Anterhaltungsblatt des Honvärts Nr. 15. Dienstag, den 23 Januar 1906 (Nachduilk verbolen.) V Der Kuppclhof. Roman von Alfred Bock. 1. Der Hannpeter kam die Lohmühlsgasse herauf. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und trug den Kopf vornüber- gebeugt wie ein Mann, der wichtigen Dingen nachsinnt. Eben bog er in die Hofrcite des Bernhard Dotzheimer ein, als ibm Henner, der Knecht, zurief:„Geht enml ebei!" Der Hannpeter blickte auf und fragte:„Was is los?" „Uns Bläß hat Luft." „Gewerzell Ich komm." Er folgte dem Henner in den Stall, wo der Bauer da- mit beschäftigt war, die krampfhaft keuchende, stark aufge- trieben? Kuh mit einem Strohwisch abzureiben. Eile tat not. � Während der Knecht den Bauch des Tieres mit Wasser begoß, drückte der Hannpeter gegen den Wanst, damit sich die Luft nicht ansammeln konnte. Selbdritt hatten sie ihre Last, als es galt, der Patientin, die sich aus Leibeskräften wehrte, einen„Trank" einzugeben, und zwar mit Vorsicht in kleinen Portionen. Endlich gelang die Prozedur. Nach Verlauf einer guten halben Stunde tat das Mittel seine Wirkung. Der Bauch der Bläß schwoll zusehends an, ihr schmerzliches Stöhnen minderte sich, und sie begann sich zu erholen. Den Männern war bei der Arbeit heiß geworden, sie wischten sich den Scbwciß von der Stirn. Der Knecht erhielt die Weisung, im Stall zu bleiben und aus die Kuh Obacht zu geben. Der Bauer, ein Mann in den fünfziger Jahren, von mittelgroßer Gestalt, mit glattrasiertem Gesicht und Wasser- blauen Augen, schritt mit dem Nachbar über den neuge- pflasterten Hof und sagte:„So geht's, wann man die Augen uet hinten und vorn hat. Die Bläß hatt' sich überfressen." Er wies auf einen Haufen Griinfutter, das am Morgen hereingefahren worden war. Der Hannpeter nickte. „Dasmal hat's noch getan." „Du trinkst doch ein Gläschen Aeppelwein?" fragte der Dotzheimer. „Das kann nix schaden." meinte der Hannpeter. Sie traten in das Wohnhaus, dessen Frontseite der Straße zugekehrt war. Eine Treppe führte vom Flur in die geräumige Eckstube. An der Türschwellc stand des Bauern Tochter, die Mariann. Als sie erfuhr, daß die Bläß den Anfall überstanden, sprach sie aufatniend mit wohllautender Stimme:„Gott sei Lob und Dank!" Auf des Vaters Geheiß sprang die Mariann in den Keller und holte das Getränk herauf. Die Männer ließen sich an dem schweren, vom Alter gebräunten Tisch nieder, der in dem von zwei Fenstern gebildeten Winkel stand. Von hier konnte man bequem den Raum überschauen. Rings an den Wänden zogen sich schmale Bänke hin. In der Ecke zwischen Kammertür und Giebelwand sah man das große Himmelbett. Links von der Stubentllr fiel als in seiner Art prunkvolles Hausgerät der Glasschrank in die Augen, worin allerlei schön bemalte Tassen und Teller zur Schau gestellt waren, rechts ragte der gewaltige.Kachelofen empor. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand hingen unter Glas und Rahmen der...Haussegen" und ein Totcnkranz. Der Estrich war mit weißem Sand bestreut. Die Männer ließen den gut trinkbaren Apfelwein gluckernd über die Zunge laufen. Ihre Gedanken tvaren noch im Stall. „Ich sein kein Freund von dem Einschütten, wann das Wieh sich überfressen hat," sagte der Hannpeter. „Wer's net versteht, soll die Finger devon lassen," sagte der Bauer. Der Hannpeter stopfte seine Pfeife und setzte sie in Brand. „Wie war's dann letzt beim Bäckcrphilipp? Der spielt doch gern den Viehdoktcr. Und gibt seiner Kalbin Kamillen- brüh und Salpeter und Leinöl debei. Gut anderthalb Schoppen. Und das Tier geht kaputt." Der Dotzheimer spuckte ärgerlich aus.„Ei, so einem Eindarm gehört gar kein Vieh. Mir hat's der Sauhirtekarl verzählt: die Kalbin hatt' sich an Blätter zuviel getan. Etz geht mein Philipp her und hebt dem Tier den Kopp in die Höh. Ganz strack. No, da is das Gesäuf in die Luftröhr kommen." Der Hannpeter blies den Rauch vor sich hin. „Das kann schon sein. Und dessentwegen bleib ich debei: ob's eins versteht oder net, weg mit dem Trank. Bläht so ein Vieh ein wink, laßt's_doch in Gottes Namen vierund- zwanzig Stund aus'm Futter. Dernach wird's von selber gut." „Da gibt's keine Regel," sprach der Dotzheimer.