Anterhaltmigsblatt des Dorwürts Nr. 40. Dienstag, den 21. Februar. 1906 lNachdnilk verboten.) Die Eroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 1) Autorisierte Ucbersetzuna aus dem Französischen von Alfred ch>euter Erster Teil. 1. Fast ohnmächtig trat Elias Jamain aus der Pater Noster-Kirche auf dem Oelberge, wo man den Palmsonntag feierte. Bor Aufregung, Hitze und Hunger war ihm schwindlig geworden. Er sehnte sich nach frischer Luft und Einsamkeit. Aber draußen, auf dem Klostervorhof drängte sich eine ebenso fromme wie gemischte Menge um die tragbaren Altäre und kniete betend vor den aus Palmzweigen errichteten Tabernakeln. Die Priester mußten bei den gottesdienstlichen Verrichtungen ihre Gestikulationen einschränken und des Platzniangels wegen bewegten die Ministranten ihre Rauchfässer von oben nach unten, während Hunderte verzückter Augen den bläu- lichen Wölkchen folgten, welche senkrecht zum Klauen Morgen- Himmel emporstiegen. An der anderen Seite der Umwallung knieten christliche Araberinnen, von denen man nur die kleinen, niit Hennah rot gefärbten Händchen sah, mit tvelchen sie sich über ihren Burnussen bekreuzten: und hinter den eigenartig gemusterten Gazeschleiern lispelten unbeholfene Lippen„Laßt uns beten." Nur mühsam vermochte Elias Jamain sich einen Weg zwischen den Zelten der Händler mit geweihten Artikeln, zwischen den Kakaouette�)-Verkäufern und Wasserträgern hindurch zu bahnen, die mit elastischen Schritten hin und her gingen, während das leiie Klingen ihrer Kuvferkübel sich diskret in das Geläut der.Kapellen und den Psalmengesang milchte. Und trotz der frühen Stunde tauchten neue Pilger, andere Touristen aus unsichtbaren Tiefen am Rande der Terrasse auf. Immer mehr Menschen strömten herzu und sanken bin, um auf dicsenr geweihten Boden zu beten, oder sie zerstreuten sich hinten über die ganze lateinische Konzcssion. Bei der allen Versammlungen im heiligen Lande eigen- tümlichen Ausdünstung, einem Gemisch ans Rosenessenz, Mandelöl und Myrrhen, wurde dem jungen Manne übel. Endlich kam er glücklich aus dem Gedränge und gelangte auf einem wenig betretenen, von Kaktussen eingefaßten Fuß- Pfade zum anderen Rande des Hochvlateaus des Oelberges, wo eine kleine weißkuppelige Ansiedelung noch in des Islam Frieden schlmninerte. Ein Minaret. das sich wie eine Schildwache am Abgrunde hochreckte, beherrschte das ganze Gelände. Er ließ die Türe offen und stieg auf den wackeligen Stufen einer langen Wendeltreppe zum rund um die Spitze des Minarets laufenden Balkon empor. Hier wehte ein erfrischendes Lüftchen, das er mit Be- Hägen einsog. Aus dem alten Mauerwerk sproßte Jsop und Rosmarin hervor. Er zerrieb einige Blätter davon zwischen den Fingern: ihr herbwürziger Duft und der Luftzug er- frischten ihn wieder. Hierher drang kein Gcbetsmurmeln und kein Weih- rauchduft. Unten, im Hofe des Minarets, hatte der Wächter sich in seinen Mantel gerollt und war wieder eingeschlafen: eine Ziege graste gemächlich auf dem Dache eines aus gestampftem Lehm erbauten Hauses, irgendwo in der Ferne lockten sich Turteltauben. Elias schloß die Augen und lehnte sich einen Augenblick unbeweglich an die Turmspitze. Er wagte nicht, den Kopf emporzuheben: er wagte nicht, ins Weite zu blicken. Sein Herz pochte ungestüm. Er wußte, datzJerusalem sich dort ausdehne, in greifbarer Nähe: er wußte, daß das„Verheißene Land" ihn umgäbe. Aber würde es *) Kakaoähnliche in Nordafrika wachsende Bohne. auch das Zion seiner Phantasie sein, das ihm in seinen Kinderträumen so oft vorgeschwebt war? Würde es das Kanaan sein, das seinen Hoffnungen entsprach? Eine heilige Scheu hielt ihn davon ab, sie so im feierlichen Schweigen dieses Frühmorgens von Angesicht zu Angesicht zu mustern: ihm war's, als hinge sein Geschick von der Ge- mütsstinimung in dieser Minute ab. Endlich trat er an die Brüstung und umschritt, sich auf das Geländer stützend, langsam den ganzen Balkon. Zunächst unterschied er nichts genau. Es war ein großes. trübes, undeutliches Chaos, das von einem sehr fernen Himmel auf eine ganz nahe Welt herabgefallen war. Ein verschwommenes, fahles dunstiges Licht verschmolz die Farben miteinander und verwischte die Formen. Und in dieser phan- tastischen Dämmerung floben die Täler wie Schattengebilde. Berge türmten sich wie Wolken über einander auf, und Felsen stiegen wie Tempel empor. Und inmitten von alledem, das Antlitz dem Orient zu- gewandt, ohne Perspektive, ohne