UnttthaltmrgMatt des vorwärts Nr. 27. Donnerstag, den 8 Februar 1906 (Nachdruck verbaten.) 13] Der Kuppelbof. Roman von Alfred Bock. „So," sagte Bickelmeier laut,„etz wird sich's geben. Und das bitt ich mir aus:'s wird nix geschwätzt. He soll seine Ruh haben. Morn guck ich emal nach. Den Doktor kannst Du sparen." Die Horlig begleitete den Alten bis vor die Tür. Vom Himmel leuchtete der abnehmende Mond mit mattem Schein hernieder. Ueber dem Winterberg stand eine schwarze Wolken- wand. Es war unerträglich schwül. „Ich glaub als, die Nacht kriegen wir was," verab- schiedet? sich der Bickelmeier. Sie schaute ihm nach, bis er jenseits des Kesselackers in der Talsenkung verschwunden war. Unaufhaltsam rannen ihre Tränen. In ihrer Bestürztheit hatte sie ihm nicht ein- mal gedankt, dem barmherzigen Samariter. Er war der einzige im Dorf, der es gut mit ihr meinte. Und auch mit dem Fried. Der lag nun auf seinem Schmerzenslager. Wer konnte wissen, wie lang? Eine jähe Angst befiel sie. Wenn ihr der Bub genommen würde. Sie würd's nicht überleben. Nein, das nicht. Sie wollte für ihn beten. Ja, beten ohne Gottvertrauen. Das hatte doch keinen Wert. Wie oft hatte sie dem Herrgott ihr Leid geklagt. Manchmal schien es, als ob ein wenig Licht auf ihren Weg fallen sollte, dann war es gleich wieder desto dunkler geworden. Der Herrgott verschloß ihr sein Ohr, indes er andere, die es gar nicht verdienten, mit Glück überschüttete. Deswegen war sie ihm gram. Und dem Heiland auch, der doch eins mit seinem Vater war. In die Kirche zog sie nichts. Zwar ging sie noch zum Abendmahl, bloß daß die Leute sie nicht für schlecht halten sollten. Ihre Meinung war fest begriindet: für die armen Leut gab's keine Gerechtigkeit, droben nicht und drunten nicht.— Der Fried verlangte nach ihr. Rasch humpelte sie in die Stube. Ihn dürstete. Da erquickte sie ihn mit Milch. Der Weisung des alten Bickelmeier gemäß sprach sie kein unnötig Wort. Damit sie gleich etwas leisten könne, wenn der Kranke ihrer bedürfe, rückte sie ihren Schemel an sein Bett. Dort hielt sie Wache die ganze Nacht.— Der Fried lag mit geschlossenen Augen, in der Tat schlief er nicht. Die Vorgänge auf dem Festplatz beschäftigten unablässig sein Gehirn. Seinen Vater verfluchte er und war doch für ihn eingetreten,'s war halt die Stimme des Bluts! Die ließ sich nicht verleugnen. Und nun der Streit mit dem Matz. Es war das erste Mal, daß er die Hand gegen jemand erhoben hatte. Wie der Zweikampf enden würde, war für ihn, den Schwächeren, von vornherein nicht zweifelhaft. Seltsam I Während er ohnmächtig am Boden lag, hatten seine Sinne dennoch Eindrücke empfangen. Nur daß er sich ihrer nicht klar bewußt werden konnte. Jemand hatte seinen Namen gerufen.„Fried, lieber Fried!" Traurig und mit- leidvoll. Die Stimme schien ihm wohlbekannt. Er ver- suchte, sich ihren Klang wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. „Fried, lieber Fried!" Wär's möglich? Ja, es wurde ihm zur Gewißheit. Es konnte niemand anders gewesen sein als die Mariann. Er hatte ihre Nähe gespürt. Sie hatte ihm beistehen wollen, hatte sich vor aller Welt zu ihm bekannt. Also war sick ihm doch noch gut! Dies Glück wog hundert- fältig auf, was ihm heute Schlimmes begegnet war. So- bald er nur erst wieder krabbeln konnte, wollte er sie sprechen. Liebe kannte verborgene Wege. Hatten sie beide den festen Willen, sich ein Glück zu schmieden, würde es ihnen auch ge- lingen. Freilich, des Bauern Herz war hart wie Stein. Eh der sich zu anderer Sinnesart bekehrte, mußte schon ein Wunder geschehen. Seine Gedanken flogen hin und her, Fieberröte bedeckte seine Wangen. Endlich verfiel er in einen unruhigen Schlaf. Ihm träumte, er stünde�auf dem Kirchenplatz. Die Sonne schickte glühend heiße Strahlen herab. Am Himmel tvar kein Wölkchen zu sehen. Seit vielen Wochen hatte es nicht geregnet, und alle Brunnen waren im Dorf versiegt. Den Menschen klebte die Zunge am Gaumen, und sie schrieen, dem Wahnsinn nahe nach Wasier. Kläglich brüllte das Vieh in den Ställen. Das Elend nicht mehr zu sehen, ging er in die Kirche. Dort kniete der Pfarrer und betete. Und er betete mit. Wie er wieder ins Freie trat, kam der Dotz- heimer auf ihn zu. Kaum daß er den Bauern wieder- erkannte, so hatte der sich verändert. Sein Haar war weiß wie Schnee, tief in den Höhlen lagen die Augen, und sein Gesicht war quittengelb. „Fried," sprach er mit Grabesstimme,„etz zeig, was Du kannst. Schaff Wasser ins Dorf, und ich geb Dir die Mariann. Das schwör ich Dir bei Gott im Himmel!" „Ihr wollt Euch über mich lustig machen," brauste er auf und kehrte dem Dotzheimer den Rücken. Dann lief er, als hätte er Siebenmeilenstiefel an. Und er fand sich auf einmal mitten in den Bergen, wo zwischen Felsen eingebettet der Wildsee liegt. Hastig beugte er sich nieder und löschte seinen brennenden Durst. Da rauschte es, wie wenn der Sturm in den Wellen wühlt, und die Wasser- frau stieg aus dem Grund. Sie hatte einen Spaten in der Hand. Den reichte sie ihm dar und sagte:„Fried, jetzt gilt's. Schaffst Du das Wasser ins Dorf, ist Dein Glück gemacht. Hurtig ans Werk, ich helfe Dir!" Sprach's und verschwand. Sogleich setzte er den Spaten ein und grub einen Tag und eine Nacht. Manchmal war's ihm, als höre er hinter sich noch einen Spaten klingen, doch kümmerte er sich nicht weiter darum und rastete nicht, bis sich die klare Flut in breiter Rinne ins Dorf ergoß. Nun hatte die Not ein Ende. Alle priesen sie ihn als ihren Retter. Und die Männer hoben ihn auf die Schultern und trugen ihn in die Kirche. Am Eingang harrte seiner die Mariann, bräutlich geschmückt. So schön wie jetzt hatte der Lehrer die Orgel noch nie gespielt. Selig schritten sie zum Altar, und der Pfarrer gab sie zusammen.— „Fried, Fried!" Was is Dir dann?" weckte ihn die Mutter.„Du schmeißt Dich ja ganz schrecklich erum." Er schaute verwundert um sich. „Mir is nix," sagte er, ein Lächeln auf den Lippen, „mir hat was geträumt Nach Mitternacht brach das Gewitter los, das der alte Bickelmeier prophezeit hatte. Blitz auf Blitz, Donner auf Donner, eine förmliche Kanonade. Der ganze Himmel stand in Flammen. Es regnete, als gösse man's mit Kübeln herab, und ein Orkan wütete, als ob die Welt aus den Fugen gehen wollte. In allen Häusern brannte Licht. Wenn es nachts auf dem Land gewittert, verlassen die Erwachsenen das Bett. Selbst die Kinder werden geweckt. Man kann nicht wissen, was passiert. Auch der Dodheimer saß in seiner Stube, das Andachts- buch vor sich auf dem Tisch, und las laut:„O Du lebendiger, heiliger Gott! Ich höre Deine Stimme in den Wolken und fehe die zuckenden Blitze, die Zornesadern an Deiner Stirn. Wenn Du wolltest, könntest Du mich und alle Kreaturen in einem Augenblick zerschmettern. Ich aber bitte Dich, laß dieses schwere Wetter ohne Schaden vorübergehen. Bewahre Haus und Hof vor Blitzschlag und Wasserfluten, beschütze die Früchte auf dem Feld vor Schloßen und Hagel. Ach Herr, der Du stark und allmächtig, aber auch barmherzig und gnädig—" Er hielt inne. Ein gewaltiger Donnerschlag ließ das Haus in seinen Grundfesten erzittern,'s war ihm doch ein bißchen gruselig. Er wandte den Kopf nach der an die Stube stoßenden Kammer. Drin war die Mariann. Wie mochte der jetzt zu- mute sein, da der Herr im Gewitter vorüberzog? Wohl dem, der ein reines Gewissen hatte! Wenn er zurückschaute auf sein vergangenes Leben: wissentlich hatte er niemand Böses zugefügt. Mit seiner Frau selig war er immer gut ausgekommen. Ein Sitzeblitz, wie er war, hatte er manchmal seinen Zorn an ihr aus- gelassen, aber nie hätte er sich unterfangen, sie mit Schlägen zu traktieren, wie dies im Dorf bei ehelichen Zwistigkeiten gang und gäbe war. Fünfundzwanzig Jahre saß er im Gemeinderat. Nie hatte er sein Amt mißbraucht. Daß er beim Viehhandel seinen Vorteil suchte, wer wollte ihm das verargen? Nun war er in Ehren grau geworden und erlebte die Schande an seinem Kind. Nach dem Auftritt auf dem Fest- platz war kein Zweifel mehr: die Mariann hatte sich mit dem Sohn des„Lumpenstechers" eingelassen. Darüber kam er nicht hinweg. Und doch gebot die klare Vernunft, das Mädchen nicht länger zu drangsalieren, denn morgen war sie dem Matz seine Braut. Wer ihm das gestern gesagt hätte, dem wäre er an den Kops gesprungen. Die Welt war jeden Tag eine andere. Not lehrte in den sauren Apfel beißen. Nach allem, was man über den Matz hörte, war er ein regsamer, verständiger Mensch und hatte kein Haar von seinen: Vater. Das war ein großes Glück. So stand zu hoffen, daß die Heirat doch geriet. Mit dem Karges, das war eine harte Nuß. Er konnte das Großmaul nicht verknusen, und das Verstellen war nicht sein Fall. Da gab's noch viel herunterzuschlucken. Die Hauptsache war jetzt der Vertrag. War dem Matz erst das Gut seines Vaters zugetrieben, konnte der keine dummen Streiche mehr machen. Morgen hieß es: die Augen aufgetan und sich nicht beschuppen lassen.— Das Unwetter hatte seinen Höhepunkt erreicht. Es war ein Geroll und Getöse, als stünde der jüngste Tag bevor. Unter dem ungeheuren Luftdruck erdröhnten die Fenster- scheiden, und das Petroleumlämpchen auf dem Tisch flackerte ängstlich hin und her. Der Bauer stand auf, ging an die Kammertür und rief: „Komm craus!" Gleich darauf trat die Mariann in die Stube. Sie trug noch ihren Sonntagsstaat. All die Stunden, seit sie vom Festplatz heimgekehrt war, hatte sie in ihrer Kammer gesessen und wie versteinert vor sich hingestarrt. Ihr bleiches Gesicht war lang und schmal, und eine Gramfalte stand auf ihrer Stirn. Den Blick auf den Boden geheftet, schritt sie zur Ofenbank. „Net bei'n Ofen, wann's gewittertl" warnte der Bauer, der seinen Platz am Tisch wieder eingenommen hatte. Da sie unschlüssig schien, wohin sie sich setzen sollte, gebot er:„Hierher!" Sie ließ sich ihm gegenüber nieder. Er schob chr das Andachtsbuch hin. Sie schaute hinein, doch las sie nicht. Er beobachtete sie, aber er sagte kein Wort. Erst als der Aufruhr draußen nachgelassen hatte und das Gewitter sich zu verziehen begann, hob er an:„Gelle. Du kannst net mehr beten?" „Doch," sagte sie leise und las:«Heiliger Gott! In Demut und von ganzer Seele sagen wir Dir Dank, daß Du durch Deine große Güte bei all unserer UnWürdigkeit dem Gewitter in Gnaden ein Ende gemacht hast. Du sahst nicht auf die Schwachheit und UnVollkommenheit unseres Gebets. Du hast uns das Leben erhalten, hast uns aus der Not gezogen und vor jedem Unfall bewahrt. Das geloben wir Dir, Herr: wir wollen nicht sein wie die ungetreuen Knechte, die Dich nur dann fürchten, wann Du zürnst, wir Wollen uns durch Deine Wohltaten antreiben lassen, Dich von ganzem Herzen zu lieben. Tu hast unseren Schrecken ver- bannt. Schütze uns ferner vor jeder Gefahr, reiße uns von dem Irdischen los, damit wir uns nach dem Hinnnlischen sehnen, um da, von aller Furcht entfernt. Deinen unaus- sprechlichen Frieden mit Leib und Seele zu genießen, durch unfern HerrN und Heiland Jesum Christum. Amen!" Es war ihr ersichtlich schwer geworden, das Gebet zu be- enden. Sie hatte öfter gestockt, hatte die Tränen gewaltsam zurückgedrängt. Nun brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus. Da erkannte der Bauer sich seines Kindes. „Hör etz auf!" sprach er mild.„Was passiert is, is passiert. Ich trag Dir's weiter net nach. Meiner wärzig! Man is ja auch emal jung geWest und weiß, wie's zugeht in der Welt. Ueber das Schwoleschiern*) hätt ich noch gar nix gesagt, wann's einer aus unserm Stand gewest wär. Aber so ein Packvolksbub! Guck, das hat mich in die Rasch' gebracht." l Fortsetzung folgt.)' *) ü fit' bau legieren(von chevau-leger) hier in der Bedeutung: sich zu Ilnsittlichkciten verleiten lassen. (Nach&nur vn»v!kn.) frau ftetenes Skelebeiclung. Bon Roda Roda. Di« nackte Tatsache: Am g. November 1892 überreichte der Advokat Doktor Ladislaus Kondor im Namen der Frau Joseph Körmendy. geborenen Helene Mahr, das Klagebegehren aus Scheidung ihrer zwei Fahre vorher geschlossenen Ehe beim Bezirksgerichte Leopoldstadt— und am selben Tage der Advokat Doktor Ladislaus Kohn ein ähnliches Begehren im Namen des Gatten beim Bezirksgerichte Ofen. Es ist klar, daß ein und dieselbe Ehe zivar wiederholt aus ihre Festigkeit erprobt, aber doch nur einmal geschieden werden kann.— Man kann sich beim Leopoldstädter Bezirksgerichte scheiden lassen, oder man kann sich beim Osener Bezirksgerichte scheiden lassen— je nach Geschmack. In Ofen geht's etwas schneller, weil die Donau am rechten Ufer mehr Strömung hat. und die Mühlen besser klappern. Dafür sind wieder in der Leopoldstadt die Fiaker zum Gericht ein wenig billiger.— Es kommt also schließlich auf eins heraus.— Aber vor allem: man muß Wähler.— entweder— oder! Beide Gerichte dars man mit einer Affäre nicht behelligen. Im vorliegenden Falle bevorzugte Joseph Körmendh Osen. denn er war mn I. November dahin übergesiedelt. Dagegen ent- schied sich Frau Helene für die Leopoldstadt, denn sie hatte sich gc- weigert, ihrem Manne nach Ofen zu folgen. Schon nach zwei Jahren merkt« das Leopoldstädter Gericht, daß es sich eigentlich um die Sache nicht zu kümmern brauche, weil , Frau Helene als augetraute Gattin infolge ihres Treueschwures verpflichtet gewesen wäre, das Wigwam ihres Herrn und Gebieters zu teilen. Gleichzeitig faßte auch das Gericht in Ofen einen gleich- lautenden Beschluß in bezug auf Körmendv. Durch einen Rekurs an ettiche Oberbehörden fetzten die ver- «inigten Advokaten durch, daß Osen klein beigeben mußte. Die Anwaltsrechnungen reichten nun gerade von einem Stadtteil zum anderen, aus der Pester Seite blieb ein Stückchen übrig.— Fünf oder sechs Schritte im ganzen. Dann schrieb Ofen seine Bersöhnungstagsahrten und Zeugen- einvernahmen aus. Es gab einige Verwirrung— man lud irrtümlich die Zeugen für eine ganz andere Sache, nämlich eine Kindes- weglegung. Aber das wurde ohne jede Weiterung erledigt. Kaum hatte es sich nämlich herausgestellt, daß das weggelegte Kind im Winterfeldzug 1349 als Feldviarschall-Leutnant gefallen war— als man auch schon auf die richtigen Zeugen und damit auf die Scheidungs- angelegenheit Wrmendy zurückkam. Wenn nicht zufällig Frau Helenes Rechtsanwalt, Doktor Ladislaus Kondor, noch kurz vor dem Prozesse Ladislaus Kohn ge- heißen hätte— also genau so, wie der gegnerische Vertreter, wäre es wohl nicht vorgekommen, daß man die Eingaben der Parteien immerfort verwechselt hätte. Dann wäre auch das Gericht nicht zu der verfehlten Auffassung gekommen, daß Helene Könnendy ein Mann und Joseph Körmendy Helenes Gattin sei. Endlich hätte auch der zur Feststellung der Identitäten beantragte Lokalaugen- schein entfallen können. Kurz, das ganze Verfahren wären bc- deutend glatter verlaufen. Aber auch so gelang es dem Osener Bezirksgerichte, binnen sieben Monaten einen ganzen Wald von Urteilen zu fällen— eine Meile lang und zwölfhundert Klafter breit— gewiß eine Glanzleistung unserer heimischen Rechtspflege. Am 9. November 1992, genau zehn Fahre nach der Ein- reichung des Klagebcgehrens, an einem Tage also, den Frau Helene ohnehin feierlich begangen hätte, bekam sie das von der königlichen Tafel und Kurie bestätigte Urteil zugestellt, mit dem ihre Ehe unter „Anwendung tödlicher Waffen" für null und nichtig erklärt wurde. — Ter Zusatz von den tödlichen Waffe» erklärt sich aus einem zu- fälligen Zusammenstoß der Akten mit denen des Raubmörders Wondrack.— Es hatte weiter nichts zur Sache, Wondrack wurde dafür ans unüberwindlicher Abneigung der Ehegatten gehenkt.— •• Am Morgen des 10. November pochte Frau Helene an die Tür ihres Anwalts Doktor Kohn, der während des Prozesses den Namen Köllay angenommen hatte. Herr Doktor Kallay ist gewiß kein Feigling. Aber er bedauerte doch lebhaft,„Herein" gerufen zu haben, als Frau Helene mit funkelnden Augen eintrat und mit dem Sonnenschirm Hakenquarten schlug.„Dieser Esell Dieser Trottel!" schrie sie.— Herr Doktor Kallay, der mit allen Fasern fühlte, daß er nn- möglich gemeint sein könne, beschloß. Frau Helene Mahr nach dem Grunde ihres Zornes zu fragen und erfuhr alle-: Der Esel und Trottel bezog sich ans den Kurialrichter. Der hatte vergessen, in dem gestern verkündeten Urteile wider Joseph Körmendy den Ehcherrn zur Zahlung einer jährlichen Rente an die entthronte Gemahlin zu verhalten. Jeder Unparteiische wird zugebe», daß«ine solche Unterlapung für die Betroffene peinlich ist. Doktor Kallay war so unparteiisch wie möglich— er kandidiert ja als Wilder für den Reichstag.— Er empfand denn auch, daß die Nnto'-lfiflnna für die Betroffene peinlich sei und versprach, zu helfen AugeMicks fuhr«r zu Gericht, um in den Wen nachzusehen. Während sie der Schreiber säuberlich aus denen des Taschendiebes Pleier hervorsuchte, unter die sie mittlerweile geraten waren, fragte der Anwalt:„Herr Richter— um Gottcswillen— was haben Sie ge- tan? Sie haben die arme Frau Mahr geschieden und sie ohne Mittel zum Lebensunterhalt gelassen I" Schweigend zog der Richter eine Photographie aus dem Faszikel.„Was sagen Sie nun, Herr Advokat?" Auf dem Bilde------ auf dem Bilde lehnte Frau Helen« Mahr ihr Köpfchen zärtlich an die Schulter eines Mannes, der keine, aber auch nicht die geringste Aehnlichkcit mit Herrn Joseph Körmendy zeigte. „Dieser Mann," sprach der Richter,„der hier Frau Helene so süß umschlungen hält, ist der Zymbalschläger Hurvat, seines berühmteren Zigcunervaters dreiundzwanzigster Sohn!— Zuerst hat Frau Helene behauptet, sie sei es nicht. Ms es aber zum Eid« kam, wollte sie nur schwören, sie habe sich mit dem Zymbalschläger niemals photographieren lassen." „Und des Rätsels Lösung. Herr Richter?" „Nun— Sie kennen doch den Joseph Körmendy? Er ist schlau, sehr schlau! Ein Privatdetektiv hat im Hause gegenüber von Frau Helenes Wohnung so lang« ausgepaßt, bis er die beiden auf sein« Platte bekam." Doktor Küllai) war niedergeschmettert.„Arme Frau!" sagte er. „Wovon soll sie nun leben?" „Da kann ich ihr einen Rat geben," rief der Richter.„Sagen Sie ihr, sie möge wieder heiraten— aber sehr, sehr vorsichtig sein. Und wenn sie dann wieder zu uns kommt, werden wir ihr eine Rente zusprechen."—. Kleines f euilleton. i. Tic Anstalt zu Lauterhofen. Bor einigen Jahren brachte es der Zufall, daß ich auf einer Wanderung durch die bayerische Ober- Pfalz auch in dem Marktflecken Lauterhofen zwischen«ulzbach und Amberg rastete. An den Ort knüpfen sich einige interessante Merkwürdigkeiten. Dort erbaute Karl der Große ums Jahr 800 eine Kirche, die noch teilweise in der Marienkapclle erhalten ist. Tort, oberhalb des Ortes, besaßen die Karolinger auch einen großen Meierhof. Vom Ansehen dieses karolingischcn Kaminergutes zeugt es, daß Nürnberg bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts eine gewisse Geldabgabe zu entrichten hatte, die dann aber mit 700 Gulden abgelöst wurde. Nach dem Aussterben der Karolinger kam das Schloß an einen Nachkommen der 32 Söhne Bados von Abensberg. etwa 1165. Dann wurde es, mitsamt dem Markt, Lehen der Grafen von Sulzbach. 1305 wurden die Steinlinger, ein angesehenes Geschlecht, Lehensträger des Schlosses. Von deren letztem weiblichem Sprossen ging es 1466 an das Kloster Kastl über, kam nach der Säkularisation 1803 in verschiedene Hände, zunächst an einen Ziegler. dann an einen Bauer. 1858 wurde in den Räumen eine Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder errichtet. Seit 1881 erhebt sich auf de» Grundmauern des Karolinger Hofes— denn nichts sonst ist davon übrig geblieben— die oberpfälzische Kretinenanstalt, der ich damals einen Besuch abstattete. Tie weiblichen Pfleglinge sind in drei Klassen eingeteilt, die alle ihre gesonderten Aufenthalts-, Schlaf- und Speiseräume haben: Epileptische, Blödsinnige und Geisteskranke, llnvergehlich schmerz- liche Eindrücke habe ich von jenem Einblick mitgenommen. Herbe Trauer umdüstert die Seele angesichts solch eines aufgehäuften Menschenelends. Das Herz krampst sich einem zusammen, das Auge wendet sich unwillkürlich weg von den Jammergestalten, deren ver- zerrte Gesichter, deren unheimlich wahnglühcnde Augen, deren ver- kümmerte Leiber sich einem tief ins Gedächtnis prägen. Das Gehör baben sie ja wohl alle, aber die Fähigkeit der Sprache hat keine. Gurgelnde Laute, abgebrochenes kindisches Lallen, blödes Grinsen und wahnsinniges Lachen dringt einem entgegen. Da war eine ält- liche Frau mit vollständig zerstörtem Nervensystem, immer aus- geregt, immer furchtbar erschrocken. Die Aermste verlor einst plötzlich total den Verstand, als ein Pferd bei der Hochzeit ihrer Schwester scheute. Dort saß eine Frau am Spinnrade, den Faden in der Hand; doch der Fuß bewegte nicht das Rad— apa tisch, mit halb geschlossenen Augen und nickendem Kopfe brütete sie vor sich hin. Hier sah ich ein kleines Mädchen: unter ewigem Lachen baute es von Klötzchen eine Säule, die, wenn sie umfiel, immer wieder von Neuem mit gleicher Hast aufgetürmt wurde. Dann war noch ein Mädchen von etwa 20 Jahren oder noch älter, aber wie ein Kind: es vertrieb sich mit stummem Lächeln fortwährend die Zeit durch ewiges Hin- und Herwiegen des Oberkörpers und Armvcr- schränken. Die einen zupften Tuchlappcn. die anderen Wolle; aber da geht nichts vom Fleck, wiewohl die Finger rastlos zerren und reißen, ja selbst nicht selten wund gerieben werden. Es ist nicht zum Beschreiben? Und all diesen Jammer sucht die Opserwilligkeit der Pflegerinnen zu mildern: Hier ein liebes freundliches Wort, dort eine lächelnde Ermunterung, ein zartes Streicheln der Wangen, des Haares. Aber ewig dämmert hier die Nacht eines seine ver- lorene Heimstätte ängstlich suchenden Geistes, und der Genius der Menschheit trauert gebeugt um all das Leben, das, obwohl atmend und sich regend, längst dem Tode, längst dem Gvabe verfallen... k. Nebcr den Vogclruf im Volksglauben macht Prosessor R«n« Bloch in der„Revue musicale" interessante Mitteilungen: Der Gesang der Vögel gilt im allgemeinen bei den Völkern öfter als ein gutes Vorzeichen denn als ein schlechtes. Ader auch Unheil und Gefahr wird durch die gefiederten Bewohner der Lust nicht selten verkündet. Bei den slavischen Völkern, besonders bei den Pole» und Litauern, kündet der Schrei der Eule Unglück und Tod an; das gleiche Unglück droht in verschiedenen deutschen Gegenden einem Hause, auf dessen Mauer sich der kleine Fischadler während einer mondhellen Nacht niederläßt, um seinen eintönig melancholischen Ruf durch die Stille dringen zu lassen; hat man das Erscheinen eines solchen Vogels im Torf- bemerkt, dann heißt es, daß in dem Hause, auf den, der seltene Nachtsänger rastet, gar bald jemand sterben werde. Ein ähnlicher Glaube herrscht auch in einem anderen weitentfernten Lande, in Hindostan. Das Krächzen des Raben wird m Rußland und in Serbien als Vorausverkündigung, daß bald Blut vergossen werden solle, angesehen. Der Schwan galt im griechischen und germanischen Volksglauben lange als ein weissagender Vogel, und noch heute lebt in unserer Sprache die Erinnerung an seinen traurig melodischen Sang, den er anstimmt, wenn er sein Ende herannahen fühlt. Nun ist unser gewöhnlicher Schwan freilich nicht imstande. Töne hervor« zubringen, die diesen Glauben irgendwie rechtfertigen würden, aber es gibt wohl wild« Schwäne, den Singschwan und den Zwergschwan, die während ihrer Flüge helle und scharfe Laute ausstoßen und ein mächtiges Klingen und Tönen hervorrufen, das sie durch ihre weiten Flügelschläge»och verstärken. Wem eine solche helle Melodie von hoch her aus den Lüften ins Ohr drang, wer die rauschende Bewegung in der Lust und den anschwellenden Laut des FlügelsDages hörte, der tonnte sich wohl von einer überirdischen Stimmung umwittert fühlen. Ter Gesang des sterbenden Schwans ist eine Vorstellung, die von manchem Gelehrten mit dem Glauben der altskandinavischen Mythologie an die Walküren in Verbindung gebracht wird. Man stellte sich ja diese Schwertjungfrauen mit Schwanenslügeln vor, man erzählte von ihnen, daß sie durch die Luft flögen und die Helden auf der Wahlstatt mit dein sie dem Tode weihenden Gesang begrüßten. Ter Walkürengesang dieser Schwanenjungfrauen also war das Todeslied, das die tapferen Helden zur Seligkeit der Walhalla hinaufgeleitete. Der Kuckuck gilt bei den Russen und bei den meisten anderen slavischen Völkern für einen Vogel, der Trauriges verkündet. Nach einer alten serbischen Sage war der Kuckuck, der in» Serbischen Kukawisa heißt, ein schönes junges Mädchen, das unaufhörlich über den Tod ihres Geliebten weinte, bis es endlich in einen Vogel ver- wandelt wurde, der nun noch immer durch die Luft die beiden melancholischen Töne seiner nicversiegenden Klage erklingen läßt. So kann denn auch ein junges serbisches Mädchen, das seinen Ge- liebten verloren hat, niemals den Kuckuck hören, ohne Tränen zu vergießen. Sonst gilt in Serbien der Kuckuck für einen prophetischen Bogel, und wird besonders von den Räubern gefragt, die nach seinem ersten oder nach seinem letzten Ruf Schlüsse auf die Zukunft ziehen. Für die germanischen Völker ist der Ruf des Kuckucks, der sich in der schönen Jahreszeit des Frühlings zum erstenmal hören läßt, im allgemeinen eine gute Vorbedeutung. Bekannt ist der Aberglaube bei den Deutschen, der sich schon aus der frühesten Urzeit her belegen läßt, daß man aus der Zahl der Rufe des Kuckucks auf die Anzahl der Jahre schließt, die man noch zu leben hat. Wenn man den Vogel befragt, so kann man auch durch die Wiederholungen seines RufcS herausbekommen, wie viel Jahre noch verstreichen müssen, damit ein besonders wichtiges Ereignis im Leben des Fragenden eintreffe, Es gibt eine alte Geschichte, die da erzählt, daß ein Mann, der ein unstetes Und wildes Leben geführt hatte, den Entschluß faßte, den Rest seiner Tage der Reue zu weihen und in ein Kloster zu gehenz Schon war er auf dem Wege zu den Mönchen und sah am Waldes, hang das Kloster vor sich liegen, als plötzlich hinter ihm der Ruf des Kuckucks ertönte. Der Frühling fing an. und sein erster Bote verkündete ihn der Welt. Voll Unruhe und Spannung lauscht es aus die Zahl der Rufe und findet, daß er nach der Prophezeiung des Vogels noch 22 Jahre des Lebens vor sich hat. Das machte chn nachdenklich und stieß alle seine Entschlüsse um, bis er schlichlich auf den Gedanken kam, daß es besser wäre, von den 22 Jahren noch 20 auf die Freuden der Welt zu verwende» und erst die letzten beiden Jahre in der Beschaulichkeit und Reue des Klosters zu verbringen. Sogleich kehrte er um und wanderte wieder der Welt und dein Lcberi zu. In Schweden befragen die Bauernmädchen den Kuckuck, wie lange es noch bis zu ihrer Hochzeit dauert. Aber häufig reut sie ihre vorlaute Neugier, denn der neckische Vogel will nicht aufhören zu rufen. Dann halten sie sich die Ohren zu und laufen fort, nach- dem sie drei- bis viermal die Wiederholung des Kuckucksrufes ab- gewartet haben. Ein Mädchen aber, das mehr als zehnmal den Vogel seinen Ruf ausstoßen gehört hat. erklärt dann in überlegenem Tone, daß sie nicht abergläubisch wäre, daß es nichts Tummerei, gäbe, als auf solch ein albernes Anzeichen zu horche», und daß st« an nichts weniger auf der Welt glaube als an den Ruf des dummen Kuckucks.— kvcographischeS. — Der Y a n g t z c k i a n g. Der„Franksurter Zeitung" wird aus Schanghai geschrieben: Uebcr Chinas größten ström, den mächtigen Dangtzekiang, findet man in dem jüngst erschienenen Buch« von Archibald Little. betitelt„Tbe b'ar East", folgende Angaben; Der Dangtzc ist für die Chinesen der..jsiang", d h. de, „Strom" par«xcellence, ebenso wie der Hoangho für sie der„Ho oder der„Fluß" par«xcellence ist. Den Ausdruck«Nangtzekiang�, der so viel bedeutet wie der Strom von Jangtschau(am großen Kaiserkanal, nicht weit von Tschinkiang am Nangtzckiaug gelegen)! kennen sie gar nicht. Bielmehr haben sie für den Unterlauf die Be- zeichnung Tschang-kiang(Langer Strom), für den mittleren Teil Tschuan-Ho(Fluß von Szetschman) und für den Oberlauf Kitt- sha-kiang( Gold-Sand-Strom). Die Bezeichnung Dangtzekiang oder abgekürzt Uangtze ist allerdings in europäischen Sprachen gebrauch- lich geworden. Sie ist immer noch bester als der von alten Jesuiten- Paters auf ihren Karten gebrauchte Name„Blauer Fluh", denn