„Ich sein immer dadevon ausgegangen: wann's net schlimm is, helf ich mir selber. Tut's nötig, muß halt der Viehdokter ebei. Daß letzten Sonntag drei Stück Vieh im Ort gefallen sein, dadrllber braucht man sich weiter net zu verwundern. Etz is Mode, daß die Bauern in die Versammlungen lausen und schlecht Zeug klawatschcn. Derweil schmeißen Knecht und Mägd die Raufen und Krippen geschwabbeltevoll und gehen ihrem Vergnügen nach. Abends is das Unglück da." Er tat einen Zug aus seinem Glas und schloß:„Guck, Hannpeter, wann ich die Viehhaltung im Ort betracht, tut mir's alleritt weh.'s heißt, das Vieh muß sein, dann wir brauchen's für uns' Aecker. Von vernünftiger Züchtung is keine Red. Da geht's kreuz und quer. Etz frag ich, was is dann mit unserm Körnerbau? Nix is. Ich sag: macht Wiesen und Weidegeländ und kümmert euch um euer Vieh. Dernacher lernt ihr den Beutel spicken." Dine, die Magd, kam herein und meldete, die Bläß sei völlig„leer" und habe bereits eine Handvoll Heu gefressen. Das hörte der Bauer gern, und seine ernste Miene hellte sich auk. Die Mariann aber, die auf der Ofenbank sitzend der Unterhaltung der Männer gelauscht hatte, legte den Strick- strumpf beiseite und erhob sich, nach der Patientin zu sehcm Ter Hannpeter schaute ihr schmunzelnd nach. „Ein Staatsmädchen, die Mariann." „Und tüchtig." setzte der Bauer in gerechtem Stolz hinzu, „Nur ein wink zart." „Das hat sie von ihrer Mutter selig." „Ja, der schlägt sie nach." „Das sehn ich so in allem." „Gelle, sie is über die Zwanzig enaus?" „Noch net lang." „No, wann wird dann Brait*) gemacht?" „'s eilt mir net mit dem einzigen Kind." „Hm! Ich wüßt sonst ein." „Du?" „Ja freilich." „'s eilt mir net." „Ein feiner Bräuem und hat Knöpf." Der Bauer schiittelte den Kopf. „Ich kann das Mädchen noch net entbehren." „Die Hauvtsach is, wann die Schollen zusammenpassen," brachte der Nachbar mit Nachdruck heraus. „Wer soll's dann sein?" fragte der Dotzheimer, ohne be- sondere Neugier zu verraten. „Ei, dem Karges sein Matz," versetzte der Hannpetee „Ach der." „He kommt im Herbst vom Militär—" „Ich weiß." „Und is erhaft und eckerngesund." „Glaub's schon, aber ich will net." Der Nachbar legte verdutzt die Pfeife auf den Tisch. „Du willst net?" „Nee." Eine Weile verharrten beide schweigend. Der Hann» peter hatte vom Zacharias Allendörser, genannt Karges, den Auftrag erbalten, beim Dotzbauer auf den Busch zu klopfen, wie dieser über die Heirat ihrer Kinder denke. Nun stieß er gleich auf Widerstand. Geduld überwindet Holzäpfel, überlegte er, und Zureden hilft.. Dem Dotzheimer aber ging ein Licht auf: der Nachbar war vom Karges abgeschickt •), Verlobung. «vd saß ihm als Freiersmann gegenüber. Mochte er nur. Er wollte ihm reinen Wein einschenken. „Der Karges kann mir gestohlen werden," platzte er los.„Dem sein Geschäft is Schandal. Ich erled's noch, daß er in Landtag kommt. Wie sieht's herentgegen in seiner Wirt'' �"s? Da geht's bergab. He nimmt das Maul gegen die Judde voll, und der Judd kommt ihm net vom Hof. So geht's, wann man alsfort draußen herumkutschiert und seine Sach fremden Leut überläßt. Der will dem Bauer helfen?'s is zum Lachen." Er dämpfte seine Stimme. „Ich weiß auch, he glaubt an nix. Guck, Hannpctcr, ich gehörn noch zu den Altmodischen und tun, wie mir meine Mutter selig vorgesprochen hat:„Bete fein, daß dir Gott mag gnädig sein." Der Hannpeter strich mit dem Handrücken über die Nase und sagte:„Tadrüber kann man keinem keine Vorschriften machen. Mein Spruch is:„Tue recht und scheue niemand." Dademit kommt man auch durch die Welt und— wann's sein soll— in den Himmel." Er paffte ein paarmal und fuhr fort:„Etz bitt ich Dich, was hast Du dann mit dem Karges zu schaffen? Hier is doch vom Matz die Sprach. Heirat der Bub, gibt ihm sein Vater den Hof und bebält sich sein Auszug vor. No frag ich Dich, kennst Du den Mab? Ich glaub's kaum. Ich kenn ihn und laß nix auf ihn kommen. Etz mein ich. Dein mehrst Land liegt am Haibacherweg und am Donnerswäldchen. Und dem Karges sein's auch. Wann's mit dem Matz und der Mariann was wird, dernacher bleibt doch alles beisammen und braucht keins nix zu verzotteln." Dem Dotzheimcr leuchtete das als gutem Hausholter ein. Ein Sohn war ihm versagt. Er tat nicht mehr als seine Schuldigkeit, wenn er der Tochter den väterlichen Besitz er- hielt und sie mit einem ebenbürtigen Bauern verheiratete. Da kam der Matz wohl in Betracht. Allein der Gedanke, zu dem Zacharias Allendörfer in ein nahes verwandtschaftliches Verhältnis zu treten, war ihm unerträglich und drängte die praktische Erwägung zurück. „'s paßt mir net," entschied er kurz und legte wie zur Bekräftigung seiner Worte die geballte Faust aus den Tisch. „Das steht bei Dir," sagte der Hannpeter mit stoischer Ruhe.