Umgebung, ohne Nuancen, kahl auf einer leuchtenden Nebelwolke schwamm etwas: etwas noch fahleres und höheres, etwas klares und geheimnisvolles, wirkliches und illusorisches, wildes und bezauberndes: eine große Stadt und eine Legende. „Jerusalem! Jerusalem!" murmelte Elias. Und auf dem Nebelschleier, der quer über dem Kidron« tale lag, strebten seine Wünsche wie auf einer Lichtbrücke zu ihr hinüber. „Jerusalem! Jerusalem!" Und er breitete ihr die Arme entgegen. Da aber, wie von derselben Glut angefeuert, begeisterte auch sie sich plötzlich. Ihre Schleier zerrissen: und aus den dunstig gebliebenen Tiefen stieg sie empor, rosig und glänzend, mit ihren Türmen, Domen, Kuppeln, Spitzen, Kreuzen, Halb- monden und Triangeln: die lächelnde Braut, die ihren Ver- lobten begrüßt. Hinter dem Oelberge und hinter Elias Rücken ging die Sonne auf, sogleich grell, strahlend, glühend: und das Land Kanaan zeigte sich in seiner ganzen unendlichen Oede und in seiner ganzen unendlichen Größe. Von neuem umschritt er den Steinbalkon und nun sah er sich umgeben von einem zweiten Felsengürtel, der achtung- gebietend emporstieg, stufcnartig wie eine steinerne Bran- dung sich ausdehnend, aus der hie und da Granitspitzen wie Klippen herausragten, und wo die vulkanischen Krater schon vor Hitze schillerten. Zur Linken sahen die fahlen, wie Burnusse gestreiften Gipfel von Ephraim wie Stammcsoberhäupter aus, die im gedämpften Mondschein bei einander hockten, und an ihrem Ende erhob der Kalkberg Nebo, von dem aus Moses in das Land hinabgeschaut hatte, das er nicht betreten sollte, über den Jordan hinweg sein Profil eines verdrießlichen, heim» wehkranken Greises. Zur Rechten schimmerte in der Senkung von Sodom im bleiernen Glänze der Asphaltsee, das Tote Meer— wie ein im Sande versinkender Zinnschild— und hinter den violetten Gebirgsketten von Moab, die den Horizont begrenzten, ahnte man das schweigende Arabien, mit seinem Glutwinde und seiner totbringeuden Sonne. Mehr in der Nähe erkannte Elias nach dem Karten- studium in den ersten Stufen dieses riesenhaften Amphi- theaters die runden Hügelkuppcn von Hebron; von einer Seite verlief gegen den Oelberg zu die Anhöhe von Hakel- dama, der mit den dreißig Silberlingen des Judas angekaufte Blutacker, und von der anderen her der„Berg desJÜerger- nisses", wo Salomo uncingedenk Jehova's und seines Tempels „auf hohen Bergen und unter grünen Bäumen" den Göttern seiner ausländischen Weiber räucherte und Opfer brachte. Der junge Mann kam wieder auf die Jerusalem zuge- kehrte Stelle zurück und mit Ueberraschung gewahrte er die Abgründe, die ihn von der Stadt trennten. Gerade vor ihm, zu seinen Füßen höhlte sich eine unge- heure Schlucht, das Tal Josaphat, dieser Kreuzweg des Todes, wo von Norden, Süden, Osten und Westen her vier jähe und tiefe Gießbäche zusammenfließen, die an ihren Ufern so mit Grabstätten übersät sind, daß sie Ströme von Grabmälern mit sich zu führen scheinen. Auf der anderen Seite des Tales stiegen nach der Stadt zu, noch in Dämmerlicht getaucht, die Hügel an, die aus ihren abschüssigen Hängen in dürftigen Gärten eine kümmer- liche Flora zeitigten. Ueberall Friedhöfe i So weit der Blick reichte Grab- steine, Grabhügel, Monolithe, in den Fels gehauene Nischen, halb verfallene Mausoleen, zerbrochene Stelen*) und dann Staub, Staub von Jahrhunderten, Jahrtausenden, der allen Glanz und alle Schande mit seinem eintönig grauen Leichen- tuch bedeckte. Kein Strauch, kein Rauch, kein Flügelschlag. Nichts von dem, was entsteht und vergeht. Nicht einmal ein Schatten? Ueberall der Tod, auf den die Sonne blendend herab- scheint. Von Grauen übermannt, senkte Elias Jamain die Augen. Dann schlug er sie wieder auf und mit einem vertrauten, fast schon zärtlichen Blicke umfaßte er die grausigen Täler, die klagenden Berge, dieses verfluchte Land und weiter oben, über seinen Schädelstätten emporragend, von der Weite um- hüllt und vom Himmel gekrönt, die unverändertliche, unbe- siegliche Stadt, die auf ihre Einöden herablächelte. All das war schrecklich, aber all das war auch ewig. Ach? Und all das liebte er bereits. Er liebt die Er- habenheit dieser Stille, die Majestät diese Verlassenheit; was ihn jedoch am meisten entzückte, war die schmerzvolle und heroische Seele dieses Jerusalem, in der er die Seelen aller Jahrhunderte und aller Geschlechter zusammenfließen und beben fühlte. „Mein wird sie sein, wenn ich es will," sagte er. Und