Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 26. Mittwoch, den 7. Februar 1906 (Nachdruck verbslen.) 12] Der Kuppclbof, Roman von Alfred Bock. Bei �ümmerndem Abend begab sich der Soldat wieder cinf den Festplatz. Schon von weitem schallten ihm Gelächter und Gejanchze entgegen. Näher tretend gewahrte er den Kal- muck, der, die Militärmützc auf dem Kopf, sich in seiner Veteranenwürde fühlte und vor einer zahlreichen Zuhörer- schaft Kriegserlebnisse zum besten gab. Die Komik seines Vortrags entfesselte Stürme von Heiterkeit. „Ihr lacht, wo nix zu lachen is," ereiferte er sich.„Respekt vorm zweiten Regiment! Alleweil kommt die Schlacht bei Briare. Geb mir cmal eins ein Stück Papier." Man reichte ihm einen Fetzen dar. Den hielt er— zum Schein nur— vors Gesicht und deklamierte: „Es lvar am vierzehnten Tage im Monat Januar, Da scholl der Ruf:„Ihr Brüder, eilt schnell, uns droht Gefahr, Es heitzt, bis an die Loire der Feind uns schon umging, Auf, Brüder, nun zum Streite, wir sprengen heut den Ring." Mit festen, stolzen Worten Herr Leutnant Wagner spricht: „Seid mutig in dem 5rampf und tveicht dem Feinde nicht." Im Sturm mit Hurrarufen ging's längs der Bahn hinan, Man brach, gefärvt vom Blute, sich durch die Feinde Bahn. Die Reiter wie die Jäger, vom Feind in Haus bedroht, Sie haben fest gestanden und nicht gescheut den Tod. Der Oberst sprach:„Soldaten, Ihr habt Euch kühn geivebr«- Sonst wären wir gefangen vom Feinde und entehrt. So haben wir geschlagen uns durch mit grotzem Mut, Doch mancher lvar gefallen, sein Leichnam schivamm in Blut." Mit Briare ist's ein Ende, wohl dem, der es nicht kennt, Biel Not hat da gelitten das zweite Regiment!" „Bravo!" zollte man dem Redner Beifall. Dieser ver- neigte sich dankend nach allen Seiten. In diesem Augenblick bemerkte er den Allendörfcrmatz und tänzelte auf ihn zu. „Grüß Gott, Kamerad! Gibst Du was aus?" „Nee," wies ihn der Soldat schroff ab,„Du seist ja schon voll." „Ich voll?" „'Ja, wie'n Polack." „Die Sonne geht auf iiber Gute und Böse. Kamerad, Du hast einen Sonnenstich." „Mach, daß Du fortkonimst!" „Gib was aus, Kamerad, tind ich bin Dein Freund." „Dadrauf könnt ich mir was einbilden!" „Dein Vater is doch auch net so und läßt sich gehörig melken." „Halt Dein Maul!" „Ja, wenn ich einmal die Maulsperr Hab. Allo! Geb was aus, Kamerad." „'n Dreck für Dich, Du Vagabond!" Der Kalmuck wandte sich an die Umstehenden: „Seht Jhr's, Ihr Leut, so zwitschern die Kanarien- Vögel"). Und sein auch im Feldzug so geWest. Da könnt eins Hungers sterben, die gaben ums Verrecken nix her." Der Matz ließ den Schimpf nicht auf sich sitzen. „Noch ein Wort, und Du kriegst ein in die Fratz!" schrie er mit schäumender Lippe. Der Kalmuck hob sich auf die Fußspitzen und wippte hiw und her. „Was wahr is, is wahr. Und fällt kein Dibbelche*") weg. Den Spaziergang auf meiner Fratz möcht ich mir übrigens verbitten. Pack Dich an Deiner Nas', da hast Du Fleisch und Knochen." „Wart, ich hclf Dir, Du Mißgeburt!" Wupp! traf den Kalmuck ein Schlag, daß er rücklings zu Boden fiel. Aus dem Zuschauerkreis sprang jemand vor und stellte sich dem Matz entgegen. Der lachte aus. „Geißbock Du? Gelle, sie haben Dich lang net gebügelt?" *) Die Soldaten des 117. Hessischen Infanterieregiments werden wegen ihrer gelben Patten und Achselklappen spotttveise „Kanarienvögel" genannt. **) Tüpfel. Den schmächtigen Körper straff aufgerichtet, die Fingev zum Angriff gekrümmt, stößt der Fried heraus:„Erbgrind, der Du seist!" Die Gaffer rings weiche» zurück. Stimmen werden laut:„Tut sie auseinander. Die sollen uns net das Fest verschennen." Es war' zu spät. Schon hatten sich die Rivalen gepackt, Mit�einer Gewandtheit, die ihm keiner zugetraut hätte, faßte der Fried das Seitengewehr des Matz, riß es aus der Scheide und schleuderte es fort. Eine Weile hielten sie sich regungs- los umschlungen und belauerten einander mit weit aus den Höhlen getretenen Augen, wer sich zuerst eine Blöße gäbe, Jetzt schwankten sie hin und her, eine kompakte Masse, Die Erbitterung lieh dem Fried unglaubliche Kräfte. Er schien seinem Gegirer völlig gewachsen. Plötzlich gelang es dein Matz, den Uirtergriff zu bekomme». Der Schneider wehrte sich verzweifelt, allein sein Schicksal war besiegelt. Er stürzte und zog den Matz mit nieder. Dieser bohrte ihm die Faust ins Gesicht. Gleich floß das Blut in Strömen. Das alles hatte sich in wenigen Minuten abgespielt, doch war die Kunde von der Schlägerei rasch in die Fesihalle gedrungen. Viele verließen ihre Plätze, den Spektakel nicht zu versäumen. Der Dotzheimer und der Hannpeter schlössen sich