Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 51. Miüuwch� den 14 März 1906 (Nachdruck verboten.) Die Eroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 12] Autorisierte Uebersetzung ans dem Französischen voir Alfred Heuler Er? Ja. er war ein Renegat, ein Ketzer, da er eine Diakonissin geheiratet hatte, sagten die Katholiken. Und ihr Haß wurde noch giftiger infolge der Enttäuschung ihrer auf ihn gesetzteil Hoffnungen und des Aergers über seinen Ueber- tritt in's feindliche Lager. Sie verschlossen ihre Türen vor ihm. Seit er aufgehört hatte, römischer Katholik zu sein, war er für sie auch kein Franzose mehr. „Er ist ein Bekehrter, vielleicht gar ein Auserwählter," versicherten die Protestanten.„Außerdem ist er tüchtiger Gelehrter, der unserem Glauben nützlich sein und unsere Sache zu Ehren bringen kann." Und sie öffneten ihm Tür und Tor. „Ein Ungläubiger mehr in unserer Stadt!" meinten die Türken, die ihn die Mauern ihrer Moscheen umkreisen sahen. Und sie rafften einen Zipfel ihres Aermels auf und preßten ihn auf ihren Mund, um nicht mit Elias die gleiche Luft einzuatmen. Aber noch in einer anderen Welt hatte Jamains Ankunft Aufruhr und Bestürzung hervorgerufen. Das war die Welt der Bettler. Besonders die Aussätzigen, diese außerhalb der Mauern lind außerhalb des Lebens stehenden Kriippel, die man vor das Zioustor verwiesen hatte, und die so zu sagen seine Nachbarn waren, widmeten ihm großes Interesse. „Er ist ein Heiliger," versicherten sie.„Seht Ihr denn nicht, daß er sieben bleibt, um sich mit uns zu unterhalten, nnd daß er durch unsere Berührung nicht angesteckt wird?" „Nein," rief von der anderen Grabenseite her das Ober- Haupt der Blinden, während er mit seinem Stabe auf die Straße klovite.„Er ist ein Zauberer. Ich bin ihm eines Tages im Finstern nachgetappt. Und da hörte ich, wie er die Steine untersuchte. Der sucht in der Erde nach Schätzen." „Vielleicht sucht er nach Schätzen, uni lins damit ein Geschenk zu macheil," meinte ein junges, noch im ersten Krank- hcitsstadium stehendes Mädchen aus der Leprakolonie.„Seht mal, diesen Spiegel hat er mir geschenkt, damit ich mich, solange ich noch schön bin, darin nach Belieben betrachten kann." „Wer weiß? Gott ist barmherzig," sagte eine Aeltere, die schon ganz entstellt war. Und„Gott ist barmherzig I" wiederholten im Chor alle diese Sieckien und Aussätzigen. Während dann die Blinden wieder zur Stadt zurück- kehrten, um zu betteln, humpelten die Aussätzigen zu den Schutthaufen, uni dort hervorzuscharren, was die Hunde ihnen vielleicht noch übrig gelassen hatten. 3. Ihren ersten Besuch machten die Jamains dem Pastor Fischer in Bethlehem, der sie in der kleinen Hospitalkapclle getraut hatte. Er war Cäciliens Pate und ein Jugend- freund ihres Vaters. In Wirklichkeit war er gar nicht Pastor und hatte auch nicht die Ordination erhalten. Aber er ließ sich so titulieren. und es schmeichelte ihm ebenso wie einem Tierarzte, wenn man ihn mit„Herr Doktor" anredet. Eigentlich war er im großen und ganzen Religions- Makler und machte Propaganda für Rechnung mehrerer protestantischer Sekten, die zu arm waren, sich einen eigenen Repräsentanten zu halten, und nun zur Besoldung eines gemeinsamen Predigers zusammenschlössen, wobei sich ihr Bei- trag nach der Zahl der bekehrten Seelen richtete. Und wenn ihr Bekenntnis auch verschieden war, so hatten sie doch ein gemeinsames Ziel: dem Katholizismus Konkurrenz zu inachen. Und sobald im Heiligen Lande irgendwo eine griechische Kirche oder eine katholische Schule eröffnet wurde, setzte sich flink ein protestantischer Missionar„mit einem Vorrat von Bibeln und Taufprämien in ihrer Nachbarschaft fest. So hatte Pastor Fischer seit langen Jahren ganz Palästina durchstreift, weniger vielleicht aus religiösem Eifer, als seiner zahlreichen Nachkommenschaft wegen und„weil man doch leben mußte". Und da er im Grunde ein gutmütiger Mensch war und manchmal„die Augen zudrückte"— wenn man sich sonst nur die Stirn mit Tauswasser besprengen ließ—, so war er allen Verfolgungen entronnen und hatte sogar mit seinen Rivalen leidliche Nachbarschaft gehalten. Er war übrigens nicht nur Taufprediger, sondern neben- bei noch Apotheker, nach seinem Lieblingsspruch:„Der Arzt der Seele soll auch gleichzeitig der Arzt des Leibes sein." Nie begab er sich ohne ein kleines, in ein Wachstuch gehülltes Kästchen, das er pomphaft seine Apotheke nannte, auf die Reise. Tie„Apotheke" enthielt etlvas Arsenik, Chinin, Magnesia, englisches Heftpflaster und Eisenpräparate, Heilmittel, mit denen der Pastor alle Krankheiten kurieren zu können behaup- tete. Aber die Araber machten nie die Probe damit, sondern zogen es vor, die Pulver als Fetische unter der Türschwelle zu vergraben und