Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 37. Donnerstag, den 22 Februar 1906 (Nachdruck verboten.) 231 Oer IftippelKof. Roman von Alfred Bock. Zaghaft pochte die Dine an die Tür der Dorfsibylle. Gemurr und Geschimpf schollen ihr entgegen. Die Alte lag noch auf ihrem Strohsack. Die Dine nannte ihren Namen und sagte, sie begehre einen„guten Rat". Da erhob sich die Wannigen und öffnete. Sie war eine hohe Siebzigerin, hatte rote Augen und einen barbarischen Kropf. Am ganzen Leibe zitternd, erzählte die Dine von ihren bangen Ahnungen und von ihrem Traum. „Du seist net recht bei Trost," rasauncrte die Alte,„daß Du Dir Dein Hirnkasten mit so dummen Gedanken verreißt. Dem Henner is gar nix passiert. So ein himmellanger Kerl nimmt's mit zehn Vagabonden auf. Ich will emal mein Erd- spiegel langen. Dörnach weiß ich gleich Bescheid." Aus einer uralten Kiste von Nußbaumholz holte sie einen kleinen Spiegel hervor, in dessen Rahmen allerlei geheimnis- volle Zeichen eingraviert waren. Darauf hauchte sie dreimal über das Glas, blickte lange hinein und sprach:„Vorderhand sehn ich nir als Wolken,'s hängt in dere Gegend ein Gewitter am Himmel. Richtig,'s donnert und plätschert gehörig. Etz wird's ein wink heller. Nu kommt die Sonn' durch. Da springt ein Weidhirtenbub. Da is auch Vieh. Was für schöne Aecker!'s muß gegen den Rhein zu sein, weil alles so platt is. Alleweil sehn ich den Henner." „Feuer und Wacht!" rief die Dine, die mit größter Spannung lauschte.„Kannst Du dann mit ihm schwätzen?" „Bst!" machte die Wannigen.„Das darf man net." „Laß mich emal gucken." „Ich werd' mich hüten, das könnt' Dein Tod sein." „Ei was!" „Ja freilich. Etz Hab' ich durch Dein Geseif den Henner verloren. Halt! Ich Hab' ihn wieder. He geht ganz stolz da enaus. Nur hat he merkwürdig dicke Hosensäck." „Kein Wunder," grinste die Dine,„das sein meine drei- hundert Mark." „Gelle!" kicherte die Alte.„No weißt Du, wodran Du bist,'s hat Deinem Schatz halt net gepaßt mit dem Aecker- strich in Bellersheim. He sucht sich anderswo ein Eigengut. Das geht net so schnell, wie Du Dir das vorstellst. Meine Sag' is: der Henner is treu und tut nix nebig dem Herz her. Wann's so weit is, kommt he und holt Dich, das is gewiß. Etz leg' Deine Mark her und troll' Dich!" Die Dine entrichtete ihre Mark und begab sich beruhigt wieder an ihre Arbeit. Die Wannigen war ein unheimlich Weibermensch, aber sie verstand„cbbes", das mußte der gelbe Neid ihr lassen. Der Henner war also wohl und munter. Daß er nicht schrieb, war sonderbar. Ja no, das Briefschreiben war nicht jedermanns Sache. Solang er beim Dotzheimerberz im Dienst stand, hatte er nie eine Feder angerührt. Und dann: er hatte all seine Gedanken jetzt auf den Erwerb des Eigengnts zu richten. Das konnte jeden Tag geraten, es konnte sich verzögern, je nachdem sich die Kaufgelegcnheit bot. Sie würde die Geduld nicht verlieren. Wie hatte die Wannigen gesprochen? „Der Henner is treu und tut nix nebig dein Herz her." Das war auch ihr fester Glaube. So ein Glück heimlich mit sich herumzutragen, war doch wunderschön! Wenn erst ihr Schatz kam, würden sie Augen machen aus dem Hof, ja im ganzen Dorf. Und eine lustige Hochzeit sollte es geben. Nicht so großartig wie beim Dotzheimerberz. Dazu fehlten ihnen die Batzen. Trotz alledem, der Henner würde sich nicht lumpen lassen, dessm war sie sicher.— Die zuversichtliche Stimmung, die nach dem Orakel der alten Wannigen die Oberhand bei der Dine gewann, dauerte fort, auch dann noch, als sie eines Tages wahrnahm, daß sich junges Leben in ihr zu regen begann. Gottlob! Sie hatte ja ihren„Bursch". Der würde sie nicht sitzen lassen. Wie nun ihr Zustand nicht mehr zu verbergen war, wurde sie von Fragern und Fragerinnen bedrängt, wer denn ihr Schatz sei. Weil sie beharrlich schwieg, mußte sie Hohn und Spott ertragen. Diese geheimnisvolle Liebschaft war dm Trätschern Wasser auf ihre Mühle. Sie bezichtigten diesen und jenen des„Nachgangs" mit der Dine. Die zu Unrecht Be- schuldigten wehrten sich energisch, der Chor der Rache aber lachte sich einen Ast.