Ilnterhallungsblatt des Vorwärts Nr. 13. Freiwg. den 19 Januar 1906 (Rachdruck verboten.) 13] Schwärmer. Roman von Knut Hamsun. Autorisierte Ucbersehung von Hermann Kih. Auf halbein Wege lies; man die Boote zusammenkommen, Vater und Sohn wollten ihre Mahlzeit ans dem Eßkorb verzehren. Rolandsen guckte in alle Windrichtungen Der Alte sagte:„Wir haben ein bißchen zu essen hier, wenn Sie vorlieb nehmen!" Und der ganze Eßkorb wurde Rolandsen vorgesetzt. Er wies ihn init der Hand zurück und antivvrtete:„Ich Hab' vor einer halben Stunde gegessen und Habe gehörig ein- gehauen. Dil hast übrigens kannr einen Begriff davon, wie gut durchgebacken dieses Weißbrot atlssiebt. Nein, danke schön, ich will es nur ansehen, nur daran riechen!" Und Rolandsen plauderte weiter rnid sah in alle Windrichtungen:„Ja. ja, wir leben eigentlich recht fett hier im Norden. Ich bin liberzeugt, daß jedermann seine Fleischkeule zu Hause hängen hat. Und später all der Speck. Aber diese Lebensweise hat etwas Tierisches an sich!" Rolandsen wand sich mißmutig und sagte: „Wie lange ich dazubleiben gedachte, fragst Du? Natürlich wäre ich bis zur Ernte geblieben und hätte mir die Stern- schnuppen angesehen. Ich bin ein großer Freund von Er- eignissen, es macht mir Spaß, zu sehen, wie ein Weltkörper in Stücke geht." „Ja, das ist nun etwas, was ich nicht verstehe." „Ein Weltkörper also. Wenn der eine Stern den anderen ganz ans seiner Bahn schleudert und ihn vom Himmel herunterwirft." Aber das Essen dauerte lange, und Rolandsen rief:„Die reinen Schweine seid Ihr ja im Essen. Wie könnt Ihr nur all das Zeug in Eure Mmiler hineinmisten!" „Nun sind tvir fertig." sagte der Alte nachgiebig. Die Boote trennten sich voneinander, und die Männer griffen wieder zu den Rudern. Rolandsen legte sich im Boote nieder, um zu schlafen. Am Nachmittag kamen sie an, und Rolandsen ging schnür- stracks wegen der Telegramme zur Station. Es waren er- freuliche Nachrichten über die Erfindung, ein hohes Patent- angebot aus Hamburg war da und ein noch höheres Angebot eines anderen Hauses durch das Bureau, lind Rolandsen war ein so seltsamer Kauz, daß er in den Wald sprang und eine lange Weile allein blieb, ehe er daran dachte, sich etwas Essen zu verschaffen Die Erregung machte einen Jungen aus ihm, ein spind mit gefalteten Händen. 14- Er ging auf Macks Kontor und ging als ein rehabilitierter Mann hin, ja, als ein Löwe. Sein Anblick würde der Familie Mack eigentümlich zu Herzen gehen, Elise würde ihm vielleicht gratulieren, und die aufrichtige Freundlichkeit sollte ihm gut tun. Er täuschte sich. Er traf Elise vor der Fabrik im Ge- spräch mit ihrem Bruder, sie nahm so wenig Notiz von ihm, daß sie seinen Gruß kaum erwiderte. Und die beiden redeten ruhig weiter. Rolandsen störte nicht und fragte nicht nach dem alten Mack. sondern ging zum Kontor hinauf und klopfte an die Tür. Sie mar verschlossen. Er ging wieder hinunter und sagte:„Ihr Herr Vater hat nach mir geschickt, wo kann ich ihn treffen?" Die beiden überstürzten sich nicht mit der Antwort, sondern beendigten ihr Gespräch: dann sagte Friedrich:«Vater ist oben bei der Schleuse." Das hätten sie mir gleich sagen können, als ich kam, dachte Rolandsen. Beide waren sie voller Gleichgültigkeit, sie hatten ihn zum Kontor gehen lassen, ohne ihn aufzuklären. „Könnten Sie nicht jemand nach ihm schicken?" fragte Rolandsen. Friedrich sagte langsam:„Wenn Vater bei der Schleuse ist, so ist er dort, weil er da zu tun hat." Rolandsen machte verblüffte Augen und sah die beiden an. „Sie v'erden wieder kommen müssen," sagte Friedrich. Und Rolandsen fügte sich drein und sagte:„Ja, ja." Dann ging er. Aber er fing an, die Lippen ein bißchen zusammenzu- kneifen und nachzudenken- Plötzlich kehrte er um und sagte ohne Einleitung:„Aber wenn ich hergekommen bin, so ist es nicht geschoben, um jemand anders als Ihren Vater zu treffen, verstanden?" „Kommen Sie später wieder," sagte Friedrich. „Und wenn ich jetzt zum zweiten Male wieder komme, so tu' ich's. uni zu sagen, daß ich nicht zum dritten Male komme." Friedrich zuckte mit den Achseln. „Da kommt Vater," sagte Elise. Der alte Mack kam gegangen. Er runzelte die Stirn, war kurz angebunden und ging Rolandsen ins Kontor voran. Er war voller Ungnade. Er sagte:„Voriges Mal Hab' ich Ihnen einen Stuhl angeboten, diesmal tu' ich das nicht." „Nein, natürlich nicht," sagte Rolandsen. Aber noch ver- stand er diese Zornmütigkeit nicht. Aber dem alten Mack machte die Härte kein Vergnügen. Dieser Mann, der sich gegen ihn vergangen hatte, war in seiner Macht, er aber würde zu