Anterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 1«. Mittwoch, den 24. Januar 1906 (Nach druck verbalen.) LZ Oer foippewof. Roman von Alfred Bock. „Ich will's hoffen," sagte der Bauer,„sonst sein wir zwei geschiedene Leut, und Dein Platz is vor der Tiir. Alleweil weißt Du, wodran Du bist." Weiter wurde kein Wort gesprochen. Die Mariann langte mit zitternder Hand ihr Andachtsbuch aus dem Glas- schrank hervor und ging in ihre Kammer. Draußen läutete die Glocke den Sonntag ein. Der Bauer nahm die Mutze ab und verrichtete sein Gebet. Darauf begab er sich in den Hof, dem Henner und der Dine zu sagen, daß sie Feierabend machten. Auf seinem von Falten und Fältchen durchfurchten Gesicht lag der Ausdruck der Zufriedenheit. Geruhig ging die Woche zu Ende. Vor allen Dingen: die Bläß war kuriert. Und die Mariann? Er hatte sein Kind noch nie auf einer Lüge ertappt. Am Ende war's nur müßig Gerede mit dem Kalmuck seinem Fried. Eines wohlhabenden Bauern Tochter hatte viele Neiderinnen. Dock gab ihm die Zuträgerei eine Lehre: artf das Mädchen ein wachsames Auge zu haben. Das gebot die Vaterpflicht. o Der Heinrich Pokorny war eine im Dorf und darüber hinaus vielgenannte Persönlichkeit. Seiner bräunlichen Hautfarbe wegen hatte ihm der Volksmund den Spitznamen „Kalmuck" beigelegt. Er war ein stattlicher Mann, dem niemand ansah, daß er die fünfzig hinter sich hatte. Seine kleinen, kohlschwarzen Augen bekundeten scharfen Verstand. Von seinein Mienenspiel hätte ein Koinödiant profitieren können. Einer zugewanderten Backsteinformerin Sohn, hatte er iich bis zu seiner Militärzcit auf den Bauernhöfen herum- getrieben, ohne in ein festes Dienstverhältnis zu treten. Vcr- ding ich mich als Knecht, pflegte er zu sagen, verding ich auch meinen Buckel. Als Soldat machte er seinen Vorgesetzten viel zu schaffen, und sein Fühningsattcst wies eine beträchtliche Zahl von Arreststrafen auf. Dagegen focht er im Krieg gegen Frankreich mit Auszeichnung, insbesondere zeigte er beim Patrouilliren ebenso viel Mut als Verschlagenheit. Aus dem Feldzug heimgekehrt, ruhte er auf seinen Lorbeeren aus, erzählte 5inegsabonteuer und trug patriotische Gedichte vor, wobei ihm sein ausgezeichnetes Gedächtnis zu statten kam. In der Regel sprach er Hochdeutsch, nur im Affekt geschah es zuweilen, daß er in die bäuerliche Mundart verfiel. Der Landmann, der sein Brot im Schweiß seines Ange- sichts ißt, haßt den Müßiggänger. Eine Zeitlang ließ inan den Kalmuck gewähren, dann setzte man ihm energisch zu, daß er etwas schaffen solle. Die Arbeit, war seine Gegenrede, sei für die Dummen, er, der Heinrich Pokorny, wolle höher hinaus. Da wandte man sich mit Verachtung von ihm ab. Die einzige, bei der er Gnade fand, tvar die Horlig, eine ledige Person, die auf Taglohn ging und nebenher das Amt der Leichenfrau versah. In ihrer Hütte räumte sie ihm ein Plätz- chen ein. Es dauerte kein Jahr, so kam sie mit einem Buben nieder, dem Fried. Viel später erst gelang es dem Pfarrer, den Kalmuck zu bereden, daß er sich mit der Horlig gesetz- mäßig trauen ließ. Freilich war's ein sonderbares Eheleben, das die beiden führten. Die Frau, eine schlanke Blondine, ging ihrem Berns nach, der Mann erbettelte in den Dörfern und Städtchen des Kreises mit allerlei Schnurren seinen Unterhalt. Kam er von wochenlangem Streifzug heim, tvar er sanft wie ein Lamm und sprach:„Frau, hier ist's am besten." Zwei, drei Tage hielt er's im Bann des Dorfes aus. Mit einein Mal war er wieder verschwunden. Der Fried wuchs, ineist sich selbst überlassen, auf. Er war ein zartgliedriges Bnrschchen und hatte Bäckchen weiß wie Schnee. Einmal lief er als Hosenmatz in aller Herrgotts- frühe bis zum Donnerswäldchen. Am Saum zog sich ein langer Acker hin. Ein Mann im blauen Kittel säte Frucht, schritt dreimal um die Gewann und sprach: „Ihr Vöglein in der Luft, Ihr sollt vergessen diese Frucht, Ihr sollt Kies und Erde fressen Und sollt diese Frucht vergessen! Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!" Das war der Bernhard Dotzheimcr. Plötz- lich spürte der Fried auf seinem Rücken einen Klaps. Er wandte sich um und erblickte ein kleines Mädchen. Das war die Mariann. Die fragte:„Kannst Du Grase kringe?" Da er verneinte, streckte sie beide Aermchen ans, drehte sich um sich selbst herum und sang: „Grase, grate, kringe, Die Frau hat sieben Kinner, Gläschen Wein, Zucker drein. Buz!" Flugs duckte sie sich nieder und hieß den Fried, das gleiche zu tun. Der meinte, er müsse jetzt auch etwas zum besten geben und sang: „Drei dromp dril Die Mannsleut ,dei hunn Flih! Die Weisleut. bei bunn Läuserchcr, Dei beiße wie die Mäusercher, Drei dromp dri!" Kaum daß er geendet, gab ihm die Mariann einen Stum- per und schrie:„Du Säulips, mach, daß Du fortkommst!" Der Fried, der den Vers irgendwo aufgeschnappt hatte und sich gar nicht bewußt war, etwas Ungeschickliches gesungen zu haben, zog betrübt ab. Arn anderen Tag trafen die beiden in der Lohmühlsgasse zusammen. Die Mariann, deren Zorn längst verraucht war, nahm den Fried bei der Hand und brachte ihn ihrer Mutter. Die sprach mitleidig:„Armes Kerlchen, Dir guckt der Hunger ans den Augen heraus." Darauf ging sie ins Haus und kehrte mit einem Stück Honigbrot zurück. Das verzehrte der Fried mit großem Appetit. Die Mariann zeigte oem neuen Gespielen die Scheune, die Ställe und das Vieh. Er be- sichtigte alles mit ernsthafter Miene und betrug sich musterhaft. Fortan hielten die Kinder gute Kameradschaft. Ihr Liebliugsplatz war nahe beim Donnerswäldchen der Lindges- dorn. Es war im Frühjahr, als sie dort saßen. Die Bäume trugen junges Laub, und munter rieselte der Quell. Die Mariann hatte einen Maikäfer gefunden. Der lag starr und steif wie ein Siebenschläfer, bis ihn die steigende Sonne zu neuem Leben erweckte. Als er nun aufflog, stimmte die Mariann das Liedchen an: „Maikäfer flie, Dein Vater is net hie, Deine Mutter is im Hessenland. Hcsscnland is abgebrannt, Maikäfer flie!" Plötzlich begann der Fried zu weinen.„Warum flennst Du?" fragte die Mariann. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Sie aber babbelte:„Gelle, weil Dein Vater ein Strunzer is?" Er schluchzte auf. Da schlang sie die Aerm- chen um seinen Hals und sagte:„Fried, sei still. Ich will Dein Pappe sein." Ein Jahr später kamen sie in die Schnle. Das Schul- haus, ein nüchterner Neubau, lag der Kirche gegenüber. In einem großen, lichten Raum waren fünfzig Kinder unter? gebracht, ans der einen Seite saßen die Knaben, auf der anderen die Mädchen. Das Szepter führte der Lehrer Reitz, ein tüchtiger, gescheiter Mann. Der freute sich über die klugen Antworten, die ihm Fried, der ABC-Schütze, gab. Wurde dieser hüben gelobt, dachte drüben die Mariann. das gelte auch ihr, und lächelte glückselig vor sich hin. Der Schulbesuch wird aus dem Lande iin allgemeinen als Zwang empfunden. Die Hantierung in Haus und Hos erscheint der Jugend wichtiger als die Beschäftigung mit Schreiben und Rechnen. Diese Auffassung wird von den Eltern insofern genährt, als sie die Kinder frühzeitig daran gewöhnen, in der Wirtschaft mitzuhelfen. Daher werden die Schularbeiten vielfach in Hast und meist erst