Anterhattungsblatt des Horwärts Nr. 52. Dotmerstcig� den 15. März. 1906 tNachdruck verboten.) Die Sroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 131 Autorisierte Uebersetzung auS dem Französischen von Alfred Deuter Elias dachte, daß wahrscheinlich einst ein kunstfertiger Pilgersinann die Knaben das Drechseln gelehrt habe, während die Ritter sich wohl mehr damit beschäftigt hätten, den jungen Mädchen fränkische Wiegenlieder zum Einlullen des künftigen Nachwuchses beizubringen. Noch immer ging es bergan. Eine Gruppe von Franziskanern stieg in raschem Schritt den Abhaiig herab. Ihre weißen Knotcnstricke schlugen wie klanglose Schwerter gegen die braunen Kutten, und ihre un- hörbaren Sandalen traten die auf den Weg gesäeten flimmern- den Splitter in den Staub. Sie marschierten wie zum An- griff eines unsichtbaren Feindes: unter ihren gesenkten Lidern schössen flammende Blitze hervor. „Haben Sie jene Blicke gesehen, Herr Jamain?" rief der Pastor.„Verflixt! Die lieben Sie nicht. Wenn Ver- wünschungen tödlich wären, könnte ich Sie heute nicht mehr an meinem Tische willkommen heißen. Ich begreife ihren Zorn, aber er belustigt mich nur. Nun ist die Reihe zu wüten an ihnen. Früher haben sie uns alle Lämmchen, immer kurz vor der Taufe, weggeschndppt. Es war in ihrer Nähe auch nicht die armseligste, kleinste Bekehrung zu Wege zu bringen. Aber nun haben wir unsere Vergeltung. Für Ihre Seele hätten sie hier gern fünfhundert und in Jerusalem zweitausend andere hingegeben. Als ich an jenem Tage Ihr Aufgebot von der 5tanzel herab verlas, summte und brummte es oben bei ihnen wie in einem Wespenncste. Am folgenden Sonntage hat man Sie auf dem Geburtsstätten-Platze in' vkfigis verbrannt, nachdem man Sie für einen Renegaten erklärt hatte. Ich glaube auch, daß man Sie am„Heiligen Grabe" ex- kommuniziert hat." Erblassend blieb Elias stehen. Ihm fiel die Szene in Nazarcth ein, und die Verwünschung des Lazaristenbruders. „Sie haben mich exkommuniziert? Einen Renegaten nennen sie mich? Ja, haben wir denn nicht den gleichen Gott? Bin ich denn kein Christ mehr?" „Im Gegenteil, mein Freund, im Gegenteil! Gerade durch Ihre Heirat sind Sie ein rechter Ehrist geworden. Ge- stehen Sie selbst, was sind jene? Was sind alle Katholiken? Doch nur Götzenanbeter, die mit Legenden abgespeist werden und Heiligenbilder anbeten? Nicht wahr Cäcilie?" Kopfnickend stimmte sie zu. Sie wußte es nur allzu gut. Traurigen Herzens setzte Elias seinen Weg fort. Der Anstieg schien ihm endlos zu sein. Duster blickte das Kastell der Amaury auf ihn herab, und drohend hingen die befestigten Klöster über ihm. „Ach, meine Kindheitsträume! Meine Jünglingshoff- nungen I Mein Mut, mein inbrünstiger Glaube! Wie so fern seid ihr!" murmelte er.„Ein Renegat! Ja, habe ich denn nicht meine Träume verleugnet? Ein Ausgestoßenerl Ja, habe ich denn nicht meine Glaubensfackel selbst aus- gelöscht?" Und schmerzlich wiederholte er: „Ein Exkommunizierter! Ein Exkommunizierter!" In dieser Stadt Palästinas, wo noch das Andenken an die Tempelritter und die fränkischen Könige lebendig war, lastete das Wort auf ihm mit der ganzen vernichtenden Schwere mittelalterlichen Schreckens. Niedergeschlagen wandte er sich nach seiner Frau um, in der Hoffnung auf ein zärtliches, ermutigendes Wort, in der Erwartung eines mitfühlenden, liebevollen Blickes. Doch sie plauderte mit Herrn Fischer, für ihn hatte sie weder Zeit noch Mitleid. Und wie hätte sie sich auch über seine Gewissensnot er- regen, wie seine Aengste teilen können! Ihre Religion war ja so positiv, so vernünftig. „Hier, bitte, hierher!" rief der Pfarrer mit den Armen fuchtelnd. Elias wandte sich um. Er schüttelte auf dem„Salaam" einer Strohdecke den Staub von seinen Füßen, während ein auf die Giebelwand gemaltes blaues, von gelben Strahlen umgebenes Jehova-Auge ihn starr anblickte. Bibelverse liefen als Fries an den Wänden des Vor» raumes entlang, schmückten die Gesimse und krönten die Türen. Auf den obersten Treppenstufen verschwand ein roter Unterrock. „Das ist die Frau Pastorin, die sich nun noch rasch in Staat wirft," scherzte Herr Fischer schmunzelnd.„Aber was ist mit Ihnen, Herr Jamair, Sie sind ja blaß wie der Tod und feucht wie ein Auferstandener. Bei der Hitze haben Sie wohl Fieber bekommen? Zum Glück habe ich eine Apotheke. Bitte, treten Sie hier ein... ein wenig Chinin, dann ist bald wieder alles in Ordnung." Während der Pastor unter seinen Glasgefäßen herumkramte, iah Elias sich im niedrigen, behaglich eingerichteten und kühl-frischen Gemach um. Mit Vogelleim überstrichene und an.Schnüren befestigte Blumentöpfe hingen von der Decke herab. Ueber die Sessel und das Ripssofa waren gehäkelte Schutzdecken gebreitet; eine ebensolche Hülle bedeckte sogar eine Christusbüste aus Gips, so daß es aussah, als schlununere das Haupt unter einer Nacht- mütze. Honiggläser und dickbäuchige Flaschen füllten die untersten Fächer eines Bücherschrankes