den Schaulustigen an. Als sie auf den Kampfplatz kamen, war der Streit bereits entschieden. Da geschah etwas, dessen sich niemand versah. Irgendwer hatte der Marian» die Hiobspost überbracht, daß der Schneider in seinem Blute liege. Mit einem Schrei des Entsetzens stürzt sie fort, durch- bricht die Menge, die den bewußtlosen Fried unidrängt und wirft sich jammernd neben ihm nieder. „Fried, lieber Fried!" Sie richtet seinen Kopf empor und versucht mit ihrem Schnupftuch das aus Mund und Nase quellende Blut zu stillen. Da er sich nicht rührt, ruft sie mit herzzerreißender Stimme:„He vcrblut sich. Um Gottes willen, helft, Ihr Leut!" Die Menschen sind wie vom Donner gerührt. Erst all- mählich weicht die Erstarrung von ihnen. Einer raunt dem anderen zu:„Wißt ihr's denn net? Der Geißbock is ihr Schatz. So'n reich Mädchen! Und schämt sich net." Mit den Ellbogen schafft sich der Dotzheimer Platz. Vor seinen Augen züngeln Flammen. Ein rasender Schmerz droht ihm die Brust zu sprengen. All seine Gedanken fluten in einen zusammen:„Wann du die Schand nur zudecken könntst!" Nun steht er an seiner Tochter Seite und reißt sie init einem Ruck in die Höhe. „Bei mich gehörst Du, Du schlecht Mensch!" Sie wendet ihm ihr leichenblasses Antlitz zu. „Und wann Du mich totschmeißt, Vater, ich bleib hier!"' — Er schüttelt sie, daß man glaubt ihr müssen gleich die Glieder brechen. „Her, Du Trompel!" Er bietet all seine Kräfte auf, doch bringt er sie nicht von der Stelle. Da komint ihm der Hannpeter zu Hiilse, und selbzweit zerren sie mit Gewalt das Mädchen fort. Rechts und links bildet die Menge Spalier. Niemand wagt sich ins Mittel zu legen. Der Vater allein ist Nichter über sein Kind.— Eine Strecke am Boden hingcschlcift, gibt die Mariann ihren Widerstand auf. „Großen Dank, Nachbar!" schnauft der Dotzheimer, triefend von Schweiß. Auf seine Tochter deutend, setzt er hinzu:„Die geht etz von allein." Ein paar Schritte tut er vorwärts, dann dreht er sich» noch einmal um.... „Nachbar! Wann Du den Karges siehst: mit seinem Bub. dem Matz, is mir's recht. Für den Fall he morn noch Urlaub hat, können wir die Brait gleich machen." „'s is gut," spricht der Hannpeter mit geheuchelter Ruhe und niacht sich spornstreichs vovon. dein Karges die Freuden» botschaft zu bringen. 10. Unter Aufsicht des alten Bickelmeier, der sich des Fried angenommen hatte, wurde der blutrünstig Geschlagene von zwei Burschen auf eine Tragbahre gelegt und in das Häuschen seiner Mutter geschafft. Diese schrie laut auf, als die Männer mit ihrer Last über die Schwelle traten. Ter Bickelmeier teilte ihr mit, was vorgefallen war. Ter Fried sei unter- Wegs schon wieder munter geworden. Er habe ziemlich Blut verloren, das habe ihn ein bißchen geschwächt. Heutzutage mache man so viel Aufhebens davon, wenn einer mal was abkriege. Früher habe man sich ein Fest nicht denken können ohne eine mordsmäßige Schlägerei. Die Blessur des Fried habe nichts zu bedeuten. Also beruhigte er die Horlig, half ihr den Patienten ent- kleiden und betten. Dann legte er Zunder aus die Wunden und murmelte vor sich hin:..Blute nicht, gäre nicht, schwäre nicht. Liebster Jesu, heile es mit deiner Krast. Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen!" lgortsetzung folgt. x (Nachdruck verdoten.) Die Ouvertüre. Burleske von Karl Ettlinger. Fritz Frank Lenikoff hatte eine Ouvertüre geschrieben: die Ouvertüre zu„Der König und der Marabu", einem Drama seines Freundes Tippel. Da das Stück nur fünf Akte hatte und deshalb bei den heutigen Theatcrprcisen nicht der Zeitdauer entsprach, die ein Logenbesucher für sechs Mark inklusive Billettsteuer beanspruchen kann, hatte Fritz Frank eine Ouvertüre hinzugedichtet. Sie war fünfzehn Minuten lang und hochmodern. Es kamen zwei selbst- erfundene Instrumente mit niedagewesenen Klangwirkungen darin vor, eine Kantilcne im Lalle-wallc-Rhythmus für klauto solo mit Waldhornbegleitung, sowie ein Marschquartett, bestehend aus Posaune, Brummbaß, Fagott und Triangel. Obwohl diese neuen, eigenartigen Klangwirkungen im Klavierauszug nicht zur Geltung kommen konnten, hatte sich Fritz Frank doch entschlossen, seinen Freunden das Werk auf dem Flügel vorzuspielen. Er hatte also einen musikalischen Bierabend arrangiert, zu dem er seine sieben Busenfreunde— Fritz Frank hatte natürlich keine sieben Busen, sondern nur so viel Freunde— eingeladen hatte. Die Ouvertüre zu„Ter König und der Marabu" war vor- über.„Ausgezeichnet!" lautete das einstimmige Urteil.