die Papierhülsen als Amulette zu ver- schlucken. Auch die Europäer nahmen nicht mehr seine Arzneien, seit sich mehrere Aerzte in Jerusalem niedergelassen hatten. Daher wurde der Pastor, um seine freie Zeit auszufüllen und sein Einkommen zu vennehren— denn die Einwohner von Bethlehem, die sich rühmen. Nachkommen der Kreuzfahrer zu sein, verhalten sich dem lutherischen Katechismus gegenüber sehr zurückhaltend— nebenbei Winzer und Bienenzüchter. Hat Jesus nicht auf der Hochzeit zu Caua Wasser in Wein ver- lvandelt? Und nährte sich Johannes der Täufer nicht von Honig? „Weißt Du, er steht bei meinem Vater in hoher Achtung. Er ist einer der Hauptpfeiler unserer Mission im Heiligen Lande", sagte Cäcilie, die Zügel nachlässig hängen lassend. Sie hatte ihren gelben Reisemantel angezogen und einen ecrüfarbigen Sonnenschirm mit rosa Futter aufgespannt, der ihr feines Gesicht mit rosigem Schein übergoß. „Und wie ist Frau Fischer? Bei unserer Hochzeit haben wir sie nicht gesehen," fragte Elias, sein Pferd neben das seiner Frau lenkend. „Sie ist eine frühere Straßburger Diakonissin. Vielleicht wird sie keinen sehr vornehmen Eindruck auf Dich machen. Sie ist aber eine ganz treffliche Frau. Sie hat meine verstorbene Mutter gekannt, und ihre 5kinder sind bei meinem Vater in Pension. Das bringt sein Budget etwas ins Gleichgewicht; wir sind ihnen also gewissermaßen zu Dank verpflichtet. Sei also, bitte, schon meinetwegen zu ihnen liebenswürdig, Elias; ich rechne sie ein wenig zu meiner Familie." „Ja. ja. Liebste, sei ganz beruhigt. Ich werde mir Mühe geben. Dir keine Schande zu machen. Aber vor ein paar Wochen sagtest Du mir noch, Du hättest keine andere Familie als mich!" „Sich, dort kommt uns gerade Pastor Fischer cut- gegen." In der von Cäcilie mit dem Sonnenschirm bezeichneten Richtung erblickte Elias auf einem grauen Esel ein paar gelb- liche Leinwandhosen, einen grünlich verschossenen Alpakarock und über diesem einen Kopf, von dem man nur zwischen einer graumelierten Bartkrause und dem zerknitterten Rande eines alten Strohhutes einen breiten, jovialen Mund sah, der nun, um ihnen etwas zuzurufen, sich weit öffnete. Bald stiegen alle ab. Pastor Fischer nahm erst Cäcilie in seine Arme, dann legte er sie Herrn Jamain vertraulich auf die Schultern und gab ihm rechts und l.nks einen schmatzenden Bruderkuß. „Ach, 5Ander! Wie freue ich mich! Wie freue ich mich! Null seid Ihr ja wieder da, und wie man sehen kann, in bester Gesundheit. In Jerusalem war man bereits besorgt uni Euch. „Sie kehren nicht mehr zurück, unterwegs ist ihnen ein Un- glück zugestoßen", hieß es.„Laßt doch", beruhigte ich sie; „unsere jungen Leuttzen sind glücklich, das ist das ganze! Und sie haben recht, so eine Hochzeitsreise dauert ja doch nicht das ganze Leben." Aber abends sagte ich zu meiner Amalie: „Nein, hättest Du wohl so etlvas von dieser kleineu Schwester Cäcilie geglaubt? Schreibt nicht einmal an uns! Sie muß doch von ihren Missionspflichten sehr in Anspruch genommen jrfn* Nun, Jtün, Du brauchst nicht zu erroten i Ich weiß, Wie das ist. Aber schön ist's im Libanon, nicht wahr?" Sie stiegen wieder auf; der Esel trottete zwischen den beiden Pferden, und Herrn Fischers Sprechwerkzeug trottete ebenfalls weiter: „Ach, Kinder, welch' Ereignis, diese Heirat und welch' Triumph für unsere Sache! Meine Frau kann gar nicht mehr schlafen, so sehr hat Euer Besuch sie ausgeregt. Stach diese Nacht weckte sie mich und fragte:„Mein Gott, was soll ich zum Empfang dieser Verliebten eigentlich backen, Honigkuchen oder einen Napfkuchen?" Sie kennt Sie zwar noch nicht, Herr Jamain, hat Sie jedoch bereits ganz in ihr Herz geschlossen, da Sie ja Cäciliens Gatte find. Ach ja, wenn ich so denke, daß Du, Kleine, es warst, welche diese Bekehrung bewirkt hat, daß gerade Du erwählt warst, unserm lieben Gott als Wert> zeug zu dienen! Wie deutlich sieht man doch in allem hier den Finger des Herrn! Erst gestern sagten wir noch: Er ist's, der den meuchelmörderischen Arm im Ghetto lenkte, er, der die Schritte der türkischen Patrouillen zum Tiakonissenhause führte, er, der diese Liebe in Ihnen erweckte und nun seine Fittiche über Euern Bund ausgebreitet hat." Und der Pastor ließ seinen großen blauen Regenschirm in der Luft wirbeln, als wäre es Jehovas Baldachin, über den «r zu verfügen habe. In diesem Augenblick sahen sie hinter einer Weg- krümmung ein eigenartiges Bergschloß, das mit seinen Wall- grüben, Zugbrücken, Ringmauern und Schießscharten einer mittelalterlichen Burg glich. Auf den Zinnen flatterten zwei Standarten, die eine schwarz mit dem weißen Malteserkreuz, die andere mit dem roten Templerkreuz in weißem Felde. „Das ist die„Tankredia" des Grasen d'Iblin de Courtenay, eines armen Narren, dem