Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 36. Mittwoch� den 21. Februar. 1906 lNachdmck cevdolcn.) 22] Der Kuppelhof» Roman von Alfred Bock. Wider Erwarten nahm der Dotzheimer die Mitteilung gelassen auf, ja, sie gab ihm willkommenen Anlaß, mit dem Karges, den er haßte, ganz zu brechen. „Ich verstaun mich gar net," sagte er,„Dein Vater glaubt an nix, und so einem Menschen is alles zuzutrauen. Ich möcht net in seiner Haut stecken. Wo der emal hinkommt, da is. Heulen und Zähneklappern. Bei mir is er ausgetan. Das mag er sich merken. Etz mit dere Hypothek, das heißt doch nix anders: der Karren is in Dreck gefahren, und ich soll den Fuhrlohn bezahlen. Wie is es dann, wann alles schibes geht?" „'s geht nix schibes," entgegnete der Matz.„Ihr seht doch, ich sein bei der Hand und laß nix verkommen. Wann Ihr mich etz stecken laßt, ja no, dann kann ich's auch net ändern. Ich wollt mich von dem Judd ledig schaffen, weiter nix." Der Dotzheimer beabsichtigte nicht, seinen Tochterinann im Stich zu lassen. Einmal hatte er von dessen Tüchtigkeit und Befähigung als Landwirt vollgültige Beweise, dann konnte er ihm wohl nachfühlen, wie peinlich es war, von der Gnade des Moritz Edelschild abzuhängen. Ueberdies, wenn er ein Opfer brachte, tat er es auch für sein Kind. „Mein Vater und mein Ellervater," sagte er,„haben von Hypotheken nie nix gewußt, und ich hätt meiner Lebtag kein Kapital aufgenommen. Etz für Deinen Vater seine Schlingen seist Du net verantwortlich. Und von dem Judd mußt Du los, das is emal klar. Machst Du das Feld auch als emal zwerch, ich will mich net mit Dir verkrämern*). In Gottes Namen geh bei die Kass'. Von mir aus leg ich Dir nix in den Weg." Die Verhandlung wurde zum guten Ende geführt. Nachdem die Formalitäten erledigt waren, verabfolgte die Darlehnskasse an den Matz achttausend Mark, und der Moritz Edelschild erhielt sein Geld. „'s hätt gar net pressiert," empfahl sich der Händler höflich, ja respektvoll.„Weißt Du, was ich zu meinem Schwiegersohn gesagt Hab? Simon, Hab ich gesagt, der Matz hat EHain**) und is in allem kumplett. Kunststück, hat nicin Schwiegersohn gesagt, wenn einer hat Massel und Chain, wird er von selbst ein reicher Mann. Wie heißt, er wird ein reicher Mann? Hab ich gesagt. Der Matz is schon ein reicher Mann. Nu, ich denk, wir tun noch manchen Handschlag miteinander. Sie sollen kommen und Dir anbieten, was sie wollen, ich werd sein billiger. Mein Schwiegersohn wird sagen, Vater, du bist nieschugge. Wie kannst du handeln ohne Nutzen? Ich hin wirklich meschugge, werd ick sagen, aber ich Hab mir emal vorgenommen, ich mach mit dem Allendörfermatz das Ge- schüft. Also, wenn Du was brauchst, bin ich da. Und kannst haben, soviel Du willst." Der Matz schwieg, und dem Moritz schwante, daß er seine Rolle auf dem Hof des jungen Bauern ausgespielt hatte.— Auch dem Hannpeter, der drauf und dran war, sich als Schmarotzerpflanze einzunisten, wurde bedeutet, daß man seiner nicht mehr bedürfe. Ergrimmt zog er ab und warf sich der Politik in die Arme. Als Sendling des Karges wanderte er von Dorf zu Dorf und machte für dessen Kandidatur als Landtagsabgeordneter Stimmung. Mit ein paar cinge- lernten Redensarten wußte er sich ein wichtiges Ansehen zu geben. Regelmäßig klang sein Werben in die Worte aus: „Nicht die Sozialdemokraten, wir vom Bauernverein sind die Partei des arbeitenden Volks. Das Volk soll selbständig werden, soll sein Heil nicht von den vorgesetzten Behörden, sondern von seinen Vertretern im Parlament erwarten. Darum wählt einen Abgeordneten, der Bein ist von eurem Bein und Fleisch von eurem Fleisch und sich ins Zeug wirft für euch. Der Zacharias Allendörfer ist euer Mann!"— •) veruneinigen. •*) Verstand. Am Tage der Brait hatte die Mariann gelobt:„Ich tun meine Arbeit und sein still." Mit diesem Vorsatz war sie auch in die Ehe getreten. Aber schon bald nach ihrer Verheiratung wurde ihr„Stillsein" auf eine harte Probe gestellt. Seit Jahren war die Milchwirtschaft ihre Domäne. Jeden Morgen erschienen die dicke Bette und das bucklige Wiselchen und nahmen die Milch von ihr in Enipfang, um sie in die Stadt zu bringen. Das sollte mit einem Mal aufhören. Der Matz hatte mit der Genossenschaftsmolkcrei in Grllnberg einen Vertrag abgeschlossen, wonach er verpflichtet war, seine ge- samte Milchproduktion an diese zu liefern. Als er der Bette und dem Wiselchen hiervon Mitteilung machte, erschraken sie und erhoben ein Jammergeschrei. All die Zeit her habe der Dotzheimer ihnen die Milch verkauft. Daß er die besten Milchkühe halte, sei ihren Abnehmern wohl bekannt. Wechselten