— Allmählich spürte die Dine, daß ihr die Arbeit beschwer» lich wurde. Da packte sie ihre Kiste und quartierte sich bei der Lore, der„Kindfrau", ein, dort ihre Stunde zu erwarten. Die Lore war eine vermögliche Witfrau, die ihren Beruf weniger um des Verdienstes willen, sondern in dem löblichen Bestreben ausübte, sich ihren Geschlechtsgenossinnen nützlich zu erweism. Sie besaß in der Gungelsgasse ein kleines weiß gc- strichenes Haus, dessen Balken in roter Farbe Prangten. An der Front las man, von einer hübsch gemalten Girlande um- Wunden, den Spruch: Ich will gern dienen jedermann Und helfen, wo ich helfen kann. Wenn man in die- im Erdgeschoß liegende Wohnstube trat, empfing man sogleich den Eindruck der Wohlhabenheit. Der Fußboden war mit Eichendielen bedeckt, die Wände waren schön tapeziert. Als ein Prachtstück stellte sich das Himmel- bett dar, dessen Kissen und Pfühl mit feinstem Linnen bezogen waren. Ueber das Ganze war eine reich gestickte Decke gc- breitet. Im zweiten Stock befand sich ein wohleingerichtetes Zimmer in gleicher Lage lind Größe. Darin wurde die Dine untergebracht. Die Lore war auf wunderliche Weise zu ihrem Vermögen gekommen. Geringer Leute Kind, hatte sie sich nach Stum- pertenrod vermietet. Dort machte sie Bekanntschaft mit dem Hambamm*), dem Sohn eines mittelschlägigen Bauern. Der Sohn eines mittelschlägigen Bauern. Ter Hambamm war ein bißchen„dappig", aber sonst nicht auf den Kopf gefallen. Seine Mutter war ihm nicht wohlgesinnt und wußte es durch- zusetzen, daß sein jüngerer Bruder den väterlichen Hof bekam, obgleich er als Aeltcster Anspruch darauf hatte. Ohne sich gegen diese schreiende Ungerechtigkeit aufzulehnen oder gar zu prozessieren, schrieb er an den einzigen noch lebenden Bruder seines verstorbenen Vaters, der zu Hull in England als Maschinenschlosser arbeitete, schilderte ihm seine Lage und bat ihn, er möge ihm bei seinem Fabrikherrn einen Platz der- schaffen. Die Antwort traf ein. er solle nur kommen. Un- verzüglich reiste er ab und ließ die Lore in Kümmernis zurück. In England fand er bei seinein Verwandten freundliche Auf- nahnre, doch zeigte er sich in der Fabrik so wenig brauchbar, daß ihm nach vierzehn Tagen wieder gekündigt wurde. Nun hatte er seine Violine mitgebracht, auf der er eine ziemliche Fertigkeit besaß. Als ihn der Onkel spielen hörte, sagte er: „In der Fabrik taugst Du nichts, die Musik muß Dir Dein Brot backen helfen. Den Weg will ich Dir weisen." Künftighin des Abends, wenn die Fabriken geschlossen und die 5lneipen überfüllt waren, zog der Hambamm mit seiner Violine von Lokal zu Lokal und trug unter großem Beifall seine Weisen vor. Binnen weniger Monate hatte er so viel verdient, daß er seinem Mädchen daS Geld für die Reise nach England schicken konnte. Die Lore besann sich nicht lange und folgte ihrem Schatz. In Hull wurden sie getraut. Selbander traten sie eine„Konzertreise" durch das britische Jnselreich an. Ter Hambamm war der Konzertgebcr, die Lore die Kassiererin. Elf Jahre gesegneter Tätigkeit warfen reichlichen Nutzen ab. In Edinburg geschah's, daß der Hambamm erkrankte und starb. Die Lore kehrte in ihre Heimat zurück. Daß ihr Beutel mit Gold gespickt war, wurde schnell ruchbar, und die Freiers- männer liefen ihr das Haus ein. Sie erklärte standhaft, daß sie sich nicht mehr verheiraten wolle. Auf dem Faulbett zu liegen, war indessen nicht ihr Plan, sie begab sich vielmehr in die nahegelegene Universitätsstadt und machte auf der Frauen- klinik einen halbjährigen Kursus durch. Wohl vorbereitet ließ sie sich darauf in ihrem Dorf als„Kindfrau" nieder. Um ihrer Geschicklichkeit und Guttätigkeit willen wurde sie von Alt und Jung hochgeachtet. Einmal unterhielt sie sich Sonn- tags nach der Kirche mit dem Bruder des Pfarrers, der just von Amerika gekommen war, in englischer Sprache. Da sperrten sie alle Maul und Ohren auf. Im oberen Stockwerk ihres Häuschens schloß sich an die große Stube eine Kammer. in der auf sinnige Weife alles zur Schau gestellt war, was sie *) Johann Adam. cm Erinnerungszeichen aus England mitgebracht hatte. � Inmitten des Gelasses lag auf zierlichem Tischchen die Violine ihres Mannes. Wenn sie im Zwielicht in ihrem kleinen Museum saß und sich in die Vergangenheit zurückträumte. hörte sie zuweilen ein leises Klingen. Das mußte wohl von der Geige kommen. Der wohnte geheimes Leben inne. Und all die Melodien wurden wieder lebendig, mit denen der Ham- bamm die Menschen erfreut und erhoben hatte.— Die Dine war bei der Lore wohl geborgen. Sie konnte sich's behaglich machen und sah sich von sorgender Liebe um- geben, die ihr. der Verwaisten, im Leben karg zugemessen war. Eines Abends hatte sie einen Anfall von Ohnmacht. Danach sagte sie zur Lore:„Seid so gut und holt mir ein wink Papier und Tinte und auch ein Federhalter. Ich schreib' für alle Fäll' emal cm mein Schatz. Wann he kommt und ich sein net mehr da. dernachert gebt ihm niein Brief." Die Lore suchte ihr die trüben Gedanken auszureden. An wen der Brief gerichtet werden sollte, fragte sie nicht. Und doch wär's der Dine gerade jetzt ein Bedürfnis gewesen, sich offen auszusprechen. Nrin blieb ihr nichts anderes übrig, ohne dazu aufgefordert zu sein, ihre Pflegerin, die so wenig neu- gierig war. in das Geheimnis ihrer Brautschaft einzuweihen. Die Lore begriff