viel Ueberiegenheit besitzen, um sie zu brauchen. Er sagte:„Sie wissen natürlich, was sich zuge- tragen hat?" Rolandsen antwortete:„Ich war fort, hier kann viel ge- schehen sein, was Sie kennen, ich aber nicht." „Ich will Sie damit bekannt machen," sagte Mack. Und er war wie ein kleiner Gott in diesem Augenblick und hielt eines Menschen Schicksal in seiner Hand„War es so, daß Sie meine Lebenspolice verbrannten?" fragte er. „Es ist vielmehr so," begann Rolandsen,„daß ich, wenn Sie mich ausfragen wollen..." „Hier ist sie," sagte Mack und wies das Dokument vor. „Das Geld hat sich gleichfalls gefunden. Alles lag in einem Tuche, das nicht Ihr Eigentum war." Rolandsen protestierte nicht. Mack fuhr fort:„Es gehörte Ensch." Rolandsen mußte über all die Feierlichkeit lächeln, und er sagte im Scherz:„Sie werden sehen, sicherlich ist Enoch der Dieb." Aber seine Scherze mißfielen Mack, das waren durchaus. keine respekwollen Scherze.„Sie haben mich zum Narren gehalten," sagte er,„und mich um vierhundert Taler gebracht." Rolandsen, der dastand und seine wertvollen Telegramme in der Tasche hatte, wollte wieder nicht den richtigen Ernst bewahren.„Wollen wir es uns ein wenig überlegen," sagte er. Da sprach Mack in scharfem Ton:„Ich habe Ihnen das vorige Mal vergeben, diesmal tu' ich es nicht." „Ich kann Ihnen das Geld zurückzahlen." Mack wurde aufgebracht:„Von jetzt ab spielt das Geld hier für mich keine Rolle mehr. Sie sind ein Äetrüger, wissen Sie das?" „Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Erklärung gebe? Nein. Das ist doch allzu unvernünftig. Was wollen Sie denn von mir?" „Ich will Sie verhaften lassen," sagte Mack- Friedrich trat ein und setzte sich an seinen Platz ani Pulte. Er hatte die letzten Worte gehört und sah den Vater, ein seltenes Mal, in Aufregung. Rolandsen steckte die Hand in die Tasche zu den Tele- grammcn und sagte:„Aber lvollen Sie das Geld nicht nehmen?" „Nein," erwiderte der alte Mack.„Sie können es bei der Behörde abliefern." Rolandsen blieb stehen. Er war kein Löwe mehr: wenn man's bei Licht besah, hatte er sich vergangen und konnte fest- genommen werden. Gut! Als Mack fragend nach ihm hin- sah, als wundere er sich darüber, daß Rolandsen noch dastand, antwortete der:„Ich erwarte, verhaftet zu werden." Mack sagte verblüfft:„Hier? Nein, Sie können nach Hause gehen und sich zurecht machen." „Danke sehr- Ich habe noch ein paar' Telegramme abzu- schicken.". v-. Diese Worte besänftigten Mack: er war doch kern Menschenfresser.„Sie können natürlich über heute und morgen verfügen, um ihre Vorbereitungen zu treffen," sagte er. Rolandsen verneigte sich und ging. Draußen stand Elise noch immer, und ohne Gruß ging er an ihr vorbei. Verloren war verloren, dabei war nichts z» machen. Sie rief ihm leise nach, und betroffen und bestürzt blieb er stehen und starrte sie an. „Ich mochke Ihnen nur sagen, dasj.,. e§ iöohl mcht so gefährlich ist." Er verstand kein Sterbenswörtchen und verstand es ebensowenig, daß sie sich jetzt mit ihm abgab.„Ich darf nach Hause gehen, ich Hab' ein paar Telegramme zu verschicken," sagte er. Sie kam zu ihm hin, ihre Brust ging auf und nieder, sie sah sich um und schien sich nicht sicher zu fühlen. Sie sagte: „Vater war wahrscheinlich streng. Aber das geht wohl vor- über." Rolandsen wurde ärgerlich. Kam es denn gar nicht darauf an, wie es mit seinem eigenen Recht aussah?«Das kann Ihr Herr Vater halten, wie er will," antwortete er. So stand es! Aber sie atmete noch immer schwer, und sie sagte:„Was sehen Sie mich so an? Kennen Sie mich nicht wieder?" Gnade, nichts als Gnade. Er antwortete:„Man kennt wieder und kennt nicht wieder, je nachdem die Leute es baben wollen." Pause. Elise sagte schließlich:„Sie müssen doch ein- räumen, daß das, was Sie get... Na, Sie selbst haben am schv ersten darunter zu leiden." „Gut, mag ich am schwersten darunter zu leiden haben. Ich wünsche alle diese lleberfälle von allen möglichen Personen ganz und gar nicht. Ihr Herr Vater soll mich nur verhaften lassen." Ohne ein Wort ging sie von ihm..