Sie gewiß schon begegnet sein werden, und der davon träumt, Jerusalem nach Art der Kreuzfahrer zu erobern. Sonst ist's ein ganz harmloser Mensch, der uns sicherlich niemals große Konkurrenz machen wird," erklärte der Pastor. Da erinnerte Elias sich des seltsamen Ritters im Panzer- jhemde, mit dem melancholischen Adlerprofil, der ihn auf dem Minaret des Oelberges vor dem Weibe gewarnt hatte. Der Weg senkte sich zur Ebene hinab, und sie kamen nun an dem Grabmal Rahels vorbei, die noch in ihrem Todes- schlummer die von Herodes erwürgten Kindlein Israels beweint. Endlich kam Bethlehem in Sicht. Wie ein kleineres, friedlicheres Zion, ohne Mauern, nur von Gärten umrahmt, stieg es im Halbkreise stafselartig an zwei Berglehnen empor. Vom Amaury-Turm und zwei be- festigten Klöstern beherrscht, machte es den Eindruck einer feudalen, am Fuße ihres Kastells erbauten Stadt, die sich durch eine den orientalischen Orten sonst fremde Eigenheit und Sym- Metrie vorteilhaft auszeichnete. In den Straßen, die, sich netzförmig verzweigend, an- stiegen und manchmal sogar über die flachen Hausdächer hin- wegzuführen schienen, sah man Frauen mit malerischem Kopf- Iputz und Männer mit ritterartig umgeworfenen Mänteln ein- sherschreiten. Elias hörte den Auslassungen des Pastors Fischer nur zerstreut zu. Er versuchte, sich an diesem Orte das Leben und Treiben der Paladine und fränkischen Barone vorzustellen, die nach der Befreiung des„Heiligen Grabes" in den Armen der schönen Ephratäerinnen, in deren Gefangenschaft sie nun wiederum gerieten, Glauben und Vaterland vergaßen. Sie stiegen aus den Sätteln, und Assir nahm ihnen die (Zügel ab. Von nun ab hielt der Pastor Fischer sich ständig an Eäciliens Seite und blieb alle zehn Schritt stehen, um ihr die Macken zu streicheln. Elias schritt voran. Oft mußte er sich die Stirn trocknen, (Kenn er beeilte sich, an Ort und Stelle zu kommen. Sengend (prallte die Sonne auf die steilen, von der Dürre rissig ge- wordenen Straßen. Oede und verlassen lagen sie da, nur hie und da schlief ein Hund in einer schattigen Ecke. Aber im Innern der Häuser herrschte eine fast abendländische Ge- fchäftigkeit. Auf den Schwellen schaukelten Frauen mit weißer (Hautfarbe in ihren Armen blauäugige Kinder und sangen dazu arabische Lieder nach alten nordischen Melodien. Und überall im Hintergründe der Räume schnurrten Drehbänke, sprühten IFuntengarben auf; stolze Profile, feurige Augen beobachteten aufmerksam das Spiel des Stahls und der Perlmutter, und Maushörlich spritzten Muschelsplitterchen bis auf die Straße. l Fortsetzung folgt. Z' (Nr.chdruck boiEcitu Die polybymma» Burleske von Karl Ettling er. Die Polyhymnia war ein Dilettantenorchester, in dem etwa dreißig Menschen männlichen Geschlechts der Musik frönten. Alle Dienstagabend versammelten wir uns in einem Gasthause vor der Stadt, das infolgedessen nach einem halben Jahre meistbietend der- steigert wurde, und kratzten, bliesen und zupften mit furchtbarer Begeisterung unsere Instrumente. Ein Berufsmufiker— unser Stolz, er gab zwei Klavierstunden die Woche und hatte einmal gegenüber dem Konservatorium gewohnt— dirigierte uns durch dick und dünn. Er bekam dafür monatlich zwanzig Mark, die wir aber infolge eines gerichtlichen Befehls nicht an ihn selbst auszahlen dursten. Denn der Mann hatte ein etwas eigentümliches Privatleben. Mich selbst hatte ein böser Freund in den Verein hineingclobt. Er hatte mir die Stelle als erster Cellist in Aussicht gestellt, und die erhielt ich a»ch, obwohl ich damals erst ein halbes Jahr Unter- richt gehabt hatte. Ich war nämlich der einzige Cellist in diesem Verein. Dafür hatten wir aber vierzehn erste Geigei». Zweite Geige wollte niemand spielen, es waren aber durch das Los drei Mitglieder dazu verurteilt worden, die seit dieser Zeit keinen Vereins- beitrag mehr bezahlten. Wir hatten ferner drei Bratschisten, zwei Fagotts, eine Klarinette, eine Oboe, zwei kistons ä comet, von denen der eine bei Bedarf auch Waldhorn krächzte, und einen Pauker. Der Panker war dreiviertel taub und daher uilfähig, leiser als Kkk zu pauken. Er war aber sonst ein atrstöndiger Mensch und spielte die Pauke nur zu seinem Vergnügen. AIS die Finanzen unseres Vereins auf dem Gefrierpunkt an- gelangt waren, der Wirt UNS das Lokal zu kündigen im Begriff stand, beschlossen wir, ein öffentliches Konzert zn geben. Unserem Dirigenten war es recht. Ihm war überhaupt alles recht, nur machte er zur Bedingung, daß ihm fiir den betreffenden Abend ein Frack zur Verfügung gestellt würde. In dein wollte er sich Photo- graphieren lassen. Unser Programm wurde Ivie folgt festgesetzt: I. Teil. k. Ueber den Wellen, Walzer mclodioso V. Rosas. 2. Ouvertüre„Maurer und Schlosser". v. Auber. 