Hlnterhaltnngsblatt des vorwärts Nr. 39. Sonnabend, den 24. Februar 1906 (Nachdruck verbalen.) 25] Der Kuppelhof. Roman von Alfred Bock. (Schluß.) „Ob mir's gedenkt," sagte Fried.„Das war ein Herzens- guter Mann, der Reiß." Der Name ihres alten Lehrers weckte eine Fülle von Erinnerungen in ihnen, und sie ließen Bild um Bild aus der gemeinsam verlebten Schulzeit an sich vorüberziehen. „Und weißt noch uns' Konfirmation?" rief sie.„Wie ich mitten in meinem Psalm stecken geblieben bin?" „Ob ich's noch weiß," lächelte er.„Ich Hab sellemal in meinem Schreck gemeint, die Erd müßt mich verschlingen." „Abends," fuhr sie fort,„sein wir hierher gangen an Lindgesborn. Am dritten Pfiilgsttag soltst Du zum Meister Unverzagt in die Stadt. Ich weiß noch jed Wort, was wir miteinander geschwätzt haben.„Wann kommst wieder?" Hab ich Dich gefragt.„Vielleicht gar nie mehr", hast Du da ge- sprachen." „Jenes Mal hast Du auch was hergesagt," vervoll- ständigte er ihre Rückerinnerung. „Und was ich dir noch geben kann: Ein Kuß aus meinem Mund, Daß du an mich gedenken sollst All Tag und alle Stund'." „War's net eso?" Sie sah ihm mit dem Blick innigster Liebe an. „Ja, Fried,'s war eso." Und der Gegenwart entrückt, ganz unter dem Bann der Vergangenheit, neigte sie sich über ihn und küßte ihn wie dazumal. Er aber umschlang sie und küßte sie wieder. Droben im Donnerswäldchen stimmte eine Eule ihr .Nachtlied an. Ein heftiger Wind hatte sich aufgemacht und wirbelte den Staub in die Höhe. Aus zerrissenem Gewölk schaute der zunehmende Mond herab. Von fern her klang ein dumpfes Grollen. „Fried," fuhr sie auf,„ich muß etz fort." Seine Hand hielt ihren Arm umspannt. „Willst Du dann wirklich wieder in Dein Unglück zu- rück? Guck, Mariann, hier am Platz is es gewest, daß ich zu Dir gesprochen Hab:„Komm zu mir, ich will Dich hoch- halten mein Leben lang!" Selbignia! hast Du gemeint. Dein Vater säß einzling auf seinem Hof und wär kränkerlich, fort- laufen könntst Du net. Dein Vater selig is nu net mehr da. Und daß Du den Matz auch nur noch ein bissi ästimierst, da feist Du Dir doch wohl zu gut defür. Du mußt aus Deinem Elend eraus. Und da gibt's nur eins: Du läßt alles stehn und liegen und gehst mit mir." Er sprang auf. Aus seinen Augen blitzte Entschlossen- heit. Er schien um Haupteslänge gewachsen. „Fried," sprach sie,„Du bist und bleibst mir der Liebst auf der Welt, etz mit Dir gehn, kann ich net. Mußt net denken von wegen dem Matz. Mit dem sein ich fertig. Aber ich hab's meinem Vater selig auf'm Totenbett versprochen, ich laß den Hof net im Stich." In ihm wallte es heiß auf. „Der Hof, alsfort der Hof! Gell, lieber gehst Du zu- arund, als daß Du Dich von dem Kuppelhof trennst!" Sie schwieg. Er aber redete leidenschaftlich auf sie ein:„Wir zwei bcidsander, was wär das ein Leben! Und aus dem Gedrang in die Welt enaus. Du sollst Dein blau Wunder sehn. Is dann der Hof die Seligkeit all? Seist Du Dir dann net mehr wert als Euer Accker? Du seist reich. Ja. Und doch so arm! Mit all dem Werk machst Du Dir noch keine glück- liche Stund. In Gottes Namen laß es dem Matz und geh mit mir!" Sie schüttelte wehmiitig den Kopf. „Nee, Fried, nee. Mein Vater tät mich unter der Erd verwünschen."' Er lachte bitter. „Ja, wer so was glaubt!" „Das muß jedes halten, wie's will," sagte sie ernst,„ich glaub's!" Unwillig kehrte er ihr den Rücken. Sie trat nah an ihn heran. „Fried! Wollen wir uns etz noch rabastern?")'s wär das erste und gewiß auch das letze Mal." Er wandte sich um und riß sie an sich. „Mariann, ich komm vom Verstand!" Sie strich ihm sanft über das Haar. „Versündig Dich net! Das Kreuz gefaßt, is halbe Last. NeHm's auf Dich. Ich tun's ja auch. Und etz leb wohl!" Die Arme sanken ihm herab, er stand wie betäubt. Und eh er sich's versah, war sie verschwunden. Da stöhnte er auf in wilden, Schmerz. Und rief ihr nach. Und lauschte in die Nacht hinaus, ob er noch ein- mal ihre Stimme höre— er hörte sie ninimer. 