am späten Abend gemacht. Der Fried wich von der Regel ab. Daheim bedurfte seiner niemand. Die Mutter suchte ihren Verdienst außer dem Haus. Dem vagabundierenden Vater sich nützlich zu erweisen, war ihm verwehrt. Nun fand er in der Schule sein Paradies. Da er mit Eifer und Verständnis dem Unterricht folgte, be- wältigte er die Aufgaben leicht, die dem häußlichen Fleiß ver« blieben. Die Mariann, die mit großein Staunen ihren Kameraden an Weisheit wachsei, sah. inachte sich die Sache leicht und schrieb einfach ab, was auf seiner Schiefertafel stand. Der Tod der Totzheimern warf auf diese sonnenhellen Tage einen dunklen Schatten. Die Unermüdliche hatte sich auf dem Feld erkältet, und ein trockener Husten zerriß ihr die Brust. Der Säuhirtekarl, der ein halber Doktor Eisenbart tvar, wandte verschiedene Mittel an. Als die nichts fruchteten, sagte er:„Ich hab's gleich gewußt, so ein trockener Husten is dem Tod sein Trompeter." Ein paar Wochen schleppte sich die Bäuerin hin, dann wurde sie bettlägerig. Jetzt erst rief man den Arzt aus der Kreisstadt. Ter schimpfte:„Immer die alte Geschichte bei Euch Bauern. Wenn's zu spät ist, soll ich helfen." Rasch nahmen die Kräfte der Kranken ab. Eines Abends litt sie so schrecklich unter ihrer Atemnot, daß es der Bauer nicht mehr niit ansehen konnte. Da ließ er den alten Bickclniaier konimen. Der sprach ein„Gesa,,"*), worauf die Dotzheimern sanft verschied. Bei Tagesanbruch holte ein Bote die Totenfrau, daß sie ihres Amtes walte. Ehe die Horlig ihre Hütte verließ, trat sie an das Lager des Fried, rüttelte ihn aus dem Schlaf und rief:„Daß Du Dich heut„et unterstehst, ins Dotzheimers zu geh,,." Ter Bub schlüpfte schnell in die Hosen und schlich der Mutter nach. In der Eckstube beim Bernhard Dotzheimer lag die Bäuerin iin Himmelbett, und ihr Gesicht war weiß wie Linnen. Menschen gingen aus und ein. Und der Dotzheimer raufte sich das Haar und schrie:„Womit Hab ich das verdient?" Der Fried stieg die Treppe hinauf, die Mariann zu suchen. Die hatte sich in ihr Bett verkrochen. Als sie den Gespielen bemerkte, schob sie die Decke zurück und sagte unter heißen Tränen:„Fried, die Mutter is tot." „Deine Mutter is alleweil im Himmel," tröstete er sie, „da tun sie ihr ein weiß Kleid an. Und sie kriegt eine Krön auf von lauter Gold. Und der Herr Jesus führt sie zum lieben Gott seinem Thron. Da stehn alle heiligen Engel und singen. Gleich singt Deine Mutter mit und is seelenfroh." „Woher weißt Du dann das?" fragte die Mariann ver- wundert. „Ei's steht in unserm Gebetbuch deHeim," versetzte der Fried. Nun war die Mariann beruhigt. Und der Fried wich nicht von ihrer Seite und war liebreich zu ihr und gut. Die Bäuerin lag noch kein halbes Jahr unter der Erde, da redeten Verwandte und Bekannte in den Witmann hinein, er solle wieder heiraten. Er sei das seinem Kind schuldig. Und nicht zu vergessen: wo eine Frau wirtschafte, wachse der Speck am Balken. Der Dotzheimer setzte allen Ratschlägen und Ermahnungen ein hebarrliches Nein entgegen und blieb für sich. Die Mariann, in, Kindesalter mutterlos, gelangte zu früher Selbständigkeit. Wenn der Vater auf den, Feld war, hatte sie die Aufsicht im Haus, und ihrem scharfen Blick ent- ging so leicht nichts. Knechte und Mägde begegneten ihr mit Respekt. Indessen war sie keineswegs stolz, und ihr treues Gemüt zeigte sich auch darin, daß der Fried nach wie vor ihr„Allerbester" war. lFortsetzung folgtj Die dcutlcbe jfabrbundert- Huertellung in der Nationalgalcrie, die heute eröffnet wird, war seit Montag mittag den Vertretern der Presse