sie mit ihrem Lieferanten, müßten sie gewärtig sein, ihre Kundschaft und ihr Brot zu verlieren. Der Matz zeigte ihnen in aller Gemütsruhe seinen Kontrakt und sagte: „Ich sein mir selbst der Nächst! Die Milch is auf'm Hof der- kümmelt") worden. Hier habt Jhr's schwarz auf weiß, was mir die Molkerei auf die Zündpfann legt. Etz trollt Euch und seht zu, daß Ihr Euer Sach sonst woher kriegt." Bei der lauten Auseinandersetzung, die vor dem Stall stattfand, war die Mariann nicht zugegen. Sie wnßte, daß ihre Vermittelung zwecklos gewesen wäre. Indessen hatte sie von der Eckstube aus, ohne daß sie selbst bemerkt wurde, jedes Wort gehört. Wie sie nun die Bette und das Wiselchen, die sie seit frühesten Tagen kannte, trostlos den Hof verlassen sah, blutete ihr das Herz, und sie fühlte eine brennende Scham, daß ihr, der Tochter des Bernhard Dotzheimer, verwehrt war, den armen Frauen zu helfen. Immer mehr trat zutage, daß der Matz seine Frau überall da beiseite schob, wc sie selbständig gewirtschaftet hatte. Eifrig wachte er darüber, daß alle Fäden des Betriebes in seiner Hand zusammenliefen. Die Mariann war die Vermögendere in der Eheschaft, er hatte den väterlichen Hof mitgebracht, aber auch die Schulden, die darauf ruhten. Diese Ungleichheit be- drückte ihn so lange, bis er in seiner Geschäftsklugheit und Arbeitskraft das Gegengewicht fand. Es bot sich Gelegenheit, die Bläß, seines Schwiegcr- Vaters Lieblingskuh, nach Bobenhausen zu verkaufen. Die Mariann bat ihn, er solle das Tier behalten. Er schlug's ihr ab. „Dein Vater," sagte er,„hat sieben Karlin für die Bläß bezahlt, und ich kann zwölf kriegen. Das wär ein schön Esel- stück, wann ich die fünf Karlin für nix achten tät."— Als die Kuh fortgeschafft wurde, stürzten der Mariann die Tränen aus den Augen. Dem Matz regte das„Geblerr" in Gegenwart der Bobenhausencr Bauern die Galle auf, und ein Hagel harter Worte prasselte auf seine Frau nieder. Unter all diesen Kränkungen litt die Mariann. Der Matz aber wähnte, hinter ihrer traurigen Miene berge sich Kränklichkeit oder Aerger. „Wann man die Neidsäck im Dorf hört," sprach er sich bei seiner Mutter aus,„sollt man meinen, ich hätt alles Glück in der Welt gePacht,'s is ja wahr, ich Hab einen schönen Hof. In einem Teil sein ich aber doch schlecht angekommen. Da is die Mariann. Ich weiß net, is sie kränkerlich, oder stellt sie sich nur eso. Wann ich keimkomm, sitzt sie wie ein Häufchen Unglück da. Manchmal schluckt sie auch nach Luft. Letzt wollt ich ihr den Säuhirtekarl, den Trovkenträger, schicken. Sie wollt aber nix von ihm wissen,'s heißt als, in der Eheschaft soll die Frau den Mann zurecht bringen. Etz die Mariann is dadezu net geschaffen. Gott sei Dank, ich brauch's ja auch net. Jed Wort muß man aus ihr crauspetzen. Ich glaub als, 's is der reine Trotz, daß sie net mehr so kommandieren kann wie früher. Diesen Morgen erst Hab ich gesagt:„Kotzmord- sackerment, sein wir dann hier in einer Mühl, daß ich dich alles zweimal fragen muß?" Und sein so voll Dampf gewest, daß ich ihr am liebsten ein paar ausgewischt hätt. Aber die zer- bricht einem ja in der Hand." „Matz," beschwichtigte die Allendörfern ihren Sohn,„'s raucht emal in jeder Küch. Du solltst Dich wahrhaftig net be- ') unter dem Preis abgegeben. schweren. Dir is das Werk nur so in Schoh gefallen. Du sitzt in der Woll und hast für Dein Lebtag ausgesorgt. Weißt Du, was Not is? Gelle, nee. Ich weiß es. Wie mein Vater vergant' worden is und hier ankam wie das Leiden Christi und sich als Knecht anbieten tat, da wüßt ich, was Not is. Dessentwegen sei net unversonnen und dank Deinem Herrgott, daß er's so gut mit Dir meint. Etz mit der Mariann, wann man's recht betracht, das sein doch nur Lappali. Sie is ja ein wink wunderlich. Mußt Dich halt in sie schicken. Ihr Mannsleut wollt gleich mit dem Kopf durch die Wand. Alle- Wege geht das net. Etz sprichst Du. die Mariann schluckt manchmal nach Luft. Das schwärst Du so hin und denkst Dir nix debei. Meinem Verstand nach is was im Anzug. Und da gehört sich's, daß Du ein Aug zudrückst. Wann ich bei sie komm, will ich emal spekeliern." Dem Matz deuchte, seine Mutter sei gar nicht so dumm, wie sein Vater sie hinstellte. Wenn ihre Mutmaßung richtig war. hatte er alle Ursache, seiner Frau mit Gütigkeit zu be- gegnen. Eine Zeitlang hielt er sich auch in Schranken. Als sich dann herausstellte, daß die Mariann gar nicht in Hoffnung war, zeigte er sich wieder als der alte.