19. Tie Glocke, die seit vielen Jahren die Gemeinde zur Kirche gerufen, hatte plötzlich einen Sprung bekommen. Auf den Rat eines Sachverständigen aus der Kreisstadt war sie umgegossen worden. Heute am Sonntag erklang zum ersten- mal wieder ihr Geläute. Alles horchte. Ihr Ton war stärker und tiefcp geworden. In der Kirche standen die Men- scheu gedrängt. An Stelle des erkrankten Pfarrers amtierte der Vikar, ein glaubenseifriger junger Herr. Er legte seiner Predigt die Worte zugrunde, die die Glocke als Inschrift trug: „Ich läute zur Kirche, läute zum Grab, O Mensch, leg Deine Sünden ab!" Und er donnerte von der Kanzel herunter, daß den Weibern das Herz im Leibe bubbclte, und die Männer die Augen senkten, beim Sünder waren sie allzumal und er- mangelten des Ruhms, den sie vor Gott haben sollten. Nach dem Gottesdienst zogen die Mannsleute in den „Pflug", um sich durch einen kräftigen Trunk zu stärken. Die Wirtsstube war so voll, daß keine Stecknadel zur Erde konnte. Der Tür zunächst am runden Tisch saßen der Andreas Albach, genannt der Notring, der Brühweck, der Wolfeschorsch, der Dapperluis, endlich der Zacharias Allendörfer, der vor wenigen Tagen aus dem Wahlgang als Landtagsabgeord- netcr hervorgegangen war. Nachdem der erste Durst gelöscht war, wurde die Predigt des Vikars durchgehechelt, wobei viel böse Worte fielen. Der Karges sagte großsprechrisch, er werde im Parlament dafür Sorge tragen, daß den, jungen Herrn ein bißchen die Fliigel gestutzt würden. Danach sprang das Gespräch auf Politik und landwirtschaftliche Dinge über. Der Notring, der kein Freund einer ernsthaften Unterhaltung war, warf dazwischen: „Habt ihr dann gehört, was dem Dippeschmidt passiert is?" Die einen wußten's, die anderen wußten's noch nicht. Der Dippeschmidt war ein etwas schwachköpfiger, dabei übeltätigcr Mensch, der, statt seinem Töpfcrhandwerk obzu- liegen, den ganzen Tag hernmlnngerte und allerlei Unfug verübte. Er hatte einen Brief erhalten, der so abgefaßt war, als ob er vom Kreisamt stamme. Darin stand, er sei zum Signalisten bei der Feuerwehr ausersehen, er solle sich mit einen: Signalhorn vor das Regierungsgebäude begeben, um sich einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen. Alsbald marschierte er in die Stadt und faßte mit seinem Horn vor dein Kreisamt Posta. Dort wurde er fünf oder sechs Stunden lang in Sommersonnenglut gebraten. Wie sich kein Exami- nator blicken ließ, erkundigte er sich auf dem Amt und er- fuhr, daß er gefoppt worden war. Die Geschichte wurde vom Notring mit vollendeter Komik vorgetragen und rief ein schallendes Gelächter hervor. Manch einem stieg der Gedanke rnif, der Notring, der Schalk, habe den Brief wohl selbst geschrieben. Der Brühweck hatte auch etwas auf der Pfanne, er ge- dachte aber nicht eher loszuschießen, bis der Matz sich einge- fundcn hatte. Gegen den hatte er wegen eines Grenzgrobens Klage eingereicht, war jedoch abgewiesen worden. Seitdem hatte er„ein Gift" auf ihn. Endlich erschien der Kuppel- hofbauer, nahm aber nicht am runden Tisch, sondern nebenan bei den Gcmeinderäten Platz.