AntttHaltungsblatt des Vorwärts Nr. 22. Donnerstag, den 1. Februar. 1906 lNachdruck verboten.) «1 Oer k�uppelkof. Roman von Alfred Bock. Ter Hannpeter. der während der Erzählung des Schäfers immerfort die Landstraße beobachtet hatte, äußerte sich:„Der Hannbast wanert,*) das is ausgemacht. Sollt er Dir wieder emal begegnen, tust Du einfach den Arm in die Höh und sprichst: Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit, Ainen! Da- draus kann he net vom Fleck. Etz packst Tu ihn— von dere Sort gehn fufzig auf ein Lot— und schmeißt ihn in die Bach. Dernach hat he seine Ruh und Du auch mitsamt Deinen Schaf." Talwärts, wo die Straße aus dem Buchenforst trat und in sanftem Geröll abwärts führte, blitzte es auf. Der Hann- Peter hob sich auf die Zehen. Wahrhaftig, ein Soldat! In seinem blanken Helm spiegelte sich die Sonne. Das war kein anderer wie der Matz. „Alleweil kimmt er!" rief der Freiersmann und sprang flink wie ein Füllen die Höhe herab. „Tu sacht," sprach er drunten angelangt bei sich,„der Matz muß ja denken, Du seist net recht gescheit." Nun„latschte" er wie ein rechter Bummler. Für die ihn umgebende Sommertagpracht bezeigte er nicht das ge- ringste Interesse, wohl aber musterte er mit kritischen Blicken zu beiden Seiten die Accker, die teils mit Hafer und Gerste, teils mit Kartoffeln bestanden waren. Eine Weile mochte er so gegangen sein, als ihm Gesang entgegenschallte: „Unser Hauptmann, der ist gut, Wenn man seinen Willen tut, ?lber hat man was verbrochen, Wird inan gleich ins Loch gestochen." Um die Mandlerecke bog ein strammer Soldat in der Uniform der hessischen Infanteristen, der echte Bogelsberger, hoch aufgeschossen, mit nervigem Gliederbau. Die charakte- ristischen blauen Augen waren von einer breiten Stirn über- wölbt. Ein eigentümlicher Zug um den Mund herum ließ auf Härte und Starrsinn schließen. Sobald der Vaterlandsverteidi- ger des Hannpeters ansichtig geworden war, brach er jäh sein Singen ab und rief:„Ei der Tausig, Pettcr! Wie kommt Ihr dann da her?" Der Hännpeter, der noch ein paar„Klafter" von dem Ankönmiling entfernt war, rief zurück:„Ich wollt Dir ein wink entgegengehen." Gleich darauf standen sie einander gegenüber und begrüßten sich mit Händedruck. „'s is warm hau, Matz." „Ja, mächtig." „Wie tut's dann, Soldat?" „'s tut so." „Das is recht." „Was machen dann meine Leut daheim?" „'s geht'n gut." Der Matz, der seinen Petter als leidenschaftlichen Rancher kannte, bot ihm eine Zigarre an, die dankbar angenommen und sofort in Brand gesetzt wurde. Selbander schritten sie dem Dorf zu. Natürlich erzählte der Motz zunächst von seinem Soldaten- leben. Er hatte noch füufundsiebzig Tage zu dienen. Seine Kompagnie, die zweite im Regiment, war beim Oberst be- sonders gut angeschrieben. Es ging auch alles wie am Schnürchen. Der Hauptmann war kein„unrechter" Mann. Der Leutnant hatte immer ein paar„Kreuzmillionendonner- Wetter" bei der Hand. Die taten nicht weh. Der Feldwebel war ein Kripenbisser, hauptsächlich wenn er sich mit seiner Frau gezankt hatte. Im übrigen durfte er, der Matz, sich nicht beschweren. Beim Militär hieß es: das Maul gehalten. Wer diese goldene Regel befolgte, dem konnte nichts passieren. „Wie is es dann mit der Schatzerei, Soldat?" tippte der Hannpeter vorsichtig an und lächelte schalkhaft, um seine Frage so harmlos wie möglich erscheinen zu lassen. ') G-ht als Geist um „Dadrüber kann ich Euch nix sagen," antwortete der Vaterlandsverteidiger unbefangen.„Ich sein nicht gelüstrig auf die Mäderchen. Und', is vielleicht ganz gut so. Alleweil liegen wieder drei Mann aus unserer Kompagnie im Lazarett. Das kommt devon." Der Hannpeter nickte befriedigt. Der Matz hatte also keine Liebschaft angefangen. Das paßte vortrefflich. Ge- schickt lenkte er das Gespräch auf die Verhältnisse im Eltern- haus seines Schützlings, die diesem in längerer Abwesenheit ziemlich fremd geworden waren. Wenn man den Hannpeter reden hörte, mußte man glauben, die Allendörfers Hütten keinen aufrichtigeren, uneigennützigeren Freund als ihn. Ueber den Karges, sagte er, die Stirn in Falten ziehend, mache er sich schwere Gedanken. Der opfere sich für andere Leute auf und bedenke seinen Vorteil zuletzt. Daß ihn der Moritz Edclschild in den Kluppen habe, fei ein öffentliches Geheiinnis. Auf die Länge tue das kein gut. Ehe er die Augen ausgeputzt habe, ziehe ihm der Jud die Gurgel zu. Dann möge ihm der liebe Gott gnädig sein. „Is es dann wirklich so schlimm?" fragte der Matz er- blassend. „Ja,'s is schlimm," versicherte der Petter.