Anterhallungsblatt des vorwärts Nr. 17. Donnerstag, den 25 Januar 1906 (Nachdruck verboten.) »1 Der Kuppelhof. Roman von Alfred Bock. Es kam die Zeit der Konfirmation. Am Sonntag Exaudi wurden Buben und Mädchen öffentlich geprüft, und der Fried bestand glänzend. Der Mariann wurde aufgegeben, einen Psalm herzusagen. Mitten darin brach sie ab und weinte laut. Nicht daß ihr Gedächtnis sie im Stich gelassen hätte, aber angesichts der ernsten Feier war sie sich in tiefster Seele be- wüßt geworden, wie traurig es sei, daß ihr die Mutter heute fehle. Und der Schmerz überfiel sie, daß sie die Fassung verlor. Am Abend des gleichen Tages saßen der Fried und die Mariann am Lindgesborn. Bor ihnen lag das blühende Tal, im Donnerswäldchen jubilierten die Vögel, aber in den Herzen der jungen Leute kam keine Fröhlichkeit auf. Die Horlig hatte ihrem Sohn angekündigt, daß er in die Kreisstadt zum Schneider Unverzagt in die Lehre komme. Als der Lehrer davon erfuhr, sagte er bewegt:„Du, Fried, ein Schneiderl Ich hätt Dir bei Deiner Begabung einen an- deren Beruf gewünscht. Gott geb, daß Dir's glückt I" Der Fried drückte dem braven Mann die Hand, und seine Tränen fielen darauf. „Wann kommst wieder?" fragte die Mariann. „Vielleicht gar nie mehr," antwortete er bedrückt. „Du sollst net so sprechen, Fried I" Er ließ den Kopf hängen. Sie aber sagte, einem plötzlichen Antrieb folgend: „Und was ich Dir noch geben kann: Ein Kuß aus meinem Mund, Daß Du an mich gedenken sollst All Tag und alle Stund." Und stand auf und küßte ihn.— Am dritten Pfingsttag brachte die Horlig ihren Buben in die Stadt. Wie sie mitsammen über den Marktplatz schritten, sahen sie einen Mann, der von einem Schwärm lärmender Kinder umringt, als Possenreißer eine Vorstellung gab. Es war der Kalmuck. Schnell machten sie sich davon. Der Schneider Unverzagt in der Rittergasse empfing den Fried mit den Worten:„Ich will net hoffen, daß Du Dich vaterst. Sonst— eins, zwei, drei!— fliegst Du hinaus." Des Meisters Besorgnis war unbegründet. Der Fried erwies sich pflichttreu und anstellig, so daß ihn sein Lehrherr bald liebgewann. Dieser war kein Handwerker gewöhnlichen Schlags. Seine stehende Redensart war, der Mensch müsse außer seiner Profession noch etwas Höheres haben. Die Welt- geschichte war sein Steckenpferd. Abends las er in allerlei Büchern und wußte Bescheid wie ein Geschichtsprofessor. Drei Jahre, wie es der Brauch erheischte, machte der Fried seine Lehre durcki. Danach blieb er als Gesell, bis seine Mutter arbeitsunfähig geworden war. Sie hatte sich beim Kartoffelausmacheu einen Leibschaden getan und bedurfte des Sohnes zu ihrer Pflege und Unterstützung. Der Fried kam mit dem Meister Unverzagt iiberein, daß er daheim für ihn schaffe, und schnürte sein Bündel. Unterdessen war die Mariann zur Jungfrau erblüht. Als der Fried ihr zum erstenmal nach seiner Heimkehr begegnete, wurde er rot wie Zinnober. „Gu'n Tag, Fried," begrüßte sie ihn freundlich,„bist wieder da?" „Ja," sagte er,„der Kopf is mir wie eine Latern, dann die Mutter liegt noch, und ich muß barbarisch schaffen." „Ich Hab auch meine Last," klagte sie.„Der Vater is gar wackelig. He mächt's gern vertuckeln. Etz arbeiten wie sonst, das bringt er net mehr fertig. Nu hat er ein Knecht angeuoinmen, den Henner. Das is ein Schanzer, das muß man ihm lassen. Aber er hat ein bösen Blick. Walbersabend") schütt's wie mit Eimern vom Himmel heruilter. Was tut mein Henner? Stellt sich hemdärmelig in Hof und knallt wie besessen mit der Peitsch.„Was machst Du dann da?" *) Walpurgisnacht. fragt ihn mein Vater. He spricht, er müßt die Hexen vom Stall verjagen. Kannst mir's glauben, der Spitakel is mir durch Mark und Bein gegangen." Ueber dergleichen Spukgeschichten pflegte der Fried sonst nicht zu spötteln, jetzt konnte er sich nicht enthalten zu lachen. Die Mariann schwieg verletzt, und ein vertrauliches Wort ward nicht gewechselt. In der Spinnstube sahen sie sich wieder. Dort hatte der Fried ob seines Handwerks mancherlei Hänseleien aus- zustehen. Die Mariann mit hochrotem Kopf stieß ihn an und sagte:„Hannebambcl, wehr Dich!" Dazu war der Fried nicht der Mann. Als aber beim Geschichtcnerzählen die Reihe an ihn kam. stach er alle Burschen aus. Den Beschluß des Abends machte das„Schildwachtstchen"� Das war ein heiteres Spiel, wobei ein Mädchen vortrat und rief:„Hier steh ich Schildwacht und brauch Hülfe." Ein Bursche meldete sich als Schützer. Dies wiederholte sich so oft, bis die Burschen und Mädchen sich in zwei Reihen einander gegenüberstanden. Nun erscholl das Kommando:„Einen Schritt vor. Legt an. Gebt Feuer!" Paar um Paar küßte sich. Die Mariann hatte es so eingerichtet, daß der Fried ihr Spielgenoß war. In der Folge war der Sohn des Kalmuck