Mnterhaltnngsblatt des vorwärts Nr. 23. Freitag, den 2. Februar. 1906 (Nachdruck verboten.) * Der Kuppelhof. Roman von Alfred Bock. Der Kalmuck stand strack wie ein Grenadier. ..Mir verschlägt's nix. Zacharias Allendörfer. Ich bin wie der Weidenbaum. Der mag noch so viel beschnitten werden, er schlägt doch wieder aus. Jetzt will ich einmal sehn. ob Ihr Bauern in Eurem Festtagdusel daran denkt, was der Apostel spricht:„Wohlzutun und mitzuteilen. Brüder, das vergesset nicht!" Der Karges verstand die Anspielung und schenkte ihm ein Zehnpfennigstück. Er dankte mit militärischem Gruß und trottete weiter. Im Verlauf seiner Wanderung durch das Dorf hielt er da und dort uni eine Gabe an und hatte schließlich so viel Zusammengebracht, daß er im„Pflug" sechs Glas Bier und etliche Schnäpse durch die Gurgel jagen konnte. Gegen Abend fiel ihm ein, daß sein„liebes Weib" noch gar nichts von seiner Ankunft wisse. Auch schien ihm geraten, sich umzusehen, ob sein Nachtquartier in Ordnung sei. Unter allerlei sonderbaren Gebärden und Körperver- renkungcn verabschiedete er sich von der Wirtshausgesellschaft und schwankte ziemlich benebelt hinaus. Mit den Worten:„Liebes Weib, bei Dir ist's am besten!" trat er in die Hütte seiner Ehehälfte. Die Horlig sowohl wie der Fried, der fleißig wie immer noch bei der Arbeit saß. waren auf den lustigen Gast schon vorbereitet und behandelten ihn wie Luft. Erst als er sich auf einen Stuhl fallen ließ und Essen verlangte, brachte seine Frau die Ueberbleibsel des Mittagbrots herbei, die er hastig verschlang. Darauf wandte er sich an seinen Sohn. „Fried, was schaffst Du da und machst ein Gesicht wie all nichts Guts? Schlag Deine Hände zusammen und strample mit den Füßen, denn der Teufel zahlt niit Dreck. Geld ist Treck. O du Unverstand! Lieber wollt ich die Finken Stückchen lehren, als so wie Du mit der Maschine klappern. Und alles für Geld, für Dreck! Schneider, Schneider, was sorgst du für Kleidung? Sieh, wie die Lilien des Feldes wachsen. Sic arbeiten nicht und spinnen nicht, und selbst Salomo in seinem Glanz war nicht so gekleidet wie eine von ihnen. Für wen schanzst Du, Schneiderlein? Neun- undneunzig Kerle wie Du haben an eineni Ei genug. Ha, ha, ha!" So hänselte er den Fried, ohne daß dieser darauf rea- girte. Endlich schien er zu merken, daß er überflüssig war. „'s scheint, ich bin hier in Vergeß gekommen," brummte er, erhob sich und kletterte die Leiter hinauf, die zum Boden- räum führte. Droben streckte er stch auf seinem Bettsack aus, gähnte ein paarmal und schlief ein. 8. In ihrer Kammer stand Dine, die Magd, vor einem winzigen, runden Spiegel und steckte ihre schön geflochtenen langen Zöpfe zum„Nest" auf. Dazu sang sie mit wohl- klingender Altstimme: So manchen Weg bin ich gegangen, Um deine Liebe zu erlangen, Aber ich Hab sie nicht gekriegt, Dicweil sie tief verborgen liegt. Ich weiß nicht, was dich hat verdrossen, Meine Türe, die war zugeschlossen, Und du konntest nicht herein, Das wird dein Aerger gewesen sein. Wärest du doch wiedergekommen, Hätte dich hereingenommen, Für dich ist mir ja nichts zu viel, Nur du allein, du bleibst mein Ziel! Nachdem sie ihre Haare in Ordnung gebracht hatte, trat sie seufzend vor ihr Bett, auf dem ihr Sonntagsstaat aus- gebreitet lag: die faltenreichen, aus feinem Wollstoff ver- fertigten Röcke, das buntfarbige Leibchen, der„Mutzen", die kostbare Schürze, das seidene Halstuch, vor allem das„Stülp- chen", die mit reicher Stickerei und breiten, lang herabfallen- den Bändern geschmückte Kopfbedeckung- All diese Herrlichkeiten, die sie sich mit saurem Schweiß hatte verdienen müssen, überschaute sie mit trübem Blick. Heute war der Tag des Kriegerfestes. Ihr lag herzlich wenig daran. Ja, wenn der Henner ihr Tanzbursche wäre! Wie eine Lerche würde sie trillern. Ja, wenn! Warum setzte sie ihren Kopf gerade auf den Goliath? Da waren doch Burschen genug, die gern ein derbfrisches Mädchen schwenkten. Gewiß, allein der Henner lag ihr nun mal im Sinn. Fast zu gleicher Zeit mit ihm war sie zum Dotzheimer gekommen. Zuerst hatte sie Angst gehabt vor dem baumlangen Kerl, der sie mit begehrlichen Blicken musterte, und hatte ihre Kammertür fest verriegelt. Nach und nach gewöhnte sie sich an seine unge- schlachte Art, ja, seine barbarische Körperkraft machte ge- waltigen Eindruck auf sie. Und sie überlegte: wenn sie ihm ihr Erspartes gab, konnte er sich ein Eigengütchen erwerben und durch Fleiß in die Höhe bringen. Hernach würden sie sich heiraten. Darüber mit ihm zu diskurieren, wäre ihr zu „schamerig" gewesen. Das mußte sich ganz von selbst machen. Sie zeigte ihin nun ihr freundlichstes Gesicht und ließ auch ihre Kammertür offen. Wer aber nicht kam, das war der Henner. Und sie zerbrach sich den Kopf, was denn dahinter! stecken möchte, daß er sich so„spähfräßig" gegen sie benahm- In ihrer Ratlosigkeit wandte sie sich an die alte Wannigen, die in einer halbverfallenen Hütte an der Aulerkaut wohnte und im Geruch stand, hexen