voll schwarzer, mit Goldkreuzen versehener Bücher. Auf dem Deckel einer Näh- Maschine ruhte ein sehr großes, aufgeschlagenes, mit Lese- zeichen gespicktes Testament. „Hier ist das Chinin! Trinken Sie einen Schluck Wasser nach! Der neue Apotheker in Jerusalem verkauft es jetzt wohl schon in Gelatinekapseln. Aber ich bin noch nach der alten Mode. Da weiß man wenigstens, was man einnimmt. Aller- dings schmeckt solch ein Pulver bitterer!" „Keineswegs! Dieses ist gar nicht bitter, hat vielmehr einen sonderbaren, faden, süßlichen Nachgeschmack. Chinin kann es also nicht sein." „Schlucken Sie's nicht runter! Schlucken Sie's nicht runter! Mein Gott, Cäcilie, sieh doch mal nach, was auf der Etikette steht, ich habe meine Brille nicht bei der Hand...." „Arsenik," sagte Elias ganz ruhig, als er das Glasgefäß dem Pastor aus der zitternden Hand nahm. „Spuck aus! Spuck rasch aus!" rief Cäcilie, ihm den Löffel fortreißend, an dem er kaum geleckt hatte. Kopflos rannte Herr Fischer im Zimmer umher. „Ein Brechmittel! Ein Brechmittel! Lieber Gott, ein Brechmittel! Amalie! Amalie!"» Elias hatte sich jedoch bereits aus dem Fenster gebeugt und das Nötige kurzerhand besorgt. „Beruhigen Sie sich doch! Die Sache ist nicht schlimm!" „Ach, mein Gott, mein Gott! Schon beim Gedanken daran wird mir ganz schwach. Wie hätten die dort drüben gejubelt! Einen Menschen umzubringen, das wäre so was!" „Es wäre immer nur ein Renegat weniger gewesen!" schloß Elias mit trübem Lächeln. Bald war der Zwischenfall vergessen und man setzte sich zu Tisch. Nun kam auch die Pastorin zum Vorschein. Eine Frau von gewaltigen, dicken, schlaffen Körperformen und einem kleinen, mit Sommersprossen übersäeten Kopf, auf dem eine Haube mit zitronengelben Bändern saß. Sie trug selbst auf und setzte die Schüsseln auf den Tisch, als ob sie ihr aus den Fingern glitten. Und wenn sie die Teller wieder forttrug, sab man durch den Schlitz ihres schwarzen Seidenkleides, wahrscheinlich ihre Hochzeitsrobe, einen roten Unterrock, dessen Maschen sich in die Breite ver- zogen. Während der Mahlzeit blieb sie stumm, schlug ihre weiß- lichen Augenlider mit mädchenhafter Schüchternheit nieder und steckte die Serviette unter dem Kinn fest, um zu Verdecken, daß die obersten Knöpfe ihrer vic! zu engen Taille nicht zugeknöpft lvaren. Nur wenn der Pastor am Schluß eines Satzes ein „Nicht wahr, Amalie?" einstreute, reckte sie ihr Doppelkinn, daß es sich wie der Sack eines Pelikans dehnte, und unter ihren geröteten Lidern hervor glitt ein zärtlicher Blick zu ihrem jMann hinüber. Jferr Fischer erzählte allerhand Ierusalemer Klatsch, gab Eacilie praktische Ratschläge über billige Wirtschaftsführung und führte den Gelehrten in die Eleinente der archäologijchen Wissenschaft ein. „Die Frau des englisch!n Konsuls hat sich mit dem tür- tischen Pascha stark bloßgestellt... Im armenischen Kloster hatte man hinter dem Altar eine Negerin vorgesunden... Eine neue russische Sekte, von der größere Konkurrenz zu be- fürchten stellt, hatte sich in der Saron-Ebene niedergelassen... Von nun ab sollten sie ihren Wasserbedarf vom Hiobsbrunnm beziehen, denn bei dieser anhaltenden Trockenheit würden die Cysternm bald geleert sein... Ein Faß Sauerkraut ist im Hotel zum„Toten Meer" angekommen; wenn sie davon noch etwas haben wollten, müßten sie sich beeilen... Von exegetischen Arbeiten rate er entschieden ab. Darüber habe man bereits alles gesagt, was zu sagen sei. Aber Aus- grabungen seien sehr ergiebig; er selbst habe erst kürzlich den Kinnbacken von Balaams Esel und ein Bruchstück des Deckels vom Grabe Goliaths entdeckt. Und während sich von Herrn Fischers Munde dieser Weisheitsstrom ergoß, vergaß er nicht, von seinen Fechsungen aus den verschiedenm Lagen einzuschenken. Und Amalie bot in verschiedenen Kuchensorten Proben ihres Honigs an. Elias bestellte jetzt ein Faßchen„Wein von Cana" und einen großen Krug„Johannes der Täufer-Honig". Nun kam Herrn Fischers ganze Jovialität zum Durch- bruch und er trank auf's Wohl des jungen Ehepaares. Ach ja! Auch er kannte die Litaneien vom himmlischen Bräutigam! Amalie hatte sie sogar bis zum dreißigsten Jahre gesungen. Da hatte sie eines schönen Tages, als die Sonne heiß hcrabschien, auf der Hagedornhecke des in der Nähe Straßburgs liegenden Diakonats Wäsche getrocknet. Eines von den Wäschestücken war ihr davongeflattert und ihm gerade auf die Schulter gefallen, als er mit nackten Beinen und in Hemd» armein an einem Flüßchen saß und angelte. „Das war der schönste Fischzug meines Lebens," ver- sickerte er lachend und an seinem leeren Glase schmatzend. „Haha! Und die kleine Schwester Cöcilie bat ihre Angel mich reckst geschickt ausgeworfen. Nun. brauchst nicht zu erröten. Kleine! Hast's im Gegenteil sehr brav gemacht; denn Du hast dabei eine Seele gerettet, und Sie. Herr Jainain, haben unsere schönste Diakonissin zur Frau bekommen. Und wer weiß. Ihr beide.... haha. Cäcilie. Na, denk' nur an