3. Violin-Solo: Ballett-Szene... v. Beriot. 4. Ave Maria......... v. Schubert. n. Teil. 5. Jupiter-Sinfonie....... v. Mozart. Hieraus: Gesellige Unterhaltung. DaS Molinsolo hatte ein Kollege unseres Dirigenten über- nommen, der dafür zehn Mark bekain. Wir probten wie die Wilden. Den ersten Teil des Programmes hatten tvir bald iuttis, aber mit der Jupitersinsonie haperte es bedenklich. Alle Stimmen wurden einzeln durchgenommen, der Dirigent sang und pfiff uns die Themen vor, aber es wollte nicht klappen. Von de» 14 Geigern hatte jeder seine eigene Auffassung: die ließen sie nämlich alle weg. Unsere Bratschisten schabten mit Todesverachtung daneben, und ich selbst gab mir nicht die geringste Mühe, da ich als einziger Cellist ja doch nicht zu hören war. „Spielen Sie nur immer fest drauf loS I" ermunterte uns der Dirigent, wenn wir ganz auseinandergeraten warm,„am Schluß- akt finden wir uns schon wieder. Es gibt ein Wiedersehen!" Es war acht Tage vor dem großen Ereignis. Jedes Mitglied hatte schon fünf bettographierte Eintrittskarten erhalten, mit denen es seine Eltern und Cousinen unglücklich mackite. Ueber die Frage, ob die Presse eingeladen werden sollte, entspann sich ein heftiger Streit. Schließlich entschied man sich dafür, mit allen Slimnieii gegen die des Dirigenten und die meine. Der Mann hatte also doch noch einen Rest von Schamgefühl. Wir hatten gerade den ersten Teil zur allgemeinen Selbstzufriedenheit„gehauplprobt" und wollten die Sinfonie in„Angriff" nehmen, als der Wirt eintrat und einen Brief abgab. Der Dirigent nahm ihn, öffnete ihn, schien verblüfft und las ihn dann laut vor. Cr lautete: „Ihr gottsjämmerlichen Pfuscher und Neutöner! Seit zwei Monaten grimmt sich mein Bauch in nicht wiederzugebender Weise. Mein Konslanzerl macht mir täglich warme Deckel und löffelt mir den Kamillentee literweise ein, aber es nützt nichts. Jeden Dienstag abend geht es von neuem loS, wenn ich Euer verdanimungswürdlges Gefiedel, Gekratze und Getute höre. Der ganze Olymp leidet an Migräne, Wagner machte einen Selbstverlebendigungsversuch, und Offenbach behauptete, so glänzend sei meine Sinfonie noch nie parodiert worden. Ich aber sage Euch: wenn Ihr Euch noch e i n mal untersteht. Euch an irgend einem meiner Werke zu vergreifen, komme ich herunter- gelrabbelt und dann passiert ein Unglück. Womit ich bin Euer— trotz Eurer Schweinemusik— unsterblicher Wolfgang Amadeus Mozart. Der Tumult, der sich nach der Verlesung dieses Briefes er- hob, war unbeschreiblich. Sämtliche Anwesende erllärten empört ihren Austritt aus dem Verein, wobei jeder behauptete, die anderen spielten so falsch, daß es kein Wunder wäre, wenn nichts Vernünftiges zustande käme. Der Dirigent nahm seinen Hut und einen fremden Paletot, und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Nur ich bewahrte mein kaltes Blut und fischte das Original deS Verhängnisvollen Briefes vom Boden auf. Ich sah mich aber in meiner Erwartung, ein echtes Mozart-Autogramm errungen zu haben, schinählich getäuscht. Denn der Brief enthielt überhaupt nur die Worte: „Verdufte schleunigst! Die Polizei ist Dir auf den Fersen! Dein Freund HanS." Unter diesen Umständen wurde das Konzert aus unbestimmte Zeit verschoben. Die.Polyhymnia" löste sich auf und kein Mitglied griiszte mehr das andere auf der Strohe. Nur der taube Pauker bemühte sich vergebens einen neuen Musikverein zu gründen und behauptet jetzt überall, der Jdealisnms sei aus der Welt ver- schwanden und niemand mehr habe Interesse für wirklich gute Nufik.»- Kldncs fcirillcton. —'6 muß nicht gehrirat' sein! In der von Dr. I. Pommer herausgegebenen Zeitschrift„Das deutsche Bollslied" wird folgendes Junggeselleuliedchen mitgeteilt: 's muh nicht gcheirat' sein l Wenn ich mein Stand belracht', in dessen auch Hab' ich weder Weib noch Kind, leb' noch wohl auf. tab' ich weder Weib noch Kind, leb' noch wohl auf. lleS, was verHeirat' ist, das lach' ich auS. Mädchen gibt's auf der Welt groh und auch klein, Drauhen bei Sommerszeit früh oder spat, Schleichen in Hecken'nun ganz in der Still', Gleich wie die Schnecken, wmrn'S regnen will. Wenn ich auch keine mag, bleib' ich allein, Bleib' ich frei ledig,'s muh nicht g'heirat' sein. Bleib' ich frei ledig bis an mein End', Brauch' ich kein Schreiber nicht zum Testament.