zu können. Diese nahm ihr fünfzig Pfennig all und gab ihr ein Päckchen mit. Das sollte sie bei sich tragen und sollte jeden Tag rückwärts gehend ein Vaterunser sprechen. Dann werde ihr der Henner nach- laufen wie ei» Hündchen. Sie tat, wie ihr geheißen, der Er- folg blieb jedoch aus. Vielleicht deshalb, warf sie sich vor, weil sie in ihrer Neugier das Päckchen geöffnet hatte. Darin lagen ein Stückchen Brot, zwei Lorbeerblätter und ein Kalbs- knöchelchen beieinander. Mit der Zeit wurde sie ganz leid- mütig, und sie war halb und halb entschlossen, nach der Kirmes. in ihre Heimat zurückzukehren. Sie stammte aus dem Hinter- land. Dort hatten die Weibsleute die Hosen an. Sie be- stellten sogar das Feld, während die Männer ins Westfälische auf Arbeit gingen. Als junges Ding war sie fortgelaufen.- Jn der Fremde sollte ihr Weizen blühen. Jetzt sah sie's ein: daheim war daheim! Bedächtig zog sie sich an und trat dann auf den Flur. Eben kam auch der Henner, festtäglich gekleidet, aus seiner Stube und schritt an der schön geputzten Dine vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust- Insgeheim hatte sie doch noch ge- hofft, daß er sie zum Tanz führen werde. Run war's aus. Wie sie's anstellen mochte, sie war und blieb ein Pechvogel. Bekümmert schlich sie wieder in ihre Kammer und setzte sich weinend auf ihr Bett. Der Henner begab sich in den Stall, noch einmal nach dem Vieh zu sehen, ehe er auf den Festplatz ging. Jeweilig durch Balken voneinander geschieden, standen die Rinder, Kühe und Ochsen, wohlgenährt, mit glänzendem Fell, eine wahre Augenweide. Was die Viehhaltung anbetraf, konnte man von dem Dotzheimcr etwas lernen. In ihrer Geräumigkeit und mit ihren Dunstkamincn war seine Stallung geradezu mustergültig. Probiert's nur emal," pflegte er zu sagen,„und steckt ein Mensch in ein sticksig Loch. Ein paar Tag, und he wird schroh. Und fällt vom Fleisch. Akkurat so is es mit dem Vieh. De allererst braucht's Licht und Luft." � Immer wieder scyärfte er dem Henner ein:„Du sollst beileib mit dem Futter net sparen. Unser Herrgott läßt's ja wachsen. Und so ein Tier muh seine richtige Nahrung haben- Freilich, das Fressen macht's net allein. Der Striche! tut auch nötig. Gut geputzt is halb gefüttert." Seinen Grundsätzen getreu hielt der Dotzheimerberz im Stall auf Ordnung und Reinlichkeit. An der Tür und an den Wänden sah man'weder Schmutz noch Spinngeweb. Krippen und Stallgefäße waren sauber gewaschen, und die frische Stre« gab dem Ganzen einen fast festlichen Anstrich. 60— Bei der Wartung des Viehs stellte der Henner seinen Mann. Und doch hatte er letzthin die Tränke vergessen. Da- für hatte er einen gehörigen Wischer bekommen. „Du wirst etz auch schliffelig," sauste der Bauer ihn an. „Gelle, wann Tu Durst hast, is Dir der Weg in den„Pflug" net zu weit. Und so ein arm Tier kann sich in seinem Ge- drang net rühren. Latz mich so was net noch emal sehn." Der Goliath steckte den Verweis ohne Widerrede ein. Er war überhaupt in der letzten Zeit zerfahren. Und das hatte seine guten Gründe. Jhin, der die Mariann umlauerte, konnte nicht verborgen bleiben, datz sie den Lindgesborn mied und den Verkehr mit dem Fried abgebrochen hatte. Was war geschehen? Da gab's nur eine Deutung: dem Dotzheimer hatte jemand ein Licht aufgesteckt, und er war mit einem Donnerwetter zwischen das Pärchen gefahren- Die Mariann machte fo ein„artlich" Gesicht und„bambelte" herum. Viel- leicht war schon etwas„passiert", und der Bauer lugte nach einem..Schanddeckel" aus. Dem Henner wurde heitz. All sein Mannwerk auf dem Hof hatte ihm nur als Mittel zum Zweck gegolten. Wenn er den rechten Augenblick verpaßte, schnappte ihm ein anderer den fetten Bissen weg, und er zog mit langer Nase ab. Zaudern hieß hier alles verlieren. Wo die Ernte vor der Tür stand, würde ihn der Totzheimer un- gern gehen lassen. Am rätlichsten war, er machte die Probe und trug sich kecklich als Tochtermann an. Daheim war seines Vaters Rede gewesen:„Das Glück mutz den Menschen suchen. Wann der Mensch das Glück sucht, packt er's nimnier." Bei all seiner Ehrlichkeit und Bedenklichkeit war der Mann in die Gant gekommen und klopfte jetzt Steine auf der Chaussee. Er, der Sohn, dachte anders vom Leben. � Man mutzte dem Glück entgegenmarschieren. Und gab's keinen geraden Weg, gab's einen krummen. Er war so sehr in seine Gedanken vertieft, datz er�den Bauer nicht bemerkte, der, gleichfalls zum Gang auf den Fest- platz gerüstet, in den Stall getreten war. „Hcnner!" Ter Knecht fuhr zusammen. „Hier!" „Is alles in der Ordnung?" ..Ja-" „'s war doch gut, daß wir das Vieh hau durchs Wasser getrieben haben." „Bei der Wärmde, ja." Ter Dotzheimer klopfte der Scheck, einer jüngst erstan- denen Kuh, auf die Wampe. „Die macht sich heraus." Der Henner kam näher.