mich, wenn Dil einen Paten brauchst..." Und wieder schüttelte sich der Pastor vor schallendem Lachet,. (Fortsetzung folgt.); (Nachdruck verboten.) psydnlcbe Hltcrstypcn. ES ist eine uralte Beobachtung, dah bei normaler Entwickelmig des Menschen parallel mit dem körperlichen Wachstum auch die geistige Reife zunimmt. Mit jeder Altersstufe verändert sich das Bild der menschlichen Psyche, lind je nachdem die medizinische und pädagogische Erfahrung zur Unterscheidiüig gewisser allgemeiner Altersstufen geführt hat. unterscheidet auch die Psychologie, je nach den Formen, die das Denken. Fühlen und Wollen auf diesen Alters- stufen annimmt, sogenannte psychische A l t e r S t y p e n. Es liegt nahe, dah die Berncksichligiiiig der RIterstypcn für die Er- ziehung des Kindes von gröhter Bedeutung ist. Die Einteilung der Menschen in junge und alte, unmündige und mündige entbehrt der wissenichottlichen BedetUung. auch die belaimte Dreiteilung: Rindheit, Jugend, Alter ist noch laienhaft. Erst in der ErteilnttiiS, dah das 6.— 7. Lebenöjabr als Zeitpunkt des Zahnwechsels und das 14. Lebensjahr als Beginn der Geschlechtc.reise richtige Wende- punkte in der Entwicklung des Mensche» bedeuten, zeigen sich Spuren wissenschaftlicher Beobachtungs- und Forschungsarbeit. Die Namen Colon und HippokrateS kennzeichnen diese Periode. Ber» hältnismähig spät erst kam nian dazu, sich über den Ansang der drillen Altersstufe zu einigen; im sechsten Jahrhundert nach Romö Erbauung setzte man das 2ö. Lebensjahr hierfür fest. Vier Alters- stufen: Kindheit, Jugend, ManneS- und Greisenalter besang Horaz ein Jahrhundert vor Christi Geburt. Bei den Germanen spielte seit alters die Siebenznhl eine Rolle. Wir kennen die Einteilung der Ritterlaufbahn in Stufen von je sieben Jahren, wir wissen, dah der Schulbesuch auf fieben, jetzt zum grohen Teil acht Jahre bemessen wurde. Als erst Pädagogen und Psychologen sich über die Wichtigkeit der Altersstufen klar zu werden anfiiigeu und demgemäh der Ent- Wickelung des Kindes' eine sorgfältigere Beobachtung widmeten, kamen bald verschiedene Methoden auf,' nach denen die Altersstufen bemessen wurden. AmoS ComeniuS(1591—1670) luitcrschicd von der Geburt an sechs iährige Perioden: Mntterschoh, Muster« sprechschnle, Lateinschule, Alademie. Der Physiologe Bürbach (1770— 1847) legte den Stufen als Einheit die Dauer des FruchtlebenS von 40 Wochen zu Grunde; zu gleicher Zeit wandte der Theologe Schwarz(1706—1837) der Frage der Allerstypen grohe Ausmert- sanlkeit zu: sein„System der Erziehung" ist nichts anderes als eine Entwickelimgsgeschichle des Menschen, wobei die Altersstufen in ihren physischen wie psychischen Typen die einzelnen Abschnitte be- stimmen. Auch der Theologe Denzel(1773— 1838) stellte in seiner Weise„Hanpiperioden der geisbgeu Entwickclimg" fest. Jean Paul(1763— 1835) fördert in seinem ErziehnngSwerle.Levana" reiches Material zur Theorie der Alterstypen zu Tage, ebenso Fröbel, der Begründer der Kindergärten(1782— 1852), in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts'. Zu derselben Zeit machte die pädagogische Schriftstellerin Albertinr de Necker-Sanssure in einem Werke den Versuch, die ganze Erziehungsarbeit am Kinde nach den einzelnen Stufen von dessen seelischer Entwickelung an- zuordnen, und Herbert<1776— 1841) unterschied in seinem Buche „Umrih pädagogischer Vorlesungen" vier Allersstusen: die ersten drei Lebensjahre, das vierte bis achte Lebensjahr, daS Knaben- und daS Jünglingsalier Andere Pädagogen zerlegten die achtjährige Schul- zeit in weitere Stufen von zwei, vier und wieder zwei Jahren. So schätzbar diese und ähnliche Gaben alle sind, bemerkt hierzu Hartinonn in Reiiis Encyklopädie, einen Mangel zeigen sie schliehlich olle: sie übergeben da§ eigentlich Werttwlle, nämlich das Beobachtungsversahren und das Beobachlungsmaterial. mit Still- schiveigen. Man weih also nicht, worauf sich die allgemeinen Be- hauplnngen und Sätze stützen. Die Basis wurde erst zuverlässiger, als eL der Psychologie ge- hingen war, zu einer tieferen Kenmiiis der Funktionen des Kinder- gehirns und einem genaueren Einblicke in die Entwickelung des jugendlichen Seelenlebens zu gelangen. Schon 1787 hatte der Marburger Professor Tiedemann auf Grund der Beobachtungen seines 1781 geborenen Sohne« genaue Aufzeichnungen über„Die Entwickelung der Seelenfähigkeit bei Kindern" gemacht, doch fanden diese erst 75 Jahre später in Deutsch- land Beachtung, als sie in sranzösischer llebrrietzung zun, zweiten- mal erschienen. Inzwischen hatte Charles Darwin sorgfältige Beobachtungen über die Entwickelung seine-? Sohnes gcsoinmelt, doch bevor die Publikation erschien(1877), tauchte aus dem Büchermarkte eine Scbrist von Söbtfch:.EntwickelmtgSgeschichte der Seele des KindeS" auf. die jedoch wenig beachtet ivierde, bis 1856 daS Schrülchen„Kind und Welt' aus der Feder de« Rndolftädter Arztes Bertbold Sigismund erschien, das von bahnbrechender Bedeutung