seine breite Brust dehnte sich vor Stolz. Nein, ihn schreckte nichts mehr? Ohne Zweifel war das alles tot; aber es konnte auch wieder aufleben, dank ihm, dank seinem Geiste, der hoch genug und auch inbrünstig genug war, mit seinem Hauche den Hauch der Vergangenheit wieder aufzufrischen. Und plötzlich ergriff ihn eine Art Verzückung. Eine wunderbare Kraft und inniger Glaube durch- strömten sein ganzes Innere und stärkten ihn. Es schien ihm, als bestände ein Zusammenhang zwischen ihm und der Heilig- keit dieses Ortes, und nun glaubte er fest an die Berechtigung seiner Hoffnung. Nicht mehr in betender Haltung, sondern mit herrischer Gebärde beugte er sich über den Abgrund. Die Leichensteine blinkten im Widerschein der Sonne. Er bildete sich ein, darin seine Bestimmung zu lesen, und sein Hei? spiegelte sich in der Fata Morgana zukünftiger Er- eignisse. Plötzlich huschte ein Schatten über sein Antlitz. Noch zitternd vor heiliger Erregung drehte er sich um und sah neben sich auf dem Balkon des Minarets einen Greis von hoher, edler Gestalt, besten Kommen er in seiner Verzückung nicht gehört hatte. Verwundert betrachtete er ihn, den ein großer, schwarzer mit dem weisen Malteserkreuz bestickter Mantel umhüllte: ein Korkhelm bedeckte seinen Kopf, dessen Profil dem eines verträumten Adlers ähnelte, und an seinen Stiefeln glänzten goldene Sporen. Der Neuangekommene begrüßte Elias mit einem freund- lichen und zugleich melancholischen Lächeln. „Kommen Sie auch ihretwegen hierher?" fragte er. auf Jerusalem deutend. Unter dem geöffneten Mantel erblickte der junge Mann ein Panzerhemd und ein Schwert mit Kreuzgriff. Zu erstaunt, um sprechen zu können, bejahte Elias die Frage durch ein Kopfnicken. „Ach, alle kommen sie ihretwegen? Auch ich kam ihret- wegen. Lang schon ist's her. Doch wer von uns wird der Erwählte sein? Ach, wer von uns ist der Erwählte?" Und aus seinen visionären Blicken sprach Entmutigung. „Gedenken Sie längere Zeit hier zu bleiben?" nahm er das Gespräch wieder auf. „Das weiß ich noch nicht, ich bin Orientalist und beab- fichtige archäologische Arbeiten zu unternehmen." „Ich bin ein Ritter, ich bin Sein Ritter; aber sind Sie nicht auch Edelmann?" „Nein, nur meine Mutter gehörte von Geburt dem niederen Adel an." „Ach, das ist schade, sehr schade. Denn Sie sind mir sympathisch und scheinen stolz zu sein." sagte der Greis, den •) Obeliskcnartiges Grabmal aus einem einzigen Steine. jungen Mann betrachtend.„Welch schönen Ritter hätten Sie abgegeben!-- Sind Sie verheiratet?" „Nein." „Dann hüten Sie sich vor dem Weibe, besonders in diesem Lande des Leidens und der Teilnahmlosigkeit. Sie tötet unseren Traum und unseren Heroismus. Hüten Sie sich vor der Frau, durch sie nur erlagen hier unsere Vor-! fahren." Und rasch eilte er die schwankenden Stufen hinab, noch ehe Elias sich von seinem Erstaunen erholt hatte. Nachdenklich blieb dieser zurück. War jener nur ein Spaßvogel oder aber einer von diesen Mystikern, die vom jerusalemitischen Wahnsinn befallen sind, von welchem er schon so oft hatte sprechen hören und der, so sagte man, alle Ver- ehrer Zions ergriff. „Ich werde mich nicht allzusehr an sie anschließen, dachte er, während er dem Ritter nachblickte, der nun durch das Tal Josaphat galoppierte und, als ob er Jerusalem im Sturm nehmen wollte, zwischen der Armee von Grabmälern hindurch- sauste. Hinter ihm wehte sein großer schwarzer Mantel mit dem daraufgestickten weißen Malteserkreuz. Elias Jamain verließ das Minaret und das moha- medanische Dörfchen. Er kehrte nach der lateinischen Konzession zurück, die um diese Stunde fast ganz leer war. Tabernakel und tragbare Altäre waren in einer Ecke aufgestapelt. Einige flach auf der Erde, inmitten zerpflückter Blumen und Kakaouette-Schalen ausgestreckte Pilger beteten mit träumerischer Miene ihren Rosenkranz ab. Muselmanische Frauen boten Ziegenmilch an, die sie in Amphoren auf der Schulter trugen; ihre nur mit laut klappernden Amuletten bekleidete Nachkommenschast hängte sich an Elias und schrie aus Leibeskräften: „Bakschisch! Bakschisch!" Die große Menge war nach Jerusalem zurückgekehrt. Auch der junge Mann schritt nun einen der steilen Fußwege hinab, welche den westlichen Abhang des Oelberges durchziehen. Hier bot die Landschaft einen ganz anderen Anblick dar. Asphodelen, Krokusse und Anemonen durchwirkten den Rasenteppich der Abhänge mit bunten Farben. Hie und da warfen einige Bäume mit friedlich