> „Sie is kollisal aufs Salz versessen." „Das sein sie von Natur aus all," sagte der Dotzheimer gut gelaunt. �Fortsetzung folgt. (Nachdruck verboten.) Die IcbueUften Gilenbabiiziige. Tie schnellsten Züge in Teutschland auf große Entfernungen. verkehren immer noch zwischen Hamburg und Berlin. Die Spitze unter ihnen und allen deutschen Eisenbahnzügen hält der Zug Nr. 3. der die 286 Kilometer lange Strecke, ausschließlich einiger Minuten Aufenthalt in Wittenberge, in 3 Stunden 23 Minuten oder mit einer Durchschnittsgesaiwindigkeit von 84,5 Kilometer zurück- legt. Zwischen Harnburg und Wittenberge fährt sogar der Zug Rr. 5 noch etwas schneller, nämlich mit 86 Kilometer Durchschnitts- geschwindigkeit, die sich unterwegs oft auf 166 Kilometer und dar- über steigert. Tie längsten, ohne Anhalten durchfahrenen Strecken in Teutschland sind diejenigen zwischen München und Nürnberg mit 199 Kilometer und Berlin— Dresden mit 189 Kilometer, die der D-Zug mit 73 und 83 Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit durcheilt. In England werden bekanntlich viel größere Strecken ohne Anhalten durchlaufen, indem die Züge unterwegs das erforderliche Wasser während der Fahrt aus Schöpftrögen entnehmen; in dem kalten Winterklima Mitteleuropas würde indessen diese Einrichtung mehr Störungen als Vorteile im Gefolge haben und ist deshalb verständigerwcise unterblieben. Wo größere Entfernungen ohne fahrplanmäßigen Aufenthalt zurückzulegen sind, z. B. die Strecke Eharlottenburg— Hannover mit 252 Kilometer, die in 3 Stunden 15 Minuten gefahren werden, behilft man sich durch die Wasser- aufnähme an einer Zwischenstation, wo mit Hülfe verbesserter Kräne 19— 12 Kubikmeter Wasser in zwei Minuten eingenommen werden können. Jedoch besteht auch die Absicht, größere Tender mit 89 999 Liter Wagerinhalt zu bauen, die dann das Turchsahren von 259 Kilometer ohne Anhalten, eventuell mit noch erheblich gc- steigerter Geschwindigkeit, ernwglichen. Da es Lokomotiven', die einer Schnelligkeit von 199 bis 119 Kilometer in der Stunde gc- wachsen sind, jetzt auch in Teutschland in großer Zahl gibt, so stände dem nichts entgegen, daß schon in nächster Zukunft die deutschen Schnellzüge es an Geschwindigkeit mit den besten ausländischen aufnehmen. Vorläufig ist ja das noch nicht der Fall, wie am besten ein Vergleich des obenerwähnten Zuges Berlin— Hamburg mit dem französischen Nordwestexpreß von Paris nach Calais lehrt, der gegenwärtig für den schnellsten Zug in Europa gilt. Tie Ent- fernung, die er zurücklegt, ist nur um 7 Kilometer geringer(279 Kilometer), die Fahrzeit des französischen Expreßzuges aber um 22 Minuten kürzer, da er die Gesamtstrecke in 3 Stunden und 1 Minute zurücklegt. Tie entwickelte Geschwindigkeit beträgt 96 Kilometer zwischen Calais und Amiens, wo 4 Minuten lang zum Speisen der Lokomotive gehalten wird, und fast 192 Kilometer zwischen Amicns und Paris. Durch Ramsbottomsche Wassertrögs zwischen den Gleisen beabsichtigt die Nordbahn, den Aufenthalt in Amiens ganz zu umgehen und die Fahrzeit noch weiter abzukürzen. Züge von dieser Schnelligkeit hat selbst England nicht auszuweisen, obwohl es das an„Flyers" oder Expreßzügcn, Fliegenden Schotten und dergleichen reichste Land der Erde ist. An der Spitze dieser langen Reihe dürften gegenwärtig die sogenannten„dloii stop"- Züge der Great Northern stehen, die ohne Anhalten von London nach Sheffield(265 Kilometer) in 2 Stunden 59 Minuten fahren und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 94 Kilometer in der Stunde entwickeln. Tagegen durchsährt der neue„Cormishman Limited" derselben Bahn die 396 Kilometer von London nach Plymouth in 4 Stunden 25 Minuten ohne Anhalten, also mit beinahe 39 Kilo- mctcr Durchschnittsgeschwindigkeit. Es sind für diesen Zweck drei völlig neue Züge mit je sechs riesigen Luruswaggons hinter einer De Glchn-Lokomotive gebaut worden. Ueberhaupt werden die schnellsten englischen Züge zum großen Teil von Lokomotiven sran- zösischer(De Glehn) oder amerikanischer(Atlantic-Typ) Bauart geführt, für das Land der ältesten Eisenbahnen und entwickeltsten Industrie eine recht beschämende Tatsache. Im ganzen soll Frank- reich über 39, England über 59 fahrplanmäßige Züge besitzen, die eine Durchschnittsgeschtvindigkeit von 33 bis 95 Kilometer einhalten, doch kann dies nur auf kürzeren Strecken ihres Verlaufes der Fall sein. Je kurzer die Entfernung zwischen den Endpunkten einer be- schleiniigten Fahrt, um so höher läßt sich die Durchschnittsgeschwindig- keit steigern, umgekehrt sinkt sie rasch mit der Größe der Entfernungen, da der verzögernde Einfluß der Stationsaufenthakte, Kreuzungen, Ueberholungen, des Maschinenwechsels usw. dann immer schwerer ins Gewicht fällt. Eine der glänzendsten Leistungen auf eine recht erhebliche Distanz vollbrachte 1994 einer der berühmten Uebersec- Postexpreßzüge der Great Western-Eiseichahn zwischen Plymouth und London, der die 319 Kilometer von Exeter bis London in 2 Stunden 43 Minuten mit 114 Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit zurücklegte. Nach den Messungen des Ingenieurs Rors-Martin, der sich während dieser Fahrt auf der Lokomotive befand, hatte