Anlerhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 21. Mittwoch/ den 31. Januar 1906 (Nachdruck verbalen.) 7] Der Kuppclbof. Roman von Alfred Bock. Er legte den Arm um ihren Hals. „Guck, Mariann, wir sein miteinander groß worden. Ehndcr ich fortkommen, sein wir duschur beisammen gcwcst. Itnd's gedenkt mir net, daß wir uns gekappelt haben. Wir haben gute Kameradschaft gehalten. Zuerst in der Stadt sein ich wie narrig herumgelaufen, Hab gemeint, ich könnt's net erleiden, daß Du net bei mir warst. In der Früh, wann alles noch in den Betten lag, sein ich als auf den Hammers- berg gemacht. Da könnt ich uns' Kirchturm sehn. Seit Hab ich geflennt. Etz in der Werkstatt hieß es: achtgepaßt! Da- dezwischen sein meine Gedanken zu Dir ausgewischt. Und kannst mir's glauben, solang ich auswärts gewest bin, Hab ich kein Mädchen angeguckt. Ich hatt' beini Meister mein Quartier. Nebig mir war dem Kochendörfcr, dem Gesell, seine Stub. Der hat schrecklich geschnarcht, daß ich oft kein Schlaf kriegen könnt. Und war mir gar net leid drum, wann ich so wach liegen mußt, dann ich Hab während simeliert: wie mag's der Mariann wohl gehn? Die is gewiß groß worden und stärk. Vielleicht auch stolz! Die Zeit verging, ich wüßt net wie. Auf einmal sein ich älter gewest und be- dachter. Und tat begreifen, was zwischen uns stand: meine Armetei und mein Vater. Ja, sagt ich mir, von wegen der Armetei, das is net schlimm. Ein Dusperer bist Du net. Aber Dein Vater, den bläst Du net weg. Er mag sein, wie er will, er is und bleibt Dein Vater. So Hab ich mit mir selbst geschwaßt. Und die Jahr in der Stadt sein ich die Sorgen net los worden. Etz kam ich heim. An der Schzil sein ich Dir dercrst begegent.'s hat ordentlich an meinem Herzbennel gezoppelt. No sah ich daß Du niir noch gut warst. Und hätt' juchzen mögen vor Freud! Tadrauf sein ich nach Dir gangen. Und tun's noch. Aber Dein Vater darf's net wissen. Guck, Mariann, ich Hab mir das zurechtgelegt: das Heimschcln führt zu nix. Ich sein für die Wahrheit. Sag Deinem Vater, wic's mit uns zwei is. Hängt he den Hartkopp heraus und spricht: nee, dernach kommst Du zu mir. Schaff ich für zwei Brot, schaff ich's auch für drei. Und will Dich hochhalten mein Leben lang!" Während er also mit Leidenschaft sprach, schlug der Mariann das Herz zum Zerspringen. Sie sah, welchen Schatz von Liebe und Treue der Fried ihr entgegenbrachte, und empfand nun als doppelte Schuld, ihn vor dem Vater der- leugnet zu haben. Eine Stimme ward in ihr laut: laß alles im Stich und nimm den Fried. Der zeigt Dir immer ein Sonntagsgcsicht und trägt Dich aus den Händen. Aber es war doch nur ein Augenblick, daß sie dieser Regung nachgab. Ihre Gewissenszweifel gewannen sogleich wieder die Oberhand. „Fried," sagte sie, ohne ihre Erregtheit verbergen zu können.„Du meinst, mein Vater wüßt von nix. Das is net cso.'s hat's ihm wahrschcins eins zugebischbert, dann he hat mich vorgenommen." Der Fried riß die Aligen auf. „Krieg die Krammenot! Ei wann dann?" „Samstagabend." „No und?" Sie senkte den Kopf. „Ich hab's geleugcnt." „Du hast's geleugent?" „Gell, das war schlecht?" Er hatte sie fest umschlungen gehalten, nun gab er sie plötzlich frei und sagte bestürzt:„Ja, das war schlecht." Ihr Ateni ging schwer. „Ich will Dir verzählen, wie's kommen is. Erst hat mich mein Vater angeranzt. Und da krag ich's mit der Angst. Und sein Dir ganz verstabert gewest. He hat mir obendrein angekündigt, wann's doch sein sollt, daß ich was mit Dir hätt', dernach wären wir geschiedene Lent, und mein Platz wär vorder Tür." „Und was is nu?" fragte der Fried mit unsicherer Stimme, wie jemand, dem nichts Gutes schwant. „Mein Vater sitzt einzling auf seinem Hof," versetzte sie, „und is kränkerlich. He hat mich, sonst keins. Das siehst Du doch ein, fortlaufen kann ich net." Er lachte kurz auf. „Ja freilich, das sehn ich ein." „Mußt net so sein, Fried," sprach sie kummervoll.„Du weißt net, wie weh mir is. Ich setz den Fall, ich gehn bei Dich, dernach tät ich mich doch an meinem Vater versündigen. Und an unserm Herrgott auch. Letzt erst hat's der Pfarrer gepredigt: Ungehorsame, verstockte Kinder sind dem Herrgott ein Greuel und machen sich zeitlicher und ewiger Strafe schuldig." „Wann sich zwei wirklich gern haben," sagte der Fried mit flammenden Augen,„hat sich keins ereinzumischen, kein Vater, kein Pfarrer, kein Herrgott net." „Fried, das is schandlasterlich!" rief die Mariann er- schrocken. Er stand auf. „Alleweil is mir's klar: Du hast nnch net gern." Ihr schosien die Tränen in die Augen, und sie bedeckte ihr Geficht mit den Händen. Er schritt ein paar Mal um den Born herum. Plötzlich stürzte er vor ihr nieder und umklammerte ihre Knie. „Mariann, ich bitt Dich um alles in der Welt, sei net obstenat*). Wann Du Dich von mir abwenden tust, mein Lebtag sein ich unglücklich." „Daß ich argwillig bin," schluchzte sie,„das traust mir doch net zu." Ein Schimmer von Hoffnung glomm in ihm auf. „So mags bleiben mit uns, wie's war." „Nee, Fried," sagte sie leise, aber entschlossen.