„Etz geb ich Dir nun einen guten Rat: Hab auf Dein Mädchen achtl" Der Dotzheimer runzelte die Stirn. „Wieso?" „Da is dem Kalmuck sei Fried. Ter geht nach ihr." Der Bauer lachte höhnisch. „Ha ha, der Geißbock')!" Ter Nachbar nahm die Sache ernst. „Man spricht, sie wär seine Herzgebobbelte." Ueber des Bauern Gesicht lief eine jähe Röte. „Das is Gedrätsch, schlecht Gedrätsch! Mein Mädchen is wir viele zu gut, als daß ich dadrüber ein Wort verlier. Und daß Du's nur weißt: die hält was auf sich und wirft sich net weg. Und wann's so weit is, daß sie heiraten soll, dernacher nimmt sie, wen ich Willi" Der Hannpctcr sah, daß heute mit dem Nachbar nichts anzufangen war, und ging. Der Dotzheimer blieb sitzen und schaute nachdenklich vor sich hin. Der Kalmuck als Schwäher, Kreuzsakerment! So einem Freiersmann war nicht zu trauen. Der war mit allen Salben geschmiert und stopfte die Wahrheit ins Hundeloch. Schon gut. Aber einmal rege geworden, war der Verdacht nicht fortzublasen. Man sprach von„naut", es kam von„aut". Wenn's der Fried darauf abgesehen hatte, den: Mädchen den Kopf zu verdrehen, wer bürgte dafür, daß sie standhaft blieb? Jugend hatte keine Tugend, und ein Unglück war schnell geschehen. Stät, stätl Die Sache zur Wichtigkeit aufzubauschen, hieß der Kalmuckenbagasche zu viel Ehre antun. Just kam die Mariann herein. „Komm emal her!" rief der Bauer barsch. Sie trat mit einem Anflug von Röte an den Tisch, die großen braunen Augen gespannt auf den Vater gerichtet. Dieser sah sie scharf an und fragte:„Hast Du was mit Hcm Kalmuck seinen Fried?" *) Spottname für Schneider. „Nee, Vater." sagte sie sich verfärbend,„ich Hab nix mlZ dem Fried." „Is das auch wahr? «Ja, Vater,'s is wahr/ lFortsetzung folgt. fraiien der franzöfifcbcn Revolution. Der heldenmütige Anteil russischer Proletarierinnen an d- gegcnwärtigcn revolutionären Bewegung im Zarenreiche ist gerade wegen seiner elementaren Wucht und Größe ganz dazu angetan, die Erinnerung an den Heroismus einiger Frauen aus der französischen Revolution von 1789 bis 1795 wachzurufen. Damals wurde' der Kampf für die Gleichberechtigung des weiblichen Ge» jchh'chts zum erstenmal auf die Fahne geschrieben. DeS eingedenk, möchten wir nun auf ein Werl hinweisen, welches ein« Oester» rcichcrin: Emma Adlrr, zum Versaffer hat. Es führt den Titel:„Die. berühmten Frauen der französischen Revolution 17 89— 17 95"*), und„gilr nicht jenen allein, die den einzelnen Abschnitten des Buches ihren Zlamcn geben; sondern all denen, die der große Augenblick, die gesteigerte Spannung allen Levens zu Heldinnen machte, deren Taten unbekannt blieben, weil sie süi selbstverständlich galten". Eine Geschichte der Revolution an sich zu schreiben, mochte Emma Adler nicht beikommen, denn das hätte zu weitab vor. ihrem eigentlichen Thema geführt. Näher gelegen hätte schon eine Darstellung der Ausstände, insofern die weibliche Bevölkeruni daran beteiligt oder von ihnen in Mitleiden» schast gezogen war. Es wäre da notwendig gewesen, auf die Ur- sacher., die Verwickelungen aller in die Revolution hinzuweisen, und so hätte sich auck. erkennen lassen, wie weit die Aktion der Frauen den Gang der Parteikämpfe beeinflußte. Diese Aufgabe hat die Verfasiebin aber ebensowenig berücksichtigt. Sondern sie griff die Gestalten aus dem Chaos heraus, um sie biographisch zu schildern. Dabei konnten zuw.'rlässige Materialien, Briefe und Auf- Zeichnungen zu Hülse genommen, legendere Irrtümer und -Fälschungen ausgeschieden werden. Es entstanden so Porträts, deren historische Treue gewahrt ist und die dennoch von liebevoll versenkter Teilnahme entworfen und mit warmen Farbentönen be» strahlt sind. Freilich nieht immer gehen sie über den Rahmen einer Skizze hinaus. Vielleicht niangelte es da und dort an Stoff, oder er war von nebensächlicher Bedeutung, oder er wurde nur lose ge- streift, oder er konnte nur in bereits von anderen festgelegter Art verwertet we rden. Sicher ist, daß, sofern ein psychopathisches Moment Beachtung fände, ein tiefer grabender Soziologe und feinerer Essayist die Ausgabe löste, noch eine sehr viel andere Beurteilung jener Fraucncharakterc hervorträte. Im ganzen genommen, können wir Emma Adlers Buch als eine dankenswerte Gabe willkommen heißen. Nachdem im Vorwort einiger unbekannterer Heldinnen, wie Rose Bouillon-, der Schwestern F e I i c i t e und Theophile Fernig, Frau Pochelat, Madelcine Petit Jean, Rose Mar cha nt, Elisa Oaatre-Sous, Claudine Bouget, Madame Mouchy und Frm» Lavergne, Erwähnung geschehen ist, gibt die Verfasserin die Porträtstudien von 10 Frauen von zum Teil aristokratischer oder doch sei» bürgerlicher Herkunft, deren Namen uns längst vertraut geworden sind. Tie Abhandlung über Madame Roland, deren geistige Bedeutung auch ein Goethe anerkannte, ist