der Zug sogar über eine Strecke von 113 Kilometer eine Geschwindigkeit von 129 Kilometer beibehalten, die sich nur einmal, während eine Schöpsstelle passiert wurde, aus 129 Kilometer verringerte. Das ist indessen ein Ausnahmefall, der als regelmäßige Schnellzugs- leistung noch nicht in Rechnung gebracht werden darf. Aehnliche Leistungen, wenn auch auf kürzer« Entfernungen, verrichten dagegen täglich die weltbekannten Atlantic City Flyers zwischen Camden und dem vielbesuchten amerikanischen Badeort Atlantic City. Seit 1899 begannen auf dieser Route, wo die Phil- adelphia Reading und die Pennsylvaniabahn je eine Linie betreiben, ein scharfer Wettbewerb, der die Geschwindigkeit beider Linien immer höher getrieben hat. Gegenwärtig legt der schnellste Zug der Pennsylvaniabahn die 93 Kilometer lang« Strecke mit 197% Kilometer. Durchschnittsgeschwindigkeit, also in 52 Minuten zurück, der Expreßzug der Philadelphia Readingbahn dagegen hat ein 4 Kilo- meter kürzeres Gleis, eine Geschwindigkeit von 199% Kilometer und brauckt nur 49 Minuten. Indessen kommen beide Züge meist vor der festgesetzten Zeit an und entwickeln unterkvcgs nicht selten eine Schnelligkeit von 115— 125 Kilometer, um die Verluste an beiden Enden der Linie, wo die Gleise durch öffentliche Straßen führen und langsam befahren werden müssen, wieder einzuholen. Als echt amerikanisch mag auch angesührt werden, datz sich die Gleise dieser schnellsten Züge der ganzen Welt kurz vor Camden im gleichen Niveau kreuzen, und daß hier überhaupt kein Fahrplan, sondern der einfache Grundsatz gilt, wer zuerst kommt, wird zuerst durchgelassen. Trotzdem ist an dieser Stelle noch nie«in Unglück passiert. Wenden wir uns nun von den kleinen und mittleren Ent- fcrnungen solchen von 699 und mehr Kilometer zu, so nnissen wir feststellen, daß alsdann die Konkurrenz der deutschen mit den aus- ländischen Expreßzügen völlig aufhört. Unsere raschesten Züge zwischen Berlin einerseits und München, Frankfurt a. M., Köln. Stuttgart, Basel, Wien und anderen Städte u, die um 699 bis 999 Kilometer entfernt sind, erreichen nur 69 bis höchstens 90 Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit. Dagegen fährt der französische Süd- expreß von Paris bis Bayonne(782 Kilometer) in 9 Stunden 43 Minuten mit 89% Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit. Miv 81% Kilometer besährt ein schottischer Expreß die 645 Kilometer Strecke von London nach Glasgow, mit derselben Geschwindigkeit, die 7?4 Stunden hindurch beibehalten wird, ein anderer..Flyer" die 632 Kilometer lange Entfernung von �London nach Edinburgh. Sie alle schlägt bei weitem der..Empire State Expreß", der New Dork in 8l4 Stunden mit Buffalo verbindet und- diese 767 Kilo- mcter mit 85% Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit zurücklegt. Eben dieselbe Schnelligkeit bringt der geschwindeste deutsche Zug zwischen Wittenberge und Hamburg nur ohne Anhalten und auf ein knappes Viertel dieser Entfernung zustande. Eine mindestens ebenso bewunderungswürdige Leistung hat die Paris-Lyon-Mittelmeerbahn in diesem Winter eingeführt, wo sie einen Zug zwischen Paris und Nizza in 13% Stunden verkehren läßt. Tie Entfernung beträgt 1687 Kilometer, die durchschnittliche Geschwindigkeit also SOV2 Kilometer pro Stunde. Eine Leistung, die die Berlin— Halleschen Schnellzüge, die unterwegs nicht anhalten, nur zwei Stunden lang aufwenden, soll dieser Zug, trotz oftmaligen AnHaltens. Wasser- nehmen, Maschinenwechsels, beinahe siebenmal so lange fortsetzen. Dabei sind wir denn zu den großen Entsernungen von mehr als 1666 Kilometer gelangt, für die es in Teutschland beinahe schon an Vergleichen fehlt. Wenigstens reichen die paar inter- nationalen Züge, die bei uns ähnliche Entfernungen durchmisten. über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 66 bis 65 Kilometer in der Stunde nicht hinaus. Letztere Ziffer bezeichnete die Schnelligkeit, welche die Exprcßzüge der New Forke c Zentralbahn nach Chicago vor etwa 12 Jahren besaßen, als sie die 1556 Kilometer von New Fork bis Chicago in 24 Stunden zurücklegten. Das Welt- ausstellungsjahr 1963 brachte dann einen plötzlichen Fortschritt. Sowohl die Zentralbahn als die um 96 Kilometer kürzere Penn- sylvaniabahn ließen täglich einen Luruszug in 26 Stunden zwischen Chicago und New gort lausen, der auf der Pennsylvaniaeisenbahn 73, auf der New Dorker Zentralbahn 77% Kilometer Durchschnilts- geschwindigkeit entwickelte. Die absolute Fahrgeschwindigkeit dieser Züge ans den freien Strecken mußte meistens 166 Kilometer, oft noch mehr betragen, um die Aufenthalte und die Durchfahrt durch einige hundert Stationen auszugleichen. Am 11. Juni 1965 ließ plötzlich die Pennfylvaniaeisenbahn einen 18stündigcn Luxuszug von drei prachtvoll eingerichteten Wagen zwischen New Jork und Chicago verkehren und kündete an, daß dieser„Twcnticth Centuri) Limited Expreß" fortan täglich verkehren würde. Nur für die Stunden der Mahlzeit wurde noch ein