Anterhaltungsblatt dcs vorwärts Nr. 33. Freiing. t>eu 16 Februar 1906 lNnchduul vevbzien.) 19] Der Kuppclbof, Roman von Alfred Bock. Warum soll ich denn eigentlich den Allendörfer verklagen? Der Mann is gut, und Geschäft is Geschäft. Ich laß das Ding emal laufen, wie's läuft." Was soll ich Dir sagen? Ich Hab Dein Vater net verklagt und Hab ihm gelassen mein Geld. Außerdem, daß er mich damals hat drankriegen wollen mit seiner Zopplern, Hab ich Dein Vater gehalten für ein ehrlichen Mann. Gestern abend kommt mein Schwager, der Maier Rothschild.„Beim Dotz- heimer," sagt er,„haben sie Brait gemacht. Dem Allen- dörfer sein Matz is der Tochtermann. Und der Karges hat feinem Bub alles verschrieben."„Wie kann er seinem Bub alles verschreiben," Hab ich gesagt,,„er iS mir doch schuldig achttausend Mark? Daß er die Halftern ausstrippen will, wird ihn teuer zu stehen konimen." Und mein Schwager, der Maier Rothschild, hat gesagt:„Du kannst den Betrüger ins Stockhaus bringen."„Verlaß Dich drauf," Hab ich gesagt, „ich bring ihn herein." Jetzt bin ich auf dem Weg zu meinem Advokat. Und laß den Vertrag bei Gericht erklären für null und nichtig. Und mit der Brait is es nix. Nu weißt Du Bescheid." „Moritz," antwortete der Matz, bleich vor Schrecken,„Du kennst mich, daß ich kein Aufbrand*) mach. Bei mir hat sich mein Vater nie net ausgesprochen, in was für Händel er hängt. Erst vorgcst, wie ich heimkommen bin, hat mir mein Petter, der Hannpeter, zugedutschelt. Du hättst mein Vater in den Kluppen. Demwegcn hat ihn auch mein Schwier, der Dohheimer, gest angehalten. Dadraufhin hat he sich ausge- drückt, he Hütt wohl früher mit Dir gehandelt, alleweil wär's vorbei, und he hätt keine Schulden auf seinem Gut." Der Händler stemmte die Hand in die Hüfte. „Gott, was eine Gemeinheit!" „Ich sag Dir's, wie's is." bekundete der Matz,„und tu nix ab und dezu. Ich sein Dir gut defür, wann ich von den Sachen Verstand gehabt hätt, mein Vater hätt nix schriftlich gemacht." Der Edelschild kniff die Augen zusammen. „Schabbesschmus!" „So wahr ich hier steh!" beteuerte der Matz.„Bring uns net ins Ungerick, Moritz. Ich nehm alles auf mich, und Du kriegst dreidoppelt eraus." „Wie heißt dreidoppelt? Hier ropp ich den Pfahl aus, da steck ich ihn wieder hcxein. Faule Massematten!" „Laß mich nur erst am Werk sein, Du machst Dein Geschäft." „Geh mir weg,'s is kein Broche dran." „Du kannst auch Dein Vieh bei mir einstellen, und ich fütter's." Trotz der Vergünstigung, die ihm da eingeräumt wurde, ließ der Moritz das Fischlein noch ein bißchen zappeln. „Was hätten sie gemacht für ein Geseire im Land," rief er, den Zeigefinger vorstreckend,„wenn einer von unsere Leut so was pexiert hätt wie Dein Vater. Wie die Wölf wärn sie über uns hergefallen und hätten geschrieen: wie der eine is, is die ganze Mischpoche. Alles, was recht is, seine Straf muß er haben. Dein Vater." Dem Matz trat der Angstschweiß auf die Stirn. „Was Du meinem Vater tust, tust Du mir, und ich sein kapponniert." „Gott soll Kinder behüten vor so einem Vater!" „Etz sei net unwirsch, ich sein Dir doch sicher." Der Moritz schritt ein paar Mal die Kammer auf und ab und blieb dann vor dem jungen Bauer stehen. „Ich will wieder emal sein der gute Schlemihl und fünf sein lassen gcrad! Du gibst mir ein Schuldschein auf acht- tausend Mark.". � � � Dein Matz war's, als fiel ihm ein Stein von der Brust. „Ich gcb Dir ein Schuldschein auf achttausend Mark," wiederholte er, mühsam seine Freude meisternd. „Und zahlst jed Jahr fünfhundert Mark ab." •). Lüge. „Und zahl jed Jahr fünfhundert Mark ab." „Mein Vieh stell ich bei Dir ein, wann mir's paßt." „Das hatt ich Dir ja schon angeboten." „Und halt mir aus, daß ich das Geschäft mach aufm Hof nach wie vor." „Das versteht sich." „Dann sind wir einig." Der Moritz zog fix den Schuldschein aus der einen, Tinte und Feder aus der anderen Rocktasche, der Matz unterschrieb, und die Sache war abgetan.— Eine Viertelstunde später trat der Matz marschfertig in den Garten, nachdem er zuvor von der Mutter Abschied ge- nommen hatte. Der Allendörfer kam ihm entgegen. „No, soll's losgehn?" Ohne darauf zu antworten, sagte der Matz mit finsterem Blick:„Der Moritz Edelschild war da." Dem Karges stieg eine Blutwelle zu Kopf. „Was wollt he dann?" .