sofort, daß das Mädchen in seiner Ver- trauensseligkeit einem Schurken in die Hände geraten war. Woblweislich behielt sie ihre Meinung für sich und trug Papier und Schreibzeug herbei. Die Dine aber setzte sich hin und schrieb: „Lieber Henner! Das hätten wir beim Kriegerfest auch nicht gedacht, daß ich jetzt tot bin. Ach, es war so schön, und ich war glücklich. Du sollst Dich aber nicht vergrämen. Ich teile Dir noch mit, daß auch sonst hier vieles anders geworden ist. Dein Freund, der Schwaderlopp, ist vom Gerüst auf die Tenne gestürzt und war gleich hin. Der Allendörfermatz hat dem Dotzheimer seinen Hof und seinem Vater seinen dazu, im Torf heißen sie es den Kuppelhof. Das ist ein gar strenger Mann, und seine Frau hat es nicht gut bei ihm. Das tut mir sehr leid. Der Dotzheimer klagt in einem Stück, das meiste Brot hat er gegessen. Der Matz will klug sein und hat dieses Frühjahr so wenig Hafer und Gerstenstroh gehabt, daß er dem Vieh mehrenteils Grünfutter hat geben miissen. Die Lotte und die Scheck wären beinah' draufgegangen. Meine Gate ist in das Jrrenklinik in Marburg gekomnien. Es hat ihr schon lang im Kopf gestocken. Lieber Henner, das war eine traurige Zeit, weil Du gar nicht schreiben tatst, und nun bin ich tot. Die dreihundert Mark bleiben dem Kind. Hast Du denn jetzt Dein Eigengut? Ach. ich hatte mich mächtig darauf gefreut! Außer der alten Wannigen in der Aulerkaut und der guten Lore in der Gungelsgasse weiß kein Mensch, daß Du der Vater von meinem Kind bist. Ich will Dir nur sagen, bloß aus Not und Angst um Dich bin ich bei der Here gewesen. Von der Wannigen weiß ich auch, daß Du am Nhein bist. Und sollen schöne Aecker da sein. Ach, wie hätte ich schanzen wollen, und bin nun tot. Zu was sollte ich denn ausschellen, daß wir uns versprochen hatten? Die Leute haben mir schon genug an- getan, weil ich mit dem Kind gegangen bin. Sie hätten es gewiß auch fertig gebracht. Dich schlecht zu machen. Das wollte ich nicht. Von meinen Sachen darf sich die gute Lore aus- suchen, was sie will. Ich glaube aber, sie nimint nichts, denn sie hat's nicht nötig. Ach, was wirst Du für ein Spaß an dem Kind haben! Wenn es ein Mädchen ist, soll es nach meiner Mutter Karoline heißen. Ich komme jetzt zu meinen Eltern in das himmlische Freudenreich. Wenn die Herrlichkeit noch so groß ist, ich wäre doch gern bei Dir geblieben und kann vor Weinen nicht weiter schreiben. Es grüßt Dich vielmals Deine treue Katharina Silhöfer." Den Brief zu schreiben war der Dine schwer geworden. Lange noch saß sie mit tränenüberströmtem Gesicht. Endlich erhob sie sich und sagte:„Ich weiß net, Lore,'s wird mir so artlich. Ich glaub','s is de Best, ich geh» in mein Bett." Sie war so hinfällig, daß ihr die Lore beim Auskleiden behülflich sein mußte. Ein paar Stunden später hielt der Storch Einkehr, und das Geschrei eines prachtvollen Bübchens erfüllte die Stube. Die Lore zeigte den neuen Weltbürger der jungen Mutter:„Guck emal her, was ein Kerlebusch! Und schnecken- fett. So Hab' ich lang' kein Kind geseh'n." „Unberufen!" flüsterte die Dine, aus ihren Augen aber strahlte das reinste Glück.— Während die Lore die Wöchnerin pflegte, sann sie dar- jiber nach, wie sie der armen Betrogenen helfen könne. Irgend- wo mußte der Henner stecken. Seinen Auscnthalt ausfindig zu machen, gab es Mittel genug. Das nächstliegende war, in Bellersheim Umfrage zu halten. Die dreihundert Mark waren selbstverständlich auf Nimmerwiedersehen verschwun- den, doch würde das Gesetz den Schuldigen zwingen, seine Pflicht als Vater zu erfüllen. Als die Dine wieder außer Bett war, ging die Lore in aller Stille vors Dorf, wartete auf das Postwägelchen und fuhr nach Bellersheim. Dort führte ihr erster Weg zuni Bürgermeister. Der war über die Personalien des Henner genau unterrichtet. Nachdem der Goliath vom Bernhard Dotzheimer entlassen worden war, hatte er in Oberingclheim bei einem Weinbergsbesitzer geschafft. Die Arbeit hatte ihm jedenfalls nicht gepaßt, denn er legte sie nach eines Monats Ablauf nieder und trieb sich wochenlang ohne Beschäftigung in Mainz herum. Im Gasthaus zum halben Mond bekam er mit einem Fuhrknecht aus Mombach Händel, griff zum Messer und verwundete seinen Gegner lebensgefährlich. Seiner Verhaftung hatte er sich durch die Flucht entzogen. Hinter ihm war ein Steckbrief erlassen worden.