Abend für Abend der„Heimführer" des reichsten Mädchens im Ort. Nach bäuerlicher Anschauung brauchte er deshalb noch nicht für ihren Liebhaber zu gelten. Der Klatsch aber, der auf dem Land so gut wie in der Stadt alles benagt und begeifert, setzte alsbald die Mäuler in Bewegung. Die einen fuhren los:„Was fällt dem Geißbock ein, daß der sich an dem Dotz- heimer sein Mädchen macht? Das is ja die verkehrte Welt. Dem muß man emal ordentlich das Fell versohlen, daß ihm die Flausen vergehn." Die anderen, die dem Dotzheimer nichts Gutes gönnten, höhnten:„Laßt's laufen, wie's läuft. Der Dotzheimerberz und dem Kalmuck sein Fried— das wird ein schön Schlamassel geben I"— Unter der uralten Linde, die seinen Hof beschattete, saß der Zacharias Allendörfer, die Stirn in Falten gezogen, den Blick auf den Boden geheftet. Ueber dem Dorf lag Sonntags- friede. Dem Allendörfer war nicht sonntäglich zumute. Er hatte den ganzen Vormittag gerechnet, bis ihm blümerant vor den Augen geworden war. Und das mit gutem Grund, denn sein Besitz war bis zu einer Grenze verschuldet, die er nicht überschreiten durfte, ohne seine Existenz zu gefährden. Beim Moritz Edelschild stand er mit etlichen tausend Mark in der Kreide. Was man den jüdischen Händlern auch vor- werfen mochte, der Edelschild war der schlimmste nicht. Er lieferte ihm Waren aller Art auf Kredit, nahm ihm die Feld- erzeugnisse ab und zeigte sich beim Viehhandel als reeller Manu. Und doch wär's eine Wohltat gewesen, ihn abzuschütteln. Leicht gesagt, und schwer getan. Wie die Zeit- Verhältnisse lagen, mußte er froh sein, jemand an der Hand zu haben, der ihn kapitalkräftig erhielt. Angenommen, er schnitt mit einer guten Ernte ab, waren die Fruchtpreise so gedrückt, daß er aus dem Verkauf seiner Produkte kaum die laufenden Ausgaben bestreiten, geschweige Schulden bezahlen tonnte. Die Wahrheit in Ehren: er trieb auch größeren Auf- wand als früher. Noch vor zehn Jahren hatte er einmal im Winter geschlachtet, jetzt gab s dreimal Metzelsuppe. Vielerlei wurde in der Stadt gekauft, was man vormals selbst gezogen oder entbehrlich gefunden hatte. Die heutige Welt ging halt darauf aus, sich ein besseres Leben zu schaffen. Dazu brauchte man Geld und wieder Geld. Eine Verlegenheit löste die andere ab, und mau lief Gefahr, zu verlieren, was man seit Uruälerzeiten besaß. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte er die trüben Gedanken verscheuchen. Sacht, sacht I Er tat ja gerad, als wär Matthäi am letzten. Waren sie nicht un Bauernverein am Werk, daß dem Landmann geholfen wurde? Das kam früher oder später allen und jedem zugute. Dann hatte er besonderen Anlaß, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Da war sein Bub, der Matz. Wenn's dem geriet, sich einen Goldfisch zu fangen, war man aus der Verlegern heit heraus. Der Matz war ein fixer Bursch und hatte sich noch nicht verplempert. Zog er im Herbst den Soldatenrock aus. stand seiner Verheiratung nichts im Weg. Der Allendörfer hob den Kopf empor, und seine Blicke wandten sich über den Hof hinweg der Einfahrt zu. Gleich mußte der Hannpeter kommen. Der hatte gestern den Bern- Harb Dotzheimer wegen der Mariann ausgeklugt. Er war doch neugierig, wie der Bescheid ausfallen würde. Der Dotz- heimer war ihm nicht grün. Vor langem schon hatten sie sich erzürnt. Um einer Kleinigkeit willen. Er hatte an einem Sonntag Frucht gebunden und hatte sich dabei die Schulter ausgerengt. Auf dem Heimweg litt er große Schmerzen. Am Prozeßheckchen traf er den Dotzheimerberz. Der sprach: „Karges, Du hast den Sonntag verschändt. Dessentwegen hat Dich uns' Herrgott gestraft." „Wann ich so ein Dommes war wie Du, tat ich das glauben," gab er zurück.„Ich schätz, uns' Herrgott hat mehr zu tun, als droben an einem Stück aus dem Fenster zu gucken und Obacht zu geben, was wir zwei für Schluppstreich machen." „Tu bist ein schlechter Kerl," sagte darauf der Dotzheimer wütig und ging. Seit der Zeit vermieden sie, miteinander in Berührung zu kommen. Nun hatte der Walzeheinrich von Krainfeld eine Versammlung einberufen, für den Bauernverein Mitglieder zu werben. Im„Pflug" saßen an fünfzig Männer bei- fammen, darunter auch der Dotzheimerberz. Im letzten Augenblick ließ der Walzeheinrich sagen, er habe sich stark verkältet und stecke im Bett. Statt seiner solle ein anderer den Bericht übernehmen. Jetzt hieß es:„Allendörfer, Du hast die Sach sturiert, schieß los." Freilich hatte er die Sache studiert, und es war ihm eben recht, daß er sich einmal Luft machen konnte. Die meisten hatten keine Ahnung, um was es sich handelte. Wie er nun vom Bauernverein sprach und alles hübsch auseinanderlegte, sperrten sie Augen und Ohren auf, und er glaubte, sie alle in der Tasche zu haben. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Nach ihm nahm der Dotzheimer das Wort. Die Politik, sagte er. sei ein Ver- derb für den Bauersmann. Man solle sich doch nicht ver- messen, denen ins Handwerk zu pfuschen, die nach Gottes Willen die Zügel in Händen hätten. Man solle lernen, sich in die Zeit zu schicken. Wer sich nach der Decke strecke, achtsam und fleißig sei. der könne nach wie vor sein Bestehen finden. Was den Bauernverein anbelange, so sei er unbedingt da- gegen. Solange der Eigennutz die Welt regiere und jeder bloß an seinen Sack denke, halte er nichts von der Vereins- brüderschaft. Die eine Mark, die er als Mitglied bezahlen solle, getraue er sich besser anzuwenden. Mit solcherlei Redensarten brachte der Dotzheimer viele auf seiner Seite. und die Versammlung war ein Schlag ins Wasser. Selbigmal hatte er vor Zorn geknirscht, und er wäre am liebsten auf- gesprungen und hätte dem Berz den Buckel blau gefärbt. Heute dachte er ruhiger über die Dinge. Jeder machte es, wie er's verstand. Wenn er so alt wurde wie Methusalem, mit dem Dotzheimer zög er nie an einem Strang, aber die Mariann als Sohnsfrau, die tät ihm passen. Die Allendörfern kam in vollem Staat aus der Kirche und unterbach seinen Gedankengang. Sie war eine hübsche, aber etwas beschränkte Frau, die bei ihrem Manne nicht viel galt. Ihr Heimatort war Herchenhain. Dort hatte ihr Vater eine Holzschneiderei geründet. Da er keine kaufmännische Bildung besaß, sah er sich gezwungen, den Betrieb einer Ge- nosscnschaft zu überlassen. Diese machte glänzende Geschäfte, während der Gründer des Unternehmens verarmte. „Wie is es dann," hob die Bäuerin an,„machen wir morn Heu?" „Ich denk ja." versetzte der Karges. „Auf der Wetterfahn sitzt ein Rab. Man spricht da gibt's Regen." Die Bemerkung war ihm zu„läppisch", als daß er darauf geantwortet hätte. Nun packte sie die Neuigkeiten aus, die dieser und jener ihr zugetragen. Dem Bäckerphilipp sein Zuchtstier war widerbörstig geworden, hatte seinen Herrn auf die Hörner gesetzt und war mit ihm im Galopp davongejagt. Schließlich hatte er ihn abgeworfen. In der Vorstellung, wie der Philipp sich dabei ausgenommen haben mochte, schüttelte sich die Bäuerin vor Lachen. Der Wolfeschorsch hatte seine Gritt mit dem Landbriefträger Heß in der. Scheuer erwischt und hatte sie derart verhauen, daß die ganze Nachbarschaft zu- Lamineiigelaufen war. Derlei Schwätzereien zu hören, war der Allendörfer nicht aufgelegt, darum stand er auf und fragte mürrisch:„Hast Du den Hannpeter net gesehn?" lgortsctzung folgt.! (Nachdruck verboten) Sancta Iultitia. Von A» a t o l e France. Autorisierte Uebersetzung von Gertrud Savic. Ich kannte einen strengen Richter. Er hieß Thomas v. Maulan, und war von kleinem Landadel. Er trat unter dem Septennat des Marschalls Mac Mahon in die Richterkarriere ein, in der Hoffnung, eines Tages im Nanien des Königs Recht sprechen zu können. Die Prinzipien, die er hatte, konnte er für unerschütter- lich halten, weil er nie daran gerührt hatte. Sobald man nämlich ein Prinzip genau untersucht, findet man, daß es gar kein Prinzip ist. Thomas v. Maulan bewahrte seine religiösen und sozialen Prinzipien sorgfältig vor seiner eigenen Neugierde. Er war Landrichter in der kleinen Stadt X.... wo ich seiner- zeit wohnete. Sein Aeußeres flößte Achtung und sogar eine gewisse Snmpathie ein. Er hatte ein gelbes Gesicht und einen langen dürren Körper, an dem die Haut sich straff über die Knochen spmmte. Seine außerordentliche Einfachheit gab ihm etwas Vornehmes. Er ließ sich schlichtweg„Herr Thomas" nennen, nicht weil er seinen Adel mißachtete, sondern weil er sich für zu arm hielt, um ihn würdig zu repräsentieren. Ich habe genügend mit ihm verkehrt, um mich überzeugen zu können, daß sein Wesen mit semem Aeußeren in Einklang stand. Bei beschränkter Intelligenz und schwächlicher Leibesbeschaffenheit, hatte er ein« große Seele; ich gewahrte hohe moralische Eigenschaften in ihm. Aber da ich Gelegenheit hatte, zu beobachten, in welcher Weise er sein Amt als Richter ausübte, bemerkte ich, daß gerade sein streng redlicher Sinn und die Auf- fassung, die er von seine» Pflichten hatte, ihn grausam maclsten und ihm bisweilen jede klare Einsicht raubten. Da er außerordent- lich fromm war, deckte sich in seinem Geist, ohne daß er sich dessen bewußt war, der Begriff Sünde und Buße mit Vergehen und Strafe, und es war klar, daß er die Schuldigen in dem angenehmen Gedanken bestrafte, sie zu reinigen und zu läutern. Er betrachtete die menschliche Gerechtigkeit als ein geschwächtes, aber immer noch schönes Ebenbild der göttlichen Gerechtigkeit. Schon in seiner Kind- heit hatte er gelernt, daß Leiden außerordentlich heilsam seien, daß sie ein großes Verdienst und mannigfaltige