Anterhaltungsblatt des vorwärts Dienstag, den 30. Januar. Nr. 20. 1906 (Nachdruck verboien.) «i Oer l�uppelkof. Roman von Alfred Bock. Warum hatte sie nicht die Wahrheit gesprochen? „Ja, Vater, ich Hab was mit dem Fried. Dessentwegen is nix Unrechts zwischen uns passiert. Ich sein ihm gut, und dadran halt ich unzerbrochenlich." Hintennach hatte sie gut schwätzen. Wie's darauf ankam, war sie wie auf den Mund geschlagen. Freilich den Wider- mut des Vaters zu brechen, dazu war sie nicht stark genug. Als Kind war man setzend blind und ahnte nicht, wie der Wind blies in der Welt. Später fiel's einem wie Schuppen von den Augen. Man brauchte sich..bloß im Dorf umzusehen. Wie viel Haß und Hader waren da unter den Leuten, wie viel Herzweh in erzwungener Eheschaft. Hatten sich aber wirklich zwei gern, kamen sie nicht zusammen. Was konnte der Fried dafür, daß sein Vater ein Wind- flügel war? Brachte er sich»licht mit Ehren durch die Welt? War er nicht die Bravheit selbst? Weil er sich nirgends vordrängte und nicht leicht aus sich herausging, glaubten viele, er sei von Duinmbach. Sie kannte ihn besser: er war grundgescheit. Wenn er so über allerhand Sachen diskuriertc, brannten seine Augen akkurat wie zwei Lichter. Wunderbar- lich anzuschauen. Dann»nußte sie immer denken: an dem ist ein Studierter verloren gegangen. So vermummelt er auch vor den Leuten war, bei ihr schloß er alle Schubladen auf, daß sie in ihn hincingucken konnte. Und sah fein säuber- lich aus wie in» Glasschrank in der Stube. In ihrer Ein- falt spürte sie wohl: der Fried und die andern Burschen im Dorf waren unterschiedlich wie Kuchen von Weizen- und Gerstenmehl. Ja, fein war er, fast zu fein. Riefen sie hinter ihm her: „Schncidergciß, Mach die Supp heiß, Kriech untern Tisch. Such Flederwisch, Mach mä, mä, mal" steckte er's ruhig ein. Er hatte eben keine Galle. Ihr»vär's lieber gewesen, er hätte den Spöttern die Faust unter die Nase gehalten. Gleichviel, sie nahm ihn, wie er war, denn sie hatte ihn gern. Eins nur begriff sie nicht. Der Fried hatte keinen Sinn für die Feldwirtschaft. Uird war doch auf dem Land groß geworden. Sie war mit ihres Vaters Eigentum verwachsen, war stolz auf sein Vieh, seine Aecker und Wiesen. Wenn sie in der Feiertagsstille über das Gelände schritt und sah, wie schön alles stand, schwoll ihr das Herz vor Freude. Der Bauer, der de»» Boden bebaute, ernährte die Welt. Wäre der Bauer nicht, müßten die Menschen Hungers sterben. Es war doch ettvas Großartiges, ein Bauer zu sein. In die Wirtschaft des Vaters hatte sie vollen Einblick. Was er in die Hand nahm, glückte ihm. Trotz alledem schaute er oft so betrüblich aus. Nedsprächig war er nicht, und sie hätte sich nimmer unterstanden zu fragen, was ihn eigentlich drücke. Wohl konnte sie sich's erklären.'Er mochte an künstige Tage denken. Wie's werden sollte, wenn er die Augen einnial schloß. Vor mehr als hundert Jahren hatte sein Urahn über die Tür des Hauses geschrieben: „Auf die Erde bau ich, Auf den Himmel trau ich." Kind und Kindeskindcr hatten auf dem Hof ihre Heiin- statt gehabt. Nun war kein Sohn da, das Gut zu halten. Ain Ende blieb nichts übrig, als alles zu verkaufen. Das schnitt ihr selbst ins Herz. Einem hätte sie den Einsitz gegönnt: dein Fried. Ach Gottchen! Der war ein armer Schlucker und obendrein kein Bauer. Der Vater hatte schon viel verdoktert. Kürzlich war er beim Säuhirtekarl gewesen, der hatte ein dickeS Buch, in dem die meisten Krankheiten standen. Das brauchte er bloß auf- zuschlagen und sagte jedein auf den Kopf, was ihm fehlte. Er hatte dem Vater ein Tränkchen gegeben. DaS nahm er heimlicherweise. Sie merkte es aber doch. Der Vater war halt kein gesunder Mann. Manchrnal„drcnste" er nachts so laut, daß sie's in ihrer Kaminer hörte. Letzt hatte er gar gerufen: Mariann, Mariann I Zitternd war sie aus dem Bett gesprungen, nach ihm zu gucken. Er lag aber ruhig und schlief. Es hatte ihm wohl von ihr geträumt. Der Gedanke ließ sie nicht los: er traute ihr nicht von wogen den» Fried und machte sich Sorgen deshalb. Seine Aufgebrachtheit— das tvußte sie— galt weniger ihrem Schatz als dessen Vater, dem Kalmuck. Mit so einem Lappländer versippt zu sein, das bätte sein Stolz nicht ertragen. Sic mußte selbst sagen, ein Pläsier war's nicht. Dem Fried zulieb hätt' sie's auf sich genommen. Und doch, wann's passiert wäre, daß der Tod an ihrem Vater seine Tür geklopft hätte, daß er mutter- allein und in Zlvictracht»nit ihr gestorben wäre, Jesus im Himmel! sie hätt's nicht verwunden. Sonntag war's ihr seltsam in der Kirche ergangen. Der Pfarrer hatte über die Worte der Schrift gepredigt: „Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiß nicht, wie sauer du deiner Muter geworden bist." Von der ersten Stunde der Geburt an hatten die Eltern mit den Kindern Mühe, Last