— ') streiten. Der Wolfeschorsch, mit dem sich der V ruhweck heimlich verabredet hatte, sagte so laut, daß es jedermann hören konnte:„Was so ein Schäfer net all erlebt! Da verzählt mir der Kasper, he hat Vorgest nacht am Lindgesborn das grau Männche gesehn. Das hat erst e Weil auf der Bank gesessen und hat mit den Aerm geschlengert. Auf einmal hat's ein Donnerschlag getan. Und is ein kohlpechrabenschwarz Weibs- mensch durch die Luft kommen. Und das grau Männche und das Weibsbild haben miteinander getuschelt. Dadrauf haben sie ein richtigen Hopser getanzt. Der Kasper spricht, he hätt auch Mussig) gehört." „Wann dem Kasper doch einnl das Maul still stund mit seinem dummen Zeug!" rief der Brühweck.„Ich sein Vorgest Nacht von Lanzenhain kommen. Und sein den Wiesenweg gangen. Hinten am Lindgesborn vorbei. Ich Hab nix von dem Gewaners gemerkt. Wohl Hab ich dem Kalmuck sein Fried gesehn. Und nebig ihm auf der Bank die Dotzheimers- mariann. Und di Schmätzi sein erUber- und enübergeflogen, daß es nur so geknallt hat." In der Wirtsstube war's plötzlich murremausstill. Auf allen Gesichtern las man die Spannung, was jetzt wohl ge- schehen werde. Wie von der Tarantel gestochen, schnellte der Matz in die Höhe und stürzte sich auf den Brühweck. „Himmelhund, verfluchter, das lügst Du!" Der Dappersluis riß ihn zurück. „Laß den Mann in Ruh!'s muß doch was dran sein. Der Geißbock war hier, das is emal sicher. Und der Emme- richskarl is Deiner Frau Vorgest Nacht auf'm Haibacherweg begegent." „Du hast mich angepackt," keuchte der Brühweck,„das kost Dich Deine Knöpp. Salb doch Deiner Frau den Buckel, wann sie so ein Besem is!" „Noch ein Wort," schrie der Matz außer sich,„und ich schlag Dich zusammen." Da der Brühweck schwieg, ging er an seineil Platz, leerte sein Glas und verließ das Lokal. Biel Freunde hatte er nicht der Kuppelhofbauer, desto mehr Neider. Die meisten meinten, es sei ja dorfkundig, wie schlecht er seine Frau behandle. Da dürfe er sich nicht wundern, wenn sie sich ihren alten Schutz wieder angeschafft habe. Nur eine Stimme erhob sich zu seinen Gunsten. „He tut mir doch leid," sprach der Notring,„he is ein tüchtiger Mann. Und hat sein Werk hübsch in der Reih. Nu muß ihm so was passieren!" Der Landtagsabgeordnete Allendörfer, der mit seinem Sohne auf gespanntem Fuße lebte, rührte sich nicht. Der Brühweck aber lachte sich ins Fäustchen. Ob er morgen ans Gericht ging, das wollte er sich noch einmal über- legen. Einstweilen war sein Rachedurst gestillt.—— Die Mariann saß in der Eckstube am Fenster, als der Matz hereingestürmt kam. Unwillkürlich stand sie auf. „Was hör ich dann da?" donnerte er sie an.„Du seist Vorgest Nacht fortgewest?" „Ja," sagte sie, weiß wie die Wand, aber merkwürdig ruhig. „Am Lindgesborn?" »Ja." „Und der Geißbock is auch dagewest?" „Ja. He is den andern Morgen nach Aschaffenburg gemacht." „Was habt Ihr zwei dann niiteinander getrieben?" „Dadrüber sein ich Dir keine Rechenschaft schuldig." Er gab ihr einen Stoß, daß sie ein paar Schritte rück- wärts taumelte. „Du Heimtückern, Du Muck!" Sie trat sogleich wieder vor. Die Sache war also ruch- bar geworden. Irgend ein Ohrenbläser hatte ihm alles gesteckt. Darauf war sie gefaßt gewesen. Und wenn sie aus den, Platz blieb, jetzt war der Augenblick gekommen, des lang genährten Grolls sich zu entladen, ihm ins Gesicht zu schleu- dern, daß sie sich ihrer Pflichten gegen ihn ledig sprach. „Ich sein Dir keine Rechenschast schuldig," wiederholte sie mit blitzenden Augen.