Tugend in sich trügen und sichere Sühne. Auch glaubte er fest daran und er meinte daher, daß diejenigen, die gefehlt haben, leiden niüßten. Er liebte es, zu züchtigen, es war eine Aeußerung seiner Güte. Wie er ge- wohnt war, Gott zu danken, wenn er ihm Zahnschmerzen und Koliken schickte zur Strafe für seine Adamssündcn und zu seinem ewigen Heil, so gewährte er den Landstreichern und Vagabunden Gefängnis- und Geldstrafen gleichsam als eine Wohltat und Hülfe. Seinem Katechismus entnahm er die Philosophie der Gesetze und vor lauter Gerechtigkeit und Geifteseinfalt war er ohne Erbarmen. Man konnte nicht sagen, daß er grausam gewesen wäre, aber da ihm alle Sinnlichkeit abging, war er gefühllos. Er hatte von den menschlichen Leiden keinen konkreten, physischen Begriff, sondern nur eine moralische und dogmatische Borst allung. Für das Zellensystem hatte er eine etwas mystische Vorliebe und zu seiner Herzensfreude und Augenweide koimte er mir ünes Tages ein schönes Gesängnis zeigen, das in seinem Gebiet neu er- baut worden war: ein großes, weißes Ding, sauber, stumm und schrecklich; die Zellen waren in Krcisform um den Wachtturm des Gefangcnwärters geordnet. Er sah aus wie ein Laboratorium, das von Verrückten gebaut war, um Verrückte zu fabrizieren. Und wahrlich: nur unheimlich verrückte Menschen konnten dies System der Einzelhaft erfinden, um einen Missetäter, den sie bessern wollten, einer Tortur zu unterwerfen, die ihn blödsinnig oder rasend macht. Herr Thomas urteilte anders. Mit Genugtuung betrachtete er stillschtveigeud diese fürchterlichen Zellen. Er hatte seine eigenen Gedanken darüber: er meinte, der Gefangene sei niemals allein, da ja Gott mit ihm sei, und sein ruhiger, zufriedener Blick schien zu sagen:„Ich habe da fünf oder sechs hineingesetzt, die sich nun ganz allein angesichts ihres Schöpfers und erhabenen Richters be- finden. Kein Schicksal der Well ist so beneidenswert als das ihre." Dieser selbe Beamte hatte in verschiedenen Fällen die Unter- suchung zu führen, so auch in der Sache eines Schulmeisters. Es war gerade die Zeit, wo die weltlichen und geistlichen Lehrer im Kriege miteinander lagen. Die Republikaner hatten die Unwissenheit und Brutalität der Ordensbrüder denunziert, worauf ein klerikales Blatt der Gegend einen weltlichen Lehrer beschuldigte, er habe ein Kind auf einen glühenden Ofen gesetzt, und diese Be- schuldigung fand Glauben in den ländlichen aristokratischen Kreisen. Die Tatsache wurde mit allen ihren empörenden Einzelheiten so- lange erzählt, bis das Gerücht davon der Justiz zu Ohren drang. Als ehrlicher Mann, der er war, wäre Herr Thomas nie seinen Passionen gefolgt, wenn cr sie als solche erkannt hätte. Wer, da sie religiöser Art waren, hielt er sie für seine Pflicht. Er glaubte, es sei seine Pflicht, die Anklagen, die sich gegen diese Schule ohne Gott erhoben, zu vernehmen, und er war sich nicht bewußt, mit welchem Eifer er sie entgegennahm. Ich muß gestehen, daß er die Sache mit peinlichster Sorgfalt und großer Mühe leitete, und daß er ganz erstaunliche Resultate erzielte. Dreißig Schulkinder, die gründlich ausgefragt wurden, antlvortcten anfangs sehr schlecht, dann ging eS etwas besser und schließlich sehr gut. Nachdem sie einen Monat verhört worden waren, antworteten sie so gut, daß sie alle dasselbe sagten. Die dreißig Aussagen stimmten identisch und buchstäblich übcrein. Dieselben Kinder, die am ersten Tage erklärt hatten, daß sie nichts gesehen hätten, sagten jetzt alle mit den- selben Worten und Ausdrücken, daß sie gesehen hätten, wie man ihren kleinen Kameraden mit dem nackten Hinterteil auf einen glühenden Ofen gesetzt habe. Herr Thomas beglückwünschte sich zu diesem günstigen Resultat, aber darauf stellte der Schulmeister unabweisbare Beweise auf, daß in der Schule überhaupt gar kein Ofen gewesen war. Herr Thomas kam nun zu dem leidigen Verdacht, daß die Kinder logen, aber es kam ihm nie in den Sinn, daß er ihnen ohne Wissen und Wollen selbst dies Zeugnis diktiert hatte, das sie nun auswendig hersagten Die Sache endete mit der Niederschlagung des Prozesses, und der Schullehrer wurde nach Hause geschickt, nachdem ihm der Richter eine ernste Ermahnungsrede gehalten hatte, in der er ihm empfahl, in Zukunft seine brutalen Instinkte zu be- herrschen. Die Kinder aus der Ordcnsschule kamen vor das ver- lassene Schulhaus, sangen Spottlieder und riefen:„Hei Hei Kindcrbrateri" und warfen mit Steinen nach ihm. �Darauf wurde der Schulbehörde berichtet, daß der Lehrer seinen Schülern gegen- über keine Autorität besäße, und seine sofortige Versetzung beantragt. Sie erfolgte denn auch und der Lehrer wurde in ein entferntes Dorf versetzt, wo die Leute ein Platt sprachen, das er nicht verstand. Der