„Schlimm gcnunk, daß ich einmal gelogen bab. Morn will ich ohne ! Falsch vor niein Vater treten." Er richtete sich empor. „Das soll soviel heißen: zwischen uns is es aus?" Sie schwieg. Eine Weile stand er völlig zerknirscht. Dann stieg er langsam den Hang hinauf und war bald im Dunkel des Wäldchens verschwunden. Ihr war's, als müßte sie ihn zurückrufen. Aber sie hielt an sich. Was half auch alles Lamentieren? Sie war dem Vater Gehorsam schuldig. 7. Der Hannpetcr stand auf der Finkelhöhe in Mittags- sonnenglut. Zu seinen Füßen sah er das Dorf, den glitzernden Rödelbach und die von mächtigen Basaltblöcken umgrenzte Hommelwiese, auf der der Schäterkaspar seine Schafe weiden ließ. Ueber das farbenreiche Bild hinweg wanderten seine Blicke in das weite, wellige Gelände, durch das sich wie ein glänzender gelber Streifen in vielfachen Krümmen die Land« straße zog. Es war ein Tag vor dem Kriegerfest. Der Matz wurde heute in der Heimat erwartet. Der Hannpeter hatte sich er- boten, ihm eine Strecke Weges entgegenzugehen, um mit ihm den Heiratsplan zu besprechen. Die Sache war ihm von Wichtigkeit, nicht bloß wegen des Sacks Mehl, der für ihn als Freiersmann abfallen würde, sondern auch aus der Er- wägung heraus, daß der Matz sich seiner Verpflichtung gegen ihn erinnern werde, wenn er ihm den Hof des Dotzheinicrberz erheiraten half. So eine Art Faktotum bei dem jungen Bauern zu werden, das schwebte dem Hannpeter vor. Seine Lage war just nicht die beste. Er lebte aus der Hand in den Mund und suchte nebenher sein Profitchen zu machen. Mit seinen paar Lappen Land durfte er sich nicht vermessen, im Dorf eine führende Rolle zu spielen, wozu ihn sein Verstand wohl befähigt hätte. Indessen war er inmitten zahlreicher Familienzwiste und scharf hervortretender politischer Gegen- sätze mit allen Gutfreund. Ein gut Teil Scheinheiligkeit machte ihm das leicht. Der Schäferkaspar kam die Höhe herauf. Er war froh, jemand entdeckt zu haben, mit dem er ein wenig„schnurren" konnte. Seine beiden Hunde hatte er bei der Herde zurück- gelassen. »J. Eigensinnig. „Was tust Du dann hier oben bei dere Hitz?" sprach er den Hannpeter an. Der entgegnete:„Ei. Kaspar, wer wird dann so neu- schierig seinl" „No, man wird doch noch fragen dürfen."- „Ich lurn auf mein Petter, den Matz." „Dem Karges seiner?" „Jawohl." „Js dann der net beim Militär?" „Ja, he kommt auf Urlaub zum Fest." „Und will sich emal die Schnut voll tunken." „Allemal." „Weiter is es doch nix." Der Schäfer stieß seine Schuppe in den Zodcn und trat nahe an den Hannpeter heran. „Wie's scheint, kommt allerlei Gezeug zu dem Fest bei- sammen. Ich Hab gest nacht schon ein Veteran gesehn. Oben- drin ein verstorbene." „Wo?" fragte der Hann peter mit einem Gesicht, als ob er nicht den mindesten Zweifel hege, daß dergleichen möglich sei. „Aufm Kirchhofsstück," versetzte der Kaspar,„'s könnt einem bei Gott gruselig werden." Er nahm die Mütze ab, wischte den Schweiß von der Stirn und fuhr fort:„'s schlug gerad elf im Dorf. Ich lieg in meiner Hütt und dusiel ein wink. Auf einmal bleffen die Hund. Ich gleich eraus. Meine Schaf blerren jämmerlich und springen wie behext erum. Bei dem Mond sah man alles wie am hellichtigen Tag. Ich guck und guck. Etz hatt' ich's. Ueber der Bach steht ein Mann mit schneeschlosseweißem Bart und ein Paar Augen, so groß wie eine Sackuhr. He war grasegrün angetan, hatt' eine Büchs auf'm Buckel. Ge- Witter, denk ich, den kennst Du doch. Und fährt mir durch den Kopp: der Hannbast*) is es, der Wilderer!'s hat sich freilich nie keins an ihn getraut. Und wie sie ihn begraben haben, is noch dreimal geschossen worden. Weißt, Hann- peter, ich sein kein Enggeherzter, und wann man ein recht- fchasfenen Sinn hat, braucht man sich vor nix zu fürchten. Ich gehn getürst**) auf den Hannbast zu. merne Schupp in der Hand. Und sein schon an der Bach. Wupp! war er weg!" lIortsctzung folgt.) lNachdrul! verboten.) Tuberkulose unä �oklenraucb. (Schluß.) Neuerdings— um auch die Kehrseite nicht uugezeigt zu lassen— scheint an gewisien Stellen allerdings eine Unlust zum weiteren Fortschreiten, ja, eine Tendenz zum Rückzüge sich bemerklich machen zu wollen. In der andauernd erheblich steigenden In- anspruchnahme der Versicherungsanstalten in bezug auf Heil- verfahren und Rentengcwährung— zureichend erklärt durch die steigende RechtskenntinS in der Bevölkerung— wird von gewisier Seite das bedrohliche Zeichen zunehmender