„Wan.i ich die Bäuerin war, dann ja. Aber ich sein die Bäurin net. Ich sein geringer gehalten als die Magd. Ich gelt noch net so viel wie drautz der Hund! Vom ersten Tag an. daß Du auf uns' Hof kommen bist, hast Tn's drauf angelegt, mich zu verunrechten und zu verleschen." ') Musik. Sie hatte ein gutes Gedächtnis. Ohne sich an sein Toben zu kehren, hielt sie ihm all die Beschimpfungen, all die Kränkungen vor, die sie von ihm erduldet. Das war nicht die stille, sanfte Mariann, das war das unglückliche, in dcp Seele getroffene Weib, dem die Verzweiflung Worte lieh. „Guck, so hast Du die Eheschaft gehalten," schloß sie ihre flammende Rede.„Und daß Tu's nur weißt: von mir aus sein ich Deine Frau net mehr!" Er hörte den Aufschrei ihres gequälten Herzens, aber er war stumpf dagegen. Er schh in ihr nur die Ehrvergessene, die ihn vor dem ganzen Dorf lächerlich machte und noch die Stirn hatte aufzubegehren. „Du Nixnutzern unterstehst Dich zu maulen? Wart, ich treib Dir die Mucken aus! Seit beim Kriegcrsest, wie Du Dich mit dem Kaimuckenlipps bcschnuddelt hattst, da hat mich Dein Vater risch als Schanddeckel hier eingesetzt. Dadezu war ich Euch gut genug. Und habt genieint, ich wär so dumm und tät das net merken, müßt Euch die Hand noch lecken. Ha, ha! Ich hab's Euch gezeigt, aelle? Nu sprichst Du, Du wärst net mehr meine Frau. Hernacbert hast Du auch hier nix mehr zu suchen. Wann Du Dich ein wink eilst, triffst Du Dein Geißbock noch. In drei Deubels Namen, pack Dich!" Ungeachtet seiner bedrohlichen Nähe entaeancte sie mit Festigkeit:„Der Hof kommt von mir. Wann's Dir net paßt, kannst Du ja gehn. Ich halt Dich gewiß net. Ich hab's meinem Vater selig versprochen, ich bleib hier!"' „Habt Ihr das auch schon ausgeknichelt?" brüllte er. „Ha! Da seid Ihr bei mir an den Rechten kommen. Ich will Dir weisen, wer Herr im Haus is." Rasend vor Wut, faßte er bei den Haaren, zerrte sie hin und her und schleuderte sie gegen die Wand, daß sie mit einem Schmerzensschrei zusammenbrach. 20. Von diesem Tage an sprach der Kuppelhoibauer kein Wort mehr mit seiner Frau. Wenn er bei den gemeinschast- lichen Mahlzeiten, an denen auch das Gesinde teilnahni, not- gedrungen mit ihr an einem Tisch saß, glitt sein Blick über sie wie über etwas Wesenloses hinweg: sie existierte nicht mehr für ihn. Die Allendörfern tröstete sich mit dem Gedanken, ihr Sohn werde mit der Zeit wieder anderen Sinnes wer- den. Doch täuschte sie sich. Keine Macht der Erde hätte den Matz dazu vermocht, das grauenvolle Schweigen zu brechen. Ihrem Gelöbnis treu harrte die Mariann auf dem väter- lichen Hos aus, aber sie hatte ihre Kräfte überschätzt, dem grausamen Schicksal waren sie mriit gewachsen. Sie kränkelte hin und schlich wie ein Schatten umher. Verließ sie das Haus, geschah es nur, um hinauf zum Friedhof zu wandern, wo sie die Gräber ihrer Eltern Pflegte, die Leute, die ihr be- gegneten, sprachen: Du allmächtiger Gott, wie sieht die aus! Die is ja nix als Haut und Knochen. Die hat die Zebrung. Da sich's zum fünften Mal jährte, daß der Bernhard Dotzheimer gestorben war, legte die Mariann sich nieder. Der Säuhirtekarl kam, später der Doktor aus der Kreisstadt, helfen konnten sie ihr nicht. Ueber ihre Lippen kam kein Klagelaut. Ihr Lebensflämmlein flackerte schwächer und schwächer, und eines Tages war's erloschen.— Ausrecht schritt der Kuppelhofbauer hinter der„Leichte" seiner Frau. Alt und jung gab der Verstorbenen das letzte Geleit. Die Schulkinder sangen, und der Pfarrer hielt eine „Kapitalpredigt". Die Leidtragenden hatten sich nach der Beerdigung auf den üblichen Schmaus gespitzt, indessen lud der Matz nur die nächsten Verwandten und Bekannten in das Traucrhaus. Die übergangen waren, versammelten sich im„Pflug" und machten ihrem Aerger Lust. Alles sprach durcheinander. „'s is doch eine Schand, so ein Geizkragen!" „Gunnt einem das bissi Essen net." „Das is eso. Die's Geld haben, sein am hungrigsten." „Für wen spart he dann?" „Wann he Kinder Hütt, wär's anderster." „Wer keine Kinder hat, weiß aar net, warum er lebt." „So was läßt sich net erzwingen, wann uns' Herrgott net will." „Ich möcht net in seiner Haut stecken." „Ah bah! Der macht sich kein Herzbrechcn." „He hat Glück,'s wird net lang dancrn und he kriegt wieder so ein reich Tier."— Auf dem Totenacker hatte man unter den„Trauerleuten" auch den Kalmuck bemerkt, der nach monatelangcr Abwescn- hcit wieder einmal die Freuden der Häuslichkeit genoß. Jetzt trat er in die Wirtsstube. in Miene und Galtnna ein Lazarus. und sprach mit kläglicher Stimme:„Ihr lieben Brüder, mich dürstet sehr. Seid barniherzig und gebt mir was zu trinken." Der Wirt reichte ihm lachend ein Glas Wasser dar. Da fiel er aus der Rolle. „Wasser mag ich nicht in den Schuhen leiden, viel weniger im Magen. Ich ersuche Euer Gnaden um ein Kännchen Schnaps." Das wurde ihm denn auch gewährt. Nachdem er den trockenen Gaumen geletzt, nahm er in der Nähe der Tür Aufstellung, so daß er die ganze Gesell- schaft vor sich hatte, und hob an:„Nun haben wir unsere liebe Mariann Allendörfer, geboren im Jahre des �eils 1878, in die kühle Erde gebettet. In unseres Vaters Haus sind viele Wohnungen, ihr ist jetzt die Stätte bereitet. Sie war sanft wie ein Lamm, fromm wie eine Taube und rein wie frisch gefallener Schnee, wie geschrieben steht:„Ein tugend- sam Weib ist edler denn die köstlichsten Perlen". Ach, liebe Brüder, sie hat erfahren, was es heißt: lieben und meiden, leiden und schweigen. Daheim sitzt der trauernde Gatte und streut Asche auf sein Haupt. Freilich, ein wenig lindert seinen Schmerz, daß ihm der Kuppelhof verblieben ist. Das tröstet auch uns in unserm Leid, denn es ist doch etwas Großartiges, der Kuppelhof I Ja, liebe Brüder, ein Mantel und ein Haus decken vieles zu. Der trauernde Gatte denkt in seinem Sinn. „Jetzt ruht die Junge, ruht der Alte, Unser Hergott möge sie behalten, Täten sie noch einmal auferstehn, Müßt ich von Haus und Hofe gehn." „Neui, liebe Brüder, das soll er nicht, die Gerechtigkeit siel sonst die Treppe herunter. Ja, der Matz ist ein gerechter Mann, wie geschrieben steht:„Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs". Darum lasset die Toten ruhen. Hin ist hin. Das Beste bleibt— der Kuppelhof I"— Clcbcr den JVIoralunterncht in den Schulen Japans veröreitete sich Professor Joshida in einem Vortrage, den er am letzten Donnerstagabend vor der Deutschen Gesellschaft für ethisdse Kultur> (Nachdruck verboten.) MeiMicbe Verfcbönerungshiinfte. Ob schön, ob häßlich, ob alt oder jung, die Damen empfinden fast ausnahmslos den Wunsch, den ihnen von der Natur verliehenen Vorzügen und Reizen aus eigener Machtvollkommenheit noch solche hinzuzufügen, mit denen sie nach ih'r Meinung bei der Verteilung äußerer Güter zu kurz gekommen find. Die deutsche Frau ist sehr bescheiden in der Anwcntmng von Toilettenkünstcr im Vergleich zu ihren Mitschwcstern anderer Nationen. Schminke ist bei ihr ver» pönt, aber immerhin gibt es noch eine Anzahl von BerschönerungS- Mitteln, deren sicb auch die deutschen Damen unbedenklich bedienen, um irgend einem kleinen Mangel, einer geringfügigen Vcnuch. lässigung der launenhaften, nicht allezeit gebelustigen Mutter Natur abzuhelfen. Die besonders gern vom weiblichen Geschlecht geübte Vcrschönerungskunst ist kein Resultat der Mode unserer Tage; schon die Frauen dcS Altertums, die klassischen Griechinnen uno Röme» rinnen empfanden trotz der ihnen nachgerühmten angeborene» Schön, heit den Wunsch, durch Anwendung von allerlei kosmetischen Mitteln die Anmut ihrer Reize noch zu erhöhen. Die Reichhaltigkeit der Toilettentische der römischen Damen ist beinahe sprichlvörtlich geworden. Unzählige Salben und Oele, sowie Schminken bedurften sie ihrer Meinung nach, um den Jdealzustand einer„schönen Frau" zu erreichen. Bicle der von den Römerinnen angewandten Toilettenmittel sind noch heute in vervollkommneter Form bei der modernen Damenwelt in Gejft-auch, die cS in den meisten Fällen gar nicht ahnt, wie uralt die Verschönerungskünste 'ind, deren sie sich bedient. Die Moden haben im Verlaus der Jahrhunderte aus kosmetischem Gebiete nur wenig gewechselt, auch der Maßstab für weibliche Schönheit ist mit geringen Wandlungen, die das Fortschreiten der ftultur gezeitigt hat, unverändert derselbe eblieben. Ein klarer rosiger Teint, üppiger Haarwuchs, und eine schlanke Gestalt, das sind Vorzüge des Weibes, die noch heute wie vor Jahrhunderten gelten, und von allen Frauen, die sie gar nicht oder nur in geringem Mäste besitzen, heiß begehrt und, wenn not- wendig, mit künstlichen Mitteln zu erzielen versucht werden. Man ist beutzutagc bescheidener als früher in ihrer Anwendung, wenig- stcns bei uns in Deutschland, aber wenn die Mode, wie zurzeit, übertriebene Schlauheit fordert und rotblondes Haar fiir chic erklärt, scheuen auch die deutschen Frauen nicht davor zurück, sich ein wenig in der Kunst cke eorriger la nature zu üben. Die modernen rotblonden Haare sind auch keine solck« Neuheit, wie vielleicht die Damen annehmen. Schon die Bürgerinnen des alten Roms wurden von der glühenden Sehnsucht danach erfaßt, als sie unter den lveib- lieben germanischen Kriegsgefangenen die Frauen nnt den herrlichen roeblonden Haaren erblickten. Die Nuance, die sie mit beizenden Wässern und Prozeduren aller Art zu erreichen suchten, wurde in der Folge bei den Römerinnen modern. Wenn es gar nicht anders ging, sr griffen sie zu rotblonden Perücken, fiir die das Haar der gefangenen Germaninnen das Material liefern mußten. Die modernen roten Haare der römischen Kaiserzeit wiederholten sich in Italien in der zweiten Hälfte des 1(5. Jahrhunderts, und verbreiteten sich jetzt über die ganze Welt, wie zahlreiche Bildnisse aus jener Epoche beweisen. Man sagte der englischen Königin Elisabeth nach, daß ihre rötlich-blonden Haare nicht Natur, sondern gefärbt seien, aber so wenig wahrhaft der Charakter der sogenannten jungfräulichen Königin sonst war, in bezug auf die Farbe ihrer Haare log sie nicht, die waren echt, eine Behauptung, die viele der gegenwärtigen Modedamen nicht aufstellen dürsten, indem sie wie die klassischen Röme- rinnen sehr oft der Anwendung von beizenden Wässern das viel- bewunderte Rotblond ihrer Locken verdanken. Da diese Nuance oft zu der natürlichen Gesichtsfarb- nicht stimmt, so ist der Gebrauch von ein wenig Schminke dic Folge davon, obwohl man in Deutschland den Damen, die sich„vorrichten", wenig Spmpathien entgegenbringt. Bei der Italienerinnen und Französinnen ist das Schminken der Gesichter etwas ganz Natürliches, auch in Rußland, wo man fra». zösische Mode» nachahmt, in Teutschland hingegen gilt das Schminken für nickt zum guten Ton gehörig, man überläßt diese Kunst den Lcbedaincn und begnügt sich mit der Anwendung von Puder. Die neuerdings sehr in Ausnahme gekommenen, speziell für dic Reise praktischen Pudcrpapiere, die als Erfindung französischer Fabrikanten angesehen lverden, hatten ihre Vorgänger bereits im Mittelalter. Es wird erzählt, daß die Frauen sich der dereetta rubra, auch tcirnia loli? genannt, bedienten, dic aus kleinen, mit Cochenille rot gefärbten Kreponflcckchcr bestanden, mit denen sie sich die Wangen rot schminkten. Ein Teintvcrschöncrungsmittel, welches sich momentan großer Beliebtheit erfreut und als besonders erfolgreich gepriesen wird, ist das Tragen einer mit chemischen Substanzen präparierten Gesichts- maske während der Nacht, um Falten, Runzeln und llnreinigkcitcn der Haut zu beseitigen, deren Anwendung man ebenfalls vor mehr als 100 Jahren schon kannte. Das 1753 zu Leipzig erschienene Frauenzimmerlexikon„Amaranth" berichtet:„Manche eitle Schöne schlier in dem Masquin: Ist eine aus weißem Wachs-Froschleich- Wasser-Bomade, Wallrat und Campffer verfertigte und auf eine zarte Leinwand gestrichene Masse, woraus die Damen Masquen über das Gesicht zu schneiden und zu verfertigen pflegen, welche ihnen -zarte und weiße Haut machen soll." Interessant ist eine Schilderung, welche Bocaccio von dem Putz einer florentinischen Kokette entwirft:„Sie hatte Fett von-gewissen Tieren, um Salben daraus zu verfertigen und gewisse Kräuter, um nc zu destillieren Das Haus war voll Dcstillierösen, Töpfe, Flaschen und Büchsen." In der Nachbarschaft arbeitete man zumeist für sie: Ter eine bereitete für sie sublimicrtes Quecksilber, der Bäcker mußte Eiersebalen rösten, alles dieses waren Ingredienzien zur Schminke ihres Gesichts. Sie Ivar eine vertraute Freundin gelvisser Weiber, deren Beschäftigung darin besteht, daß sie den Damen die Haare an den Augenbrauen schneiden und von Stirn und Kinn aus- rupfen, und um eine zarte Haut zu verschaffen, Wangen und Hals mit einem solchen Glase reiben."— Die Weiber, deren Beschäftigung darin besteht, den Damen die oben erwähnten Dienste zu leisten, sind ohne weiteres als Vorläufcrinnen unserer„Maniküren" anzu- sehen. Ebenso waren im Mittelalter Friseusen durchaus nicht un- bekannt; wir lesen in der Chronik damaliger Zeit von der„Um- bindcfrau oder-Mägdelein":„Ist eine gewisse Wcibespcrson, so wöchentlich in vornehmen Häusern herumzugehen Pfleget, daselbst dein Frauenzimmer die Haare ausslicht, aufkämmt, durchbürstet, ein- �udert und von neuem cinflicht, und selbiges- gehörige maßen accomo- dirt, auch die Bräute durch den.Haar-Kopff und Aufsatz bedient." Das Abreiben der Wangen und des Halses mit Glas entspricht ge- wissen grausamen, modernen Teintverschönerungsmitteln, die wie bei dem bekannten französischen Emailliersystem des Gesichts ein gewaltsames Herunterreißen der Haut verlangen. Es liegt auf der Hand, daß die Prozedur sehr schmerzhaft ist, aber so wenig wie die Frauen der Vergangenheit die Glasabreibungen scheuten, so wenig fürchten die Frauen der Gegenwart„aus der Haut zu fahren", weil die neue, nachwachsende sich durch besondere Zartheit und Frische auszeichnet. Als vor mehreren Jahren bedeutende, den Markt beherrschende Handschuhfabrikanten parfümierte Handschuhe in den Handel brachten, glaubte man auch, es mit einer Neuheit zu tun zu haben, doch zu Unrecht, denn die mft den verschiedensten Blumendüsten parfümierten Handschuhe sind eine Erfindung der Renaissance, die aus Italien kam und ihren Weg nach England und Frankreich nahm. In Paris gab es im Jahre 1092 die Zunft der„Qautiers par- liimeurs".