils in groster Pracht, teils in schwäbischer und bäuerischer Tracht. Da Hab' ich heimlich bei mir gedacht: was das doch für Leute sein müssen, dast sie sich in einem einzigen Zimmer zusammen versammeln? Ja, ich zweifelte, ob sie richtige Menschen wäre», weil sie alle verpappte Gesichter hatten. Daher fragte ich cineii Musikanten.„Mein Pater." rntwortete der Musi- kanr,„alle diese, die Ihr hier sehet, die find lauter Narren und graben heute den Fasching ein, morgen, aber lassen sie sich ein wenig Äsche ruf den Kopf streuen, da werden sie wieder bescheiden und tun Büste." Vergnügungssüchtige Ehelveibchen verstanden es auch damals schon recht gut, den gestrengen Eheherren hinter das Licht zu führen, am an den frühlichci, Maskeiuvergnüguugen teilnehmen zu können. Abraham a Santa Clara plaudert darüber aus seinen Er- lebnissen als Beichtvater:„Es komint ein Frauenzimmer in den Beuchtstuhl.„Ach, Hochwürden," sagt sie,„ich muh mit Tränen be- kennen, dast ich eine zroste und schivere Sünderin bin. Hab' mich:rst diesen vergangenen Fasching ohne Wissen und Willen, meines Ehe- gemahls in verschiedenen Gesellschaften'iiigelassen, mich ver- maskiert und getanzt. Aber was soll man tun? Es gibt ja auch Damen meinesgleichen, die es nicht anders nachen. Sollte ich nun eine solche Zeit wie ein einsamer Spatz auf dem Dache sitzen, so würde mich der ganze Adel auslachen und mich eine Stuben- hockerin oder Betschwester nennen. Doch ist es mir von Herzen leid."--!- TheoSeelmann. kleines feuilleton. gd. Eine Dame.„Fräulein Böhmer," rief das kleine Lauf- mädchen zu der jungen Direktrice hinüber:„Fräulein Böhmer, hier ist'ne Dame, die nach Arbeit fragt. Geben wir noch Stickereien fort?" Fräulein Böhmer war gerade dabei, bunte Seide zu sonieren, sie sah auf und sagte freundlich:„Lassen Sie die Dame ein« treten." ES war eine elegante Dame, nur dast die Eleganz nicht mehr niodern und auch schon etwaS abgetragen war. Sie hielt sich cB besaß. Damals regierte in den Städten vielmehr je ein königlicher Beamter für Justiz und Administration. Begreiflicherweise hatte ' er leicht die Stimmung der Bevölkerung gegen sich. Neben ihm scheint es in der Regel bereits einen Stadtrat gegeben zu haben, l nnd vielleicht hatte mancher solche Regierungsbcamte vor nichts mehr Angst, als vor den städtischen Räten. Das merken wir auch aus der Spottrede eines spanischen WeibeS im ersten Akte des vor- liegenden Stückes. Und nun erst recht der Skandal, den das Volk mit einem solchen„Corrcgidor" getrieben haben mag! Aus diesen Verhältnissen heraus versteht man wohl am ehesten unser Tcjst- buch. Der Held der Oper macht Jagd auf die Gattin Frasguita eines Müllers Lukas und kommt dabei durch die Standhaftigkeit des Weibes, durch seine eigene Ungeschicklichkeit und durch das � Drauflosgehen des Müllers in die schrecklichsten Situationen. Da- ran schließen sich Verwickelungen, die sich hier nicht leicht auf- zählen lassen. Schließlich befindet sich der als Corrcgidor ver- kleidete Lukas bei der Frau Corregidor, und deren als Lukas ver- Ileideter Mann zieht mit den übrigen bor sein eigenes Haus, fto es schließlich heißt: „Alle haben sich verständigt, Und so hat dies Abenteuer Ohne Unglücksfall geendigt." » T w Text gehört jedenfalls zu den vernünftigsten Grundlagen einer Opernkomposition, schreitet in hübschen Versen vorwärts, kommt aber über ein Verwickelungsstück nicht hinaus. An zwei Stellen werden Poesien aus dem„Spanischen Liederbuch" ein- gelegt, dessen