Begehrlichkeit und Ver- Weichlichimg erblickt. Bedauerlicherweise ist gerade in letzter Zeit aus ärztlichem Munde das Wort von den entnervenden. Charakter und Willen schwächenden Folgen der sozialen Gesetzgebung gehört worden. Es war sogar der Leiter einer Lungenheilanstalt, der sich bemüßigt gefunden hat, mit Tadel und Bedauern auf die Tatsache hinzuweisen, daß die den Heilstätten von den LandesvcrsicherungS- anstalten überlviesenen Kranken fast ausnahmslos nur leichte Fälle darstellen im Gegensatz zu den meist erst in vorgerückteren Stadien eintretenden Selbstzahlern. Er zieht daraus den Schluß, daß die erstgenaiinten Versicherten„jeder subjektiven Beschwerde nachzugeben, (jeneigt sind",.während die fast ausnahmslos dem kleinen Mittel- tande angehörenden Sclbstzahler„gegen die körperliche Anfeindimg ankämpfen". Welch' seltsame Betrachtungsweise für einen Arzt, noch dazu den Leiter einer Heilanstalt, der doch am ersten wisien müßte, wie sehr die günstige Beeinflussung gerade der Tuberkulose von ihrer frühzeitigen Erkennung und Behandlung abhängig ist. Wir haben im Vorstehenden die ausgedehnten und trotz aller anhaftenden llnvollkonimenheite» doch immerhin achtungswerten Be- strebungen zur Bekämpfung der Tuberkulose kennen gelernt. Seit zirka 20 Jahren hat sich in inmier steigendem Maße ein löblicher Eifer von amtlicher und privater Seite diesem Ziele gewidmet. Wie aber sieht es nun mit den erreichten Erfolgen? Freilich die Berichte der Lungenheilstätten lauten günstig genug. Aber die Erfahrung des praktischen Arztes weiß leider nur von zu vielen Rückfälligen und Gestorbenen zu berichten, die mit roten Backen und beträchtlicher Gewichtszunahme als erheblich Gebesserte die Anstalt verließen. Und wenn ivir die Statistik der„Preußischen Todesursachen" zirr Prüfung *1 Johann Sebastian. ■••) Mutig. und Entscheidung heranziehen, so müssen wir billig stutzig werden; denn die Zahl der Todesfälle an Erkrankungen der Atmungsorgane weist seit 1875 keinen Rückgang auf. In diese Zweifel bringt eine kleine, vor kurzem erschienene, Schrift,*) die Dr. Louis Ascher— wenn ich recht unterrichtet bin: den Verwaltungsausschußvorsitzendcn der neuen Fürsorgestelle zu Königsberg zum Verfasser hat— ein tröstliches und klärendes Licht. Durch sinnreiche Trennung der chronischen Erkrankungen der Atmnngsorgane, d. h. der vorwiegend tuberkulösen von den vorwiegend nichttuberkulösen gelingt es ihm. mit voller Deutlichkeit den Nachweis zu führen, daß ungefähr seit dem Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts allmählich, seit dem Ende der achtziger Jahre stärker zunehmend eine Absenkung der tuberkulösen Sterbeziffer eingetreten ist. Dieses hocherfreuliche Ergebnis, das den Mut. auf den be- tretenen Bahnen fortzufahren, mächtig anregen muß, findet jedoch in der unerwarteten Feststellung einer fast überkompensierenden (über den Ausgleich hinausgehenden) Zunahme der Sterbcfälle an akuten Lungenkrankheiten ihre problematische(Fragen auf- werfende) Kehrseite. Die Frage nach den Ursachen ist unab- weislich gegeben. Was hülfe es uns, unter Aufbietung aller Kräfte der Scylla zu entgehen, wenn eine schlimmere Charybdis uns doch zur Tiefe risse! Indem der Verfasser diesen Ursachen nachforscht, werden die möglicherweise in Betracht zu ziehenden Einflüsse der Infektion (Ansteckung), des Klimas, der verminderten Widerstandsfähigkeit, eingehend krittsch geprüft, können aber als zureichend nicht an- erkannt toerden. Erst die statistische Gegenüberstellung von Land- Wirtschaft und Industrie gibt einen brauchbaren Fingerzeig: die festgestellte Zunahme der Todesfälle an nichttuberkulösen Er- krankungen der Atmungsorgane(vom Verfasser als dlT bezeichnet) zeigt sich in auffallend� schroffem Gegensatz auf die industriellen Gebiete beschränkt. Während nämlich in sechs landwirtschaftlichen Kreisen Ostpreußens die Zahl der dlD-Sterbefälle im ersten Lebens- jähre(auf 1000 Lebendgeborene berechnet) annähernd gleichmäßig blieb, d. h. sich in den Zeitetappen 1876, 1890 und 1900 nur von 4,0 auf 4,2 und 6,9 erhöhte, stellte sich in sechs industriellen Kreisen Schlesiens ein Aufstieg von 3,4 zu 10,7 und 19,4 und in sechs in- dustriellen Kreisen der Rheinprovinz sogar ein solcher von 3.2 zu 15,3 und 21,2 heraus. Das bedeutet eine Bersechs- und Versieben- fachung im Gebiete der Industrie gegenüber einer unbedeutenden Vermehrung um das Anderthalbfache auf dem Lande. Als Schluß aus diesen Feststellungen ergibt sich dem Verfasser der Satz, daß:„die Ursache der Stcrblichkeitszunahme an den akuten Lungenkrankheiten in einer Schädlichkeit beruhen müsse, welche zwar auch in landwirtschaftlichen Kreisen in einer gewissen Ver- mchrung sich befindet, aber in ungleich höherem Maße in in- dustriellen Bezirken."