zugänglich. D,e Leitung der Aus- stcHimg lag in den Händen der Galcriedirektoren Tschudi s Berlin), Reber(München), Lichttvark(Hamburg), Seidlitz(Dresden), Regierungslonimissar Dr. Schmidt. Vom 25. Januar ab ist die Ausstellung täglich von IV— 4 Uhr geöffnet. Das Arrangement ist übersichtlich uill> geschmackvoll. Die Ar- bcit war keine leichte. Cs ist ein Material zusammengetragen, das in dieser Reichhaltigkeit noch nie beisammen Ivar, und in absehbarer Zeit nicht wieder zusammenkomme» wird. Auf irgend welche außer- künstlerische Rücksichten ist u'cht Bedacht genonnncn wordcrn Mtm sieht fast kein Militärbild, und das©enremätzige, Anekdotenhafte erscheint nur da, wo cs künstlerisch behandelt lvorden ist. Co ist der Gang durch dies« Säle(die ganz« Nationalgalerie ist in Bc- schlag genommen einschließlich dreier Räum« des Neuen Museums) «in Genuß sondcrglcichci, und, da jedes Bild künstlerische Qualitäten ') Zauberspruch. ausweist, nie ermüdend. Endlich einmal besinnt sich die Berliner Galerie, die seit langem in so üblem Ruf stand, auf die Aufgabe, die ihr ihrer Stellung und Bedeutung gemäß gegeben ist. Endlich eirnml ein Versuch, hinter den anderen, modernen Galerien des Reichs nicht zurückzustehen. Besonders ist zu bemerken, daß, entgegen den reaktionären Kunsttendenzen, die offiziell in Berlin gelten, der Versuch gemacht worden ist, die schönen und wertvollen Objekte in ein geschmackvolles Milieu zu stellen. Dieser Versuch einen würdigen Hintergrund zu schaffen, ist gelungen. Zu diesem Zweck hat es sich die alte Galerie gefallen lassen müssen, sich im Innern ein ganz neues Gewand anziehen zu lassen. Das Uebermaß an Architektur und Wand» schmuck, das sonst so störend wirkte und ablenkte, ist verschwunden. Große einheitliche Flächen zeigen die Wände, die mit Stoff bespannt sind. Ruhe verbreiten diese diskret getönten Flächen, die nur der ornamentalen Gliederung wegen einen leichten Limenschmuck er- hielten. Am kräftigsten find die dekorativen Akzente unten im ersten Slock. Da ist durch die Bespannung der Wände mit braungclbcni Sloff, der oben breit und eckig abschließt, eine neu« Architektur ge- schaffen. Das Mittelrondell, von dem sternförmig die kleineu Kabinette abgehen, ist durch ein Gittcriverk weißer Holzstäbe, die sich in Vierecken schneiden,— ein Arrangement, das fich bis zur Decke hinaufzieht,— außerordentlich lustig gehalten und macht zusammen mit dem grünen Hintergrund einen modernen, beinahe wienerischen Eindruck. Sehr gut wirkt auch der erste Stock(die früheren Corneliussäle), der mit grauem Stoff bespannt ist, den sparsames Linienornamcnt in Göll» schmückt. In richtiger Er- kenntnis wurde so der Eindruck immer auf die Bilder gesammelt. Es lenkt nichts ab. Nur in seltenen Ausnahmen begegnen wir einem plastischen Werk. Es dominiert das Bild, und alles ist getan worden, ihm die Wirkung zu sichern. Die Reihenfolge richtet sich nach historischen Gesichtspunkten. Sie beginnt mit dem zweiten Stock. Dennoch ist es gelungen, die trecken« Aufeinanderfolge abwechselungsvoll zu gestalten. Zu diesem Zweck empfängt den Besucher beim Eintritt nicht eine endlose Zahl kleinerer Geister, sondern cs sind die großen Künstler, von denen jeder einen Iiaum für sich hat, die ihn begrüßen. So vorbereitet, geht man willig den einzelnen Richtungen nach, die in der Kunst nebeneinander laufen, sich durchkreuzen, lokal bedingt sind und nicht so allgemeine Geltung Halen. Jedes Bild ist mit Namen, Titel und Jahreszahl versehen, so daß eine Orientierung leicht ist, zumal Wert darauf gelegt wurde, die charakteristischen