und Verdruß. Daher sollten gute Kinder ihren Eltern Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit erzeigen. Unge- horsame, verstockte Kinder waren dem Herrgtt ein Greuel, machten sich zeitlicher und ewiger Strafe schuldig. Während der Predigt war's ihr, als spräche der Pfarrer nur zu ihr. Das war so eine Einbildung. Der Pfarrer stand am Herr- gott seiner Stelle. Der Herrgott hatte dem Pfarrer die Befchlnis gegeben, ihr einmal ins Geivissen zu reden. Mit dem Gelvissen war's tvie mit dem Auge. Kam in das Auge ein Stäubchen, tränte es, tvurde feuerrot, und man konnte es nur mit Schmerzen öffnen. Hatte man etwas Böses getan, stach einen das Gewissen wie ein glühheißer Bohrer. Und von Angst und Schuld gedrückt, wagte man nicht, die Augen aufzuschlagen. Wie man das Auge rieb, bis das Stäubchen glücklich wieder heraus war, genau so durfte man nicht ruhen, bis man sein Gewissen gereinigt hatte. Und so wahr sie hoffte, dermaleinst die Herrlichkeit des Himmels zu schauen, gelobte sie jetzt, das Liigentverk in sich zu tilgen und— so hart es ihr fiel— dem Vater zu gehorchen. 6. In der Stille des Abends schritt der Fried über den Kcsselacker dem Donnerswäldchen zu. Der volle Mondschein lag auf dein Talgebreite. Feri»ab hielten die Basaltkuppen des Gebirges stumme Wacht. Aus dem Wiesengrund stieg ein feiner, weißer Rauch empor. Der ringelte und drehte sich, schnell, iininer schneller. Was war das?'s war halt der Nebel. Ja, für gewöhnliche Menschenkinder. Wer aber unter Glockengeläut oder an einein gedoppelten Sonntag geboren war, der gewahrte eine unzählige Schar wunder- holder, lichter Wesen. Sie hielten wechselweise die Hände ge- faßt und tanzten ihren Reigen. Dazu ertönte eine liebliche Musik. Der Fried sah und hörte nichts. Ihm zitterte die Er- regung nach' über den Disput, den er mit der Mutter ge- habt. Ihr Rat, sich sein herzengiildeires Mädchen durch eine Büberei zu sichern, hatte ihn in Wut gebracht. Und das mit Fug. Solange er denken konnte, war zwischen ihm und der Mariai»n nichts vorgefallen, dessen sie sich zu schäinen brauchten. Als Kinder hatten sie einmal„Dokterches" ge- spielt. Die Mariann babbelte, sie sei sterbenskrank. Er, der Doktor, entschied, zur Strafe für ihre ewige Salz- schleckerei habe sie einen Salzstein im Leib. Der müsse ge- schwind heraus. Daraiif ging er inS nahe Gehölz, sich eine Gerte zu suchen, die ihin bei der Operation als Messer dienen sollte. Wie er zurückkam, hatte die Mariann die Klei- der abgelegt und lag splitternackend in» Gras. Zuerst stand er wie versteinert vor Schreck, dann lief er in große»» Sätzen davon. Und es dauerte ein paar Tage, ehe er die Scheu vor der Gespielin überwunden hatte und wieder zutunlich war wie vorher. Fortan spielten sie nicht mehr„Dokterches", wohl aber„Mann und Frau". Aus Bohnenstangen bauten sie sich eine Hütte und legten Tannenreiser darauf. Traulich hockten sie bcisaminen. Und die Mariann meinte, sie»mißten nun auch Kinder haben. Das leuchtete ihin ein. Und sie holten einen Blecheinier und gingen zum Pfingstborn, aus dem die Kindsrau die Kinder langte. Alis den» Grund sahen sie'A kribbeln und krabbeln. Sie schöpften aber nur klares Wasser und zogen unverrichtetcr Sache ab. Ueber die Kinderpossen war man hinaus. Die Mariann blickte mit klaren Augen in die Welt. Er aber lebte inmitten seiner Arbeit als ein Träumer und überließ sich allerlei Vor- stellungcn, wie er die Mariann sich erobern würde. Dabei machte seine Phantasie die wunderlichsten Sprünge. Einmal brannte des Dotzheimers Haus. Mit Hintansetzung des eigenen Lebens trug er die Geliebte aus den Flammen. Unter Tränen hieß ihn der Bauer als Eidam willkommen. Ein andermal sah er sich als Meister seßhaft in der Stadt. Er hatte das Modell zu eineni Rock für Bucklige erfunden, dessen Rückenteil so kunstvoll geschnitten war. daß man die Auswüchse nimmer sah. Von weit und breit strömten die Buckligen her- bei. er konnte sich vor Aufträgen nicht retten und wurde ein steinreicher Mann. Und der Dotzheimerberz besah seine Schätze und sprach:„Etz scheniert mich Dein Vater, der Kalmuck, net mehr, wir können gleich die Brait machen." Im Grund war's gut. daß ihn die Mutter mit ihrem Geplätz aus seinen überzwerchcn Gedanken einnial aufgerüttelt hatte. Wie sollt'» werden mit der Mariann? Diesen Abend wollt er's mit ihr bereden. Das Herumziehen und Heimlich- tun niußte ein Ende haben. Er beschleunigte seine Schritte und hatte bald das Donnerswäldchen erreicht. Ein schmaler Pfad führte hindurch, von den Kronen der Bäume überwölbt. Hie und da rann das Licht des Mondes wie flüssiges Silber durch das Gezweig und zirkelte sich in hellen Tupfen auf dem moosigen Grund ab. Tief aus dem Busch kam ein Aechzen und Stöhnen, just als ging's einem Menschen ans Leben. Traun! 