war. Auch diele Schrift geht auf Beobachtungen zurück, die der Aersaiier an seinem Sötinche» gemacht hatte. Als er aber, wie er im Vorwort berichtet, seine Aufzeichnungen mit den an anderen Kindern gemachten Beobachtungen verglich, bemerkte er so wejent- liche Abweichungen und Berichiedenbeiten, dah er sich entschloh, Beobachtungsbogen an eine Anzahl Mütter abzugeben und die so ge- womienen Reiultate mit den seinen zu verarbeiten, um aus diesem Wege zu allgemein gültigen Gesetzen der menschlichen Entwickelung zu gelangen. Aehnlich ging Kurtmann vor, der in seinem .Tagebuch der Erziehung" Formulare zum Eintragen von Be- achtungSergebnissen vcrvssentlichlc, worin er beionderS die ersten sechs Lebensjahre berücksichiigte: die SäiiglingS-, die RaivitätS- und die Naseweisbeitssmse. Später erschienen noch Kuhmouls .Untersuchunge» über das Seelenleben des neugeborenen ikindeS" und in Franlreich P e r e z' bedeutendes Werk.Die Psychologie des KindeS"(1878), bis 1882 Professor P r e y e r mit seinem epoche- machenden Bücke„Die Seele des KindeS" alle bisher auf dem Gebiete der Kiiiderpiychologie geleisteten Arbeiten in den Schatten stell le. Ausgehend von Beobachtungen und Eyperiinenten, die sich auf die Entwickelung seines Sohnes bezöge», bildete er die biographische Metbode in mustergültiger Weise aus, um sodann zur vergleichenden Meihode überzugehen. Sein Werk wnrde grundlegend für alle weitere» Arbeiten auf dem Gebiete der Kinderdeobachning und Kmderforschmig, besonders auch im Auslände, wo Compayiö in Franlreich, Sully in England und Stanley Hall in Nordainerita auf dem vorhandenen Maierial weilerbouten, out neuen Wegen zu neuen Ergebnisicn gelangten und die Wistenschast über das Seelen- leben der Kinder zu einer beachtenswerten Höhe der Entwickelung führten. Damit war auch in großer Menge Material gewonnen, um in der Frage der psychischen Altersttipen klarer sehen und sicherer scheiden zu können. Man wurde sich einig darüber, dah die Zeit vor Beginn der Schulpflicht in zwei dreijährige Ent- ivickeluiigSstnsen zerfällt, während die eigentliche Schulzeit sich in v>er Stufen gliedert, deren erste und zweite in der Regel zwei Lebensjahre unifasien; die letzten beiden find von unbestimmter Dauer. In den ersten drei Lebensjahren, die sich als erste EntlvickeluugS- stufe charakterisieren, steht das Kind fast völlig unter der Herrschaft der Sinne. Mit der Aeuherung des SelbstbewutztjcinS beim Kinde tritt es in die zweite EiilwickelungSperiode ein.„Das normale Kind ist jetzt etwa drei Jahre alt. Es verhält sich nun nicht mehr bloß ausnehmend, sondern auch reproduzierend. Es fängt an zu ver- gleichen, zu unterscheiden, nachzuahinen und zu kombinieren, Bor- stellungSgruppen und-reihen zu bilden. Die Eiubildungskrast regt sich, das Denken beginnt. AuS dein Anschau, mgskreiS heraus gestaltet sich der Gedankenkreis. Das»lind spielt jetzt viel sinniger und selbständiger alS zuvor, weiß sich zu unterhalten, auch wenn es allein ist. ist wißbegierig, hat hundert Einfälle. Es fragt viel und hört gern Geschichlen erzählen, am liebsten solche, die seiner Einbildungs- krast freien Spielraum gestatten. Auch wird es vorsichtig, auf- merksam und empfänglich für Lob und Tadel. Das Ehrgefühl erwacht, das sittliche Urteil meldet fich. Der Verkehr mit«liers- genossen wird ihm immer lieber, und da es gleichzeitig Gefallen an allerlei Beschäftigung findet, so sagt ihm der Aufenthalt in einem Kindergarten reibt wohl zu." Diese Entwickelungsstufe. die sich bis zun, Ende des sechsten Lebensjahres hinzieht, ist fiir die psychische Entfaltung und Reife des Kindes von allergrößter Wichtigkeit. Hier gilt es. den Anschauiingskreis zu bilden, den der Lehrer beim Eintritt des Kindes in die Schule als vorhanden voraussetzen muß. Denn das Kind soll unterrichtsfähig sein, d. h. es soll über einen gewissen Grad intellektueller Reise verfügen, der es befäbigt, dem Unterricht zu folgen und den dargebotenen Lehistoff geistig zu verarbeiten. Dazu bedarf es einer Menge richtiger Vorstellungen und Begnise, die dem neu hinzukommenden Wissensstoffe als Anknüpfungspunkte dienen können. Je größer der Borstellungsschatz>>n vorschul- Pflichtigen Alter ist und je klarer und sicherer die einzelnen Bor- stellungen ausgeprägt sind, desto leichter wird daS Rind in der Schule begreifen und lernen, desto rascher wird sich sein Borstellungs- und Gedankenkreis erweitern. Erfahrungsgemäß sind die meisten unserer Kinder, wenn sie zur Schule kommen, sehr arm an brauch- baren Vorstellungen, daher die Forderung, durch rege Spieltätigkeit, viel Bewegung in der freien Natur, Berkehr mit Kindern und— wenn irgend möglich— durch den Besuch eines gut geleiteten Kindergartens den Kindern auf bequeme und angenehme Weise zu einer größeren Summe brauchbarer Borstellungen zu verHelsen. Etwa vom siebenten Lebensjahre an bis zur Beendigung des achten steht daS Kind auf der dritten Stufe der Entwickelung. die im