— — Vom„Amtsgeheimnis" des Briefträgers erzählt Emir in der „Strahburger Post": Dieser Briefträger hatte zufällig das Revier zu besorgen, in dem er selbst wohnte. Eines schönen Tages bekam er einen Brief in Die Hände adressiert: Mademoiselle Josephine X., rue Y. Ha, was ist denn das? Das ist ja meine Tochter! Sich' doch an, so schlau wie sie sein will, sollte sie doch wissen, daß ich ihr selbst den Brief bringen mutz. Wer hat nun meiner Tochter zu schreiben? Ich mutz doch sehen, was darin steht. Und damit hatte er auch den Brief schon geöffnet, las seinen Inhalt und klebte dann das Kuvert mit feinem Gummi wieder sorgfältig zu. Als er zu Hanse ankam, legte er seiner Tochter, sie war Näherin, den Brief auf den Arbeitstisch: Hier, Josephine, ist ein Brief für Dich. Aber sage mir doch, wer ist das, der Dir Briefe schreibt? Die Tochter antwortete errötend, datz sie sich gar nicht denke, wer ihr schreiben könnte, und rasch verschwand der Brief in ihrer Tasche. Ja, warum steckst Du den Brief so schnell in die Tasche? Wenn nichts dabei ist, so gib ihn her, ich möchte ihn gern lesen. Ich werde warten bis mittag, und dann sagst Tu mir, wer der ist, der diesen Brief ge- schriebe» hat. Und richtig, zur Mittagszeit gestand die Tochter, datz cL ihr lieber Camill war, der ihr geschrieben habe. Er sei Schreiber und ivohne da und da. Gut, sagte der Vater, ich will hoffen, datz dies der erste und letzte Brief gewesen ist. Das fehlt gerade noch, datz ich meiner Tochter auch noch ihre Liebesbriefe nach Hause bringen mutz, um ihr dadurch etwa gar zu beweisen, datz ich diefe Liebelei dulde. Weinend zog sich die Tochter zurück. Kaum aber hatte der Vater seinen Dicnstgang angetreten, so beeilte sich die Tochter, ihren Eamill brieflich von dem Geschehenen zu unterrichten. Ter Vater jedoch bat einen seiner Kollegen: Sag' einmal, wenn D» einen Brief mit der und der Adresse bekommst, so gibst Du ihn mir, ich mutz ihn lesen, denn er ist von meiner Tochter an ihren Liebsten. Es vergingen keine zwei Stunden, so war der Vater schon im Besitze des Briefes. Zu seinem grötzten Erstaunen las er, wie seine Tochter über ihn loszog. Die Rückantwort lautete nicht anders, und so ging das eine Zeitlang weiter. Der Vater gab der Tochter nur dann und wann einige Zitate aus den Briefen zu »schmecken", wobei sie jedesmal fast sprachlos war. Sollte Camill wirklich so schlecht sein und dem Vater heimlich alles erzählen? Sie schrieb ihm, datz der Vater alles wisse; wer der Schlechte wohl sein könne, der ihm alles erzähle? Liebe Joscphine, lautete die Ant- wort: Ich bin nicht derjenige, der Deinem Vater etwas gesagt hat; ich kenne Deinen Vater kaum und er mich gar nicht. Er macht vielleicht die Briefe auf? Aber sie sind doch alle so gut zu. Wenn Du willst, gehen wir zusammen nach Pavis, wo wir auch glücklich leben können.— Das Mägdlein aber schrieb darauf: Lieber Camill! Ich werde wahnsinnig. Ich halte das nicht mehr aus. Mein Bater ist ein Tyrann. Ich mache ein Loch ins Wasser, ehe der Tag herum geht. Er weih alles, alles. Errette mich, errette mich, lieber Camill, wenn Du mich lieb hast. Dies half. Anderen Tages kam zwar kein Brief, aber der junge Mann selbst. Nimm Dir mit, was Du Nütz- liches hast; mache schnell. Während der Vater beim Abcndschoppen im Wirtshaus sah und sein„Tärtele" legte, verschwand die Josephine mit ihrem Camill auf Nimmerwiedersehen. Jetzt bereute der Vater den Bruch des Amtsgeheimnisses gegenüber seiner Tochter schwer, aber trotzdem er alle Hebel in Bewegung setzte, war keine Spur mehr von ihr zu entdecken; sie war eben„durch den Reif". Tie Geschichte aber, die ich hier erzählte, ist buchstäblich wahr, sie ist in meiner eigenen Familie vorgekommen.— h. Der Wohlgernch der Pflanzen und seine technische Verwendung. Der Wohlgeruch der Pflanzen verdankt seinen Ursprung verschiedenen ätherischen Oelen, die in bald größeren, bald geringeren Mengen im Pflanzenkörper verteilt find. Von dieser Verteilung ist zwar kein Pflanzenorgan ausgeschlossen, doch find die dusttragenden Stoffe bei derselben Pflanze nicht immer m sämtlichen Organen vorhanden. Die meisten Oele find fertig gebildet entweder in kanalförnngen Zwischenzellenräumen oder in besonderen Drüsenhaaren. Nur in Ausnahmefällen bildet sich das Oel erst, wenn der Pflanzenkörper zerstört wird. Da alle ätherischen Oele sehr schnell verdunsten, Iso zeigen die meisten Pflanzen selbst geringe Mengen dieser Oele durch ihren Duft an. Diese Eigenschaft der Oele wird.für die technische Ver- Wendung des Wohlgeruchs von wesentlicher Bedeutung insofern, als sie eine leichte Gewinnung der Dufterreger ermöglicht. Die verschiedenen Arten der Oele sind in besondere Gruppen eingeteilt worden, so werden unterschieden: Terpene. Paraffine, Alkohole, Ketone, Phenole, Säuren, Aether usw. Die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe wird bedingt durch das Verhältnis der drei wesentlichsten Grundstoffe der Oele: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff. So zählt das Rosenöl, dessen wesentlicher Bestandteil das Geraniol bildet, zu den Alkoholen, desgleichen das Menthol des Pfeffermiinzöls. Der Kampfer im Kampfer«, Lavendel-, Rosmarin- und Salbeiöl rechnet zu