— So wenig sich die Lore von ihrer Vermittelung in der Angelegenheit versprochen hatte, auf diesen Ausgang war sie nicht gefaßt. Ganz erschüttert trat sie den Heimweg an. Sollte sie schweigen, oder sollte sie der Dine die Wahrheit sagen? Einmal würde die Aermste doch ibr Schicksal erfahren, obendrein vielleicht aus rohem Munde. Da war's am besten, man brachte ihr die UnglücksboEckiaft schonend bei. Mit diesem Vorsatz setzte sie sich abends ihrer Schutzbe- fohlenen gegenüber, doch gewann sie's nicht über sich, zu reden. Erst nach einigen Tagen fand sie den Mut dazu. Sie wollte aber ihren Ohren nicbt trauen, als die Dine unter heißen Tränen sprach:„Die Leut sein gar garstig, Lore. Ehnder sie mein Schatz verblitzen, sollen sie hören, wie he sich dadezu stellt. Dadurch, daß er das Eigengut sucht, kommt er mit allerlei Volk zusammen. Wer weiß, was dqs für ein Rüpel war, gegen den er sich hat wehren müssen? Nee, Lore, demwegen acht ich ihn net gering. Wann er kommt, wird er schon verzählen, wie alles zugangen is. Und was he von sich gibt, is wahr. Dadefür stebn ich ein." Die Lore verstummte. Der Glaube des Mädchens an den Knecht war unerschütterlich wie Fels im Meer. Mittlerweile rückte die Dine wieder in ihre Stelle ein, die ihr der Allendörfermatz als einer fleißigen Magd offen- gehalten hatte. In den Feierabendüunden nahm sie ihr Kind, das einstweilen in der Lore Obhut verblieb, und ging auf die Finkelhöhe. Dort gesellte sich der Schäferkasvar zu ihr. Den fragte sie:„Kaspar, wo enaus zu is dann der Rhein?" Der Schäfer hob die Schuppe und deutete gen Süden. „Guck, wo's so flimmert, da sein doch Berg. Die heißt man den Taunus. Und dadehinter fliekit der Rhein." Sie folgte mit ihren Blicken der angegebenen Richtung. Also da war der Rhein. Da fahndeten sie auf ihren Schatz. Der Henner is ein himmellanger Kerl, hatte die alte Wanni- gen gesprochen, der nimmt's mit zehn Vagabonden auf. Dem- nach auch mit zehn Gendarmen. Das war gewiß, er riß sich durch. Vielleicht war er näher, als sie ahnte. Ganz nah. Und kam über Nacht. Ach, gutes Gottchen I Wie wollte sie ihn halten und herzen. Und verstecken, daß ihn niemand fand. So simulierte sie und schaute sehnsuchtsvoll in die ferne, goldene Herrlichkeit, bis der Bub unruhig ward. Da legte sie ihn an die Brust und sang: „Bubckcn, schlaf' ein, Dein Vater kommt vom Rhein, Bringt ein' schönen Hampelmann, Ritzerot angetan. Bübchen, schlaf' ein, Dein Vater kommt vom Rhein." 17. Ter Dotzhcimcr fühlte sich so schwach, daß er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Sein Gesicht war merkwürdig klein geworden und trug die Zeichen des Verfalls. „'s liegt mir auf der Brust wie ein Ackerscholl." klagte er. „Und sein rackmüd. Und wann ich ein wink dusscl, als tat mir eins die Kehl zuschnüren." Nach langem Hin- und Herreden setzte es die Mariann durch, daß der Arzt aus der Kreisstadt gerufen wurde. Der untersuchte den Patienten und meinte:„Mit dem Herz, da stimmt's nicht ganz. Sonst kann ich nichts Besonderes finden- Ich denk,'s wird sich wieder machen." Er empfahl leichteste Kost und feuchte Umschläge, das Blut vom Herz abzuleiten. Wenn der Kräftezustand sich ge- hoben habe, solle der Bauer eine Badekur in Nauheim gc- brauchen. Die wirke oft Wunder bei dergleichen Fällen. Als der Arzt gegangen war, sagte der Dotzheimer in despektierlichem Tone:„Das will ein Doktor sein! Und der- schreibt net emal was. Ha! Da bleib ich beim Säuhirtekarl seinem Tränkchen."— Die Mariann war eine achtsame Krankenpflegerin. Wenn die Atembeschwerden den Vater quälten,, bettete sie ihn höher. Auch sonst schaffte sie ihm manche Erleichterung. Die wenigen Speisen, die sein Magen annahm, bereitete sie sorgfältig zu. Die Anstrengung tat ihr wohl, denn sie vergaß darüber das eigene Leid.— lFortsetzung folgt.); (Nachdruck verboten.) Zur Gcfcfncbtc eines Volkssports. Anfangs Februar dieses Jahres wohnten 3000 Zuschauer den Schneeschuh-Wettläufen auf dem Feldberg im Schwarzwald bei, davon 2000 dem internationalen Sprung- lauf. Und vor siebzehn Jahren, d. h. im Anfang des Jahres 1889, stand in dem kleinen Amtsblättchen von Neustadt, dem„Hoch- Wächter", ein Artikel, daß vor einigen Tagen ein seltsamer Fast- nachtsnarr im Feldbergcr Gebiet aufgetaucht sei. Das sei ein Fremder gewesen, der mit langen Schuhen aus Holz hinauf zum Feldbergerhof gestiegen sei. Ter Bericht entsprach den Tatsachen mit Ausnahme der karnevalistischen Färbung, die jenem allerersten Versuch einer Besteigung des Fcldbergcs bei hohem Schnee gegeben wurde. Jener„Fastnachtsnarr" war ein französischer Arzt, Dr. Pilct, der auf sehr primitiven, nur mit einem Zehenbügel versehenen Schneeschuhen die Besteigung gewagt hatte. Aber der Versuch schien nicht nach seinem Wunsch ausgefallen zu sein, denn er lieh die tannenen Hölzer oben auf dem Feldbergerhof, dem Gasthaus unten am Feldbcrggipfel, wo er natürlicherweise auch wie ein nicht ganz normaler Mensch angesehen wurde. Aber die Schwierigkeit des Verkehrs bei hohem Schnee bewog den Fcldbergcrhofwirt trotzdem, es einmal