die umfänglichstem sie nimmt 107 Druckseiten ein. Weder diese Frau,„noch die T a l l i e n, die zu politischen Umwälzungen mit den Anstoß gab, noch Frau Bouquey, die sich in Kampf und Auflehnung gegen das herrschende Jakobinertum setzte, weil flüchtige Girondisten das Mitleid ihres Herzens weckten, ein Mitleid fast so groß, wie das der tapferen Frau L e g r o s, die durch«ine Tat des Mitleids die Bastille zerstören half, noch Charlotte Corday, die mit vollem Bewußtsein einen politischen Mord(an Marat) beging, noch die Frauen angefeindeter und verfolgter Staatsmänner, wi: die M a rq u i s e von Condorcet und Lucile Des- moulins, keine von ihnen ist über das Grab hinaus von den Freunden so mißverstanden, vom politischen Hasse so besudelt worden, wie Theroigne de M6ricourt". Obgleich diese Frau wenig oder gar keinen aktiven Anteil an der Revolution genommen hat, der nicht ins Reich dct Erfindung zurückzuweisen wäre, bestrebte sich Emma Adler docky gerade ihren Charakter von böswillige» Anwürfen zu reinigen. Sie konnte das um so eindringlicher, als ihr das Manuskript einer Art Selbst- biographie, die Thöroigne im Gefängnis von Kufstein zu ihrer Ver- teidigung geschrieben hat, vom k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv zur Verfügung gestellt wurde. Im Anhange wird das von der Hand der Thöroigne zu den im„Proces-verbal"(Protokoll) auf- *) Wien 1906. C. W. Stern(Buchhandlung L. Rosncr). genommenen Antworten mit Bleistift französisch geschriebene Konzept zum ersten Male veröffentlicht. Das höchste Interesse nehmen aus begreiflichen Gründen aber Loch Rose Lacombe und Olimpe de Gouges ein; denn die beiden waren vor allem Kämpferinnen für die Rechte der Frau, wie Condorcet und S i ö y e s die einzigen unter allen Männern gewesen waren, welche sich mit der Lage der Frau in der Republik ernstlich beschäftigt hatten. Rose Lacombe war in der Provinz als Schauspielerin tätig gewesen und hatte sich da als solche schon einen gewissen Namen gemacht, als sie mit kaum 22 Jahren nach Paris kam. So- fort vertauschte sie die Bühne mit dem Freiheitskampfe. Am 10 August 1792 führte sie, mit der roten phrygischen Mütze auf dem Kopfe, den gezückten Säbel in der erhobenen Rechten, die Mar- seiller gegen die Tuilerien, die im Sturme genommen wurden. Rose Lacombe erlitt dabei eine leichte Verletzung und bekam später vom Nationalkonvent einen Ehrenkranz. Auch während der blutigen Eeptembertage von 1792 stand die Heldin mitten im Kampfe. 1793 gründete sie„Die Gesellschaft der republikanischen und revo- lutionären Frauen". Am 26. August desselben Jahres trat sie an der Spitze einer Deputation der„Revolutionären Republikane- rinnen" vor den Nationalkonvent, um mit vernichtender Schärfe die in Stellungen befindlichen Adeligen und die verdächtigen Ver- Walter anzuklagen. Tag für Tag hielt sie mit ihren Genossinnen „mehr denn 6606 Weiber", wie Amar im Konvent warnend ausrief— Zusammenkünfte, die sehr zahlreich besucht waren. Als dann alle Frauenvereine aufgelöst waren, war auch die politische Rolle der Lacombe ausgespielt. Sie wanderte nicht aufs Schafott, sondern starb, von allen vergessen, unbekannt in einem entlegenen Winkel von Paris.... Eine der merlwürdigsten Frauen— nach einem Meere sinn- loser Lebensfreuden zur Schriftstellerin, zur glänzenden Rednerin und leidenschaftlichsten aller Revolutionäre geworden— war Olimpe de Gouges. Bei ihr, die weder leisen noch schreiben gelernt hatte und sich mit Recht ihrer Unwissenheit rühmen konnte, war alles was sie tat der Ausfluß einer genialen stürm- säenden' Begabung. Sie hat ein Drama„Tie Sklaverei der Neger" und zwei Romane geschaffen, in denen sie die geborenen Rechte ihres Geschlechts verteidigt. Sie war eine Führerin par excellence, die erste politische Rednerin, die die Weltgeschichte zu verzeichnen hatte. Liest man ihre Worte, so glaubt man, daß diese Frau in der Gegenwart spräche, nicht aber schon hundert Fahre zuvor: so echt sozialistisch hat sie gedacht I„Die Frau ist frei ge- boren und von rechtswegen dem Manne gleich. Das Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der natürlichen und unwandelbaren Rechte beider Geschlechter. Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen, sie soll das gleiche Recht haben auf der Tribüne zu stehen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und nicht nur dem Vorteil ihres Geschlechtes dienen". Seit Juli 1789 war sie Revolutionärin, 1791 unter dem Eindruck der Flucht und des Treubruchs Ludwigs XVI. wurde sie Republikanerin. Im November 1792 erklärt sie Robespierre den offenen Krieg und genau ein Jahr später fiel ihr Haupt unter der Guillotine. Ernst Kreowski. kleines feuilleton. I. Arbeitcriildungsschiile: Stiftungsfest. Während sonst bei Vereinsfesten die süße Vereinsmeierei in ihrer plattesten Aufgeputzt- heit sich breit zu machen Pflegt— Liebhaberbühne mit Verlieben und Verloben im Hintergründe, um bald nach dieser Gelegenheitsmacherei in den Vordergrund zu treten,— machte die Arbeiterbildungsschule ihrem Namen auch bei ihrem Stiftungsfeste alle Ehre und erfüllte die Verpflichtungen auch bei der festlichnn Gelegenheit, die der Sinn ihres Werleltages, ihres Daseins find. Sie feierte ein Fest der Bildung mid beioies wieder einmal durch die Tat, daß diese nicht vom Besitz abhängig ist, noch weniger das alleinige Vorrecht der Besitzenden länger sein darf. Sämtliche Dar- bietungen waren künstlerisch wertvoll, zum Teil sogar be- deutend. Der erste Teil des sehr reichhaltigen Programms enthielt als Hauptnummer die Festrede von Heinrich Schulz, Bremen, nachdem die„IMZur-Novellettc" von Schumann und ein niedliches„Cajmooio" von Fuhrmann den Abend stimmungs- voll eingeleitet hatten. In seinem gedankenreichen Vortrage, der an die Lehren der russischen Revolution anknüpfte, zeigte der Redner, Ivie Wissen eine Macht ist, wie die Bildung des Arbeiters zu seiner ökonomischen Befreiung muß beitragen helfen und Wissen für den Klassenkampf eine notwendige Forderung ist, denn„auch Kunst und Wissenschaft sind an ökonomische Prinzipien gebunden". Und so ist die Arbeiterbildungsschule„ein Produkt des Klassenkampfes, nicht, wie die heutige Volksschule, des Klassenstaates". Sie mutz darum immer mehr den Sinn ihres Gründers, Liebknecht, erfüllen und daran arbeiten, datz iin Kampfe„die Persönlichkeit in' die Wagschale gc- Ivorsen werden kann". Den zweiten und dritten Teil des Programmes bestritt ganz die Musik. Der Battkesche Chor, unter Leitung seines Dirigenten Max Batike, trug Max Bruchs etwas äußerliche, aber schwierige Tondichtung„Schöu Ellen", sowie in feiner Rüancierung das„Lorcley-Finale" Mendelssohns vor. Die Solis wurden von Frau Pfaender-Trllh e gesungen. Frau Klossek-Müller sang verschiedene Lieder, klar und empfindungsvoll. Besonders das„Märchen" von Batike und„Mignon" von Thomas gelangen ihr sehr gut. Nachdem sich M i tz A n» i e Luxemburg mit der etivas leeren„Romanze" von Wilhelmy eingespielt hatte, ließ sie im„Spanischen Tanz" von Nehf-Id und besonders in dein„Finale" des Violinkonzertes von Mendelssohn die Bravour ihrer Technik glänzen und ritz das Publikum zu reichstem Beifall hin, den sie mit einer Zugab« quittierte. Sie hat einen weichen schmeichelnden Ton, der in den lieferen Lagen voll und warm wird. Ungemein instruktiv und dankenswert waren die Erläuterungen, die Dr. Leopold Hirsch- b e r g mit den von ihm vorgetragenen drei„Loeweschen Balladen" verband. Manchem Hörer mag er den Simi für die echt Volks« tümliche Kunst Loewes aufgeschlossen haben. Das war schon daran zu merken, datz man auch die umfängliche„Legende vom großen Christoph" mit Spannung anhörte und den Umbiegangen der Melodie in ihren verschiedenen Eharakterisierungen verständnisvoll folgte. Die schönste Genugtuung für den Künstler, der ganz im Dienste der Sache die Balladen nach der Forderung Loewes vortrug: singend und sich selbst begleitend. Der„Faust-Walzer" von Gounod-Liszt wurde von Fritz F u h r m e i st e r in llarer Gliederung mit perlende» Technik gespielt. Allen Künstlern wurde mit reichem, warmem Bei- fall gedankt.— lc. Eine„Porzellanstadt" in China. Ein anschauliches Bild von einer chinesischen Fabrikstadt entwirst der englische Konsul in Kiu Kiang, der kürzlich eine Reise in das Innere von Kimiasa gemacht hat Es handelt sich um die alte„Porzellanstadt" Ching-ts Chen.„In Ching-tö Ehen steht alles mit der Porzellan- und Tüpfer- warenindustrie in Verbindung, oder ist ihr untergeordnet. Sogar die Häuser sind größtenteils aus Ueberresten von feuerfestem Ton, die einst entweder ein Teil von alten, Brennöfen oder von Chamotte» dcckcln waren, in denen Porzellan während des Brennens auf- geschichtet wurde. DaS Ufer ist meilenweit mit einer dichten Schicht zerbrochenen Porzellans und Chamotteabfällen bedeckt; so weit man es beurteilen kann, ist der größere Teil der Stadt und mehrere Quadratineilen des umgebenden Landes auf ähnlichen Ablagerungen erbaut oder daraus gebildet. Eine große Industrie, die Hundert- tausende beschäftigt, bleibt nicht 900 Jahre auf einem einzigen Ort beschränkt, ohne diehem Ort ein besonderes Gepräge zu geben. Am meisten