den Ketonen. Benzoe- und Zimmtsäure sind als Vertreter der Säuren in verschiedenen Harzen und Balsamen zu finden. Terpentinöl ist das wichtigste der Terpene. Der bekannteste aller Blumengerüche ist wohl der Rosenduft; das Rosenöl war schon im Altertum weit und breit beliebt. Für die Geivinnung dieses Oeles wird im Balkan eine bestimmte Rose, Rosa, ckemaseena angepflanzt, die seit einigen Jahren auch in Deutschland angebaut wird. Um t Kilogramm Rosenöl zu ge- Winnen, bedarf e§ 5— 6000 Kilogramm Rosenblüten. Derselbe Dufttröger ist auch noch im Roscngeranium, Pelargonium odora- tissirnurn vorhanden. Ein ähnliches Oel, das Palmarosa-Oel oder indische? Geraniumöl, das vielfach zur Verfälschung des Rosenöls angewandt wird, stamint von einer in Indien heimischen Staude, .Arulropogon Sohoenanthue. Terpentinöle sind ein Destillationsprodukt der Nadelhölzer. Ein aus den Nadeln und Zapfen der Tanne ge- wonneneS Terpentinöl wird direkt in der Parfümerie verwandt. DaS tolz der virginischen Ceder liefert das zum Parfümieren von oiletteseifen viel angewandte Cedernholzöl. DaS Saftol, das ebenfalls in der Seifeufabrikation eine große Rolle spielt, stammt von einer dem Lorbeerbaum ähnlichen Pflanze, Sassafras officinalis, in Nordamerika heimisch. Der Kampfer wird zur Hauptsache von Cirrnaniomim Camphora, dem Kampferbaum gewonnen; dieser Baum zählt gleichfalls zu den Lorbeergewächsen. Zwei ähnliche in Ostindien einhcinusche Arten dieser Pflanzengruppe liefen: das Caffia- und das Zimintöl. Das sehr gebräuchliche Jrisöl wird von den Wurzelstöckcn etlicher Jrisarten gewonnen. Bei Beilchenparfüms wird zumeist Jrisöl angewendet. Die getrockneten Wurzclstöcke dieser Pflanze tragen im Drogenhandel den bezeichnenden Namen Veilchenwurzel. Verschiedenen PrunuSarten verdanken wir das Bittermandelöl, das zur Hauptsache aus dem Kern der Aprikose gewonnen wird. Von Orangearten stammen Bergamott-, Limeft-, Neroli-, Pomeranzen- und Zitronenöl. Das Zitronenöl stammt von einer auf Ceylon angebauten Grasart, Aacfropogoir Nardus. Eine diesem Grase ähnliche Pflanze muß das zur Erzeugung billiger Emi deS Cologne benutzte Lemongratzöl hergeben. Neberhaupt werden viele wertvolle Parfüms durch Mischung ver- schiedener ätherischer Oele nachgeahmt und das oft in so täuschender Weise, daß ein Unterschied zwischen dem echten Parfüm und der Nachahmung gar nicht zu bemerken ist. Zu den ältesten Gewürzen jählt das Nelkenöl, das echt von dem auf den Molukken einheimischen immergrünen Nelkenbaum gewonnen wird. Für die Gewinnung der ätherischen Oele aus den Pflanzen werden verschiedene Methoden angewandt, wofür einmal die Be- schaffenheit des Riechstoffes, dann aber auch der Zweck seiner Ver- Wendung matzgebend wird. Am meisten gebräuchlich ist die Destillation. In anderen Fällen wird der Riechstoff erst auf«in vollständig geruchlos gemachtes Fett oder auf Mandelöl übertragen. Diesem Produkte wird dann unter Zuhülfenahme von Spiritus der Duftstoff entzogen, der nun für die feinsten Parfümeriezwecke Ver- Wendung finden kann.— Geographisches. st. Eine Reise durch die Sahara. Ueber eine Reise. die Professor E. F. G a u t i e r im vorigen Jahre durch die Sahara gemacht hat, macht Cyrus C. Adams in der„American Review of Reviews" ausführliche Mitteilungen; er nennt die Unternehmung des Professors die bedeutsamste Reise, die je durch die Wüste unter- nommen worden ist. Gautier zog quer durch die Sahara, reiste etwa 900 Kilometer im Sudan und kehrte nach etwa fünf Monaten wieder nach Frankreich zurück. Noch vor vier Jahren wäre eine solche Expedition unmöglich gewesen, denn damals machten die räuberischen Tuaregs das ganze Land unsicher, stürzten sich mit Windeseile auf französisckc Truppen und auf Karawanen, töicten die Reisenden, plünderten sie aus und verschwanden, so schnell w'e sie gekommen waren. Auf ihren schnellen Kamelen entgingen sie z der Verfolgung durch die französischen Truppen. Nun ist es aber durch energische Bemühungen den französischen Behörden gelungen, dies« die ganze Gegend unsicher machenden Horden zu unterdrücken. So konnte Gautier mit seinen beiden Gefährten tatsächlich unbewaffnet und völlig sicher die Sahara durchqueren. Nach seinen Mitteilungen ist die Sahara als Wüste viel weniger ausgedehnt, als man allgemein angenommen hat. Nimmt man den Weg über das Adrar-Platcau, das sich etwa 7ö0 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, so findet man überall mit Gras bedeckte Flächen, die sich über die flachen Teile des Plateaus ausdehnen und in den Tälern sogar von einer lebhafteren Vegetation abgelöst werden. So muhte Gauticr zu seiner großen Ueberraschung erkennen, daß dieses weite Hochland überhaupt nicht im eigentlichen Sinne als Wüste angesehen werden