Vertonung durch unseren Komponisten ziemlich be- kannt is:. Der Stoff selber scheint bereits mehrmals für die musi- kalische Bühne bearbeitet worden zu sein. So hat ihn z. B. Richard von Perger. ein Schüler Julius Zellners, verwendet; auch ein Komponist, um den man sich hier ein wenig mehr kümmern könnte. Die Stagnierung in unserem Berliner Operntreibcn geht nach- gerade schon über sehr pessimistische Erwartungen hinaus, wobei man noch gar nicht einmal an Modernstes denken muß. Das . königliche Opernhaus tut seit Jahren so gut wie gar nichts, um über die Neueinstudierung der geläufigsten Repcrtoireopern hinaus- zukommen; das„Theater de? Westens" hat seit einem einzigen nennenswerten Erfolge sich ebenfalls zur Ruhe begeben; und nur die neue„Komische Oper" versucht vorwärts zu schreiten. Doch hat auch sie noch keine wirkliche Neuheit gewagt: ihre Premieren waren Wiederaufnahmen von weniger Bekanntem, zum Teil mit ungeschicktem Griff. Daß sie nun vorgestern(Mon- lag) wenigstens den„Corregidor" herausgebracht hat. ist immerhin eine verdienstvolle Unterbrechung des musikalischen Schlummers unserer Stadt. Es scheint, daß selbst solche, die den Komponisten bereits sehr � schätzen, diesmal etwas enttäuscht waren; der claquenhaftc und cliquenhafte Erfolg des Abends galt ersichtlich nur den Vertretern des Werkes. Wir lernen einen lyrischen Komponisten, dessen Musik in ihrer Mache hoch entwickelt ist, neuerdings günstig kennen. Neben eigentlich lyrischen Nummern(obschon nicht solchen im älteren Sinne) gelingen dem Komponisten namentlich Stimmungsschfl- • derungcn; auf die Zwischenspiele im dritten Akt sei dabei bc- sonders aufmerksam gemacht. Im ersten Akt zeigt sich die stille Sinnigkcit Hugo Wolfs den Anforderungen eines Dramas am wenigsten gewachsen; der zweite Akt wirkt besser, einerseits durch überaus seingesponnene Ensemblesätzc und andererseits auch durch t Steigerungen, die allerdings mehr für den gewichtigen Ernst einer anderen als einer„Komischen Oper" passen. Die„Neugierigen Frauen" haben eine beträchtlich einfachere Musik, sind aber schließ- lich doch gesialtungsreichet, als die Wolfsche Oper mit ihrelli ziettt- lich gleichmäßigen Dahinwandeln in kunstvollen und liebenswürdigen Stimmführungen. Die„Koniische Oper" hat bisher in ihren Darstellungen Vor- zügliches geleistet, und zwar nicht nur in der überraschenden Aus- stattung, sondern auch im Gesang und namentlich im Spiel. Nun aber drängt sich unabweisbar der Eindruck auf, daß man dort auf gefährlichen Wegen wandelt. Allmählich wird doch die übermäßige Sorgfalt für den Anblick der Szene das übrige schädigen. Man möchte in jeder Ecke und mit jeder Gebärde das Höchste an Natür- lichkeit erreichen. Das führt zu der bekannten Erfahrung, daß der Naturalismus leicht forziert wird und sich dann überschlägt. Die Direktion'ordert ja anscheinend geradezu heraus, daß man mit ihr zu rechten anfängt, ob in dem raffinierten Nachtbilde vom Be- ginne des dritten Aktes' Mond wirklich astronomiich richtig aufgeht, ob das Kleid der.vtagd Manuela in wirklich natürlicher Weise zerrissen und nachher wirklich so geflickt ist, wie es eine Flickerin zu tun pflegt und dergleichen mehr. Gewichtiger noch werden unsere Bedenken gegenüber dem Spiele. Hier.s'ehen wir bereits vor einem übermäßigen Zuge zur Chargcnspielerei. Das geht hinab bis zu irgend einer Statistin. deren unausgesetzte raffinierte Gebärden eben nur mehr ge- künstelt, nicht mehr natürlich wirken. Noch störender wird