Anterhattungsblatt des Dorwärts Nr. 28. Freitag, den 9 Februar 1906 tStnchdnul verbolen.l Ii] Der Kuppelbof. Roman von Alfred Bock. Mariann blickte mit ihrem verhärmten Gesichte zu ihm auf. ..Wer spricht dann von Schwoleschiern, Vater?" Er machte eine Handbewegung. „Wir wollen net mehr devon schwätzen!" Sie hatte auf einmal ihre Fassung wiedergewonnen. „Vater, wir müssen devon schwätzen." Er zog die Brauen zusaminen. „Das wirst mich doch net weismachen wollen, daß es beim Nachgang geblieben is?" „Ich und der Fried, wir haben nix getan, demwegen wir uns schämen müßten," versetzte sie ruhig. Der Dotzheimer beugte sich vor. Seine Augen funkelten. „Mariann! Eben den Augenblick hast Du Dich vor unserem Herrgott gesäubert und willst schon wieder Lügen machen?" Sie hielt seinen Blick aus. „Ich mach keine Lügen, Vater.'' Er schüttelte den Kopf. Es war klar, sie schwindelte. Freilich, niemand machte sich selbst gern schwarz. Zum Kuckuck! Warum zerrte er die Sache hervor? Man mußte eine» Strich drunter machen. „Laß gut sein," sagte er abweisend, wie jemand, der es unter seiner Würde hält, solch heiklen Dingen nachzuforschen, und setzte hinzu:„'s geht auf zwei. Du sollst Dich noch ein wink legen." Sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte, und war entschlossen, nicht eher von der Stelle zu weichen, bis sie sich vor ihm gerechtfertigt hatte. „Vater," bat sie,„hört mich an.'s is net eso, wie Ihr Euch das vorstellt. Der Fried is ein anständiger, kuranter Mensch. He weiß nix von böser Angewöhnung und is un- schellig wie ein Kind. Das is wahrhaftig'n Gott wahr!" Sie machte eine Pause, ihrer Beteuerung besonderen Nachdruck zu verleihen, und sprach dann weiter:„Guck, Vater,'s is immer ein Unglück, wann man seine Mutter so früh verliert. Um mich könnt sich keins net kümmern. Ihr hatt' Euer Aerwed") aufm Hof und aufm Feld. Ihr habt aber auch nix deWider gehabt, daß der Fried alsfort um mich war. Und's hat mir, weiß Gott, nix geschad't. Der niit seinem gescheiten Kopp is für mich Lehrer. Vater und Mutter gewest. Mein, da darf man sich doch net wun- dern, daß aus der Kanieradschaft die Liebschaft worden is. Letzt, wie Ihr mich ins Verhör genomnien habt, tat ich mich inschenicren, standhaft vorzutreten und die Wahrheit gestehn. Dernacher hat niir's Herzbrechen genunk gemacht. Und sein bei'n Fried gangen und Hab gesprochen: mein Vater will's net, mit uns zwei iS aus. Und der Fried war ganz verzwerbelt. Und ich Hab geheult. Aber von der Stund an hat keins mehr das andere zu Gesicht gekriegt. Etz heut aufm Festplatz— was soll ich dadevon sagen?'s is über mich kommen, ich weiß net wie." „Also tust Du doch noch an ihm hängen?" fragte der Bauer mißtrauisch. Sie deutete erglühend auf ihre Brust. „Dadrin sitzt's, Vater. Und erausreitzen kann ich's net." „Haijahai!" machte der Dotzheimer seiner Wut Luft. „Meinen, Gedunk nach sein das Albernheiten. Ich und Deine Mutter selig, wir haben von so Possen nix gewußt, oder is das vielleicht neumodisch? Wart, ich treib Dir die Sputzen aus! Etz is mir's doppell lieb, daß die Sach mit dem Matz morn festgemacht wird." Die Angst stand ihr im Gesicht. „Vater, ich will Euch alles Liebs und Guts tun, aber den Matz kann ich net nehmen." Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „He hat meine Zusag. Und dadebei bleibt's." „Vater," schrie sie in Verzweiflung,„habt Ihr dann net ein wink Gefühl?" „Du hast die Wahl," sprach er felsenhart,„entweder ') Arbeit. Du nimmst den Matz, oder Du spazierst tutswitt auf die Gass'!"— Sie preßte die Hände Wider die Schläfen. Ihre Brust hob und senkte sich, und sie erschauerte wie vom Fieber ge» schüttelt. Eine Weile saß sie so in stummem Jammer. Dann sanken ihre Arme schlaff herunter. Mühsam richtete sie sich auf und wankte in ihre Kammer.» Just schritt der Nachtwächter draußen vorüber und rief mit seiner heiseren Stimme: „Ihr lieben Christen seid munter und wacht, Der Tag verteilt die finstere Nacht. Wenn ihr nun ausgeschlafen habt Und von Gott das Leben habt, So wünsch ich euch einen guten Morgen! Gott mög auch heut für euch sorgen. Zwei ist es an der Zeit, Lobt Gott in Ewigkeit!" 