und wie müde herab- hängender Belaubung ihre runden Schatten auf die rote, fette Erde. Die hellen Schleier christlicher Araberinnen verwan- delten die schmalen Fußpfade in schneeige Bäche, auf denen hie und da ein scharlachrotes Kopftuch wie eine abgerissene Päonie schwamm. Jetzt erblickte man das vom Garten Gethsemane verdeckte Tal Josaphat nicht mehr; tiefer unten auf der Kidronstraße sah eine lange Reihe mit Palmen beladener Kamele wie eine marschierende Oase aus. Wie Sanddünen sstimmerten auf dem gegenüberliegen- den Hügel im Sonnenglanz die Friedhöfe, welche von den Prozessionen der Mönche wie von Ameisenzügen durchstreift wurden. Je mehr man herabstieg, desto höher stieg gegenüber die Stadt zum Himmel empor, desto schärfer zeichneten sich auf dem starren Azurhintergrunde ihre Zinnen, Türme, Dome und Spitzen ab, bis alles allmählich verschwand und man nur noch die alles beherrschende und erdrückende, cyklopische Masse der Wälle sah. Und Elias schritt dahin unter Blumen, weiße'n Schleiern und klirrendem Zechinenschmuck. Die Pilger hatten Olivenzweige abgepflückt, sie schwenkten sie und sangen: „Hosianna! Hosianna! Gesegnet sei der, der da kommt im Namen des Herrn!" Auch im Herzen des jungen Mannes sang etwas: „Hosianna! Hosianna!" Plötzlich aber, als der Fußpfad vor dem Gethsemane- Kloster eine Biegung machte, sperrte ihnen eine seltsame Er- scheinung den Weg. Es war ein nach Christus-Art gekleideter Mann, der auf den Schultern ein gewaltiges Kreuz und auf dem Haupte eine Dornenkrone trug. In seinem Antlitz jedoch suchte man vergeblich Milde und Güte; unter den buschigen Augenbrauen rollten seine gelben Pupillen hin und her wie die Blickfeuer eines Leuchturmcs. Seine Lippen schäumten und mit ge- ballten Fäusten knirschte er: „Weh Dir, Du Geschlecht von Hoffärtigen und Betrügern! Bereuet! Bereuet! Die, welche mit Jubelgeschrei heran- kommen, werden mit Schmerzen zurückkehren. Erniedrigt Euch! Demütigt Euch! Jammert! Jerusalem gehört den Betrübten, den geistig Armen? Wehe Euch allen! Jerusa- lem ist ein Moloch: es nährt sich von Blut und Tränen!' Wie aufgescheuchte Hennen gackernd, stoben die arabischen Frauen auseinander; einige Pilger knieten im Staube nieder und beteten. Touristen lachten, und ein Dragoman erklärte: „Das ist ein Narr, der sich für den letzten Propheten Jerusalems hält." Elias Freude war erloschen. Langsam überschritt er die Kidron-Brücke, ging am Mausoleum der hl. Jungfrau vorbei und stieg dann mühsam den steilen Weg empor, der zwischen einer dreifachen Hecke von Grabmälern, Kaktussen und Aussätzigen zur Stadt führt. Hoch oben gähnte dunkel und düster, von Felsen um- rahmt, dem Rachen eines unersättlichen Ungeheuers ähnlich, das St. Stephans-Tor. In den Ohren des jungen Ge- lehrten tönte noch immer die Klage des Jesaias: ..Wehe Euch! Jerusalem ist ein Moloch: es nährt sich von Blut und Tränen." ljfurtsetzung folgt.)! Der Ruf des Lebens* (Lessingtheater.) Schnitzlers Dramatik wird immer mehr und mehr zur bloßen Anregekunst, sie beschäftigt den Sinn durch Stimnmngen und allerhand verschlungene Gcdanlenreihen, aber sie entläßt ihn dann am Ende leer und unbefriedigt. Sie kann nicht fesseln, weil sie, statt von innen heraus Glied um Glied die Kette eines notwendigen Zusanunenhangs zu bilden, mit Personen und Schicksalen doch nur ihr Spiel treibt. Ueber dem allgemeinen, den Gedanken, die ihm kommen, hat Schnitzler, scheint es, die künstlerische Lust an der konkreten individuellen Ausgestaltung eingebüßt. Er wartet nicht, bis die Idee ins Bild, das Bild in die Idee sich langsam reifend einwächst, sondern greift voreilig und gewaltsam in den Phantasieprozcß hinein. Er weiß, was er in einem Stücke sagen möchte, und die noch unvollendeten Verknüpfungen, die erst halbfertigen Geschöpfe müssen wohl oder übel sich diesem Willen fügen. An Stelle einer wirklichen Entwickelnng treten lose und aphoristisch aneinandergereihte Situationen, die ihm passeiMe Gelegenheiten geben, im Dialoge der Personen sich selber auszusprechen. Die.Handlung" schrumpft auf ein Minimum zusammen wie im„Zwischenspiel", verläuft in eine undurchsichtige Verworrenheit wie in dem„Ein- samen Weg", oder basiert, so in dem letzten Stücke, von vornherein auf ganz unmöglichen Voraussetzungen. Dem Einwurf, daß er UnWahrscheinlichkeiten über Unwahrschein- lichkeiten häufe, wird Schnitzler vielleicht achselzuckend entgegnen, daß, wer ihn darum tadle, sich an äußeres