's war nur der Schrei der Eule. Aber wie schauerlich das klang. Dem Fried lief's kalt über den Rücke», und er war froh, als er den Lindgesborn vor sich sah. Jucht Da stand die Mariann. Ein Sprung das Gehäng hinunter, und er war bei ihr. „Gu'n Abend!" „Gu'n Abend, Fried." „Wart'st schon lang?" „Noch net lang. Unf' Leut waren in den Wiesen. Un ich hatt' Arbeit bis in die Nacht." Sie setzten sich auf die Steiubank, die hier seit undenklichen Zeiten Liebespärchen einen Ruheplatz bot, und erzählten sich die Erlebnisse der letzten Tage, aber sie zögerten beide, aus- zusprechen, was ihnen vor allem ani Herzen lag. Endlich hob der Fried an:„Mariann, ich muß hau") emal was mit Dir schwätzen." „Ich auch mit Dir," dachte sie und holte tief Atem. lSortsetzung folgt.)! (NachLruck otvSottn.) Tuberkulose und Kohlcnraucb. Neber die Verbreitung der Tuberkulose, dieser verheerendsten Seuche deZ Menschengeschlechts Haben wir erst in allerneuster Zeit zuverlässigen Aufschluß gewinnen können. Die Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Robert Koch mußte vorangehen, bevor es möglich war, die unter so vielen verschiedenen Erscheinungsformen auftretende Krankheit unter all ihren Verkleidungen wiederzuerkennen. Selbst Mrchows großem Forschertalente war es trotz öO jähriger Be- mühimgen nicht beschieden gewesen, all das so vielgestaltig sich Dar- stellende und doch ursachlich Einheitliche in seiner Zusammen- gehvrigkeit zu ergründen. Heute wissen wir, daß eine große Reihe früher mit besonderen Namen benannter Krankheiten nur als besondere Riederlasinngsformen oder EntwickelungSzustände der gleichen tuberkulösen Infektion lZlnsieckung. Erkrankung) zu betrachten sind. WaS sich früher als Geschwulst, als Knocheneiteruug, Hautausschlag. mit Genickstarre verbundene Hirnhautentzündung, als skrophulöie Anlage, alS Lungenschwindsucht oder beim Rinde als Perlsucht dar- stellte rmd ganz verschiedenen Krankheilsaruppen zugezählt wurde, das haben wir heute gelernt, ans dem TnberkelbazilluS als die gemeinsame Ursache zurückzuführen. So erfuhr das Gebiet der tuberkulösen Erkrankungen eine ganz ungeahnte Ausdehnung. Aber selbst diese große Zusammenfassung konnte ein wahres Bild der tatsächlichen Verhältnisie nicht ergeben. Erst durch eine neue Entdeckung Kochs, das bekannte— in seinem Heilwert freilich inmier noch zweifelhafte Tuberkulin— in Verbindung mit sorgfältigen und lange Zeit fortgesetzten SektionSbeobachtungen wurde volle Klarheit über die Verbreitung des TnberkelbazilluS im menschlichen Geschlechte erbracht. Auch außerhalb dcS menschlichen oder tierischen Körpers ans künstlich zusammengesetzten und unter destimmten Temperawrderhöltnsisen aufbewahrten Nährböden können die Tuberkelbazillen eine Zeitlang gedeihen und sich fortpflanzen. *) Heut. Dabei gehen bestimmte Giftstoffe auS den Bazillenleibern in die Kulturflüssigkeit über. DaS Tuberkulin Kochs ist nun nichts anderes als ein solches mit Glyzerin versetztes konzentriertes Tuberknlosegist. Spritzt man einem Menschen, in dessen Körper niemals Tuberkel- bazillen zur EntWickelung gelangten, selbst ziemlich große Mengen dieses Giftes unter die Haut, so bleibt sein Allgemeinbefinden fast völlig unbeeinflußt; jede, sogar die leichteste tuberkulöse Niederlassung aber verrät sich sofort durch lebhaften Temperaturanstieg, d. h. durch Fieber. Zu dieser starken Beeinflussung des ganzen erkrankten Organismus bedarf es aber gar nicht so großer Gaben. Schon bei Verwendung aller- kleinster Gifünengen, denen jede schädigende Wirkung abgeht, inacht sich nach voransgega n gener starker Temperatur» ernied r ig nng eine deuliiche Temperaturerhöhung bemerkbar. Und so besitzen wir im Tuberkulin ein wertvolles Mittel, ohne er- hebliche Gefahr für Leben und Gesundheit eine ganz verborgene Ansiedelung des Tuberkelbazillus mit Sicherheit erkennen zu könne». Unter Benutzung dieses ErkemmngSmitteks hat sich in einwandfreier Weise dartun lassen, daß zirka 96 Proz. aller Menschen zu irgend einer Zeit ihres Lebens an Tuberkulose erkranken. Zu einem ähn- lichen Ergebnis gelangte Nägeli bei seinen in Zürich vorgenommenen Sektionen. Keine Leiche eines Menschen, der im Alter von mehr als M Jahren gestorben war. wurde frei von Zeichen tuberkulöser Erkrankung gefunden. Im Alter von 18—36 Jahren waren 96 Proz., im Alter von 14—18 Jahren 26 Pro,;., im Alter von 2— 14 Jahren 33 Proz., im Alter von 1—5 Jahren 17 Proz. mit tuberkulösen Herden behaftet. Nach diesen Feststellungen können!vir fast ohne Uebertreibimg den oft zitierten Satz aussprechen:„ein bißchen tuberkulös ist schließ- sich jeder"! Diese erschreckcirde Erkenntnis und ihre Grundlagen führten aber einen ungeahnten Trost in ihrem Gefolge. Ans anderen Quelle« wissen wir nämlich, daß ungefähr jeder siebente Mensch an Tuberkulose stirbt. Wenn nun aber fast jeder Geborene— die 3 bis 5 