- Er wartete zwei, er wartete drei Tage lang, und niemand kam in Börres Haus, um ihn zu holen. Er lebte in der größten Spannung. Nun hatte er seine Telegramme geschrieben und wollte sie in demselbben Augenblick absenden, wenn er fest- genommen würde; er wollte das höchste Angebot für die Er- findung akzeptieren und das Patent verkaufen. Inzwischen war er nicht müßig, er unterhielt Verhandlungen mit den ausländischen Häusern über dieses und jenes, über den Ankauf des Wasserfalles gegenüber von Macks Fabrik, über Sicherung des Transportes. Alle diese Dinge waren bis auf weiteres in seine Hand gelegt. Aber Mack war nicht der Mann dazu, ein Mitgeschöpf zu verfolgen. Im Gegenteil, in seinem Geschäft stand alles wieder zum besten, und in günstigen Zeiten gefiel er'ich viel lieber darin, verschwenderisch wohlwollend zu sein. Ein neues Telegramm von dem Agenten in Bergen hatte ihn in Kenntnis davon gesetzt, daß der Hering nach Rußland verkauft war. Wünschte Mack Geld, so stäirde es zur Verfügung. So, nun war er wieder obenauf. Als über eine Woche verstrichen war und sich nichts an der Lage der Dinge änderte, ging Rolandsen wieder in Macks Dontor hinunter. Spannung und Ungewißheit hatteir ihn erschöpft, und er wollte eine Entscheidung herbeiführen. „Ich bin eine Woche lang bereit gewesen, und Sie lassen mich nicht verhaften," sagte er. „Junger Mann, ich habe mir die Sache ein bißchen über- legt," erwiderte Mack mit Nachsicht- „Alter Mann, Sie sollten sie auf der Stelle zur Eni- scheidung bringen!" sagte Rolandsen heftig.„Sie meinen, Sie könnten bis in alle Ewigkeit zaudern und mich warten lassen und sich sonnen in Ihrer Gnädigkeit; aber ich werde schon Rat wissen. Ich stelle mich selbst." „Heute hätte ich jedenfalls eine andere Sprache von Ihnen erwartet." „Ich werde Ihnen zeigen, was für eine Sprache Sie zu erwarten haben," rief Rolandsen unnötig hochfahrend und warf seine Telegramme dem Handelsherrn vor die Augen. Er sah jetzt noch großnäsiger aus als in der früheren Zeit, weil sein Gesicht so mager geworden war. Mack ließ seine Augen an den Telegrammen hinunter- gleiten.„Sie sind unter die Erfinder gegangen!" sagte er. Aber je weiter seine Augen niederglitten, desto mehr kniff er sie nach und nach zusammen und sah genauer zu.„Fischleim?" sagte er zuletzt. Und dann begann er wieder, die Telegramme von vorn zu lesen.„Das läßt sich ja vielversprechend an?" sagte er und sah zu Rolandsen auf.„Ist das Tatsache, daß' Ihnen diese hohe Summe für die Erfindung von Fischleim ge- boten wird?" n „Dann gratuliere ich Ihnen. Aber dann sollten Sie sich auch so groß erweisen, nicht gegen einen alten Mann unhöflich zu sein" «Da haben natürlich Sie recht. Ader mich hat die Spannung ziemlich heruntergebracht. Sie versprachen, mich verhaften zu lasten, und nun wird nichts daraus." „Ich muß Ihnen sagen, wie es sich verhält: man hat sich hineingemischt. Ich wollte Sie verhaften lassen." „Wer hat sich hineingemischt?" „Sie wissen, die Weiber. Ich habe eine Tochter. Elise sagte nein." «Das ist sehr eigentümlich." sagte Rolandsen. Mack sieht wieder in die Telegramme.„Das ist ja groß- artig. Könnten Sie mir Ihre Erfindung ein wenig aus- einandersetzen?" Und Rolandsen setzte sie ihm ein wenig auseinander. „Da sind wir ja in einer Art Konkurrenten," sagte der alte Mack. „Nicht nur in einer Art. Don dem AugenbKck an, wo ich meine Antwort abschickte, sind wir es in der Tat." „So?" sagte Mack, stutzig werdend-„Was wollen Sie damit sagen? Wollen Sie anfangen zu fabrizieren?" „Ja. Gegenüber dem Ihren liegt ein zweiter Wasserfall, ein viel größerer Wasserfall. Eine Schleuse braucht es nicht." „Das ist Levions Wasserfall." „Ich Hab ihn gekauft." Mack runzelte die Stirn und überlegte.„Mögen wir also Konkurrenten sein," sagte er. Rolandsen antwortete:„Dabei verlieren Sie." Aber diese Sprache erregte größeres und größeres Aergernis bei dem großen Herrn, er war es nicht gewohnt und duldete das nicht.„Sie vergessen so erstaunlich oft, daß Sie noch in meiner Hand sind," sagte er. „Zeigen Sie mich nur an. Später kommt die Reihe an mich." „Ach, was wollen Sie tun?" Rolandsen antwortete:„Sie ruinieren." Friedrich trat ein. Er sah sogleich, daß ein Wortwechsel im Gange war, und es ärgerte ihn, daß der Vater dem ab- gedanktcir Telegraphisten mit der großen Nase nicht endlich einmal den Rest gab. Rolandsen sagte laut:„Ich mache Ihnen ein Angebot: Wir verwerten die Erfindung gemeinfani. Wir wandeln die Fabrik um, und ich leite sie. Mein Angebot erlischt nach vierundzwanzig Stunden!" Worauf Rolandsen unter Zurück- lassung der Telegramme aus dem Zimmer ging. IS. Es fing an, Herbst zu werden, im Walde stürmte es, die See war gelb und kalt, und die Sterne am Himmel erwachten. Aber Ove Rolandsen hatte keine Zeit mehr, Sternschnuppen zu besehen, trotzdem er immer noch ein Freund von Ereig- nisten war. An Macks Fabrik waren in der letzten Zeit viele Bauleute tätig gewesen: hier rissen sie nieder, und dort bauten sie auf, wie Rolandsen ihnen Anweisung gab, der die Leitung über das Ganze hatte. Alle Schwierigkeiten hatte er über- wunden und war zu hohen Ehren gelangt. „Ich habe den Mann eigentlich immer geschätzt." sagte der alte Mack. „Ich nicht," erwiderte Elise in ihrem Stolz.