— Was der Mariann verblieb, waren die Führung des Haushalts und die Pflege des Vaters. Diesem ihr Leid zu klagen, wagte sie nicht. Seitdem der Bernhard Dotzheimer, wie er scherzhaft äußerte, als„Faultier" beim Ofen saß, hatte sich sein Gesundheitszustand merklich verschlechtert. Zum Säuhirtekarl, der mit seinen Mittelchen beisprang, sprach er: „Wie Wunderbarlich hat unser Herrgott doch alles eingericht. In der Bibel steht: im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Von der Zeit an, daß ich mir keinen nasien Buckel mehr hol, schmeckt mir das Essen net. Arbeit is das halbe Leben. Fast gereut mich's, daß ich meine Sach schon ab- geben Hab. Alleweil gehörn ich bei's alte Eisen und sein zu nix mehr nutz." Sonntags, wenn der Matz im..Pflug" seinen Schoppen trank, der Dotzheimer auf seinem Sorgensessel eingenickt war, wanderte die Mariann zum Lindgesborn hinaus und spann sich in ihre Gedanken ein. Wie lang war's her, daß sie mit dem Fried zum letztenmal hier gesessen hatte? Bald ein Jahr. Du liebes Gottchen, wie die Zeit verging I Unlängst war der alte Bickelmeier in der Stadt gewesen und hatte ihr mancherlei erzählt. Beim Schneidermeister Homeier hatte er eine Be- stellung gemacht. Der lobte seinen Gesellen, den Fried, durchs Abc. Das sei ein fleißiger, friedsamer Mensch. Und besonders ehre ihn, daß er jeden Groschen, den er übrig habe, seiner Mutter schicke. Von den anderen Gesellen, die mit ihren Mädchen gingen und ihr Geld ins Wirtshaus trügen, halte er sich abseits. Sein Lehrherr, der Meister Unverzagt, in dessen besonderer Gunst er stehe, habe ihm eine Stelle im Bayerischen ausgemacht, in einer großen Kleiderfabrik. Nächstens werde er sein Bündel schnüren. Ihm, dem Homeier, tue es herzlich leid, daß er ihn verliere. So hatte der alte Bickelmeier be- richtet, und sie hatte mit glühenden Wangen gelauscht, denn es verging kein Tag, keine Stunde, daß sie nicht an den Fried dachte. Gottlob, er war geachtet, und es glückte ihm. Hier im Dorfe hatte er kein Nummero gehabt. Wer galt hier etwas? Wer auf seine Familie pochen oder mit Markstückern rappeln konnte. Aus Angst, daß sie Ernst machen würde mit dem Kalmuck seinem Bub, hatte sie der Vater in die Eheschaft mit dem Allendörfermatz getrieben. Und.wie war's aus- gefallen? Die Schwiegerväter lebten in Feindschaft, der Matz hatte sich als rücksichtsloser Selbstling entpuppt, der ihr allen Tort antat. Ihr Vater war bei allen seinen Raupen im Grunde sin guter Mann und in Vielein den anderen voraus. Aber daß er sich hinwegsetzte über das Backhausgeschwätz, dazu fehlte ihm der Mut. Ehrlich gesagt, ihr fehlte er auch. Sonst hätte sie sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, einem Manne das Jawort zu geben, der ihr in der Seele zuwider war. Nun lastete das Ehekreuz auf ihr, so schwer, daß sie oft- malig zusammenbrach. Gewiß, der Herrgott führte sie, allein sie verstand ihn nicht. Das Traurigste war, in so einer schlechten Eheschast wurde man selbst schlecht. Erbitterung, Ouersinn und Garstigkeit begannen in ihr Wurzel zu fassen. Manchmal kam's ihr vor, als wäre sie nicht mehr die alte Ma- riann.'s könnt' nicht ausbleiben, daß sie zuletzt ganz„um- gewendt" war. Nein, doch nicht ganz. Ihre Herzkammer war ihr Ausgeding. Zu der hatte nur einer den Schlüssel, der Fried. Und würd' ihn behalten in alle Ewigkeit. Wie sie ihn kannte, würde er nicht in die Fremde gehen, ohne von seiner Mutter Abschied zu nehmen. Sie wollte sich hinter den alten Bickelmeier stecken. Der sollte ihr gleich Botschaft bringen, wenn der Fried kam. Noch einmal mußte sie ihn sehen und sprechen. 16. Woche für Woche hatte Dine, die Magd, vergeblich auf Nachricht von ihrem Schatz gewartet. Sie forschte einen Mann aus Bellersheim aus. Der sagte, dem Henner seine Leute seien nach Amerika ausgewandert, auch sei ihm nichts davon bekannt, daß der Goliath sich in seinem Heimatort aufgehalten, geschweige daß er dort Aecker gesteigert habe. Trotz dieser verdächtig klingenden Auskunft gab die Dine keinem Argwohn Raum, wohl aber beschlich sie die Sorge, es möchte ihrem Bräutigam etwas zugestoßen sein. An jenem Abend nach dem Kriegerfest trug er das viele Geld bei sich, leicht möglich, daß ihn Strolche überfallen hatten, ihm gar ans Leben gegangen waren. Schreckhafte Bilder verfolgten sie. Sie sah den Henner am Boden liegen und die Meuchler mit ihrer Beute die Flucht ergreifen. Einmal nachts war's ihr, alä schaue ihr Liebster mit einer klaffenden Wunde am Kopf zum Kammerfenster herein. Da schrie sie so laut, daß alles wach wurde im Haus. Am anderen Morgen schlich sie in ihrer Angst auf Umwegen zur Aulerkaut, wo die Hütte der alten Wannigen stand. Diese war die einzige im Torfe, die um ihren Verspruch mit dem Henner wußte. Ihr verdanfte sie das Zaubermittel, das den Knecht zahm gemacht Hatto, viel- leicht daß sie jetzt wieder Rat schaffen konnte.