„Aus- gezeichnet, Fritz! Prost!" Und die sieben Busenfreunde tranken auf seine Zukunft und seine Zukünftige. Während die anderen Sechse zwei Skatpartien arrangierten, nahm Fritz Frank seinen Busenfreund Adolf beiseite. „Wie gefällt Dir eigentlich meine Ouvertüre?" fragte er harmlos. „Großartig! Ich hätte Dir so was nicht zugetraut, aber—" „Aber?" „Richard Wagner sagt einmal!: Die einzige Form der Musik ist die Melodie. Ich halte Wagner nicht für unfehlbar. Gott be- wahre! Ter Tristan ist zum Beispiel viel zu lang und der Parzival viel zu kurz. Notabene Parzival— findest Du nicht, daß Dein Marschthema einige Aehulichkeit mit dem Marsch der Grals- rittcr hat?" „Aber erlaube mal—" „Tu brauchst Dich deshalb nicht aufzuregen, es kani mir nur so vor. Ich kann mich ja auch irren. Jedenfalls ist Deine Ouvertüre eine starke Talcntprobe, zu der ich Dir gratuliere! Nichts für ungut! Alter Junge!" „Theodor!" sagte eine Biertelstunde später Fritz Frank zu seinem zweiten Siebtel Busenfreund.„Sag' mir mal offen Deine Meinung über meine Ouvertüre!" Theodor hatte schon eine Mark siebzig im Skat gewonnen und war daher sehr guter Laune. „Deine Ouvertüre?— Mein Kompliment! Ganz reizend! Tatsache! Aber—" „Aber?" „Wie sagt doch Wilhelm Busch? Musik wird oft nicht schön gefunden, Weil sie stets mit Geräusch verbunden. Du bist ein bißchen zu scharf ins Zeug gegangen. Vielleicht hat auch nur Dein Flügel einen so harten Ton. Weißt Du, Radau läßt man ficl» schließlich bei Richard Strauß gefallen. Uebrigens kennst Du sein„Heldenlcbcn?" Dein Marschquartctt klingt ver- flucht an die eine Stelle an." „Welche Stelle?" „Ich hab's jetzt nicht mehr im Kopf. Ich würde das aber an Deiner Stelle ändern. Fällt Dir ja sicher bei Deinem Genie nicht schlver! Aber ich muß weiter spielen, die anderen werden schon wild. Also nichts für ungut, und die Stelle mußt Du unbedingt Andern! Nicht wahr?" „Aeh, Iväs ich sagen! rollte." kam Georg auf den gefeierte!, Komponisten zu.»Tu hast mich unrtlich heute Abend aufs angenehmste durch Deine Ouvertüre überrascht. Bist ein ganzer Kerl! Mit Dir mutz man sich halten, Du hast eine Zukunft!" „So, hat Dir mein bescheidener Versuch gefallen?" fragte Fritz Frank freudestrahlend. „Gefallen ist gar kein Ausdruck! Ich bin platt, begeistert, ver, zückt! Aber—" „Aber?" »Ten Ausschlag gibt immer die Harmonie." sagte einmal Schumann. Ich weiß nicht mehr wo, übrigens kann's auch Beethoven gesagt haben.— Weißt Du. über Beethoven geht doch nichts. Seine C-moII-Sinsonie, das ist Musik, was? Ist es Dir, nebenbei bemerkt, nicht aufgefallen, daß Dein Marschquartett dem Thema des Schlußsatzes zum Verwechseln ähnlich sieht? Ich wollte Dich nicht im Spiel unterbrechen, aber ich halte es doch für meine Frcundespflicht, Dich hierauf aufmerksam zu machen. Es wäre schade, wenn die Ouvertüre, die sonst wirklich famos ist— ohne Schmeichelei— deswegen durchfiele. Du nimmst mir doch meine Aufrichtigkeit nicht übel?" „Durchaus nicht, durchaus nicht!" stotterte Fritz Frank, „aber.... laß Dich nicht im Skat stören!" Und er geleitete ihn an seinen Platz zurück. „Donnerwetter, sollte mein Marsch wirklich aus der fünften Sinfonie sein?" dachte er und summte das Thema vor sich hin. „La— la— la— la-- Quatsch! Auch nicht die Spur von einer Aehnlichkeit! Was die Kerle nur wollen! Kretins! Aber an den Gesang der Rheintöchter klingt etwas an. Natürlich— la— la— la— oder vielmehr an die Arie der Lukrezia Borgia— la— la— la—" „Mensch, höre auf zu la-enl" unterbrach Roberts Stimme feine Betrachtungen.„Ein Komponist wie Du hat es wahrlich nicht nötig, sich dem Stumpfsinn zu ergeben. Ich mach« prinzipiell keine Komplimente, aber wenn Deine Ouvertüre keinen Bombenerfolg hat, dann hat überhaupt nichts mehr Erfolg. Wenn es nicht schon so spät wäre, würde ich Dich bitten, sie noch einmal zu spielen. Ich wollte Dich nämlich auf etwas aufmerksam machen." „Ich weiß schon," entsetzte sich Fritz Frank,„Schubert sagt einmal—" „Wer spricht von Schubert!" unterbrach ihn Robert.— „Kennst Du die Schriften von Rubinstein?— Ich kenne sie offen gestanden auch nicht. Aber er hat einmal ein reizendes Bomnot über Mozart geprägt. Bonmot ist vielleicht nicht der richtige Aus- druck. Er ruft nämlich aus:„Ewiger Sonnenschein in der Musik, dein Name ist Mozart." „Und mit was hat also mein Marschquartctt Aehnlichkeit?" schnaubte Fritz Frank, bebend vor Erregung. „Da Du selbst die Empfindung hast, als wäre es nicht ganz Original, kann ich Dir's ja ungeniert sagen: Dein Marschquartett ist eigentlich nichts, als eine geistreiche Variation über das Lied d«S Cherribin aus„Figoro"..." „Hinaus II" brüllte Fritz Frank plötzlich.