Speisewagen angehängt, aber auch sür die übrigen drei Waggons erwies sich auf den Steigungen des östlichen Mittelgebirges Lokomotivvorspann erforderlich. Tie Durchschnitts- geschwindigkeit des Zuges betrug 81 Kilonieter. Eine Woche sväier ließ die Zentralbahn über ihre längere Route einen noch fürstlicher ausgestatteten Luruszug mit derselben verkürzten Fahrzeit laufen, seine durchschnittliche Geschwindigkeit waren 36 Kilometer stündlich, seine wirkliche Schnelligkeit an vielen Stellen der Linie 116 bis 126 Kilometer, an anderen nur 66 bis 76. Fünf Tage lang ist dieser Erpreßzug der schnellste der Erde auf größere Entfernungen gewesen. Am 227 Juni entgleiste er, als «r mit einer Geschwindigkeit von 112 Kilometer in den Bahnhof Mentor sOhio) hineinfuhr, infolge einer falsch gestellten Weiche und bildete in der nächsten Minute«inen brennenden Trümmer- Haufen, aus dem über 26 Tote und viel mehr Verwundete heraus- gezogen wurden. Seitdem ist die frühere Fahrzeit von 26 Stunden wieder hergestellt. W. B e r d r 0 w. kleines femUetoti. — Tas letzte Lcsetabinett. Seit dem neuen Jahre ist Paris. so wird dem„Pester Lloyd" von dort geschrieben, um eine historische Institution ärmer geworden. Das letzte Lesekabinett hat seine Pforten geschlossen. Baedeker nennt noch in spiner Auflage von 1965 drei„Cabinets de Lecture", allerdings mit dem Zusätze, daß diese Einrichtung ihre frühere Bedeutung verloren habe. Nun ist das flackernde Lebenslicht auch der letzten der einst so berühmten Unter- nehmungen still erloschen. Dem Kenner der Literatur- und Kulturgeschichte von Paris, besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist das Institut der Lesekabinette wohlvertraut. In der Bibliothek der Madame Cardinal mr der Nue des Canettcs zum Beispiel verkehrten Berühmt- Helten wie Montalenibert, Dumas, Flmibert, Barbey d'Aurevilly. Auch die in Paris lebenden deutschen Schriftsteller, wie Heine, Börne, Herwegh, ließen sich in die Lesekabinette einschreiben. Gegen einen mäßigen Monatsbeitrag konnte man hier nach Belieben eintreten, die neuesten Journale des In- und Auslandes sowie die wichtigsten Revuen lesen und Korrespondenz erledigen. Auch größere Literatur- werke, besonders die neuesten Romane, waren da zu lesen, in mög- lichst viele Teile zerschnitten und in Mappen geheftet. In jenen. Zeiten, wo die Romanbände noch recht teuer waren— und Dumas, Sue, Viktor Hugo ließen es selten bei einer geringen Zahl von Bänden bewenden—, wurde ein großer Teil der Auslagen in den Lesekabinetts konsumiert. Tie Dichter kam«? dabei natürlich weit schlechter weg als heutzutage, wo selbst seichte Modeschriftsteller Auf- lagen von über 166 666 erreichten, aber ohne die Kabinette hätten die Verleger in vielen Fällen nicht einmal die Herausgabc riskiert. Ter eigentliche Aufschwung der Lcsekabinette fällt in die Zeit vostk 1826 bis 1366. Im erstgenannten Jahre gab es in ganz Paris 33, im letzten mehr als 266. Tann aber trat ein Verfall mit progressiver Geschwindigkeit ein. Zwei Umstände sind es voy allem, die den Kabinetten dem Garaus gemacht haben: das Auf» blühen der Cafes und die Umgestaltung des ZeitungswesenS. da» neben auch die Berbilliguug der Romane auf den- Normalpreis von 3,56 Fr. der sich in Wirklichkeit bei den Boulevard-Buchhandlungen noch auf 3 Fr. reduziert. In den Cafes kann mau' eben beim Aperitif die Zeitungen lesen, für die man sich interessiert, ohne eine besondere Lescgebühr entrichten zu müssen, allerdings mehr offiziell — denn wenn man seine Zeitung regelmäßig eingehändigt haben will, ist es ratsam, ein Trinkgeld zu spenden, das ein Abonnement: im Lcsekabinett wohl aufwiegt. Tie Revolution im Zeitungswese» gipfelt aber insbesondere in der Schöpfung des Sou-Blattcs. daS für jedermann erschwinglich ist. Aber auch der Inhalt der Zeitungei, hat sich wesentlich geändert. Von einigen. löblichen Ausnahmen ab-, gesehen, bieten die Zeitungen nicht wie einst solide, auf die Sachs eingehende, belehrende Artikel, sondern knappe, pointierte Entre» silets, Telegraimne und möglichst viel Reportage im amerikanischer» Stile. Darum bedarf es auch nicht mehr wie einst einer Gelassen« heit des Gemütes und der äußeren Ruhe, um sich den Inhalt eines Zeitungsblattes anzueignen. Man kann das ebenso gut im Waggon der Untergrundbahn, auf der Imperiale der Omnibusse, beim Esser» im Restaurant und selbst durch das Gedränge des Boulevard« Publikums schreitend erledigen. Auch der Journalist von heute, eir» moderner Nerdenmensch, besorgt drängende Schreibarbeiten beim surrenden Geräusch des Kaffeehauses, zwischen vorüberjagendei» Kellnern, vom. hereindringcnden Straßenlärm und von indiskret schreienden Tischnachbarn unbehindert, vielleicht besser als in der religiösen Stille der Lesekabinelte. Viele trauernde Hinterbliebene sind diesen nicht beschieden. Jit den letzten Lesekabinetten sah man die Getreuen sitzen, alte Herren mit gelblich-weißen, großen Barte», mit riesigen Brillen und flatternden, schneeigen