— Das Verdienst, die alte Wannigen als Hexe festgenagelt zu haben, schrieb sich der Bäckerphilipp zu. Er hatte unter dem Einlaß seines Hauses einen Kranz von Hexenkraut auf- gehängt. Der drehte sich wie von Geisterhänden bewegt. So oft die Wannigen vorbeikam, stand der Kranz still. Daß sie zur Hexenschaft zählte, daran war nicht mehr zu zweifeln.— lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) feincle im ktaus. Von Roda Roda. In der Zeit, die unsere Großväter loben, damals, als noch die alte Militärgrenze bestand, war die Kommunion Wukitsch die zweitreichste bei uns in Kljantzi.— Und zur Zeit, da unsere Väter kleine Jungen waren, und die Grenze im dreieinigen Königreich aufging, um nimmer wieder zu erstehen, klagte Laso Wukitsch seinen Bruder Andrija auf Teilung des Erbgutes, setzte seinen Willen durch, und aus der schönen Kommunion wurden zwei Bauernlähne. nicht größer, als viele andere auch. Größer nicht, nur weniger gut eingerichtet. Denn einen Apfel, den kannst Du mit einem Messer in Hälften schneiden. Ein Bauerngut aber— ist ein ander Ding. Man kann nicht sagen: Andrija, Dir gehört das Wohnhaus, der Weinberg und die Wiese; Laso, Dir der Schweinestall, die Felder und der Hof— sondern es muß die Grenze in vielfachen Winkeln und Sprüngen kreuz und quer gezogen werden, just durch die halbe Tenne, mitten durch den Garten, über den Keller hinaus aufs Wasser, das Ackerland und die Weidetrift, damit jedes von jedem den gebührenden Anteil kriege.-- Und so geschah's.— Als vermesien war, nannten Laso und Andrija den Herrn Geometer gleichmäßig einen Gauner. Kein Zweifel also, daß er gerecht vermeffen hatte. Nun fing der Unfrieden bei den Wukitsch an. Selbstverständlich l Lasos Saukoben bildete eine Enklave im Gebiete Andrijas. Lasos Sau wußte das nicht, kam einmal aus und fraß Andrijas Mais- kolben.— Andrija warf ein Beil nach ihr. kam aber hinten ab und hackte ihr nur das Ringelschwänzchen herunter. War auch ein Glück für ihn. Denn Laso klagte ihn wegen boshafter Beschädigung fremden Eigentums, siel aber durch, weil der andere nachwies, das Schwänzchen habe sich zur Zeit der Tat auf seinem Grund und Boden befunden. Jetzt war die Reihe, Rache zu nehmen, an Laso. AndrijaS Maulbeerbaum reichte mit einem Ast zu Laso herüber. Das nahm Laso wahr und schüttelte von diesem Ast die Beeren ab. Andrija klagte und verlor glänzend. Am Tage nach der Verhandlung trafen sich die Weiber der beiden Brüder am Brunnentrog, durch deffen Mitte die Grenze ging, und schlugen sich gegenseitig nasse Fetzen an die Köpfe. Tann heulten sie und riefen ihre Männer herbei. Laso, der eben Sliwowitz hob, hieß seinen Bruder einen Räuber und verfluchte ihm den Teufel und die Kerzen. Andrija antwortete mit einem garstigen Wunsche auf die Sonne, das Taschenmeffer und den Dudelsack des Bruders. Darüber ward Laso zornig und nannte Andrija einen — Advokaten? Einen Advokaten lll Am Morgen darauf, lang bevor die Sonne aufgegangen war. fuhr Andrija aus den Federn, fing seine Stuten ein, die im Zwetschkengarten grasten, löste ihre Fesseln und spannte ein. Er ging ins Haus zurück, wo noch die Ehcliebste schlief, und schnürte seine flinken Füße in Bundschuhe. Er langte die Weidtasche vom Nagel, tat Brot, grünen Paprika und Knoblauch hinein und oben- auf eine Tschutora(flache, runde Holzflasche) voll wasferhcllen, neuen Schnapses.— Da sah fein Weib, daß er sich zu einer weilen Reise rüste. Mit Hej und Hollah gings in die Stadt. Vor dem Hause des königlichen öffentlichen Notars und Ber- teidigers, des Herrn Doktor Vilim Schenhofr, hielt Andrija. Er war merkwürdig kleinlaut. Ja, er putzte sogar die Schuhe ab. ehe er mit der Miene eines verprügelten Buben an die Tür pochte, hinter der sich— er kannte das!— eine begehrliche Juristenhand nach Vorschuß streckt. Am liebsten hätte er sich bekreuzigt. Auf wiederholtes Klopfen ertönte endlich ein unwirsches „Herein!" Doktor Vilim Schenhofr sah sich um und gewahrte mit Freuden eine alte gute Kundschaft. Wohlwollend leuchteten seine Augen durch die große Brille, die dem armen Andrisa schon so oft imponiert hatte und heute wieder imponierte.—„Ah, guten Tag, Pate!" sprach der Herr Doktor.„Was führt Euch zu mir her? Seid Ihr etwa abermals der Teilung wegen gekommen?" Andrija verstand ihn nicht ganz, denn der Herr Doktor sprach das Kroatische ein bißchen zu schriftmäßig, dazu noch mit einem aufdringlichen Anklang an die Mundart seines Großpapas, des alten Wilhelm Schönhofer, der aus dem Schwabenland nach Syrmien gekommen war. Nur so viel wußte Andrija, daß er nach seinem Begehr gefragt worden war. So erzählte er denn um- ständlich, wie er mit seinem Bruder Laso uneins geworden.— („Weiß schon! Weiß schon!" wehrte der Doktor vergebens.) Was feine Schwägerin, die Manda. für ein böses, nichtsnutziges Weib sei; wie Lasos Zweiter, der Franjo, immerfort Aepfel stehle und Steinchen nach Andrijas Truthühnern werfe, und kam so endlich auf die letzte Balgerei zu sprechen, bei der ihn Laso einen Advokaten geheißen habe. Der Doktor zog die Brauen hoch, nahm ein Papier vor und verlangte zehn Kronen für die Aufnahme der Information.— Wann sich das alles zugetragen habe? „Gestern!" Und welche Schimpfworte Laso nachweislich gebraucht habe? „Er hat mich", rief Andrija erregt,„einen Advokaten genannt, das kann ich beschwören!" „Und sonst nichts?" Sonst auch noch allerlei— aber daran erinnere er sich� nicht mehr. Der Herr Doktor zog die Brauen schier bis hinter die Ohren und schrie:„Ja, Mensch, glaubst Du denn, daß die Bezeichnung Advokat eine Ehrenbeleidigung involviert?" Andrija verstand wieder keine Silbe. „Glaubst Du", fuhr Schenhofr fort,„daß Du einen klagen kannst, der Dir Advokat sagt? Ist denn das nicht ein ehrenhafter Stand?" Andrija sah verwundert drein. „Da müßte ich ja jeden klagen, der zu mir kommt.— WaS fällt Dir eigentlich ein, dummer Kerl? Willst Du mich zum besten halten? Oder bist Du wirklich so verbohrt, daß Du Ernst machst, Halunke?"— Als der Zorn noch mehr wuchs, fing er gar deutsch an, weil ihm das besser von der Leber ging:„Marsch'naus, Du Bauernschädel! Und daß D' Dich mir nie mehr nicht zeigen tuscht. sonschten bischt an d' Luft g'sotzen, eh', daß D' no„Muh" g'macht hascht!" Traurig und trotziger denn traurig stieg Andrija wieder in seinen Wagen und galoppierte nach Hause. Laso, Manda und des feindlichen Ehepaares Monatslöhncr standen vor der Tür. Weither schon drohte ihnen Andrija mit der Peitsche und rief:„Ha. Ihr Advokaten! Ich werde Euch lehren, ehrliche Leute Advokaten schimpfen!" Laso wollte sich auf ihn stürzen, aber Manda hielt ihn zurück. „Klag' ihn lieber," riet die Muge. Just wie tags zuvor Andrija, stand jetzt Laso vor der Tür Doktor Vilim Schenhofrs, putzte seine Bundschuhe und pochte an. Der gleiche freundliche Blick durch dieselbe Brille begrüßte auch ihn. Dieselbe Hand begehrte den gleichen Vorschuß. Es folgte auch die gleiche Information. Nur war diesmal Stana, Andrijas Weib, eine böse, nichtsnutzige Trude und der Sprecher selbst durch die Beschimpfung Advokat s> arg ins Herz geschnitten. Aber das. was folgte, war kürzer als gestern: diesmal warf der königliche Notar seinen Klienten eigenhändig hinaus und setzte für diese Mühe nicht einmal einen Posten in die Vormerkung. Und auch den Laso erwarteten wieder seine Feinde vor der Tür: Andrija, Stana und der Monatslöhner. Aber Laso drohte nicht mit der Peitsche. Er hielt nur, sprang auf den Bruder zu und gab ihm ein Kopfstück. Ein Kopfstück— ein Türke wäre blind davon geworden. „Eh", dachte Andrija.„diesmal gehst Tu zum Bezirksrichter selber." Und er tat es. Der Herr Richter ließ ihn nach kaum zwe« Stunden Wartens vor.„Was willst Du?" fragte er. „Hochmögender Herr, unser seliger Vater—" „Laß ihn ruhen! Sag mir kurz und bündig, um was sich die Sache dreht." Andrija machte noch etliche fünfzehn Versuche, beim Vater zu beginnen, aber immer vergebens. Endlich rückte er mit der Tatsache heraus: daß ihm sein Bruder gestern eine Ohrfeige gegeben habe. „Hm!" machte der Richter,„also Dein Bruder hat ihm eine Ohrfeige gegeben?" „Wem— ihm?" „Na, dem Vater, sagst Du!" „Nicht doch, hochmögender Herr, mir hat et eine Ohrfeige gegeben." „Höre einmal, Kerl, Tu bist vollkommen verrückt. Wie kann Dich der tote Vater hauen?" „Nicht doch, hochmögender Herr! Mein Bruder Laso hat mir eine Ohrfeige gegeben." „Und was hat das mit der Leiche Deines Vaters zu schaffen, wenn ich bitten darf?" fragte der Richter bissig und gereizt. „Nichts, hochmögender Herr. Laso hat mich geohrfeigt, und ich will ihn klagen." „Ist denn Laso tot?" „Nein, hochmö—" „Na also???" „Ich habe ja nicht gesagt, daß jemand tot sei, obzwar mein Vater wirklich—" „Dein Vater lebt also? Vorher hast Tu gestanden, er sei tot." „Gewiß, er ist tot, aber er gehört nicht zur Sache. Mein Bruder, der lebt, heißt Laso. Laso hat mich geohrfeigt, und ihn will ich klagen." „Endlich ist's heraus! Warum hast Tu Dich nicht gleich klar ausgedrückt?! Er, der Laso, hat Dir also eine Ohrfeige gespendet. Und hast Du ihm sie zurückgegeben?" „Nein, hochmögender Herr!" „Warum nicht?" schrie der Richter. „Er ist ein starker Mann," meinte Andrija verlegen." „Wie? Soll ich Dir etwa helfen gehen?! Hinnnnnaus, oder ich lasse Dich von den Panduren befördern, daß Tu Deine Knochen im Leintuch nach Hause tragen kannst! Das fehlte mir noch.�daß ich für jedes Bauernkopfstück eine besondere Tagfahrt mit sach- verständigen anordnen müßte!" Andrija ging. Als er wieder heimfuhr im rasselnden Fuhr- werk, schwang er die Tschutora traurig gen Himmel, tat einen Schluck vom Neuen und sang ein ganz neu gedichtetes Kolog'stanzel: Andro, mach Dich selber nicht zum Narren, Trinke Schnaps und bleib auf Deinem Karren. Und den Stadtherren lasse die Gerichte, Haut Dich einer, antwort— inS Gesichte.— (Nachdruck verboten � Die ßewcguncföfrdbeit cles IMcnfchen. Bewegungen auszuführen, bezw. sich selbst zu bewegen, ist eine den Tieren und dem Menschen eigene Fähigkeit; Pflanzen be- sitzen sie im allgemeinen nicht. Die Grunderscheinung des Levens bei Tieren und Pflanzen ist der Stoffwechsel; er geht unausgesetzt vor sich, wenn auch sein Tempo beschleunigt oder verlangsamt werdest kann. Verlangsamt ist es z. B. bei den überwinternden Pflanzen im Winter und zu dieser Zeit auch bei vielen Tieren(Winter- schlaf). Beim Stoffwechsel tverden ohne Unterbrechung gewisse Stoffe verbrannt und dadurch im Lebewesen Wärme erzeugt. Da- durch haben die Tiere und Pflanzen eine eigene Wärme, die sie in sich selbst hervorbringen, Wärme aber ist Kraft. Die Lebewesen besitzen also eine dauernd fließende Kraftquelle in sich selbst. Die Eigenwärm« ist bei den Pflanzen im allgemeinen nicht so hoch wie bei den Tieren; sie wird bei ihnen hauptsächlich in Wachstum(Aus- dehnung), bei den Tieren aber haupisächlich in Bewegung d. i. Arbeit unbesetzt. Eine Tampfmalchine wird durch die in ihr er- zeugte Wärme in Gang gesetzt und erhalten, so auch das Tier und der Mensch. Hört der Stosfwechsel und damit die Wärmeerzeugung auf, was gleichbedeutend ist mit dem Tode, so hören auch die Be» wegungen auf, es wird keine Arbeit mehr geleistet. Manche Tiere erzeugen höhere Wärme in sich als andere. Man hat von diesem Gesichtspunkte aus die Tiere eingeteilt in„Warm- und Kalrblüter". Im allgemeinen besitzen die Landtiere höhere Wärme als die im Wasser lebenden Tiere; sie sind infolgedessen auch„krasrvoller" und setzen mehr Wärme in Bewegung um, sie sind lebhafter. Ein Hund oder ein Bogel bewegt sich im Durchschnitt mehr als die träge Schildkröte oder auch als ein Fisch; ein Insekt ist reger als ein Krebs. Jedem Tier ist also in seiner Eigenwärme eine gewisse Menge von Kraft gegeben, die es ihn, nicht nur ermöglicht, sondern es sogar zwingt, sich zu bewegen. Eine Bewegung im tierischen Körper kommt stets zustande durch Zusammenzichung eines Muskels bezw. einer Muskelgruppe. Durch«ine solche Zusammenzichung wird gleichzeitig ein anderer Muskel ausgedehnt und es werden zwei gegeneinander verschiebbare feste Teil« des Körpers— meist sind es.Unochen, an denen die Muskeln entspringen und ansetzen— bewegt. Durch die Zu» sammenzichung einer gewissen Muskelgruppe wird z. B. der Unter- arm gegen den Oberarm bewegt, durch die anderer das eine Bein gehoben usw. Am häufigsten und stärksten bewegt werden die be sonderen Fortbewegungslorrkzeuge, beim Menschen Arme und Beine. beim Vogel hauptsächlich die Flügel; sie leisten die meiste Arbeit am Körper. Aber auch durch andere Bewegungen wird� Ar.eit ge» leistet, z. B. durch das Kauen und Beißen, durch das Schreie» der Tiere oder das Sprechen beim Menschen. Tic Arbeit de», tterisäea Körpers beruht also auf Zusammenziehungen von Muslel», die isircrsc!ts durch die in der Nerbenzcnirale aufgespeicherte und l>ier als Tpanuung sich äusiernde Wärme hervorgerufen werden. Tiefe .Spannung wird auf dem Wege von„Leitungen", den Nerven, in die Ntuskcltätigkcit umgesetzt. Für den Beobachter macht das Tier und der Mensch seine Be- wegungcn aus sich heraus. Ter Mensch bewegt sich oder er bewegt -sich nicht, er bewegt sich langsam oder intensiv, ganz wie es ihm beliebt, und das ist es gerade, was ihm und auch dem Tiere das Wescnhaftc und auch das Persönliche verleiht und ihre Bewegungen von den automatischen einer Maschine unterscheidet� Tier und Mensch machen ihre Bewegungen willkürlich, sie haben freien Willen. Wir sagen auch nicht: das Tier wird in Bewegung gesetzt, sondern: c-s belvegt sich. Und doch ist die Freiheit und Willkür der Be- wegungen bei allen Tieren begrenzt; selbst der Mensch, der doch den ausgeprägtesten freien Willen besitzt und am meisten Person ist, ist nicht völlig Herr seiner Bewegungen. Zunächst