„Die ganze Bande hinaus!" „Wie beliebt?" fragten die Skatspieler unisono. „Hinaus, sage ich! Ich habe Kopfkrämpf«! Ich mutz allein sein! Hinaus!" „Dann latz uns wenigstens die Partie zu Ende spielen l" gröhlte Adolf. „Spielt auf Beethovens Bude, aber nicht auf meiner!" tobte Fritz Frank.„Ich will allein sein! Versteht Ihr kein Deutsch? Drei Minuten später satz Fritz Frank allein vor scmcm Flügel und trommelte sein Marschquartett. Dann lictz er kraftlos die Hände von den Tasten sinken. „Es ist aus Mciicrbeers Afrikancrin," sprach er dumpf zu sich, „Vasco de Gama singt es im ersten Akt oder nein— eigentlich scheint es das Lied des Eremiten aus dem„Freischütz" zu sein..., Möglicherweise erinnert es auch an den Meistersingcrmarsch— lalala— la— la-- Herrgott! l Daß ich nicht früher darauf kam! Das ist ja faktisch aus der„Schönen Helena"— oder—> sollte mich die„Szene am Bach" aus der Pastoral-Sinfome be- einflußt haben?" Fritz Frank hatte plötzlich das Gefühl, als griffe ihm eine eiserne Faust nach der Kehle; er rang nach Atem; er wollte schreien, aber seine Kräfte versagten. Mit einem dumpfen Knall siel er vom Klavierstuhl zu Boden: eine wohltätige Ohnmacht umfing seinen Geist..... Datz daS Marschquartctt Ton für Ton Schumanns„Kreis- leriana" entnommen war, hat er nie erfahren.— (Nachdruck Dti-bofcn.) Verstellung von Tapeten-Druckwalzen auf pbotochairircbcm Alege. Die große Vorliebe des kaufenden Publikums für stossartige Tapeten, mögen sie nun aus Gobelin-, Seiden- oder Vclourstapeten auftreten, hat die Fähigkeit der Tapeteuzeichner in der Nachbildung von Textilmustern in hohem Maße gesteigert. Doch die eigen-- artige Textur der versÄstcdcnartigen«toffe vermochten sie weder mit dem Stift, noch mit Pinsel und Farben getreu wiederzugeben. Man mußte sich zur Erziclung des Stoffeffcktes ganz anderer Hülfs- mittel(der velourZartigcn Papiere, der Gaufrierwalzen, des Woll- ftaubes usw.) bedienen, und nicht selten wurde der Esfelt des Vor- bilde» derart übertrieben, daß das Surrogat sich aufdringlich als das repräsentierte, was es in Wahrheit ist, ein gewaltsam in Stoff- struktur ausgeprägtes und mit Tuchstaub überklebte» Papier. Es liegt im Grunde ziemlich nahe, dem Verlangen nach stosf- artigen Tapeten durch Reproduktion von Geweben und Stickereien aus photographischem Wege gerecht zu werden. Toch die Lösung dieser Aufgabe war nicht so einfach. Es ist wohl leicht einzusehen, daß die für den Jllustrationsdruck angewendeten photomcchanischcn Verfahren sich auch auf den Tapetendruck übertragen lassen, doch waren ganz außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden. Da» Buchilischee bildet ein abgeschlossenes Bild, beim Tapctendruck aber handelt es sich um ein fortlaufendes Muster, das in allen Teilen völlig gleichmäßig ausfallen soll. Sodann mußte das Muster völlig korrekt auf die Zylinderfläche der Druckwalze gebracht werden, da es den in der Tapetenfabrikation gebräuchlichen Typ der Walzen- druckmaschine ohne wesentliche Aenderung anzuwenden galt. Das photomechanische Verfahren verlangt nun vor allen Dingen Bronze- oder Kupferwalzen, und es gelang auch, für diesen Zweck völlig nahtlose Metallröhren zu gewinnen. Aber nun entstand die Schwierigkeit, diese als Druckwalzcn mit einer für den Photo- mechanischen Prozeß erforderlichen gleichmäßigen, lichtempfindlichen Schicht zu bedecken. Nachdem auch diese Aufgabe glücklich gelöst war, galt es noch besonderen Forderungen der Tapetenfabrikanten gerecht zu werden. Wird die das Negativ bildende dünne Folie von der photographischcn Platte abgezogen und um die präparierte Walze herumgclegt, damit das Licht durch das Negativ hindurch auf die lichtempfindliche Schicht wirke, so kann das Muster nur dann in allen Teilen völlig gleich- mäßig ausfallen, wenn die für den Walzenumfang erforderlichen Folien in allen Teilen von gleichem„Lichtwert" sind. Das Licht soll also mit gleicher Stärke durch alle Punkte der Folie hindurch- dringen, soweit dies eben das betreffende Muster verlangt. Bei den abgegrenzten Bildern des Jllustrationsklischees spielte der ver- schiedcue Lichtwert der Folien gar keine Rolle. Hier aber, wo das Muster auf den Umfang einer Walze und durch diese in vielfacher Wiederholung auf das Tapeteubaud gebracht wird, würde sich der verschiedene Lichtwcrt der einzelnen Folienblätter auf der Tapete in Form abgegrenzter hellerer und dunklerer Partien abzeichnen. Der Graphischen Gesellschaft in Berlin, welche derartige Walzen für die Tapetenindustric auf den Markt brachte, gelang es nach vielen Experimenten, durch gleichmäßige Lichtverteilung völlig gleich- wcrtige Folien für den ganzen Walzenumfang zu erzielen. Die