Proz. Ausnahmen können kaum ins Gewicht fallen— an Tuberkulose erkrankt, so geht aus der Jnbeziehinigsetzuiig dieser beiden Tatsachen z» einander unwiderleglich hervor, daß bei sechs Siebent-kn von allen entweder diese Krankheit so langsam verläuft, daß andere energischere sie in dem traurigen Geschäft des Menschen- morpens übertrumpfen. oder aber, daß in einer großen Zahl von Fällen Heilung eintritt. Beide angenommene Möglichkeiten treffen zu. Tuberkulöse Ansteckung ist zum Glück noch lange nicht gleichbedeutend mit tuberkulöser Lungenschwindsucht, und die anderen das Leben un- mittelbar bedrohenden Formen der tuberkulösen Erkrankung, die tuberkulöse Hirnhaittentzündung z. B. treten doch verhältnismäßig nur selten in die Erscheinung. Die ganz chronisch verlaufenden Fälle bilden vielleicht die Mehrzahl, zene Fälle, bei welchen unter dem Einfluß des im verborgenen wirkenden tuberkulösen Giftes lvohl eine allgemeine Abmiuderung der Kraft, aber keine eigentliche Krankheit zur Ausprägung kommt. Noch wichtiger und tröstlicher ist aber die andere durch unbeweisbare Sektionsbefunde festgestellte Tatsache, daß tuberkulöse Erkrankungen aller Arl— selbst solche vom Charakter einer bereits vorgeschrittenen Lungenschwindsucht— ganz von selbst durch Vernarbung zur Heilung gelangen können. Die meisten von diesen selbstheilenden Erkrankungen werden im Leben gar nicht erkannt und nur der zufällig« Sektionsbcftmd narbiger oder sogenannter kästger Veränderungen in den Lungen, liefert bei manchem im hohen Alter Verstorbenen den Beweis, daß auch er in ftüheren Jahren ein Schloindsuchtskandidat gewesen ist. Also: die �Tuberkulose, auch die Lungentuberkulose und diese sogar noch im Stadium des Lungenzerfallö fft einer Heilung fähig— das ist die tröstliche Erkenntnis, der allerdings der bedenkliche Nachsatz angehängt werden muß, daß wir leider bis heute kein sicher wirkendes Mittel kennen, eine fortschreitende Tuberkulose in ihrem Fortschritte zu hemmen, eine zum vorläufigen Stillstand gelangte der vollkommenen Heilung zuzuführen. Die Tuberkulose kann heilen— aber fie heilt, wenn sie heilt— nur von selbst! Diese traurige Einsicht in die Beschränkung unserer ärztlichen .Kunst hat glückiicherweise die immer erneuten tatkräftigen Be- kämpftmgsversuche nicht mutlos machen können, und ebensowenig hat die Kunde von der Selbstheilbarkeit teilnahmlosen Leichtsinn wach- gerufen. Dazu ist die Zahl der Qpfer, welche jene Seuche trotz aller Selbftheilungen fortdauernd fordert, viel zu gewaltig. Nicht mit dem Zehnten der Priester und Fürsten begnügt fie sich, ein Siebenteil der Menschheit muß ihrem Gifte erliegen! Und wenn wir auch das unfehlbare Heilkraut nicht kennen, so kennen wir doch lvenigstens einen großen Teil jener Bedingungen, welche den Tuberkelbazillus in feinem Bernichtnngswerke zu unter- stützen vermögen. Ungenügende Ernährung, die den Körper schwächt, ungesunde und feuchte Wohnung. Mangel an Luft und Licht überhaupt, und vor allem die dauernde oder oft wiederholte Einatmung reizenden Staubes verschiedenster Herkmift, das alles sind Umstände, nicht nur geeignet, die natürlichen Verteidigungskräfte des Körpers lahm zu legen, sondern sogar direkte BLndniSdienste dem gefähr- lichen Feinde zu leisten. Kräftigen wir den Körper, indem wir Nahrung. Lust und Licht in reicher Menge und in zweckentsprechender Ar' ihm zuführen, halten wir die bekannten Schädlichkeiten fern, so unterstützen wir die selbstwaltende Natur in ihm und tun damit daS beste, was uns zurzeit im Kampfe gegen die Tuberkulose möglich ist. Aus diesen Erwägungen heraus ist die Heilsiattenbehandlung als vorläufig reifste Frucht en,vorgelvachsen. Ferienkolonie». Wald- schule» und alle jene Bestrebungen zur unentgeltlichen Beschaffung gesunder Säuglingsmilch für Bedürftige diene» ähnlichen Zioeckem Krankenkassen und Larrdesversicherungsanstalten haben in häufigen Wiederholungen ihre Aerzte angewiesen, gerade allererste Anfangs- stadien der Lungentuberkulose möglichst frühzeitig einer Heilstätten- behandlung zuzuführen, und in Befolgung dieser Erlasse ist manchem Kranken, dessen Körper in früheren Zeiten unter den härtesten Be- dingungen den jahrelangen Kampf mit der Tuberkulose bis zum endlichen Erliegen hätte führen müssen» durch Befreiung von aus- inergelnder Arbeit, Versetzung in heitere und gesunde Umgebung, Abnahme eines Teiles der Familieusorgen, wenigstens die Gunst der äußeren Verhältnisse zu Hülfe gekommen. Gewiß: Vieles ist getan, unendlich vielmehr ist aber noch übrig geblieben! Die kurze imd selbst bei längstmöglicher Allsdehnung doch immer nurvorübergehende Heilstättenbehandlung kann nattirlich nur in den Ausnahmefällen, den allerstell Krankheitsbegtnn mit kräftiger Konstitution tKöpcrbeschaffenheitj verbinden, zu wirklicher Heilung führen. Meist stellt sie nur