Gruppen zusammen- zubringen. Und meist dominiert mich in den Kabinetten entweder ein Künstler oder es geht durch die Haltung des Ganzen ein gemein- samcr Zug Mit außerordentlichem Geschick ist die Masse(es find wohl an tausend Bilder, die aus allen Teilen des Reichs zusammen- gebracht worden sind, ans Galerien und Privatbesitz) einheitlich ge- gliedert. So sehen wir die Zentren des KunststrebenS in den Jahren 1775— 1875, Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Wien, München, Weimar, und jede Schule zeigt sorgfältig ausgewählt« Bertoctung. Andererseits kommen die Größen zu einer niorkantcn, gesammelten Darstellung ihres Schaffens. Eine wirkliche Ueberraschung für weite Kreise wird Feuerbach sein. Wir erhalten hier die Bc- stätigung, daß er zu den ganz großen Künstlern gehörte, deren Reichtum uns mit höchster Freude erfüllt. Wie ein Leitmotiv zieht sich sein Schaffen durch die ganze Galeric. Ucberall begegnen wir seinen Werken, er hat einen Raum für sich, er füllt das Treppenhaus, und jedes Werk ist eine Schönheit. Er ging an der Enge und Kleinheit seiner Mitwelt zugrunde. Jetzt aber kann ein jeder sehen, wie unbeirrt dieser Pfadsucher in der Kunst seinen Weg ging. Einen anderen, der ebenso einsam lvar, werden viele hier zum erstenmal sehen, M a r e e s. dessen Werke sonst in dem stillen Schieitzheim bei München hängen. Es ist schade, daß ihn' nicht ein größerer Raum zugebilligt worden ist. Denn er ist noch weniger gekannt als Feucrbach. Nicht annähernd ist der große Eindruck erreicht, den die monnimentalen, dekorativen Gemälde, in denen ein ganz neuer Stil sich �eigt. in dem alten Schloß zu Schleißhcim hervorrufen. Immerhin sieht der Besucher gleich beim Eintritt rechts bedeutsame Proben seines Schaffens. Tann kommt Fcuerbach, wie erwähnt, und Böcklin scbließt sich mit drei Kabinetten an. Thonia, Trübner, Leibl, Schuch haben je einen Raum(Leibi sogar zwei) für sich Leu back, und Tefreggcr schließen sich an (Lenbach ist spärlich vertreten; die Ausstellungen des vorigen Jahres in Münch«» zeigten viele eigenartige Proben aus den frühen Jahren des Anfangs, als Lenbach noch nicht der Porträtmaler„berühmter" Leute war). Mit Liebe imanu schließen die Räume des ersten Stocks ab. Im zweiten Stock kommen wir tiefer in die Vergangenheit zurück. Die Corneliussäle füllt die alte Münchener Schule. Namentlich landschaftlich bieten sie Gutes, entsprechend der schönen, farbig so reizvollen Umgebung Münchens. Gabriel Max erinnert daran, daß er Dinge gemalt hat, die man später über seine» schwäch- liehen Sachen vergaß. Danach zeigt sich uns die Berliner Schule mit vielen kräftigen Porträts. Ten Abschluß bilden die drei großen Werke Menzels, das Flötenkonzert, die Tafelrunde Friedrichs II. und das Eisenwalzwerk. Die sich anschließenden Kabinette zeigen Menzel mit einer aparten Auswahl seinmalerischer Werke kleinen Formates. Franz Krüger imponiert Knaus gefällt, Geb- Hardt fesselt, Schrädter ergötzt. Waldmüllcr, der erst jüngst wieder Entdeckte, führt uns nach Wien. Mit Landschaften aus Pommern fällt KaSpar Friedrich auf. Lichtwark, der Direktor der Hamburger Kuiisthalle, zeigt uuZ in nuirkaute» Bei- spielen die tüchtige Kunst einiger Hamburger Künstler, unter ihnen überrascht ein feiner Maler W a s m a n n. Kersting zeigt ge- schmackvoll gestimmte Interieurs. Blechen malte ganz einfache Landschaften zu einer Zeit, als die hohe Kunst in Pose erstarrte; er hat ein ganzes Kabinett. S p i tz w e g führt uns in die romantische Periode der Malerei; seine graziöse Farbcngebung steht einzig da. Eigentümlich