halte, und auf das innere, die Bedeutung, auf das, was dieser Ablauf von Begeben- heften ausdrücken soll, verweisen. Aber eine Symbolik, die nicht aus der Natur der Dinge strömt, wie der Dust aus der Blüte, die durch gekünstelt willkürliche lebensfremde Aenderungen ihnen aufgcpsroft werden muß, läßt immer kalt. Was uns bewegen soll, muß in einem Bild, an da? man glauben kann, erscheinen. Heroische Todesverachtung, glühendheiße Lebenssehnsucht, die in leidenschaftlichem Verlangem nach dem Genüsse alle Schranken nieder- reißt und an ihrer Tat verblutet, Resignation des Arbeitsmenschen, der nichts Ueberschwängliches erhoffend, den Bedingungen des Lebens, dem steten Wechsel von Lust und Leid sich mit klarem Bewußtlein unterwirft— auf den Gegensatz dieser Stimmungen baut sich das Drama auf, das den Kontrast nur eben leider so gar nicht in der Form dramatisch konsequenter Cha- rakterissik und Handlung anschaulich zu machen versteht. Schnitzler datiert es, man weiß nicht recht warum, in die Mitte des vorigen Fahrhunderts. Der erste Akt spielt in der Krankenstube des alten grilligen Majors Moser. In der Furcht vor dem Sterben, im Neide gegen alle, die ihn überleben werden, empfindet er ein grau- sames Vergnügen, die Tochter, von der er unablässige Pflege ver- langt, zu kränken und zu quälen. Jahre duldete sie eS schweigend als ein Unvermeidliches bis der— Ruf des Lebens an sie ergeht. Die flüchtige Begegnung mit einem jungen galanten Offizier auf einem Feste hat in ihr die brennende Begierde nach Liebesglück und ivildcn Haß wider den Vater, den hämischen Vernichtcr ihrer Jugendfreuden, entzündet. Da kommt die Nachricht, daß das Regiment, in welchen, der Bewunderte dient. sich von dem Kaiser die Gnade auserbeten habe, einem ge- wissen Tode entgegengeschickt zu werden I In einem früheren Feldzuge sei die Truppe vor dem Feinde geflohen. nun wolle sie daö in dem neuen Kriege sühnen, Offiziere und Mannschaften hätten geschworen, auf dem exponierten Posten bis zum letzten Atemzuge auszuhalten, keiner von ihnen dürfe lebend zurückkehren I Nun ist Maries Entschluß gefaßt. Wie ihre Freundin, eine schwärmerisch verzückte Lungenkranke, die die zugemessene Lebensfrist im Taumel durchrasen mochte» will sie, was ihr als höchste Seeligkeit erscheint, genießen und dann untergehen. Sie weist den treubescheidenen Bräutigam mit rauhen Worten ab, reicht dem Vater, der ihr den Weg' versperren will» den Schlaftrunk, der ihn töten muß, und jagt davon. Unsinnig und unmöglich wie im Grund die ganze Regiments« geschichte ist, gewinnt ihr Schnitzler dennoch einige sehr stinnnimgS- volle Szenen ab. In das Gespräch des jungen, voll heiterer Ent» schlossenheit dem Auszug in den Tod entgegegen harrenden Offiziers mit dem skeptischen Kameraden und dem finsteren Obersten klingen Töne tiefempfundener Innerlichkeit hinein, aber dann beginnt ein um so wirreres Tohuwabohu. Marie stürzt in das leere Zimmer und verbirgt sich dort, die Frau des Obersten erscheint, um den Offizier, ihren Geliebten, im letzten Augenblicke zur Flucht zu überreden; der Oberst springt zum Fenster herein, schießt die Ungetreue nieder und verschwindet z der Offizier will sich erschießen, Marie fällt ihm in den erhobenen Arm, sie umschlingen sich im Angesicht der Leiche und laufen spornstreichs fort, ihr„Liebcsfest" zu feiern. Der Schluß zieht dann reit» reflektierend die Bilanz. Eine Sterbende, kehrt Maries Freundin zu ihrer Mutter zurück. Der Wahnsinn, der mitleidig ihren Geist umfangen hält, hat sie das Glück, das sie im Taumel suchte, finden lasten. Noch in der letzten Stunde gaukelt ihr die kranke Phantasie lockende Bilder des Genustes vor. Marie aber büßt, daß sie dem Ruf der Leiden- schaft, der ihr der Ruf des Lebens schien, gefolgt ist, in dumpfem, jede Lebensregung lähmenden Schmerz. Der Geliebte hat ihr Flehen nicht erhört, er ist ohne sie den Weg des Todes gegangen. Der Doktor, ihr alter Freund, sucht sie zu trösten, Lerse und milde mahnt seine LebenSphilosophie die Unglückliche, an die festgegrllndetcn, jeden Kampf der Leidenschaften und des Schmerzes überdauernden, immer sich neu auftichtenden Triebe des menschlichen Herzens zu deitken. Das Lessing- Theater hatte seine erprobtesten Darsteller: Bassermann, Rittner, Reicher, Irene Triesch und Else Lehmann in der Ausführung vorgeschickt: von den jüngeren Kräften bot vor allem Kurt Stieler in der Rolle des Offiziers, eine überraschend gute Leistung. Den Mißerfolg vermochte das nicht abzuwenden. Der letzte Akt rief eine laute Opposition hervor.