dies bei den Vertretern der Hauptparticn. Der ausgesprochenste Ver- treter dieser Methode, in seiner Weise allerdings sehenswert, ist Stephan Delwary. Man braucht nicht bis zu gegenwärtigen Kontroversen gehen, um zu wissen, daß eine derartige Komik bereits längst den echten Mimen gegen den Strich war. Immerhin störte die Eigenart des Genannten in der Titelrolle des Stückes etwas weniger, als es bei früheren Rollen der Fall war. I s a- b c l l a L'H u i l l i e r, die Vertreterin der Frasqnita, hat keine besonders vollkommene Stimme, weiß aber aus ihr namentlich durch eine sehr gute Aussprache viel zu machen. Ihr Spiel ist gehaltvoll und würde vielleicht auf einer anderen Bühne, auf der nicht so viel forciert wird, in günstigeren Formen vor sich gehen. Durch guten Gesang und durch ruhigeres Spiel erfreuten uns insbesondere Willy Buers als Lukas und Ludwig M a n t- l e r als eine interessante neue Leporello-Figur. Schließlich sollte der Referent vielleicht noch ein halb Dutzend technische und sonstige Mitwirkende auszählen; oder man müßte einen eigenen Referenten für bildende Kunst mitnehmen, der von den Dekorationen und Kostümen handelt; was aber doch wieder eine Lücke lassen würde. Nennen wir dagegen nur noch den Diri- genten Fritz Cassirer, so ist's wieder ein Ende gut, alles gut.— sz. Humoristisches. — I m Modewarengeschäft. Frau:„Sie haben ja da ein reizendes Töchterchen, Herr Müller, ist das Ihr einziges?" Kaufmann:„Habe noch zwei; aber dieses hier ist die letzte Neuheit."— — Z u w e i t gegangen. Der Pikkolo hat vom Wirt den Auftrag erhalten, nur ja recht auf den Herrn Professor zu sehen, denn dieser sei manchmal arg zerstreut. Nach einer Weile ruft der Herr Professor:„Pikkolo, dies ist also ein Rostbraten a la Mann- heim?" „Gewiß, Herr Professor, und die? sind geröstete Kartoffeln, dieS ein Glas Bier und das hier ein sogenanntes HanSbrot."— — Einleuchtend.„Ol... Herr Redakteur sind magen- leidend I?" „Ach ja!... Vitt' Sie, bei einem täglichen Einkauf von mindestens dreihundert Gedichten!"—(„Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Schneller Erfolg. Die im September gegrünbete Monatsschrift„ K r it i k d e r K ritik" erscheint von jetzt ab in zwanglosen Heften.— — Shaws fünfaktigeS Schauspiel„Cäsar und Kleopatra" geht Ende de? Monats im Neuen Theater zum erstenmal in Szene.— — Das Lu st spielhauS hat Georg Hirflchfeld SjSchau- spiel„Spätfrühling" erworben.— — Frl. S u s s i n vom Stadttheater in Graz wurde für da? Lessingtheater für niehrere Jahre verpflichtet.— — Eine außerordentlich reichhaltige Fundstätte römischer Altertümer wurde nach dem Berner„Bund" in der Nähe der Anstalt 5t ö n i g S f e l d e n im Aargan in einem Schuttkegel„an- geschnitten", der gegen 8000 Kubikmeter Aiiffüllnngsmaterial enthält. In der tiefgründigen Humusschicht finden sich Bronzemünze» blitz- blank und goldglänzend, Messerklingen wie neu und scharf, daß mit einer die Herren der airtiqnarischcn Gesellschaft in Brug die Zigarren- spitzen abschnitten. Interessant sind Bohrer, deren Form genau der« jenigen gleicht, die heute noch im sogenannten Zentrumsbohrer üblich ist. In außerordentlich großer Zahl finden sich eiserne Griffel jeder Größe, zum Teil niit Verzierungen, solvie hölzerne Schreib« täfelchen, ferner eine Anzahl geschmiedeter Nägel und bemalter Scherben.— Berantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorlvärtöBuchdruckcrci u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo.,BcrlinZ W«