Grunde nur eine Uebergangsstufe ist und sich im übrigen kals Stufe der freien Einbildungskraft und deS kindlichen Vertrauens rnnzeichnet. Ungleich wichtiger ist die vierte Stnfe, auf der das mecha- nische GedächNiiS sich entwickelt..Die Fähigkeit, erworbene Bor- stellungen in ihrer ursprünglichen Gleichzeitigkeit und Aufeinander- folge wieder ins Bewußtsein zurückzurufen, eine Fähigkeit, die für die gesamte weitere geistige Entwickelung deS Menschen von höchster Bedeutung ist, erreicht schließlich«inen so hohen Grad der Stärke, daß man wohl sagen darf, daS Kind steht jetzt hinsichtlich seiner geistigen Entwickelung unter der Herrschaft des mechanischen Ge- dächtnisseS." i Hartmann). Der Knabe macht sich auf dieser Stufe durch große Beiveglichkeit und Wildheit. Streitsucht. Rechthaberei und Neckerei bemerldar; das Mädchen fällt durch sein verärgertes, zank- süchtiges und schmollendes Wesen auf. Der Erzieher muß sehr auf der Hut sein, um nicht durch Inkonsequenzen oder Schwächen, die von de» Kindern sofort entdeckt und gründlich ausgebeutet werden, seine Autorität und damit seinen Einfluß gänzlich zu verlieren Die fünfte Altersstufe ist die des.aufstrebenden Verstandes und eines durch zunehmende sittliche Einsicht beeinflußten Verhaltens", der sich als s e ch st e die Stufe des.vorherrschenden Verstandes und eines durch sittliche Ideen bestimmten Handelns" anschließt. Das ist die Zeil, in der die Kinder— wie man sagt— verständiger werden die Bildung psychischer Begriffe macht rasche Fortschntle und die Herrschaft des Verstandes tritt immer entschiedener hervor. Zugleich festigt sich der Wille, die Energie gewinnt an Stärke, es bilden sich sittliche Maßstäbe und Grundsätze, die ganze Entwickelung wird in diesem Stadium beherrscht von einem erhöhten Streben nach Voll- kommenheit. Bemerkenswert ist noch, daß mit den Lebensaltern auch die Temperairnv.te des Menschen zu wechseln pflegen. Lotze hat in seinem.Mikrokosmus" dem Kindesalter das sanguinische, dem Jünglingsalter das sentimentale, der Mannheit das cholerische und dem Alter das phlegmatische Temperainent als natürliche Stiminung zugeteilt. In der bürgerlichen Wiffenschast über die psychischen Alter?- stufen findet sich eine Feststellung nicht, obgleich sie ganz allgemein beiamU ist. nämlich die, daß die piychische Entwickelung des Kindes in vielen Stücken»n demselben Maße beeinträchtigt wird, in dem die körperliche unter der Ungunst der sozialen Ver- h ä l t n i s s e zu leiden hat. Diese Konstatierung interessiert uns in ganz besonderem Grade. Vereinzell liegt schon wissenschaftliches Material vor. das in dieser Hinsicht Stützt' nkte bieten könnte. An eine systematische Erforschung der Zusammenhmige zwischen physischer und psychischer Entwickelung unter veränderten sozialen Bedingungen ist die bürgerliche Kindespsychologie noch nicht herangetreten. Das proletarische Kind wartet seines Mographen noch.— 0. R. Kleines feuilleton. — Das Gespenst in der Kohlenkiste. Vor einigen Tagen brachte da» Dienstmädchen M. beim Zivilrichter des Bezirksgerichts Leopold- stadt iWien) eine Lohnklage vor. Sie verlangte von ihrer ehemaligen Dienftgeverin, der Gattin des Dr. Anton K.', 50 Kronen Ersatz, weil sie.ihre vierzehn Tag' nicht machen konnte", sondern am Schluß einer für jeden Unbeteiligten sehr drolligen häuslichen Szene stehenden Fußes entlassen worden sein soll. Die Klägerin, ein hübsches, munteres.Stubeukätzchen". erzählt dariiber laut der.Wiener Zeit" folgendes:.Die G'schichte war nämlich so: Die gnä' Frau hat glaubt, i und der gnä' Herr... es is zu komisch... halten ein... wie sagt man denn... no. ein Techtekmechlek. Sie muß wohl'glaubt hab'n, daß der gnä' Herr, wnuu sie z'Mittag ihr Schlaserl macht, zu mir in die Kachel auf Besuch kommt, und da wollt' sie sich... es is unglaublich, wie s' mich für so schlecht anschau'n hat kiuiia... da wollt' sie sich überzeugen, ob's wirklich wahr is. Also kommt sie nachmittags, wie ich abräum' nach'm Essen, in die Küchel, geht»et schlaf'» und schlupft in uiisere große, leere Kohlen- listen eiiii. Ich Hab' natürli ka Ahnung von dem Manöver, kunrm in die Kachel z'ruck, Waich G'schirr, renn umanand. Der Herr kommt natürli net.... I arbeit' alio. und... na. es is einfach zuni Totlach'n... nebin die Rest'ln vom Essen, hcb'n'n Deckel a bißt auf und schmeiß's eint. Gleich drauf kehr' i auS und pulver' natürlich a Mafia Mist eini. Zum Schluß— i Hab' grad den Of'n putzt— schmeiß i a große Schaufeln Aschen 'nein. Im selben Moment— i mach an Schrei, springt der Deckel von der Rohlenkiil'n auf, und die gnä' Frau steigt wia a Geist, voll Aich'», Mist und Mitlageffe» aus der Kisten'raus. Jcssas Maran Joses, schrei i z'erst, ober glei' draus is mir a Licht aufg'angen. Jetzt kumiitt naiürli der Spektakel. Der gnä' Herr und die gnä' Frau... no es is net zum sag'n und zum Schluß, wer hat d' Schuld: Das arme SNibenmadl." Das Beweisverfahren des Pro» zesies ergab, daß die gellagre Frau dem Dienstmädchen nur ge» kündigt habe, daß die Klägerin jedoch aus freien Stücken den Dienst sofort Verlaffen halte. Darum mußte die Klage abgewiesen werden.