Locken. Sie kamen täglich zur bestimmten Stunde, vergruben ihre Köpfe in die Zeitungen,— in ihre, alten. seit Jahrzehnten vertrauten, ihnen sozusagen angetrauten Zeitungen — und blickten nur wütend auf, wenn eine Brummfliege schamlos durch das heilige Schweigen raste. Aber ach. die schneeigen Locken wurden immer dünner, und dann blieb von den Locken-träger» einer nach dem anderen aus und tarn nicht mehr wieder. Zum oocbluss« schmolz die alte Garde so zusammen, daß sie die geliebley Räume nicht mehr zu verteidigen vermochte. Aber sich ergeben, in das brutal lärmende, stimmungS- und rücksichtslose Kaffeehaus über» gehen wird sie nicht! Wie lange noch,— und der letzte Leser des letzten Lesekabinctts wird dorthin gegangen sein, wo keine Brumm». fliege mehr die Stille stört. In das Gewölbe des allerletzten Kabinetts jedoch bricht die Neuzeit mit ihrer kalten Geschäftigkeit ein. Und wenn die Fliege mit frecher Familiarität künftig durch den Raum schwirrt, wird ein junger Kommis eine Klatsche nehmen und sie gemüilos totschlagen.— hg. Wie entsteht die Elektrizität der Luft. Die eleltrische Natur de8 Gewitters ist seit länger denn einem Jahrhundert unwiderleglich be- wiesen; aber damit ist erst die eine Hälfte der Arbeit getan, und zwar die geringere, die größere Hälfte, nämlich die Beanilvortung der Frage: Woher stammt die Elektrizität, die im Blitz zum Aus- gleich gelangt, hat zwar für' viele Forscher einen Anreiz gegebe». sich mit ihr zu beschäftigen, aber erst jetzt hat man einen Weg be- treten können, der vielleicht zur ihrer Beantwortung führt. Wie die Lustelektrizität selbst international ist, haben auch Angehörige wohl aller Kuliurnationen sich damit beschäftigt, zu ergründen, wie die Lustelektrizität entsteht und wie sie sich verbreitet. Und merkwürdig: Gerade diejenigen hervorragenden Physiker, die die Frage der Beantwortung ein bedeutendes Stück näher geführt zu haben schienen, hatte», von falschen Voraussetzungen ausgehend, auf Grund ihrer an sich richtigen Beobachtungen irrige Theorien auf» gestellt, die, weit entfernt, die Erklärung zu fördern, sie vielmehr hemmten und verzögerten. Solche der Beachtung würdige, aber erst vom Gesichtspunkt einer richtigen Theorie aus brauchbare Arbeiten lieferten vornehmlich der Franzose Coulomb, der Italiener Matteueei. der Deutsche Nahrwold und auch der Engländer I. I. Thomson, der in der allerjüngsten Zeit viel zu der nach dem heutigen Staudpunkt der Wissenschaft richtigen Erklärung beitrug, hat noch vor einem Jahrzehnt geradezu falsche Ansichten vertrete». Sie alle stellten nach- einander ftie Lehre auf, daß die atmosphärische Luft an nnd für sich nicht im stände sei, Elektrizität aufzunehmen, daß diese vielmehr geknüpft sei an das in der Luft in Gestalt von Dampf oder kleinen Bläschen enthaltene Wasser und an den ebenfalls in ihr zerstreuten Staub, und von ihnen ging auch die Behauptung� aus. daß die Menge der in der Atmosphäre oder, wie man fälschlich glaubte, IN ihren feuchten oder festen Begleitern enthaltenen Elektrizität von der Temperatur abhänge. Die beiden Wojfenbütteler Gymnasiallehrer Geitel und Elster, durch ihr erfolgreiches Zusammenarbeiten in der wissenschaftlichen Welt hochangesehene Dioskuren, haben dagegen nachgewiesen, daß die Luft.um so reicher an Elektrizität ist, je ge- ringer ihr Wassergehalt und je staubfreier sie ist. Dieselben beide» Gelehrten haben auch durch jeweiligen Ausschluß oder jeweilige Zulassung von Licht uachgewiesell, daß dies aus die Eni- stehung der Elektrizität ohne Einfluß ist. Doch darf hier» bei nicht unerwähnt bleiben, daß dadurch noch nicht der bündige Nachweis dasür erbracht ist, daß die Strahlung der Sonne nun völlig ohne Einfluß aus die Bildung von Cicitrizitai ist, deirn außer jenen Strahlen, die unser Auge als Licht wah. nimmt, sendet unser Zentralgestir» auch Strahlen von anderer Wellenlänge und anderer Wirkungsart auZ, und dies muß um so mehr Beachtung finden, als auf Grund von theoretischen Betrach- tungen der Engländer Faradah und Maxwell Heinrich Hertz den experimentellen Nachweis für die Existenz elektrischer Wellen er- brachte, auf denen ja übrigens auch die Möglichkeit der drahtlosen Telegraphie und Telcphonie beruht. Was den Zusammenhang zwischen Luftelektrizität und Lufttemperatur anlangt, so hat man jetzt erkannt, daß ein Einfluß der Temperatur auf das eigentliche Entstehen von Elektrizität nicht vorhanden ist, so lange nicht direkte Glühhitze vorkommt, und diese ist ja bei unsrer Atmosphäre ausgeschlossen. Wenn nun auf diesen Wegen nicht zum Ziele zu gelangen war, erwies sich die neueste Elektrizitäts- theorie fruchtbarer. Gewisse Erscheinungen bei der Elektrizitäts- entladung in luftverdünnten Röhren und bei den durch Lichtbrechung entstehenden farbigen Lichtbändern, den Spektren, wenn diese unter der Einwirkung starker Magnete stehen, nötigten zu der Annahme. daß die Elektrizität ein sehr feiner, aus kleinen Teilen bestehender Stoff ist. der im