„Sein Geln." „So, so." „Und Ihr seid ihm doch gar nix schuldig, gelle?" „Wohl sein ich ihm schuldig." „Und habt's gest abgeleugnet bei der Brait? Und habt mir verschrieben, was dem Moritz gehört? Wißt Ihr dann net, daß auf so was Stockhaus steht?" Der Allendörfer richtete sich auf. Die Adern schwollen ihm an Hals und Stirn, aus seinen Augen schlugen Flammen. In diesem Augenblick schien es, als wollte er sich auf den Frechen stürzen, der allen kindlichen Respekts bar eine solche Sprache gegen ihn führte. Plötzlich sank er in sich zusammen, und die schon erhobene Hand tastete die Brust herunter. In Schuld verstrickt, des wurde er inne, hatte er die Macht über seinen Sohn verloren. „So weit is es kommen," gab der Matz seiner Ent« rllstung Worte,„mich wundert's net. Meine Mutter be- schwert sich, daß Ihr sie nix ästemiert, und ich kenn von Euern Händeln so viel wie uns' Gäns'. Is das in der Ordnung? Wie wär's dann gewest, wann Euch der Moritz aufs Bänkche gebracht hätt, hü? He wollt's, weiß Gott! Mit Hängen und Würgen bab ich ihn erumgekriegt und Hab für Euch unterschrieben. Was Hab ich nu? Ich racker mich ab für Euch und den Judd. Achttausend Mark, so ein Sündengeld! Wo habt Ihr die dann hingeschafft?" „Die sein in Lebsucht aufgangen und stecken im Gut," erwiderte der Allendörfer, froh, so über alle Erwartung rasch banger Sorge enthoben zu sein. Unh mit einer Offenheit, die ihn sicherlich Uebcrwindung kostete, bekannte er:„'s is merkwürdig, ich sein in der Boledick so gut beschlagen, rechnen kann ich net. Mein Vater selig hat's auch net gekonnt und hat doch festgestanden. Wann der seine paar Gulden für Steuern zusammen hatt' und für das bissi, was er auf dem Markt kaufen mußt, dann war er fertig. Selbigmal braucht der Bauersmann so gut wie nir zu verkaufen und zog alles selbst, und was er trug, war selbstgesponnen und selbst- gemacht. Alleweil is das anders. Etz tut's nötig, daß der Landwirt gleich Kaufmann lernt und sein Vieh anschlägt, seine Milch, seine Frucht und sein alles. Ich sein dadrauf net geeicht. Ich Hab gczackert'), wie mein Vater selig ge- zackert hat. Und die Ausgaben sein größer worden und immer größer, und für meine Frucht Hab ich jed Jahr weniger kriegt. Da kommt man dann zu so einem Edel- schild. Du mußt net glauben, daß ich den Moritz beschummeln wollt. Gott bewahr. Ich Hab so gedenkt: gehört meinem Bub mein Gut, gehören ihm auch meine Schulden. Und hat er erst den Goldfisch verwischt, kann er sie desto chnder be- Zahlen." Den Redseligen blickte der Soldat von der Serie an: „Und daß Ihr den Totzhcimcr hinters Licht geführt habt. das rechnet Ihr für gar nix!'s scheint. Ihr habt Euch Euern eigenen Katechismus zurechtgemacht. Ein Glück, daß der Judd nir weitcrschwätzt. Man soll zwar den Tag net vor dem Abend loben. Kommt ein Dreckfleck auf uns' Familie, habt Jhr's zu verantworten."— 1•) ackern. Ohne Sem Vater die Tand zu reichen, ging der Matz 5abon. Die Hofreite lag längst hinter ihm, und noch immer Stand der Allendörfer wie angewurzelt. Verdiente er wirk- ich die Schmähungen, die ihm der Bub an den Kopf ge- worfen hatte? Warum hatte er den Dotzheimer belogen? Doch nur, um die Brait ins reine zu bringen und dem Matz zu einem reichen Mädchen zu verhelfen. Nun lohnte der infame Mensch ihm mit schnödem Undank und kehrte den Rauhpintscher heraus,'s war zum Verzwazzeln! Ja. ja, vielleicht war doch einer droben, der bei der Brait zugehört hatte und ihn die Zuchtrute fühlen ließ. Larifari I Als ob er's nicht besser wüßte:'s war keiner droben,'s war alles Natur. Daß er immer wieder rückfällig wurde!_'s war wie eine Krankheit in ihm. Fort mit den Selbstauälereien! Eine Hoffnung winkte ihm jetzt: der Bauernverein. Da hielten sie große Stücke auf ihn. Kein Wunder! Wenn es galt, die Rechte der Bauern zu verteidigen, stellte er seinen Mann. Sie konnten gar nichts besseres tun, als ihn zum Abge- ordneten zu wählen. Saß er erst einmal im Landtag, dann würde er die Genugtuung erleben, daß sie alle vor ihm katz- buckelten, die Hochmutsnarrcn, die Großtuer, die heute auf ihn herunterguckten und sich besser dünkten als er. 14. Solange der Fried daniederlag, hatte ihm seine Mutter der Mariann Verlöbnis mit dem Allendörfermatz verheim- licht. Als er, kaum genesen, den ersten Schritt ins Dorf tun wollte, teilte sie ihm behutsam die Neuigkeit mit. Ohne ein Wort der Ueberraschung oder der Klage zu äußern, suchte er sogleich den alten Bickelmeier auf und bat diesen, eine Ge- legenheit ausfindig zu machen, durch die er sein Handwerk- zeug in die Stadt schicken könne. Da spannte der Greis selbst sein Gäulchen an und brachte die Nähmaschine samt ihrem Eigentümer fort. In der Stadt traf der Fried seinen Lehrherrn, den Schneider Unverzagt, in großer Trauer. Die Frau war ihm gestorben, mit der er über dreißig Jahre in Eintracht gelebt hatte. Die Ehegatten hatten sich aufs glücklichste ergänzt. Während der Meister als ein Mann, der mancherlei Pro- blemen nachgrübelte und in seinen Mußestunden Geschichts- Wissenschaft trieb, einer ernsten Lebensauffassung zuneigte, hatte die Natur seiner Gefährtin ein heiteres Temperament verliehen, das allen Schicksalsschlägen Widerstand. (Fortsetzung folgt.) lNnchdvuck verboten.) Mänck und Zwifcbcndcckcn aus Slagftemen. Die Verwendung von Glasstcinen als Baustoff reicht nur tvcnige Jahre