Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 18. Freitag, den 26 Januar !906 (Nachdvlick vevbzleii.) 4t Oer l�uppelkof. Roman von Alfred Bock. Die Bäuerin deutete auf den Torweg, durch den der Er- wartete eben schritt, und sprach:„Wann man vom Has schwätzt, komnit er aus der Heck." Darauf ging sie ins Haus, die kostbaren Oberröcke ab- zulegen. Der Karges aber trat in den Gemüsegarten, der sich unmittelbar an die Hofreite schloß. Dorthin folgte ihm der Hannpeter. Der warf als ein Mann, der vom Gemüse- bau etwas verstand, im Vorbeigehen auf die Beete einen prüfenden Blick. „Gu Morje, Karges." „Groß Dank!" „Du hast ja Deine Bohnen noch net gehackt." „Ich sein noch net dezu gekommen." „Alleweil wird's Zeit." ..Ja. ja." Der Allendörfer brannte darauf, zu erfahren, was der Hannpeter als Freiersmann ausgerichtet hatte. Diesem eilte es offenbar nicht mit seinem Bericht, denn er erzählte ein langes und breites von seinem Gemüsegarten und kam dann wieder auf die Bohnen, denen die Schnecken in diesem Jahr großen Schaden taten, wogegen er Gerstengrannen empfahl. Endlich sagte er, den Gegenstand verlassend:„Ich sein auch gest beim Berz gcwest." „No?" fragte der Karges mit sichtbarer Spannung. Der Freiersmann zuckte die Achseln. „'s paßt ihm net." Der Aliendörfer hatte im voraus gewußt, daß die Wer- bltng auf Schwierigkeiten stoßen werde, die kurze Ablehnung aber traf ihn wie ein kalter Wasserstrahl. Sein Quentchen Hoffnung war in den Brunnen gefallen. Als ihm der Hann- Peter nun darlegte, weshalb der Dotzheimer einer Heirat des Matz und der Mariann widerstrebe, erklärte er resigniert: „Ich sehn's ein, ich und der Berz, wir rupfen am besten keine Rüben miteinander. Außerdem mag er nnch verkla- bastern, soviel er will. Wann ich nur vor mir selbst be- stelm, dernacb bestell ich auch vor der Welt. Der Berz tut so dick. Ich inöcht wissen, warum? He hat sich auf die Vieh- zucht gelegt und hat Glück. Das is alles. Sonst is he ein Hach und gönnt keinem das Aug im Kopp. Da sein ich anders drin." Er schneuzte sich und sprach weiter:„Das sein jetzt zwei Jahr her, daß der Walzeheinrich von Krainfeld bei mich kommen is und gesagt hat:„Karges, so kann's net mehr weiter gehen. Wir Bauern werden von oben herunter schlecht behandelt, und dadran sein wir selber schuld. Guck Dich emal in den Ortschaften um. Da is nrc wie Zank und Streit. Jeder weiß genau, wo der Schuh ihn drückt, und denkt: laß die anderen verspielen, wann Du nur aufrecht stehen bleibst. Auf die Art gehen wir alle kapores,'s is die höchste Zeit, daß wir uns zusammentun. Vormalig sein die Bauern mit Sensen und Hacken ausgezogen, daß sie ihr Recht kragen, alleweil haben sie die Stimmzettel in der Hand,'s wird net eher besser, als bis uns' Leut im Landtag und im Reichstag sitzen. Dessentwegen Hab ich mir aussinieliert, daß wir ein Bauernverein gründen. Etz frag ich Dich: machst Du mit? „Ja", sagt ick,„ich mach mit." Guck, was der Walzeheinrich verwägen wollt, das hatt' ich schon lang im Sinn. � So sein ich in die Boledick*) kommen,'s is ja richtig, daß ich meine Sach oft fremden Leut überlassen muß, dann niemand kann zwei Herrn dienen. Ich Hab mir's aber emal in den Kopp gesetzt, daß ich für den Bauernstand was tun. Und dadevon bringt mich keins mehr ab." „Ja, Karges," sagte der Hannpeter,„von Boledick verstehn ich nix. Wann's zum Klappen kommt, mach ich's wie die Schaf. Da läuft eins dem andern nach. Etz wollen wir emal von der Freit schwätzen. Du schmeißt die Flint gleich ins Korn, ich net. Wie der Berz gest so verschmähsam tat, *) Politik. Hab ich gedenkt: alleweil verschwendst Du kein Wort mehr in dere Angelegenlzeit, aber ehnder Du gehst, setzt Du dein Hochseicher ein Floh ins Ohr. Und da verzähl ich, waS