— en. Der»«> entdeckte Tempel der Gesundheit auf der Insel Kos. DaS berühmteste Bauwerk im Dienst der Heilkunde des klassischen Altertums ist durch emsige Altertumssorfchungen in den letzten Jahren wieder ans Licht gezogen worden. In der Blütezeit des Griechentums, im fünften Jahrhundert vor Christi, gab es zwei große Aerztefchulen, die von Knidos und die von Kos. Die letztere hatte den größeren Ruf und wurde auf Hippokvates selbst zurück« geführt, dem die Zeitgenossen und Nachkomuren einen mehr als menschlichen Geist zuschrieben und eine ha Ibgöt tische Verehrung wid» meten. Er verdiente diese Auszeichnung, weil er als erster die Kunst der Medizin auf daS Studium der Natur begründete. Auf ihn soll auch die Anlage des dem Asklepios aus der Insel Kos er- richteten Tempels zurückgehen, der von der Heilkunde als eine be- sondere Reliquie{jeschätzi werden mutz. Die Untersuchungen und Ausgrabungen an der Stelle des großartigen Heiligrums wurden vor drei Jahren durch einen deutschen Gelehrten, Profeffor Rudolf Herzog aus Tübingen, energisch ausgenommen und haben auch die Teilnahme anderer Nationen hervorgerufen. Jetzt hat ein an diesen Forschungen lebhaft beteiligter englischer Gelehrter, Dr. Richard Eaton, einen sesselnden Bortrag über den Tempel ge-' halten. Der Tempel der Gesundheit oder das ASklepieion lag am Fuß einer Bergkette in etwa drei Kilometer Entfernung von der Sndküste der Jn'el. Die Zerstörung des ungewöhnlich mächtigen Kompleres von Bauten ist geineinsam durch Erdbeben, durch die Vegetation und durch die Uebeltaten von Kalkbrcnnern geschehen, außerdem hat man die Trümmer als Steinbruch benutzt und daraus mehrere Kirchen und Moscheen gebaut. Die Vernichtung des Tempels durch das Zusaunnenwirken dieser Umstände ist eine so vollständige gewesen, daß bis vor drei Jahren niemand ahnte, daß der Platz Panagia niit den umliegenden Garten die Stätte der alt- berühmten Asklepieion gewesen wäre. Die bisher ausgegrabenen Baulichkeiten dehnen sich über eine Fläche von 180 Metern von Nord nach Süd und 120 Metern von Ost nach West aus. Die Um- gebung wirkt mit dem Blick auf das Meer, die herrliche Ebene an der Küste, auf die schöngesormtcn und bewachsenen Berge außer- ordentlich reizvoll. Die Forschungen sind jetzt weit genug gediehen, um einen Schluß aus die Beschaffenheit der großen Anlage zu ge- statten: Colon hat bereits ein Bild davon entworfen, wie der Tempel mit den anliegenden Baulichkeiten ausgesehen haben mag. Durch dorische Propyläen gelangte man in eine dreiseitige Stoa oder SäulcnlMe, die mit einer größeren Zahl von unregelmäßigen Gebäuden in Verbindung stand. In den Propyläen find Reste von großen Becken und einer dahin führenden Wasserleitung gesunden worden, woraus zu schließen ist, daß dort zuerst gewisse Waschungen vorgenommen werden mußten, ehe die Besucher das eigentliche Heiligtum betraten. Die an dem linken Flügel der großen Halle gelegenen Gebäude enthielten eine ausgedehnte Reihe von Bädern, wo die von Hippokrates empfohlenen heißen und kalten Touchen, die Abreibungen mit Wasser von verschiedener Temperatur, die� An» Wendung des Smogma. einer Art von heißer, halb flüssiger Seife, usw. verabfolgt wurden. Hippokrates war en großer Waffcrdoktor, und auf der Insel Kos wurden sicher Hunderte solcher Patienten der Wafferbe Handlung unterzogen. Tie übrigen Gebäude an der Halle die: vermutlich als Wartesäle, als Konsultations- und Ope» rat ioa». räume, als Aufbswahrungsplätze sin ärztlich: Jnstrumeute und zu ähnlichen Zwecken. Jedenfalls hat sich auch eine Apotheke und Bibliotlfek dort befunden Ter von der stoa cingeschloffeue Hof diente sicher zur Ausführung der gymnastischen Ilcbungen, auf die Hippolratct-'«chfall--. ein großes Gewicht legte. Die vierte Softe des Vierecks'urdr- durch den eigentlichen Tempel gcfchloffen, der dem großen Altar von Pergammc ähnlich gewesen sein muß und namentlich der Verehrung der heiligen Schlangen diente, die als Inkarnation des Gottes der Heilkunde angebetet wurden.— kh. Künstliche Glieder. Die wunderbaren Leistungen der Chirurgie und des künstlichen Gliederersatzes erscheinen uns ge- wöhn.'ich als eine Errungenschaft der neuesten Zeit, und doch er- weist c? sich auch auf diesem Gebiete bei genauerem Zusehen wieder, daß. lles schon dagewesen" ist. Aus dem Altertum hat man eine Reihe von Daten gesammelt, die uns zeigen, daß es schon damals künstliche Gliedmaßen der verschiedensten Art und von feinster Durchbildung gegeben hat. Selbst bei den alten Indern waren Ohren, Nasen und Lippen aus Gips bereits etwas ganz Gewöhn- liches, was zum Teil daraus zu erklären ist, daß das Abschneiden dieser Körperteile bei ihnen eine häufig angewandte Strafe war. Griechische und römische Veteranen, die im Kriege einen Arm