Graphische Gesellschaft arbeitet nach den Patenten Dr. Mertens, während eine zweite Firma, Jean Hiedemann in Köln, die Walzen nach den Patenten von E. Rolffs herstellt. Die Ver- fahren mögen sich wesentlich unterscheiden, die Grundprinzipien stimmen aber jedenfalls überein. Ganz wunderbar ist es nun zu sehen, wie außerordentlich mannigfache Stoff-Effekte durch das photochemische Verfahren er- reicht werden können. Textilstoffe, die niemandem für die Tapeten- Fabrikation geeignet erscheinen dürften, sind in entsprechender photographischer Vergrößerung oder Verkleinerung von ganz be- stechender Wirkung. Ja vielfach wird die Zeichnung dieser Stoffe zur Nebensache, die Textur zum Haupteffckt des Musters. Die Tätigkeit des Zeichners wird aber durch das neue Verfahren keines- Wegs ausgeschaltet. Sofern die Zeichnungen nur dem neuen Zwecke angepaßt sind, lassen sie sich gleichfalls auf photochemischem Wege auf die Walze bringen. In schwarzer Tusche ausgeführte Zeich- Hungen können aber mit jedem Textil-Dessin kombiniert werden. Das kann sowohl durch Herstellung der Zeichnung auf einem Textil- stosf, wie auch durch Kombinalion de» Textilproduktcs mit dem Eni- Wurf auf photographischem Wege erfolgen. Ich habe überaus reiz- volle Arbeiten dieser Art gesehen— Kombinationen von Zeichnungen mit Tüll, Seide, Jute usw. Auch wird die natürliche Struttur der verschiedenen Hölzer durch das photochemische Verfahren auf das getreuste reproduziert. Zeichner, die sich in den Dienst dieser Technik stellen, müssen allerdings auch den neuen Ansprüchen gerecht zu werden streben. Das neue Verfahren liefert geätzte Mctallwalzcn, die alle Details getreu wiedergeben und zur Erzielung feiner Detail» besonders geeignet sind. Hier kann man gerade durch die feine Ab- tönung der Flächen, durch sorgfältige Detaillierung die schönste» Wirkungen hervorrufen. Durch Farbenkontraste kann uns der Zeichner in diesem Falle nicht gewinnen; die Zeichnungen müssen vielmehr in schwarzer chinesischer Tusche bester Qualität auf weißem, glanzlosem Papier ausgeführt werden. Der Tapetenzcichner muß also nun wie in der Illustration Licht und Schatten wie alle Zwischentöne allein mit schwarzer Tusche auszudrücken verstehen. Eine eingehende Schilderung des photochcmischen Verfahrens darf ich mir ersparen, da dasselbe im wesentlichen mit der Her- ftcllung der Buchklischces, der Stellvertreter des Holzschnittes, über- einstimmt. Das Verfahren besteht im wesentlichen darin, daß alle Partien des mittels Negativ auf die Metallflächc übertragenen Bildes durch ein Deckmittel gegen die Actzflüssigkeit geschützt werden. fodatz alle zum Bilde gehörige» Striche und Punkte erhaben über dem ticfgeätztcn Mctallgrunde stehen bleiben. Nachdem da» Licht auf die lichtempfindliche Schicht der Walze eingewirkt, also das Kopicrverfahren beendet ist, kommt die Walze in das EntwickelungS, bad und wird dann, wie jedes Buchklischec, geätzt und angedruckt.—* Fred Ho od. Klcince feulüeton. h. Voltsgärten und öffentliche Anlage». Me Lungen der Groß- städte— so hat man, und nicht mit Unrecht, die Voltsgärtcn und öffentlichen Anlagen genannt— stehen in den verschiedenen Orte» in einem wechselnden Verhältnis zu der bebauten Fläche. Wie dieses Verhältnis sein müßte, um in jeden, Falle die günstigste hygienische Wirkung herbeizuführen, würde von Fall zu Fall zu prüfen sein. Es spricht hierbei vor allen Dingen die Oertlichkeit mit; die Größe dee Stadt, die Dichtigkeit ihrer Bevölkerung, ihre industriellen Betriebe. da» klimatische Verhältnis, die Höhenlage, die Bodengestaltimg, daS sind einige weitere Faktoren, die berücksichtigt sein wollen. Ein lleberblick über das vorhandene Verhältnis zwischen de» Gesamtfläche der Städte und der Fläche ihrer öffentlichen Anlagen zeigt, daß im allgemeinen die kleineren Städte in dieser Beziehung besser dastehen als die Großstädte. Eine sich mit dieser Angelegen» heit beschäftigende Statistik, welche einige 60 der bedeutendste» Städte Deutschlands umfaßte, ergibt imr für vereinzelte Großstädte ein gimstige» Resultat. Bei Rostock, Frankfurt a. M. und Köln steigen die Verhältniszahlen der öffentliche» Anlagen bis zu ö2 Proz.; im allgemeinen bewegt sich das Verhältnis zwischen der Größe der öffentlichen An- lagen und der Gesamtgrundfläche zwischen 1 und 10 Proz. Da an- zunehmen ist, daß die Stadtverwaltungen namentlich bei Stadt» erweiterungen möglichst günstige Verhältnisse i» dieser Beziehung anstreben, ohne mit Grund und Boden zu verschwenderisch um- zugehen, damit das Weichbild nicht ins llngemessene wächst, scheint die Zahl von 3 Proz. der Gesamtfläche