zurück. Die Glasbausteine sind bor etwa zehn Jahren in Deutschland aufgetaucht, eine weitere Verbreitung haben sie aber jedenfalls erst seit der Pariser Weltausstellung des Jahres ILOO gefunden, wo die überaus mannigfachen, zum Teil recht gefällig wirkenden Fabrikate vorgeführt wurden, die nach den von Garchcy gewonnenen Patenten hergestellt werden. Diese in allen Formen und Farben hergestellten Garchebsteine, welche die schönsten Stein- imiwtionen gestatten, unterscheiden sich sehr wesentlich von den bei uns namentlich für Pavillons und Gewächshäuser verwendeten Glashohlsteinen, die gleichfalls die Konstruktion von Wänden und Gewölben in regelrechtem Verbände gestatten und den Vorteil ge- währen, das Tageslicht in vollstem Maße für gewisse Zwecke aus- nutzen zu können. Die große Härte und Druckfestigkeit des Garchcystcines im Verein mit der prächtigen Wirkung dieses Materials ermöglicht es, dekorative und konstruktive Zwecke zu vereinen. Dazu kommen noch andere, dem Glase eigentümliche Vorzüge. Das Glas wird von Chemikalien nicht leicht angegriffen, so daß Fußböden und Wand- beklcidungcn aus Glasfliefen mit Vorliebe für Laboratorien An- Wendung finden, in welchen mit Säuren und anderen Chemikalien gearbeitet wird Da ferner auch Röhren, Riimen, Behälter usw. nach Garcheys Patenten gefertigt werden, so haben wir hier ein Material, welches ganz besonders den Ansprüchen chemischer Fa- brikcn zu genügen vermag. Aber auch in Krankenhäusern, Asylen, Badehäusern usw., wo ständig ein Abwaschen der Fußböden und Wände mit warniem, häufig mit Desinfektionsmitteln versetztem Wasser vorgeschrieben'st, ist dieses lacht zu reinigende Material, bas jeder Innendekoration angepaßt werden kann und die Nachbildung bcs schönsten polierten Marmors gestattet, vortrefflich geeignet. Stach den Garcheypatenten arbeiten nicht allein vier große Gesell- ischaftcn in Frankreich, sondern auch große Hütten in Deutschland, Belgien, Rußland, Spanien usw. Die Preise sind nickst mäßig, doch fezF Material ist auch außerordentlich dauerhaft, so daß cS sogar zu Straßenpslasterungen verwendet wird und den. Wettbewerb mit dem besten Granit aufnimmt. Ter Preis richtet sich natürlich vollkommen nach der Größe der Stücke und der Art der Dekoration. In den Katalogen der Fabrikanten findet man glatte, polierte und gerillte Kacheln zur Wandbekleidung für Küchen, Speisezimmer, Korridore, Badezimmer usw., wie auch Fliesen für Bürgersteigc, Ställe, Durch- fahrten usw. aufgeführt. Zu Pflasterzweckeu und Aufführung von Mauern werden rauhe und gerillte Mauersteine in den verschiedenen Größen angefertigt. Ferner gibt es große Platten nach Art der Marmortafeln zur Verkleidung von Wänden, Gossenfteine, Treppen- stufen, Bordschwellen usw. Tie Steine, Platten und Kacheln können in den verschiedensten Farben, wie weiß, grün, rosa, gelb usw., so- wie auch in gesteinartigen Zeichnungen erzeugt werden. Bei der Pariser Stadtbahn findet nwm Wand- und Treppenkonstruktionen aus Garcheysteinen, das Material ist sehr schön und sauber, doch besitzt es einen von den Beamten betonten Uebelstand: es läßt sich nicht behauen oder wenigstens sehr schwer mit Hammer und Meißel bearbeiten. Eine besondere Schwierigkeit besteht also darin, bei verzierten Platten an Fußboden und Wänden die Paßstücke in die Ecken und Winkel zu bringen. Man kann bei der Fabrikation hier- auf Rücksicht nehmen, aber bei Reparaturen wird die Arbeit sehr schwierig und ziemlich kostspielig. Seitens einer bautcchnischen Gesellschaft wurden vor einiger Zeit ziemlich umfassende Prüfungen des Materials, welches vielfach als Keramo bezeichnet wird, vorgenommen. Die Zentrale der Ge- sellschaft berichtet, es sei eine Fußbodenfliese, ein Block, der polierten Marmor imitierte, ein mosaikartig dekorierter Block und eine mit Ornamenten geschmückte, mit Gesimsansatz versehene Wandtäselung untersucht worden. Der Bericht sagt: Bei sorgfältiger Prüfung findet man, daß Garcheys keramischer Stein— gleichgültig aus welcher der zahlreichen Hütten er stammt— nichts als Glas ist, daS in einen besonderen Molekularzustand gebracht ist. In gewissem Sinne bildet er eine neue Substanz, welche bald dem Sandstein. bald dem Granit oder Marmor ähnlich ist. Das Produkt erhält man, wenn man zerbrochenes Glas bis auf 1250 Grad erhitzt und durch hydraulische Kraft in Matrizen komprimiert. Ein ftanzösischer Fabrikant, Inhaber einer bcv größten Keramofabrikcn, die sich in Demi-Lune bei Llzon befinden, behauptet sogar, er könne mit diesem Material jedes gegebene Vorbild nachahmen. Das ist natürlich eine Uebertreibung, wahrscheinlich ist nur die Nachbildung von Gesteinen gemeint, die für Bauzwecke Verwendung finden. Der Konsul der Vereinigten Staaten in Lyon berichtet gleichfalls über das Ver- fahren, das in mancher Beziehung