kann. Sein Erstaunen wuchs jedoch noch, als er sich weiter nach Süden wandte und schließlich auf einem Landstrich ankam, der einen ziemlich hohen GraSwuchs auswies. Er verfolgte diesen 540 Kilo- «leter breiten Gürtel, der schließlich im Sudan endet. Diese weite Stcppengcgcnd, die sich über ein bisher zur Wüste gerechnetes Ge- biet ausdehnt, hat jedes Jahr ihre Regenzeit mit sechs bis zwölf Zoll Regen. Das ist zwar nur wenig, da ein Land zum Ackerbau wenigstens zwanzig Zoll jährlichen Regenfall braucht, aber immerhin wird durch diese Regenzeit das Land mit einem üppigen Gras- teppich überdeckt. Die Steppe, die weithin gutes Weideland bietet, hat auch kleine Teiche, und es entfaltet sich daher ein reiche» Tier- leben. Gautier fand viele Arten von Antilopen, wilde Schweine, Giraffen, Löwen und Elefanten. So ist zur größten Ueberraschung aller festgestellt, daß ein bedeutender Teil der Sahara keine Wüste. sondern ein reichbelebtes Tier- und Weideland ist. Nicht weniger merkwürdig aber ist die Entdeckung, daß die Sahara früher auch von Menschen bewohnt war. Der Forscher fand zwingende Be- weise, nach denen lange vor der Zeit, in der die jetzige Form des Rcgenfalles eintrat, im neolithischen Zeitalter oder in der späteren Steinzeit eine sehr große Bevölkerung diesen Teil der Sahara bc- lebt hat. Er fand überall Gräber über die grasige Fläche verstreut; er fand auf den Felsen viele Hunderte Zeichnungen, die Tierformen und andere Gegenstände darstellten und von diesen früheren Be- wohnern der Sahara geschaffen worden sind; er entdeckte die ab- geplatteten Steine, die sie zum Mahlen des Korns gebraucht hatten. Diese Mühlsteine beweisen deutlich, daß das Land in der Gegend damals angebaut wurde und diese Art, das Korn zu Mehl zu mahlen, zeigt eine nicht unbedeutende Höhe der Kultur, in der diese frühe Bevölkerung der Sahara sich befand. Ucberall fand man auch zahlreiche Pfeilspitzen, Acxte aus Stein und andere Werkzeuge. Jedenfalls bewohnten vor vielen hundert Jahren viele Menschen diese Gegend; Tausende von Ackerbauern pflügten daS Land, und zwar geschah das in einer Zcitpcriode, die»ach geologischen Epochen gerechnet verhältnismäßig kurze Zeit zurückliegt. Die zunehmende Dürre, die durch das Geringerwevdcn des jährlich fallenden Regens hervorgerufen wurde, trieb schließlich die Bewohner zurück nach dem Sudan, und nun hat die Welt vergesien, daß diese Gegend über- Haupt einmal von Menschen bewohnt war.— Aus dem Tierlebe». tb. Ueber die Lebensdauer der Insekten haben wohl nur die wenigsten Menschen eine klare Vorstellung. Im allgemeinen nimmt man an, daß die Tiere, wie zum Beispiel die Eintagsfliegen, die kaum geboren schon zu welken beginnen und während ihres kurzen Lebens nicht einmal Nahrung zu sich nehmen, nur eine sehr beschränkte Lebensdauer von Tagen oder Wochen, im günstigsten Falle aber höchstens von einigen Monaten besitzen. Es ist dieses auch im allgemeinen wohl richtig, wenn wir uns bei einer solchen Betrachtung nur an daS ausgebildete Tier, daS eigentliche„Insekt" halten. Nun beginnt aber das Leben für diese Tiere doch bereits erheblich früher, und wenn wir denjenigen Abschnitt deS Insekten- leben», welchen daS ausgebildete Insekt repräsentiert mit dem mensch- lichen Leben vergleichen lvollten, so könnten wir ihn nur dem völlig arisgerciftcn Mannesaltcr bis zum Tode gleichsetzen. Die gesamte Kindheit und das Jünglingsalter ist gänzlich außer acht gelasien und in vielen Fällen umfassen im Jniektcnleben gerade diew Ent- Wickelungsperioden einen um das vielfache längeren Zeitabschnitt, als er dem erwachsenen Tiere zukommt. Wenn ein Insekt aus seinem Ei schlüpft und damit in das eigentliche Leben tritt, gleicht es in seinem Aussehen nämlich durchaus noch nicht den« fertigen Tiere und wird daher in den meisten Fällen auch mit besonderem Namen belegt. Betrachtet man darauf hin mal zum Beispiel den allbekannten Maikäfer, so findet man, daß er erst im vierten Jahre seines eigentlichen Lebens die Erde verläßt und in Gestalt des„Mai- iäferS" daS junge Laub der Bäume plündert. JaH'-e vorher hat er bereits in, Schöße der Erde verborgen ein wenig bemerktes Dasein geführt. Nach der Befruchtung fliegt das Mailäferweibwen mehrere Tage umher, bis die Eier zur Ablage reif geworden sind. Dann aber gräbt e» sich in die lockere Erde des Boden» ein und legt hier etwa zehn Zentimeter unter der Oberfläche seine kleinen Eier ab. Damit ist sein Lebenswerk vollendet, und eS stirbt allmählig ab. Nach Berlanf von ein bis zlvei Monaten schlüpfen aus den Eiern kleine, weißliche Larven, welche bis zu Beginn der rauhen Jahres- zeit die Wurzelfasern junger Pflanzen auszehren und stark heranwachsen. Etwa im Oktober oder bei milder Witterung auch erst im November