eine Kampfespause für den Körper dar, deren wohltätige Wirkung durch den erneuten Ansturm der alten Schädlichkeiten bald illusorisch gemacht wird. Trotz dieser Mängel, trotz der Notwendigkeit mid auch Möglichkeit lveiteren Forlschreitens auf der betretenen und auf neuen Bcchilen, darf man das Geschehene nicht gering veranschlagen. Weun die Lungenheilanstallen auch nur wenigen volle Heilung vermitteln können, so erwirken sie doch vielen einen Auffchub des drohenden Endes und Ungezählten durch hygienische Disziplinierung ihrer vorübergehenden Schutzbefohlenen in bezug auf die Behandlung der gefährlichen Auswurfstoffe— eine Minderung der Ansteckungsgefahr! Gerade in dieser Disziplinierung der Kranken zum Schutz der Gesunden liegt eine der wichtigsten Aufgaben aller Tuberkulosebekämpfung. Aber wie viele offene Lungentllberkulosen sd. h. solche, bei denen der tuberkulöse Eiterherd in offener Verbindung mit Luft- röhrenästen steht), die täglich in Massen Ansteckimgsmateruil in ihre Umgebung verbreiten, wandern unerkannt umher, abseits aller Be- Handlung, aller Belehrung. Die ärztliche Hülfe ist eben noch gl kostspielig, räumlich und damit auch zeitlich zu fern, und der Sinn besonders der ärmeren, d. h. zugleich der meist betroffenen Be- völkeruiig den Gefahren gegenüber nicht genügend geweckt. Es gilt im Interesse der Allgemeinheit, nicht erst zu warten, bis der Kranke, „bei dem es nun nicht mehr gehen will", die sorglose Indolenz überwindet, sondern soweit als möglich die Erkennungs- und Heilmittel ihm kostenlos entgegenzubringen, ihm anzubieten. Sehr vielversprechend dürfen in dieser Beziehung die Fürsorge- stellen genannt werden, welche— teils öffentlidfen, teils privaten Mitteln entstammt— mehr oder minder nach dem Muster der französischen DiSpensaires an einigen Stellen Preußens, zuletzt in Königsberg, ins Lebe» gerufen worden sind, Sie solle» keine Heil- anstaltcn, sondern Stellen sein, in denen Kranke ihr verdächtiges Leiden physikalisch und bakteriologisch untersuchen lassen können, um sich dann anderweit— wenn nötig— ärztlich behandeln zu lassen; außerdem sollen sie— und darin beruht nicht der kleinste Teil ihrer Bedeutung— die Bedürftigen der öffentlichen Unterstützung durch Aushändigung von Fleisch- und Mlchmarkcn, Geldbeihülfen usw. zugänglich machen, ihnen auch Belehrung und kostenfrei Desinfektionsmittel für Auswurf, Wäsche uud Wohnung gewähren. Auf solchen und ähnlichen Wegen mnß es vorwärts gehen, der Seuche zuin Trutz, der Menschheit zum Heill— (Schluß folgt.) Kleines feirilletott» go. Das Kostümfest. Es war nun also endgültig beschlossen, man würde„mitmachen". Nach dreitägigem Knurren und Brummen hatte„Bata" endlich nachgegeben. Mutter und Töchter triumphierten und waren gleichzeitig wie clekirössert:'n Maskenball,'n richtigen Maskenball und noch dazu so einen furchtbar feinen! Mutter blähte sich ganz getvaltig, als sie es beim Schlächter erzählte. Feine Masken würden sie nehmen, eigens gemachte nattirlich, nicht etwa bloß solche vom Maskenverleihgeichäft. Ach nee l ES blieb nur noch die Frage, was für MaSken. Man erörterte sie mit all' dem Trust, der ihrer Wichtigkeit zukam, und zwar von früh bis spät, beim Mittagessen wie beim Abendbrot, beim Frühstück wie bei der Vesper. Den meisten Berger dabei machte„Vota", Vota wollte absolut nur im Frack gehen. „Js ja Uufinul" Mutter wurde irmteuö:„Jrade als hättste Ken Jeld, Dir'n Rock zu koofen. In'» Frack kommt jeder der- hungerte Schneider. Als Ritter wirste jehn oder als Fraf mit'ne Samtpelerine und'n Federhut, damit De loat vorstellst." „Ach, ick wasch mir reene hinter de Ohren, denn kennt mir Ken Mensch." „Aujnst, Du red'st wie'u Pöbel," sagte die Mutter entrüstet,„als fländ'ste noch in Dein'n Schlächterladen und verkooftest'n Zippel Zwiebelwnrscht sür'n Jroschen. Vergiß nich, det d' Rentier bist und'n Haus hast;)owat paßt fich nich vor feine Leute." Vota„grunzte" nur und vertiefte sich noch emsiger in seine Zeitung. „Und überhaupt." meinte Mutter verächtlich—„wat seht'n uns Dein Kostüm mi? Du kannst ja als Mönch jehn. det is blos 'n brauner Rock. Die Hauptsache sind de Mächens, unkt Wesen Sls kommt heute abend dr Schneiderin, die wird schon wat ivisjen, fe arbeit ja für feine Leute." Die Schneiderin wußte denn auch iu der Tat etwas z sie sah sich Toni und Trude mit lritischen Blicken an und riet auf ein dralles Bauernmädel— das Kostüm wär für dicke, frischfarbige Toni wie gemacht. Na, und die kleine zierliche Trud« zog m«m vielleicht als Kammermädchen a». Die Mutter war entrüstet.„Als Dienstmädchen? Fräutein, Sie sind wohl? Fch habe Ihnen gesagt,'s sollen feine Masken sind, wir jehn auf'n feinen Maskenball." „Man kann ja die Anzüge sehr fein herstellen uu!» sie würden für die jungen Damen gerade passen." Die Schneiderin lächelte etwas dabei, die„jungen Damen" rümpften di« Ras«.