11. Nachdem Henner, der Knecht, seinen Laufpaß erhalten hatte, raffte er seine Siebensachen zusammen und schaffte sie in den„Pflug". Dort traf er einen Fuhrmann, der sich bereit erklärte, die geringe Habe nach Grünberg zu be« fördern. Tagsüber trieb sich der Goliath im Dorf und auf dem Festplatz herum und brütete Rache. Man mußte dem Dotz- heinier noch einen Possen spielen. Am besten, man steckte ihm den roten Hahn aufs Dach. Heut im allgemeinen Trubel ließ sich das ohne Schwierigkeiten vollführen. Ganz gut. Aber daS hieß mit sehenden Augen ins Unglück rennen, denn gleich würde sich der Verdacht der Täterschaft auf ihn lenken. Nein, damit war's nichts. Was sonst? Wenn er sich in den Stall schlich und an dem Vieh sein Mütchen kühlte? Pfui Teufel! Das Vieh, das er Stück für Stück kannte, das ihm ans Herz gewachsen war! Die Hand sollte ihm ain Arni verfaulen, die sich zu solcher Schandtat hergeben würde. Er simulierte und simulierte und kam zu keinem be- stimmten Entschluß. Abends war er bei dem Faustkampf zugegen und auch bei dem Auftritt mit der Mariann. Da frohlockte er und dachte, er könne sich's nun sparen, dem Totzheimer einen Schabernack anzutun. Der sei genug gestraft. Von ungefähr lief ihm die Dine in den Weg. Solange sein Sinnen und Trachten auf die Mariann und ihres Vaters Hof gerichtet war, hatte er die Magd als Luft behandelt. Jetzt erwachte beim Anblick der drallen Dirne seine alte Lüsternl)eit. „No, Dinche, wie is es dann?" redete er sie an. „'s is so lvie's is," antwortete sie, rot vor Freude über die Vertraulichkeit, die aus seinen Worten klang. „Last Du dann den Spiktakel gesehn?" fragte er, nah an sie herantretend. „Ja," sagte sie.„und ich sein noch ganz baunfitzig devon." Er lachte hämisch. „Der Berz glaubt Wunders, wie ausklugiert er is, und spannt den Esel vorn hin. Etz hat er seine Schlapp! Ich gunn's ihm!" Sie sprachen lang und breit über die Szene, die sich vor ihren Augen abgespielt hatte. Die Dine bemitleidete die Mariann, die immer gut gegen sie gewesen war. Der Hcnner meinte, was eins sich einbrocke, mülle es auch ausfressen. Daß er wegen der Mariann mit dem Bauer Krakeel gehabt hatte und fortgejagt worden war, verschwieg er. Eben spielte die Musik einen Hopser auf. Sie folgten den Paaren, die zum Tanzboden gingen. Der Henner war ein flotter Tänzer. Während er sich mit der Dine drehte, schäkerte er:„'s is doch kriminal schön, wann man so was Warmes im Arm bat." Sie war überglücklich. Kein Zweifel, das Mittelchen der alten Wannigen wirkte. Vor Mitternacht verließen sie eng aneinandergeschmiegt den Festplatz und wandten sich dem Kräppelwäldchen zu. Daß Du mein Schätzche bist, Daß Du es weißt, Daß Du kein andern liebst, Bis ich Dich's heiß." So sang er mit sonorem Baß, und sie fiel mit ihrer Altstimme ein. Unter den alten Hainbuchen auf weichem Rasenteppich war bald ein heimliches Plätzchen gefunden. Von den Strauch- wiesen drunten kam ein betäubender Duft herauf. Droben in den Kronen der Bäume rauschte der Nachtwind das Hoch- zeitslied. Die Dine schwelgte in Wonne. Ihre Sehnsucht war er- füllt. Der Henner kargte nicht mit seinen Zärtlichkeiten, und sie gab sich mit wahrer Inbrunst seiner ungestümen Liebe hin. „Henner," bisperte fie,„etz seist Du doch wirklich mein Schatz?" „Ja, mein Schnuggelche," gab er zurück,„ich sein Dein Schatz!" Darauf saßen sie Hand in Hand. Sie fühlte fich schon ganz fraulich und meinte, sie müßten nun mit allen Kräften danach streben, sich einen eigenen Hausstand zu gründen. Er nickte zustimmend. Daß er sein Spiel mit chr trieb, ahnte fie nicht. Von ihrer Heimat und ihrer Familie wußte er so gut wie nichts. Ins Hinterland war er nie gekommen, weil es „ein wink abseits" lag. Wohl aber hatte er gehört, daß der Boden dort mager und mühsam zu bearbeiten sei. „Das is wahr," bestätigte sie.„Etz mein Vater selig hat mit der Oekonomie nix zu schaffen gehabt. He is sieben Jahr aufs Hüttenwerk nach Laasphe gangen, dann is er Eisen- bahner worden. In Marburg hat er im Magazin Metallguß ausgeben. Dadcbei is ihm ein Splitter ins Aug kommen. Nu hat he lang in der Klinik gelegen. Und könnt ihm kein Dokter helfen. Das andere Aug fing auch an zu schwären, und auf einmal war he völlig blind. Sell war meine Mutter selig mit ihm versprochen. Und ihre Leut haben ibr vor- gestellt, daß sie sich unglücklich machen tät, wann sie den blinden Mann nähm. Sie hat sich aber nix sagen lassen, dann sie war gar treu. Und so sein sie kopuliert worden. Mein Vater selig bekam was von der Eisenbahn. Das hat natürlich net ge- langt. Nu sein sie auf dem Breidenbacher Hof mit meiner Mutter selig einig worden, daß sie die Milch nach Biedenkopf bringen sollt. Und da hatt fie sich ein Wägelchen angeschafft und ein Hund. Der hieß Sultan und war groß und stark. Bei uns kennt man das net, daß so ein Tier ein Wägelchen zieht. Und meine Mutter selig hat sich mit dem Gefährt ein wink geschämt. Dessentwegen tat fie auch mehrstens hinten drücken. Den Sultan hatten die Stadtleut alle gern. Wo er mit seinem Wägelchen hielt, gab's was zu fressen. Manchmal zu viel. Das taugt auch nix. Etz kannst Du Dir denken, bei Wind und Wetter enaus, das war für meine Mutter selig keine Kleinigkeit, wo sie schon immer ein wink dumpig*) war. Hier spricht man als von der Hessenluft, bei uns bläst's noch ganz anders. Nu hat sie fich richtig verruiniert. Erst krag fie eine rauhe Kehl, dernach hat sich die Krankheit auf die Lung geschlagen. Da war fie verloren. Diese Pfingsten sein's sechs Jahr gewest, daß ich konfirmiert worden bin. Acht Tag der- nach is meine Mutter selig gestorben. Etz war ich mit dem blinden Mann allein. He hat in einem Stück nach seiner Frau gejammert. Und der Sultan auch, was man von einem Tier gar net glauben sollt. Uns' Herrgott hat's gut mit meinem Vater selig gemeint, denn er hat ihn bald drauf zu sich ge- nommen. Den Sultan hat der Bürgermeister von Simmers- dach gekauft. Hernach sei ich zwei Jahr bei meiner Got' ge- West. Dere ihr Schwester hatt' sich nach Marburg vermiet. Die tat mir eine Stell ausmachen bei Professorsleut. Ich sollt in der Küch helfen und im Haus. Die Arwed könnt ich packen. Einmal kam die Professern mit zwei fremden Manns- leut ins Haus. Ich tat gerad die Trepp aufWäschen.