— Kräuterbäder, dic wir allerdings mehr in medizinischem als kosmetischem Sinne anwenden, wurden von eitlen Damen im 18. Jahrhundert viel gebraucht. Man benutzte zu diesem Zweck Badewannen ä la Dauphine Maria Antoi nette. Die Bäder wurden mit destillierten Blumendüsten und Milch oder Mandclpasten her- gestellt. Unter dem Direktorium machte besonders Madame Tallicn Reklame für die Blumenbäder. Die Pariserinnen halten von den Blumenbädern noch heute sehr viel und stellen sie den Champagner- bädcrir an dic Seite, da sie ihrer Meinung nach ebenso wie diese den Körper anregen und kräftigen.— Die Sitte, Kleider zu parfümieren und sogar kleine Riechkisscn aus farbiger Seide in das Futter der- selben zu nähen, war bis vor wenigen Jahren fast nur auf Frank- reich beschränkt, ist aber auch zu uns gekommen. Die Industrie hat sogar„Duftträger" in den Handel gebracht, kleine, runde, ivohl- riechend« Scheiben, mit Bändelten zum Befestigen in den Kleidern versehen. So hypermodern uns dieser Toiletteartikel erscheint, neu ist er auch nicht, denn das bereits erwähnte Lexikon Amaranth gibt ein Rezept zur Bereitung von„wohlriechenden Säcklcin" an, welche das„Frauenzimmer im Kleide trägt".— Ein Mittel, Sommersprossen zu vertreiben, gibt Goethe in seinem„Faust", indem er den Mephistopheles einer Blondine raten läßt: Nehmt Froschlaich,.Krötenzungen, kohobiert, Im vollsten Moudlicht sorglich destilliert, Und wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen l Der Frühling kommt, die Tupfen sind entwichen!— Else Rema. kleines feuilleton. Humoristisches. — Doppeldeutig. Bewerber:„Glauben Sie, daß die Daine zu m i r paßt?" Heiratsvermittler:„Vorzüglich— die hat Verstand für zwei!"— — Geistesgegenwart. Max:.... Also ohnmächtig ist Deine Frau geworden, als Du ihr" ein neues Kostüm ver- weigertest?... Und wie hast Du sie beim wieder zum Bewußtsein gebracht?" Emil:„In meiner Verzweiflung Hab' ich auf ihren neuen Smyrnateppich gespuckt!"— — Aus einen, Kolportageroman(in Heften zu ö Pf.) „Uindo, der Ueberräuber" oder „Der Brautkuß auf dem Grabe um Mitternacht". „... und so lauschte Uindo, der Schreckliche, dem friedlichen Schnarchen seines Nebenbuhlers... Sachte, sachte rutschte er näher und näher— und stieß dem Ahnungslosen sein Schwert— in den Leib bis ans Heft!..." Dies Heft wird wieder abgeholt.— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Wenn auswärtige Blätter recht behalten, wird Berlin in kurzer Zeit einige Tageszeitungen mehr besitzen. Ull- stein und Scherl solle» Konkurrenten erstehen in Männern, die früher ihre„rechte Hand" gewesen.— — Gustav Frenssen hatte sich nach dem Erfolg von„Jon, Uhl" ein Bauerngut zugelegt. Jetzt hat er im Hamburger Villenort Blankenese eine Besitzung erworben und wird sich hier ein Land« haus bauen.— — E r n st Arndt hat vom Schauspielhause einen drei- jährigen Urlaub erhalten. Der Künstler ist für diese Zeit vom„Neuen Schauspielhanse" am Nollendorfplatz engagiert worden. — Saint-Saöns neue Oper„Die Ä h n f r a u" machte bei der Generalprobe in, Opernhause von Monte Carlo großen Ein- druck. Das Stück behandelt die korsische Blutrache.— — Im Institut f ü r Meereskunde spricht am nächsten Dienstag Kuftos Stahlberg über„Farbe und Spiege- lungen auf dem Meer".— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin ZW.