der Uangtze ist, wenn man von dem Oberlauf, und das auch nur während einiger Wintermonate, absieht, wegen seines sehr starken Gehalts an festen Bestandteilen ebenso graugclb wie der Hoangho. Der Nangtze hat eine Länge von etwa 4600 Kilometer; sein Fluß- gebiet, das wenigstens anderthalb Mill. Quadratkilometer umfastt, wird von etwa 480 Millionen Menschen bewohnt. Schiffbar für Dschunken ist er bis zu der Stadt Pingshan, die 2300 Kilometer von der Mündung liegt. Die Wassermaste, die der Strom durch- schnittlich in einer Sekunde bei Jtschang, mehr als 1500 Kilometer vom Meere entfernt, vorbeüvälzt, beträgt 500 000 englische Kubik- sufe. Zum Vergleiche sei bemerkt, daß dies das 244fache der Master- menge der Themse bei London ist, nur 40 Kilometer vom Meere. Was der Aangtze an festen Bestandteilen an Hankau, beinahe 1000 Kilometer von der Mündung, vorbeiträgt, schätzt man auf jährlich fünf Billionen Kubikfust. Ties ist natürlich ausreichend, in jedem Jahre eine ganz respektable Insel an der Mündung des Stromes zu bilden, selbst wenn man berücksichtigt, das; vielleicht die Hälfte der festen Bestandteile schon unterwegs liegen bleiben und die Ufer allmählic? erhöhen mag. In der Tat können sich die älteren Be- wohner von Schanghai noch recht gut erinnern, daß der Weg von Wusung nahe bei Schanghai bis zur Mündung des Aangtze früher bei weitem nicht so lang tvar, wie jetzt. Die der Mündung vor- liegenden Felscninseln, wie die Saddles und der auS etwa hundert Inseln und Eilanden bestehende Tschusan-Archipel, werden in nicht sehr ferner Zeit mit dem Festlande verbunden sein, weil sie immer mehr Schlick ansetzen.— Medizinisches. hr. Die Wirkung des rauchlosen Pulvers auf die Gesundheit. Gesundheitsstörungen und Unglücksfälle durch die Einatmung der Gase des rauchlosen Pulvers sind öfters beobachtet worden. Nach den Untersuchungen des amerikanischen Arztes Kieffer bestehen die Gase aus Stickstoffdioxyd und Kohlendunst, und die Erkrankungssymptome sind auf die Einatmung beider Gase zurückzuführen. Unter Umständen kann durch die Einatmung eine schwere Vergiftung, ja sogar der Tod herbeigeführt werden. Eine sehr häufige Wirkung des rauchlosen Pulvers ist das sogenannte Dynamitkopfweh, welches bei Schützen und Soldaten öfters beobachtet wird. Das Einatmen des Gases bewirkt ein eigentümliches Taumeln beim Gehen, Atmungsbeschwerden, Blauwerden des Gesichtes, Schweißausbruch und krampfartige Bewegungen des Körpers. In seiner Wirkung ist das Gas dem Amhlnitrit ähnlich. Schon 8 bis 10 Gramm des Pulvers verursachen Herzklopfen, beschleunigten Puls und in einem Falle sogar Blauwerden des Gesichtes und Atem- beschwerden. Englische Soldaten benutzten das rauchlöse Pulver öfters, um sich ein künstliches Fieber zu erzeugen und auf diese Weise ins Hospital zu kommen. Ja einige dieser Soldaten wurden von ihrem Experimente sogar geisteskrank.— Aus dem Tierleben. — D i e rußbraune Seeschwalbe gehört zu den seltensten Erscheinungen in der Vogelwelt der europäischen Küsten. Ihr Verbeitungsgebiet ist die ganze äquatoriale Zone, sowohl im Atlantischen, wie im Indischen und im Stillen Ozean, wo sich die Nist- und Brutplätze auf zahlreichen kleinen Jnselchen finden. Selten überschreitet diese Art die Wendekreise auf der südlichen wie auf der nördlichen Halbkugel. Jedoch hat man sie auf der nördlichen Halbkugel im Stillen Ozean im Süden von Japan und selbst auf den Bleuten, im Atlantischen Ozean vereinzelt auf den Bermudas- Inseln, in der Umgegend von New-Dork und bis in Maine hinauf angetroffen. Auf der südlichen Halbkugel hat man ihr gelegentliches Borkommen an den Küsten Australiens in ihrer ganzen Ausdehnung konstatieren können. In der ornithologischen Literatur Europas wurden bisher nur neun Fälle des Fanges oder der Erlegung dieses seltenen tropischen Gastes aufgeführt. Fünf derselben fallen auf das Gebiet Großbritanniens: 1. in Tutbury bei Burton on Trent Oktober 1852, 2. in Scalby bei Scarborough 1863, 3. auf der Themse bei Wallingford(Berkshire) 21. Juni 1309, 4. bei Bath 5. Oktober 1386, 5. in der Umgegend von Manchester 1901. In Italien wurde diese Seeschwalbe in Perosa Argentina bei Fencstrelle (Piemont) am 28. Oktober 1302 erlegt; sie findet sich jetzt im Museum zu Florenz. Für Teutschland erivähnt Naumann den Fang eines Exemplars dieser Art bei Magdeburg. Auch auS Frank- reich war bisher nur ein Fall bekannt. An den Ufern der Ariege war am 15. Juni 1854 ein prächtiges Männchen im Hochzeitskleide lebend gefangen worden, daS nun der Sammlung des Museums zu Lille angehört. Unter Anführung obiger Angaben und unter be- sonderem Hinweis auf die umfassende Bibliographie und eingehende Schilderung, die