„Dine", spricht sie,„wo ist mein Mann?"»Der Ale**) is in der Schlaf- stub", sagt ich,„und zieht andere Strümp an. Wahrscheins hat he sich drauß nasse Füße geholt." Die zwei fremden Mannsleut schlugen ein Geläch auf. Und die Professern schnauzt mich an:„Du Unschuld vom Land, Du gehst am besten wieder dahin, woher Du gekommen bist." Das ließ ich mir net zweimal sagen. Und krag auch gleich ein Dienst in meinem Ort. Und hatt' nix auszustehn. Und Hütt mich nie mehr ausländig verdungen, wann der Lohn net gar so gering gewest war. Demwegen sein ich hierher gemacht. Und Hab mir schon ein Stückcr dreitausig— nee, wart emal— drei- hundert Mark gespart." lFortsetzung folgt. x *1 engbrüstig. -) Alte. Mechdruck verboten) Orckiäeen. Die Märchenblumen der Gegenwart sind die Orchideen. Kaum eine andere Pflanzenfamilie umgibt in der modernen Zeit ein solcher Sagenkreis. Obgleich sie mit Ausnahme der arktischen Zone über die ganze Erde verbreitet ist, obwohl Orchideen auch bei uns, im Flachlande und Gebirge, vorkonunen, existieren für den Pflanzen- züchter, mehr noch aber für den Liebhaber, nur die Orchideen fremder Länder. Während der Gärtner und Laie bis heute unsere einheimischen Orchideen oder Kuckuck-kräuter kaum beachtet, Iveil sie meistens Erd- gewächse mit einfachen ganzrandigen Blättern und rundlich-lnolligen, handförmigen oder kriechenden Wurzelstöcken sind, deren klein« Blüten nur wenig aufsollen— steht er staunend vor der großen Blumenpracht und Formenmannigfaltigkeit jener Orchideen, die aus fernen Erdteilen in unsere Gewächshäuser wanderten. Als reisende Naturforscher im achtzehnten und am Beginne des 19. Jahrhunderts bei ihrer Heimkehr zuerst aussührlicher von jenen Knaben- oder Kuckuckskräutern berichtete», die in den tropischen Urwäldern,„ohne Schmarotzer zu sein, sich auf die Bäume versteigen und deren Rinde mit den, wundervollsten, über alle Vorstellungen phantastischen Blumenflor überziehen", fanden ihre Schilderungen nur selten Glauben. Man hielt sie sür Uebertreibungen, wenn nicht gar für Ausgeburten einer überspannten Phantasie. Nun sind aber reisende Naturforscher in der Regel sehr nüchterne Leute, die an phantasri- schen Schilderungen ihrer Erlebnisse sehr selten Gefallen finden. Das sollte sich auch hier schnell genug beivahrheiten. In einzelnen Fällen hatten nämlich die Naturforscher von ihrer Reise nicht bloß eine Beschreibung der Orchideeirblütcn, sonder» auch Orchideen- knollen mitgebracht. Zwar waren das in den meisten Fällen recht unansehnliche Gebilde, für deren Besitz so ohne weiteres kaum ein Mensch ein paar Groschen bezahlt haben würde, aber in den Ge- Wächshäusern der botanischer Gärten entwickelten fich, in ver- cinzelten Fällen, die knollenartigen Gebilde zu Pflanzen, die nicht bloß grünten, sondern nach einiger Zeit, ost allerdings erst nach Jahren, Blüten zur EntWickelung brachten. Und da zeigte es sich denn, daß die früheren Berichte der Forscher keineswegs übertrieben getvescn. Man hatte plötzlich Blumen vor sich, die in ihrer sonder- baren Gestalt und Farbe alles bisher Bekannte übertrafen. Mit dieser Tatsache war der erste Grundstein gelegt für die Orchidcenmode, die in moderner Zeit zur Orchideenmanie ausartete und damit an die Tulpenmanie erinnert, wie sie im 16. Jahrhundert blühte, als man für Tulpenzwiebeln in Holland sabelhafie Preise bezahlte. Die anfänglich so unbedeutenden Orchideenknollen waren plötzlich begehrenslverte und kostbare Kaufobjelte geworden. Je artenreicher die Orchidcenkollektionen wurde», welche Pflanzen- sammle r aus Indien, Mexiko, Zentralamerika, Peru, Guiana und den Staaten Brasiliens nach Europa brachten, um so erstaunlichere Preise bezahlten reiche Pflanzen liebhabe r für ihren Besitz. Die Erfahrung hatte nämlich gezeigt daß gewiß« Orchideen an ganz be- stimmte Gegenden gebunden lvaren, sich selbst dort nur in wenigen Exemplaren vorfanden und somit zu den größten Pflanzenselten- heiten gehörten. Ter persönliche Besitz einer solchen Rarität aber war es, der alle jene besonders reizte, die über mehr Gelder ver- fügten, als sie verbrauchen konnten. Der hohe Preis, den sie für „ihre" Orchideen