malerisch sieht Hausmann Interieurs alter Klöster mit Acbten und Bischöfen. Dann kommen Frankfurter Maler, die landschaftlich bedenkend sind. Nach Norden, an die See- küste, führen uns Feddersen, Jessen, und zeigen uns die derbe Farbigkcit der bäurischen Welt. Ein feiner Künstler war Buchholzei dem Einsiedler und schlage!» das große Buch auf, um daraus zu ersehen, was diese Nacht sich zugetragen hat, die Nichtniehrseieuden find mit und um uns. Was bleibt von Hauptmanns Gestalteit übrig? Nichts hat er selbst erschaffen, allcS übernommen, alles ver- kläglicht, indem er es übernahm. WaS bei den anderen lebt, führt bei ihm ein gespenstisches Homuneuli�sdasein. Man ißt nicht von den Speisen der Nomantik, nian t.ird gleichsam gezwungen, die Spcisenkarte zu verschlucken.. — Die Bedeutung des Wortes Jantee. Zlvei Deutungen, die als ziemlich gesucht bezeichnet werden müsien, gab es bisher für den Ursprung dieses Wortes. Nach der einen wurde das Wort„English" oder das französische„?lnglais" von den eingeborenen Indianern derartig entstellt, daß Aankee daraus entstand Die andere Deutung, die von Thierry, leitet den Namen von Jankin, einem Kosenamen, wie John, ab, der den englischen Ansiedlern von New Aork beigelegt wurde. Bedenkt man aber, daß damals Holländer und Engländer in fortwährender Feindschaft lebten, so muß es einleuchten, daß wenig Grund vorhanden war, einander mit Kose- namen zu schmeicheln. Einfacher scheint die folgende Lösung, die sich in der„Deutschen Wochenschrift für die Niederlande und Belgien" findet: Die meisten holländischen Ansiedler, die damals in Amerika verschiedene Städte gründeten, wie z. B. New Uork, daS einst Neu-Amsterdam genannt wurde, kamen aus der Provinz Zeeland. Nun war und ist es noch jetzt in Zeelaud gebräuchlich, solvohl Männern wie Frauen einen doppelten Vornamen zu geben. Mädchennamen wie Annemarie, Pictckoo(abg. bon Pctronclla Jacoba), Annebeth(Slnna Elisabeth) u. a., sind noch jetzt in Schwang. Aber auch bei Männern findet man solche Doppelnamen: Jaiüvillcm, Hendrikjan. Der gebräuchlichste und am meisten vor- kommende Namen ist Jankees, abgekürzt aus Johannes CorncliS. Es könnte nun in der Tat aus diesem Rufnamen, zusammen mit der Vorliebe, die die Ansiedler auch später noch immer für das ursprüngliche Mutterland Holland zeigten, das Wort Imtkee cnt- standen sein, das jetzt das ganze Volk bezeichnet.— ie. Wie tief kann der Mensch in die Erde gelangen? Unter den Bergleuten findet man ziemlich allgemein die Ansicht vertreten, daß>den Menschen ein großer Spielraum für sein Vordringen in die Tiefen des Erdkörpcrs gegeben ist. Die Stoßung und Bcr- Wertung eines Schachtes bis zu 3000 Meter Tiefe oder sogar noch mehr wird für nicht unmöglich gehalten und die Schwierigkeit seiner Ausnutzung nur darin gesehen, daß die Mittel zur Hcrausschaffung der abgebauten Masser ganz besondere sein müßten, über die man bisher noch nicht verfügt. Männer, denen man eine tüchtige wissen- schaftliche Vorbildung und dementsprechend auch ein begründetes Urteil zutrauen sollte, haben jüngst sogar davon gesprochen, daß man durch Schaffung sehr tiefer Bohrlöcher die Eigenwärme der Erde heraufbolen und zur Heizung und zum Betrieb von Maschinen verwenden könnte. Das ivarc schließlich auch noch etwas Anderes, als der Betrieb eines Bergwerks in so großer Tiefe, bis zu der dann doch auch Menschen hinabsteigen müßten. Bei genauerer 'Prüfung, sagt die Wochenschrift„English Mecftanic", muß man zu der Ansicht gelangen, daß der Glaube an die Möglichkeit des Berg- Werks in 3000 Bieter Tiefe ein vollkommener Irrtum ist, und zwar nicht wegen der erwähnten Schwierigkeit des Transports, sondern aus zwei anderen Griinden, die den?lufenthalt des Menschen in einem derartigen Schacht durchaus verbieten würden. Einmal würde dem Menschen der?ltem ausgehen wegen der ungeheuren Steigerung des Luftdrucks in der Tiefe, und ferner würde er die dort herrschende Hitze nicht vertragen können. Es gibt jetzt schoir einige Bergwerke von kehr viel geringerer Tiefe, in denen sich die Arbeiter nur zehn Minuten aufhalten können und dann von einer anderen Schicht abgelöst werden müssen. Blair kann die Verhält- , risse, die in einem Bergwerk, dessen Sohle 3000 Bieter unter der Erdoberfläche liegen würde, ganz gut im voraus berechnen. Eine Luftmass«, die an der Erdoberfläche 13 Grad Temperatur besitzen würde, wiirde in einem Schacht bis 3000 Bieter durch ihr eigenes Gewicht eine Temperatur von 33 Grad erreichen. Dazu käme nun aber noch die Einwirluiig der Eigenwärme des ErdkörperS. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Temperatur nach dem Erdinncru ständig zunimmt, rvciiigstcns so weit der-Mensch es bisher hat fest- stellen kön!»en. Freilich sind die Ersahrungen recht gering, denn die tiefsten Bohrlöcher, die bis jetzt ausgeführt worden sind, würden auf einem Globus von einem Meter Durchmesser nicht viel mehr bedeuten, als eine Vertiefung, die durch den leichten Eindruck einer Nadelspitze hervorgebracht werden würde. Deshalb ist auch die Berechnung der sogenaiinteir geothcrmischen Tiefenstrrfe, d h. der Tiefe, in der die Wärme nach dem Erdinnern hin um je ein Grad zunimmt, eine ziemlich unsichere geblieben. Nene Beobachtungen darüber liegen aus den Minen von Bendigo im australische» Staat Victoria vor, die bis zu einer Marimaltiese von 975 Metern vorgedrungen sind. Bis zu 140 Meter Tiefe nahm die Temperatur für je 54 Meter um ein Grad zu, bis 390 Meter Tiefe für je 98 Meter, bis 525 Meter für je 93, bis 090 Meter für je«2, bis 810 Bieter für je 74 und dann weiter bis zur größten Tiefe von 975 Bieter» wieder für je 54 Meter ur.r je ein Grad. Man er- sieht daraus bereits, ivie ungleich die Zunahme der Wärme ist. Diese Berschiedenheii ist dadurch zu er.'lären, daß auch die Be- schassenheit der Erdschichten ir verschiedener Tiefe einen großen Einfluß auf die schnelle oder langsame Tenrperaturzunahmc nach dem Innern hin besitzt. Danach herrscht in der größten Tiefe der Bendrgo-Minen schon eine Hitze von etwa 40 Grad. Es gibt nun aber Bergtverke, in denen die Temperatur nach sehr viel schneller zunimmt, so daß man dazu gelangt ist, im allgemeinen die Tem- peratursteigerung nach dem Erdinnern hin zu ein Grad auf je 33 Meter anzunehmen. Danach würde in einem Schacht von 3000 Meter Tiefe schon eine Temperatur bon fast 105 Grad herrschen und eine Arbeit für Meeschen unmöglich machen.— — Ueber die Kenntnis der Metalle bei den Alten berichtete in der Chemischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M. Dr. W. Äelck. Er bemerkte zunächst, daß man die Kenntnis, die die Sllten von den Metallen hatten, bisher irnnrer noch bedeutend unterschätzt habe. Namentlich gilt dies bezüglich des Antimons, das, wie man bis vor kurzem glaubte, erst im 15. Jahrhundert von Basilius Valcirtinus dargestellt worden seiir soll. Beyer hat in Trans- kaukasien mehrere Schmrickgegenstände gesunden, die man anfangs für Blei hielt. Die Analyse ergab jedoch, daß es sich um Antimon handelte. Der Vortragende selbst hat auf transkaukasischen Gebieten viele SchmuckgeMnstände und kleine Geräte gefunden, die fast durchivegs aris