„Dieses Agens(wirkende Kraft) kann nicht auf die Stätte gewerblicher Arbeit beschränkt sein, sondern macht sich, wie die Sterbeziffern der Kinder und Greise beweisen, auch in deren Umgebung bemerkbar. Dieses Agens kann nur der Rauch der Kohlenfeuerung sein." Als ein weiteres Ergebnis von Wichtigkeit ist der statistisch geführte Nachweis anzusehen, daß das Sterbealter Tuberkulöser bc- sonders in Stadtgemeinden eine ständige Abnahme erkennen läßt. Auch hier also scheint der Rauch einen ungünstigen Einfluß aus- zuüben. Die Entstehung der Kohlenstaubheillegcnde— man glaubte nämlich früher, daß dem Kohlenstaub der Tuberkulose gegenüber Heil- oder doch Schutzkraft zukäme, und empfahl aus diesem Grunde Lungenkranken den Aufenthalt in Kohlenbergioerkcn— führt Ascher in einleuchtender Weise auf die Benutzung«inseitiger und unvollständiger Stattstik zurück. Und daß Kohlenrauch und Kohlenstaub zwei ganz verschiedene Dinge sind— Ivie er ausführlich darlegt— daß also die etwaige Unschädlichkeit des«inen noch gar keine Beweiskraft für die Unschädlichkeit auch des anderen besitzen würde, sollte eigentlich keiner weiteren Auseinandersetzung bc- dürfen. Diese Feststellungen und Schlußfolgerungen Aschers sind von allerhöchster, auch praktischer Bedeutung. Sie lenken— und darin möchte ich ihren Hauptwert setzen— die Aufmerksamkeit auf einen Punkt hin, der über all den neuen Entdeckungen der letzten Jahre auf medizinischem Gebiet, ganz zu Unrecht und ohne eine genügende Erledigung je gefunden zu haben, fast vollkommen vergessen ist. Schon Finkelnburg hatte im Jahre 1882 mit Nachdruck auf den schädlichen Einfluß des Rauches hingewiesen. Gestützt auf sta- tistische Ergebnisse hatte er den Nachweis gefichrt, daß die Sterblichkeit an Luftröhrcnentzündungen und Lunaenkatarrh in den Stadtgemeinden überhaupt um niehr als das Doppelte die Sterb- I-chkeit an den genannten Krankheiten in den Landgemeinden über- wog, und daß sie in Städten mit massenhaften Stcinkohlenfeuerungcn zu ganz unverhältnismähigcr Höhe stieg— im Gegensatz zur Tuber- kulosesterblichkeit, die besonders in Textilindustriezentten ihren Gipfelpunkt zu erreichen pflegte. Diese Arbeit Finkelnburgs, deren hervorragend praktische Bedeutsamkeit eine ganze Literatur von Untersuchungen hätte anregen müssen, ist völlig, und ohne Nachfolger- schaft gefunden zu haben, in Vergessenheit geraten, einem Märchen zuliebe, das im Kohlenstaub ein Heilmittel enrdcckt zu haben glaubte •) Louis Ascher:„Ter Einfluß deS Rauches auf die AttnungZ� organe".— und über dem Kohlenstaub den Kohlenrauch gänzlich vernachlässigte� Diese Vernachlässigung mutz um so bedenklicher erscheinen, als jcneS dunkle Kulturerzeugnis, dem die niedergeschlagenen Bedenken ge- gölten hatten, nun aller wissenschaftlichen Kontrolle überhoben, in voller Gemächlichkeit seine beherrschende Ausbreitung vollenden konnte. Wie nun, wenn sich herausstellen sollte— und wichtig genug sind die Gründe, die dafür sprechen I— datz der Kohlenrauch, jener unzertrennliche Begleiter fortschreitender Industrialisierung, weder als Heilmittel, wie vorübergehend der Aberglauben be- hauptete, noch auch als ein harmloses Etwas, wie die Sorglosigkeit meinte, sondern rls ein Giftstoff betrachtet werden müsse, dessen Konzentration(prozentische Anhäufung) in unserer Atmosphäre noch in ständiger Zunahme begriffen ist? Dann mühten wir bekennen, datz wir jahrzehntelang Wahn- befangen eine schauderhafte himmlische Brunnenvergistung Wider- standslos über uns haben ergehen lassen, und es bliebe uns gar nichts anderes übrig, als sofort und unter Dringlichkeit eine voll- ständige Umgestaltung unserer gesamten Fabriks- und Wohnungs- gcsetzgebung vorzunehmen. Es kann hier der Ort nicht sein, zu untersuchen, ob und in- wieweit die Aufstellungen Aschers Berechtigung mit sich führen. Eine wesentlich statistische Arbeit mutz notwendigerweise mit einiger Vorsicht betrachtet werden Jedenfalls aber sind die gezogenen Schlüsse von zwingender Schärfe, und nur gegen ihre Voraus- setzungen, das zugrunde gelegte statistische Material, könnte eine etwaige Kritik sich wenden. Aber selbst unter der Annahme, datz jede der vom Verfasser aufgestellten Thesen(Behauptungssätze) einer späteren Widerlegung anheimfallen sollte, ihr Verdienst, in durchaus sachlicher Weise ein zu Unrecht begrabenes hochwichtiges Thema der notwendigen weiteren Bearbeitung erst wieder zugänglich gemacht zu haben, mutz ohne Minderung bestehen bleiben I— Dr. Ernst T h e s i n g. kleines feiaUeton. kg. Holzfüller. Im grauen Morgenlicht stellen sie sich ein, langsam, mit schweren Schritten. Die Axt ist geschultert, am Arm hängt die Säge. Bald darauf schrillt es durch den Wald, mrd ein Hase