muh sich der Mensch bewegen, er befitzt einen ge- wissen Bewegungszwang. Er kann nicht längere Zeit in völliger Ruhe verharren, schon nach kurzer Zeit fühlt er den Drang zu Be- wegungen. Ter Bureaubcamte hat nach seinem Dienst, der ihn zu relativer körperlicher Ruhe zwingt, das Bedürfnis nach einem Spaziergang; in den Pausen einer langen Sitzung ergehen sich die Richter oder Parlamentarier in den Wandelgängen. Nach ixm 'Unterricht, der die Schüler zu einer gewissen körperlichen Ruhe verurteilt, stürmen sie unter lautem Geschrei ins Freie. Der Gefangene geht in seiner Zelle unruhig auf und ab, wie ein Löwe im Käfig, den sein Beweguugszwang täglich Hunderte von Malen hin- und herlaufen läsit. Würde einem Menschen jede Möglichkeit sich zu bewegen genommen, so würde sich die Spannung seiner Nerven derart steigern, dag er in Raserei verfiele. Eine Vorstufe dazu zeigt uns der Hund, der Tag und Nacht an die Kette gelegt ist. Er wird wütend und bissig, losgebunden vollführt er die tollsten Sprünge, wodurch die aufgespeicherte Spannung ausgelöst wird. Auch der aus seiner Gefangenschast erlöste Mensch stürmt und jagt hinaus. Wesentlich beeinflußt wird der Bcwegungs- zwang des Menschen durch Stimmungen. In der Freude tanzt und springt und jauchzt er; Trauer setzt seine Tatkraft herab, er zeigt Unlust gegen jede Bewegung, selbst zum Esten und Sprechen. Auch die Angst steigert den Bewegungszwang:„Die Angst treibt mich."„Die Angst läßt mir keine Ruhe." Ebenso erhöhen Wut und Zorn das Bedürfnis nach Betätigung und nicht selten werden sie durch eine energische Bewegung(Ohrfeige oder dergleichen) ausgelöst. Wie der Mensch sich nicht dauernd in Ruhe halten kann, so kann er sich auch nicht fortwährend bewegen. Der Arbeit folgt die Ruhe, dem wachen Zustand der Schlaf, der Anstrengung die Ermüdung. Es vollziehen sich also die Arbeitsleistungen des Körpers in steten Schwankungen. Auch in der Wahl seiner Be- wegungen ist der Mensch der Beschränkung unterworfen. In der Freude werden meist ganz unwillkürliche, automatische Bewegungen vollführt, die Ileberlegung ist mehr oder weniger ausgeschaltet. Daher kann der freudig Erregte oft nicht„ruhig und sachlich" sprechen; um so lauter wird er unartikulierte Laute hervorstoßen. Die Wahl der Bewegungen und damit auch die Sprechfähigkeit wird fast gänzlich aufgehoben beim„Schreck". H?er werden alle Muskeln des Körpers zusammengezogen; die Arme, die Beine und der ganze Körper wird infolgedessen„starr", keine einzige be- sondere Bewegung ist möglich. Tie Sprcchfähigkeit ist gelähmt, die Stimme„erstickt". Die Vorstufe zu dieser allgemeinen Muskel- zusammenzichung, der Starre, sehen wir bei der Angst; bereits hier zeigen alle Muskeln die Neigung sich zusammenzuziehen; infolgedessen zittert der Mensch. Der Bcwcgungszwang ist nun nicht bei allen Menschen gleich stark. Die Jugend ist feuriger als das Alter; sodann sind die Temperamente verschieden. Es gibt im- pulsive, unruhige Menschen, die ihr Beweguugszwang fast nicht zur Ruhe kommen läßt, sie vielmehr leicht zu Taten und Worten ver- anlaht, und es gibt ruhige kalte Naturen, die jede Tat und jedes Wort abwägen. Daß das Beißen, Kauen und auch das Sprechen ebenfalls als Arbeit in unserem Sinne aufzufassen ist, haben wir bereits er- wähnt. Die verschiedenen Tätigkeiten stehen eben zu einander in einem Abhängigkeitsverhältnis, eine Tätigkeit kann für die andere eintreten. Mir dem Alter beginnen die Kräfte abzunehmen, und gleichzeitig die Bewegungsorgane, die spezifischen„Arbeiter", die Arme und Beine, steif zu werden. Dennoch besitzt der Greis ver- möge seiner Eigenwärme einen gewissen Bewegungszwang. Da aber die Steifigkeit der Glieder ihre Bewegung immer mehr er- schwert, so wird die leichtere Arbeitsleistung, das Sprechen, immer mehr vorgezogen, und so macht das Alter den Menschen ge- schwätzig.—_ Dr. Emil König. kleines femUerou. — Der Funkentag im badischcn Oberland. Au? dem Badischcn wird der„Franks. Z." geschrieben: Ein alter Brauch ist an vielen Orten de? badischen Oberlandes fauch manchenorts im Elsaß) heute noch in Schwung und wird infolge der Bestrebungen, alte SittSn und Gebrauche zu erhalten, in den letzten Jahreu sogar mehr ausgeübt. Es ist dies das S ch e i b e n s ch l a g e n an der sogenannten „alten" oder F r a n c n f a st n a ch t facht Tage nach FastnachtS- sonutag). An manchen Orten wird dafür auch ein späterer Terantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Sonntag gewählt, allgemein aber wird der Tag der Funken« sonntag genannt. Die Knaben gehen einige Tage vorher von Haus zu Haus und bitten mit