Antimon bestanden. Besonders interessant sind kleine durclibohrte Antimonpevlcn. Die Alten mußten also ein uns unbekanntes Mittel gehabt haben, um das außerordentlich spröde Metall geschmeidig zu machen. Die ersten Fundorte von Antimongegeriständen aus Transkaukasicn führen ungefähr auf 1000 Jahre v. Chr. zurück. Antimon hat man auch in einer uralten südbabylonischen Stadt gefunden. Diese Funde gehören dem 4. Jahrhundert v. Chr. an. Auch in Europa wurden Antimon- gegenstände zutage gefördert, so in Zirknitz in Krain(200 bis 500 v. Chr.). Vielfach kommt das Antimon in Legierungen bor, be- sonders als Llntimonbronze. Die Alten haben diese meist nur mit Kupfer, ohne Zinn, manchmal mit Blei und Arsen dargestellt. Antimonbronze hat man in Siebenbürgen, Ungarn, Westpreußen, der Schweiz, ferner auch in Südbabylonien entdeckt. Aus eiingen Andcutrlngen bei Plinius geht übrigens hervor, daß auch die Römer das Antimon gekannt haben. Das ist auch schon deshalb an- zunchmcir, tveil es in Dacien gefurrden wurde. Auch die Ansicht, daß den Römern das Zink fremd war, ist mit Rücksicht auf einen Fund in Dacien nicht aufrecht zu erbaltcri. Dieses Metall soll bei den Bclvohnern Ostchinas und Indiens schon seit den ältesten Zeiten in Gebrauch gewesen sein. Strabo beschreibt bereits die Herstellung des Messings. Im ganzen genommen ergibt sich, daß die Kenntnis der alten Völker von den Metallen viel weiter reichte, als man bisher angenommen hatte.— HumoriftischeS. — Die Klabier-Mänade. Cousin(spät abends Be- such machend):„Wie, Cousine, noch immer am Klavier?" Cousine:„Warum nicht? Jetzt ist's sogar noch gesetzlich erlaubt I"— — Recht hat er. Oirkel:„Jetzt habe ich Dir daS teure Buch„Der kleine Kaufmann" geschenkt, und Du hast»och keinen Blick hiireingeworfen." Neffe:«Ach, Onkel, WaS ist denn heutzutage ein kleiner Kausirrarrn I"— — Umschrieben. S o m m e r f r r s ch l e r(zum Wirt):„Wie kommt denn das, nun sind doch bei Ihnen schon mindestens drei Wochen kerne Forellen zu habe», früher gab's täglich tvclche?" Wirt:«Ja... es wird eben zuviel aufgepaßt?!"— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Erich Mühsam hat bei R. Piper u. Co. in München ei» Lustspiel in vier Aufzügen„Die H o ch st a p l e r" erscheinen lasten. Eine Zeile möchten wir hier aufspieße». Einer meint, eS liege wohl jetzt ein wenig im Zuge der Zeit, daß sich die Menschen vom ge- meinsameir, sozialen Leben ausschließen und mystischen Dingen zuwenden. Darauf sagt Simon Leibig, der Bürscmnaklcr:„Sehn Se— heißt e Wort! Gewiß liegt's im Zug der Zeit: Der wird katholisch, der wird vegetarisch und jener wird meschugge."— — Vom 1. Februar ab werden in Berlin zwei Blatter in russischer Sprache erscheinen. Die Tageszeitung„Sa Rübe- schone"(Hinter der Grenze) und ein Wochenblatt„Russischer Führer durch Deutschland".— „Und Pippa tanzt" ist vom Wiener Burgtheater angenommen worden.— —„König KandauleS", ein dreiaktigeö Drama von Andre Gide, gelangt im Kleinen Theater zur Auf- führrurg.— — Hans MüllerS EiirakterzykluS„Das st ä r k c r e Leben" hatte bei der Erstaufführung im B r ü n n e r Stadtthcater Erfolg.— — Die Zusammenstellung der Veröffentlichungen des deutschen M u> i k a l i c n'h a n d e l s crgicbt, daß im Jahr 1904 in Deutschland erschienen sind: 7105 Werke für Jirstrumentalmusik, darunter für Orchester 559, für Klavier 3003: die Gesangsmusik wurde um 5018 Werke bereichert. Dazu kommen noch 387 Bücher, Zeitschriften usw. Der Gesamtertrag ist somit 12 568 Werke.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaulSingcrLcCo.,BerlinL1V.