als eine Normalzahl sich allmählich herauszubilden. Bei Berlin ergibt sich beispielsweise 5,8 Proz. Zu bedenken ist hierbei jedoch, daß die Statistik als bebauta Fkäckie auch die zu Wohnhäusern zählenden Gärten sowie die für die Bebauung vorgesehenen Parzellen mit einrechnet. Das Ver- hältnis wird also zugunsten der„Lungen" ein etwas größeres sein. als es die Statistik tatsächlich nennt. Die dieser Art zur bebauten Fläche gerechneten Ländereien sinb in den verschiedenen Städten natürlich wieder sehr verschieden, so daß mit der Statislik nicht allzuviel anzufangen ist. Lediglich daS eine beweist sie, daß es eine Möglichkeit giebt, die VerhältniSzahl der öffentlichen Anlagen recht groß zu gestalten. Wertvoller ist schon eine Statistik, welche den Flächeninhalt der öffentlichen Anlagen und Volksgärten aus die Ein- wohnerzahl verteilt, und zwar deshalb, weil das Ver- hältnis zwischen Stadtumfang und Dichtigkeit der Be- völkerung nicht in allen Städten dasselbe ist. In dieser Beziehung steht Frankfurt a. M. obenan, Ivo ans den Kopf der Be- völkerung 122,03 Quadratmeter öffentliche Anlagen komme». CS folgen dann Hagen i.W. mit 64,41, Wiesbaden mit 33,00, Augsburg mit 41,61 und Rostock mit 33,26 Quadratmeter pro Kopf. Dann geht es gleich herunter auf 17,93 und darunter. Wenn wir die genannten fünf Städte unberücksichtigt lassen, so ergibt sich als Mittel fiir die übrigen Städte 5,33 Quadratmeter, eine gewiß recht bescheidene Zahl. Wenn wir mm die größten Städte betrachten, so sehen wir, daß hier die Verhältniszahl oft noch ivesent- lich unter dem Mittel steht; so gewähren Berlin und Hamburg nur je 1,98, Nürnberg 1,69, Stettin 1,28, Hannover 3,82, Leipzig 4,50 und Dresden 4,09 Quadratmeter pro Kopf. Lediglich München er- hebt sich mit 13,32 Quadratmeter wesentlich über das Mittel.— — Ucbcr einen grosic» Münzftrnd in Jlatiz in der Schweiz be» richtet der..Bund": Im Oktober 1904 wurde beim Bau der Straße Jlanz— Raschein im Bündner Oberland unter der Ruine„Grüneck'' ein höchst wertvoller Münzfund gemacht. Tie Münzen sind vom Rätischcn Museum in Ehur erworben worden. In der letzten Sitzung der bündnerischcn historisch-antiquarischcn Gesellschaft hielt Stadt, archivar F. Jecklin von Ehur einen interessanten Vortrag über; diesen Fund, worin er u. a. Folgende» ausführte: Ungefähr an der, selben Fundstelle ist schon 1811 ein Münzfund gemacht worden, dessen Stücke in die Zeit von 830— 900 gehören. Unterhalb des Burg» Hügels Grüneck führte einst die alle Rcichsstraße vorbei, und von dieser zweigte ein Fußweg durch die Felspartie des Hügels ab. Dieser Fußweg führt zunächst auf ein Rascnplätzchen, das senkrecht ob der Fundstelle, etwa zehn Meter hoch liegt. Es ist nun anzu, nehmen, daß jemand beim Aufstieg zur Burg auf dem unterhalb! dieser liegenden Rasenplätzchcn die heutigen Fundgcge.istände nieder, legte oder vergrub»»d diese dann in der Folge i» die Fclospalte hiniinterrutschten, die durch die Sprengung geöffnet wurde. Die 113 Münzen sind zum Teil golden-silbcrn, zum Teil silbern. Zirka 30 sind geprägt vom Longobardentönig DcsidcriuS, 9 von Pipin, 32 von Karl dem Großen, 1 von Paladinen Karls, 2 von angel» sächsischen Königen, 2 von arabische» Kalifen. Die Münzen KarlS des Großen sind zum Teil i» italienischen zum Teil in fränkischen Städten geprägt.(Eine in Ehur.) Einzelne tragen die Jahres« zahl 774. 773/74 führte Karl der Große Krieg mit de» Longo, bürden, deren Reich wurde vernichtet, die«tädte geplündert rmti auch der longobardischc Kriegsschatz erbeutet. Die Beute wurde zum Teil, wie wir wissen, an die Krieger KaÄ» verteilt. AuD dieser Zeit stammt ein Teil der gefundenen Münzen: viele tragen völlig frische Prägung. Es ist nun anzunehmen, dah der Fund den Sold oder die Beute.ines fränkischen Kriegers bildete, der auf dem Heimweg aus Italien in Grüneck einkehrte. Diese Burg gehörte dem Kloster Disentis und es ist wahrscheinlich, datz sie für das.Kloster die reisenden kaiserlichen Leute aufnehmen und bewirten und eventuell geleiten muhte; ähnliche Verpflichtungen des Klosters Reichenau und seiner Besitzungen sind aus Urkunden bekannt. Es ist nun also möglich, dah ein heimkehrender Krieger Karls im Jahre T7ö die Münzen auf dem erwähnten Rasenplatz zurücklieh. Ein Gcfäh des Fundes ist nicht nachzuweisen. Ein- zelne Münzen und Schmuckobjekte sind beschädigt. Die Analyse des Prof. Nuhberger hat ergeben, dah der M'etallgehalt der Münzen jnit dem anderer Münzen jener Zeit übereinstimmt. Die goldenen enthalten 33 bis 41 v. H. Gold, bö bis 63 v. H. Silber, das übrige Kupfer. Der gefundene Goldschmuck besteht aus zwei kunstvollen grohcn Ohrringen(Körbchenform), zwei Ringen, ein Fibelfragnient und so weiter; die Arbeit ist longobardisch. An zwei Klümpchen geschmolzenen Goldes ist nichts weiter zu erkennen.— — Ein Schildbürgerstreich der Regierung und Volksvertretung der argentinischen Provinz Buenos Aires wird im letzten Hefte der „Zeitschrift für Gewässerkunde"(Dresden, Bacnsch) erzählt. Im Jahre 1W4 hatten die gesetzgebenden Körperschaften der Provinz Buenos Aires beschlossen, zum Vorteil des Getrcidehandels einen Schiffahrtskanal von Max Ehiquita bis Baradero z» bauen. Mit langen Vorarbeiten und Nachprüfungen hielt man sich nicht auf. Am 12. Oktober 1905 begannen die Erdarbeiten unter amtlicher Leitung des Ingenieurs Emilis Candiani, der die einzelnen Kanal- abschnitte an grohe Unternehmer, auch europäische, ablieh. Der Bau wurde für südamerikanische Verhältnisse ganz ungewöhnlick kräftig gefördert, so dah jetzt schon 40 Kilometer„gebrauchsfähig" aufgeschüttet sind, und selbst ein 100 Meter langer und 20 Meter- breiter„Hafen" an der Stadt Junion fertiggestellt worden ist. Selbstverständlich bemächtigte sich die Grundstücksspekulation sofort der Gelände an dieser neuen Verkehrsader, die den sehr teueren Eisenbahnen zweckmähigen Wettbewerb mache» sollte. Soweit wäre alles in bester Ordnung gewesen! Aber es fiel einem am Kanal- bau tätigen europäischen Ingenieur ein, der Frage näherzutreten, von wo eigentlich der„Nervus rcrum" des Kanals, das Wasser, kommen sollte. Und siehe da! In den Vorstudien fand sich darüber nichts! Der Herr Oberingenieur hatte auf die„Wafferfülle" gc- tvisscr Lagunen und Bächlein gerechnet, die den gröhten Teil des Jahres fast ganz trocken daliegen. Diese verblüffende Entdeckung schmetterte die Staatsvcrtretcr der Provinz Buenos Aires ein wenig nieder. Man riet hin und her, wie man sich aus dieser üblen und kostspieligen Geschichte ziehen könnte. Und da schlug nun der weise Oberingenieur Eandiani vor, es einmal mit einer Tiefer- legung des Kanals um IVj Meter zu versuchen. Das dann zutage tretende Grundwasser mühte genügen, um jährlich den Kanal niit einer Wassermenge von 2,0 Millionen Raummeter auf den Kilometer speisen zu können. Obwohl sehr zuständige Wasserbauingenieure diesen Vorschlag als töricht bezeichnet haben, ist man jetzt mit kost- spieligen Vorstudien für den Vorschlag des Ingenieurs Eandiani beschäftigt, um wenigstens vom Kanalbau noch so viel herauSzu- schlagen, wie nur irgend geht.— Völkerkunde. — Die Colorados-Jndianer sind Gegenstand einer Abhandlung, die Dr. R i v e t, der Arzt der französischen Grad- mestungskommission in Ecuador, in einer französischen Fachschrift veröffentlichte. Der Besuch bei den Colorados fand im August 1903 statt. Der Stamm, der etwa 150 Kilometer Ivestlich von Quito in der Umgebung des Dorfes Santo Domingo im Urwald des Küstengebietes wohnt, ivar bisher sehr wenig bekannt, nur seine Sprache war Gegenstand einer Abhandlung von Eduard Seler auf Grund der von Wolf und Martinez gesammelten Vokabulare. Aus den von Rivet ermittelten Tatsachen teilt der ., Globus"(Braunschweig. Friedrich Vieweg u. Sohn) folgendes mit: Im Gegensatz zur Jnkasprache, die für die Benennung der verschiedenen Verwandtschaftsgrade reich an Ausdrücken ist, hat die Sprache der Colorados ein besonderes Wort nur für die Ver- wandtschaft ersten und zweiten Grades. Die männlichen Kinder erhalten den Familiennamen des Vaters, die weiblichen aber den der Mutter. Traditionen gibt es nicht, die Erinnerung an die Vergangenheit reicht nicht weit zurück. Vom Quichua ist die Sprache ganz verschieden, vielmehr scheint sie ein Dialekt der Eayapasprache zu sein. Die Vornamen sind spanisch. Ihren Namen haben diese Indianer von der Bemalung ihres Körpers. Hierzu wird besonders die Achiote(Bixa Ordlana) verwendet, deren frischer Same eine schöne rote Farbe gibt. Eine schwarze Farbe, Mali, wird ebenfalls aus der Frucht eines Baumes gewonnen, den Rivet jedoch nicht feststellen konnte. Man bemalt sich bei fest- lichen Gelegenheiten oder ans Eitelkeit. Die Ohren werden nicht durchbohrt, wohl aber bei den Männern mit Eintritt der Pubertät der rechte Nasenflügel. Deformation des Eckstidels kommt vor, die Sitte scheint aber im Schwinden zu sein; neben Kindern mit abgeplattetem Schädel fand Rivet auch solche ohne jede Deformation. Die Felder einer Familie liegen im Walde verstreut und werden nach Bedarf nacheinander mit Kakao. Bananen und Zuckerrohr bebaut. Von Musikinstrumenten erwähnt Rivet zuerst eine 1,8 Meter lange und 0,30 Meter breite kahnartige Marimba, die mit den Enden am Dach der