— C. S. Kleines feuilleton. Fastnacht in Mainz. Man ist schon nach den ersten konsti- tuiercnden Versammlungen, die im Dezember stattfinden, offiziell verrückt. Die Verrücktheit ist Lebensprinzip. Alles wird ihr»un geopfert, die Hose am Leibe und das Bett unterm Hintern. Erst die närrischen Sitzungen, Damen-, Herren- und Fremdensitzungen. Und die Maskenbälle. Wenn möglich in ein paar Karnevalsvercinen, in der großen Karnevalsgesellschaft, der Ranzcngar.de, der Prinzen- gardc, den fidelen Brüdern, den Urschoten usw. Und dann irachsen die Dichter nur so aus der Erde wie die Pilze. Und durchgehechelt wird! Kein Blatt vor's Maul! Und Witz, ganze Raketentisten voll. Und Uebclnchmen? I, Gott bewahre. Es müßte denn gerade der Gouverneur von Mainz erst von den Preußen geschickt ivorden sein. Ja, dann. Aber sollst. Nit für die Kränkl— Tann kommt die„Fassenacht". Prinz und Prinzessin Karneval. Wenn keine Prinzessin aufzutreiben ist, muß sie in die Wochen gekommen sein. Wozu existieren denn Frühgeburten I Sonnabend(Samstag) werden die Karnevalsrekruten abgeholt und beziehen das Lager am Gutenbergsplatz. Die militärische, die staatliche und die städtische Behörde müssen den Klimbim mitmachen. In gewohnter Ernst- hastigkeit.(Sie haben ja Uebung drin.) Kanonen, Musik, Pro- viantwagen, Feldküche und Marketenderinnen. Der General der Prinzengarde. Hoch zu Roß>— mit Stab und Sporn. Das ganze Gefolge, das so viel Geld kostet. Prinz und Prinzessin Karneval. Hoch im prinzlich-närrischen Staatswagcn. Der Hofstaat, der so viel Geld kostet. Und die ganze närrische Regierungsmaschincrie, die so viel Geld kostet.(Aber wozu ist denn die Steuerschraube!). Sie fährt selbst im Zuge mit. Und dann die Einzugsvorbcrcitungen, die so viel Geld kosten und so närrisch sind. Triumphbogen, Tri- büncn, Girlanden und brennende Laternen am hellichten Tage. Und dann der närrische Einzug, den das„Volk" Seiner Närrischkeit bereitet— und der so viel Geld kostet. Der ganze gelvaltige Auf- wand. Beduinen und Römer, Germanen und Indianer— alle Völker der Welt sind dabei vertreten. Und noch viel mehr— was man sich nur«inbilden kann. Minister und Hofnarren und fremde närrische Fürstlichkeiten aus Gott Fokus Reichen. Alles, was dru.n und dran hängt und so verrückt ist. Das Zeremoniell, die Titel, die Orden, die Uniformen, die Einbildungen, die Eitelkeiten, na ja, alles, was drum und dran hängt, ins Närrisch« übcrtragcn. Mit der Ernsthaftigkeft der echten Witzbolde. Mit der ruhigen Selbstverständlichkeit der echten Lacher, denen das ganz« höhere und niedere Leben nur eine Farce, eine Komödie, ein Ull ist. Die Welt steht sich im Spiegel der Narrheit nur selbst und freut sich. Das ist das allerbeste dabei: freut sich. Das kann natürlich so ein Saurcgurkengcsicht nicht verstehen, iv i e Ivir uns freuen lönnenl Und auf dem Maskenball in der Stadthalle erst! Tanzen I Und — ich vcrrat's nicht!— Natürlich ist der Fassenachtdienstag auch ein großer Freßtag. Und Saustag l Denn dafür ist der Ascher- mittivoch da. Denn ohne das könnt der ja kein Katertag sein. Und das mutz er schon der Kirche wegen sein. Warum sollt mau sich sonst Asche aufs Haupt streuen lassen? Nur die Portemonnaies am Rhein auswaschen, damit ist ihr nicht gedient. Denn das ist der Brauch: Miltwock werden die leeren Portemonnaies am Rhein ausgewaschen. Die Sachen, die auf dem Pfandhaus sind, die kommen freilich nicht davon zurück. Und wie gesagt, das halbe Haus ist auf dem Pfandhans, und Kisten und Kasten sind leer. Na. schad nix, 's ist doch Fassenacht gefeiert worden. Das Herz will auch einmal was im Jahr, und toenn noch einer so ein„goldig Schnuckelcbe" von Frau daheim hat, die will doch auch einmal was fürs Gemüt, und die Kinder, die sollen doch auch einmal wissen, was Leben ist. Leben I Und dann krumm legen! Wer das nicht kann, ist ein Philister! Es geht nichts über die Fastnacht! Nichts über Humor -— und gut Essen und Trinken! Mit einem sauren Hering dann den Schlutz. Aber wirtlich auch nicht zu vergessen, es ist ein redlicher Aufwand von Phantasie und Poesie, von Schönheit und Eigen- art dabei. So einen Festzug. das kann uns keiner nachmachen. „Urfidel, heiter, fröhlich und so weiter," das ist unser närrischer Wahlspruch und unser Lebensprinzip. Andere mögen Trübsal blasen, wir genießen und freuen uns und feiern Feste, und wenn der Bettelsack an der Wand verzweifelt. Das ganze Land ist natürlich auf den Beinen nach Mainz. Aber in ein paar altmainzischen Orten wird auch die Faswacht gefeiert, mit Festzug und allem mänzerischen Klimbim. Fastnacht- montag ist der Betteltag. Da geht's mit kleinen Säckchen von Haus zu Haus. Das Bettellicdchen wird gesungen. Dann gibt's Mehl, Eier, Wurst, Schinken und Geld.