Spitzname ist ihm geblieben. In dem Verkehr mit Herrn Thomas habe ich gesehen, wie es kommt, daß alle Zeugenaussagen, die ein Unters uchungs- lichter entgegennimmt, denselben Stil haben. Er empfing mich in seinem Bureau, als er mit Hülfe seines Schreibers gerade im Begriff war, ein Zeugnis aufzunehmen. Ich ivollte mich zurück- ziehen, aber er bat mich zu bleiben, denn meine Gegenwart sei der guten Verwaltung der Justiz in nichts hinderlich. Ich setzte mich daher in einen Winkel und hörte den Fragen und Antworten zu: „Duval, Sie haben also den Angeklagten um sechs Uhr abends gesehen?" „DaS heißt Herr Richter, meine Frau stand nämlich am Fenster und sagte zu mir: Da geht Socqardot vorbei I" „Es erschien ihr demnach ausfällig, daß er vor Ihrem Fenster war, weil sie Sie gleich darauf aufmerksam machte. Kamen Ihnen die Allüren des Angeklagten verdächtig vor?" „Ich will Ihren sagen, Herr Richter, meine Frau sagte zu mir: »Da geht Soquardo» vorbei I" Tarauf guckte ich hinaus und sagte: „Ja richfig. das ist Soquardotl" „Gut! Schreiber nehmen Sie das auf: Um sechs Uhr abends bemerkte das Ehepaar Duval, daß der Angeklagte mit verdächtigen Allüren um das HauS streifte." Herr Thomas stellte noch einige Fragen an den Zeugen, der seines Standes ein Taglöhner war. Die Antworten, die er erhielt, diktierte er dem Schreiber, nachdem er sio in das juristische Kauder- wälsch übertragen hatte. Tann wurde dem Zeugen die Aussage vorgelesen, er unterzeichnete, grüßte und zog sich zurück. "„Warum," so fragte ich,„nehmen Sie die Zeugenaussagen nicht so auf. wie sie Ihnen uberliefert werden, anstatt sie in eine Sprache zu übertragen, die dem Zeugen nicht eigen ist?" Herr Thomas sah mich überrascht an und antwortete mit größter Ruhe: „Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen. Ich nehme die Aus- sagen so getreu wie nur möglich auf. Alle Beamten tun das. In den Annalen des Richtcramtes findet sich kein einziges Beispiel, wo eine Aussage durch einen Richter verändert oder gefälscht worden wäre. Wenn ich dem üblichen Brauch meiner Kollegen gemäß die Ausdrücke der Zeugen etwas modifiziere, so tue ich das, weil Leute, wie dieser Duval, eine sehr schwerfällige Redetveise haben, und weil eS sich nicht mit der Würde der Justiz verträgt, inkorrekte, niedrige, ja bisweilen gemeine Ausdrücke aufzunehmen, wenn die Notwendilsteit es nicht erheischt. Ich glaube jedoch, mein Herr. Sie machen sich keinen klaren Begriff von den Bedingungen, unter denen eine gerichtliche Untersuchung stattfindet. Bei der Aufnahme und der Gruppierung der Zeugenaussagen darf der Beamte die eigent- liche Sache nicht aus dem Auge verlieren. Der Fall soll nicht nur für ihn selbst klar werden, sondern für die ganze Richterschaft. ES ist also von höckister Wichtigkeit, daß er die Belastungen, die sich aus den oftmals unsicheren und verworrenen Zeugenaussagen und den doppelsinnigen Antworten des Angeklagten ergeben, klar zutage legt. Wenn sie ohne jede Ordnung und Methode verzeichnet würden, so würden die rechtskräftigsten Beivcise schvach erscheinen und der größte Teil der Schuldigen würde der Strafe entgehen." „Aber ist dies Verfahren, das darin besteht, die unsichere Meinung des Zeugen zu präzisieren, nicht gefährlich?" fragte ich. „Das wäre es, wenn die Beamten nicht gewissenhaft wären. Aber ich habe bisher noch keinen Richter kennen gelernt, der sich nicht im vollsten Maße seiner Pflichten bewußt gelvesen wäre, und doch habe ich an der Seite von Protestanten, von Deiften und Juden als Richter fungiert. Aber es waren Beamte!" „Zum mindestens hat Ihr Verfahren den Nachteil, Her» Thomas," sagte ich„daß der Zeuge, wenn Sie ihm seine Aussage vorlesen, sie schwerlich versteht, da Sie darin Ausdrücke gebrauchen, die ihm ungewohnt und unverständlich find. Was soll dieft» Taglöhner sich zum Beispiel bei„verdächtigen Allüren" denken?" Er antwortete mir lebhaft: „Daran habe ich schon selbst gedacht, und um dieser Gefahr vorzubeugen, treffe ich die größten Vorsichtsmaßregeln. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür nennen: Vor kurzem war ein Zeuge vorgeladen, der mir recht be« schränkt erschien und über dessen Moralität ich nicht unterrichtet war. Als der Schreiber ihm seine Aussage vorlas, schien es mir» als hörte er nicht aufmerksam zu. Ich ließ dag Zeugnis noch ein« mal vorlesen, nachdem ich ihn gebeten hatte, sehr genau zuzuhören. Dennoch war ich überzeugt, daß er es nicht tat. Um ihn daher cm die Einsicht seiner Pflicht und Verantwortlichkeit zu gemahnen,, diktierte ich dem Schreiber einen Satz, kxr in direktem Widerspruch mit seinen bisherigen Aussagen stand, und darauf forderte ich den Zeugen zur Unterschrift auf. In dem Augenblick, als cr die Fede» aufs Papier setzen wollte, hielt ich seinen Arm fest. „Um des Himmels Willen," rief ich entsetzt,„Sie unterzeichnen ja das Gegenteil von dem, was Sie ausgesagt haben, und sind im Begriff, eine verbrecherische Handlung zu begehen.". „Nun und was erwiderte er darauf?" Er sagte ganz kläglich:„Herr Richter, Sie sind doch kluge» als ich, und müssen besser wissen, was ich schreiben darf." „Da sehen Sie," fuhr Herr Thomas fort,„daß ein Richte«, der sein Amt gewissenhaft verwaltet, sich vor jedem Irrtum be- wahrt. iGIauben Sie mir, mein Lieber, der juristische Irr« tum ist eine Mythe."