noch nicht ganz erklärt zu sein scheint. Er sagt: Das Phänomen der Entglasung erzeugt eine Art von Auflösung, die mehr scheinbar als wirklich ist. Denn bei chemischer Analyse zeigt das entglaste GlaS die gleiche Zusammen- setzung wie das natürliche Glas. Man kann daher sagen, daß ent- glastcs Glas alle physikalischen und chemischen Eigenschaften des Glases besitzt, nur die Durchsichtigkeit geht verloren. Dabei nimmt aber daS Glas ein völlig neues Aussehen an. Das nach dieser Methode behandelte GlaS ist widerstandsfähig gegen Druck und Frost, schwere Erschütterungen und starke Abnutzung. Es wird hier betont, daß das Keramo nicht durchsichtig sei. Es ist aber sehr wohl möglich, lichtdurchlässige Konstruktionen zu schaffen. Viele werden sich noch an den wunderbaren Glaspalast auf der Pariser Weltausstellung vom Jahre 1900 erinnern. In den hohlen Wänden, Gewölben, Treppenstufen dieses kleinen Palastes brannten Glühlampen, deren Licht durch die dicken Platten von eigentümlicher Färbung nur gerade hindurch schimmerte. Das Ganze sah am Abend wie ein aus Perlmutt und Onyx errichteter Feenpalast aus. Dieses wunderbare Experiment diente aber einem recht prak- tischen Zwecke. Bei Tage ist ein derartiger Pavillon auch ohne Fenster genügend erhellt. Die baupolizeilichen Bestimmungen schreiben häufig vor, daß in gewissen Wänden, nameirtlich an Nachbargrenzen oder in Gicbelwändcn keine Fenster angebracht werden dürfen. Höchstens gestattet sie ganz kleine Oeffnungen, die aber mit einer, in festem Eisenrahmen sitzenden Rohglasscheibe ver- schlössen werden müssen. Das ist für den Bautechniker, der die Grundfläche möglichst günstig ausnützen will, eine sehr unangenehme Bestimmung. Er ist genötigt, hier lauter dunkle Kammern anzu- legen. Nun gibt es zwar in jeder Wohnung und noch mehr in Fabrik- und Geschäftsgebäuden genug Räume, die keines Fensters bedürfen; denn Licht braucht man auch in Räumen, die nur zur Aufspeicherung von Waren irgend welcher Art, von Heizmaterial und so weiter dienen. Nun hat inan in den Glasbausteinen ein Material gefunden, welches auch die Baupolizei als massiven Bau- stoff anerkennt, der aber das Licht reichlich durchläßt, ohne daß man hindurchzusehen vermag. Eine Mauer aus Glasbausteinen kann die Polizei nicht gut als Fenster bezeichnen. In Deutschland sieht man am häufigsten hohle Glasbausteine, die nach dem System Falconnier in verschiedenen Formen hergestellt sind und deren eigenartige Gestalt die Lichtwirkung im Innern zu verstärken vermag. Sie eignen sich vorzüglich für Gewächshäuser, werden aber auch vielfach an Stelle der Fenster und als Oberlichte für Wintergärten, Fabriken und Stallungen verwendet. Es wird nicht ohne weiteres einleuchten, warum häufig Fensteröffnungen mit Glasbausteinen ausgesetzt werden. Sie sollen hier die Doppelfenster vertreten. Ein Doppelfenster erhält bekanntlich die Wärme im Innern des Raumes besser als ein einfaches Fenster, vermöge der zwischen Außen- und Jnncnfenster liegenden Luftschicht, die be- kmntlich einen schlechten Wärmeleiter bildet. Aber die Fenster schließen häufig nicht dicht, und dadurch wird der Vorteil wieder auf- gehoben. Die Glasbausteine, welche vollkommen dicht in Zement versetzt werden, enthalten sämtlich einen isolierten Luftraum, er- füllen also ihren Zweck in sehr vollkommener Weise. Sie sind für alle Bauten geeignet, die im Innern neben gleichmüßiger Temperatur viel Licht verlangen. Auch die Formen sind sehr günstige; man kann ebensowohl vertikale Wände, wie horizontale Decken zwischen Eisen- trägern und auch recht gefällige Gewölbe in diesem Material aus- führen, also das Licht, je nach Erfordern, bald durch die Wand, bald durch die Decke, bald wieder von allen Seiten eindringen lassen. In den letzten Jahren haben sich ferner Prismen und Platten eingebürgert, die zwischen eisernen Trägern als Oberlichte verwendet werden und durch Diffusion natürlichen Lichtes zur Beleuchtung unterirdischer Räume und dunkler Winkel vortrefflich geeignet sind. Sie unterscheiden sich von den sonst gebräuchlichen Oberlichten nicht allein dadurch, daß sie lichtverstärkend wirken, sondern daß sie durch Fußgänger und selbst durch Wagenvcrkchr stark in Anspruch ge- nommen werden können. Man kann also sowohl in die Bürgersteige, wie auch in das Pflaster umfangreiche Obcrlichte aus diesem Wasser- hellen Kristallglas einlegen. Auch Dachsteine hat nian aus Glas gc- fertigt, so daß eigentlich, rein technisch betrachtet, heute keine Schwierigkeit mehr besteht, ein Haus von allen Seiten vom Tages- licht durchfluten zu lasten, wenn es in einem besonderen Falle darauf ankäme. Selbst die Hohlstein« dürfen leicht belastet werden, doch in Verbindung mit Eisenkonstruktionen entsteht natürlich gar keine Schwierigkeit, die Hauptlasten auf die eisernen Träger und Stützen zu übertragen. Für das Vermauern der Glasbausteine werden verschiedene Mörtclrezepte empfohlen. Ein gebräuchliches Rezept für Glashohl- steine lautet: Man setze den Mörtel aus drei Teilen Sand, einem Teil Portlandzement und soviel weißem Kalk zusammen, daß sich die Mischung leicht bearbeiten läßt. Neuerdings sind auch Glasbausteine mit Drahtcinlagen auf- getaucht. Die Drahteinlage erhöht, zumal bei Hohlsteinen, die Tragfähigkeit außerordentlich.