setzt mit gewaltigen Sprüngen durch das Unterholz. Auf einer Lichtung äst ein Rudel Reh«. Beim ersten Ton der Säge heben alle jäh den Kopf und stehen unbeweglich, die Augen dorthin gc- richtet, wo der Lärm mchob. Ein grosses Verwundern kommt in die schlanken, aufmerksamen Tiere. Wer brach in diese Stille, in diese wundersame Einsamkeit, und störte den heiligen Frieden? Wohl hallte auch hier zuweilen des Jägers Schutz, und ein Tier brach zusanunen. Aber das da— das sind doch keine Jäger! So viel weiss auch ein Reh. Die dort mit kreischendem Werkzeug in die Rinde fahren, töten nicht Has und Reh— die morden die Bäume. Deren Klagen und Jammern, deren Todesruf ist's, die in wüstem Konzert die Ruhe dieser stillen Waldecke vernichten. Schon wankt so ein alter Stamm; dann prasselt's auf in den Nachbarbäumen, Aeste brechen knackend herab, und mit einem gewaltigen Krach stürzt ein Riese zur Erde. Schon sind die Rehe verschwunden. Aber noch einmal tauchen sie auf, dem Auge kaum sichtbar.— weit, weit hinten fliehe» sie über den Weg, leichte Spuren in der dünnen Schneedecke zurück- lassend. Weiss, wie eine gehäkelte Decke, liegt's ringsum über dem dunkelgrünen Moos, dem Laub und den verwelkten Kräutern. Und aus dem Weiss ragen die braunschwarzen Stämme empor. Gestern noch breitete die Decke sich unzerrisfen aus. Schön war's hier und still und feierlich. Die Sonne blitzte an den befrorenen Baum- stammen, und Has und Reh und Baum hielten gute Nachbarschaft. Jetzt treten die schweren Stiefel der Holzfäller auf dem weissen Gewände der Erde herum, und mit der Harmonie ist's vorbei. Ein halbes Dutzend Männer müht sich um den gefallenen Stamm. Die einen zerlegen ihn in meterlange Stücke und zerschneiden ihn. als sei's ein Hering auf dem Teller. Die anderen richten so ein dickes, rundes Meterftück mühsam empor, als wollten sie den Zerstückelten wieder ins Leben bringen. Aber es ist nur Schein. Nur ein Manöver, um ihn noch kleiner zu machen. Denn nun kommen sie mit eiserne» Keilen und treiben dem Stück so ein Ding in den Leib, datz es aufächzt, knirscht und mit einem Schrei auscinanderfällt. Das wiederholt sich noch einige Male, bis so ein Riesenbaum endlich ganz tot ist, zerstückelt und gevicrteilt in einem schön geschichteten Haufen beieinander liegt und nichts mehr sagt. Ganz tot? Nein. Denn im Ofen nachher schlägt noch einmal das Leben empor und wehrt sich mit leisem, knisternden Gesang gegen die völlige Ver- mchtung.... Allmählich ist's Mittag geworden. Aus dem grauen Winter- Himmel blinzelt ein wenig die Sonne. Schon hat sie einen etwas freieren Durchblick hier unten als sonst. Breite Wipfel liegen zcr- brachen am Boden und wehren den Strahlen nicht mehr, die spärlich durch die Wolken rieseln. Auf einen alten, schon gebeugten Riesen- stamm treffen sie; wie flüssiges Gold läuft's an der schwarzen, narbigen Rinde hinab. Dann beleuchtet's die schäbigen Hüte der Holzfäller, die am Futze des Baumes fitzen, wirft einen flüchtigen .Schein in die Augen der Speisenden und versenkt sich neugierig in den Etztopf. Auf den Löffeln und Gabeln blinkt so ein Strahl auf dem Hanwverkszeug des Mittags, das die braunen Hände nun ebenso fleitzig rühren wie vorher Säge und Axt. Ja. Mutter ist mit dem Essen gekommen und hat den Hundewagen gleich mitgebracht, den Vater ihr am Abend mit einigen„Spänen" gefüllt wieder zu- führen soll. Vorläufig sitzen sie in bunter Reihe um das flackernde Feuer: Männer, Frauen— und auch die Hunde, die auf einen Bissen harren. Zuweilen verschwindet ein Geficht in dem blauen Dampfe, den das Feuer allen um die Köpfe treibt. Es riecht jetzt auch im Wald— brenzlich, bcitzend; in niedrigen Schwaden zieh der Qualm durch das Unterholz, die ganze Gegend mit Rauchgeruch erfüllend. Ein einsamer Wanderer geht in einiger Entfernung vorüber und sieht erstaunt und unwillig auf die Vernichtung. Da ist wieder ein schönes, idyllisches Plätzchen dahin! Ter Husten kommt ihn an. Die Hunde begrützen den Geärgerten auch schon mit einer lieblichen Tonleiter.„Schöne Gegend!" Der Wanderer flieht wie HaS und Reh. „Wenn's schon duftet"— sagt Christian, der kleine Holzfäller mit der aufgestülpten Nase und den lustigen Augen,—„wenn's schon duftet—" und zündet sich eine gehörige Pfeife an. Dann lätzt er den Blick betrachtend an dem alten, schiefen Baum hinauf- gehen, schiebt sich den Hut ins Genick und nieint:„Ja, ja, Gross- vater, nu kommen wir auch dran. Bist alt genug geworden, kannst nicht mehr grad' stehen— weg mit dir!" Christian wendet sich seinem Gegenüber zu, einem Granbart, der schläfrig blinzelnd ins Feuer starrt:„Möcht'st so alt tverden wie der da, Theodor?" Theodor hebt erschrocken die Lider:„Ha?" „Ha!" Christian springt auf:„Zeit ist's zum arbeiten."' „'s wird kalt heut, ja," erwidert Theodor.