„Was ist er für ein Wicht geworden. Es ist, als ob er uns gerettet hätte." „Na, so arg wird es nicht sein." „Er grüßt, aber er wartet nicht auf Antwort. Er geht vorbei." „Er hat zu hin." „Er hat sich in unsere Familie eingeschlichen, das hat er," sagte Elise mit bleichem Munde.„Wir mögen sein, wo wir wollen, er ist dabei. Aber wenn er sich Flausen in den Kopf setzt mit mir, so irrt er sich." Elise reiste in die Stadt. Und alles ging trotzdem seinen Gang, man schien ohne sie auszukommen. Aber jetzt war die Sache die, daß Roland- sen von dem Augenblick an, wo er gemeinsame Sache mit Mack machte, sich selber gelobt hatte, tüchtig zu arbeiten und sich nicht Zeit zu lasten, von anderen Dingen zu träumen. Man schwärmt im Sommer, und dann hört man auf für diesmal. Aber nianche schwärmen ihr Leben lang und sind nicht umzuwandeln. Da war die Jungfer van Loos in Bergen. Rolandsen hatte einen Brief von ihr bekommen, daß sie ihn durchaus nicht mehr geringer achte als sich selber, weil er sich nicht mit dem Diebstahl befleckt, sondern nur Komödie gespielt habe. Und daß sie ihre Abrechnung mit ihn« zurücknehme, sofern ihre Zeit nicht abgelaufen sei. (Schluß folgt.) 51- Hus den Berliner Kunftfalond. Adolf Oberländer hat seinen sechzigsten Geburtstag ge. feiert. Ihn zu ehren, veranstaltet das ,,K ü n st l e r ha u s" eine Oberländer- Ausstellung. Obcrländcrs Zeichnungen für die „Fliegenden Blätter" sind bekannt. Die behaglich-humoristische Note, die in diesem Witzblatt zum Ausdruck kommt, die uns für unsere Gcgentvart nun veraltet erscheint und ihren vollgültigen Er- satz in dem„Simplicissimus" erfährt, ist Münchener Art ange. messen. Man hat schon mehrmals gesagt, daß der„Simplicissimus" eigentlich in seiner Schärfe mehr norddeutsche Prägung verrät. Aber man darf einen Künstler wie Oberländer nicht in diese Be- ariffe einschachteln. Er ist etwas für sich, eine volle und ausge- relfu. Begabung, an der wir uns zu freuen haben. Eine solche Ausstellung, Witzblattzeichnungen im Original zeigt, ist darum von Wert, weil mu.. p-b mit Ruhe alles betrachten kann. künstlerische«cm derart, der Zeichnuna. immut so besonders zum Ausdruck. Da sehen wir dte'feim�.r-, die eigentümliche Selbstsicherheit dieses Künstlers. Wer an dem Inhalt hasten bleibt, der übersieht das Können, das in den Zeichnungen steckt. Da ist jeder Strich so gesetzt, wie der Charakter es verlangt. Die Karikatur ist da und doch schimmert das natürliche Leben liebenswürdig unter der Uebertreibung hindurch. Die Strichwirkung hat bei Ober» länder immer eine gewandte, sichere und doch weiche Erscheinung. Er ist geborener Zeichner. Mit ein paar Strichen fabelt er uns eine eigene Welt vor. Er legt solche Zeichnung nicht in Tönen an. in Scharten und Licht, sondern in markanten Strichen. Wie kräftig und humorvoll, zugleich fein ist die Serie von sechs Zeichnungen, in der jedes Bild eine Bauernhand zeigt, die eine Feder ergriffen hat und schreiben will. Wie sauber und doch wuchtig ist diese Hand modelliert, wie viel Leben und Charakter ist darin I Zuerst taucht sie den Halter bedächtig ein. Dann legt sie das Papier zu- recht. Es geht nicht. Ter Halter wird gedreht. Daim die Feder untersucht. Dann noch einmal probiert. Die Tinte spritzt. Nun wird die Hand wütend und drückt und richtet umsomehr Unheil an. Und schließlich zerdrückt sie voller Wucht die widerspänstige Feder auf dem Papier. Es ist ein« feste, gerade Art der Anschauung, die OberländerS Kunst eigen ist. Er ist nicht sentimental. Eine gesunde, frohe Laune umspinnt seine Schüpftingcn. Er verschönert, er idealisiert nicht. Aber eine lebendige Phantastik, weder romantisch noch modern, sondern ureigen, blüht unter seinen.Händen hervor. Diese innere Ausgeglichensheit, die künstlerisch-iechnisch ein Maßhalten, in- haltlich eine Harmonie aller Teile zur Folge hat, wächst sich im Laufe der Jahre immer mächtiger in ihm aus und statt ihn zu be- schränken, erweitert sie lebendig den Kreis seines Schaffens. Das ist auch seinen Lelbildern eigen, eine satte, reife Harmonie der Farben. Wer modisch denkt, der wird diese Ruhe und Bedächtig- kcit altväterisch schelten, er wird das Können nicht sehen. Aber den- noch ist auch hier das Eigcn-Charaktcristische in hohem Matze vor- Händen. Wir sehen es in der ganz persönlich gestimmten Nuancierung der Farben, dieser stillen, blassen Schönheit der Farben, in der breiten Anlage des Ganzen, in der Vollreifen Ver- eniiguug