— Fred Hood. Kleines f emlleton. a. Der Pagstei». Die mittelalterlichen Ehrenstrafen zeigen je nach Landstrich imd Ort bei aller Gemeinsamkeit der Grundidee doch die verschiedcntlichsten Abweichungen und Variationen. Anders, be- sonders härter und strenger vollzieht der Norden derartige Strafen als der Süden, der sich bei solchen Anlässen des öfteren noch in humorvollen Zutaten gefällt. Besonders beim Lastersteintragen zeigt sich dies zur Genüge. In den österreichischen Weistümern, sowohl in denen aus Ober« wie Niederösterreich kommt die Androhung des Lastersteintragens sehr häufig vor. Gewöhnlich aber heißt hier der Stein, der im Norden den Namen Klapperstein, Wegstein, Lasterstcin trug, Pagstein von pa�sn, bagen d. h. zanken, streiten. Auch Pach- stein, Pochstein, Pockstein kommt vor. Die Strafe war, wie schon der Name sagt, eine Ehren- und Kirchenstrafe für keifige, rauflustige Weiber, die sich untereinander und miteinander gezankt und gescholten hatten. Sie wurde derart ausgeführt, daß die fehlbare Frau den umgehängten Stein, natürlich unter dein Hallo der Kinder und Zuschauer, soundsoviele Male eine vom Gericht genau bezeichneten Strecke auf- und abtragen mußte. War die zu bestrafende Frau rückfällig, geschah das Pagsteintragen in kleineren Städten imd solchen Dorfgerichten, die nicht nur bis zum Stock sondern bis zum Galgen richten konnten, wohl auch in Begleitung des Henkers und seiner Knechte, die die Delinquentin selbst aber_ nicht berühren durften. Es hieß dann ent- weder den Stein zu tragen durch da? Dorf von einem Falltor zum anderen, oder von einer Kirche zur anderen, von der Kirche oder Kloster bis zur Gemcindegrenze und zurück, dreimal herum in dem Eigen(d. h. dem Dorf oder der Gemeinde), um die Fleischbank, vom Pranger durch das Eigen und zurück oder von der Säule, wo der Stein für gewöhnlich als Gerichtsinventar angekettet lag, bis zum Haufe der Beleidigten. Und zwar immer an einem Freitage, dem gewöhnlichen Gerichtstage. Zur größeren Enipfindlichkeit der Strafe geschah das Steinetragcn sehr oft unter musikalisiber Begleitung eines Pfeifers und eines Paukers, von denen der Pfeifer vom Richter, der Pauker vom Ehe- mann der zu bestrafenden Frau zu bezahlen war. Auch daß der Mann, der seine Frau nicht im Zaume gehalten hatte, selbst pauken muß, kommt vor. So wird das Pagsteintragen zu eine Art Volks- fest. Obendrein soll der Richter, während die Frau in dem Dorfe auf« und niedergeführt wird, einen Eimer des besten WeineS nehmen, drei oder vier Gefäße darin legen, und alle jungen Knaben, soviel ihrer in der Gemeinde find, sollen den Wein zum Gedächtnis austrinken und daS böse Weib mußte ihn bezahlen. Daß die Situation für den Ehemann der bösen Sieben bei der Prozedur gerade keine angenehme war, läßt sich begreifen. Doch durste sich dieser in keiner Weise gegen das getroffene Urteil oder besten Ausführung auflehnen, wollte er nicht in eine Buße von 32 Pfund Heller fallen, dafür, daß er fich.des Gerichts hat unterwunden' oder.des Gerichts und der Herrschast Gerechtigkeit unterstanden'— doch mußte ihm der Richter vorher das„Stäb!' schicken das beißt ifm warnen sich einem richterlichen Befehle zu widersetzen— denn dann konnte aus dem Zankhandel eine sehr kurze Sache werden, abgesehen davon, daß sie ohnehin schon teuer genug war. Außer dem Gerichts- und Strafvollzugskosten samt Wein und Pauker wurde nämlich der Frau gewöhnlich noch eine Buße von 72 Pfennigen, sowie eines Pfundes Wachses an die Kirche, auferlegt. Hatten beide Frauen gleiche Schuld an den: Raufen und Zanken, und hatten beide den Pagstein getragen, so zahlten beide die Buße oder sie lvurde derjenigen auf» erlegt, die zuerst angefangen hatte. Als eine raffinierte Schärfung der Strafe ist zu betrachten, wenn die vorgeschriebene Strecke ohne jede Rast mit dem Steine zurückzulegen war und aus jedesnialiges Ausrufen eine Buße von 72 Pfennigen gesetzt lvurde. In späteren Jahrhunderten schwächte sich die Strafe deS Pagsteintragens insofern etwas ab, als die Richter auf Buße oder Steintragen erkannten, die Strafe also ablösbar wurde. Doch hielt sich der Pagstein im Süden außerordentlich lange und kommt noch in österreichischen und bayrischen Weistümem von 1730 und 1743 vor. Noch länger dauerte seine Herrschaft in der Schweiz. So wurden in Obwalden 1358 Mann und Frau wegen schlechter Kindererzichuug mit dem Lastersteii: und der Aufschrift„pflichtvergessene Eltern" öffent- lich ausgestellt. 