allgenieinen an materielle Teilchen gebunden, unter Ilmständen doch von diesen abspringen und sich frei im umgebenden Räume ausbreiten kann. Diese Lehre fand eine ganz besonders kräffige Stütze in den immer noch merkwürdigen Erscheinungen des Radiums und ihm verwandter Körper, wie Thorium, Tellurium und Aktinium. Diese Substanzen sowie ihre Zerfallprodukte zerstreuen die in ihrer Nähe befindliche Elektrizität, und zwar tun sie dies nach der von sehr vielen Physikern angenommenen Theorie in der Weise, daß sie selbst dauernd die schon erwähnten Elektrizitätsteilchcn ausstoßen; diese verbinden sie mit den die bisherige elektrische Ladung derllmgebung bildenden elektrischen Teilchen und neutralisieren, vernichten solcher- gestalt die früher vorhanden gewesene elektrische Ladung. Dazu hat man noch festgestellt, daß die strahlenden Substanzen ihre Strahlung?- fähigkeit auf ihre Umgebung übertragen, diese gleichsam damit an- stecken, so daß auch die Umgebung elektrische Teilchen ausstrahlt. Außerdem zeigte sich, daß die strahlenden Substanzen und ihre Zerfallprodnkte und Emanationen auf und in der Erde viel häufiger vorkommen, als man zuerst angenommen hatte, allerdings in so kleinen Mengen, daß es ganz unmöglich ist, sie zu sammeln oder rein darzustellen, aber doch genügend, um merkbare elektrische Wirkungen auszulösen. Schließlich stellte man fest, daß die Luft in Kellerräumen und speziell in den kleinen Spalten und Zwischenräumen der oberflächlichsten Erdbodenschicht ganz besonders elektrisch ist. Ans Grund von allem demneigtman jetzt stark der Ansicht zu, daß die Elektrizität der Luft dadurch entsteht, daß von strahlender Materie im Erdboden ausgehende elektrische Teilchen in die Luft gelangen und diese somit selbst elektrisch machen. Sehr, wahrscheinlich ist, daß die Luft ihre eigene Elektrisierung dadurch unterstützt, daß sie und die in ihr viel- fach vorhandenen Wasserläufe durch Uebertragung, wenn man will durch Ansteckung, selbst die Fähigkeit annehmen, elektrische Teilchen auszusenden. Die Entscheidung hierüber sowie über einige andere nicht unwichtige Punkte, besonders darüber, Ivieso gerade bei den- jenigen Witterungsverhältnisscn, die einem Gewitter vorangehen, eine so besonders starke Elektrizitätsansammlung entsteht, steht noch aus. Die Untersuchungen sind, wie man sich denken kann, höchst schwieriger Natur; ganz besonders erschwert werden sie durch den Umstand, daß die einzelnen Zerfallprodukte der strahlenden Substanzen sehr verschieden lange Lebensdauer und Strahlungs- dauer besitzen, wovon auch die Art ihrer Einwirkung auf die Luft abhängt. Eine eigentümliche Schwierigkeit ist noch dadurch gegeben, daß die Steine, aus denen unsere Häuser gebaut werden, während ihrer Lagerung im Erdboden selbst mit elektrischen Tbeilchen angestrahlt werden; die physikalischen Untersuchungen müssen eben auch in solchen Häusern vorgenommen werden, und eS ist oft unmöglich, genau zu trennen, welche Wirkungen durch die an- gestellten Versuche herbeigeführt werden, und welche dem Mauerwerk des Hauses zuzuschreiben sind.. Nun hat man gar noch gefunden, daß den Metallen ebenfalls eine nicht sehr starke, aber doch nicht unwirksame elektrische Ausstrahlung zukommt; zu den Versuchen braucht man aber metallene Instrumente, und es ist sehr schwierig, wenn nicht ganz unmöglich, den eigenen Strahlungs- und Wirkungsgrad der Instrumente festzustelle». Darum wäre es höchst wünschenswert, zum Zweck der Untersuchung der Luft- elektrizität und ihres Entstehens ein Gebäude aus solchem Material zu errichten, bei dem nachweislich keine eigene Elektrizitätsstrahlung stattfindet; danach wird man auf Methoden und HiilfSmittel bedacht sein müssen, sie von den störenden Wirkungen der Eigenstrahlung der zu den Apparaten verwandten Metalle zu befreien. Eine Er- leichterung der Untersuchung hat uns die Natur in den Steinsalzen gegeben, die im norddeutschen Kalisalzgebiet als Staßfurter Salz und dergleichen gegraben werden; diese Salze sind für die elektrische Strahlung vollkommen undurchlässig, und wenn man die Versuchs- apparate, in denen die Untersuchiuigen über die Verbreitung der Elektrizität in die Luft und in der Luft vorgenommen werden, mit solchen Salzen umgibt, ist man von vielen störenden äußeren Ein- flüf en gänzlich befreit. Jedenfalls nähert inan sich so dem Resultat, die Frage zu lösen, wie die Elektrizität unserer Atmosphäre entsteht, we n die Theorie richtig ist, daß die Elektrizität in Gestalt klei.ster körperlicher Teilchen an den die eigentliche Körper- weit bildenden Stoffen haftet und von ihnen unter gc- ivissen Umständen ausgestrahlt wird; wenn diese Theorie richtig ist— aber es darf nicht verschwiegen werden, daß diese Theorie selbst noch viele Schwierigkeiten aufweist. So sehr sie geeignet ist, gelvisse Erscheinungen zu erklären und besonders bei der Lehre von der Luftelekrrizität Aufklärungsdienste zu tun, so steht sie doch andererseits mit vielen wichtigen, vielfach beobachteten und ganz un- zweifelhaften Tatsachen in einem vorläufig ganz unlösbaren Wider- sprach; wenn daran diese Theorie nicht scheitern, wenn sie nicht wieder aufgegeben und durch eine allgemein gülsige ersetzt werden soll, wird es zum wenigsten nötig sein, sie so abzuändern, daß eben die jetzt vorhandenen Widersprüche schwinden, ohne daß die Theorie da- durch untauglich wird zur Erklärung der Erscheinungen, die sie jetzt erklärt, und nicht zum wenigsten zur Erklärung des Entstehens der Elektrizität der Luft.