mit den langen Ungetümen zu versuchen; er konnte jedoch die seltsamen Holzschuhe anfangs nicht bemeistern. Da kam eines schönen Tages der jetzt verstorbene Arzt von Todtnau, Dr. Tholus, auf den Feldbergerhof, und ihm wurde die Geschichte von dem närrischen französischen Arzt mitgeteilt. Da lächelte Dr. Tholus fein und meinte, er habe auch so ein paar Mordbretter zu Haus auf dem Speicher liegen. Er habe irgendwo gelesen, daß die Lappen mit solchen Dingen mit großer Schnelligkeit über den tiefen Schnee fahren können, und da habe er, der doch manchmal schwierige Krankenbesuche im Winter machen müsse, sich so ein paar Schnee- schuhe kommen laffen, aber er sei nicht mit ihnen fertig geworden. Daß jedoch der französische Kollege von Titisee her durch tiefen Schnee resp. über tiefen Schnee auf den Feldberg gekommen sei. gäbe ihm zu denken. Und Dr. Tholus begann, diesmal mit mehr Erfolg, seine Versuche aufs neue, zugleich mit dem Feldbergerhof- Wirt, der nun durch Schnüre die einfache Zehenbindung der Schnee- schuhe zu verbessern suchte. Zwei Todtnauer ließen sich nun nach den Mustern der aus Lappland geschickten Scknceschuhe auch welche machen und quälten sich herauf auf den Feldberg. Denn die Ski- technik war naturgemäß noch ebenso mangelhaft, wie die Schnee- schuhe selber. Aber dieses Anfangsstadium wurde bald überwunden. Die Todtnauer bildeten bald einen Schnecschuhklub und alljährlich vcr- besserten sich die Resultate. Auch in Freiburg bildete sich ein solcher Klub, und an den Wintersonntagen anfangs der neunziger Jahre konnte man eine kleine Anzahl Männer sehen, die vor dem Feld- bergerhof ihre Uebungen machten und das in den Augen der Be- völkerung für lebensgefährlich verschriene Wagnis einer Besteigung des Feldbergs bei tiefem Schnee unternommen hatten. Die Lhmde von der Durchquerung Grönlands durch Nansen mit Schneeschuhen brachte Zug und Temperament in die Sache. Im Jahre 1895. begann der Skilauf sich mächtig zu entwickeln und zwar in erster Reihe durch die Vereinigung der zwei lokalen Skiklubs Todtnau und Frciburg zu dem Skiklub Schwarzwald. Diese Vereinigung bat zweifellos bedeutende Verdienste um die Hebung dieses gesund- heitlich und wirtschaftlich so wichtigen Sports. Wie wichtig das Schneeschuhlaufen für die Bevölkerung des hohen Schwarzwalds ist, läßt sich schon allein daraus ersehen, daß seit den 10 Jahren, wo die Schneeschuhe auf diesen Höhen bekannt wurden, der Schulbesuch immer mehr gestiegen ist. Im Winter sind nämlich die Höfe oft so tief eingeschneit, daß nicht daran zu denken war, die Kinder in die oft eine Stunde und länger entfernte Schule gehen zu lassen. Jetzt ist es den Kindern ein Vergnügen, mit Schneeschuhen den Schulweg zu machen, und sie lernen nun auch mehr wie früher, denn der Sommer mit seinen vielen Feldarbeiten ist weder sür den Lehrer noch für die Schüler eine angenehme Schulzeit, und im Winter war die Schule fast immer leer. Die Technik des Schneeschuhlaufcns vcrvollkomumet sich bei der städtischen wie bei der ländlichen Bevölkerung immer mehr, besonders durch die Anregung bei den großen Wettläufen, bei dene« als leuchtende Vorbilder immer Gäste aus Norwegen mitwirken. Ich habe schon früher über den Verlauf der Schneeschuhrennen berichtet, daß neues eigentlich nicht zu sagen ist, wenn man sich nicht auf den ausschließlich sportlichen Standpunkt stellen will. Aber ein Teil der Wettläufer ermüdet nie, sonder» reizt immer wieder von neuem dazu an. dieses herrliche Schauspiel menschlicher Kühnheit und Kraft zu beschreiben. Schon die landschaftliche Schönheit des Sprunghügels ist un- vergeßlich. Er liegt im frostweitzen Wald an der Ostseite des See- bucks und läßt einen weiten Blick offen gegen die blauen Berge jenseits des Höllentals. Auf einer Strecke von ungefähr 150 Metern beginnt hoch oben im Wald der steile Anlauf, der über den mehr als zwei Meter hohen Sprunghügel führend in die breite Bahn des Anlaufs übergeht. Wer Gelegenheit hatte, nicht nur von den beiden Tribünen aus das Schauspiel zu �beobachten, sondern ganz nahe am Sprunghügel den Verlauf der Sprünge der norwegischen Gäste zu verfolgen, der konnte folgendes sehen: Nach einem schrillen Pfeifcnsignal erschien hoch oben in blitzschneller Abfahrt eine der einfach und dunkel gekleideten Gestalten, die etwa 10 Meter vor dem Sprunghügel, alle Kräfte in den gespannten Muskeln sammelnd, sich zusamnienduckte und dann im Augenblick, wo die Schneeschuhe die Kante des Sprungivalls berührten, mit einem gewaltigen Satz wie ein Vogel hinausschoß in die Luft. Der Luft- widerstand ist im Anfang des Sprunges so groß, daß die Nahe- stehenden ein dumpfes Tansen vernehmen, während der Körper durch die Luft fliegt. Der Springer rudert niit den Armen geradezu in der Luft und mehr als einmal ist es�einem der Norweger gelungen, in der Luft durch ein gewaltiges Schwingen der Arme noch einmal einen neuen Ansatz zu nehmen und, die mathematische Flug- kurve unterbrechend, weiter zu gelangen, als man ursprünglich ver- muten konnte. Sobald die Skier wieder den Boden berühren, geht es in toller Fahrt abwärts bis zum Auslauf, wo der ganze Sprung mit einem kurzen sogenannten Telemark- oder Kristiania-Schwung endet oder enden soll. Wenn dieses plötzliche Anhalten inmitten der rasenden Fahrt gelingt, dann verhüllt eine dichte Schnecwolke einige Augenblicke den Springer. Erstaunlich war die Leistung des Norwegers Smith. der mit einem Sprung von 36 Metern für Deutschland den Rekord aufstellte. In der Hauptsache unterscheiden sich die Norweger von' den Deutschen durch die von keiner Aengstlichkeit angekränkelte Wucht des Anlaufs, durch den kühnen Absprung und durch die Flügelbewegungen der Arme. Das unvergeßlichste Bild bei diesem Wettsprunglauf war es aber, als gerade im Augenblick, da die Sonne den Nebel durchbrach und den Wald in seinem weißen Zauber erscheinen. ließ, Herr Smith mit einem norwegischen Namensgcnossen einen Toppelsprung von über 30 Metern ausführte. Es ist ein solcher Anblick, wie Friedhjos Nansen sagt, das„stolzeste Bild menschlicher Kühnheit und Kraft".— A. F. Kleines feuiUeton- dy. Aegypten vor sechs Jahrtausende». Professor Ermann hielt am Dienstag in der Singakademie einen Vortrag über Aegypten vor sechs Jahrtausenden. Die hochinteresianten Aus- führungen wurden durch zahlreiche Lichtbilder illustriert, die vornehmlich Funde aus den prähistorischen Gräbern von Abusir cl-melcg darstellten, wo die Deutsche Orientgesellschast neuerdings erfolgreiche Ausgrabungen veranstaltet hat. Die Funde gehören einem ägyptischen Zeitalter an, von dem man bis vor ungefähr einem Jahrzehnt so gut wie gar nichts wußte. Früher erblickte man in der Zeit des sogenannten alten Reichs(3. Jahrtausend vor Chr.), dem u. a. die Pyramidenerbaucr Chcops und Chephren angehören, die Jugend des ägyptischen Volles. Das war irrig. Das alte Reich ist der Höhepunkt einer EntWickelung im alten Aegypten, aber nicht der Anfang. Damit erwuchs das Problem. nach dem Anfang zu forschen. Lange hat man aus dem vierten Jahrtausend v. Chr. nichts gefunden, oder vielmehr, man übersah die vorhandenen Reste. Erst, als vor einem Jahrzehnt der eng» ltschc Forscher Flinders Petrie in Aegypten ein großes Gräber- seid aufdeckte, und gleichzeitig zwei französische Gelehrte ander. wärts uralte Gräber gleicher Art fanden, wurde man aufmerksam und fragte sich, ioas das für Gräber seien. Die Funde sahen sehr sremartig aus. Petrie hielt sie erst gar nicht für ägyptisch. sondern meinte, sie stammten von einem fremden Volke, das in Aegypten eingefallen. De Morgan dagegen erkannte die Funde als prähistorische, ägyptische. DaS bestätigte sich bald. Auf ein» zelncn Stücken, die man in den Gräbern gefunden, waren In» � schriften zu lesen, die Prof. Sethe entziffert hat: Namen uralter. sagenhafter ägyptischer Könige standen darauf, die Namen von Königen aus der ersten Dynastie, ll. a. wurde auch der Nam» des Königs Menes nachgewiesen, des ersten ägyptischen MöntgS, von dem die tleberlieferung weiß. In diese Epoche gehörte also ein Teil dieser Funde. Andere Funde waren augenscheinlich noch weit älter. Da waren also endlich Reste aus dem vorgesäncht- lichen Aegypten, bis gegen 1000 v. Chr. Seitdem haben sich Eng. länder, Franzosen. Amerikaner bemüht, diese Forschungen mit dem Spaten weiter zu betreiben. Auch Teutschland ist heute in diese Bahn eingetreten. Im vorigen Jahre sind von der — 148 Deutschen Oricntgcscllschaft Grabungen gemacht worden auf der Stätte, die Abusir cl-mcleg hcitzt und 100 Kilometer südlich von Kairo liegt. Dr. Möller und Dr. Müller haben die Ausgrabungen dort mit großer Aufopferung geleitet. Nicht weniger als tausend Gräber aus vorhistorischer Zeit sind geleert worden. Zum Teil fanden sich die Skelette noch darin vor: sie lagen in der Haltung von Schlafenden. Im Anschluß an die übrigen Gräberfunde gibt der Vortragende eine kurze und dem lückenhaften Material ge- »näß natürlich nicht vollständige Schilderung des vorgeschichtlichen Aegyptens. Die Tracht der Ncpyptcr war damals anders, als in den folgenden Jahrtausenden: der Aegypter der prähistorischen Zeit ging mit Vorliebe nackt, trug langen Vollbart und ließ das Haar wachsen. Ein Elfcnbcinsigürchen zeigt eine prähistorische Aegyp- terin mit ihrem Säugling: beide splitternackend. Während die Kleidung allgemein auf ein Minimum beschränkt war, bemalte und schminkte man sich. Man