einem Sprüchlein um Holz, das ihnen zu dem Zwecke in mancherlei Gestalt falten Fässern, Balken, alten Christbäumen u. dgl.) gern gegeben wird. Vor dem Ort werden dann grosse Haufen Holzes aufgeschichtet und am Funkensonntag nach Eintritt der Dunkelheit in Brand gesetzt. Durchlöcherte viereckige Brettchen werden an lange Haselruten ge- steckt und in dem Feuer zum Glimmen gebracht. In kräftigem Schwung werden sie dann von Jung und Alt auf ein schief- stehendes Brett geschlagen, so daß sie, von der Haselaerte abgleitend, funkensprühend in feurigem Bogen durch die Luft sausen; dabei wird der Name der Person ausgerufen, zu deren Ehren die Scheibe ge- schlagen wurde. „Schibü, Schibü, Wem soll die Schibe goh? Dem.... soll die Schibe goh!" Je höher und weiter der feurige Bogen, in welchem die glühende Scheibe durchs Dunkel steigt, desto ehrenvoller ist der Schlag für die Person, der er gilt. Von fern gesehen gewähren die leuchtenden Scheiben in der dunklen Nacht einen prächtigen Anblick. Das Scheiben- oder Funkenfest Ivar nach altgermanischem Brauch eine Begrüßung des neuerwachenden Frühlings und galt der Sonne, die wieder lebenweckend ihre warmen Strahlen herabzusenden beginnt. Es ist selbstverständlich, dah ein Gebrauch, der aus so alter Zeit stammt und sich nur auf mündliche Ueberlieferung und nachahmende Aus- Übung stützt, nicht überall mehr gleichmässig gefeiert wird. Manche Fastnachtsgebräuche verbinden sich mit dem Scheibentag. Aber wenn auch hier und da sich Unterschiede finden, die ftohe Be- geisterung und das zähe Festhalten an diesem schönen Brauch ist überall gleich und überrascht jeden, der zum erstenmal mit dabei ist. Nicht nur auf den Dörfern, sondern auch in vielen Städten des badischen Oberlandes wird diese alte Sitte geübt, so u. a. auch in Emmendingen. Der„Badische Verein für Volkskunde" be- scbloss in einer vor kurzem in Frciburg i. Br. abgehaltenen Sitzung, das diesjährige Scheibenschlagen in Emmendingen zu be« suchen. Auch sonst finden sich alljährlich in Emmendingen' zu diesem Volksfest eine grosse Zahl von Zuschauern, besonders aus dem nahen Freiburg, ein.— Humoristisches. � Ein edler Chef. Chef:„Was ist denn mit Ihnen los; Sie trinken zum Frühstück eine Flasche Wein V Buchhalter(Bescheiden):„Nur ausnahmsweise, weil ich heute gerade fünfundzwanzig Jahre in Ihrem Geschäft bin!" Chef:„Wie, und dazu laden Sie mich nicht'mal ein?"— — Darum. Richter:„Aber wie konnten Sie dem Kläger nur gleich die Honigbüchse an den Kopf werfen?" Angeklagter:„Es stand„Schleuderhonig" darauf."— — Der Salontiroler.„Der Schuhplattler ist sehr nett... ich Hab' bereits zwei Paar— Handschuhe dabei durchgetanzt."— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — lieber japanische Jugenderziehung wird morgen (Donnerstag), 8>/« Uhr abends. Professor Aoshrda aus Tokio in der Aula des Friedrich Werderschen Gymnasiums, Dorotheen- strasse 13/14, sprechen. Die Eintrittskarte kostet 50 Pf.— — Das Schauspielhaus bereitet eine Wiederaufnahme von Gustav Freytags„Valentine" vor.— —„Casanova", die neue Operette von K a p e I l e r, geht in den ersten Tagen des März im Central-Thcater zum erstenmal in Szene.— — Der dritte musikpädagogische Kongreh tagt vom 9. bis 11. April in Berlin. Die Sitzungen finden im ReichStagSgcbäude statt. Auf der Tagesordnung steht u. a.:„Die Reform auf dem Gebiete des Schulgesanges".— — Auf dem R i e s e n g e b i r g e ist die j ä h r l i ch e R e g e n- höhe dreimal so gross wie in der Nähe von Berlin.— t. Die grösste Kälte, die bisher jemals beobachtet worden ist, hat Professor Olszewski in Krakau ans dem Wege des Experiments erzeugt, wie er der dortigen Akademie der Wissenschaften mitgeteilt hat. Dieser Forscher beschäftigt sich seit Jahren mit der Verflüssigung von Gasen und hat auch viele Erfolge nach dieser Richtung erzielt. Nur das Helium hat ihm dauernd widerstanden. Kürzlich machte Olszewski wieder einen neuen Angriff auf dieses seltene Gas, ohne es jedoch besiegen zu können. Dabei gelang eZ ihm aber ivenigstens, einen neuen Rekord der niedrigsten Temperatur aufzustellen. Er kühlte das Helium durch festen Wasserstoff auf —259 Grad ab, indem er es gleichzeitig unter einen Druck von 180 Atmosphären versetzte, dann wurde der Druck plötzlich nach- gelassen, wodurch die Temperatur bis auf— 271,3 Grad sank. Diese Temperatur liegt nur noch 1,7 Grad über dem sogenannten absoluten Nullpunkt der Temperatur, also der gröhten Kälte, die theoretisch überhaupt denkbar ist und die Temperatur deS leeren Weltraumes darstellen soll.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin L W,