von Linie und Farbe. In diesen Farben schafft Oberländer sich eine eigene Stimmrmgswelt, die ein prägnanter Ausdruck seines Wesens ist. Ein stilles Lächeln liegt wie ein Schleier über diesen Bildern. Sie sind altmcisterlich, ohne antiquiert zu wirken, modern, ohne übertrieben zu sein. Bilder wie die, wo der verlorene Sohn auf mondbeschienenem Feld sitzt, um ihn die Schweineherde in idyllischer Ruh«, wo jedes Schwein besonders charakteristisch ist, oder „Der Philosoph und die Viehherde", wo Oberländer, wie immer, das zcrquälte, exaltierte Wesen des Menschen mit der stumpfsinnig überlegenen Ruhe der lagernden Kühe kontrastiert, auf die der Philosoph aufgeregt hindeutet, während neben ihm, fast so stumpf- sinnig wie die Tiere, ein Zuhörer hingelagert ist, der den Beschauer verständnislos anglotzt, in dessen Gesicht wiederum eine gewisse Ucberlegcnheit herauskommt, sind von bezwingender, herzlicher Komik die aber so leise und humoristisch gehandhabt ist. daß nur die stille, eingehende Betrachtung sie würdigt und versteht. Tann ist man auch fähig, die graziöse Feinheit eines Bildes zu verstehen, das einen Bauer darstellt, der den Pakt mit dem Teufel unterschreibt. Diese Genauigkeit im Gesichtsausdruck des knauserigen Bauern, der genau nachprüft, was er unterschreibt, während lustige Teufelchen ihm durchs Fenster Schätze bringen— ganz eigene Geschöpfe, mit lebendigster Phantasie hergestellt. Dieses feine, gelbliche Licht des Interieurs, das alle Dinge umfängt und die Farben ab- dämpft! Es offenbart sich darin eine Feinheit des Sehens, eine Grazie der Gestaltung, die Oberländer einen ganz eigenen Platz in � der deutschen Kunst anweisen. Innerhalb der Entwickclung, zwischen modernem Impressionismus und moderner Zcichcnkunst be- häuptet er diesen Platz als eine vollkräftigc Erscheinung, die eine eigene künstlerische Welt lebendig aus sich erschuf. » Bruno Liljefors, der im Kunstsalon Schulte eine Reihe neuer Bilder aus dem Jahre t90ä ausstellt, ist ein guter Vertreter der Landschafts- und Tiermalcrei des Nordens. Vor einigen Jahren wirkte seine Frische und Unmittelbarkeit noch über- raschcnder. Jetzt hat man sich an diese Art momentaner Anschauung mehr gewöhnt. Dadurch tritt nun die feste Kraft dieses Künstlers mehr in den Vordergrund. Er rundet den Eindruck zum Bilde. Klar steht alles in festen Umrissen da. Er ist gründlicher, genauer geworden. Und die Farben lachen nicht mehr so jubelnd wie früher. Aber Form und Farbe decken sich jetzt harmonisch. So wie man den Saal der Ausstellung betritt, hat man den Eindruck der nordischen Welt. Das Landschaftliche tritt hervor. Gellbrote Sonnen über der Flachlandschaft der Schären. Grün, blaues Eis und Massen weitzeiOSchnees. Eine helle Wüste, dahinter das blaue, endlose Meer. Das alles in lebendigen, kräftigen Gegen- satzen. in leuchtenden Farben. Diese große, verschwiegene Natur ist die Domäne der nordischen Landschaftsmaler. Ihr folgt Liljefors, Er bevölkert diese Natur mit den Tieren, die zu ihr gehören. Da sehen wir den Fuchs, der über das Schnceseld schleicht, und hell hebt sich, beinahe goldig, das Fell von der weißen Fläche ab. Da sehen wir das Birkhuhn in den Tannenzweigen, ein dichtes, grünes Gewirr gegen das Braun des Vogels in der Mitte. Oder die Schnepfe am Erdboden, an hellen Lachen, die sich im Sumpfland bilden. Der Habicht kauert mit seiner Beute im verschwiegenen brütend im Sande/ KÄ. �«•Urvögel liegen Meer erscheint hinter ihnen als wci?e'{� auf entlegener Höhe, einmal in Schneelandschaft, dann lm° HeWs� und sind um ihre Beute mit grimmigem Raubtierblick beschäftigt. — Das alles gibt Liljefors mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Berechnung ausschließt. Er ist kein bloßer Jagdmaler, kein Unter, Halter, er sieht als Maler. Und nie ist der Mensch in dieser Land, schaft zu sehen. Still liegt sie da. Nur die Tierwelt lebt hier ihn Leben. Das Künstlerische in Liljefors zeigt sich in der Art, wie er den Gegenstand sieht und wiedergibt. Der Ausschnitt ist immer so ge» wählt, datz die Landschaft weit und groß erscheint. In dieser Land, schaft. irgendwo, zuerst vielleicht unscheinbar, und doch im Bild- eindruck konzentriert, sehen wir das tierische Leben. Dadurch kommt der Eindruck des Natürlichen, Unbeobachteten heraus. Liljefors be, lauscht die Natur, wie die Tierwelt und erhält in seinen Bildern diesen momentanen, flüchtigen Reiz. Seine Werke heben in sich die große, freie Linie der unendlichen Natur. Es find die Werks eines Künstlers, der alles Störende, zu sehr Betonte aussondert. Es sind nicht