Howard Saunders in seiner geschätzten Arbeit über die Seeschwalben, Seemöven und Raubmöven bietet, veröffentlicht Dr. Louis Bureau, Direktor des naturhistorischen Museums in Nantes, eine Mitteilung über ein jüngstes Vorkommen der ruß- braunen Seeschwalbe an der Westküste Frankreichs. Der Vogel wurde am 24. Juli 1904 in See an der Küste von Loire Jnferieure, zwischen Pornic und dem Leuchtturm von La Bauche, durch Forst- Inspektor A. Grassal erlegt. Es war nur ein Exemplar dieser Art dort vorhanden. Es hatte sich einer Schar von Fluß-Seeschwalben zugesellt, zwischen denen man es leicht an seinen langen Flügeln und der schwarzen Färbung der Oberseite, die mit dem Weiß der Unterseite scharf kontrastierte, herauskennen konnte. Die seltene Jagdbeute, ein ausgewachsenes Exemplar im Hochzeitskleide, ist der heimatlichen ornithologischen Sammlung des naturhistorischen Mu- seums in Nantes eingegliedert worden. Direktor Dr. Bureau bietet in seiner Mitteilung eine genaue Beschreibung des neuen Schau- stücks, fügt nach den besten Quellen einige Einzelheiten über Ge- fieder geographische Verbreitung, Lebensweise und Fortpflanzung zur Vervollständigung hinzu und schließt seine Ausführungen mit einigen interessanten Berichten über das Leben und Treiben an zwei der wichtigsten Brutplätze der rußbraunen Seeschwalbe, nämlich auf der Insel Ascension und der Vogelinsel bei der Insel Tortuga im Antillenmeer, wo zeitweise wahre Vogelwolken aus taufenden und abertausenden Vögeln dieser Art sich zusammengefunden haben. („Prometheus".) Humoristisches. — Eigenwillig. Bei der Probe einer Sinfonie fetzt der Flötist zu früh ein. Der Dirigent klopft ab:„Sie, Herr Krause, warten Sie noch I Sie sind 24 Takte zu ftüh I" Nach 12 Takten bläst der Flötist wieder. Der Dirigent ermahnt ihn abermals:„Zum Donnerwetter, Krause, was Ivollen Sie denn l Sie haben ja noch 12 Takte Pause." Endlich ist die Reihe am Flötisten. Der Dirigent gibt ihm das Einsatzzeichen, aber kein Flötenton ertönt. „Ranu, Krause, los! „Ree, Herre Kapellmeister, j e tz e will i ch e nich l"— — Bedrängnis in der Volksschule.„Herr Lehrer!" „Pannemann, was willst Du?" „Ich möchte mal rausgehn." „Pannemann, bleib sitzen l in zehn Minuten ist die Stund« um, so lange wird's wohl noch Zeit haben." (Nach zwei Minuten meldet sich der Banknachbar.) „Ströbicke, was willst Du?" „Herr Lehrer, wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, -- lassen Sie Pannemann rauSgehn I"— („Lustige Blätter.') Notizen. — DaS Handelsgeschäft zwischen dem Münchener Hof- theaterintendanten und Hermann Bahr ist in offizieller Form eingeleitet worden. München bietet als„Abfindungssumme" das mit Bahr ausgemachte Gehalt für ein Jahr(14 000 M.>. Bahr sagt: Mein Kontrakt lautet auf zwei Jahre; zahlt 23 000 M. oder ich komm' zum 1. August oder ich klag'. Es wird nicht geklagt werden. München wird zahlen.— —„Am grünen Weg", eine Berliner Posse von Heinrich Lee, geht noch in dieser Spielzeit im L u st s p i e l h a u s e in Szene.— — DaS Deutsche Volksth eater in Wien bringt nächstens ein Schauspiel zur Aufführung, dessen Verfasser ein siebenbürgi scher Bauer ist.— —„Der Rosenjüngling", eine neue dreiaktige Operette von Hugo Kabler, erlebt demnächst im Karl-Theater zu Wien ihre Uraufführung.— — Nach einer Mitteilung der„Berliner Tierärztlichen Wochen- schrift" ist eS Professor Dr. Lorenz in Darmstadt gelungen, den bisher unbekannten Erreger der sogenannten Brustseuche der Pferde zu entdecken.— — Um Aufschlüsse über die B e lv e g u n g e n und die G r ö ß e n z u n a h m e der Fische zu gewinnen, hat die Biologische Anstalt auf Helgoland im Verlauf der letzten Jahre mit einer Marke versehene Fische, meistens Schollen, in der Nordsee ausgesetzt. Da- von wurden im ganzen 11,0 Proz. wieder gefangen. Leider hat festgestellt werden müssen, daß es bisher nicht möglich gewesen ist, auS dem vorhandenen Material Wandcrstraßen zu konstruieren, auf denen sich die Schollen eines Gebietes etlva im Kreislauf eines JahreS bewegen. Dazu sind zu wenig Schollen ausgesetzt worden. Man wird, wie vorauszusehen war, mit weit größeren Zahlen ar- betten müssen, um sichere Resultate zu erzielen. Das Wachstum, d. h. die Längenzunahme der Schollen, findet vorzugsweise in der wänneren Jahreszeit statt. Alle Schollen, die nur sehr kurze Zeit nach dem Zeichnen in der See waren, sowie alle die, welche im Spätsommer, Herbst und Winter gezeichnet wurden und lvährend der Wintermonate wieder gefangen wurden, weisen keine oder nur eine sehr geringe Gröbenzunahme auf.— Veranttvortl. Redakteur: HanS Weber, Beilin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei n.VerlagsanstaltPäulSinger LcCo., Berlin L1V.