bezahlten, faszinierte die Millionäre oft mehr, als die Schönheit und Eigenart der Orchideenblumcn. Es gehört näm- lich zum Charakteristikum dieser Pflanzen, daß die aktuelle Varietät nicht eher festgestellt werden kann, als bis die erste Blume zur Entfaltung kommt. Da aber anfänglich jede importierte Orchideen- knolle ein Wcttgebot unter gewissen Leuten verursachte, so wurden ofl Preise für Exemplare bezahlt, die sich späterhin als recht„ge- wöhnliche" Sorten entpuppten. Andererseits reizten die gezahlten hohen Preise unternehmungslustige Handelsgärtncr und Privatpersonen, das Aufsuchen, den Import und die Kultur von Orchideen geschäftsmäßig zu betreiben. So entstand der Orchldcenspczialist und Importeur. Der letztere(oft auch Privatpersonen) nahm intelligente Leute in seinen Sold und sandte sie hinaus in die weite Welt auf die Suche nach neuen Orchidecnarten. So entstand der Orchideenjäger. Finanziert von kapitalkräftigen Auftraggebern scheute er vor keinem Hindernis zurück, sein Ziel zu erreichen. Je größer die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, um so größer Ruhm und Ehre, um so höher der Extrapreis, der ihn nach seiner Heimkehr erwartete. Auf solche Weis« wurden Gebiete der Erde durchstöbert, die nie zuvor ein menschlicher Fuß betreten._ Weder das undurchdringliche Dickicht der Urwälder noch himmelansteigende Felsen, weder brausende Gcwäsier noch pestilenzgeschwängerte Niedc- rungen. weder reihende Raubtiere noch feindlich gesinnte Eingeborene schreckten diese Leute, die eine Ausdauer und einen Mut bewiesen (und noch heute beweisen), der wahrlich einer besieren Sache würdig gewesen. Dabei waren und sind alle solche Expeditionen mit den größte» persönlichen Entbehrungen verbunden. Ist er ein- mal der Wildnis anheimgefallen, so dauert es Monate, ost ein Jahr, ehe der Orchidcenjäger wieder in zivilisierte Verhältnisse zurückkehrt. Ja, in einzelnen Fällen kamen sie niemals ivieder und wurden Opfer ihres Berufes. Trotzdem steht die Orchidecnjagd augenblick- lich in der höchsten Blüte. Zwar gibt es verhältnismäßig nur noch wenige Gebiete der Erde, die irgend ein Orchidcenjäger nicht schon einmal wenigstens oberflächlich abgesucht hat, und die Möglichkeit, absolut neue Orchideenspezies aus der Fremde einzuführen, wird immer beschränkter— aber darum gerade ist das Ziel ein um so — III— koDarcres geworden. Außerdem sind dcrschicdcne, schon früher einmal eingeführte Sorten im Laufe der Zeit in den europäischen Gärten wieder ausgestorben, und das Wicderauffinden ist uni so schwieriger, wenn der ursprüngliche Fundort unbekannt ist. Nach all dem Gesagten nimmt es nicht wunder zu hören, dah einzelne Orchidecnjagden den Auftraggebern 10 000, 15 000, ja 20 000 M. gekostet haben, und es will uns erklärlich scheinen, warum einzelne Exemplare selbst heute noch so hoch im Preise stehen. Ter höchste Preis, den je eine Orchideenpflanze, namensccht und voll in Blüte, bisher erzielte, war 45 000 SR., die man natürlich in London be- zahlte. Hier befindet sich auch der Orchidecmnarkt, wo alljährlich zu be- stimmten Zeiten jene frisch importierten Orchidecnknollen, die wissent- lich schon bekannten Sorten angehören oder denen man aus sonstigen Gründen reicht viel„Gutes", d. h. Profitversprechendes zutraut, massenhaft zur Auktion gelangen und in Bündeln von so und so viel Exemplaren an den Meistbietenden versteigert werden. Die beste Orchideenkollektion der Erde besitzen augenblicklich die botanischen Gärten zu Kew bei London. Wohl schien hier jene kostbaren Exemplare, deren Marktwert in die Tausende geht, dafür ist die Sammlung einzig in ihrer Reichhaltigkeit. Sie ent- hält nicht weniger wie 1750 Spezies und 50 Hpbriden. Seit der frühesten Einführung fremder Knabenkräuter haben die Orchideen hier«ine zweite Heimat gefunden. In jener frühen Periode, da die ersten importierten tropischen Orchideen die ersten Tage unter uns verbrachten, mitzlang ihre Kultur sehr oft. Da man die natürlichen Lebensgewohnheiten dieser fremdländischen Gewächse anfänglich nur sehr wenig kannte, wurden selbst von den gewiegtesten Gärtnern unzählige Fehler in ihrer Behandlung gemacht. Wenn wir heute die Orchideen. pflanzen in den Gewächshäusern der botanischen Gärten und der Handelsgärtner in feuchten Moosballen, Borkenkästen oder in halb mit Steincheu gefüllten gut drainierten und ventilierten Töpfen usw. ein fröhliches Leben führen sehen, so war das nicht immer so. Ehe es den Züchtern gelang, für jede neue Varietät die richtige, d. h. den natürlichen Lebensgewohnheiten ähnliche Kulturmethode ausfindig zu machen, vergingen oft viele Jahre. Ja in Dutzenden von Fällen wurden durch verkehrte Behandlung Exemplare vernichtet, deren Anschaffung mit unsäglichen Mühen und Kosten verbunden gewesen. So entstand weiterhin der Glaube, dah die Kultur und Pflege