im Dorf so gcredt wird: daß die Mariann und dem Kalmuck sein Fried einig wären." „'s is net möglich!" warf der Allendörfer baß erstaunt dazwischen. „Jawohl is es möglich. Das spielt schon lang. No hat der Berz ein Gesicht gemacht wie die Katz, wann's donnert. Natürlich hat er's abgestritten. Ich sein Dir aber gut dafür, etz wird er die Angst, net los, daß die Mariann sich mit dem Fried Verschandlappen tut. So junge Leut nehmen sich net in acht. Verwischt er sie, dernach kommt er uns ganz von selbst. Dann außer dem Matz wüßt ich kein vermögenden Bursch im Ort, der bei das Mädchen paßt." Ter Allendörfer, der den Heiratsplan bereits als ab- getan betrachtet hatte, erwärmte sich wieder dafür. Zwar dürfe er sich nichts vergeben, meinte er, und müsse im Hinter- treffen bleiben, doch lasse er dem Hannpeter freie Hand. Der solle nicht unisonst ins Geschirr gehen, ein Sack Mehl sei ihm sicher. „Dadruni geht mir's net," versicherte der Freiersmann und setzte mit Würde hinzu:„Ich sein gewiß kein Mucker, aber wie ich den Matz über die Tauf gehalten Hab, hat der Parrer Köhler gesprochen:„Du sollst Dich dieses Kindes an- nehmen lind sollst sein Bürge und Vertreter sein." Was ein richtiger Vetter*) is, der vergißt das net." „Freilich, freilich," stimmte der Allendörfer bei und dachte bei sich: dem geht das Maul wie geschmiert. Der Hannpeter kratzte sich den Hinterkopf. „Ich will hau dem Matz emal schreiben. He muß zum Kriegerfest komnien.'s müßt doch mit dem Deubel zugehn, wann ich ihn net mit dem Mädchen zusammenbrächt." 4. Die Hütte der Horlig lag abseits vom Dorf am Kessel- acker. Der Name des Feldes hatte seine besondere Bedeutung. Vor vielen Jahren sah hier ein armer Bauer ein„Geld- fcuerchen" brennen. Rasch holte er seine Frau herbei, und beide machten sich daran, ein tiefes Loch in den Boden zu graben. Endlich stießen sie auf lvas Festes. Der Mann setzte die Rodhacke an lind zog, und seine Frau half ihm aus Leibeskräften, denn sie hatte den Henkel eines großen Kessels gefaßt, der mit Geld gefüllt sein mußte. Während sie sich abstrapazierten, daß ihnen die dicken Schweißtropfen übers Gesicht liefen, kam ein dreibemiges Muttcrschwein auf sie zu. Darauf saß ein linheimlichcr Kerl. Der schrie mit Donner- stimme:„Ist der Henwagen vorüber?" Der Bauer und sein Weib Nxi ren hibchenniäuschenstill. Wie sie sich nun auch mühten, sie brachten den Groppen nicht in die Höhe. Verärgert und hundsmüde fuhr der Mann seine bessere Hälfte an:„Lies, zieh!" Bumbs! tat's einen Schlag, und der Kessel sank in die Tiefe. Die guten Leutchen gingen betrübten Herzens heim, so arm wie sie gekommen waren. Die Horlig, die voll Aberglauben stak, behauptete, sie habe, während sie guter Hoffnung war, auf dem Kesselacker einen Feuerklumpen er- blickt. Der sei jedoch im Handumdrehen wieder verschwunden gewesen. Sie schloß daraus, daß ihr Kind dereinst bestimmt sei, den Schatz zu heben. Zuweilen stand sie nächtens duf, nach dem Geldfeucrchen auszuschaile». Als ihr Bub nun verständig geworden war, erzählte sie ihm die Geschichte und legte ihm allen Ernstes ans Herz, abends die Augen offen zu halten. Der Fried aber erklärte, das Geld im Kessel wurde ihm gar nichts helfen, weil der Teufel den Schlüssel dazu habe. Und mit dem'Leibhaften wolle er keine Bekanntschaft machen. Die Horlig stutzte. So gewichtige Gründe mußte sie gelten lassen. Dessenungeachtet trug sie in ihrer Aermlich- keit stets nach Glücksgütern Verlangen. Diese begehrte sie einmal für sich, dann für ihren Sohn, den sie gern vermögend und unabhängig gesehen hätte. Die Gefühle der Mutter- liebe, durch Kummer und Not zurückgedrängt, waren erst all- mählich bei ihr zum Durchbruch gekommen. Als der Kalmuck nach der Geburt des Kindes keine