„Kammer- mädchen?" sagte Trilde empört„Nee Fräulein, einem so was zu- zumuten und denn»och zu sagen, das paßte für nrirl Ich will als was Vornehmes gehen, machen Se mir'ne Prinzesfin oder so was.* „Se können ihr ja'ne Königin der Nacht machen", sagte die Mutter,„det steht nach was aus." „Und ich will als Nixe gehen", grollte Toni,„mit jriiiie Seids und Lilie» in's Haar". „Aber dazu find ja Fräulein viel zu dick. Und das anders Fräulein als Königin der Nacht? Unmöglich, das ist ein Kostüm für groß« Damen." Di« Schneiderin geriet förmlich außer sich. „Na Iott, als ob es darauf ankommt I Denn macht se fich hohS Hacken unter und de Toni knallt fich iu." „Aber grüne Seide würde Fräulein Tom gar nicht stehe», Fräulein Toni hat ja viel zu rosige Farben, denn wollen wir doch für Fräulein Trndchen eine Elfe nehmen und.. „Was is'ir det?" fragte die Mutter mißtrauisch.�„Js det was Jediegnet?" „Na, wir können es sehr gediegen machen: himmelblaue Scidch ein paar Goldfliigel, sehen Sie mal hier, so..." Die Schneiderin legte ein Modenvlatt vor. Trude zog dia Stirn« kraus, aber Toni fiel sofort darüber her.„Das wer' ich nehmen, Fräulein, als Blumenelf, ja, bat köimen Se mir mache».'' „Aber, Fräulein nein Toni, das ist ja ganz unmöglich l" Dia Schneiderin schlug die Hände zusammen.„Das Elfenkosttmi ist fü» ein zierliches Figiirchen. Nehmen Sie lieber hier die Aschinger- mamfell. Die paßt für Sie." „Wat woll'n Se damit sagen, Fräulein? Nu wer'» Se abev nich grob! Als ob meine Töchter nicht zierlich wär'n I" Die Mutter stemmte �die Hände in die Seiten.„Und Aschmgermams«ll! Det köimen Se für DiensimächcnS machen, aber nich für«nfecemen. Jetzt machen Se mir mal hier det Kostüm von die BenctumifchQ Edeldame, und dann kriegt de Toni ihre Elfe und Trude ihr« Königin der Nacht. Se können gleich aufschreiben, was S« brauche», und in drei Wochen muß alles alles fertig fem V" „In drei Wochen?" Die Schneiderin sah auf. „Jawoll, Dienoiag in drei Wochen, da is'S Fest im Hans- und Jrnudbesitzervereim" Die Mutter sagte das letzte sehr gelvichtig; eS schien auch auf das Fräulein einen Eindruck zu machen, sie legte ihr Notizbuch beiseite und sagte:„Ach, dahin gehen Sie?" „Jawoll dahin! Wat haben S'en zu kucken?" Die Schneiderin lächelte:„Nun. da brauchen Si« doch über» Haupt keine Masken. Der Verein gibt doch bloß ei« Kestümfefi: Strandleben in Heringsdorf." „Nu ja, aber's is doch'n Kostümfest, man soll fich doch' nach anziehen, steht auf die Einladung." Die Mutter machte ein etwas verdutztes Geficht. „Aber doch nicht als Elfe und Königin der Nachts" Die Schneiderin unterdrückte ein Lachen.„Und als Venettanerin im» schon ganz und gar nicht. Da ziehen Sie sich einfach helle Sonmier- kleider an, und dann Strandschuh' imd Hut und Somwnschirm und..." „Und sonst noch wat?" Die Mutter sprang auf:„Fräulein, Si« haben wohl wirklich'n Vogel?" „Mt'n Sommerkleid auf'n Kostümfest," schrie Trude,„einem so was zu sagen!" „Und mich wie'n Bauernmädchcn anzuziehen I" Toni wurde noch röter als sie schon war. „Nee, Fräulein, jetzt machen Se aber, det Se rauskommen." Die Mutter wies energisch nach der Tür und wandt« sich dam» wieder den Töchtern zu:„Was sagt Jhr'n nun? Und so was nennt sich Modisttn und sagt, eS schneidert für feine Leute i"— Volkskunde. — Beiträge zurSiedelungskundedesOstharzeS veröffentlicht Heinrich Wüstenhagen als Hallenser Pro- motionsaroeit 1905. Cr nimmt verschiedene Perioden dafür an. Die erste umfaßt den Zeitramn von 10 bis 775; nur 15 von heute noch bestehende Ortschaften vermochte� er ihr zu- zuweisen. Die zeitlich umfangreichste und wichtigst« Period« reicht von 775 bis 1250. die zugleich mit der Ein» führung des Christentums einsetzt. Dre für diese Periode be- zeichnenden Endungen hängen samtlich mit der Rodung deS Waldes zusammen, eS sind hauptsächlich-rode,-Hagen,-jeld», -schwende. 53 noch heute bestehende Orte, 92. sicher« Wüstungen und 41 zweiftlhaste Wüstungen sind hier zu zähle». Merkwürdig ist dabei der Umstand, daß die Ortschaften auf-rod« durchtoeg klein geblieben sind, kaum daß Gernrode und Wcruiaeroi« eine Ausnahme bilden Das Eingehen der Ortschaften lä�t eine »vettere Etappe von 1230 bis 1550 entstehen. Dabei waren es nicht immer die kleinsten Orte, welche allmählich zurückgingen und ivüst wurden. Der Zufall mutz dabei eine starke Rolle gespielt haben. Vielfach lätz: sich freilich eine Parallelität zwischen dem Eingehen der Ortschaften und dem Sinken des Bodenertrages fest- stelle»: 121 Wüstlingen will Verfasser für diese Zeit heraus- rechnen; prozentuell betragen heute die eingegangenen Orte 53,5 Proz. aller Orte, die jemals bestanden haben. Doch ist dabei zu berücksichtigen, datz die Zählung von Wüstungen immer nur unbestimmte Ergebnisse liefern kann. Eine dritte Periode läuft von 1550 bis 1618. Während anderwärts diese Zeit nur negativ in der Besiedelnngsgcschichte hervortritt, haben wir im Harze einen Fort- gang neben dem Rückgänge. Diese Ortsgründungen betreffen aber nur den westlichen Teil deS Gebirgsinneren, die in dem östlichen Teile entstehenden Orte haben mit dem aufblühenden Bergbau nichts zu tun.