der Orchideen äußerst schwierig und daß zu ihrer Erhaltung die Dienste eines Orchideenkcnners un- umgänglich nötig seien. Es verbreitete sich auch die Idee, daß Orchideen in Gesellschaft anderer Pflanzen im Gewächshaus nicht gediehen, und daß sie aus diesem Grunde eigene Quartiere brauchten, die ausschließlich nur ihrer Beherbergung gewidmet sein dürften. Und so entstanden die Orchidecnhäuser, von denen man selbst für eine nur kleine Orchideensammlung mindestens drei hielt, die verschieden warm waren. Alle diese Dinge zusammen machten die eingeführten Orchideen für kleine botanische Gärten und die Gewächshäuser gewöhnlicher Handelsgärtner und Privat- leute zu verbotenen Pflanzen, an deren Kultur man fich nur äußerst selten wagte. All das hat sich geändert! Wohl erfordern frisch importierte Orchideen auch heute mehr Pflege und Beobachtung, als der ge- wöhnliche Gärtner oder Liebhaber für fie zur Verfügung hat, sind die Pflanzen aber erst einmal in aktivem Wachstum, dann haben alle»Schwierigkeiten aufgehört. Keine Pflanzen sind leichter zu pflegen, als Orchideen, eine Erklärung, die vielleicht manchem Leser kaum glaublich erscheinen mag. Die hauptsächlichsten Lebens- bedingungen der Knabenkräuter lasten fich in drei einfachen Regeln zusammenfassen: richtige Wurzelbehandlung, richtige Wärme und richtige Feuchtigkeit. Der Züchter, der gelernt hat. wie diese Regeln zu erfüllen sind, hat das ganze Problem der Orchideenkultur für fich gelöst. Die meisten Fehlschlüge rühren daher, daß man die Pflanzen verpäpelt. Die Rcgulationstemperatur für ein kaltes Orchideenhaus ist von 45 Grad Fahrenheit bis 57 Grad Fahren- heit im Winter und zirka 60 Grad Fahrenheit im Sommer. Das ist ungefähr die gewöhnliche Temperatur jedes ordiniären unge- heizten Gewächshauses. Die notwendige Wärme für jene zahl- reiche» Orchideen, die ursprünglich von den Bergdistrikten Indiens und Südamerikas zu uns kamen, übersteigt niemals 7V Grad Fahrenheit im Sommer oder 60 Grad Fahrenheit im Winter. Alles, was der Züchter der abgehärteten Orchidarten sonst noch zu tun hat, ist. daß er dafür sorgt, daß fie nicht der Frost im Winter oder übergroße Hitze im Sommer tötet, daß die Wurzelballen durch zu geringe Bewässerung nicht austrocknen oder durch zu reichliche Bewäfferung nicht verfaulen. Dazu bedarf er auch keiner Orchid- Häuser. Es ist weder notwendig noch ratsam, andere Pflanzen aus der Nähe der Orchideen zu entfernen. Orchideen sind von Natur aus Gesellschaftspflanzen und lieben die Nachbarschaft an- derer Pflanzcngebildc. Farne und Orchideen in einem Haus zu- sammen kultiviert, geben außerdem ein schönes Bild. Jene pro- fessionellen Orchidccnzüchter, welche die gemischte Kultur Hand- haben, bezeugen, daß ihre Pflanzen gerade deshalb besondere Lebenskraft und Gesundheit besitzen. Volkstümliche Orchideen- Varietäten werden gegenwärtig in Tausenden von Exemplaren aus allen Weltteilen von den Orchideenzüchtern in Belgien, Frankreich und England alljährlich importiert und für den Handel groß- gezogen. Sie werden später zu erschwingbaren Preisen, von drei Frank pro Stück aufwärts, zum Kaufe ausgeboten. Dabei garan- tieren die Züchter Gesundheit der Pflanzen und Namcnscchthelt, so daß Liebhaber, die sich auf solche Weise einige O-rchidccnpslanzcn zulegen wollen, Gewächse erhalten, die stark genug find, auch Blüten zu entwickeln, wenn ihre Blütezeit herankommt. Unter den 4000 bekannten Orchideenarten gibt es zirka 100— 150, die mit der größten Aussicht auf Erfolg in einem sogenannten kalten Grün- Haus gehalten werden können. Da vielleicht einige Leser nach Durchficht dieser kleinen Arbeit die Absicht haben es mit der Kultur einiger Kalthausorchideen zu versuchen, so wollen wir hier zum Schluß noch ein halbes Dutzend solcher Kalthausvarietäten nennen, die sowohl in der Form, wie auch in der Farbe ihrer Blüte» von großer Mannigfaltigken find. ES sind das: Oyprjxoäiuin insiKno; Odontoglossum Rossi majus; Epidendrum vitelinum majus; Ada aurantiaeca; Saphronitis grandiflora und schließlich Öncidium tigrinuno.— A. G. Grant. kleines feuilleton. a. Züricher Schulwesen im Mittelalter. Wie überall, lag auch in der Schweiz das Schulwesen zunächst in den Händen der Geist- lichen. Es wurde in dem Sinne jenes Erlöstes Karls des Großen geführt, der zwischen 780—800 ergangen und den Erzbischösen be- fiehlt. der Jngend, besonders der geistlichen, im Lesen, Singen und der Bibel Unterricht zu erteilen. Wie dieser Unterricht ausgesehen, beweist die Tatsache, daß im Jahre 1335 die Chorherren eines so reichen und mächtigen StistcS, wie das des GroßmünstcrS in Zürich, erklären müssen, daß keiner von ihnen schreiben könne. Der Unterricht, den die Geistlichen erteilten, trug natürlich im wesentlichen kirchlichen Charakter. Die Sckule ist nur Stastage und Glied der kirchlichen Machtfiille. Bei