hat viele Steine gefunden, die zum Aufreiben grüner, roter, schwarzer Schminke bestimmt waren. Elegantere Schminkstcine haben die Form von Tieren, z. B. von Schildkröten. In einem Grab von Abusir ist darauf direkt noch rote Farbe gefunden worden. Weiter führt der Vortragende eine Ausivahl von Schmucksachen im Bilde vor: Haarpfeile, Salben- löffel, Perlhalsbändcr, Einstcckkämme. Bemerkenswert, aber er- ilärlich ist, daß gar leine Waffen in den Gräbern vorkommen. Diese Fellachen vor 0000 Jahren waren genau so wie ihre Nach- kommen heute das friedfertigste Volk, das froh ist, seine Rinder zu hüten und Ackerbau zu treiben. Beides taten schon die vor- geschichtlichen Aegypter. Sie buken Brot aus Gerste, brauten Bier aus Gerste. Man hat einen Krug mit Bicrrückständen gefunden. Dargestellt ist vom Ackerbau nichts, er ist aber mit Sicherheit vorauszusetzen. Nach den Bildern allein mußte man die Aegypter dieser Zeit für ein Volk von Jägern halten. Immer wieder werden Jagden auf Strauße, Elefanten. Löwen dargestellt. Der Kunstfleiß der Aegypter richtete sich damals noch auf andere Dinge, als ein Jahrtausend später. Kupfer kommt zwar schon vor, ist aber offenbar noch sehr teuer gewesen. Für die prähistorischen Aegypter war ein unendlich wichtiges Material der Feuerstein, Alles Mögliche machten sie daraus; nicht nur Pfeilspitzen, sondern auch Gefäße wurden aus Feuerstein verfertigt, und sogar zu künst- lerischen Darstellungen hat er gedient: Gestalten von Tieren, Anti- lopcn und Steinböcke, sind aus Feuerstein gearbeitet. Für die späteren Aegypter war der Feuerstein etwas Nebensächliches. Die älteren Aegypter arbeiteten mit Vorliebe in harten Steinen; dafür zeugen die Steingcfäße von Abusir. Henkel haben die Töpfe in dieser Zeit noch nicht, sondern nur kleine Oesen, durch die eine Schnur gezogen wird, woran man den Topf trägt. Die Formen dieser Gefäße sind ganz phantastisch. Ein Steingefäß hat die etwas roh herausgearbeitete Gestalt einer Taube: höchst barbarisch wirken die eingesetzten Augen. Ein anderes Gefäß stellt ein ruhen- des Kamel dar. Das ist die älteste Darstellung des Kamels. Das Kamel ist in Aegypten nicht vor römischer Zeit eingeführt worden. Hier haben wir es nun schon vier Jahrtausende v. Chr. Wie das zu erklären ist, steht noch dahin. Wahrscheinlich ist es als ein fremdes Tier dargestellt, das Beduinen bei sich hatten, wenn sie nach Aegypten kamen. An einem anderen Gesäß stellen schwarze Flecken Reste von Glasur dar. Die Glasfäbrikation geht also bis 4000 v. Chr. zurück, natürlich bloß die Verwendung des Glases zur Glasur. Die Stcingefäße finden sich in verhältnismäßig wenig Gräbern bor. In schier unglaublicher Menge sind dagegen Tongefäßc er- halten geblieben. Am interessantesten sind die roten Gefäße mit brauner Bcmalung. Allerlei wunderliche Szenen sind darauf in recht barbarischer Weise dargestellt. Wer eigentlich gemeint ist, läßt sich nicht immer leicht erkennen; die Schiffe z. B. könnte man tmf den ersten Blick für Gott weiß was halten. Sind diese Bilder noch recht wildenhaft, so wird dagegen in Reliefs Vortreffliches geleistet. Auf einem Relief sieht man eine lange Reihe von Schützen einen Löwen jagen, der von Pfeilen durchbohrt ist. Ein besonders dramatisches Stück stellt Giraffen dar, die zu beiden Seiten eines Palmbaunies stehen. Auf einem anderen sieht man ein richtiges Fabeltier. In solchen wunderlichen Tiergestaltcn, Panthern mit Flügel» und dergleichen, gefällt sich diese ganze Zeit. Auf einem Schmuckstein sehen wir ein Schlachtfeld, auf dem Löwen und Raub- Vögel die Toten zerreißen, weiter eine Darstellung zur VerHerr- lichung des Königs: der König erscheint als Stier und zertritt seine Ecinde. Auf dem Knauf einer' Keule ist ein Fest zu Ehren des önigs dargestellt; die Darstellung ist recht roh und wild. Sehr merkwürdig ist das Relief auf einem anderen Schmuckstein. Man sieht Fabeltiere, den König als Stier, wie er einen Gefangenen tötet; weiter oben besieht der König die getöteten Gefangenen, deren Köpfe zwischen den Steinen liegen. Auf der anderen Seite hält er einen Feind beim Schopf gepackt und schwingt die Keule, um ihn zu erschlagen. Gelegentlich haben sich die prähistorischen Aegypter auch an Skulpturen versucht, wenn auch nur kleinen. Dahin gehört die Statuette eines Acgyptcrs mit langem Vollbart. Vortrefflich ist das Elfenbeinfigurchen eines Königs mit hoher Krone, ferner ein paar Tierfiguren(Hund und Löwe), die wahrscheinlich zum Brettspiel benutzt worden sind. Auf einem Schmuckstem findet sich eine Inschrift, die wir ausnahmsweise lesen können. Im allgemeinen nämlich bereiten die Inschriften aus dieser frühen Zeit der Eni- zifferung noch außerordentliche