fiel mir in Ching-ts Chen auf daß nichts dem ähnlich ist, was man sonst in China findet. Tie Formen, die Farben, die zu den Gebäuden gebrauchten Materialien, die Atmosphäre, alle? erinnert eher an die ärmeren Stadtteile von Manchester, aber an keine andere große Stadt, die ich je besucht habe. Jetzt gibt es 104 Brennöfen in der Stadt, von denen einige dreißig zur Zeit meines Besuches in Tätigkeit waren. Der größere Teil der Brenn- öfen arbeitet im Sommer nur eine verhältnismäßig kurze Zeit- Während dieser arbeitsreichen Saison, wenn jeder Brennofen viel- leicht durchschnittluh 100 bis 200 Leute beschäftigt, steigt die Bevölkerung von Ching-ts Chsn auf etwa 400 000 Seelen; aber die Hälfte davon sind Saisonarbeiter, die meist aus dem Tuchtang. Bezirk kommen, die in kasernenartigen Schuppen wohnen und ihr« Familien nicht mitbringen. Auch abgesehen von den Brennöfen wird man allenthalben daran erinnert, daß man sich in der„Por- zellanstadt" befindet. Man kommt durch viele Straßen, in denen in jedem Laden Männer, Frauen und Kinder mit dem Zeichnen. Formen, Bemalen und Verteilen, von Tonwaren beschäftigt sind. Un, zählig sind die Töpferschuppen, in denen der Ton gemischt und auf dem Rade gedreht wird. Drei Meilen lang liegen am Flußufer Dschunken, die entweder Material und Feuerung landen oder die fertigen Erzeugnisse einschiffen. Wenn es auch eine ganze Anzahl Läden für den Einzelverkauf gibt, so findet man doch weniger, als mau erwarten könnte, und der in den Händen von Gilden liegende Großhandel tritt wenig zutage. Außer den Versammlungshallen dieser Gilden sieht man kaum Gebäude von architektonischer Be- deutung, aber diese Gildenhäuser sind reiche und kunstvolle Ge» bäude. Theatervorstellungen' in den verschiedenen Gildcnhäusern, die fast alle mit einer Bühne versehen zu sein scheinen, bilden das Hauptvergnügen von Ching-ts Chen. Vor der Bühne liegt ein offener Hof, der durch eine Plane aus Matte oder Baumwollenzeug leidlich gegen Sonne und Regen geschützt ist, während gedeckte Galerien an beiden Seiten den Zuschauern dienen, die etwas mehr zahlen können-. Diese Galerien sind mit Tischen und Stühle» aus- gestattet in der Art der Eingeborenen-Theatcr rn Shanghai, int ganzen find sie aber den gewöhnlichen chinesischen Theatern des Inlandes im Stil weit überlegen. In der Saison dauert der Lärm in diesen Theatern— natürlich begleiten Go.vgS und Trommeln das Stück— oft bis vier oder fünf Uhr morgens, eS ist fast unerträglich. Außer ein oder zwei Schauspielergesellschaften, die in der Stadt ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben, kommen aus allen Teilen des Landes ständig reisende Theatertruppen nach Ching-tS Chen."— is. Höhenschiclcn. Der Augenarzt Dr. Miller in Bayreuth hat den neuen Begriff des Höhcnschielens für die Abweichung eines AngeL aus seiner normalen Stellung nach oben geschaffen zum Unterschiede vom gewöhnlichen Schielen, bei dem eine seitliche Ab- lenknna des Auges � nach außen oder nach innen stattfindet. DaS Höhenschielen ist weiwnS seltener, dafür aber auch in seinen Folgen bedenklicher.'Schon Gor etwa Ginem Jahre hatte Professor Schön in Leipzig darauf hingeivieseu. dah eine derartige Ablenkung eineS LlugeS nach oben eine besondere Reizlvirknng auf die Nerven ans- iibt, und zwar nicht nur ans die mit dem Ange unmittelbar in Ver- bindung stehenden, sondern noch ans andere, die sogar den Magen und das Herz in Mitleidenschaft ziehen. In der Miinchener „Medizinischen Wochenschrift" beschreibt Dr. Miller nun einen Fall"von Hvhenschielen an einer jungen Dame mit aller Ausführlichkeit. Die Erscheinungen äußerten sich in schwerer Nervosität, ferner in Magendrücken und endlich in neu- rasthenischeu Bes�.verden als da sind: Kopfschmerzen, Schwmdel. namentlich beim Abwärtssteigen von Treppen. Platzangst, heftigste Seekrankheit beim Eisenbahnfähren, Angstanfälle, vorzugsweise bei Nacht und große Anstrengung beim Lesen und Schreiben. ES war geradezu erstaunlich wie alle diese Beschwerden mit einem Schlage verschwanden, nachdem die nnrichtsge Stellung des Auges ans- geglichen war. Die nervösen Folgen des HohenschielenS entstehen, wie gleichfalls schon Schön erkannt hatte, aus der Schwierigkeit, die Bilder beider Auge», wenn sie auf wagerechte Umrißlinien gerichtet sind, vereinigt zu halten. Daraus erklärt sich auch das besondere Hervortreten der Beschwerden auf großen Plätzen und auf Seen. lvo die Augen fast stets wagerecht in die Entfernung gerichtet sind. Miller hat nun noch" genauere Mittel zur Untersuchung des Höhcnschielens erdacht und