1851 war dies mit einen: schmähsüchtigen Mann ebenfalls geschehen, dem, um ihm endlich einmal in des Wortes wahrster Bedeutung den Mund zu stopfen, obendrein ein Knebel in den Mund gesteckt war.— lc. Die Forschungsreise eine* Frau durch Afrika. In Chartum ist nach einer an Abenteuern reichen Reise durch das Innere von Afrika die Forschungsrcisende Miß Mary Hall wohlbehalten eingetroffen. Sie war im Juni von Chinde an der Küste von Portu- giesisch-Oftafrika aufgebrochen und den Sambesi bis Port.Oerald hinaufgegangen; dann wandte sie sich nach Norden zum Njassa- See, den fie kreuzte. Nunmehr setzte sie ihre Reise bis Abercorn fort, mußte dort jedoch sechs Wochen auf ein Boot warten, mit dem sie über den Tanganjika-See fuhr. Im November kam sie nach Deutsch-Ostafrika und wandte sich nun auf fast unbetrctenem Wegs nach dem Victoria Njanfa; auf diesem Teil der Reise, der 23 Tage in Anspruch nahm, bekam fie nur zweimal Europäer zu Gesicht. Ihre Begleitung bildeten zwei deutsche eingeborene Soldaten und eine Anzahl Diener. Die Eingeborenen, mit denen sie unteelvegs zusammentraf, erwiesen sich ihr sehr freundlich und brachten ihr Bananen, Ziegen milch, Perlen und Salz. Obwohl das Seengebiet durch Aufstände sehr beunruhigt war, kam Miß Hall glücklich hin- durch und erreichte Britisch-Ostafrika. Auf ihrem Wege sah sie zahlreiches Wild, Giraffen, Zebras, Strauße und Antilope». Ihr nächstes Reiseziel war Uganda, und schließlich gelangte sie über Nimale und Gondokoro nach Chartum, wo ihre in jeder Hinsicht erfolgreiche Forschungsreise ein Ende nahm.— Kunst. e. s. Die deutsche Jahrhundert-Ausstellung ist so umfangreich, daß die Nationalgalerie nicht Platz genug für die Werke bietet. Im neuen Museum ist daher das Antiqnarium zur Mithülfe herangezogen worden. Diese Räume wurden nach- träglich eröffnet, eine steine Ausstellung für sich. Hanprsächlich Bilder aus dem Ende des 18. und Anfang des IS. Jahrhunderts, dann vornehmlich die ganze ansehnliche Sammlung der Zeichnungen. Auch hier bieten fich der Ueberraschnngen v:ele und die Be» trachtung ist eigentlich eine ununterbrochene Folge von Genüssen, jedes Blatt eine Freude. Die Bilder find hauptsächlich Porträts. Von Tischbein, Graff, Kügelgen, Chodowiecki. Feste Zeichnung, in der Farbe resolute Derbheit, die aber die malerische Anschauung nicht ertötet. In der Art, wie fie fest einen Charakter hinschreiben, merlt man das Nachwirken der Revolution. Auf ein anderes Gebiet führt uns Hummel(1769— 1852), von dem speziell die Bilder, die das Schleifen und Ausstellen der großen Granitschale vor dem Museum behandeln, zu betrachten sind. Wie er zwanglos die Arbeiter, die an den Werken tätig sind, die zu- schauenden Spaziergänger, alles prachtvoll beobachtete Typen, im Bilde vereint zu einer ruhigen, räumlich freien Auffassung, das zeigt sichere Meisterschaft. Desgleichen freut man fich über die leichte, freie Art, mit der Brücke alte Gegenden Berlins festhält. ES ist Sonne in seinen Bildern und eine lebhafte Freude an den Farben, wie fie die Schar von Sparziergängern in die Straße bringe». Noch kräftigere Eigenart zeigt sich bei Gaertner(1801— 77), der auS den: Platz vor der Universität durch die Art, wie er den Himmel in das Bild hincindezieht, wie er den Sonnenuntergang und das nahende Dunkel des Abends benutzt, so daß im Hintergrund die Bäume schon bläu- liche Konturen zeigen, eine be'"ahe phantastische Erscheinung macht. Ebenso groß wirkt in seiner affasiung die Königsbrücke in Berlin, über der weit der Himmel üch dehnt in dunster Beleuchtung: ein schwerer Lastwagen zieht über die Brücke: im Hintergrund als dunste Masse die dichten Kronen der hohen, alten Bäume. Auch die Portale und Höfe von alten Schlössern belebt er malerisch durch ein helles, sonniges Licht, das mit dem Dunkel der Fassaden jund Bogengänge wirkungsvoll kontrastiert. Schinkel überrascht mit feinen, sonnigen Landschaften. Von Bürkel<1802— 18SS) sehen wir lebhaft erfaßte Naturansschnitte, in skizzenhafter Technik temperamentvoll festgehalten. AdamS (1730—1862) Pferdebilder nehmen durch ihre schlichte Sachlichkeit für 077» In einem Nebensaal hängen neben einer ganzen Reihe Porträts von K r ii g e r hauptsächlich Silhonettenbitder und Emaillen. Leb- hafte Farben, beivegte Auffassung in dein Mienenspiel. Hier findet man deutliche Berührungspunkte mit der Porirai>.nnst dieser Zeit. Auch die Glätte und Schärfe des Kolorits erscheint ois zu eine», ge- Wissen Grade dadurch begründet. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt in der reichhaltigen Sammlung von Zeichnungen. Es tut sich uns da eine ganze Welt auf. Die Zeichnungen aller dieser Maler der Generation vom An- fang des 19. Jahrhunderts zeigen auch dem, der unter der fremderen Hülle einer älteren Technik nicht das Eigene zu entdecken vermag, dem also die Bilder fremd anmuten, welche Fülle persönlicher Anschauung und reifen Könnens in diesen Künstlern, die man zeitweilig über die Achseln ansehen zu können glaubte, steckte. Daher ist die Betrachtung, die Beschäftigung mit diesen Arbeiten von erheblichem Wort. Sie enthüllen die Vorzüge ganz. Auch hier erleben wir Ueberraschungen, an die wir nicht mehr glaubten. Chodolvieckis kleine Zeichnungen, die auf kleinstem Format solchen Reichtum an Beobachtungen zeigen I Speziell die Gruppe der Nazarener wird hier ins hellste Licht gestellt, ihre zeichnerische Bedeutung klar hingestellt. Wie grogzügig ist die Handschrift eines Rethel stSlö— 1859)1 Es spricht sich eine Kraft aus, ?u»i Beispiel in dem energischen Kopf eines Mannes, der eitlich blickt, dessen markiger Ton so lebendig wirkt. Dah ein Schadow(1789— 18L2) so viel Grazie besag, wie er in dem Bildnis einer sitzenden Dame, einer Tänzerin, beweist, hätte man nicht für möglich gehalten. Die Striche sind leicht und deuten nur an, dann wieder zeigt er in mehreren Köpfen, die resolut in Schwarz und Weig hingesetzt sind, zugleich eine leb- hast malerische Anschauung. Das Haar steht meist dunkel als Masse, in weicher Tönung mit schönen Lichtem, gegen die helle Partie des Gesichts. Auch hier deutet er nur an. Ein sprühendes Temperament offenbart er in der schnellen Erfassung des Moments. Unter den Nazarenern nimmt Cornelius neben den weichlicheren Schnorr, Geuelli die erste Stelle ein. In seinen groben Entwürfen zeigt er ein ängerst feines, stilistisches Empfinden, das oft gn die Zeichnungen moderner Primitiven und Symbolisten gemahnt. Aber ivie einfach, natürlich er sein kann, das zeigt überraschend die Zeichnung eines im Sessel lehnenden Kindes. Da ist alles nur angedeutet in leichter Linie, die ununterbrochen den Eindruck hin- schreibt, so fein und leicht, volle Naturwahrheit in restlos aufgelöster Schönheit. Dann tun wir einen schnellen Blick in die reiche Welt Schwinds. Die sanfte Tönung seiner Farben ist so fein der Märchenwelt an- gepagt. Er erzählt uns darin von Schneewittchen und Rosenrot. Der Linienflub ist leicht und sicher. Neben Overbeck und Kroji fällt die kräftige Art eine? Horny auf<1797— 182s), die in der Breite deö Vortrages so modern an- mutet. Unter den Hamburgern ragt wieder hervor der bisher fast im- bekannte WaSniann(1805—86). Seine entzückend feine Art, die Leichtigkeit des Moments zn erhaschen und in allen Tönungen den Reichtum der Erscheinungen festzuhalten! Er betont deullich das Malerische. Aus Schwarz-Weiß setzt er seine Eindrücke zusammen. Den Kopf meibelt er in den Lichlpartien fest heraus, die Schultern sind schon nur leicht angedeutet. Er hat so farbige und breite Töne. Auch Blechen(1789—1810) bewährt sich als Zeichner. Seine geniale Art lästt schon ganz an die modernen Franzosen denken. Wie er mit schnell hingesetzten Strichen eine Chaussee, Wiesen, sonniges Licht, Gestalten in bunte» Kleidern gibt, das ganze als momentanen Eindruck und doch als Einheit, das ist bewundernswert. Er stellt alles auf Lichuvert und seine Zeichnungen sind voll von Atmosphäre. Als dritter ist H a u S m a n n(1825—1886) zu nennen. Seine Aktzeichnungen haben einen schönen, weichen Ton. Aber auch da wo er nur aus Federstrichen den Eindruck zusammensetzt, zeigt er geistreiche Technik.. Wie ungezwungen weist er drei Frauen in Unterhaltung festzuhalten. Wie gibt er das Charakteristische und doch denkt er noch daran, die in Falten liegenden Kleider so reich als Masse dem Ganzen einzugliedern. Dann folgen eine Reihe Namen, die an sich schon eine be- stimmte Art andeuten. Thoma und Steinhausen, zwei feine und dem Eindruck eindringlich nachgehende Künstler. Ein eigenartiger Künstler wie Roh, der eine Waldstimmung am See so gibt, dast man sofort an Leistikoiv denkt. In vieler Beziehung ähneln sich Fcuerbach und Maröes. Man bewundert bei Marses die Sicherheit, bei Fenerbach die Kraft, die Gewalt. In einer Gruppe beieinander- stehender Frauen gibt Fenerbach so volle, dunkle Töne. Der Entwurf zur Medea ist austerordentlich stisch in breiten Tönen angelegt. Frische zeichnet auch die Münchener und die Düsseldorfer Schule aus. Defregger, Böcklin, Passini sind da zu nennen. Ebenso Alt, dessen prächtig lebhafte Farbigkeit auffällt. Dann steht man noch sonnige Studien des eigenartigen K. D. Friedrich(1771—1840). Den obengenannten Hamburgern schlietzen sich Runge mit phantastischen Kompositionen, Spcckter mit leichten Einfällen bunter Art an. Den Abschlust der Ausstellung macht ein Panorama von Berlin, da? vom Dach der Werderschen Kirche aus gemalt ist(1835). Wie die oben schon angeführten Strastenbilder des alten Berlin zeichnet sich auch dieses umfangreiche Panorama durch viele Feinheiten in der Behandlung des Lichts aus. in dem Herausholen groster, dunkler wie heller Massen aus dem Häusergewirr, so dast der Eindruck nicht verwirrend, sondern ruhig ist. Es steckt viel feine Beobachtung und sichere Technik in diesem Werk und eine köstliche Unbefangenheit in der ganzen Art der Darstellung wirkt änsterst erfrischend. Der Eintrittspreis für die gesamte Ausstellung(Nationalgalerie und Neues Museum) beträgt 1 Mark. Für Dienstag ist der Preis erhöht auf 5 Mark. Wenn auch die Kosten einer solchen A«S- stellmig, die einen so umfangreichen Apparat, so lange Vorarbeit erfordern, enorin sind, so erscheint es doch nicht gerechtfertigt, durch einen so hohen Eintrittspreis tveite Schichten des Volkes von dem Bestich der Ausstellung einfach auSzuschliesten. Das Beispiel der Sezession, die an Arbeitcrvereinigungeii crmästigte Billetts zu 25 Pf. für ihre Ausstellungen abgibt, dürfte hierfür ein Vorbild sein. Was eine Privatvcreinigung kann, dürfte einem staatlichen Institut nicht unmöglich sein.— Technisches. t. � Photographische Schattenbilder. Eine Photo- graphische Monatsschrift, die zu Weihnachten ein Preisausschreiben für photographische Leistungen veranstaltet hatte, hat den Preis einem neuen von Dr. Finlay auSgcdachten Verfahren zur Herstellung photographischer Silhouetten zuerkannt. Zu ihrer Her- stellung befestigt man über der Tür irgend eines Zimmers"ein. wcistcs Laken oder ein Stück von dünnem Kaliko, wenn dieser nicht sehr dicht gestreift ist, und setze die zu photographiercnde Person etwa zwei Fuh vor den improvisierten Vorhang. Es wird damit gerechnet, dast die Aufnahme zur Abendstunde, also bei künstlicher Beleuchtung stattfinden soll. Man stelle dann die Kamera bei der gewöhnlichen Beleuchtung des Zimmers so ein, dast der 5topf in der richtigen Stellung auf der Glasplatte erscheint. Tann stelle nian in dem anderen Räum, zu dem die Tür führt, einen Tisch, gleichfalls in etwa zwei Fust Abstand von dem Tuch auf und setzo eine ange- zündete 5ierze darauf, so dast sich das Licht der Kerze der Linse der Kamera gerade gegenüber befindet, und zwar etwa in der Höhe des Ohrs der aufzunehmenden Person. Dann wird die Kamera bereit gemacht und daS Licht in dem Zimmer selbst ausgelöscht und etwa zehn Zoll Magncsiumband an der austenstehcnden Kerze ab- gebrannt, indem mau das angezündete Ende des Bandes gerade vor das Licht hält. Diese Menge von Magnesiumband ist für eine Linse und eine photographische Platte von durchschnittlicher Güte berechnet. Zur EntWickelung der Photographie wird das gewöhn- liche Verfahren benutzt, nur dast die ühliche Menge von Bromit verdoppelt wird. Wenn der Kopf im Entwickler leicht verschleiert erscheint, wird der Schleier beseitigt, indem das Negativ einige Minuten in eine starke Reduktionsflüssigkeit getaucht, dann gründ- lich gewaschen und durch Anwendung von Quecksilberchlorid und Ammonium verstärkt wird. Das Ergebnis ist ein sehr reizvolles Schattenbild des betreffenden Kopfes, wie es in gleicher Voll- kommenheit auf anderem Wege kaum gewonnen werden kann.— HnmoriftifcheS ge. Der Stein des Anstostes. Ein amerikanischer Geologe erlaubte seinen Studenten, ihm vor jeder Vorlesung Proben von Steinen auf daS Katheder zu legen, deren Namen er im Vortrage bestimmte. Ein Student machte sich nun eines Morgens den schlechten Witz, ein Stück Ziegelstein hinzulegen. Der Geologe bemerkte den Stein und begann ruhig seine Vorlesung.„Dies hier, meine Herren," erklärte er,„ist Buntsandstein, das hier Glimmer- schiefer, das ist Quarz und dies hier— er hielt den Ziegel in die Höhe— ist ein Stück— Frechheit!"— Notizen. — Von Scheffels Werken wurden bis jetzt in Deutschland 870 060 Bände gekauft. Der„Trompeter von Säkkingen" brachte es auf 271 Auflagen mit 325 200 Exemplaren. Vom „Ekkehard" wurden 316 200 Exemplare abgesetzt,„Wald- einsanikeit" wurde in 7600, das„Gedenlbuch" in 1600 Exemplaren vertrieben.— — Die Zeitschrift„Charon", Monatsschrift für Dichtung, Philosophie und Darstellung, ist mit Beginn des lll. Jahrganges in den Verlag von K. G. Th. S ch e f f e r in Leipzig übergegangen.— — Die erste Aufführung der S o p h o k l e i s ch e n„ A n t i» gone" in der Uebersetzung von Vollmöller findet im Kleinen Theater am 23. Februar statt.— — Maeterlincks Märchenspiel„Der blaue Vogel" ist vom Wiener Burg-Theater erworben worden.— — Drei Preise(1000 M., 750 M. und 500 M.) setzt die „Leipziger Illustrierte Zeitung" für Erlangung einer doppelseitigen Illustration(„Ein Groststadtbtld") ans. Zur Teilnahme am Wettbewerb berechtigt sind die Mitglieder des Verbandes Deutscher Illustratoren.— — In Deutschland gibt es 35 Blindenschulen und 26 Blindenheime.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.,Verlm2W,