Messen und Prozessionen müssen die Schüler geistliche Lieder singen. Waren Kranke niit den Sakramenten zu versehen, muhten vier Schüler die Kircheiifahne dem Priester vorantragen. ES war ihre Aufgabe, Almosen für die Kirche zu sainmeln, bei feierlichen Prozessionen auch Kerzen. Auch zu den mannigfaltigsten sonstigen Dienstleistungen zog die Kirche ihre Schüler heran, wie sie denn auch das Reine- machen der Kirchengewölbe zu besorgen hatten. Immer aber mußten fie bei solchen Anlästen mit ihren kirchlichem Abzeichen,- dem Chor- mantel, erscheinen. In Zürich gab eS schon frühzeitig zwei solcher geistlichen Schulen. eine am Herren- oder Großmünster, und eine am Fraunninster. Aus dem Dunkel der Vergangenheit treten sie jedoch erst im Jahre 1225, in welchem sich zum ersten Male ein„scolasticus" am Großmünster erwähnt findet. 1271 taucht so etwas loie eine Schulordnung auf. Das Kapitel vom Großmünster bestimmt, daß der Scolastikus von ihm gewählt, dem Propst präsentiert und von diesem ernannt wird. Als Gehalt wird neben Naturalbezügen aus dem Stifte der hohe Betrag von 4 Mark Züricher Währung ausgeworfen. Aber schon ein Jahr später reute die Kapitelsherren die voreilige Großinütigkeit und sie setzten da§ Gehalt auf 2 Mark Silber oder 20 Schestel Getreide herab. Borsichtigerweise wird hierbei noch bemerkt, daß der Propst das Recht haben solle, dieses Gehalt ganz nach Gutdünken zu vermindern oder ganz zu erlassen. Jede dieser Schulen hatte mehrere Klassen. Daher war der ScolasticuS auch noch verpflichtet, fich einen „Provisor", d. h. Gehülfen zu halten. Die Schüler, die diese Schulen besuchten, waren gar ungleichen Alters und Art. Teils waren es noch Knaben, welchen eS des Abends verboten war. mit dem„Spiel", d. h. den um Almosen und Gaben in der Stadt fingenden und spielenden Schülern umherzuziehen, teils waren es erwachsene Leute, die zum Tanz gingen und mit dem Degen hantierten. Die um Brot fingenden Schüler bildeten immer einen sehr hohen Prozentsatz der Schule. Wurde ihre Zahl einmal zu groß, so suchte der Rat fie zu beschränken. Am Grotzmiinster gab cS eine Art von Konvikt für acht arme Schüler. Jeder Chorherr sollte täg» lich zwei ziemliche Stücke von seinem Pfründbrot dafür opfern oder aber Sonnabends vier neue Pfennige zahlen. Die Schule selbst nannte ihre Zöglinge„Schnoler", der Volks- mund bezeichnete fie aber als„Studenten"— die Register nennen dabei oft statt der Eigennamen charakteristische Eigenschaften der zu Bezeichnenden. So heißt es einmal„der Schnoler der übel reden kann",„der Student im grauen Rock", oder man bczeickmet ihn mit dem Beinamen des Geburtskanlons, z. B.„der Schnoler von Unterwalden". Mit der Bürgerschaft lebten die Schüler, trotzdem ein großer Teil davon auf deren Mildtätigkeit angewiesen war. durchaus in keinem outen Einvernehmen. Raushändel,„den Degen zucken",„blutrunS schlagen",„haaren" zwischen Bürgerschaft und Schülern wird öfter erwähnt. Daim und ivann gebrauchten die Bürger ein wirksame? AbschreckungS- und Abkühlungsmiitel für das übermütige, rauflustige Völklein,„fie badeten die Studenten", d. h. sie warfen deren einige ohne viel Federlesens in die Limmat. DaS Rechtsverhältnis zwischen Schüler und Bürgerschaft ivar se»t 1304 durch Vergleich des RaleS, der Ritter und der Gemeinde Zürich mit der Aebtissin, dem Propst und den Kapitell, geregelt. Dcingemäß klagten Geistliche, zu welchen auch die Schüler gehörten, bei Verletzungen oder Strettigkeiten mit den Bürgern vor dem Rate. Die Bürger aber klagten gegen Geistliche und Scküler vor dem geistlichen Gericht. In diesem geistlichen Gericht saßen drei Chor- Herren, einer von der Abtei Fraumünner. zive, von, Großmünster. Ausgang des 15. Jahrhunderts nahm das Schulwesen auch in Zürich eine ernstere Richtting an. Die allzu große Berqnicknug mit dem Kirchenwesen, die dann wieder gar zu oft in leichtfertige Weltlichkeit umschlug, konnte wahrlich keine'guten Früchte tragen, dazu war die Kirche und ihre Diener immer ungeeigneter geworden, das Schuld lvesen zu leiten. Die LedeuSweise der Priester und Chorherren war auch in Zürich immer zügelloser und wilder geivorden. Ganz allgemein ging die Klage, das; die Chorherren das Kirchcngut mit liederlichen Jungfrauen verpraßten. 1485 muß der Rat ihnen verbieten. den Gottesdienst nicht durch lästerliches Brett-, Karten- und Würfel- spiel in ihren dicht neben der Kirche gelegenen Wohnungen zu stören. Daher beginnt auch in der Schweiz neben den kirchlichen Latein- schulen die Aera der deutschen Schulen, und damit der Uebergmig zu Gemeinde- und Staatsschulen statt der Kirchenschulen. Andere Gegenden und Städte Deutschlands hatten mit der Gründung von Gemeinde- und Stadlschulen weit früher deir Anfang gemacht. So ivarcn in Lübeck 1262 Lese-, Schreib- und Rechenschulen, in Wismar 1279, in Hamburg 1281 errichtet worden, nicht ohne daß die Geistlichkeit sich mit allen Mitteln derartigen Gründungen lvidersetzt hätte. 