— Die vierte und Schlutzperiode rechnet bis zur Jetzt- zeit. Bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann die Eni- Wickelung der Eisenindustrie ins Stocken zu geraten, während ihr der dreißigjährige Krieg nahezu den Todesstotz versetzte, zumal sich bielfach eine Erschöpfung der Gruben zeigte. Die Bergleute wenden sich in der Folge vielfach der Hausindustrie zu. Als Faktor für alle Ortsgründungen dieses Abschnittes ist das Eingreifen der Fürsten- gcwalt sehr kennzeichnend. Im ganzen wurden in dieser Periode 15 Orte gegründet, davon entfallen 5 Reugründungen auf alte Wüstungen. Als Moment von der grötzteu Bedeutung war ftir den Harz die damalige politische Zerrissenheit. Die Teilungen wirkten bielfach ortsgründend. Will man von der historischen Besiedclnng des Harzes sprechen, so hat man Ackerbau-, Burg- wie Bergbau- onsiedelnngen genau auseinanderzuhalten; ihre jeweilige Gründung ist eben durch gänzlich verschiedene Faktoren bedingt.— („GlobuS/j Medizinisches. br. Die Klavier spielerkrankheit. Wenn bestimmte Muskelgruppen bei der einen oder anderen Berufsarbeit zu stark in Anspruch genommen werden, so ermüden diese natnrgemätz. Schlietz- lich versagen sie vollständig, und es entstehen unter Mitwirkung der Nerven gewisse, bestimmt charakteristische Erkrankungen, von welchen der Schreibkrampf die bekannteste ist. Auch der Klavier- spielerkrampf gehört in diese Kategorie. Von diesem Krampf, der vorwiegend bei Erwachsenen wahrgenommen wird, hat man die Klavierspielkraukheit zu trennen, die bei jugendlichen Personen und Lkindent wahrgenommen wird. Dieses sogenannte„lieber- spielen der Hände", welches sehr häufig vorkommt, ist auf das Mihverhältnis zwischen den Händen des"Spielenden und seinem Znstrument zurückzuführe» infolge des Mangels der Anpassung der Hände deS Klavierspielers an fein Instrument. Letztere stellt sich nämlich bei Geigern viel früher ein als bei Klavierspielern, da bei «rsteren der Zeige- und Mittelfinger der linken Hand sich um 1 bis 2 Zentimeter verlängert. Derartige Klavierspielkrankheiten bedingen natnrgemätz ein Aussetzen des Spieles, sie verlangen ärztliche Be- Handlung durch Massage, Elektrizität und Heilgymnastik. Professor Zabludowoski, der Leiter der Universitäts-Masfageanstalt in Berlin, wurde nun infolge der häufigen Krankheitsfälle, die er in Behandlung lbekam, veranlatzt, ein Klavier zu konstruieren, dessen Gebrauch die Krankheit verhindern soll. Im„Verein für innere Medizin" in Berlin demonstrierte er ein Jugendklavier, das nach seiner Swgabe konstruiert ist, das sich nur durch eine etwas kleinere Klaviatur von den üblichen unterscheidet. Für diesen Zweck reicht eine Herabsetzung der ganzen Oktave mit Zwischenräumen von IS Zentimeter der üblichen Klaviatur auf ungefähr 17 Zentimeter aus. Mit einen, und demselben Klavier brauchen demnach nur die Klaviaturen gewechselt zu werden, die Anschaffniig zweier Klaviere, eines für Erwachsene und eines für Kinder, ist daher überflüssig. Der Wechsel der beiden Klaviaturen läßt sich mit Leichtigkeit vollziehen, da in einem Rahmen zwei Klaviaturen sind und durch die Umdrehung des KlavierrahmenS die übliche Klaviatur oder die verkleinerte in die Spielfläche tritt. Da die starke Spreiznng der Finger wegfällt, so können die Kinder viel früher mit dem Klavierüben beginnen.— Astronomisches. en. Wie die Entfernungen im Weltraum be- stimmt werden, hat der Astroiioni der Universität Cambridge, Professor Turner, in einem volkstümlichen Bortrag auseinander- gesetzt. Ganz besondere Gelegenheiten bieten dazu die Vennsdurch- gänge, d. h. das gelegentliche Hinwegschrciten des Planeten Venns über die Soilnenscheibe, loie es im Jahr 1871 und 1882 mit größter Sorgfalt beobachtet worden ist. Außer diesem bekannten und be- sonders wichtigen Mittel gibt es aber noch zahlreiche andere. Sie beruhen sämtlich auf Messungen, die von ein und demselben Himmelskörper an verschiedenen, aber bestimmt ausgewählten Punkten der Erde vorgenommen werden. Wenn zwei Photographien eines Gegenstandes mit zwei photographischen Apparaten aufgenommen werden, die in einem gewissen Abstand voneinander aufgestellt sind, so fallen die Bilder nicht gleich aus, sondern zeigen eine gewisse Verschiedenheit, aus der sich die Entfernung des Gegen- standes von den beiden photographischen Platten bestimmen läßt. In dieser Weise mißt der Astronom die sogenannte Parallaxe, die ihm die Gnmdlage zur Feststellung des Abstandes der Himmelskörper von der Erde