„Ich spür's Dl allen Knochen." Bald darauf schreit und kracht es wieder durch den Wall». Theodor und Christian haben sich den Goliath vorgenommen, de? vorhin noch seinen Wipfel über ihr Haupt streckte. Ein mühsames Stück Arbeit. Ter Baum ist knorrig und lätzt eine Säge klingend zerspringen. Aber als sie die zweite Schneid« bis zur Mitte hocken, gibt's plötzlich ein Krachen, und den Arbeitenden fliegt eine ganz? Ladung Holzstaub ins Gesicht. „Pfui Deibel!" Christian hat einen Sprung gemacht.«De» ist ja hohl!" „Ja," echot der schwerhörige Theodor,„jetzt ist ihm wohl." Die Sonne verkroch sich; die Dämmerung kommt. Theodor hatkS recht: sehr kalt war's geworden. Aber von den Stirnen der Holz« fäller tropft der Schweitz und fällt in den zerstampften Schnee. „Feierabend!" Axt und Säge schweigen. Die Männer füllen die plumpen, vierrädrigen Karren, di« Pfeife wird entzündet—;„Hühl" Die Hund« legen sich in diä Stricke, jeder Mann hilft seinen Karren schieben, bis sie auf ebenem Wege sind. Dann zieht die Karawane in langsamem, bedächtigem Schritt dem häuslicfcn Herde zu. Hinter einem Gebüsch taucht eine alte Frau hervor. Scheue Micke um sich werfend, füllt sie die Schürze eilig mit Spänen und Reisig und ist gleich darauf wieder in der Dämmerung ver- schwunden. Einsam, grau liegt der Wald. Wie ein kleines Schlachtfeld ist's: zerstampft das Moos, zertreten der Schnee,— verwüstet alles. Aber wenn der Frühling kommt und der Sommer, wird neues Leben hervorquellen aus der Erde. Und wo die Schweißtropfen niederfielen, sprießen bunte Blüten aus grüner Decke: die kleine Waldnelke, die blaue Glockenblume und die rote Erika.— kb. Au? dem Leben eines Luftschiffers. Dev Tod des be- kannten englischen Lustschiffers Stanley Spencer wird aUS Malta berichtet, wo er auf der Rückreise von Kalkutta dem TyphuS erlegen ist. Ein Leben voller Abenteuer mit vielen wunderbaren Rettungen aus höchster Lebensgefahr hat damit seinen Abschluß gefunden. Spencer stammte aus einer Luftschifferfamilie; schon sein Vater und sein Großvater befaßten sich mit dem Bau von Ballons. Stanley Spencer, der nur ein Alter von noch nicht vierzig Fahren erreichte, hat in fast allen Ländern der Erde� seine kühnen Auffahrten unternommen und zahllose Male den Abstieg im Fall» schirm gewagt. Immer war es ein beliebtes Schauspiel, den Ver- wegcnen aus schwindelnder Höhe im Fallschirm niederkommen zu sehen; nur in China hat er sich einmal damit mißliebig gemacht. Auch dort produzierte er vor den erstaunten Söhnen des Himm- tischen Reiches einen solchen Abstieg im Fallschirm, und er hatte den unerwarteten Erfolg, datz viele ihm nacheifern wollten, indem sie sich von ihren Dächern herabstürzten, aber ohne den Fallschirm zu Hülfe zu nehmen. So wurde Spencer die unschuldige Ursache von einer Reihe von Todesfällen, und die Regierung sah sich ver- anlaßt, den gefährlichen Fremdling des Landes zu verweisen. Oft genug entging aber auch Spencer selbst nur mit knapper Not bei seinen Fahrten einem jähen Tode, manches Mal ist er mit Boots- haken aus Flüssen und Seen und sogar auS dem Meere aufgefischt worden, und einmal hatte er danach auch das Vergnügen, seine eigene Todesanzeige in den Blättern zu lesen. Einen sehr gcfähr- lichen Sturz erlebte er in Hongkong. Ein Mann, der eines der vom Ballon herabhängenden Seile hielt, Uetz im entscheidenden Augenblick nicht rechtzeitig los und zerrte dadurch an seinem Strick, so daß die Ballonhülle einen Ritz bekam. Spencer wollte indessen seine Zuschauer nicht enttäuschen und beschloß, die Fahrt trotz diesetz bedenklichen Beschädigung zu unternehmen. Der Ballon schoh in die Höhe; aber bald zeigte es sich, dah die heitze Luft— Äas hatte der Luftschiffer nicht erhalten können— roch zu stark aus dem Riß entströmte. Die Meßinstrumente zeigten bereits eine Höhe von 600 Fuß an, und der Luftschiffer bereitete in aller Hast seinen Fallschirm für den Sprung in die Tiefe vor. Da klappte der Ballon plötzlich zusammen und Spencer fiel wie ein Stein zur Erde nieder, da es ihm nicht gelungen war, den Fallschirm noch frei zu machen. Zweimal überschlug er sich in der Luft, und dann kam er auf felsigen Klippen zu Boden, die sich 150 Fuß über dem Meere er- hoben. Einige Matrosen stürzten herbei und fanden zu ihrem Er- staunen den Luftschiffer nicht nur lebend, sondern auch bei vollem Bewußtsein.»Sind Sie verletzt?" fragten sie ihn.