1491 wird zuerst in Zürich eine deutsche Schule und mit ihr ein Lehrer Wirz als„Kinderlehrer" erwähnt, 1505 Urban, der„deutsche Schulmeister", sowie 1513 Whß, der Kinderlehrer. Neben den deutschen Stadtschulen nimmt das Privatschulweseu einen mächtigen Aufschwung. Dieser hatte zwar schon das ganze Mittel- alter hindurch geblüht. Pfarrer und Schreiber, die nicht selten als fahrende Gesellen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zogen, unterrichteten die weit von den Städten wohnenden Kinder im Rechnen, Lesen und Schreiben. Unter dem Bürgermeister Waldmann wird eine solche Privatschule des Schreibers Antonius erwähnt. Besagter Schreiber klagte aber bitterlich über die üble Gewohnheit vieler seiner Schüler, indem er ausruft:„Lernen will wohl jeder, bezahlen aber nicht". Dadurch scheint sich das damalige Zeitalter vorteilhast von unserem heuligen unterschieden zuhaben, in welchem mancher etwa? umsonst lernen könnte, aber dies nicht will. Ueber die Höhe des Schulgeldes ist nichts erwähnt, es scheint aber allgemein recht viel genommen worden zu sein. Von München wissen wir, daß Ausgang des 13. Jahrhunderts das Schulgeld 48 Pf. betrug und daß diese Summe auch bezahlt werden mußte, wenn der Schüler aus irgend welchen Ursachen die Schule nur acht Tage besucht hatte. Daher die allgemein eingerissene Drückebergerei vom Schulgeldzahlcn. In Zürich hatten die Lehrer der beiden lirch- lichen Schulen am Groß- und Fraumünster schon im 13. Jahrhundert mit einander das Abkommen getroffen, keinen Schüler bei Ueber- sicdeluug in einen anderen Schulsprengel aufzunehmen, der vorher nicht beim alten Lehrer sein Schulgeld bezahlt habe. In der Schweiz wirkte besonders Zwingli. der 1525 selbst Lehrer am Großmünster geweicu war, für eine bessere Ausgestaltung des Volksschnlwesens. Dock waren die Fortschritte im allgemeinen spär- lich. Zivar errichtete Basel schon 1546 deutsche Gemeindeschulen, dagegen folgte Bern diesem Beispiele erst 1616. Späterhin scheint in Zürich das Schulwesen arg in Verfall geraten zusein. Wenigstens sieht sich im Jahre 1693 der Rat der Stadt veranlaßt, folgende Er- Mahnung an seine Bürger zu richten:„Man habe mit Mißfallen vernommen, daß einige Väter ihre Söhne nicht mehr in die Deutsch- und Lateinschulen schicken, sondern in Nebenschulen oder Hauslehrern übergeben, wodurch sie von dem Kirchgahn und ge- meiner Ufsichl abgezogen und also erfrechet werden, daß leider unter ihnen das Spielen, Fluchen und unanständiges Gewühl auf der Gaß und seldst im HuS des Herrn so zugenommen, daß remeckur erforderlich." � h. Sympathie und Antipathie im Pflanzenreich. Maiblumen und Rosen soll man nickt zusammen in ein Wasserglas stellen, und Reseda soll man auf kein Roscnbeet aussäen, denn diese Blumen„vertragen sich nicht miteinander", das ist iveit verbreiteter Volksglauben. Dieser Glaube ist alt, er stammt aus der Zeit, da man den Pflanzen eine Seele zuschrieb. Dann kennt der Volksglaube auch Pflanzen, die einander auch günstig beeinflussen. So soll ein welkender Rosenstrauch durch einen frischgepflanzien Lauch wieder zu neuem Leben erweckt werden. Andere Pflanzen sollen eine» Einfluß auf die Gestalt ausüben, so muß der Efeu unrcgel- mäßige Blätter hervorbringen, wenn er nnt einem Schiefblatt tBegonie) in einen Topf gescßt wird. Nicht allein der Volksglaube hat sich mit Shmpathie und Anti- patbie ini Pflanzenreich beichästigr, auch der Gelehrte machte diese Erscheinung zum Gegenstand seiner Untersuchungen. Manches, was der Volksglaube predigte, fand eine gewisse Bestätigung: manche fanden die Erklärung darin, daß den Pflanzen eine Seele zu- gesprochen wurde, und� als eigentlicher Mittler für die Synipathie und Antipathie wurde die Dustentwickelung und die Fähigkeit, äthe- rische Gcrucksstoffe aufzunehmen, hingestellt. Neuerdings wird das Thema eines Seelenlebens, oder, wie es heute treffender genannt wird, eines Sinneslebens im Pflanzenreich wieder zeitgemäß, und da dürfte wohl der eine oder andere Forscher da wieder einsetzen, wo die alten stehen geblieben sind und das Kapitel der Shmpathie und Antipathie wieder auf'chlagen. Daß so etwas Aehuliches in der Pflanzenwelt existiert, ist un- streitig, nur passen die Bezeichnungen„Sympathie" und „Antipathie" schlecht, wenn wir diese Begriffe wie in der Anwendung im Menschenleben auffassen. So hat der Schweizer Botaniker Nägeli auf eine Anzahl von Pflanzen- gattungen aufmerksam gemacht, deren Arten da, wo sie allein vor- kommen, keine Bodenart verschmähen: treten aber zwei Arten zu gleicher Zeit auf, so bekämpfen sie sich gegenseitig— um in der Sprache des Volksglaubens zu reden— bis eine unterliegt und auswandert. Jede Art kommt dann für die Folge nur aus einer bestimmten, aber anderen Bodenart