an einem weiteren Fall erprobt, der sich gleichfalls auf ein junges Mädchen bezog. Wenn die Patientin veranlaßt wurde, auf eine mit wagerechten Linien aus- gestattete Tafel zu sehen, so sagte sie aus, daß schon nach wenigen Sekunden die Linien zu zittern und zu tanzen begannen. Nach 20 bis 25 Sekunden war das Mädchen sichtlich erblaßt, konnte sich kaum noch sitzend erhalten, fuhr mit der Hand über die Augen und sagte ganz ängstlich: Jetzt wird mir schwach vor den Augen. Nachdem die Tafel mit den Linien entfernt worden war, erholte sich die Patientin sehr rasch, und nun wurde eine Korrektur des rechten nach oben schielenden Auges durch ein Prisma vorgenommen, und danach konnte der Anblick der Linientafel ohne weiteres und beliebig lange ertragen werden. Bis jetzt hat Miller 10 Fälle von Höhenschiclen behandelt. Er ist zu dem Schluß gelangt, daß dies Leiden nicht immer angeboren ist. sondern auch erworben tverden kann. In manchen Fällen hängt es vermutlich mit einer un- gleichen Entwicklung der beiden Schädelhälften zusammen, die über- Haupt von Sachverständigen als eine häufige Ursache des SchielenS betrachtet wird. Eine zu breite Anlage des Schädels und ein da- durch bedingter zu großer Abstand der Augen von einander führt leicht zu seitlichem Schielen, ein ungleich hoher Stand der Augen zum Höhenschielen. Als andere Ursachen sind die Bildung einer Narbe in der Augenhöhle, krankhafte Borgänge in den Muskeln und Nerven und auch eine einseitige Verminderung des Sehvermögens zu nennen.— Geologisches. t. Das schwankende Alaska. Der Erdboden ist in der Dichtung unzählige Nlale als Sinnbild der Festigkeit bezeichnet worden, aber er verdient diese Schätzung nicht. Freilich ist ein solches Bewußtsein oder Vertrauen in der ganzen Natur des Wkcnschen oft ausgeprägt, und gerade deshalb ist das Erlebnis eines Erdbebens, das die Unzuverlässigkcit dieses Glaubens beweist, von einem so schrecklichen Eindruck, der das Nervensystem des Menschen aufs äußerste erregt und in schweren Fällen fast immer bei einigen Personen geradezu den Ausbruch von Wahnsinn veranlaßt. Selbst in den Gebieten der Erde aber, die schon seit Jahrhunderten und vielleicht Jahrtausenden von Erdbeben nicht mehr heimgesucht tvvrden sind, ist die Erde nicht in eigentlichem Sinne fest. Fast überall bewegen sich die Nkeeresküsten aufwärts oder abwärts, wenn auch so langsam, daß der einzelne Mensch vielleicht in seinem ganzen Leben nichts davon»weit. Ileberhaupt ist es nicht ganz sicher, ob sich im Falle des Zurückweichens einer Küste das Land wirklich gesenkt oder ob sich das Mm gehoben hat, jedoch besteht eine große Wahrscheinlichkeit für die crstere Auffassung. Eins der berühm- testen Beispiele ist die Skandinavische Halbinsel, die sich sogar in einer gewissen Schaukelbewegung befindet, indem sich der südliche Teil allmählich hebt, während der nördliche sinkt. Kaum weniger h.lannt ist die Erscheinung im Golf vo» Neapel, wo sich an den stehengebliebenen Säulen dcL Serapis-Tempels von Pozzuoli nach- »vcisen läßt, daß sie zu einer Zeit seit dem Altertum etwa bis zur Halste unter Wasser gestanden haben müssen, weil sie bis zu einer gewissen Höhe von Bohrinuschew angefressen sind. Im letzten Sommer ist durch die Beamten der Geologischen LandcSuntcr- suchung der Bereinigten Staaten festgestellt lrordcn, daß auch im Süden von Alaska derartig? Bodenschwanknngcn stattfinden. Alaska ist freilich nicht zu der ruhig?» Erdgebieten zu rechnen. Seit 1899 »vurde die dorlig« Küste in der Gegend des St. Elias- und Schön- wettcr-BergS von einer Reihe kräftiger Erdstöße betroffen. Ihre Wirkung zeigte sich namentlich in bedeutenden Veränderungen des großen Muir-GlctschcrS. Der ganze anschließende Muir-Fjord»var von Eismasscn erfüllt, die getvalifam von dcni Gletscher abgebrochen waren. Die weiteren Forschungen haben dann, wie von den dort arbeitenden Geologen selbst in der Wochenschrift„Science" mit. geteilt wird, t-en Nachweis geliefert, daß die.Küsten in der Gegend der Bcrings-Bai und des großen Russell-Fjords durch die Erdbeben auffallende Veränderungen erlitten haben. Die Beweise dafür tvaren außerordentlich mannigfach und zuverläjsig Ausgesprochene Veranltvortl. Redakteur: Haus Weber. BerD— Druck u. Verlag: Strandlinicn tvaren mehr oder tvcnigsr hoch über den Meeres- spicgel hinausgehoben, vom Meer ausgewaschene Höhlungen zeigten sich in beträchtlicher Höhe, und am Ufer selbst tvaren neue Riffe und Inseln erschienen. Ferner fanden sich verschiedene Seeticre und Sccpslanzcn, letztere nach ihrer EntWickelung niemals mehr