— Kleines feinlleton. i. Ein Original. In unserer Zeit sind die Leute, denen dies Prädikat zugesprochen werden kann, sehr dünn gesät. Da war eS früher anders, und auch die„vergeßlichen" Professoren, wie sie heute nur noch in der Phantasie der Witzblättermacher existieren, liefen damals leibhaftig herum Solch ein Prachiexemplar von„Original" war ein Gymnasialprofessor Johannes Kaspar v. Orslli in Zürich, über den Friedrich Locher einige ergötzliche Mitteilungen hinterlassen hat. Orelli war in seiner Jugend längere Zeit protestantischer Pfarrer in Bergamo gewesen, hatte sich nachher philologischen Studien zugewandt nnd galt— er war Heransgeber des Cicero, Horaz und anderer Klassiker— als erste Autorität seines Faches. Von sämllichen Professoren des Gymnasiums war er der einzige radikale und scheute sich nicht, seine Gesinnung bei jeder Gelegenheit kund zu tun. Daß die Behörde ihn nicht zu maßregeln wagte, hatte Orelli lediglich seinem hohen wissenschaftlichen Verdienste zu verdanken. Seine rechte Schulter war merklich höher als die linke, weil er niemals ohne zwei dicke Bücher auszugehen pflegte. Nicht selten war er nachmittags leicht angesäuselt, wandelte in der Cykloide mitunter direkt gegen eine Maiier. welche er als» dann verwundert bcttachtete, bevor er sich entschloß, umzukehren. Aber keinem seiner Schüler wäre eingefallen, über den verehrten Lehrer mit dem üppigen Silbcrhaar, dem zinnoberroten Gesicht und geistvoll leuchtenden Auge», auch nur den Mund zu verziehen. Sein Vortrag war klar, humoristisch, etwas nonchalant, stellenweise allzu verttanlich. Als er einmal in einer Geschichtsstunde auf den berüchtigten römischen Statthalter VerreS zn sprechen kam, äußerte er sich folgendermaßen:„Dieser Verres war ein Hauptspitzbube. Er lud Notabilitäten zum Gastmahl ein, entlehnte ihr Tafelgeschirr, weil er ftemd sei. Jeder bestrebte sich, dem Stattbalter das Kost- barste, was er besaß, zu schicken. Nachher behielt der Schuft alles zurück oder ließ das kunstvolle Getriebe ablösen. Sie müssen sich den römischen Haushalt nicht denken, wie den unsrigen. Sämtliche HauS« geräte, selbst daS Unbedeutende, hatte Kunstwert, war von Bronze, Silber oder Gold, mit ziselierter oder getriebener Verzierung. Wir können uns hiervon kaum einen Begriff macheu. Heutzutage ist eben alles billig und schlecht. In meinem Haushalte befindet sich kein ganzer Kerzenstock, oder dann fehlt die Lichtschere, alles von Sturz. Wenn ich klage und auf die Römer verweise,� so schimpft meine Frau und es setzt eine Szene. Nun, sie wird wieder gut und man gewöhnt sich daran. Seien Sie froh, meine Herren, daß Sie nicht verheiratet sind I Um aber wieder auf diesen Hund von VerreS zu konimen, so ist kaum glanblich, wie er's gettieben hat. Die Flotte hat er schändlich vernachlässigt. Der Mannschaft nichts zu essen gegeben, als Seetang. Als der Admiral, ein Günstling seiner Maitresse, vor den Seeräubern floh und die Kapitäne seinem Beispiele folgten, ließ er letzteren wegen Feigheit die Köpfe ab- schlagen und konfiszierte ihr Vermögen. Die Verlvandten mußten noch den Liktor bestechen, damit er ihnen die Leichen herausgebe. Römische Bürger, die als solche von der Strafe der Kreuzigung befreit waren', ließ er am Hafen mit dein Gesichte gegen Rom kreuzigen, damit sie protestieren lömteiu Kurz, ein abscheulicher Halunke! WaS meinen Sic, Häven wir bei uns auch solche? Vian behauptet, die Menschheit bleibe sich ewig gleich, nur die Form ändere sich. Danach hätten wir auch solche. Doch wir wollen dies jetzt nicht näher untersuchen." Während eines Sommers besuchte er einnial die romantisch an der Limmal gelegene Wirtschaft „Zuiir Drachenschmiedli" und bestellte hier zwei Schoppen Veltliner und ein scharfes Messer, er wolle sich in dem untern Lokal setzen. woselbst eS schön kühl und er ungestört sei. Als man einige Stunden später nach ihm sehen wollte, war die Tür verschlossen und das Klopfen umsonst. Sollte er sich entleibt haben? Man ließ einen Schlosser kommen, der öffnete, und siehe da, der Herr Professor hatte seinen Wein gewiffenhafr getrunken und war alsdann zwischen zwei halb aufgeschnittenen Büchern sest eingeschlafen.— Jede Woche mußten die Schüler eine Ode des Horaz, nach freier Wahl, aus- wendig lernen und rezitieren. Begreiflicherweise wurden nicht die längsten herausgesucht, und es gab solche Schlingel, welche die gleiche Ode mehrmals aufsagten. Orclli ließ eS geschehen. Damit es aber nicht erscheine, daß er düpiert sei. begrüßte er freude- strahlend die Ode:„Aha, da ist ja wieder die beliebte!" Oder wenn ein Skandierschler vorkam:„Wie oft habe ich Ihnen nicht schon diesen Fehler korrigieren müssen?" Oder:„Sie haben eigentlich ganz recht, wenn man einmal etwas gelernt hat, kann man es nicht oft genug repetieren, sonst vergißt man es wieder."— Vorschriftsmäßig mußte Abwesenheit beim Professor entschuldigt werden. Da kam einer, der behauptete, er habe Zahnschmerzen gehabt.„Zahnschmerzen", erwiderte Orelli,„sind eine schlimme Sache, ich habe seinerzeit viel daran gelitten. Jetzt freilich geht es besser, deun die Mänse verlassen das lecke Schiff. Und Sie, WaS haben Sie gehabt?"—„Ich habe Kopfschmerzen gehabt."— „Kopfschmerzen? Ja. das kenn' ich, das passiert mir nur zu häufig, der verdammte Katzenjammer, das kommt davon, das kommt von den vielen... vielen... nun, wir wollen lieber nicht davon reden. Und Sie? Was haben Sie gehabt?"—„Ich habe Zahnschmerzen gehabt, Herr Professor!"—„Halt, halt, das können Sie nicht gehabt haben I Zahnschmerzen hat schon einer gehabt. Sie müssen sich auf etivaS anderes besiu»«r."— kh. Ausgrabungen in Delphi. Die Ausgrabungen, die von der französischen Negierung in Delphi gemacht werden und unter der Leitung von Homolle stehen, haben nach einem Berichte des„Scientific American" bedeutsame Resultate zutage gefördert. Als die Aus- grabungcn vor mehreren Jahren begonnen wurden, war die eigentliche Fundstätte noch völlig von dem Dorfe Kastri bedeckt, und die ersten Ausgrabungen wurden in der Mitte des Dorfes unternommen, ohne daß der ganze Plan hätte freigelegt werden können. Nun ist eS im weiteren Fortgange der Arbeiten gelungen, das ganze Dorf zu ver- legen, was nicht ohne heftigen Widerstand der Bewohner möglich war. Der heilige Bezirk in Delphi ist ein weiter Platz, der sich in der Form eines Rechtecks den Abhang eines Berges hinan erstreckt. Dieser Platz ist von einer Mauer umgeben gewesen, die nun in ihrer ganzen Ausdehnung wieder freigelegt ist. Eine Reihe von Toren vermittelte deu Zugang zu den verschiedenen Terrassen, die den Berg hinan führten. Der innere Raum der Einfricdigmig ist in drei ver- schiedenen Abteilungen zerlegt, von denen eine sich immer über der anderen erhebt. In der Mitte ist eine breite Terrasse, die künstlich durch eine hohe Eindämmung über dem niedriger gelegenen Teil aufgebaut ist, und deren vordere Seite wieder durch eine lange und hohe Mauer abgeschloffen wird/ die nach den aufeinandergetürmten Blöcken, aus denen sie gebildet ist, als„Mauer mit den vielen Ecken" bekannt war. Auf dieser flachen Terrasse lag der Tempel des Apollo, das größte und prächtigste Bauwerk der Kultstätte, in dessen Innern sich der heilige Quell des Orakels befand. Der Haupteingang in die Umfriedigung ist auf der südöst- lichen niedrig gelegenen Seite_ und führt auf den„heiligen Weg", der den Abhang hinaufsteigt und endlich die Tempel- terrasse erreicht. Dieser Weg ist niit breiten Sandsteinen gepflastert, die sich an einigen Stellen wohl erhalten haben und aus der Römer- zeit stammen. Den Weg entlang zogen sich in früheren Zeiten die schönen Bauten und die Wcihetempel, die dem Apollo von ver- schiedenen Völkern, Königen oder reichen Männern in großer Zahl errichtet waren, zum Dank für die Dienste, die ihnen der Gott er- Ivicsen. Jedes griechische Volk hatte seinen besonderen Tempel, die Schatzkammer, die besonders prächtig geschmückt tvar und viele Tropdäen sowie die reichen der Gottheit dargebrachten Geschenke enthielt. Neben diesen Gebäuden standen kleinere, der Er- innerung gciveihte Denkmäler, herrliche Säulen oder Statuen, lebensgroße Bronzegruppen, Dreifüße und herrliche Ge- säße. Der„heilige Weg" führt die südliche Mauer des Haupt- Platzes entlang und erreicht einen kleinen viereckigen Platz, um »velchen einige der bedeutendsten und wichtigsten Denkmäler gruppiert waren. Von diesem Punkte ivendet sich der Weg in einem jähen Winkel und steigt direkt zu der Hauptterrasse des Tempels auf. Wundervoll muß der Anblick gewesen sein, den die Herrlichkeiten dieses kleinen Platzes, in strahlender Sonne von oben herlenchtcnd dem das Gehege betretenden Wanderer gewährte. Aber nun sind sie fast völlig verschwunden, und selbst von den Gebäuden find nur noch die Grundmauer« übrig geblieben. Glücklicherweise haben sich jedoch einige von ihnen in fast vollstäiidigem Zustande erhalten, und sie geben noch eine Ahnung der verlorenen