vor. Solche Fälle sind bei der Schafgarbe, bei Enzianen, Alpenrosen und anderen Pflanzen be- obachtet worden. Eine unbedingt zutreffende Erklärung hat man für das sonderbare Verhalten dieser Pflanzen noch nicht gefunden. Bei anderen Fällen einer Sympathie oder Antipathie konnte als Ursache der Erscheinung die Notwendigkeit einer Fremdbestäubung durch Insekten festgestellt werden. Wenn Pflanzen mit für Insekten auffallenden Blüten und solche mit minder auffälligen Blüten durch- einander stehen und gleichzeitig blühen, so ist es erklärlich, daß die Mehrzahl der unscheinbar blühenden Pflanzen unbestäubt bleibt, weil die Insekten zunächst die auffallend blühenden Pflanzen be- suchen und für deren Begattung in erster Linie sorgen. Nach und nach müssen die unscheinbar blühenden aussterben, weil sie weniger von den Insekten besucht und somit auch weniger bestäubt werden. Andererseits ist folgender Fall scheinbarer Sympathie denkbar. Unter vielen Pflanzen mit unansehnlichen Blumen blühen gleichzeitig vereinzelt andere Pflanzen mit recht auffallenden Blumen, welche Insekten anlocken, die, weil ihnen die auffallenden Blumen nicht genug Nahrung bieten, dann auch die unscheinbaren Blüten be- suchen. Oder aber die Pflanzen mit unscheinbaren Blumen entfalten ihren Flor erst dann, wenn die auffallenden Blumen mit dem Blühen nachlassen. Die Insekten sind an den Besuch der betreffenden Stelle gewöhnt ivorden und besuchen dieselbe auch noch, wenn nur die weniger auffälligen Blumen blühen. Jedes- mal haben aber die Pflanzen letzter Art einen Vorteil durch die Amvesenheit der andern Pflanzen. Die Auffälligkeit der Blumen kann sowohl in der Farbe wie in dem Duft liegen. Ein anderes Beispiel scheinbarer Sympathie. In einer Ouedlinburger Handelsgärtnerei wurde beobachtet, daß zwei Schlingpflanzen zur Blütezeit Wespen und Hornissen in großer Zahl herbeilockten, und zwar derart, daß Wcinpflanzen, die 166—506 Meter von den Schlingern entfernt standen und die sonst sehr unter Wespenfraß zu leiden hatten, jetzt verschont blieben. Die Lebensgeschichte der wirtswechselnden Schmarotzerpilze ist heute bekannt: was lag aber vor Erkenntnis derselben näher, als Antipathie anzunehmen, wenn man sah, daß das Getreide in der Nähe der Berberitzen erkrankte, daß weiter Birnbäume unter der Amvesenheit von Sadebäumen, Erbsen bei solcher von Wolfsmilch zu leiden hatten. Wenn von zwei Pflanzen gleicher Art, die ncbeneinanderstchcn, die eine eingeht, so ist es keine Seltenheit, daß die Ucberlebende sich so sehr über den Tod deS Genossen„grämt", daß sie keine Frucht mehr ansetzt. Der Volksglaube macht flugs Sympathie daraus. Die Wissenschaft erklärt das Ausbleiben der Frucht durch das Fehlen eines für die Bestäubung notwendigen anderen Individuums der- selben Art. So sehen wir die mystischen Fälle sympathischen oder anti- pathischen Pflanzenlebens sich auf einfache Weise aufklären: und da, wo Erklärungen einstweilen noch fehlen, dürfen wir solche von der Zukunft erwarten.— Notizen. — G o r k i soll lebensgefährlich erkrankt sein.— — Paul L i n s e m a n n wird wieder, wie seit mehreren Jahren, mit seiner Schauspielgesellschaft vom 1. Mai an im Carl Schnltze-Theater in Hamburg und im Residenz-Theater in Dresden Vorstellungen geben.— — DaS Wiener Bürger-Theater hat ein neues Studentenstück von Ferdinand Wittenbauer: hospitalis" erworben.— — O s kgr Strauß' neue Operette„Hug Dietrichs Brautfahrt" gelangt noch in dieser Spielzeit am Carl- Theater in Wien' zur ersten Aufführung.— — Profeffor Koch geht anfangs April nach Britisch Uganda (Ostafrika). Es handelt sich um die Erforschung der Schlaf- krankheit.— t. Ein neues Metall wird jetzt unter dem Namen Viktor- Metall von England auf den Markt gebracht: es wird für Saudgießerei benutzt und soll sich namentlich für Benutzung an Schiffen außer- gewöhnlich eignen, da es der Einwirkung des SeewasserS trefflich lvidersteht. Es ist noch etwas weißer als Neusilber und besteht zu etwa der Hälfte ans Kupfer, ferner zu rund 35 Proz. ans Zink, zu 15 Prozent aus Nickel und in geringen Beimischungen aus Aluminium und Eisen. Der starke Gehalt an Zink ermöglicht die billige Herstellung deS Metalls. Bei der Ausführung der Mischung kommt es namentlich dckranf an, daß der Bestand an Aluminium nicht zu hoch wird, weil er sonst eine Brüchigkeit des Metalls herbei- führt. Ans 100 Pfd. des Metalls sind nur etwa 50 Gramm Alu- mininm notivendig. Die Geivinnuug geschieht derart, daß zunächst das Kupfer und das Nickel zusammen unter Borax geschmolzen und dann das Aluminium, später das Zink zugesetzt lvird. DaS Viktor- Metall wird in Barren gegossen. Zu Blech kann eS nicht gerollt werden, weil es dazu zu hart ist.— rM fRehafievr• XinnS Jg-lt-r Berti»— Drurf u Sieyjan- RorvläietsBuchdruckcrei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo,, Berlin