— Theater. Lessing-Theater. Rosmersholm. Schauspiel in vier Akten von H e n r i k I b s e n.— Es war eine ganz eigenarsige Steigerung in dieser Ausführung. Im ersten Akte schien es, als ob sie ihren Schwerpunkt in den Nebenrollen haben werde. Der phan- tastische Ullrich Brendel Bassermanns, Marrs Rektor Kroll prägten sich in voller Anschaulichkeit den Sinnen ein. Dieser junge Künstler spielte den konservattven Freund des Pfarrers, nicht nach der üblichen Art als eckigen, pedanttsch trockenen Schulmenschen, sondern als rotbäckige ungebrochene Kraftnatur mit impulsiv durch- brechender Leidenschaftlichkeit. Er gab ihm Züge, die die warme Neigung Rosmcrs zu Kroll verständlich machen konnten und dennoch ausgezeichnet zu dem tyrannisch- fanatischen, rachsüchtigen Grund- zuge des Charakters paßten. Mit sicherem Gelingen wurde die Gestalt, so wie sie angelegt war, bis zu Ende durchgeführt. Rosmer und Rebekka in der Darstellung von Reicher und Irene Driesch kamen, an diesen beiden Leistungen gemessen, zunächst nicht recht auf. Die Erscheinung erschwerte die Illusion. Die Maske Rcichers, die altfränkische nach Schifferart gestutzte Bart- tracht mochte norwegisch echt sein, aber sie wirkte wenigstens am Anfang allzu landpfarrermäßig, ließ beim ersten Eindrucke nichts von der individuell vergeistigten Sensibilität des alten Adelssprossen durchschimmern. Und auch die schlanke kleine Gestalt des Fräulein Driesch, ihr Gesichtsschnitt, der an Damentypen aus Berlin W. erinnert, konnte erst gar keinen Glauben an die Wirklichkeit dieser Rebekka wecken. Dann aber mit der Dichtung wuchsen beide zur vollen Höbe. Das Innerste des wundersamen Werkes wurde lebendig in ihrem Spiel. Mit der Szene, in der Rosmer von KrollS und MortenS- gords fHerr F o r e st> Erklärungen in bange Gewissensangst hinein- gescheucht, durch Rebekkas Zuipruch noch einmal aufgerichtet, sie bittet, sein Weib zu werden, setzte der Umschwung ein. Die schlichten Töne Reichers drangen zu Herzen, erschütternd klang das unterdrückte, kurze Jauchzen, klang die im Kampfe ungeheuerster Selbstüberwindung hervorgestoßene schroffe Abweisung aus Rebekkas Brust. Verborgene Tiefen öffneten sich. Und mit siegender Gewalt oljne Schwanken und Ermatten ging es weiter, immer weiter aufwärts. In dem Schuldbekenntnis Rebekkas loderte der Widerschein der sengenden Flammen, vor denen die arme Beate in den Tod geflüchtet war. Das Vergangene wurde Gegenwart, man sah, man fühlte die dämonisch wilden Mächte, die im Stnrinwind diese Seele mit sich fortgerissen hatten. Und mit gleicher Vollendung trat in dem Spiel die Wandlung, die sich leis und unablässig seit jenem Furchtbaren vollzogen, hervor, die Läuterung durch RoSmers reinen aber leben?- flüchtigen Sinn. Ebenbürtig stand Reicher, vor allem in den letzten Szenen, Irene Triesch zur Seite. In vollen, feierlich ergreifenden Akkorden, wie ein Triumphlied alles überwindender Liebe, tönte die Tragödie aus.— ck t. Notizen. — Von Eduard Fuchs' Prachtwerk„DieFrau in der Karikatur" sind die Lieferungen 2—7 erschienen. sMüuchen, Albert Langen.) Preis der Lieferung IM.— — Eine der nächsten Novitäten des Deutschen Theater? ist L e o G r c i n e r s Trauerspiel„Herzoge von Genua".— — Gustav Davis Komödie„Am anderen Ufer" hat bei der Uraufführung im Hoftheatcr zu Mannheim gefallen.— —„ M e r o e" heißt eine neue Tragödie von Wilhelm v. Scholz.— — Hirschfelds neues Lustspiel„ S p ä t f r ü h l i n g" ge- langt an, 10. Februar am B u r g t h e a t e r zur Uraufführung.— — Die Nachricht, der Münchener Maler Leo Putz sei irrsinnig geworden, hat sich als f a l s ch herausgestellt.— — Nach dem von der Hauptstation für Erdbebenforschung zu Ssiaßbnrg herausgegebenen Kataloge wurden im Jahre 1903 4769 Erdbeben bemerkt, die unniittelbar den nienschlichen Sinnen wahrnehmbar waren. Die meisten davon, 1732, fielen auf die Monate Januar bis März.— rc. Eine lustige Szene spielte sich dieser Tage vor einer Pariser Strafkannner ab. Ein Rechtsanwalt, der einen Weinfälscher zu verteidigen hatte, sagt in der Verteidigungsrede pathetisch:„Nein, mein Klient hat den Wein nicht gefälscht, sein Wein ist echt. Diese Rechnung hier beweist, daß er aus frischen Trauben hergestellt ist. Diese Rechnung ist gewissermaßen die Geburtsurkunde des Weines." „Haben Sie den Taufschein hier?" fragte der Präsident unter schallender Heiterkeit der Zuhörer.— � Verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LcCo.,Berlin L W.