„Ach, nur eine Hauptstütze ist dahin," antwortete er seelenruhig; aber dann ver- sank er doch in eine tiefe Ohnmacht. Er hatte sich beim Aufschlagen auf die Klippe nur das Schienbein gebrochen. Ein anderes Mal stürzte er bei Uarmouth ins Meer.»Es ging eigentlich recht gut," erzählte er später.»Allerdings mußte ich eine Stunde im Wasser zubringen, und das war recht unangenehm, da es eisig kalt war. Ich kam ins Wasser etwa acht englische Meilen vom Lande entfernt und mußte nun mit Hülfe meines Korkgürtels über eine Stunde im Wasser bleiben, weil der Dampfer, der mir folgte, nicht schnell genug herankam und erst ein Boot aussetzen mußte, das mich auf- nahm. Gefährlich wurde die Situation nur durch meinen Fall- schirm. Die Seide war ganz mit Wasser vollgesogen und wurde immer schwerer, so daß sie immer tiefer sank. Da ich schon 2000 Abstiege mit diesem Fallschirm gemacht hatte, konnte ich mich nicht ohne weiteres entschließen, ihn aufzugeben. Das Boot kam gerade im letzten Moment, ich hätte mich schwerlich länger mit meinem Fallschirm halten können." Spencer gehörte auch zu denen, die sich eifrig mit dem Problem des lenkbaren Luftschiffes beschäftigen. Er hatte ein Fahrzeug konstruiert, das der Lösung näher zu kommen schien. Einen rechten Erfolg hatte jedoch auch er nicht; es gelang ihm im Jahre 1903 nicht, wie er es beabsichtigte, mit seinem Luftschiff in regelmäßiger Fahrt um die Kuppel der Paulskirche in London zu steuern.— ic. Die dritte Tanganjika-Erpebition. In England besteht ein besonderer Ausschuß für die wissenschaftliche Erforschung des großen Tanganstka-Sees, der bisher nacheinander drei umfassende Reisen dorthin veranstaltet hat. Die dritte begann in der Mitte des Jahres 1904 und ist kürzlich insoweit beendet worden, daß der Leiter Dr. Cunnigton einen vorläufigen Bericht über ihren Per- lauf hat erstatten können. Cunnigton hatte sich von Kapstadt zuerst nach Chinde an der Mündung des Sambesi und dann diesen und den Schire aufwärts nach Blantyre und Zomba in der Kolonie Britisch-Zentralafrika begeben. Nach kurzem Aufenthalt erfolgte der Aufbruch nach dem oberen Schire und dem Rjassa-See, auf dem eine Woche lang im südlichen Teil mittels des dort stationierten Kanonenbootes Forschungen unternommen wurden. Die lleberfahrt über den See nahm eine weitere Woche in Anspruch, und eine dritte Woche wurde in Karonga am Nordende des Sees zugebracht. In dieser Zeit wurde namentlich die Pflanzenwelt des Njassa-Sees so gründlich wie möglich untersucht. Obgleich auf die Tierwelt zu- nächst keine Rücksicht genommen werden sollte, wurden doch auch einige Fische, Blutegel, Krabben und Schwämme gesammelt, außer- dem eine Garnclenart, die deshalb Beachtung verdient, weil bisher überhaupt kein Vertreter dieser Krebstiere im Njassa-See gefunden worden war. Ende Juli erreichte die Expedition das Südende des Tanganjika-Sees und schlug in dem Ork Njamkolo zwei Monate lang ihr Hauptlager auf. Sofort wurden die Arbeiten auf dem See in einem großen Kanoe begannen, und zwar zunächst zum Zweck von Fischfang und Netzzügen. Auch das deutsche Kanonen- boot auf dem Tanganjika-See lieh dem Forscher einmal seine Hülfe. Die von Cunnigton zusammengebrachte Fischsammlung wird als sehr bedeutend bezeichnet. Der größte Fisch, den er zu sehen bekam, tvar eine Art Wels von mehr als Ifh Meter Länge und einem Ge- wicht von rund 61 Pfund. Die Benutzung von Schleppnetzen brachte die kleineren Wesen aus der Bevölkerung des Sees in den Bereich des Forschers, namentlich die mikroskopischen Tiere und Pflänzchen, die als sogenanntes Plankton im Wasser treiben, ferner Krusten- tiere und Insektenlarven. Es wird hervorgehoben, daß die Pflanzenwelt des Tanganiika-Sees in ihren größeren Vertretern von der des Njassa-Sees wenig verschieden ist. Von Garnelen wurden 5 bis 6 neue Arten entdeckt, von denen einige an den Felsen unmittelbar am Wasserrand sich aufzuhalten pflegen, ferner 2 bis 3 Arten von Krabben und auch 2 Arten der eigentümlichen Gattung Argulus, der die berüchtigten Karpfcnläuse angehören. Im Tangaujika-Sce schmarotzen diese sonderbaren Krebstiere in der Mundhöhle, in den Kiemenspaltcn und auf der Körperoberfläche der verschiedenen großen WelSarten und anderer Fische. Groß ist die Zahl der neuentdeckten Würmer, die sich auch meistens die Fische als Opfer aussuchen. Die berühmt gewordene Meduse des Tanganjika-Sees, deren Vorkommen als ein untrüglicher Beweis für den früheren Zusammenhang dieses Secbcckcns mit dem Ozean angesehen worden ist. hat Cunnigton nur sehr selten zu Gesicht be- kommen, aber doch einige Exemplare zum Studium heimgebracht. In der Umgebung des Tanganiika verbrachte die Expedition volle acht Monate und trat dann am Nordende des Sees Mitte März die Reise nach Nordosten an, um das Westufer des mächtigen Viktoria Njansa zu gewinnen. Dieser Teil der Reise nahm längere Zeit in Anspruch, als man erwartet hatte, wegen schlechten Wetters und der in dem durchzogenen Gebiet herrschenden Hungersnot. Die deutsche Station Bukoba am Viktoria-See wurde erst nach einem vollen Monat erreicht, worauf die Ueberfahrt nach der englischen Hauptstation Entebbe erfolgte. Auch auf diesem See wurden einige Sammlungen kleinerer Pflanzen und Tiere angelegt.