oder ein Bein verloren hatten, suchten diesen Mangel durch künstliche Gliedmaßen abzuhelfen. Im Museum des„Royal College of Surgcons" in England befindet sich ein künstliches Bein, das man für das älteste seiner Art hält. Es wurde in einem Graben in Kavua gefunden und wird im Katalog folgendermaßen beschrieben: „Römisches künstliches Bein, das künstliche Glied stellt genau die Form des Beines dar; es ist aus Stücken dünner Bronze her- gestellt, die mit Bronzenägeln an einem hölzernen Kern befestigt sind. Zwei Eisenstangen, die an ihren freien Enden Löcher haben, sind an dem oberen äußersten Ende der Bronze befestigt; ein vier- seitiges Eisenstück scheint zur Verstärkung gedient zu haben. Von dem Fuß findet sich kein« Spur, und der hölzerne Kern ist fast zer- fallen. Um das Skelett lag ein Gürtel aus plattierter Bronze mit kleinen Nieten am Rande, die wahrscheinlich zur Befestigung einer Lederausfütterung dienten. Am Fuße des Skeletts lagen drei be- malte Vasen, rot« Figuren auf schwarzem Grunde. Die Vasen gehören einer ziemlich vorgeschrittenen Periode der Vcrfallzeit der Kunst an(etwa um das Jahr 300 v. Chr.)." Die früheste bekannte Darstellung eines künstlichen Gliedes findet sich auf einer griechisch- römischen Vase im Louvre, die einen Satyr mit einem hölzernen Bein zeigt. Auf einem griechisch-römischen Mosaik ist ein Sports- mann mit einem hölzernen Bein dargestellt. Man glaubt, daß diese beiden Bilder der vorchristlichen Zeit angehören. Plinius spricht von einem römischen Krieger, der anderthalb Jahrhunderte vor Christi Geburt eine hölzerne Hand trug, mit der er das Schwert handhaben konnte. Auch im Mittelalter mußten künstliche Glieder die im Kriege erhaltenen Verstümmelungen wieder gut machen. Die c.k txt Hand des Götz von Berlichingen war ein sinnreicher Mechm::uus, der im Jahre 1504 für den Ritter angefertigt wurde. Ein �.uehundert später trug der Herzog von Braunschweig eine künstliche Hand. Der französische Chirurg Ambroise Pars ersann künstliche Glieder mit beweglichen Gelenken, die geschickte Mechaniker für ihn anfertigten, unter denen der Schlosser Lorraine der be- rühmteste war. Pare widmet den Mitteln, wie man einen natür- lieben oder zufälligen Defekt am menschliche» Körper verbessert oder ersetzt, ein besonderes Kapitel. Er beschreibt künstliche Augen und Nasen, eine künstliche Zunge oder einen künstlichen Gaumen. Später verfertigte der Pater Sebastian, ein Karmclitermönch, be- weglichc Arme und Hände. Im Anfang des 17. Jahrhunderts gibt Peter Lowe in seinen„Diskursen über die gesamte Kunst der Chiri lie" Darstellungen von fiiiistlidwn Beinen. Etwa um die Mitte desselben Jahrhunderts erwähnt der Florentiner Chirurg Falcinelli die Verwendung künstlicher Augen ans Silber, Gold und Kristall, die in verschiedenen Farben bemalt sind; er beschreibt auch künstlic.« Lyren aus denselben Metallen, die am Kopf mit Schnüren befestigt sird oder mit Gold- oder Silberdrnht an die Haut angenäht sind. Sill'erne Nasen sollen schon in früherer Zeit im Gebrauch gewesener in.— t. Klingende Steine. Man braucht nicht weit zu suchen, um Steine zu finden, die einen wirklich musikalischen Klang besitzen. In der norddeutschen Tiefebene sind Feuersteine sehr verbreitet, die ohne Zweifel von den Gletschern der Eiszeit aus dem Gebiet der Kreide, das früher an der Ostsee?ine weit größere Verbreitung ge- habt hat als heute, hergeschafft worden sind. Diese Feuersteine haben wegen ihrer Härte und Dickte sehr oft die erwähnte Eigen- schuft. Es hat einmal einen„Künstler" gegeben, der sich ein Instrument hergestellt hatte, das er selbst Lithophon nannte. ES be- stand aus üncr Reihe von Feuersteinen, die in bestimmter Folge ausgehängt toarcn und so eine Tonleiter ergaben. Eine Gestein- art, die sich auch in einigen Gegenden Teutschlands vorfindet, aber vulkanischer Entstehung ist, hat vom Volk geradezu den Namen .Klingstein erhalten, und diese Bezeichnung ist von der Wissenschaft Übernommen worden, die dasselbe Gestein mit dem Namen Phonolith belegt hat. Auch wenn mau ein frische» Stück von Basalt nimmt, der noch eine viel größere B«rbreitung besitzt als der eigentliche .Klingstcin, und mit einem Hammer daranschlägt, wird man einen Klang von ganz bestimmter Tonhöhe beobachten. In Ostasien findet man häufig klingende Steine, die von den Völkern als Merkwürdig- keit in den Tempeln aufbewahrt und mit einem besonderen Aber- glauben verehrt werden. Auch die Kalkbauten der Korallen liefern mitunter klingende Steine, die dann zuweilen vielleicht noch durch die Naturkräfte selbst in hörbare Schwingungen versetzt werden. Eine solche Naturorgcl, wie man die Erscheinung nennen könnte,. ist an der Küste von Britisch-Ostafrika beobachtet worden, wo die Korallcntiere außerordentlich harte rnd sonderbar geformte Riffe am Gestade errichtet haben. Nicht selten sieht man dort Pfeiler aus Korallenkalk mit einem Querast nach Art eines umgekehrten O. Wenn dieser wagercchte Arm von einem starken Wellensturz oder vielleicht gar noch von einem durch das Wasser herangespültea harten Körper getroffen wird, so gibt er einen weithin hörbaren, sehr hellen musikalischen Ton von sich.