gibt. Dies Verfahren läßt sich um so leichter aiilvenden. je näher der fragliche Körper sich der Erde gegenüber befindet, also am besten bei Meteoren. Professor Barnard hat auf diese Weise die Höhe eines Meteors auf etwa 300 Kilometer über der Erdoberfläche mit Hülfe von zlvei photographischen Apparate» bestimmen können, die nur 120 Meter Abstand von einander hatten. Will man aber auf demselben Wege die Entfernung weit entlegener Himmelskörper wie der Planeten feststellen, so mutz man die photographischen Apparate iveiter auseinanderbringen, damit eine genügende Verschiedenheit in den beiden Aufnahmen entsteht. Für die Beobachtung eines Planeten wird durchschnittlich ein Abstand der photographischen Kaminern von 200 Kilometern notivendig sein. Man kann aber auch von einer Stelle aus zu verschiedenen Zeiten photographieren, da die Bewegung der Erde um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von über 30 Kilo- mctern in der Sekunde schon in wenigen Sekunden die notwendige Verschiedenheit hervorbringt. ES ist aber besser, zu dem gleichen Zweck die Bewegung der Erde um ihre eigene Achse zu benutze» lind danil photographische Aufnahme» desselben Planeten in einem zeitlichen Abstand von 12 Stunden vorzunehmen, was keine Schivierigkeiten macht, da in einem starken Fernrohr die Planeten auch bei Tageslicht sichtbar sind. Die Verschiedenheit der beiden Ansitahmen fällt dann derartig aus, als ob sie von Stellen aus aufgenommen wären, die etwa 13 000 Kilometer von einander lägen. Ein iteues Mittel zur genaueren Bestimmung der Entfernungen der Himmelskörper hat der vor einigen Jahren entdeckte kleine Planet Eros geliefert, weil er in seiner Bahn zeit- weilig sich der Erde bis aus eine verhältnismäßig sehr geringe Eilt- fernung nähert. Nach den bisher vorgenommenen Messungen hat sich die Entfernung der Sonne von der Erde auf ziemlich genall 150 Millionen Kilometer herausgestellt. Später werden diese Untersuchungen jedoch noch viel genauer vorgenommen werden können, weil unglücklicherweise die günstigste Stellung des Eros gerade vor seiner Entdeckung vorüber war und erst in etwa 30 Jahren wiederkehren wird. Die Entfernung der Fixsterne ist wegen ihrer ungeheuren Größe sehr schwierig zu er- »nttcln, und es sind erst etwa 60 Jahre vergangen, seit die erste Messung dieser Art als eine neue Errungenschaft der Himmelskunde. die ungeheures Aufsehen erregte, dem deutschen Astronomen Besfel aelana.— Humoristisches. — Ein Beruf.„Was sind Sie jetzt eigentlich, Baron?" „Schwiegersohn!"— — Ein Schlag.„Brennt mir dieser Schuft mit der Kasse durch, und ich hätt' mir schon so'n nettes Konkurschen zurecht ge- richtet g'habt!"—(„Simpl.") Notizen. — Einfach schön! In einem Gedicht Else LaSker- Schülers heißt es: „Und mein brannes Aufle blüht Halb erschlossen vor meinem Fenster Und zirpt."— — Freitag, den 2. Februar, geht im Deutschen Theater Hof mannthals„Oedipus und die Sphinx" zum erstenmal in Szene.— — H i r s ch fe ld ö Schauspiel„Nebeneinander" brachte es im L u st s p i e l t h e a t e r zu Wien zu keinem vollen Erfolg.— — Erfolg hatten bei der Erstaufführung: Hauptmanns „Versunkene Glocke" im königlichen Theater zu Athen. „Alt-Heidelberg" von Meyer-Förster im Theater Antoine zu Paris.— — Die Hohentwiel- VolkSfe st spiele sollen ain Pfingstsonntag beginnen.— — Musik- Fachausstellung. An der vom Zentralverband Deutscher Tonkünstler und Tonkünstler-Vereine vom 5. bis 20. Mai in der Philharmonie in Berlin zu veranstaltenden Musik- Fach- auSstellung wird sich auch die königl. Bibliothek beteiligen. Sie wird eine große Auswahl von Autographen und Mannskripten unserer alten Meister, und wertvolle, seltene Notendrucke ans dem 15. und 16. Jahrhundert ausstellen.— — T i t t e l S Oper„Gesäte B o r g i a" erlebt am 6. Februar ihre Uraufführung iin Stadt-Theatcr zu Halle.— — Der M e u n i e r- A u s st e l l u n g ist noch eine Anzahl überlebensgroßer Plastiken auS Privatbesitz, darunter die Gruppe „ Feconditv", eingereiht worden.— — Der Münchencr Maler Leo Putz, der beim Hcrkomer Rennen von einem Automobil überfahren wurde, soll infolge diese? UngückSfalles irrsinnig geworden sein.— t. Die Waldgrenze in den österreichischen Alpen ist durch sorgfältige Untersuchungen von Prof. Marek neu bestimmt worden. Nach einem vorläufigen Bericht an die Wiener Geographische Gesellschaft ist das ivesentliche Ergebnis dieser Forschungen, daß die Waldgrenze in den österreichischen Alpen fortgesetzt von Westen nach Osten sinkt und zwar in zunehmendem Maße und bis zu einem Unterschied von 556 Mctern auf etwa 5 Längengrade. Durch- schnittlich findet sich die Waldgrenze 750 Meter tiefer als die Linie des ewigen Schnees.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Verlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer äcCo., Berlin LW.