als fünf Jahre alt, der jetzigen Zone des Strandes entrückt. Auch die Eingeborenen des Gebiets traten als Zeugen für die Tatsäch- lichkeit solcher Veränderungen ein. An anderen Stellen tvaren wiederum Erniedrigungen der Küste bemerkbar, denn das Meer war bis zur Zerstörung von Wäldern längs der Küste vorgedrungen. Der Russell-Fjord, der die Berings-Bai ins Innere fortsetzt, fällt mit steilen Gehängen zum Meer ab und erhält vom Massiv des St. Elias-Bergcs den Zufluß von drei großen Gletschern. An diesen Bergküsten des Fjords waren die Schwankungen des UferS besonders gekennzeichnet. Einige Teile schienen keine Veränderung erlitten zu haben, während andere 10 bis 15 Meter gehoben waren. Derartige Umwälzungen sind natürlich nur möglich, wenn hie und da Zerreißungen und Störungen der Fclsmafsen selbst erfolgt sind. Die Senkung längs der niederen Küsten wurde auf höchstens 1 bis 2 Meter berechnet. Diese Forschungen sind besonders wichtig, weil sie zeigen, ünen wie großen Einfluß Erdbeben auf die Gestaltung von Ltüsten und namentlich wohl von Fjordküstcn auszuüben vermögen.— Huinoriftisches. — Die Hauptsache. Der Schwager eines Arztes ist schlver erkrankt und der berühmte Professor F. wird zu gemeinsamer Untersuchung und Besprechung des Falles hinzugezogen. Als sich beide äootores mit ernsten Gesichtern in ein Neben- ziinmer zurückgezogen haben, sagt der Herr Profefior, der die ver« waiidtschaftlichc» Beziehungen mittlerlveile vergessen hat:„Also zu- nächst die Hauptsache, Herr Kollege— zu machen ist ja nichts mehr,— ivaö kann man dem Mann abknöppen?"— — Der Irrtum. Kürzlich kommt ein Herr an den Schalter einer schwäbischen Eisenbahnstation, löst sich ein Billett nach Bins« »vangen, steigt ein und will sichs eben bequem machen. Da kommt der Kondukteur in den Wagen und redet ihn also an:„Entschuldige Se an, send Ihr der Herr, der noch Binswange fahra will?" Und auf die bejahende Antwort:„No solle Se eaba au so guet sei' on no emol an de Schalter komnia, es Hot an Irr- tum geaba!" Der Herr steigt aus, begibt sich zun, Schalter, wartet— wartet lange, nichts rührt sich. Da endlich kommt der Kondukteur aus dem Schalterraum, und dem Wartenden abivinkend, ruft er ihm zu:„Ihr kennet wieder ruhig ei'schteiga on»veiterfahra, der Jrrtmn ischt a Irrtum gwea I"— („Simpl.") Notizen. —„Und Pippa tanzt l", GlaShüttenmärchcn in 4 Akten von G e r h a r t Hauptmann, ist bei S. Fischer, Berlin, in Buch« form erschienen.— — Lieder aus der Tiefe nennt HanS Ost Wald einen Abend, den er am 29. Januar im Hotel de Rome veranstaltet. Karten zu 5, 3. 2 und 1 M. sind bei Wertheim und in den Buch- Handlungen Amelang und A. Junker zu haben.— — Im Opernhaus wird am 27. Januar die Oper„Der lange Kerl" zun, ersten Male gegeben. Die Titelrolle, die deS Grenadiers Mac d oll. besteht aus den Worten:„Zu Befehl!"— — Das Nationaltheater ivird von der nächsten Spielzeit ganz Spezialitätentheater. Es ist vom September ab an den Dirertor des Grazer Orphenms verpachtet worden.— — Flüssige Luft. Ueber den jetzigen Stand der Her- stelluitg und Verwendung der flüssigen Luft sprach dieser Tage D r. F. Linde im Polytechnischen Verein zu München. Außer der Gesellschaft für flüssige Luft in HöllriegelSgreuth bestehen solche noch in Barinen, Berlin, Paris, Birmingham und Mailand, die sich be- sonders mit der Sauerstoffgewimmng befasse», der noch eine große Zukunft bevorstehe; zunächst für medizinische Zwecke zur Ermög- lichnng der künstlichen Atmung und zur Verwendung bei der Chloro- form- Narkose, dann zu Rcttmigszwecken für die Feuerwehr und in Bergwerken: die Luftschiffer bedienen sich in höhere» Regionen des fliiisigen Sauerstoffes, um sich das Atmen zu erleickitern. Aber eine viel größere Zukunft habe dieses Produkt in der Industrie, in der eS jetzt schon zum Hartlöten, zum Platinsitmielzen, zum Sctnveiße», zum Zerteilen oder Durchbohren großer Eisenmassen Verwendung finde, und man könne ruhig behaupten, daß die Hälfte des im Handel befindlichen Sauerstoffes zu solchen und ähnlichen Zwecken verwendet»verde. Aber ancl» in der Beleuchtungstechnik, zum Gas- einsparen beim Glllhlicht, habe die Sauerstoffpcodultion eine viel- versprechende Zukunft, und die bei der Straßenbeleuchmng in Barmen und im Zoologischen Garien zu Berlin gemachten Versuche be- rcchtigen zu den besten Hoffnungen. Der flüssige Stickstoff lvie'ccr aber»verde zur Herstellung eines landivirtschastlichen Düngemittels verwendet, und auch diese Versuche seien sehr vielversprechend.— Vorwärts Buchdruckcrci u.VcrlagSanstalt Paul Singer chEo..Berlin LW.