graben sich die jungen Maikäferlarven oder Engerlinge tiefer in den Erdboden ein und verfallen hier in einen langen Winterschlaf, aus dem sie erst im späten Frühjahr erwachen. Jetzt graben die Tierchen wieder ihre Minengänge durch den Ackerboden und richten unter den jungen Wurzeln der Pflanzen ziemliche Ver- Wüstungen an. um im Herbst wieder einen zweiten Winterschlaf an- zutreten. Das gleiche wiederholt sich von der Eiablage an gerechnet während dreier Jahre, dann endlich sind die Engerlinge für die neue Form ihres Lebens, das Puppenstadium, vorbereitet. In ziemlich erheblichen Tiefen vollzieht sich zu Beginn des dritten Herbstes die Verpuppung und bereits im Dezember ist der Maikäfer fertig entwickelt, wartet jedoch noch die mildere Frühlingsluft ab, ehe er das schützende Erdreich verläßt. Man muß demnach die Lebensdauer des Maikäfers, obwohl ihm als ausgebildeten Tiere nur wenige Wochen vergömit sind, auf vier Jahre berechnen. Ebenfalls tragen auch die Eintagsfliegen ihren Namen durchaus nicht zu Recht, da ihre Larven mehrere Jahre hindurch im Wasser ein räuberisches Wesen führen. Bekannt ist es ferner, daß auch alle Schinetterlinge, ehe sie als leicht beschwingte Sommervögcl die Lnft durcheilen können, eine lange währende und sehr komplizierte Ent- Wickelung als Ei, Raupe und Puppe durchzumachen haben; namcnt- lich das Raupenstadium ist bei vielen Schmetterlingen von recht langer Dauer. So lebt, um nur ein Beispiel zu nennen, die Raupe des gemeinen WeidenhohrcrS zwei bis drei Jahre in dein Stamme der Weiden, ehe sie sich zur Verpuppung an- schickt. Bei inanchen Faltern finden wir aber auch aus- gebildete, erwachsene Schmetterlinge, die eine Lebensdauer von zwei Jahren erreichen können, indem sie unter Laub verborgen, in einer Art Winterschlaf die Kälte des Winters überdauern. Die über- winternden Tiere sind nach der allgeineinen Annahme befruchtete weibliche Individuen, die erst im folgenden Frühling zur Eiablage schreiten. Die längste Lebensdauer scheint jedoch einer Cikade(Oicada. septendecim) zuzukommen, welche zu ihrer völligen EntWickelung nicht weniger als siebzehn Jahre gebrauchen soll. Auch unter den Käfern gibt es sicherlich noch manche Arten, welche ein ganz erheb- liche» Alter erreichen werden, doch sind unsere Kenntnisse gerade von der Ennvickclungsgeschichte selbst ganz gemeiner Käfer so unvollkommen und lückenhaft, daß wir darüber kein sichere» Urteil abzugeben ver- mögen. Kennen Ivir doch kaum von zehn Prozent aller bekannte» Käferarteu die Larvenform. Von großem Interesse ist eS, daß in vielen Fälle» den ver- schiedenen Individuen der gleichen Jnsektenart eine sehr verschieden lange Lebenszeit beschieden ist. Ein Beispiel hierfür liefern unsere Bienen. So richtet sich die Dauer des Leben» der Arbeitsbiene» ganz danach, lvie ihre Arbeitskraft in Anspruch genonmien wird. Zur Zeit der größten Tracht im Hochsommer, wenn die Bienen mit angestrengtem Fleiße arbeiten müssen, tvährt das Lebe» der einzelnen Arbeiterinnen kaum sechs Wochen. Andere dagegen überwintern und erreichen sogar ei» Alter bis zu zwei Jahren, doch sind das Ausnahme- fälle. Ebenfalls kommt den männlichen Bienen oder Drohnen nur ein nach Wochen bemessenes Erdendafein zu. Die Bienenkönigin aber, deren einzige Beschäftigung das Eierlegen ist, und die allein für die Erhaltung der Art zu sorgen hat, tvird vier oder fünf Jahre alt. Man ersieht aus den« Gesagten, daß die Lebensdauer in der Jnsektenwelt eine recht verschiedene, im allgenieinen aber erheblich längere ist, als gewöhnlich angenommen wird. In der Regel stellt das erwachsene Insekt ein recht vergängliches Geschöpf dar, dessen Rolle unmittelbar nach der Befruchtung resp. der Eiablage auS- gespielt ist und das dann bald zugrunde geht. Den breitesten Raum nimmt das Larven- oder Raupenstadium ein, daS so recht eigentlich die Zeit der hauptsächlichsten NahrungSausiiahme und des Wachstum» ist.— HnnioristischeS. — Schwierig. Vater:„Wie Iveißt Du, daß dieser junge Mann Dich liebt? Hat er etwa die Kühnheit gehabt. Dir eine Er- klärung zu machen?" Heiratsfähige Tochter:„Durchaus nicht. Wenn Du aber sehen könntest, wie er mich ansieht, wenn ich ihn nicht an- sehe!"— — BoShaft.„Ja, ich verstehe mich auf das Gedankenlesen. Zum Beispiel weiß ich ganz genau, was der Herr, der uns dort eitt- gegenkommt, jetzt denkt." „So, so l... Wieviel kriegt er denn von Dir?"— — Unbewußte Ironie.„Na. Bäuerin, lvarum haben Sie denn in Ihren Geniüsebecten gar keine Vogelscheuche gegen daS Spatzenvolk aufgestellt?" Bäuerin(sehr häßlich):„Braucht'S kane— i' bin ja selber den ganzen Tag draußen."— („Meggendorfer-Blätter.") Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdriickerciu.VerlagsanstaltPaulSingcrLcEo..BcrlinLVV.