— Medizinisches. lir. Zahnverderbnis und Speichelbeschaffenheit. lieber die schon längst behaupteten Beziehungen zwischen dem Kalkgehalt des Trinkwassers und der Zahncaries hat Dr. Karl Röse in Dresden eingehende Untersuchungen angestellt. Von jedem menschlichen Wohnsitze, auf welche sich die Statistik bezog, wurde der Durchschnittsgchalt des Trinkwassers festgestellt. Die Tabellen Dr. Röses ergeben denn auch bis zu einem gewissen Grade Be- Ziehungen zwischen Kalkgehalt des Trinkwassers oder vielmehr Armut desselben mit der Zahuvcrderbnis. Wie nun aber der mangelnde Kalk die Zähne beeinflußt, darüber haben die Unter- suchungen Röses neues Licht verbreitet. Man hat bisher ange- nommen, daß das kalkarme Trinkwasser insofern die Zahn- entwickelung nachteilig beeinflußt, als zu wenig Kalk zum Aufbau der Zähne vorhanden ist. Nun hat aber Dr. Röse nachgewiesen, daß es der Speichel ist, welcher die Zahnverderbnis herbeiführt. Der normale menschliche Speichel ist stets alkalisch und dieser schützt vor Zahnfänlnis, Aufnahme kalkhaltigen Wassers steigert die Alkaleszenz des Speichels, daher ist die Zahnfäulnis selten in Gegenden mit kalkreichem Wasser, häufig in solchen mit kalk- armem.— Humoristisches. — Abrechnung. Wirtin:„Zwei Groschen kostet die Suppe!" G a st:„DaS ist billig. Da kommt auf die Fliege noch nicht ein halber Pfennig."— — Fünfzehn Minute n.„Ich lasse mir nämlich nie was gefallen, ooch von keeucn Beamten. Komme ich da neulich auf stier kleinen Station auf der KönigSbcrger Linie und ivill in sti Zug. Kein Schalter offen, kein Stationsvorsteher vorhanden. Endlich kommt er jauz pommadig an. Ich auf ihn zu:„Herr Stalions- Vorsteher," sag' ich,„was ist das vor eine Bummelei! Ich warte hier schon eine Viertelstunde, und da fährt der Zug schon ein!"— „Ich verbitt' mir die Redensarten l"— sagt er;„Sie haben sich gar nichts zu verbitten!" donnere ich los,„Sic haben Ihr Reglement zu kennen! In Ihrem Reglement steht, daß Sie fünfzehn M i n u t e n v o r A b g a n g d e s Z u g e s da zu sein haben, ver- steh'n Sie? Und ich werde mich beim Eisenbahnminister über Sie beschweren l"— Dem hatt' ich's aber ordentlich gegeben I— Und wissen Sie. was der dadrauf gesagt hat? Gar nichls hat er ge- sagt,— bloß den Zug hat er f ü n f z e h n M i n n t e n a u f d e r Station halten lassen, und nu war er im Recht mit seinem Reglement, und ich Hab' in Königsberg de» Anschluß ver- p a tz t I"—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Das Lessingtheater hat die Erstaufführung des Schwankes„Kater Lampe" von Emil R o s e n o w für Sonn- abend, den 24. März, angesetzt.— — Das Kleine Theater soll im Laufe des Soinmers umgebaut werden.— — StrindvergS Bolksstück„Die Hermsöer" hatte bei ber deutsche» Uraufführung im A l t o n a e r Stadttheater Erfolg.— — G u st a v M a h l e r s neueste(sechste) Sinfonie für großes Orchester gelangt bei der diesjährigen Tonkünstler-Versammlung des Allgemeinen dentscheu Rtusikvereins in Essen zur Erstaufführung.— — B izets Jugendoper„Don Procopio" errang bei der Uranffühning in Monte Carlo einen starken Erfolg.— — Bei der in der Navigationsschule zu Kopenhagen ab- gehaltenen Schifferprüfung wurde zum erstenmal eine Dame zur Ablegung der Prüfung als Setzschiffer(für kleine Fahrt) zu- gelassen. Fräulein Anna Thiele ans Svendborg bestand sehr gut.— — Für die Errichtung eine? Gebäudes für das Deutsche Muse ii m in M ii n ch e n ist ein Preisausschreiben erlassen, das für die besten Entwürfe drei Preise von 15 000 M.. 10 000 M. und 5000 M. vorsteht. Die näheren Äedinguna'" sind vom Bureau des Deutschen Museums in München(Maxr straße 26) zu beziehen.— — Englische Schiffnhrtkreisc haben sich während der letzten Jahre wiederholt mit der Behanptiing beschäftigt, daß der Golf» st r o m s e i n e n L a n f geändert habe, eine Ansicht, die von den Gelehrten bekämpft worden ist. Jetzt wird nun berichtet, daß der Dampfer„Canipania" der Cunard-Linie, der von Neu Jork kommend, dieser Tage abends in OueeuStown ankam, unterwegs von dem englischen Dampstr„Astoria" erfahren habe, daß eine un- gewöbnliche Strömuiig, die sich auf ungefähr 120 Seemeilen ausdehnte, zwischen dem 47. und 49. Breitengrade bemerkt wurde. Die Strömung ging mit einer Geschwindigkeit von anderthalb Meilen in der Stunde in n o r d ö st l i ch e r lltichtuug. Die Wasser- wärnic war 9 Grad Celsius. Das würde bedeuten, daß der Golf- ström diesmal viel weiter nach Norden geht als sonst in dieser Jahreszeit. Auch der Kapitän der„Campania" stellte Mesiimgen an, die ungefähr mit denen deS englischen Dampfers übereinstimmten.— Verautwortl. Redakteur: Hans Weber» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.VcrlagSanstalt Paul Singer ö-Co..Berlin 31V.