Bilder für den üblichen Geschmack des Jagdfreundes, sondern Bekenntnisse eines Menschen, der mit freudigen Sinnen und offenem Auge in der großen Einsamkeit umherstreift. Dieses Leise in den verhaltenen Bewegungen der Tiere! Diese Wahrheit und Schönheit in all dem Tun und Treiben, das vor sich geht, als hätte niemand es beobachtet! Neben den malerischen Reiz tritt damit die zeichnerische Sicherheit, die all diese Linien leicht und charakteristisch führt. Das sind alles wirkliche Tiere, nicht zurecht, gemacht für den Salongebrauch, eine Welt für sich. Am vollendetsten sind drei Bilder. Erstens das Bild mit den» tiefen, weichen Schneefeld, auf dem aus der Tiefe ein hellbraune« Hase herauskommt, in ganz leichter Silhouette nur sich abzeichnend, in der kalten Luft fast vibrierend. Diese überraschende Beobachtung, diese Feinheit in den Uebergängen der hellen Farben erinnern an die Japaner. Auf einem anderen Bilde sehen wir die glatten Tauchervögel auf hohem Meer, das in prachtvoll schwingender Be, wcgung gegeben ist, in tiefer Bläue, oben auf hellgrüner Woge de« graue Vogel, ein Bild, das an Böcklin denken läßt. Zarten Reiz hat das Bild, das ein Birkhuhn auf goldbraunem Erdboden zeigt. Hier ist alles so unscheinbar und unauffällig, und dennoch voll farbigster Harmonie. Eine warme, bräunlich schimmernde Lust hüllt alle Dinge ein. Das reife Können dieses nordischen Malers zeigt sich in diesen drei Bildern am bedeutendsten. Ruskin sagt einmal, daß die englische Kunsi sich hauptsächlich in der Landschaftsmalerei bewähre. Das Verständnis für die Reize und zwar für die einfachen, schlichten Reize der Natur ist in England vornehmlich entwickelt. Das sieht man wieder in der Ausstellung des Kunstsalons G u r l i t t, die alte und neue englische Landschasts, maier bringt. Die gemeinsame Note dieser Künstler ist einmal«in feines Enipfinden, dann eine gewählte, geschmackvolle Wmoexgabe des mit Empfindung Geschauten. So ist dem englischen Mckdß ezns überzeugende, schlichte Wahrheit eigen, der es nicht schiqhft� paß sio geschmackvoll und fein gesagt wird. Sie lieben die zGKdxu.jslieber, gänge, die englischen Landschafter. Ein zarter Cchle»«xi,Dpt über den Farben und dämpft die Töne. Die alten Holländer, di« iu ihrer festen Liebe zur Heimat zum erstenmal die Landschast als solche in der Kunst entdeckten, waren ihnen Lehrmeister Speziell>ieht man das bei den alten Meistern, bei Gainsborough sl721— 1788) vornehmlich. Da sind dieselben braunen, moorigen Töne, da ist! derselbe weite Horizont der Ebene, der weite Himmel und die lln, auffälligkcit der Motive. Mit John Consta die(1776—-1837)' tritt schon ein neues Moment ein. Die Farbe tritt mehr hervor, wird vielfältiger, wechselnder, der braune, sonnige Ton tritt zurück. Constable ist der zarteste unter den alten Meistern, er hat auch am ehesten jene feine Anmut, die doch der Kraft nicht entbehrt. Seins Bilder sind kleinen Formates, kleine Kostbarkeiten. Zeugnisse eines sichere», reifen, wohlabgewogcnen Könnens.— Die jüngere Gene» ration zeigt hellere Farben. Das Studium des Lichts, das unsere Anschauung, unser Sehen so auffrischte, kommt ihnen zugute. Da sehen wir nichts mehr von braunen Ateliertönen, da ist alles frych und lebhaft, hell und licht. Die Wiesen leuchten in zartem Grün. an den Bäumen glänzt der Frühling in alle» Farben. Man merkt die Befreiung, die überall hindrang, die die Kunst zu neuen Problemen anregte und die Maler zur Natur führte. Alfred O a sr ist der bezeichnendste der jüngere» Gruppe. Seine hellen warben haben etwas Zerfließendes, unendlich Erfrischendes, als wehte Heller Frilhlingslviud über die Feider. Mariiger sind Pcppercorn und P r i e st ura n n, deren Landschaften schärfer den Eindruck hin- schreiben. Lluszerdcm sind fünfzig Pastelle von Melchior Lcchter ans- gestellt, Früchte eines längeren Aufenthaltes in Italien, in Jschia, Elba, Toscana. Es ist viel Liebe und Feinheit in diesen zarten Studien, die doch fest genug den Eindruck anpacken. Dem ornamental so sicheren Künstler, der es verstanden hat, eine alte Formcnwelt, die Welt der gotischen und romanischen Kunst, in ihrer Ornamentil zu neuem Leben erstehen zu lassen, tut eS gut, sich in der konturloscn Farbe zu üben Am besten gelingen ihm solche Bilder, auf denen zartes Sonnenlicht auf dunklen Wiesen liegt. Das zugleich Feste und Weiche der Technik kommt am besten zum Ausdruck. Bei anderen stört vielleicht die Erinnerung an die verflossene Jtalienmalerci, die »ins unzählige weiße Häuser an grellen Ehausiccn, mit Laub bc- ÄÄ MS S Er rmpfiichet d-n grofcnr _., L'...