Hütte aufgehängt ist und init zlvei Stäbchen, die eine Kantschukkugel tragen, gespielt wird; dann eine Geige mit drei Saiten und eine Flöte. Zu den Haustieren gc- hören der Hund, Hühner und Schweine. Ein berauschendes, aber wenig alkoholhaltiges Getränk wird aus Zuckerrohr gewonnen, doch erliegen oie Indianer ihrer Leidenschaft für die mit europäischen Hülfsmitteln hergestellten berauschenden Getränke. Neben dem Feldbau dienen Jagd und Fischerei dem Lebensunterhalt. Be- fonders geschickt ist man in der Verwendung des Blasrohrs. Stellenweise sollen noch Pfeil und Bogen in Gebrauch sein. Die Pfeile werden vergiftet; das Gift heisst Chihuila und wird aus einem Baume durch Einritzen gewonnen. Die Lanze scheint un- bekannt zu sein. Auf der Jagd werden zum Anlocken der Tiere deren Stimmen nachgeahmt. Die Stellung der Frau ist Verhältnis- mästig hoch. Die Entbindung ist leicht, die Fruchtbarkeit nicht gross. Witwen und Witwer verheiraten sich wieder sehr schnell. Fieber, Dysenterie und Trunksucht bewirken, dah ein hohes Alter selten erreicht wird. Rivet hat dort auch eine Schlafkrankheit beobachtet. Von den Becrdigungsgebräuchcn ist folgendes zu erwähnen: Der Tote wird im Hause begraben und über dem Grab eine kleine Hütte errichtet. Eine Schnur wird dabei um den Leichnam ge- bunden und mit dem anderen Ende am Dach befestigt. An ihr soll die Seele entweichen. Wenn man an der Schnur zieht und sie reiht, so ist das ein Zeichen dafür, dah die Seele entwichen ist. Nach der Beerdigung wird das Haus verlassen, doch läht man am Grabe einige Lebensmittel und angezündete Kerzen zurück. Dem Namen nach sind die Colorados Christen. Weltliche und auch geistliche Gewalt wird von einem gewählten„Gouverneur" aus- geübt.— Humoristisches. — Kompliment. Junger Arzt(der eine reiche Patientin geheiratet hat):„Also Du hast es von vornherein auf mich ab- gesehen gehabt. Schelmin, und krank warst Du gar nicht? Frau:„Gott bewahre.... sonst wäre ich doch zu einem anderen Arzt gegangen!"— — Bewiesen.„Hat sich der X. in seinem neuen Wohnort schon eingewöhnt?" „O ja, er hat dort schon— fünfhundert Mark Schulden!"— — Im Examen. Professor der Literatur- geschichte:„Nennen Sie mir ein Volkslied, das Ihnen so recht aus der Seele gesprochen." Kandidat:„Jetzt gang i ans Vrünnele, trink' aber uet!"— („Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Der internationale Frauenbund für Vogelschutz versendet eine Aufforderung zur Beteiligung an einem Preis- ausschreiben. Es werden volkstümlich gehaltene Erzählungen(5 bis 10 Seiten Grohquartformat) für Kinder von 7 bis 13 Jahren verlangt; das Verständnis und die Liebe zu unserer Tierwelt und im besonderen zu unserer Vogelwelt soll durch diese Erzählungen wachgerufen und gestärkt werden. Die Arbeiten sind bis 1. Oktober in der üblichen Weise an die„Geschäftsstelle des Internationalen Frauenbundes für Vogelschutz", Berlin 0. 27, Holzmarktstrahe 53, einzusenden. Die Preise betragen 300, 200, 100 und 50 Mark.— — Max Grube soll Leiter des M e i n i n g e r Hof- t h e a t e r s werden.— — Das Lu st spielhaus hat Gottfried Neulings Komödie„Das Friedensdorf erworben. Das Stück geht noch in dieser Spielzeit in Szene.— — Ende Februar bringt das Schiller-Theater Stefan Grohmanns Gefängnisdrama„Der Bogel im Käfig" heraus.— — Ein Interieur mit zwei Figuren des Niederländers Van der Meer de D e l f t ist von einem reichen Berliner Händler für 325 000 Mark angekauft Ivorden.— — Ein Preisausschreiben für die b a d i s ch e Künstler- schaff crläht die Leitimg der Internationalen Kunst- und Gartenbau- Ausstellung Mannheim 1907, und zwar zur Erlangung von Eni- würfen für ein A u s st e l l u n g s p l a k a t. An Preisen sind im ganzen 2000 M. ausgesetzt, darunter der erste mit 1200 M. Termin i. Mai 1900. Alles nähere durch die Geschästsstelle der Ausstellungs- leitung i» Mannheim, Friedrichsplatz 14.— — Die Dresdener Kunstgenossenschaft beschloh die Errichtung eines Künstlerhauses. Für die Kosten der Errichtung sind 475 000 M. veranschlagt.— c. 600 000 Mark s ü r e i n e M a r k e n s a m m l u n g. Aus London wird berichtet: Der höchste Preis, der je für eine Marken- sammlimg bezahlt worden ist, wurde soeben für die Sanimlnng des Mr. W. W. Mann gegeben; er betrug über 000 000 Mark. Die Sammlung nmfaht nur europäische Marke», die der bisherige Be- sitzer im Laufe von 20 Jahren zusammengebracht hat. Es ist die beste Sammlung ihrer Art mit besonders schönen und zahlreichen seltenen Marken.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vortvärts Buchdruckerei n.VcrlagsanstaltPanl Singer LcCo., Berlin LW.