Schönheit. Zwar waren auch diese Monumente zerbrochen und verfallen, aber einer sorgsamen Rekonstruktion ist es geglückt, sie in ihren»vesent« lichen Bestandteilen wieder aufzubauen. Das wichtigste unter diesen delphinischen Bauwerken, das durch Homolle wieder hergestellt worden ist, ist das Schatzhaus des kindischen Volkes. Es hat die Form eine? kleinen Tempels; sein Stil weist darauf hin, daß er am Ende deS 6. Jahrhunderts vor Christi erbaut worden ist, und er gehört so zu jener fri'cheu Epoche hellenischer Kunst, die sich für uns in den Skulpturen des AthcnetempelS zu Aegina am deutlichsten dar« stellt. Das rechteckige Gebäude hat einen vorspringenden Zier« gicbel, der von zwei überlebensgroßen Karyatiden getragen wird. Auf dein Fries, der um den Tempel herum läuft, sind in sehr schönen Reliefs Kämpfcrszenen dargestellt, die die hohe Kunstfertigkeit und die ausdrucksvolle Schönheit dieser frühen griechischen Kunst deutlich beweisen. In der scharfen AuSmodelierung der Linien des Körpers, in der realistischen Betonung des Details an Haaren und Waffen übertreffen sie noch die Aegineten. Sehr dramatisch und lebhaft be« wegt sind die einzelnen Reliefs angeordnet und bieten eine Fülle prächtiger Szenen und fein gesehener Motive. Ein anderes sehr wichtiges Baniverk, dessen Rekonstruktion ebenfalls bereits in Angriff genommen wird, ist das Schatzhaus der Athener, das etwa aus dem Anfang des S. Jahrhunderts v. Chr. stammt und zu Delphi zur Erinnerung an den Sieg bei Maratön errichtet»vorden ist. ES zeigt die Formen des strengeren ftühen attischen Stils, während der knidische Bau ebenso»vie seine Skulpturen dem iveicheren jonischen Stil angehört. Der niedriger gelegene Platz, der mit diesen Gc« bäuden und Monumenten bedeckt war, wird an seinem oberen Ende durch die breite„vielcckige Mauer" begrenzt, die den Platz des Hanptheiligwms un, schließt. Vor der Mauer befinden sich die Ueberreste einer eleganten Säulenhalle, die von den Athenern erbaut wurde, und nahe dabei ist der heilige Platz, auf welchem alle neun Jahre eine symbolische Darstellung von Appollos Sieg über den Python aufgeführt wurde. Dann gelangt man weiter auf der heiligen Straße nach der Stelle, da der berühmte Tempel des Apollo stand. Nichts ist davon erhalten außer den Grundmauern, nicht einmal Trümmer von Säulen oder Schlußsteinen. Der Vau erhob sich über einem Platze von 200 Fuß Breite und 80 Fuß Tiefe. Hier war das Heiligtum deS berühmten Orakels. In der Mitte der Grundmauern befindet sich eine»veite rechteckige Oeffnung, die bis zu einiger Tiefe hinabführt. Man darf vermuten, daß hier das Wasser cmporsprudelte, dessen Dämpfe die Verzückung der Pythia hervorriefen. Der heilige Drei« fuß stand vor der Oeffnung und auf ihm saß die Seherin, um in abgerissen hervorgestoßenen Ausrufen die Geheimnisse des Gottes zu verkünden. Außerhalb des heiligen Geheges von Delphi ist daS Gymnasium aufgedeckt worden und eine schöne Badcanlage aus der Römerzeit.— Huiiioriftischeö. — Verdächtig.„Na— glücklich verlobt?" „Nee, habe Partie zurückgehen lassen. Der Schwiegerakte Ivar mir zu freudig erregt, als ich anhielt!"— — Fürsorglich.„Sie wollen Ihren Sohn Johann, Friedrich, Waldemar, Oskar. Eusebius, Nepomuk nennen? Wozu dies alles?" „Ja sehen Sie, Vermögen kann der Junge einmal nicht von mir zu erben kriegen, da will ich ihm wenigstens'neu großen Namen hinterlassen."—(„Lustige Blätter".) Notizen. — Das Schiller-Theater bereitet gegenwärtig Ibsen» Schauspiel„Kaiser und Galiläer" zur Aufführung vor.— — Ein Gastspiel-Theater scheint das Berliner Theater»verden zu»vollen. Nach den Rüsten kommt die Truppe des Theaters an der Wien und wird von Mitte Mai an« gefangen drei Operetten Novitäten zur Aufführung bringen.— — DaS Theater des W e st e n s hat die erste Aufführung der Oper„Der Herr der Hann" von Kirchner auf den S. Februar verschoben.— — Neue Hoftheater. Die Gesamtkosten des neuen Hof« thcaters im W e i in a r betragen 2 100 000 M. Die Bauausführung besorgt die Firma Heilmann u. Littmann in München.— Die Errichtung eines neuen Hoftheaters in Stuttgart ist von der Kammer beschlossen worden.— — Eine totale Mondfinsternis, die erste in diesem Jahre, findet Freitag, den 9. Februar statt.— — Bei der naturwissenschaftlichen Station in V a s s i j a u r e an der O f o t e n b a h n, an der seit kurzem dauernde meteorologische Beobachtungen stattfinden, ist, nach der „Voss. Ztg.", jetzt auch mit Drachenaufsticgen begonnen worden. Ist der Platz für Benutznng von Drachen geeignet, sollen diese fort« laufend anfgelasten werden. Damit würde Vassijaure die»lördlichste Drachenftation der Welt sein.— Verantlvortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrci u.VerlaasanstaltPaulSingerLcCo.,BerlinLiV.