Ästir u ck und den schreibt er nieder. Freilich wird die leichte Technik des Pastells dadurch sehr beschwert und verliert den eigenen Charakter.—_ Ernst Schur. Kleines Feuilleton. en. Türkischer Traubensaft. In der Türkei wird der Be- reitung verschiedener Handelsartikel auS Traubensaft eine große Aufmerksamkeit zugewandt. Es werden daraus nickt Getränke, sondern eigentliche Speisen bereitet, die namentlich auf der Reise wegen ihrer handlichen Form eine große Annehmlichkeit sind. Da ist z. B. der Basduk, der durch Verdunstung von frisch ausgepreßtem Traubensaft gewonnen wird. Mit dem entstandenen Syrup wird etwas Mehl oder Stärke vermischt und diese Mischung in dünnen Schichten auf Leinwandtüchcr ausgebreitet, wo sie zwei Tage der Sonne ausgesetzt wird. � Nachdem sie getrocknet ist, wird sie von der Leinwand wieder abgelöst, was auf leichteste Weise geschieht, indem ein feuchtes Tuch unter die Leinwand gelegt wird. Dann wird die Ware noch drei Monate lang in fest verschlogenen Behältern auf- dewahrt. Danach scheint keine Gefahr der Zersetzung mehr zu be- stehen. Der Basduk ist dann von lederartiger Beschaffenheit, und die Farbe richtet sich nach der der verwandten Trauben. Der Kesme, ein anderes Präparat, unterscheidet sich von dem vorigen dadurch, daß grober Weizengries statt des Mehls und der Stärke benutzt wird. Dies Erzeugnis kommt in dünnen Kuchen in den Handel, die durch Trocknen auf Metallplatten hergestellt werden. Es ist weniger zähe als der Basduk und hat einen noch stärkeren Geschmack. Zur Gewinnung des Sujuk oder Rojik, wie er im Armenischen genannt wird, sind Walnüsse nötig, die aufgefädelt in die erwähnte Mischung von Traubensyrup und Mehl getaucht und dann getrocknet werden. Alle drei Artikel sollen außerordentlich nahrhaft und wenigstens die letzten beiden auch besonders schmack- hast sein.— Kulturgeschichtliches. — W i e teuer war ein Hexenprozeß? Wir lesen in der„Köln. Ztg.": Einen lehrreichen Einblick in die Begleitum- stände eines der trübsten Kapitel der deutschen Kulturgeschichte, immlich des der Herenprozesse, gewährt der Bericht über einen auch in anderer Hinsicht bedeutungsvollen Herenprozetz, den Wilhelm Becmelmans unlängst in der„Zeitschrist für die Geschichte des Oberrheins" veröffentlich hat. Es handelt sich dabei um den Prozeß, dem im September 1613 die Witwe Ursula Wittenbach, die Groß- mutier des Dichters Jakob Balde, sowie die Barbara Guntmännin, Ehefrau des Gerichtssekretär Theobald Hinderer, in ihrer Vater- stadt_ Ensisheim im Elsaß zum Opfer gefallen sind. Abgesehen nämlich von dem von Beemelmans aus der Geburtsmatrikel und den« - � Ma le fi tzp ro th okoll" der Stadt Ensisheim mit zwingenden Gründen .geführten Beweis, daß jene Witwe Wittenbach tatsächlich, wie schon früh« u mitunter vermutet Ivorden ist. die Großmutter des Dichters Ialolr Väsbc, Witwe des Liammcrrats Wittenbach, tvar, gibt jene VdröffetttlMstmg mich einen Einblick in die Kosten, die ein solcher Heren p*ch-,«ß� damals, nicht etiva dem Gericht oder der Stadt, sondern dem Vermögen der betreffenden Unglücklichen oder ihrer beklagenswerten Angehörigen verursachte. Man kennt nämlich das Schriftstück, worin der Ehemann der einen„Unholdin", Gerichts- sekrctär Theobald Hinderer, gegen die ihm auferlegte Kosten- rechnung für das gegen, die beiden Frauen durchgeführte Verfahren eine noch bei den Akten befindliche Beschwerde zum Stadtmagistrat Ensisheim erhoben hat. Nach diesem Aktenstück hatten die Kosten des Prozesses für die Witwe Wittenbach 819,76 M. und für die Ehefrau Hniderer 609,64 M. betragen, Summen, die in Anbetracht des damals gegenüber dem heutigen etwa siebenmal höheren Geldwerts außerordentlich hocb waren und es begreiflich erscheinen lassen, daß Hinderer das Bestreben hatte, die Kosten herabgesetzt zu bekommen. Er beschlverte sich u. a. darüber, daß ihm während der Haft seiner Frau für 16 Tage Wein aufgeschrieben worden sei, den doch seine Frau gar nicht getrunken habe, sondern die Wächter, denen er so wie so den Tagelohn bezahlen müsse. Ferner habe die Auf- tvartefrau bei der Folterung nichts zu tun gehabt,, deshalb seien die 3 Gulden 30 Batzen gleich 10,15 M. für sie zu streichen. Ferner bittet er um GotteSwillen um Ermäßigung dreier nicht näher be- zeichnctcr Posten in der anscheinend sehr großen Zeche, die auf seine Kosten die Stadtschrciber von Thann und Neuenbürg am Rhein, die bei der Verhandlung amtlich zugegen waren, im Engel zu Ensisheim gemacht hatten. Ferner will Hindercr Mar den Schöffen ihre sieben Batzen täglich gönnen, aber die berechneten