— Völkerkunde. t. Ein aus st erbendes Naturvolk. Der letzte Be- richt des englischen Kolonialamtes über die Fidschi-Jnseln in der fernen Südsee stellt fest, daß die Gesamtbevölkerung der Insel- gruppe jetzt 121 773 Seelen beträgt, etwa 2000 mehr als während der letzten Zählung vom März 1901. Trotz dieser fcheinbaren Zu- nähme ist die Urbevölkerung der Insel in unaufhaltsamem Nieder- gang begriffen. Nach der letzten Zählung waren noch etwas über 90 000 reinblütige Fidschi-Leutc vorhanden, und das bedeutet in der kurzen Zeit von 3� Jahren eine Abnahme von etwa 4350. Der Grund für dieses Aussterhen der Naturvölker in überseeischen Ko- lonien und ganz besonders auf Inseln von beschränkter Ausdehnung ist immer wieder der gleiche, nämlich das Einschleppen von Krank- heiten durch die Europäer oder andere Fremde, die dann unter den Eingeborenen.deren Körper gegen die bisher unbekannte Krankheit nicht im mindesten geschützt ist, entsetzlich aufräumen. So ist der Hauptverlust der letzten Jahre auf den Fidschi-Jnseln einer i Masernepidemie zuzuschreiben, die allein fast 2500 Leute hinraffte. In dem einen Jahr 1904 betrug die Abnahme ohne eine besondere Epidemie 840. Es hat den Anschein, als ob das liebenswürdige Jnselvolk seit der letzten furchtbaren Masernepidemie im Jahre 1875, durch die über 40 000 Eingeborene umgekommen sein sollen, dem Untergang geweiht ist. Im letzten Jahre betrug die Sterblich- keit unter den Fidschianern etwa 49 vom Tausend, also fast dreimal so Viel als in den gesünderen Städten Deutschlands. Die Sterbe- ziffer der auf jenen Inseln ansässigen Weißen bclief sich dcmgcgcn- über nur auf wenig über 15 vom Tausend. Dabei beruhen diese Zahlen auf den Ergebnissen der Jahre, in denen keine große Epidemie stattgefunden hat. Die Kolonialverwaltung scheint es auf- gegeben oder überhaupt kein Interesse dafür zu haben, etwas gegen die langsame, aber anscheinend sichere Vernichtung der Ur- bevölkerung zu tun. Allerdings bestehen im ganzen acht Kranken- Häuser zur Behandlung der Eingeborenen und auch ein Asyl für Aussätzige. Diese Anstalten haben aber höchstens den Erfolg, die Insulaner unter besserer Pflege sterben zu lassen.— Humoristisches. — Zeitrechnung. Kellner:»Herrgott, bei unserem Geschäft, da merkt man erst, wie schnell die Zeit vergeht! Kaum sitzt ein Gast fünf Minuten, schreit er schon:»Sie, ich wart' schon eine halbe Stund' I"— — Berechtigtes Verlangen. Theaterkassierer sals nach dem ersten Akt eines sehr miserabelen Stückes das Publikum die Kasse stürmt);„Wie können Sie Ihr Entree zurück- verlange», mein Herr, Sie haben doch ein Freibillett?" Herr:„Nun, dann will ich... Schmerzensgeld!"— — Praktisch.»Habt Ihr dem Kanarienvogel, den ich Euch als Weihnachtsgeschenk gab, auch ein schönes Bauer gekauft?" Karlchen:»Das hatten wir nicht nötig, Tante. Mama hat ihn in die Mausefalle gesperrt,"— s„Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Der Anfsichtsrat der schweizerischen Schiller- S t i f t n n g hat sich dieser Tage konstituiert. Ihm gehören u. a. Karl Spitteler und I. L. W i d in a n n an. Das Stiftungs- vermögen ist auf 156 000 Frank angewachsen. Von diesem sollen zunächst 150 000 Frank fest angelegt werden.— — Die deutschen Künstlerinnen, die zur Münchener und Berliner Sezession und zum Deutschen Künstlerbund gehören, haben eine „Bereinigung bildender K ü n st l e r i n n e n" geschlossen und wollen alle zwei Jahre besondere Ausstellungen in Berlin und München veranstalten. Die erste Ausstellung dieses Verbandes soll Anfang Februar iin Salon Gurlitt in Berlin eröffnet werden.— — Ein Preisausschreiben zur Erlangung von Ent- lvürfen für ein Plakat erläßt der Ausschuß der Hohentwiel-Volks- festspiele. Preise zn 100 M. als ein erster und zwei Iveitere zu je 50 M. Termin 15. Februar. Näheres teilt Buchhändler Ernst Ackermann in Konstanz mit.— — Noch ein neuer Komet. Der»Franks. Ztg." wird geschrieben: Während sich der Komet Giacobim gegenwärtig in unmittelbarer Nähe der Sonne am Firmament hält und erst von Mitte Februar am Abcndhiinmel wieder dem unbewaffneten Auge sichtbar werden wird, ist am 26. Januar ein neuer Heller Komet in Amerika auf der Privatsternwarte von Brooks in Geneva entdeckt worden. Nach dem informierenden Telegramm stand der Komet im Sternbild des Herkules und bewegte sich nordwestlich, d. h. nach der Deichsel des Großen Bären zil. Der Komet ist und bleibt zirkum- polar, d. h. er ist die ganze Nacht hindurch sichtbar.— Berantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer L:Co.,Berlin2VV.