Lust bezeigte, sich unter das Joch der Ehe zu beugen, lvar sie dem armen Wiirmchen •) Pate. gram, ja sie verwünschte es. Trotz der schlechten Behandlung. die ihm widerfuhr, betrug der Kleine sich musterhaft. Für jeden Muffel, den die Mutter ihm gab. hatte er ein dankbares Lächeln, stundenlang lag er in seinem Bettchen allein und muckste sich nicht. Eines Tages erschien die dicke Seiberten von Rennerod und sprach, ihre Ehe sei nicht mit Kindern ge° segnet, darum erbiete sie sich, den Fried an Kindes Statt anzunehmen, er solle es gut haben bei ihr. Da stieg der Horlig die Schamröte ins Gesicht, und sie wies die Seiberten ab. Von Stund an ließ sie ihren, Buben eine bessere Pflege angedeihen. Ihrem Charakter gemäß hätte sie am liebsten gleich dafür Gottes Lohn eingeheimst. In der Tat führte der Kalmuck sie bald darauf zum Altar. Ihre Hoffnung aber, daß dieser als Ehemann jetzt ein anderes Leben be- ginnen Werde, wurde zuschanden. Er blieb ein Tagedieb nach Wie vor und überließ es seiner Frau, sich mit dem Buben durchzubringen. Der Fried schoß in die Höhe und gab sich rechtschaffen Mühe, seiner Mutter zu Gefallen zu leben. Mit der Zeit sah sie auch ein, was sie an ihn, hatte, und sie hörte es gern, wenn der Lehrer Reitz und später der Meister Un- verzagt ihn rühmten. Das erste Goldstück, das er in der Stadt verdiente, schickte er ihr. Sie zeigte es mit großem Stolz. Als er nun gar seine Werkstatt bei ihr aufschlug und sie der drückenden Sorge enthob, wurde sie weich wie Butter und sang sein Lied in allen Tonarten. In dem Schneider Unverzagt hatte der Fried einen Lehr- Herrn gefunden, der sein Handwerk aus dem ff verstand. Während der Arbeitszeit hielt er unnachsichtig darauf, daß jeglicher seine Pflicht erfüllte. Kam aber die Feierstunde, verschwand der strenge Ausdruck aus seinem Gesicht, und er war die Gemütlichkeit selbst. Der Lehrer Reitz, der zu seiner Kundschaft gehörte, hatte ihm erzählt, welch guter Schüler der Fried gewesen sei. Daher glaubte er für die Weiterbildung feines Lehrbuben sorgen zu müssen. Dies tat er freilich nur in der Art, daß er ihm seine Geschichtsbücher zu lesen gab. An dem Tag, da der Fried sein Gesellenstück gemacht hatte, lud er ihn zu einer Lustbarkeit ein. Gegen Abend wanderte eine fröhliche Gesellschaft in den Stadtwald, just bis zu der Stelle, wo der Pfahlgraben, die römische Grenzwehr, den Forst durchquerte. Der Altgeselle legte ei» Fäßchen auf, und die Meisterin packte Brot, Schinken und Würste aus. Als die Feststimmung ihren Höhepunkt erreicht hatte, stieg Unver- zagt auf den Erdwall, sprach vom Schneiderhandwerk im all- gemeinen, von dem neugebackenen Gesellen im besonderen und sprang dann ganz unvermittelt auf den Pfahlgraben über, dessen Bedeutung er den Festgenossen klarzumachen suchte. Er selbst sei an der Erforschung dieser merkwürdigeil Be- fesrigungslinie auch beteiligt, sofern er bei der Bloßlegung eines Kastells hlllfreiche Hand geleistet und allerlei Münzen und Gefäße gefunden habe. Man sollte sich doch einmal vorstellen, wo man hier sei. Vielleicht hätten auf diesem Fleck Erde vor zweitausend Jahren Kotten und Römer gekämpft. Er fühle mit Stolz das Blut der alteil Kotten in seinen Adern rollen, des einzigen deutschen Völkerstamms, der heute noch da seßhaft sei, wo seiner in der Geschichte zuerst er- wähnt werde. Tie Zuhörerschaft sah mit Bewunderung zu dem gelehrten Schneider hinaus und schrie begeistert:„Er lebe hoch!" Auf dem Heimweg gaben dem jungen Schneider- gesellen die Geister der Kotten und Römer das Geleit. Aus der Enge des Torfes war der Fried in eine Um- gebung gekommen, die seine EntWickelung aufs günstigste be- einflußte. Der Meister Unverzagt hatte seinen Leuten ein für allemal verboten, ihn mit seinem Vater, dem Kalmuck, aufzuziehen, so daß er dieserhalb keine Kränkung erfuhr. Dennoch ließen ihn die Gedanken an seine traurige Herkunft nicht los. Zuzeiten konnte er allerdings auch lustig sein. Eines Morgens kam er lachend in die Werkstatt und er- zählte, er habe im Traum auf seiner eigenen Hochzeit getanzt, und die Musikanten hätten dabei auf dem Kovf gestanden. Daß die Mariann die Hochzeiterin gewesen, befüelt er wohlweislich für sich. Der Altgesell bemerkte, der Traum bedeute, daß bald jemand in der Familie sterbe. In dein Augenblick öffnete sich die Tür, und der Bäckerphilipp trat herein. Er hatte ei» Kälbckien in die Stadt getrieben und brachte die Nachricht vom Unfall der Horlig.„'s is Deine Mutter," sprach der Meister zu deni erbleichenden Fried,„mach Dich auf und tu Deine Schnldigkeit." Mit der Stadt war's nun vorbei. Daheim hatte ihm die Jugendgespielin ihre Zuneigung bewahrt. Er war klug genug, die Schranke zu sehen, die ihn von der Tochter des Dotzheimer trennte. Aber dem Liebreiz der Mariann gegen- über hielt seine Zaghaftigkeit nicht lange stand, und mit der Sorglosigkeit der Jugend, die an den nächste» Tag nicht denkt, gab er sich den Freuden seiner reinen Liebe hin. Die aus Lehmsteinen erbaute Hütte der Horlig enthielt vier Räume: den Flur aus dem in Ermangelung einer Küche der„Sparherd" Platz gefunden hatte, die Wohnstube, in der das Bett der Insassin und neuerdings auch die Nähmaschine ihres Buben stand, daneben ein Gelaß, das dem Fried als Schlafkammer diente, endlich den„Bodem", wo der Kalmuck nächtigte, wenn er einmal als Gast erschien. Nach seiner Rückkehr hatte der Fried das schadhafte Strohdach ausbessern und teilweise mit Ziegeln decken lassen. Auch der Verputz des Häuschens war erneuert worden, so daß das Ganze einen -freundlichen Eindruck inachte. Die Horlig war von Natur „schmuddelig", dem Fried aber wäre es nicht möglich ge- ivesen, in Unordnung und Schmutz zu schaffen. Die Wohn- stube wurde frisch geweißt, abgenutztes oder gar zerbrochenes Hausgerät wurde durch neues ersetzt. Das alles durfte der Fried sich leisten, denn er hatte reichlich zu tun und verdiente schönes Geld. Die Horlig war wieder so weit hergestellt, daß sie auf Stunden das Bett verlassen konnte. Eben hatte sie das Abendessen aufgetragen. Es gab„Stampes"*) und der Fried langte tüchtig zu, denn er war mit einem schweren Pack beladen, hungrig aus der Stadt gekomnien. Als er sich gütlich getan, zündete er seine Pfeife an und blieb noch eine Weile sitzen. Die Horlig räumte den Tisch ab und ließ sich dann auf ihrer Bettstatt nieder. Die Aehnlichkeit zwischen Mutter und Sohn war unverkennbar. Beide hatten die gleiche Gesichtsbildung, lichtblondes Haar und graublaue Äugen. Ter Fried trug das Schnurrbärtchen„neumodisch" in die Höhe gezwirbelt. Die Horlig mit ihren zahnlosen Mund sah bedeutend älter aus, als sie in Wirklichkeit war. Was spricht der Unverzagt über seine Frau?" fragte die Horlig. „Sie tät's net packen," antwortete der Fried. „Ei was!" „Seit gest hat sie der Dokter aufgeben." „Das is ein harter Schlag für den Mann." „Das will ich meinen. Wann ihm die Frau stirbt, gibt er das Geschäft an den Homeier ab und zieht bei seine Tochter nach Niederweisel." „No, dann schaffst Du für den Homeier." „Das is noch die Frag." „Warum?" „Ei, weil's ein Qierschelkopf is." „Du mußt Dich halt mit ihm vertragen." „Das is gewiß, aber he gibt kein Fisselchen aus'm Haus." „Dernach arbeitst Du wieder in der Stadt." „Und Du?" „Hoffentlich sein ich bald in der Reih und kann mir helfen." Die Aussicht, seine Mutter völlig genesen zu sehen, schien den Fried keineswegs heiter zu stimmen, denn er blickte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. �Fortsetzung folg».),