Nachttränke, eben- so die Rechnung des Stubenwirts, hält er für ungerechtfertigt. Mit bitterem Humor meint er, ein Biedermann könne sich wohl mit ztvei Imbissen behclfcn und brauche keinen Unter- oder Schlaf- trunk. Ebenso will er die Rechnung des Advokaten Dr. Höring, auf dessen Gutachten seine Frau verbrannt wurde, nicht gelten lassen. da dieser ja ohnedies als Stadtadvokat angestellt sei. Außerdem bc- mangelt Hinderer noch andere Zchrkosten, die sich anscheinend auf die Scharfrichter beziehen, und bittet schließlich, es möge geschehen, was Gott gefällig und recht sei. Die Stadtobrigkeit legte die!" schwcrdc der Regierung mit dem Antrag vor, sie n'"«''ht keine Folge geben. Es sei eine Schmach, mit«i�.-'Mchen Beschwerde o" lummen. Glaube Hinderer v--"£"e Herren hatten nicht weit lieber einen ma wegen, seiner„Unholdin" zu Gericht gesessen? Die Nachttränke seien wohl gerechtfertigt, denn wenn ein Richter von morgens früh bis abends sechs ununterbrochen ge- fessen habe, so könne man ihm das Essen und Trinken nicht lotweise zumessen. Immerhin könnten vielleicht die Wirtsrechnungen darauf- hin geprüft werden, ob sie nicht zu hoch seien. Welchen Bescheid Hindcrer ans seine Beschwerde erhalten hat, ist nicht bekannt.— HnmvristischcS. — Heitere Aussprüche auS Kölner Anwalts- reden in Zivilprozeßverhandlungen teilt der„Bonner General- Anzeiger" mit. Es befinden sich darunter z. B. folgende Sätze: „DaS Verhältnis zwischen dem Kläger lind seiner Haushälterin hat sich so verdichtet, daß es schließlich zu einer Heirat ge- führt hat." „Wir bestreiten die Tatsache, daß der Brand durch unser Verschulden entstanden ist." „Schon der Zivilkammer mit dem Reichsgerichte zu drohen verrät einen sehr boshaften Charakter." „Da beide Sachverständige waren, hat jeder eine andere Ansicht." „Meine Herren, ich habe hier eine Sache, die rein wissenschaftlich ist, und bei der es daher auf die Logik nicht ankommt." „Das Bürgerliche Gesetzbuch hat schließlich auch Grund- ge danken, wenn es sich auch ivie ein preußisches Reglement liest." „Meine Herren, die Parteien sind Schwäger, daraus erklärt sich die Gehässigkeit, womit der Gegner vorgeht." „Wenn man bei Erhebung der Klage darauf Rücksicht nehmen wollte, daß der Beklagte Einwendungen inacht, so könnte nian überhaupt keine Klage erheben, weil die Beklagten die Eigentümlich- keit haben, immer Einwendungen zu machen." „Meine Herren, Sie wissen doch ans Jhrei» zahlreichen Prozessen, wie oft die Parteien um die Prämie der D u in m- h e i t streiten." „Dadurch, daß der Beklagte die Ehefrau N. als feine Cousine auS Amerika vorgestellt hat, ist der Ehebruch schon erwiesen." „Es handelt sich hier um eines der zahlreichen Patente, die nach Art der Eintagsfliegen wieder in einem Jahre er- löschen." „Als die Gegenseite den Vertrag tätigte, hatte sie bereits einen hippokratischen Zug im Gesichte".— Notizen. —„Neues Schauspielhaus" wird das neue Theater am Nollendorftilatz heißen. Das Theater wird 1200, der Konzert- saal 1600 Perionen fassen. Die Kosten des Neubaues samt innerer Einrichtung belaufen sich auf 5ll3 Millionen Mark.— — Paul E r n st s vieraktiges Lustspiel„Eine Nacht in Florenz" hatte bei der Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhause großen Erfolg.— — Jin„DürerhauS", Kronenstr. 18, sind bis Ende des Monats die deutschen Schülerzeichnungen, die auf der Welt- auSstellung in St. Louis ausgestellt waren, sowie eine reich- haltige Sammlung amerikanischer Schillerarbeiten zu sehen. Der Eintritt ist frei.— — Dr. Schwedeler-Meher, Assistent an der Berliner Nationalgalerie, ist zum Direktor des nordböhmischen Ge- Iv e r b e- M u s e u m S in Reichenberg gewählt worden.— — Die ägypische Abteilimg deS L o u v r e- M u s e u m S hat einen bedeutsamen Zuwachs durch die Erwerbung der vier Kanopen Ramses' U. erhalten, jenes Pharaos, den die Griechen unter dem Namen Sesoftris des Großen bekannt gemacht haben. Kanopen sind die vier Vasen, die man in die ägyptischen Begräbnisstätten stellte. Die vom Louvre erworbenen sind prächtig« türkisenblaue Stücke.— — Bei einer vor etlichen Tagen in Idar(Birkenfelds statt- gehabten Steinversteigerung wurden, nach der„Franks. Ztg." etliche Pfund blaue Aquamarine zu 15 000 M. das Pfund versteigert. Der in Brasilien gefundene Stein hat somit den zehn- fachen Wert des Goldes. Bei der Versteigerung wurden insgesamt 45 000 M. gelöst, wobei indes der grüne Aquamarin nur einen Preis von 200—400 M. erreichte.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwartsBuchdruckerci n.VerlagsanstaltPaul Singer 6:Co..Veelin ZW.