Schwierigkeiten. Die Schrift ist noch nicht das spätere Gemisch von alphabetischen und Wortzeichen, sonderen noch eine halbe Bilderschrift, die mit Rebus arbeitet. Die fragliche Inschrift besagt, daß der König 0000 Gefangene aus einem Gau des Delta fortgeführt hat. Die meisten Inschriften dagegen sind noch dunkel, so namentlich die Siegel. Diese Siegel sind kleine Rollen, wie wir sie sonst nur in Babylonien, dagegen nicht im späteren Aegypten finden. Elfenbeintäfelchen mit Inschriften geben die Regierungsjahre eines Königs durch bestimmte Ereignisse an. Ein solches Täfelchen ist aus der Zeit des Königs Mcnes. Worauf sich aber das alles bezieht, läßt sich bisher nicht bestimmt sagen. Das ineiste bleibt unklar. Die Reste der Königsgräber des MencS und seiner Nachfolger, sowie der Grundriß des Menesgrabes werden in Lichtbildern vorgeführt. In benachbarten Gräbern sind bestattet ein Hofzwcrg, eine Frau und die Lieblingshunde des Königs. Von dem Nachfolger des Menes ist ein Armknochen mit Armband ge» funden worden. Das Band besteht aus Perlen und kleinen Figuren, die teils aus Gold, teils aus Edelsteinen, wie Amethyst usw., her- gestellt sind. Unter diesem König ist ein Wechsel im Stil ein- getreten. Der Ucbcrgang von der prähistorischen Formlosigkeit zu der späteren ägyptischen Steifheit beginnt. Weil wir bloß auf archäologisches Material angewiesen sind, die literarischen Hülfsmittel ganz fehlen, so ist das Urteil über dies älteste Aegypten notwendig einseitig. Nach den Funden allein würde man z. B. nicht auf den Gedanken kommen, daß diese Zeit schon eine Verwaltung gekannt habe. Tatsächlich ist sie aber schon vorhanden gewesen, ist u. a. die Höhe des Nils Jahr für Jahr gemessen worden. Die Phantasie muß also stark zu Hülfe gerufen werden, um ein richtiges Urteil über das Aegypten vor sechs Jahr- taufenden zu gewinnen. Man denkt unwillkürlich, daß diese ältesten Länder von einander abgeschlossen gewesen seien, ohne Verkehr mit- einander. Aber das ist nachweislich nicht der Fall. Flinders Petrie hat in den ältesten Gräbern Gefäße gefunden, die ganz zweifellos fremden Ursprungs sind. Diese Töpfe sind jedenfalls von phönizischen Kauflcuten nach dem Niltal gebracht worden. Das Siegeln mit Rollen findet sich in Babylonien, ebenso die Keulen mit verzierten« Knäufen, sowie die Sitte, die Jahre der Herrscher nicht zu zählen, sondern nach Ereignissen zu benennen: das Jahr, in dem das und das geschah. Das sind natürlich keine zufälligen Ueberein- stimmungen. Ein Zusammenhang irgend welcher Art hat offenbar zwischen dem vorgeschichtlichen Aegypten und dem alten Babylonien bestanden. Und es steht fest, daß schon vor sechs Jahrtausenden die Völker nicht getrennt von einander gesessen haben.— Humoristisches. — Im Fasching. Ein Herr tritt in einen Handschuhladen. Verkäuferin:„Sie wünschen, mein Herr?" Herr:„Ach. Du könntest mir ein Paar Glacehandschuhe geben l" Verkäuferin(erstaunt):„Wie meinen Sie?" Herr:„Ich wollte Dich bitten, mir ein Paar Glacehandschuhe zu geben I" Die Verkäuferin geht empört zu dem Geschäftsführer:„Ach bitte, kommen Sie doch mal nach vorn, da ist ein wildfremder Herr, der so frech ist, mich zu duzen!" Geschäftsführer(zum Käufer):„Sie wünschen, mein Herr?" Herr:„Ach, ich habe ja schon Dein Fräulein gebeten, Du solltest mir ein Paar Glacehandschuh geben." Geschäftsführer(aufbrausend):„Mein Herr, was sollen diese plumpen Vertraulichkeiten... Erst haben Sie meine Ver- käuferin geduzt und jetzt machen Sie mit mir dieselben Dumm« Heiken I" Herr:„Dummheiten? Wieso? Da draußen steht doch: Glassehandschuh ä Paar Mk. 3.— Duzend billiger I— („Lu tige Blätter'.) Notizen. — Stefan Groß manns Schauspiel„Der Vogel im Käfig" wird im Schiller-TheaterO. am 2. März zum erstenmal gegeben.— — Die Finanzleitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg beabsichtigt die Errichtung eines Volks« theaters in Altona.— — Die musikalische Tragödie„Moloch" von Max Schilling? ist von der Dresdener Hofoper erworben worden.— — Die Große Berliner Kunstausstellung 1906 wird eine retrospektive Ausstellung veranstalten, die den Zeitraum von 1356 bis 1890 umfassen soll.— — Am tschechischen Kinderspital in Prag wurde Fräulein Dr. med. Marie Peiger zum Sekundärarzt ernannt. Es ist dies der erste Fall, daß ein weiblicher Arzt an einem Spital in Oesterreich als selbständiger Arzt angestellt wurde.— — Professor Karl F u t t e r e r, der sich um die Erforschung Jnnerasiens hervorragend verdient gemacht hat, ist einer Heilanstalt in g e st o r b e n. Er ist nur 40 Jahre alt geworden.— Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck it. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.,BerlinLVk.