„Und wann ich auch sonst bei keinem kein Bibswörtchen darüber schwätz, bei Dir kann ich doch das Maul auftun." „Da vergehn einem die Festtagsputzen," sagte der Matz. „Mein Vater mit seinem Starrekopf frißt alles in sich cnein und spricht sich net offen aus. Etz frag ich Euch, Petter, waS soll ich eigentlich deHeim?'s is de Best, ich mach gleich wieder kehrt." „Dann wärst Du, weiß Gott, den Taufbatzen net wert," ranzte ihn der Hannpeter an-„Wann einer Deinem Vater aus der Bredullje helfen kann, seist Du's." Der Matz lachte bitter. „Ich?" „Jawohl." „Etz möcht ich doch wissen, wie?" „Da gibt's nur ein Rezept: Du bringst ein reich Mensch ebei und übernimmst Deinem Vater sein Hof." „Das wär zu überlegen," nahm der Matz den Gedanken auf,„aber wo is dann gleich ein reich Mädchen für mich parat?" Nun hielt der Hannpeter den Moment für gekommen. mit dem Heiratsprojckt herauszurücken. Dies tat er mit all der Zungengeläufigkeit, die ihm zu Gebote stand, ohne in- dessen zu verschweigen, welche Hindernisse sich der Verwirk- lichung des Plans entgegenstellten. Dem Matz war die Mariann schon recht. Zwar kannte er sie nur oberflächlich, weil sie nicht zu seiner Spinnstnben, gesellschaft gehörte. In diesem Augenblick lvar für ihn iiiafte gebend, daß sie die nötigen Batzen hatte, denn nicht um dew Vogel galt's ihm, sondern um das Nest. Den Fried, dei; Geißbock, auszustechen, meinte er, traue er sich Wohl zu, allein; den Dotzheimerberz herumzukriegen, der mit semem Vater. uneins sei, das werde eine Pferdearbeit kosten. „He hat erst kürzlich drirch mich erfahren, wie viel Uhr'3? mit seiner Mariann und dem Kalmuck seinem Fried," sagte der Hannpeter.„Und hat Gift und Gall gespeuzt.'s sollt mich Wundern, wann Du aus dem Schatzwerk kein Kapital schlagen könnst. Der Berz hält auf Fanrilie. Morn ans dein Fest mußt Du Dich an das Mädchen machen. Zweierlei Tuch ist auch was wert. Und ein Kerl wie Du, Donnerwetterl Ich sein ganz ruhig. Wann das Glück Dir pfeift, wirst Dil schon tanzen." Unterdessen waren sie in die Nähe des Dorfes gelangt. Dieser und jener redete den schmucken Soldaten an. Da ail ein vertrauliches Wort nicht mehr zu denken war, schlug der Hannpeter einen Seitenweg ein, der ihn nach seiner Be- hausung führte. Abends auf dem Festplatz wollte man sich wieder treffen. Noch ein anderer Gast hatte sich bereits einen Tag vor dem Kriegerfest im Dorf eingestellt: der Kalmuck. Er hatte eben eine vierwöchige Gefängnisstrafe verbüßt und befand sich im Gefühl der wiedergewonnenen Freiheit in der rosigsten Laune. Auf dem Kirchenplatz zählte er triuniphicrend der um ihn versammelten Jugend die Honoratoren in der Kreisstadt auf» die ihn, den völlig Abgerissenen, mit Kleidungsstücken der- sehen hatten: Ten Steuereinnehmer, den Rentmeister, den Rektor, einen Weinhändler und Schnapsfabrikanten, sie alle nannte er seine guten Freunde, denen er im Gegensah zu dem von ihm verachteten allgemeinen„Pack" den Ehrentitel „honorige Leute" verlieh. Tie Kinder um ihn her. die seine von fürchterlichen Grimassen begleiteten Herzensergießungen nur teilweise ver- standen, klatschten in die Hände und tanzten vor Freude. Ein keckes Bürschchen rief ihm zu:„Mach emal das Turko-Abc!" Sogleich setzte er sich in Positur und deklamierte: Ter Turko stammt au» Afrika, Vom wilden Land Algeria. Behutsam mutz man vor ihm sein, Er beitzt und kratzt schon, wenn er klein. Tie Ehristenmenschcu fürchten ihn. Tenn Bosheit steckt ihm früh im Sinn. Tumm bleibt der Turko wie das Vieh— Hier brach er ab und schrie:„Schert Euch zum Teibel, Ihr Kanaillen, ich will auch einmal meinen Schabbes*) haben." Ein tolles Gejole antwortete ihm. „Alleweil hat's geschellt I" brüllte er und schwang drohend seinen Knotenstock. Im Nu stob die Rotte auseinander. Gemächlich schritt er über den Kirchenplatz die Lindengasse entlang. Tort stand an der Torfahrt seines Gehöfts der Zacharias Allendörser und schaute nach seinem Sohn aus, der. wie er schätzte, jede Minute eintreffen mutzte. Der Kalmuck machte einen Knicks. „Gu'n Tag, Zacharias Allendörser, geboren im Jahre des Heils 1849, verheiratet mit Anna Elisabeth Baum, gebürtig aus Herchenhain, Tochter des pleite gegangenen—" „Seit wann bist Du dann wieder im Land?" fiel ihm der 5larges ins Wort. Der Kalmuck verbeugte sich noch einmal. „Soeben eingetroffen. Euer Gnaden! Freiheit aebt iiber Silber und Gold." „Gelle, sie hatten Dich eingesponnen?" „Zu Befehl. Herr Hauptmann, akkurat vier Wochen." „'s ist nur gut, datz Du nix versäumt hast." „Meinst Du? Für Dich besorgen Deine Ochsen die Kopf- arbeit. Ich Hab keinen Stellvertreter." Der Karges lachte. „Etz Hab ich mein Teil." „Spatz beiseit, Zacharias Allendörser, ist will Dir ein- mal erzählen, weswegen ich geknatzt worden bin." „No?" „Es gibt drei Recht: Recht und Unrecht, und wie lch's mach, ist's auch recht. Aber's glaubt mir's keiner. Ich steh auf dem Marktplatz in der Stadt und sprech mit allerlei Volk: was, sag ich, ihr wollt eine neue Kirche bauen? Die alte hätt's wahrhaftig auch noch getan. Holt doch erst einmal die armen Leut in der Hundsgass' und am Stadtgraben aus ihren Spelunken heraus und macht, datz die menschenwürdige Woh- nungen kriegen. Da könnt ihr euch. einen Platz im Himmel verdienen. Ihr lacht? Ein Gewitter soll euch verschmeitzen! Steckt eure Nase nur einmal in die Krachenburg. T« hocken als zehn in einer Swb und werden vom Ungeziefer aus- gefressen. Wisien die Herren Stadträte das nicht? Wie ich so diskurier, hast Du nicht gesehen, ist ein Gendarm bei der Hand. Der kollert:„Sie, lassen Sie Ihre faulen Redensarten, sonst wcrd ich Ihnen das Handwerk legen."„Herr," sag ich, „ich mache keine faulen Redensarten. Ich predige die christ- liche Nächstenliebe." Das ging dem Diener der Gerechtigkeit nicht in den Kopf. Ein Wort gab das andere, und der Skandal war fertig. Dadraufhin Hab ich wegen Beamtenbeleidigung vier Wochen Loch gekriegt. Und das nennt die Welt Gerech- tigkcitl" Ter Karges ließ unentschieden, ob er die Partei der Staatsgewalt oder die des Verurteilten ergriff und sagte bloß:„Ja. das is emal so." lFortsetzung folgt.) ') Sabbat. (Nachdruck verbotm.) Hermann fieffe. Hermann HesieS erster Roman war ein groher Erfolg. Publikum und Kritik waren sich eins. Man durste auuebmen, nicht die Mode habe recht, sondern eine gute Einsicht, ein sicherer Geschmack und ein klares Urteil. Man durfte denken, hier dürfe man ansnahms- wei'e einmal ans das Werk vertrauen. Da war aber daS Publikum. Nun wirdS ichon jahrzehntelang mit Zaniilienblattsnlter gefüttert, wie sollte eö auf cinnial zur Kunst erzogen sein, zur Erkenntnis deS Wahren, Gmc», Schönen— den heiligen Dreiheilen, die es bei jeder Ge- legenheit im Munde führt und ifir die ihm, immer noch, die Marlitt der höchste Begriff und Znbegriff ist. Machen wir uns doch nichts vor— so modern sich das Publikr.m gebärden möge, eS ist immer noch ganz und gar unmodern. ES sieht in der modernen Kunst eine Sc» sali on. Eö ist kein erzogenes und durchgebildetes künstlerisches Gemitzbediirfm-Z. datz es sie liest, es ist mir eine mehr oder weniger krankhafte Sucht, eine Neugierde, eine Lüsternheit. Erst kommt die Mode. Daun kommt die Aktualität, dann kommt daö Fremde— und ganz zuletzt erst kommt die lebendige Beziehung einer eigenen seelischen Verfassung, einer Unbefriedigtheit, einer Sehnsucht, eines Besitzes niit dem künstlerischen und tatsächlichen Gehalt des Kunstwei kes. Nicht zuletzt aber ist zu rechnen mit den Gegensätzen. Die Gegensätze berühren einander. Das ist ein Reiz. Unier tätiges Leben mit leinen steten Spannungen, mit seinen An- srrengimgen und Kämpfen. eS lätzt fich in den Formalismus des Hugo von Hofmannsthal führen und glaubt den Lebensgehalt seiner Zeit in geschickten, bildungsgesättigten Spielereien erfüllt. Und wenn die Uiiimmlichkeit eine Ueberiättigung herbeiführt, gleich wie wenn man RninS nur ans Kouditorwaren zusammengestellt und mit Kiiidcnlnvcrstand hernnlcrgegesien hätte, dann wird wieder der Gegensatz des Natürlichen wirksam. Dann kommt daS Verlangen nach einer gesunderen, einfacheren Kost: die Finesien sind jedesmal eine Sackgasse— man mutz sie zurückgehen, um wieder freien Weg zu haben. Und so kam Peter Ca in enzin d.°) Peter Camen- zind erzählte uns sein Leben. Schlicht, natürlich. herzlich Mt einer gewisien Ungenicrtheit, frei von der Leber weg «»scheinend ohne besondere Absicht. Einfach ein Leben. Und ein rechtes Leben trägt seinen Sinn von selbst in fich. Der Peter Camenzind war ausgezogen aus seinem Dorfe Nimikon, um was Rechtes und Hohe» i» der Welt zu werden. Bücher und Schulen sollten ihm dazu verhelfen. Städte und Länder, Menschen und Leben. Und wozu verhalfen sie ihm? Er wurde ein Niimkoner. Sie verhalfcn ihm zu fich selbst. Nachdem er sich durch die Bitterkeiten und Entiäuschungen des Lebens drautzen hin- durchgeguält und hindurchgebissen hatte, kehrte er in sein Dorf zurück — zu seinem roten Waadtländer und zu seinem Häuschen, dessen Dach er ausflickte. ES ist ein so resultatloses Leben nach autzen mit so vollen Re'ullaten nach innen. Und eS ist so viel Leben, so viel Genutz und Frische, Einfachheit und Ehrlichkeit. Natürlichkeit und Natur Wie ist die Natur an einzelnen Stellen mit einer Liebe, mit Hingebung, mit unberührter Eigenart� geichildcN I Und das gute, feste Trinken. Der rote Waadtländer I Und das richtige und ordentliche Trunkcnsein,� daS �dic eigene Kraft und den eigenen Wert nur stärker fühlen lätzt und einem Menschen zu seinem Besten und Stärksten verhilft. Man hatte seine Freude dran: das war fest hingesagt, da war die Mauer der Konveutioii ganz einfach umgerissen. Dann war die blonde Ägi. war der ertrunkene Jrigeiidfteund. war der arme krumme Boppi: Je nun. da hapert? aber ein wenig. Hier, bei dem armen Krumnte». dessen Liebe und Frenndschalt der Camenzind sich gewann, da versagte der Dichter ein wenig. Da hatte er so waS wr« einen Aufwand nöiig Da bemühte er sich. Da war eS nicht ganz so echt. E- guckte die Absicht durch. ES war ein wenig Mache da, ein wenig— Spekulation auf Sentimentalität. Am avunesten, am exponiertesten Teil des Buches. Eine momentane Ueberzrugung, aber leine dauernde Nachwirkung. Aber was lat'ö, der Caniciizind selbst war schlietzlick die Hauptsache, ein gefesicter, geprüfter Mensch, ei» gei eisler Mann, ei» ganzer Kerl. Nein— ein ganzer Kerl noch nicht. DaS war so ein zweiter Punkt. Der Roman war noch der Seite der Ganzheit das. waS man„kein Buch" nennt. Es blieb ein unfertiger Rest. Mau mutzte nicht wie und wo, aber der Rest war da. Doch, was tat's. Hier hatte einer sein Leben erzählt, hatte weggewischt über das, was ihm unwichtig schien, oder was er fich selbst nicht gern in die Erinnerung zurückrief, hatte stärker und eindringlicher betont, cvaS ihm tieb war, daran er seine Freude hatte, was ihm wert erschien, und das hatte er unterstrichen ganz in der Art der Leute, die sich Natürlichkeit gewahrt und sich gegen die st üben« verhockte Verbildung zu wehren und zu wahren gewutzl hatten. Man gab sich drein— das war der Camenzind. Man nahm ihn wie er war. Er hatte gegeben, waS er hatte. Mehr zu geben war er nicht Schelm genug, und das erhöhte nur den Reiz, den Reiz der Echtheit. Ja. der Nimikvner erschien ganz und gar echt. Und dann kam das Publikum— und nahm den biderben Schweizer— der dabei nicht ganz ohne Schwadcnversonnciiheit war— in seine Arme und hätschelte und tätschelte ihn. Und er wurde sein Liebling. Ein Liebling dieses Publikums dieser RustikuS. War'S, weil BildungSwcrte iu ihm staken? War'S ') Bei S. Fischer. Berlin. wirklich, weil er ganz und gar ein Mensch war, und weil unsere Zeit wieder den Menschen sucht? Ach nein, ich glaub» nicht. Die Gegensätze berührten sich. Es war der Sport der Unnatur, die Natürlichkeit zu begehren. Ich habe den »Peter Camenzind" im Auslände gelesen, in dem von ihm verachteten Paris, als der Frühling in den Park_ Monceau einzog. Es verbindet sich mir von der Schönheit dieses Parkes etwas mit dem Camenzind. Und etwas von dem Streben nach Schönheit, nach der Natur, mit der Kultur, die sich auch in dein Parke halb verbergen, halb überwinden wollte— und sich doch so ganz und gar betätigte. Ich maß den Camenzind nicht selten an der momentanen Umgebung, in der er mir begegnete. Ich fand ihn nicht so unbedingt neit und eigei, artig. Gottfried Keller ging ihm immer nach. Und Gottfried Keller war so viel größer als der Hermann Hesse, und der Schatten des Züricher Meisters fiel iminer auf den Nimikoner. Die Bäume des Parkes rauschten. Aber sollt ich darum den Camenzind nicht lieb haben? Ist das Größte nur dazu da. das weniger Große zu erdrücken? Nein, ich halt' ihn lieb, ich begrüßte ihi«, wie nian einen guten Deutschen begrüßt, besonders in« Auslände— und ein guter Deutscher ivar er— und da sprach ich meinen süddeutschen Dialekt mit ihm so fest und ungeniert, als er mir nur von der Zunge gehen wollte. Ich verstand, daß er etwas in sich trug, das Men'chen und Werken so selten eignet: da» Zündende des HerzeuS, das Warme der Herzlichkeit, da» Notwendige des Erlebens und— das Unmittelbare der Aussprache, obgleich Gottfried Keller seinen Kopf hier hob und mit seinen weinfröhlichen Augen hinter der Ratsschreiberbrille zwinkerte. Den Rummel in Deutschland verstand ich nicht. Freude hätte ich so gut verstanden. Aber Geschrei macht irr und setzt einen Künstler in ein falsches Licht. Da bangte icb um das zweite Werk. Einmal: der Unmittelbar- keit und des Erlebens des ersten wegen und dann wegen der Lärmer. Und. Unter, n R a d' � kam. Ist das nun die Erfüllung deS Restlichen, waS der Camenzind uns ließ? Schriftstellerisch sage ich unbedingt ja. Ist das Werk also vollkommener als das erste? Schriftstellerisch sage ich ja. Aber dichterisch beide Male nein. Ist Hermann Hesse ein anderer? Nein, er ist derselbe. Er hat sogar Fortschritte gemacht. Er hat sich vervollkommnet. Man darf nicht ungerecht sein. DaS Werk ist nicht vor dem anderen ent- standen. Und wäre es das. so ist's gewiß nach dem anderen durchgearbeitet worden. Aber es steht in seinem Schatten— lind eS ist ein Schatten vom Camenzind. Hat es mehr tote Stellen und Längen? Vielleicht nicht. Ist es geringer in der Komposition? Außer einem Einschnitt, wo das Fließende verseicht— nach der Heimkehr des Jungen aus dem Seminar— um dann wieder neu einzusetzen und in Bewegung zu geraten, hat e» einen guten und dauernden Fluß, dein inan gerne folgt, der einen freundlich weitcrträgt. Was ihm fehlt, ist das Notwendige, ist das Herzliche und Herzhaste, ist das Unbedingte des Erlebnisses, das Zündende des Erlebens. DaS Problem guckt durch. Ich vermute, auch hier ist viel Autobiographische» darin, ich mein' es an einigen Stellen, zum Beispiel in Geschehnissen deS Seminarlebens, in einzelnen Figuren, zum Beispiel in Heilner, deutlich zu spüren, aber das Problem ist stärker. Es ist stärker gezeigt, eS ist manchmal direkt zum Aushängeschild gemacht. Der Knabe Hans Giebenrath gerät unter'S Rad des Lernens, der Ueberansttcngnng und Ueber- stitterung, der Schulmeisterthrannei und de» Schullehrerunverständnisses für die Kindersecle und Menschenpsyche. Der Schullehrer arbeitet nur nach seinem Leisten und drillt nur auf das tote Wissen hin, auf die geheiligte ExamenSfixnndfertigkeit. Er macht Automaten und vergißt den lebendigen Menschen. Der Staat braucht Diener und die Kirche Pastoren, die nichts anderes tun, als die Schafsnasc in die Krippe zu stecken und sich da satt zu füttern. Lauter eitle GotteSherrlichkcit. Einfeittg- keit, Lakaienhaftigkeit. HanS Giebenrath wird auf diese Art zu Maulbronn mit Zucht mid Lehre zugrundegerichtet. Sein Geist bricht zusammen. Er sinkt erst vom Primus herab, dann verblödet er. Und zu Hause— nun ist er, der der Stolz des Städtchens war, seine Schande— zu Hause, wo ihn die Liebe in der erwachenden Sinnlichkeit mit ihrem schmalen Flügel berührt, soll er Mechaniker werden— der ehemalige Primus der Lateinschule. Nun— notwendigerweise ninnnt ihn nicht das Leben mit, sondern, halb un- bewußt, geht er in der Betrunkenheit in den Fluß, an dem er seine glücklichsten Stunden verlebt, wenn er fischen konnte. Ah, wie sein ist da» früher geschildert worden, wie matt mid zufällig klingt das mm aus. Aber wir müssen gerecht sein: Kein schlechtes Buch. Nur kein bedeutendes Buch. Keine Erfüllung, auf die höhcrgespannte Erwartungen gingen. Aber muß es schon eine Erfüllung sein? Haben wir nicht Zeit, dem Dichter Zeit zu lassen, sich zu enNvickeln? Er muß sich noch ent- wickeln. Er hat bis jetzt nur bewiesen, daß er erzählen kann, so gut erzählen, daß er mittelbar gestaltete— er muß noch beweisen, daß er gestalten kann, unmittelbar. Das Leben hat ihm geholfen bis jetzt— er wird das Leben meistern müssen— auch wenn»der Lenz nicht mehr für ihn singt".. Aber das gibt kein Recht, ihn ent- gelten zu lassen, was wir gefehlt. Ueber ihn abzuschließen und ab- zuurteilen. Seine Entwickclung hat ein Recht, da» geduldige Zuwarten von uns zu fordern. Schlagen wir ihm nicht die Türen zu, die er sich kaum erst aufgetan. Unsere Voreiligkeit und Nervosität •) Bei S. Fischer. Berlin. zählt nur von heute auf morgen— die Mode nur von Saison zu Saison— ein Dickterschaffen aber umfaßt längere Svanne» und geht ruhigeren Gang als sich die Banausen und Modegigerl träumen lassen. Aber ein echter Dichter schafft nicht für sie— sondern für sich und ftir— die anderen.— Wilhelm H o l z a m e r. Kleines feuilleton. k. Das Theater als Schlafsaal. In seinem„Journal d'un Vaudevilliste" erzählt E r n e st Blum vom Odeon- Theater, das heute so wie alle anderen Pariser Bühnen gute Geschäfte macht und wirkungsvolle Zugstücke aufführt, daS aber früher unter allen Theatern der französischen Hauptstadt verrufen war und mit Vor- liebe zum Schauplatz schlechter Späße und Ulkereien gemacht wurde. Tie Witzbolde und Spaßmacher, die damals in so reichem Maße das Lachen der Bürger erregten, hielten es geradezu für guten Ton, fast alltäglich im Odeon etwas aufzustellen. Einer von ihnen, der wohlbekannte Romieu, ging eines Tages zu einem vielbeschäftigten Notar und gab ihm seine Absicht kund, sein Testament zu machen, da er sich auf eine lange Reise zu begeben gedenke. Er gab genau seine» Besitzstand an, verfügte über mehrere Legate, setzte einige Klauseln hinzu, und der Notar schrieb alles eifrig auf. Als man ertig war, fragte der Anwalt:„Darf ich fragen, ohne indiskret zn ein, in welches ferne Land Sie reisen?"„Ich gehe heute abend inS Odeon," antwortete Romieu, und wirklich, er begab sich dahin! In einer Droschke kam er an, auf die zwei große Koffer und ein Bettsack aufgepackt waren. Der Kassierer war sehr erstaunt, als Romieu mit all seinem Gepäck ins Theater hineinwollte.„Aber Sie können doch mit den Koffern nicht ins Parkett gehen?"„Glauben Sie?" „Aber gewiß."„Ich kann sie ja in der Garderobe abgeben." Die Garderobenfrau nahm die Koffer in Verwahrung, aber den Bettsack durfte er mit hineinuehmen, nur mußte er versprechen, ihn zwischen seinen Beinen zu verstecken. Eine gähnende Leere herrschte im Zuschauerraum; man gab eine Tragödie von Voltaire. Romieu niachte sich's auf seinem Platze bequem und hörte zunächst ein paar Szenen aufmerksam an, den Sack zwischen den Beinen versteckend. Dann aber öffnete er ihn plötzlich, langte eine große Nachtmütze daraus hervor, die er sich aufsetzte, nahm dann eine Bettdecke heraus. hüllte sich in sie ein, und die Beine weit von sich streckend, sank er süß in Morpheus' weiche Arme. Tie �anderen Zuschauer interessierten sich natürlich mehr für dieses Schauspiel in: Schau- spiel als für Voltaires Alexandriner. Aus dem dunklen Raum reckten sich hier und da vereinzelte Köpfe, und als bald darauf von Romieu» Platz her ein dunkles Geräusch drang wie ein Konzert von vielen Baßgeigen, da wurden auch die Schauspieler unruhig, guckten herunter und hielten im Spielen inne. Eine der Garderobenfrauen» die zufällig nicht schlief,— denn das ganze Theater war eigentlich nur ein zweiter Schlafsaal—, glaubte einschreiten zu müssen. Sie weckte Romieu, der mit großem Gepolter auffuhr und wütend schrie: „Was? Geht die Post schon ab? Ist's schon fünf Uhr?" Die Garderobenfrau suchte ihn zu beruhigen, aber Romieu rief: „Setzen Sie sich doch; Sie hindern ja die Leute hinter Ihnen am Zusehen. Machen Sie doch im Theater keinen Skandal!" Tie Garderobenfrau setzte sich fassungslos, aber während sie ihm weiter Vorwürfe über sein Benehmen machte, war Romieu, an ihre Schulter gelehnt, schon wieder sanft entschlafen und schnarchte wieder furcht- bar. Schließlich mußte ihn die Polizeiwache hinausbcsorgen, aber er verlangte immerfort noch sein Geld zurück, da er sonst nichts bei sich habe, und die Direktion ihn zum mindesten für den Verlust seiner schönen Schlafgelegenheit entschädigen müsse.— — Das Leuchten der Hühnereier und Kartoffeln. Tie bis- herigen Angaben über das Leuchten von Hühnereiern und Kar- löffeln klingen ziemlich dunkel, jedenfalls� War über die Ursache dieser Erscheinung sowie über die Umstände, unter denen das Leuchten auftritt, so gut wie gar nichts bekannt gewesen. HanS M o l i s ch in Prag, der sich besonders mit der Frage des Leuchtend» werden» der sogenannten S o o l e i e r eingehend befaßte(«itzungs- berichte der Akademie der Wissenschaften in Wien, mathematisch- naturwissenschaftliche Klasse, Bd. W, H. 1, 1905), kommt zu dem Ergebnis, daß die Hühnereier für sich nicht leuchtend werden können; erst wenn sie durch Berührung mit Fleisch oder Seefischen in der Küche mit den Lcuchtbaktcrien des SchlachtviehfleischeS, dem Saclerium pbospborcum, in Berührung kommen, tritt die Er- schcinung auf. Was in der Küche unabsichtlich geschieht, läßt sich mit einem hohen Grade von Sicherheit, d. h. fast mit jedem Ei oder mindestens mit einem hohen Prozentsatz crrcicben, wofern man das Etz nur für ganz kurze Zeit mit käuflichem Rindfleisch in Berührung bringt. Man verfahre zu diesem Zwecke auf folgende Werse. Tie Eier werden etwa 8 Minuten laug gekocht und nach dem Abkühlen ihre Schale durch Aufklopfen zerbrochen, aber nicht abgenommen: nun wird das Ei einmal über ein handgroßes, flaches Stück Rind- fleisch gerollt und hierdurch mit der auf dem Fleische fast� regel- mäßig vorkommenden Leuchtbakterie des Flcffchcs infiziert, schließ» kick wird das Ei in ein Gefäß mit Sprozcntigcr Kochsalzlösung so hineingelegt, daß es nur ganz wenig aus der Flüssigkeit hervorragt; bei gewöhnlicher Temperatur treten nach ein bis drei Tagen an den zerschlagenen Stellen der Schale Lichtflccke auf, und auch die Flüssigkeit beginnt, besonders in der Umgebung des Eies, zu leuchten. Das Licht geht hauptsächlich von der weißen, die Innen- feite der Schale auskleidenden Haut, sowie von der Oberfläche des Weißen des Eies aus und kann bis zum vierten Tage recht stark werden, um dann wieder abzunehmen. Auch von gekochten 5r a r t o f f e�l n wird angegeben, daß sie mitunter leuchten sollen. Der Verfasser konnte zeigen, daß die Lichtentwickelung auch in diesem Falle auf eine Infektion mit Leucht- baktcrien zurückzuführen ist, und daß man dieselbe mit Sicherheit ebenfalls erzielen kann, wenn man gekochte Kartoffeln mit Rind- fleisch in Berührung bringt und hierauf in eine Zprozentigc Salz- lösung einlegt.—(„Prometheus".) Theater. Trianontheater.„Loulou". Schwank in drei Akten von Maurice Soulie und Henri de G o r s s e.— Nach den vielen langweiligen, mühsam zurecht gezimmerten Schwänken waren die von Soulie und Gorsse ersonnenen hals- brecherischcn Automobilistcnabenteuer der Madame Simone eine amüsante Ucberrafchung. Die Tollheiten sind so geschickt gehäuft, -daß zur Besinnung und damit zum Aergcr kaum die Zeit bleibt. Besagte Dame trifft auf einer Autofahrt mit dem Liebhaber im Gasthof ihre Jugendfreundin/ die, um der Vormundschaft einer Provinzialtante zu entfliehen und in Paris als Chansonette auf- treten zu dürfen, sich gerade mit einem unbekannten durch Zeitungs- annoncen für diese Strohmannsrolle acquirierten Herrn standcs- amtlich trauen lassen will. Der Clou des Schwankes ist, daß. als der eifersüchtige Gatte Simones, der von der Tour inzwischen Wind bekommen hat, erscheint und argusäugig alle Ausgänge bewacht, Simone an Stelle Loulous dicht verschleiert dem Bräutigam zu- geführt wird, auf dem Standesamt für Loulou unterschreibt und dann zum großen Gaudium ihres ahnungslosen Gemahls auf dem Benzingefährt dem eben angetrauten davon saust. So gelingt es den Autoren, die Heldin mit zwei Ehemännern, den Liebhaber un- gerechnet, auszustatten. Ter Neue, ein Vicomte von unerschütterlicher Dreistigkeit, racheschnaubend und zugleich verliebt in das ge- heimnisvolle Wesen, kommt auf Simones Spur, erkennt sie wieder und erklärt, er werde sich in ihrem Hause als Gatte niederlassen. Diese dankbare Situation der Doppelchekonkurrenz wird gründlich nach allen Regeln der Possenwirrwarrkunst ausgebeutet, bis endlich Loulou, ihrerseits verliebt, den Grafen aufklärt und ihn, im Be- wußtsein edler Seelengemeinschaft, durch ihre ungenierten Chanso- ucttcnkünste im Sturm erobert. Es wurde viel gelacht und geklatscht. Else v. Rütte rs- heim und Junkermann zeigten in den beiden Hauptrollen Simones und des Vicomte besondere Verve.— dt. Kunst. e. s. Die Courbct-Ausstellung bei Cassirer ist in diesem Jahre die Uebcrraschung, die der Salon seinen Besuchern zährlich einmal bietet. Es konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf Viesen französischen Maler, der von 1819 bis 1377 lebte. Ein paar Angaben, die das Leben skizzieren sollen. Er war Revolutionär. Man setzte ihn in den Tagen der Kommune zum Verwalter der Kunstdenkmäler ein. Er ließ die Bendömcsäule, die ihm nicht zusagte, niederreißen. Dafür mußte er dann späterhin das Land verlassen. Es wurde ihm eine hohe Strafsumme auferlegt, die er durch den Verkauf seiner Arbeiten, die er fieberhaft schnell herstellte, aufbrachte. So leidenschaftlich sein Leben, so leidenschaftlich seine Kunst. ES ist ein düsteres Pathos in seinen dunklen Farben. In einer Zeit, in der die Maler der Gesellschaft in historischen und allcgori- schen Kosiümgcschichten schwelgten, wurde er ein resoluter, rücksichts- loser Schilderer des realen Lebens, malte er Steinklopfer, Arbeiter, und entsetzte das Publikum durch die Kühnheit seiner Darstellung, die fast etwas Gewaltsames, Verbissenes an sich hat. Aber dies allein hätte ihm nicht viel genützt, wäre er nicht in hervorragendem Maße das gewesen, was den Ausschlag gibt: ein Maler. Er sah alles nur farbig, als ein Spiel von Licht und Schatten. Das ist die nachdrückliche Wucht seiner Erscheinung, daß in ihm die malerische Note wieder rückhaltslos zum Ausdruck kommt. Sei» Stoffgebiet ist eigentlich ohne Begrenzung. Er kapriziert sich nicht auf ein Sondcrthema. Dies ist ein Zeichen, daß bei ihm jedes stofflich« Jntereffe unterging in dem Größeren der malerischen, farbigen Anschauung, die für ihn allein entschied. Er malte Ar- bciter, Stilleben, Akte, Damentoiletten, Landschaften. Uebcrall ist es irgend eine farbige Erscheinung, die ihn reizt. Seine schwärzlich- braune Manier, die ihm von früher überkommen, hellt er auf durch tiefe, glühende Lokalfarbcn und lvciß dem Ganzen eine vornehme Harmonie zu geben. Ein warmes Glühen ist der Grundton seiner Werke. Und in allem sieht man die gründliche Genauigkeit. Wie prachtvoll groß sind seine bräunlich ticfgetonten Steinbrüche. Wie tief leuchten die moosübersponnenen Felshänge. Wie leidenschaftlich wölbt sich die große Woge— ein Motiv, das er häufiger benutzt— und nimmt den halben Raum des Bildes ein, darüber ein düsterer Himmel, an dem Wolken einen Kampf von Licht und Farben auf- führen, tiefgrünlich das Wasser. Dann wieder studiert er die Fär- buug des Fleisches im Freien. Tief im Grünen ein Att, im schwarzen Haar eine viole'trote Rose, die Hauptfarbe bräunlich. Weich zu» gleich und doch fest ist der Strich. Dann die Steinklopfer, die in ; glühender Sonne am Wege arbeiten, gebeugt, und im Ganzen nur | wie ein Teil wirkend. In einem Seebild, auf dem die Sonne über > dem Wasser leuchtet, geht er Lichtproblemen nach. Er malt mann- � liche Porträts von fabelhafter Prägnanz des farbigen Ausdruckes, große, breite Gegensätze, aus denen sich monumental der Kopf und der Oberkörper aufbauen. Aus schwärzlichem Grunde leuchten tief- glühend bunte Früchte. Und in einem großen Strauß herrlich blühender Feldblumen malt er die flimmernde Schönheit der Natur. In mehreren Fraucnköpfcn mischt sich noch ein wenig Rokokoftimmung mit ein, und es gelingt ihm, zartfarbige Stimmungen aus Kleid, Gesicht und Hut znsammenzusiigen, die man nicht bei ihm erwartet. Ebenso überraschen die kleinen Landschaften, in denen er die feinsten Reize träumerischen Frühlings— ein Haus am Bach, die Bäume hellgrün— gibt. So leicht ist er da, daß man über die Wandlung erstaunt. Tie einzelnen Motive dieser Bilder wurden mit Absicht einzeln erwähnt, denn man ersieht daraus, wie wichtig die Stellung dieses Künstlers in der Kunstgeschichte ist. Er hat noch ganz den alten, schwärzlichen Galcricton, aber er hat darin alle Feinheiten malerischen Vermögens. Man sieht, es kommt nicht darauf an, einer Theorie zu folgen und eine Malmethode als alleinseligmachend zu empfehlen, sondern das Können entscheidet, und darin ist Courbet Meister. Mau braucht nur in die vorderen Säle zu gehen, da hängen von Hübner in Manet-Manier gemalte Bilder; sie sind so leer, so kalt, so unkünstlerisch, daß man sich entsetzt. Das ist Routine, mit dem Verstand nachgeahmte Methode, hier ist, bei Courbet, das echte, absolute Können. Courbets Stoffgebiet und Maltendenzen wurden späterhin noch ausgebaut. Er ist der Vater der modernen französischen Malerei. Er selbst hat Anklänge an Millct und Corot, der nebe» ihm vornehm wirkt. Von ihm aus gehen die Einzclwcge zu dem anderen Schaffen, zu der Freilichtmalerei, dem Impressionismus. Besonders Mauct, Monet, Renoir, Cezanne verdairken ihm viel. Man sieht ihre je- weils besondere Art hier vorgebildet. Ja, selbst die neueste Phase, die phantastische Richtung der Primitiven ahnt man in einigen kleinen landschaftlichen Bildchen schon, in denen im Grünen graue Rehe sich zeigen. Lieberinrnm entnahm von ihm Anregungen. Leibl und Trübner lernten von ihm. So konzentriert sich in dem Werk Conrbets die immer reifer und mannigfaltiger sich entfaltende Malerei des neunzehnten Jahrhunderts.— legen.— — In Berlin gibt es einen Arzt, der im Jahre 269 909 M.. und einen, der 339 999 M. verdient.— Notizen. — Soeben ist erschienen: Otto Erich Hartleben: Tage- buch. Fragment eines Lebens. Mt 24 Illustrationen. Geheftet 4 M. München. Albert Langen.— —„Die Rachtkritik", ein neues dreiaktiges Lustspiel von Rudolf P r e s b e r, ist vom Lu st spielhaus erivorben worden. Das Stück wird an dieser Bühne als erste Novität der nächsten Spielzeit in Szene gehen.— — E. N. T s ch i r i k o w hat ein neues Drama,„Bauern", vollendet.— — Aus dem Verbände des Düsseldorfer Schauspiel- Hauses werden infolge„Unstimmigkeiten" mit der Direktion■ mit Schluß der Spielzeit einige der besten Kräfte scheiden.— — Die„Venus" von V e l a z g u e z ist für 899 999 M. in den Besitz der Londoner National-Gallery übergegangen. Die Summe wurde durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Vor Jahres- frist war das Bild der Galerie für 599 999 M. erfolglos angeboten worden.— — Bei dem internationalen Wettbeiverb um den Bebauungsplan für die Stadt H e l s i n g b o r g fiel der zweite Preis'(2S99 Kronen) auf die Arbeit der Regierungsbaumeister Dr. Weyrauch und Martin Mayer. Der letztere ist zurzeit beim Hochbauamt der Hamburger Baudeputation beschäftigt. Den ersten und dritten Preis erhielten schwedische Künstler.— — Ein neues meteorologisches Observatorium ist, nacki der„Voss. Ztg." in Johannesburg für den Wetterdienst in Transvaal errichtet worden. In einem der nördlichen Vororte jener südafrikanischen Minenstadt ist auf dem Gipfel eines steilen, felsigen Hügels in einer Scchvhe von etwa 1699 Meter ein mit den besten selbstregistrierenden Instrumenten ausgestattetes Observatorium unter 26 Grad südlicher Breite eingerichtet worden, an dem englische Meteorologen arbeiten. Interessant ist u. a. die Anlage eine? größeren Vcrdunstungsbassins, an dem die Beobachtungen über die rasch abnehmende Höhe des Wasserspiegels Zeugnis für die außer- ordentliche Lnfttrockenheit in jenen südafrikanischen Regionen ab- Vcrautwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer S:Co..BerlinLXV.