„Das Liedche is gesunge, der Kreizer is verdient, un wer mir noch en Kreizer gibt, dem sing ich noch c Lied." So geht's in Scharen von Tür zu Tür. Montag werden die Kreppel gebacken.„Die Pann kracht, die Pann kracht, die.Krcppele sein gebackv, heraus mit, heraus mit, mir stecke se in de Sack!" Natürlich arbeitet kein Mensch. Masken laufen herum. Erichue und hätzliche. Betteln wohl auch. Mittags kommt dann der Zug. Gerade wie in Mainz, Gruppen, die nur humoristisch sind, andere, die örtliche, andere, die politische Ereignisse verhöhnen. Schöngebautc Wagen, kostümierte Männer und Frauen und Kinder. Und Musik natürlich, viel Musik. Essen und Trinken, dann der Ausklang. Und ein leeres Portemonnaie. Das gehört dazu und ist überall die Folge. Aber'S ist ja nur einmal Fasienacht im Jahr! Heut ist heut, wer weiß, ob wir die nächste erleben! Und die Kirche steht dabei und verschlingt die Hände über dem fetten Bäuchlein, dreht die Daumen und lacht verschmitzt und sagt kein Wort. Kommt her zu mir alle, denkt sie, ihr lieben Schäflem, für mich bleibt immer noch was, meinen teueren Magen zu füllen! Ich vergeb euch euer Fleischgelüst, denn es kommt meinen Gelüsten so schön zu Patz.— M e e n z e r. Kunst. es. JmRhedernschenPalaisUnterdenLinden findet eine Ausstellung alter Gemälde und kunstgewerblicher Arbeiten aus Berliner Privatbesitz statt. Das Zug- und Sensationsstllck ist ein Bild von Jan Perm eer(1632— 75), dem bekannten Meister aus Delft. Er gehörte der Generation nach Rembrandt an. Wie Terbach, de Hooch und andere geht sein Streben dahin, den Zauber schön gestimmter Jnnenräume wiederzugeben, das Licht, das auf elegante Toiletten fällt, schimmern zu lassen. Seit einiger Zeit macht sich ein Streben bemerkbar, diesen Maler in den Vordergrund zu rücken. Er soll gewissermaßen neu entdeckt werden. Er wird neben Velasquez genannt. Das erklärt sich daraus, daß äugen- blicklich das malerisch-technische Raffinement in der Kunst oben- an steht. Es ist eine horrende Summe für das Bild gezahlt worden: eine . Summe, die das ehrfürchtige Staunen der beteiligten Kreise hervor- ruft, obgleich diese sonst an Ueberraschungen in der Äunstspekulatio» gewöhnt sind. Gewisse Leute spekulieren eben in Bildern, wie in Grundstücken. Es kommt auf eins heraus. Die Folge dieses exorbitant hohen Preises ist, daß das Bild nun um jeden Preis ein Meisterwerk sein soll. Es wird nicht an die Wand gehängt, sondern in die Mitte des Saales gerückt und mit einer besonderen Galeric umgeben. Sehen wir uns nun dieses Bild unbefangen an. Es stellt ein junges Mädchen dar, das eine Pause im Schreiben macht. Er blickt auf, die Magd bringt einen Brief. ' Die Toilette der jungen Dame ist mit außerordentlichem Raffine- ment gemalt. Zitronengelbe Seide mit weißem Pelzbesatz, so greif- bar, so exquisit gemalt, daß man sofort merkt, der Künstler hat dcut- lich darauf hinweisen ivollen. Schön wirken die grauen und braunen Töne, in denen die Magd im Hintergrund gehalten ist. Das ist aber auch alles, das zum Lobe gesagt werden kann. Es berührt eigentümlich, wie gerade die Kreise, die sonst so extrem nur das Malerische gelten lassen, sich durch das Plastisch- Greifbare, die beinah erschreckend körperliche Deutlichkeit der Figuren blenden lassen. Man denkt an das Panoptikum. Wie grell mutz das Bild zur Zeit seiner Entstehung ausgesehen haben, das noch jetzt an die plastische, krasse Deutlichkeit eines so unkünstlerischcn Malers wie Kiesel entfernt erinnert. Es ist nianiricrt in dieser lkebcrtreibung und sicher ein Werk ins der letzten Zeit. Wie fein wirken dagegen die kleinen zarten Jntcricurstücke, die man von Vermeer im hiesigen Museum>ehen kann. Man ist einah versucht, an eine Fälschung zu glauben, so sind hier alle Vorzüge ins Grobe übertrieben. Wie auf- dringlich sind die grauen Töne in dem blauen Tischtuch, das so sinn, fällig wirklich erscheint, als sähen wir einen blauen Uniformrock in einem Panorama. Gerade, indem man diese Absicht des Blenden- Wollens. des Verblüffen-Wollcns durch unkünstlerische Tendenzen merkt, verliert das Bild jeden feineren Reiz. Diese hellen Töne haben etwas Kalkiges. Im Gegensatz zu den prunkenden Stoffen ist das Gesicht des Mädchens sehr stiefmütterlich tveggekommen. Die Hand, der Arm ist schlecht gezeichnet, die Haltung des Kopfes scheint nicht zu stimmen. Das Gesicht wendet sich der Magd zu, Hinterkopf und Vorderteil er- scheint im Verhältnis zu einander verschoben Würde man dieses mit Absicht„schön" gemalte Gesicht in einer heutigen Ausstellung sehen, man würde es als glatt und süßlich abtun und man würde die Haltung der Hand am Kinn als affektiert und posierend empfinden. Man würde auch das Anekdotische darin übel auf- nehmen. Was macht nicht alles die Zeit und der Glaube! Bei solchen Gelegenheiten sieht man, wer wirklich unbefangenen kritischen Sinn hat. Die besten Stücke der Ausstellung sind zwei Rembrandts und mehrere Bilder von Franz Hals. Wie ist bei Rembrandt alles so meisterhaft auf Licht- und Schattenwirkung gestellt; je weiter man hinwcgtritt, um so lebendiger tritt die Gestalt heraus, umspielt von dem däminrigen Licht, das alle Formen und Farben so malerisch ausgleicht. Welche Reife des Könnens und welche Zurückhaltung! Die Bilder von Franz Hals zeichnen sich durch die vornehme Farben- stimmung, die Beschränkung auf Schwarz und Grau und durch die äußerst sichere und genaue Zeichnung aus. In einer Hand, die Hals zeichnet, gibt es wirklich Knochen und Gelenke. Dennoch aber ist der anatomisch genaue Bau weich durch das Fleisch verhüllt. Höchste Unbefangenheit besitzt Franz Hals. Er malt ein Kind genau so dummpfiffig, wie es im Leben dreinschaut. Er öerschönert nicht. Ein Prachtstück ist das Porträt einer rüstigen Frau, die sich lachend hingesetzt hat, und nun drückt sich in ihrem Gesicht das schmunzelnde Erstaunen darüber aus, daß man sie für malenswert hält. Aber wie fein ist hier die Harmonie in Grau und Weiß und Schwarz, und wie vollendet sind hier wieder die sehnigen Hände der Frau der Natur nachgebildet. Ueberraschend modern wirkt der Maler venezianischer Straßen« bilder Fr. Guardi(1712— 93); die Bilder wirken gar nicht so „italienisch", sie haben nicht das sonst übliche Aussehen bunter Photographien. Tie Gebäude sind in verwaschenen graubraunen Massen hingesetzt, die Kostüme und Trachten wirken trotz der Klein- heit eindringlich und sind nur locker hingctupft, und es erfreut die unbefangene, impressionistische Art der Beobachtung, die das Ganze im Auge behält. Von Goya, dem Spanier, der an der Schwelle des Jahr- Hunderts steht, sehen wir ein imponierendes Porträt in ganzer Figur, ganz in Schwarz, das Gesicht von vollendeter Durchbildung und zugleich, durch die in der Müeire zum Ausdruck kommende be- rechnende und lüsterne Schlauheit—< es ist ein Geistlicher— eine Satire. Von englischen Arbeiten sieht man gute Porträts von Reynolds und R o m n e h. Namentlich ein Kinderporträt von Reynolds fesselt durch die leichte und feine malerische Behandlung wie durch die Prägnanz der Charakteristik. Gobelins, unter denen schöne färben- und formenreiche Stücke, Metallarbeiten, Becher und Schüsseln, Schmucksachen, Dosen und Schatullen, Porzellanfiguren ergänzer, das Bild— es sind selbstverständlich alles wertvolle Stücke. Der Eintritt kostet 1 Mark.— Notizen. — Der in dieser Nummer beginnende Roman spielt im heutigen Jerusalem.— —„Der Ruf des Lebens", das neue dreiaktige Schauspiel von A r t n r S ch n i tz l e r, ist bei S. Fischer, Berlin, in Buchform erschienen.— — Die letzte Nummer des ,. Simplicissimus" wurde in weit über 100 000 Exemplaren abgesetzt.— — Im Deutschen Theater geht als nächste Premiere Molisres„Tartüff" in Szene. Den Tartüff spielt Frank Wedekind.— — Hedwig P a u l h kehrt am 1. September vom Deutschen Theater an das Schiller-Theater zurück.— —.Siegfried Wagner hat eine neue Oper vollendet. Sie führt den Titel„Sternengebot".— — In der„ K o m i s ch e n O p e r" wird„FigaroS Hochzeit" neu einstudiert.— — Die Hamburger Sternwarte wird nach dem Gojen- berge bei Bergedorf verlegt. Die instrumentelle Ausrüstung wird erneuert. Die Gesamtkosten betragen 963 600 M.— — Japan hat auch in der Mandschurei ein meteoro- logisches Observatorium mit mehreren Nebenstationen eingerichtet. Das Hauptobservatorium befindet sich in Chemulpo, Stationen zweiter Ordnung in Mukdan, Fusan und Port Arthur.— Verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Drück u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinLW,