Anterhaltungsblatt des Dorwürts Nr. 60. Dienstag, den 20 März. 1906 (Nachdruck verboten.) Die Eroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 16] Autorisierte Uebersetzuna aus dem Französischen von Alfred Deuter Mit zärtlichem Lächeln antwortete Kitty: „Ja, ich ängstige mich um ihn, und wenn ich ihn heil und gesund zurückkommen höre, klopft mein Herz vor Freude so stark, daß ich ihm nicht entgegenzulaufen vermag." Und trotz des etwas lächerlichen Zinksonnenschirms und der ausgepolsterten Socken dachte Elias traurig: „Wie sehr müssen sie einander lieben, und wie glücklich muß er sich in seinem Glauben fühlen. Ach, hätte ich seine Ausdauer gehabt!" Als sie von den Goldmanns fortgingen, sagte Cäcilie: „Sie brennt sich die Haare und trägt durchbrochene Strümpfe." „Würdest Du es nicht auch tun, wenn ich Dich darum bäte?" „Hoffentlich wirst Du mich niemals darum bitten l" „Warum nicht? Habe ich Dich nicht schon um ganz andere Sachen gebeten, und hast Du meine Wünsche im Libanon nicht erfüllt?" fragte er, ihren Arm zärtlich drückend. „Ach, sprich nicht davon, Elias," erwiderte sie ganz leise. „Damals waren wir im Irrtum befangen und dann, siehst Du, war es auch auf unserer Hochzeitsreise." „Und nun?" „Nun sind wir gesetzte Leute." „Dann hätten gesetzte Leute also kein Recht, sich zu lieben, Cäcilie? Und Dir könnte eine Hochzeitsreise nicht das ganze Leben hindurch dauern?" Durch das Damaskustor, das düsterste aller Tore, das zum niuselmanischen Viertel führt, kehrten sie heim. Soldaten in schäbiger Uniform exerzierten mit mürri- schem Gesicht. Heulende Derwische mit baumelnden Stricken schtvenkten ihre Lanzen, und vor dem Gitter einer zerfallenen Koubba befestigten dicht vermummte türkische Frauen statt der Votivtafeln Stosflappen, die mit dem Blute eines schwarzen Hahnes gefärbt waren. Schon sank der Abend hernieder, als sie in die engen Gäßchen einbogen, die von düsteren Arkadenbögen überwölbt waren. Nachtvögel Prallten wie Gummibälle von den Mauern zurück, und Hunde schnüffelten in den Abfallhaufen herum, die man nach alter Gewohnheit auf der Straße unlher- liegen ließ. Alles sah tot aus, herzzerreißend wüst und öde, wie nach einer Plünderung, wie nach der Pest' und dennoch ahnte man, daß hinter den verschlossenen Türen Leben pulsierte, daß von der Höhe der Moiicharabis der Haß herabspähte, daß der' Fanatismus im Hintergrunde dieser Kranibuden wachte, wo blasse, regungslose Händler unter einen: von Fliegen ge- schaukelten Strick hockten wie Gehenkte unter ihrem Galgen. Aber beim Vorbeigehen des Jamainschen Paares belebten sich alle diese Marionetten: ihre Augen fingen an vor Wut zu rollen, ihre Finger krampften sich um die Bernsteinrosen- kränze und ihre bläulichen Lippen spien verächtlich aus. Elias sagte zu Cäcilie: „Wie sonderbar, daß in dieser Stadt, wo alles in Asche liegt, jeder einen Vulkan in seinem Herzen trägt." Jetzt bewegten sie sich fast mir tastend vorwärts. Von Zeit zu Zeit streifte sie ein Schatten, der— man wußte nicht wo— aus der Erde wuchs, und— man wußte nicht wie wieder verschwand. Die Gewölbe wurden niedriger, die Schatten geheimnisvoller. Aus den in Dämmerung getauchten Löchern vernahm man das hohle Glucksen der Narailehs*), hie und da sah man Waffen oder den Schmelz blendend weißer Zähne aufblitzen. Drohende und beschimpfende Worte schwirrten um sie herum. In dumpfem Angstgefühl drückte Cäcilie sich dicht an Elias, den hierbei ein jäher Wonneschauer überrieselte. '), Wasserpfeifen. „Ja, Liebling, stütze Dich fest auf mich, laß Dich führen. Nun gefällt mir diese Finsternis, Deiner Aengstlichksit wegen." Und ihre Hüfte umschlingend, küßte er ihr duftiges Haar. Plötzlich gellte an der Kreuzung der Via dolorosa eine schauerliche Stimme: „Zurück, zurück. Du Geschlecht von Hofsärtigen und Be- trügern! Mit Jubelgeschrei kommt Ihr her, im Schmerz werdet Ihr Euch abwenden! Wehe Euch, Ihr Toren! Jeru» salem ist wie Moloch, es nährt sich von Blut und Tränen!"!" Und in den Weg trat ihnen der„letzte Provbet von Jeru» salem", mit einer Dornenkrone auf dem Kopfe und einem Kreuze auf dem Rücken. Seine gelblichen Augen rollten unter den buschigen Augenbrauen wie phosphoreszierende Leucht- kugeln, seine mächtigen Fäuste drohten, und seine Lippen schleuderten Flüche und Verwünschungen. Elias schob den Narren zur Seite und schleppte die halb ohnmächtige Cäcilie nach dem Christenviertel unter freien Himmel. Vor der Basilika der Grabeskirche blieben sie einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen. Rund umher er- hoben sich die Umfassungsmauern des Vorhofes wie die Mauern eines Gefängnisses. Aus den offenstehenden Fenster- flügeln der Kirche drangen wie aus der Tür eines Backofens dichte Dampfwolken hervor. Von oben senkte sich die Nacht herab, von unten stieg die Verzweiflung empor, denn auf dem, um diese Zeit von den Händlern verlassenen Vorhofe wimmelte es von menschlichen Gebilden, die weinend und wehklagend auf den Knien rutschten. Cäcilie hatte seinen Arm losgelassen.ruhig und kühl stieg sie die vierzig Stufen empor, welche den Golaathahügel mit dem höheren Teil des Christenviertels verbinden. Nun aber ging ibre Unruhe auf Elias über. Eine Angst bemächtigte sich seiner plötzlich, unwiderstehlich, eine Angst vor dieser Stadt mit ihren Mauern, ihren Gassen und deren Finsternisien, ihren Kirchen und deren Leiden, ihren Be- wohnern und deren Fanatismus. Und er sagte sich: Der Prophet hat Recht: sie muß sich wohl vom Besten unseres Herzens nähren. 6. In seiner alten sarazenischen Behausung geriet Elias' Glaube von neuem ins Wanken, und bekümmert fragte er sich: Habe ich nur geglaubt, weil ich glücklich war, oder war ich nur glücklich, weil ich liebte? Weil er liebte? Nun, er liebte doch noch immer. Gewiß! Aber, was er hauptsächlich liebte, war die Erinnerung an ihre Liebeszeit. Unaufhörlich dachte er in dieser Wohnung an jene Er- innerung. Er suchte sie unter den schattigen Gewölben, wie auf den lichterfüllten Terrassen: mit dem Rosmarinduft der Rampe und mit der des bläulichen Wassers, die aus der Zisterne emporstieg, atmete er sie ein. Im weichen Rauschen des Beckens hörte er sie und im metallischen Rascheln des Palmbaumes, der hinter den, durchbrochenen Gitter wuchs. Diese Erinnerung, er trug sie auf den Lippen, er der- schloß sie in seinen: Herzen: in allen Räumen des Hauses fand er ihre Zeugen, unten im Audienzsaale des Agha, wo ihre Zelte, Feldbetten und Sättel untergebracht waren, bis hinauf in sein Obergemach, wo er in einem Zedernholzkasten die winzigsten Andenken an ihre Hochzeitsreise aufbewahrte. Und oft, tvenn Cäcilie fromnie Besuche machte, oder Damen bei ihr waren, um ihr Koch- und Backrezepte zu bringen oder sie im Zuschneiden eineS jener verunstaltenden Armenanzüge zu unterweisen, kramte er seine Schätze hervor und breitete ihre Reitkleider, ihren Mantel, ibre Stiefelchen, den blauen Hutschlcier, ihre Handschuhe und ihre Reitpeitsche um sich aus. Diese Stelle hier erinnerte ihn an einen besonders süßen Kuß von dazumal und nun hielt er Nachlese: dort glättete er die Falten, die noch von einer innigen Umarmung her- rührten, hier lächelte er bei der Erinnerung an ein Lächeln. dort träumte er beim Gedenken eines Traumes: und bei der Vorstellung einer anschmiegenden Geste oder des KlangeS eines zärtlichen Wortes seiner Frau konnte er förmlich außer Fassung geraten, Manchmal bat er sie. diese Kleider wieder anzuziehen. Tr hoffte, mit den alten Kostümen in ihr auch die alte Zärtlichkeit wiederzufinden. Aber seine Enttäuschung wurde dadurch nur noch tiefer und schmerzlicher; und verwundert fragte er sich: War sie das wirklich, meine Blume vom Libanon? Wie sehr hat sie sich verändert! Tatsächlich hatte Cäcilie sich verändert, oder vielmehr, sie war wieder sie selbst geworden. Sie war auf das Niveau ihrer Umgebung, welches auch das ihres eigenen Geistes war, zurückgesunken. Während Elias von ihrer Hochzeitsreise nur die Crinne- rung an ihre Extasen heimgebracht hatte, schien Cäcilie alles bis auf ihre evangelischen Eindrücke in Galiläa vergessen zu haben. Mit seiner leicht hinzureißenden, künstlerischen Phan- taste begeisterte er sich für die Poesie seines Hauses und fühlte die Lebensfreude inmitten der großartigen Melancholie dieses alten, mit ihrem positiven Sinn, mit ihrer spießbürger- lichen Anschauungsweise, empfand im Gegenteil eine unbe- wußte Abneigung gegen alles Ungewöhnliche, vom Her- kommen Abweichende. Und diese Abneigung trieb sie immer mehr in die Gleise einer grundsicheren, sich im Mittelmaß haltenden Frömmigkeit, als dem einzigen, eines christlichen Daseins würdigen Ziele. Dabei stimmte ihr Geschmack mit dem der Jerusalemer Gesellschaft dermaßen übcrein, daß sie die Aenderung ihres Charakters und die bedrückte Stimmung ihres Gatten ebenso wenig bemerkte, wie sie dessen Enthusias- mus und Entzücken früher verstanden hatte. Als Schwester Charlotte sie eines Tages in einem ihrer Anzüge vom Libanon überraschte und dabei die Bemerkung „romantisches Frauchen" fallen ließ, weinte sie den ganzen Abend über, warf ihrem Manne vor. er liebe sie nur ihrer Kleider, doch nicht ihrer selbst willen, und erklärte ihm, daß sie sich zu derartigen Frivolitäten nicht mehr hergeben würde. Am nächsten Tage verriegelte Elias den Audienzsaal des Agha, zog den Schlüssel vom Zedernholzkasten ab und verkaufte sogar Cäciliens Stute, um für sie einen Esel anzu- schaffen, der als weniger„weltlich" galt und den sie nun nicht mehr in ihrem gelben Reitkleide, sondern in einem alten, schwarzen, über ihr Straßcnkostüm geknöpften Mantel bestieg. Er nahm seine archäologischen Arbeiten wieder vor. Ganze Tage hielt er sich außerhalb der Stadt auf, uni den Boden zu durchwühlen und nach Inschriften zu suchen. Doch waren seine Anstrengungen nicht von Erfolg gekrönt. lFortsetzung folgt.)) (Nachdruck verboten.) Das neue Museum furMereskunäe. Nachdem am Montag, den S. März die Eröffnung des Museums für Meereskunde an der Berliner Universität stattgefunden hat, wird es am Mittwoch seine Pforten auch für das Publikum austun. Berlin wird dadurch um eine öffentliche Sammlung reicher, wie sie in ähnlicher Ausgestaltung und Vollständigkeit ivohl keine zweite Stadt wieder besitzt. Zwar finden sich auch in den Hauptstädten anderer Länder große marine Sammlungen, so zum Beispiel in London das South Kensington Musemn oder das Marinemuseum in Paris, aber all diese Museen sind auf«ine Tarstellung des See- Verkehrs und seine historische Entwickelung beschränkt. In dem neueröffneten Gebäude in der Georgensiraße dagegen findet man alles zusammengetragen, was zu dem Meere überhaupt Beziehung hat. Ter Seeverkehr, die Entivicketung der Handels- und Kriegs- marine erfährt hier die gleiche Berücksichtigung wie die Gewinnung und Verwertung der Meeresprodukte, und auch das Tier- und Pslauzenleben des Meeres ist keineswegs vergessen worden, so daß mich der Biologe auf seine Rechnung kommt. Das Museum für Meereskunde ist entstanden im Anschlüsse an daZ gleichnamige, bereits im Jahre 1900 gegründete Institut, m>d diesem wie jenem hat der für die Wissenschaft und für das weitere Gedeihen der beiden Anstalten viel zu früh dahingeschiedene Forscher Freiherr v. Nicht- Hofen die Richtschnur gegeben. Während aber das Institut der pro- duktiven, selbständigen wissenschaftlichen Arbeit und der Heran- bildung junger Forscher gewidmet ist, wendet sich das Museum an die breiten Schichten der Bevölkerung, um ihnen Liebe und Vcr- ftändnis für das Meer und seine Bedeutung in wirtschaftlicher und auch wissenschaftlicher Hinficht zu vermitteln, und schon an dieser Stelle sei hervorgehoben, daß die Aufstellung der reichhaltigen Sammlungen in einer sehr glücklichen und anschaulichen Weise durchgeführt ist. Ueberall vermitteln ausführliche und klargefaßte Beschreibungen das Ve�ländnis, so daß auch der Ferncrstchende sogleich aus das WesenttRhe hingeleitet wird. Die Schwierigkeit und das Problem bei allen derartigen Schaustellungen liegt ja gerade darin, anschaulich zu sein und Interesse zn erwecken, ohne doch ins Spielerische, Schaubudenmätzige zu versallen, und es ist bielleicht der größte Borzug des Museums, daß diese Klippe stets vermieden wurde. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß das Museum für Meereskunde eine populär-wisscnschaftliche Sammlung ersten Ranges darstellt und daß es für den Laien wie für den Fachmann ein Genuß ist, die prächtigen Sammlungen zu durchschreiten. Der Inhalt des Museums gliedert sich in vier große Ab- teilnngen: 1. die RcichSmarinc-Sammlung, 2. die historisch-volkswirtschaftliche Sammlung, 3. die ozeanologffche Sammlung und das Instrumentarium und endlich 4. die biologische und Fischereisammlimg. Das Erdgeschoß wird der Hauptsache nach von der Reichsmarine-Sammlung eingenommen. Hier finden wir die Ent- Wickelung der Seeschiffahrt, der Handels- wie der Kriegsmarine, an zahlreichen, bis ins kleinste naturgetreuen Modellen ver- anschaulicht. Von besonderem Interesse ist namentlich das Modell eines Wikingerbootes, das im Jahre l83t> in einem Moore bei Geckstadt in Norwegen in vortrefflich erhaltenem Zustande auf- gefunden wurde. Länger als ein Jahrtausend mag es dort vom Moor umschlossen und so vor dem Verfall geschützt, allen neugierigen Blicken entzogen, geruht haben, bis ein glücklicher Zufall es ent- decken ließ. Jetzt steht das Original, ein lebendiger Zeuge jener fernen Geschichtsepoche und jener kühnen Seefahrer, im Museum in Kristiania, �cehr instruktiv find ferner mehrere verkleinerte Modelle von Tampfmaschiuen, wie solche zum Antreiben der modernen Ozeanricsen Verlvendung sinden. Verschiedene Längs- und Querschnitte gestatteil einen Einblick in die innere Einrichtung dieser Schiffskolosse selbst und erwecken immer von neuem Be- wundcrung für die enormen Leistungen menschlicher Arbeitstraft und die rapide EntWickelung der Technik in den letzten Jahrzehnten. Es wird einem dieses namentlich deutlich, Ivenn man dicht daneben die nngeschlachtcii, hölzernen Schiffslciber vergleicht, wie sie von den Zeiten der Hanse an bis in den Anfang des vergangenen Jahrhunderts sich erhalten haben. Mit weniger freiem Herzen kann nian die EntWickelung und Ausgestaltung der Kriegsmarine be- trachten, die naturgemäß in dieser Abteilung den breitesten Raum einnimmt. So sehr man auch hier die technischen Leistungen be- Wundern muß, so verschwindet doch niemals das bedrückende Gefühl, daß all diese Arbeit und die Mühe und das Nachdenken nur der Zerstörung gewidmet sind. Besonders wenn mm, diese raffiniert ausgeklügelten Torpedos sieht, deren Explosion in wenigen Minuten selbst den größten Panzcrriesen zum Sinken zu bringen vermag, werden einem die jüngsten Schreckensszenen des fernen. Ostens, das Dahinschlachten von Tausenden unschuldiger Menschenleben wieder von neuem im Gedächtnis lebendig. In den oberen Sälen fesselt am meisten die biologische und Fische rei-Abteilung. Erstere verdankt ihre Ausgestaltung der un- ermüdlichen Arbeit von Professor Plate, während die Fischerei- sammlung unter der Leitung von Dr. Brühl steht. Gleich beim Eintritt in die biologische Abteilung begrüßt einen eine Kolossal- gruppe aus den Regionen des ewigen Schnees mit ihrer charakteristi- scheu Tierwelt. Die Szenerie stellt ein weites Schnee- und Eis- feld der Südpolargegenden dar. Im Hintergrunde erblickt man im Eise eingekeilt das deutsche Forschcrschiff„Gaus", während sich auf der Schneedecke im Vordergrunde eine Robbenfamilic, Pinguine und verschiedene andere Vertreter der antarktischen Tierwelt in vor- züglich ausgestopften und präparierten Exemplaren herumtummcln. Durch die künstlerisch fein ausgeführten Gemälde im Hintergrunds erhalten all diese Gruppenaufftellungcn ein« ungemein lebensirahre Färbung. Die Mitte dieses Saales wird Pon einem riesigen Korallenriff eingenommen. Die Stücke, welche diese Gruppe zusammensetzen, wurden auf einer von dem Institut unternommenen Studienreise an der Sinaiküste des Roten ÜKeeres gesammelt. Demcntspreckpmd schließt den Hintergrund dieser Gruppe ei» Gemälde mit der Ge- birgskette des Sinai ab und der davor sich bis zum Meere er- streckenden Wüste. Den Vordergrund bildet die erhöhte Riffkante, die nach dem tiefen Wasser abfällt. Zwischen Korallen, welche das Riff aufbauen, tiimnu.it sich eine reiche Tierwelt. Neben großen, schön gefärbten Fischen, die Beute suchend zwischen den Korallen- ästen mnherschlvimmcn. erblickt man Secsterne, Seeigel, Holothurien und zahlreiche andere Riffbcwohner. Während aber die Brandnngs- zone ein sehr reiches und vielgestaltiges Leben ausweist, schließen sich dahinter nach der flachen Küste zu Strecken an, die nur eine spärliche Tierlvelt aufweisen. So hat man überall versucht, ein möglichst der Wirklichkeit entsprechendes Bild zu liefern. Hervorheben möchte ich aus diesem Saale noch eine stcil auf- steigende Felswand aus rotem Sandstein. Es ist dieses eine Nach- bildung deö berühmten Lummcnfelsens auf Helgoland. Alljährlich kann man nämlich auf der Nordweftseite der kleinen Nordseeiusel an der fast senkrecht aus dem Meere bis zu einer Höhe von sechzig Metern aufsteigenden Felswand, während einiger Monate ein un- gemein reiches Vogellcben erblicken. Diese Vogelwand, das Brcad Hörn, wie sie die Inselbewohner nennen, besitzt in Wirk- lichkeit nur eine Breite von dreißig Metern und bietet trotzdem Tausenden von Lummen Platz zum Brüten. Das Weibchen dieser Vögel legt nur ein Ein und erbrütet dieses auf dem nackten Felsen. Neben den Lummen findet man auf dem Bread Hörn auch noch zahlreiches anderes Wassergeflügel, wie Raubmoven, Seeschwalben usw., doch kehren diese nur zu vorüber- gehender Rast dort ein. Die bemcrkcnswertcstcn und anziehendsten Stücke der gesamten biologischen Abteilung sind jedoch ohne Frage die verschiedenen „Alkoholaricn", große mit Alkohol gefüllte Becken, in denen man die verschiedensten Vertreter der Tier- und Pflanzenwelt des Meeres versammelt findet. Während man sich in den meisten biologischen Sammlungen bisher begnügte, die einzelnen Exem- plare der Fische. Krebse, Stachelhäuter uff. einfach in mit Spiritus gefüllten Gläsern aufzustellen, bietet jedes dieser Becken ein lebens- volles Bild eines bestimmten Meerabschnittcs. So zeigen z. B. drei große Bassins das Ticrleben auf der großen Fischerbank in der Nordsee in den Tiefen von 50 Metern. 23 Metern und endlich dicht unter der Oberfläche. Man vermeint wirklich einen Blick auf den Meeresgrund zu tun, wenn man diese Alkoholaricn betrachtet. Alle Tiere find in natürlichen Stellungen, und was das wunder- barste ist, auch in ihren natürlichen Farben erhalten. Zwischen Algen und Tank schwimmen die verschiedenen Fische der Nordsee umher, über die Felsen des Bodens bewegen sich schwerfällige Krabben und stachelstarrende Seeigel, und auf dem Sande liegen die zahlreichen Muscheln und Schnecken, wie fie in den entsprechen- den Tiefen angetroffen werden. Am meisten Bewunderung erregt für den Sachkundigen ein großes Becken mit mehreren Arten von Quallen, die scheinbar lebend durch das Wasser dahinschwcben. Wer einmal selbst versucht hat, diese vergänglichen Gebilde, deren Körper zu 97 Proz. aus Wasser besteht, zu konservieren, weiß, welche Schwierigkeiten es da zu überwinden gilt. Ein sehr übersichtliches Bild des Fischereiwescns und der Ver- Wendung der Mecresprodukte bietet die von Dr. Brühl verwaltete Sammlung. In riefigen Glaskästen werden einem die gebrauch- lichstcn Methoden der Hochseesischerei vorgeführt. Auf einer großen horizontal gestellten leicht getönten Glasplatte, die den Meeres- fpiegcl darstellt, treiben die verschiedensten Scgelkutter und Fisch- dampfer, wie sie namentlich bei der deutschen Hochsee- und Küsten- fischerei Verwendung finden. Auch hier ist die Malerei der Dar- stellung in glücklicher Weise zur Hülfe gekommen, indem der Hinter- grund immer von entsprechenden Mceresszcnerien abgeschlossen wird. Unterhalb des Meeresspiegels erblickt man dann die von den Fahrzeugen gcscklepptcn Netze, und kleinere hölzerne Modelle von Fischen, die in äußerst geschickter Weise fast unsichtbar aufgehängt sind, veranschaukichcn das Leben und Treiben in der Mecrestiefe und zeigen, in welcher Art das Aufscheuchen der Tiere und der Fang sich abspielt. In den, Hauptsaale dieser Abteilung findet man eine in natürlicher Größe gehaltene Nachbildung einer Kajüte eines Finkenwärdcr Hochseefisch-Eioers. Gemütlich mit der Pfeife sitzt ein alter, wetterhartcr Seemann in eine Ecke gelehnt, beschäftigt, sein Fischereizeug in Ordnung zu bringen. Auf den lustig glühen- den Holzscheiten im Kamin summt ein Teekessel, und der ganze Raum erweckt einen sauberen und behaglichen Eindruck. Bi scheelen Wind un Slackcrsncc Jsst gar nicht scheun Up Teck; Doch is dat good bat man dem» kann Npseuken düsse Eck. Wie in Hessen und anderen ländlichen Gegenden die Bauern ihre Häuscrgievel und Türen, so schmücken die Seeleute die Wände ihrer Kajüten mit ihrer schlichten Poesie, und wie offenbart sich in diesen wenigen Worten der ganze.freundlich resignierte Eharakter dieser Menschen, die trotz ihres schweren Berufes sich fast stets ein gut Teil humorvoller Selbstironie bewahrt haben. � In der langen Seitcngalcric, welche die biologische Sammlung mit der Fischerciabteilung verbindet, erhält man einen Einblick in die Gewinnung und Verwertung der Mceresproduktc. Drei Ge- mälde von Karl Saltzniann bilden den künstlerischen Schmuck der Wände. Darunter befinden sich Gerätschaften zum Granatfange. Hummersallcn und mächtige Kanonen zum Harpunieren der Wal- fische. Das darüber besindliche Gemälde Saltzmanns veranschaulicht einen derartigen modernen Walfischfang. An der Fcnsterfcite kann man die Entstehung der echten Perlen beobachten und gleich- zeitig auch sehen, in welch geschickter Weise sie aus Glasperlen und Ukleischuppcn nachcahmt werden. Auch bei den Gegenständen aus Schildpatt, Bernstein und.Korallen wird zugleich gezeigt, wie vor- sichtig man sein muß. um beim Kauf keine wertlosen Nachbildungen zu erhalten, denn die Bernsteinkugeln und Schildpattkämme aus Celluloid oder die Korallenkette aus gefärbten Reiskörnern ver- möchte wohl so leicht niemand von echten Sachen zu unterscheiden. In würdiger Weise schließen sich an die beivrochenen Abtei- lungen die unter der sachkundigen Leitung von Kustos Stahlberg stehende Ozeanologischc Sammlung und das Instrumentarium an. Auch hier findet man eine Fülle der Anregung und Belehrung. Doch es ist nicht möglich, hier noch weiter auf die zahlreichen Ein- zelheiten einzugehen, ein einziger Besuch des Museums vermag da mehr, als noch so viele Worte.— Kleines feuilleton. — Sächsische Volkswörtcr. Für Appetit sagt mast Mage in Rathendorf. gewöhnlich Mauke, waS auch noch allgemeiner als Eßlust im Sinne von Lust, Verlangen, Stimmung gebraucht wird. Diese Mauke hängt zusammen mit munkeln und meucheln: ein älteres maucheln heißt nicht nur heimlich, hinterlistig handeln, ver- stecken lMauke— Obstversteck), sondern auch heimlich naschen. In unserer Mauke hat sich der Begriff des Heimlichen ganz verflüchtigt, dagegen ist der in Naschen liegende Sinn des Verlangens stärker hervorgetreten. Statt ich habe Appetit sagt man auch noch: ich bin sehnerich, gelänglich(vergl. verlangen, zulangen), giprich (Meißen, ein Zeitwort g!be»— schreien mit gepreßter Kehle gibt es in Schlesien, vergl. gibsen), läpprig, lungerig, ferner ich lungere (Leipzig) und läppere nach etwas, und auch unpersönlich mich sehnerts, giperts(Leipzig), läpperts. listerts(Erzgebirge, das Eigen- schaftswort lüstern �deutet in Rathendorf aufgeweckt, munter. lustig). Im Erzgebirge bedeutet lappern(wie in Schlesien) zu- nächst leckend einschlürfen, besonders von Hunden und Katze», wenn sie Milch auflecken; das entspricht mittelhochdeutsch läppen. Istken gleich lecken, schürfen, ist von Labbe— Lippe, Mund(älter Lefze) abgeleitet und gibt zugleich das Geräusch des Lapperns wieder. Wenn ein Mensch nach etwas(Wohlschmeckendem) läppert,„wackelt er vor Vergnügen mit den Lippen", erklärt eine Zuschrift aus Lampertswalde, er hat gleichsam schon einen Vorgeschmack von dem erwarteten Genüsse, ihm läuft nicht nur das Wasser im Munde zu- sammen. sondern ihm„stehn Pfützen auf der Zunge". Mancher ist läpprig wie nc alte Ziege(Pegau) oder ganz läppenärrsch; der Lipperlüpfchc(Liwerläpsche) vollends verlangt nach etwas Außer» gewöhnlichem, etwa Kuchen, Torte oder einem feineren Essen im Restaurant. Meist weiß der. dem„so lippcrläpfch zu Mute ist", nicht recht, worauf sich sein Verlangen richtet, er hat einen un- bestimmten Trieb nach Näschereien oder Pikantem, etwas Lecker- fetzchcm(Leckerfettchem, z. B. Gricfcnspcck) oder Schnadcrgakschcm (Dresden), womit etwas Fcinschmeckendes überhaupt gemeint ist. Für leckcrfctzsch— naschfctt, Icckermäulig sagt man auch läckcr» läpfch(Dresden), so daß lecken und läppern sich gegenseitig ver- stärken; beim Genuß einer Süßigkeit rufen Kinder: O Lecke, Leckel auch wenn sie nicht aufgeleckt wird. Gleichwohl ist in lippcrläppisch lipper nicht als Ersatz für lecken zu betrachten, wenn auch der Aus- tausch von p und k vielfach zu beobachten ist; vergl. schipper- scheckch— buntgemustert. Vielmehr liegt eine ablautende Ver- doppclung des Grundworkcs läppern vor, ein« Art Reduplikation wie in schNipperschnäpsch— vorlaut(zu schnappen). Neben lipper- läpsch wird in derselben Bedeutung auch nippernäpfch( nippe r- oder neppe rläpsch) gebraucht; diese Form hat nichts mit nippen zu tun, sondern beruht auf einer Vertauschung von l mit n; einen solchen Wechsel zeigen im Sächsischen auch die Wörter Lilie und Nilljc oder Nilche(Mehrzahl Nilling, Pegau), lutschen und nutschen, tingeln und ningeln, Nudeln und Ludeln, Lorbeer und Nordel(die Ex- krcmcnte der Ziegen und Schafe heißen Lärwerchen und Närbcl- chcn); in Leipzig fährt man mit Hancfaxen. d. h. Halifaxschlitt- schuhen. Im Thüringischen gibt es auch lippern— läppern und dazu lippernäckifch, sowie nippernäckisch neben nippcrläppischr Das Vorkommen von Wörtern wie nippernäppsch auch in Thüringen beweist, daß nicht bloß der Sachse ein Feinschmecker ist, oder, wie man im untern Erzgebirge für Gourmand sagt, an ole Gutschmcckgusch, die immer nur schmöfen— gut essen möchte(daS schmäft!— das schmeckt? Dresden). Ja. der Zustand, in dem der Magen nach etwas Besonderem verlangt, ist meist nicht ein» mal der richtige: ivem eS so alt lipperläppsch zumute ist, der ver- spürt ein inneres Unbehagen, eine Magenverstimmung, es ist ihm karjos(Glauchau. Limbach) oder gar ni hibsch: es ist ihm unwohl» ohne daß er recht weiß, wo es ihm fehlt, und AbHülse erhofft er nur von einem Schnaps, der freilich kräftig sein muß, wenn er ihm qucck tun soll(quack im Erzgebirge, eigentlich~ lebendig, vergk. Quecksilber), sonst kriegt er womöglich Flöhe im Bauch. Nur diese eine Bedeutung des Katzenjämmerlichen enthält das um Osckiatz gebräuchliche Wort lipperlätsch, dessen zweiter Bestandteil in der Form latschig auch allein verbreitet ist— weichlich schmeckend; ein Gemüse z. B. schmeckt latschig, wenn es zu wenig gesalzen ist. Zu einer solchen kraft- und geschmacklosen, faden Speis« sagt nicht jeder: Schmeck wie du willst, gefressen wirst du doch? Den meisten geht sie gar nicht recht zu Halse, fie schmeckt zwar geradeweg, aber„aber nicht vom Fleck weg"— damit ist dasselbe Bild verwendet wie in lätschig; dieses Wort gehört zu lötschen_ schleppend gehen, der Latschige hat nichts Kraftvolles im Gange, das Lätschige nichts Kräftiges im Geschmack, cS schmeckt nicht herzhast. Wer freilich einen schwachen Magen hat, dem ist es immer wechlich oder locch» spuckig im Magen(Lommatzschcr Pflege), oder es iit ihm so lappig. so ärmlich, so geringe, recht nichtsen(Meißen); außer diesen Ans- drücken gab es früher noch das Wort wabblich, da» Köhler als„im Magen übel aufwallend" erklärt und von weben— sich malt bewegen ableitet, also ganz ähnlich wie lätschig von latsche»; zum Ersatz dafür haben wir jetzt noch das norddeutsche koddrig, daS mit einem schwäbischen kaudrig— tränklich gleichen Ursprungs sein mag (thüringisch koddrig dagegen heißt losmäulig, unverschämt). Auf eine Magenverstimmung, die sich besonders frühmorgens und bei Uebernäcbtigen fühlbar macht, bezieht sich auch rauchmützig oder rauchmütig(räcbmuotic). Derselbe Zustand wird auch durch die Redensart umschrieben: mir is»ich wie allen Jungfern, d. h. alteu Jungsern, denen also ei» ganz besonderes Wohlsein beigemessen wird. Vielleicht stimmt z» dieser Auffassmig auch die Anwendung des Worte? gäppisch— wählerisch auf Mädchen, die den Freier ver- ichmähen: de Mäd, dos gäppische Ding. Tu bist e alter Käbsch! sagt auch die Mutter zn dem Kinde, das bald dies, bald jenes nicht essen will, ein käpscher Asser(Zwönitztal) ist ein solcher, dem nichts gut genüg ist, der im Essen Herumstocher: oder herum slimcrt (Plauenscher Grund): auch dieses Wort käbisch wird durch einen Vergleich mit der Ziege veranschaulicht: kabsch wie'ne Ziege, so daß man nicht aus eine Krankheit als Ursache schliefen kann, wie .Hildebrand wollte: im Deutschen Wörterbuch setzte er käbisch mit Norddeutschem köbisch gleich, das von kranken Hühnern und Schafen gebraucht wird und der letzte Nest eines im Nordischen vorhandenen Stammes ist: kov— Engbrüstigkeit. Vielleicht gehört gäppisch zu giprig. mich giperts.— — lieber die Ergebnisse der neueren Untersuchungen des Boden- sees sprach jüngst Pros. S e i z in Ravensburg. Er stützte sich nach dem Bericht des„Schwab. Merkur" auf die Forschungen, die die fünf Uferstaatcn schon vor längerer Zeit ins Werk gesetzt haben, die aber zum Teil bis jetzt noch nicht vollständig beendigt sind. Da- nach hat der Rhein auf dem Seegrund bis zur Mitte hin sich ein eigenes Bett geschaffen, und vermöge der gröheren �-chtverc seines kälteren, mineralische Bestandteile mitfühlenden Waffers und der oft reihenden Strömung hat er sich als ein Fluh unter den Waffer» zwischen zwei Seitendämmen von ziemlich bedeutender Höhe vor- wärtsgeschobcn, dem westlichen Ausfluh zu. Man hat berechnet, dah die Schlammmasscn und Geschiebe, die besonders der Rhein in den See befördert, nach heutigen Verhältnissen eine vollständige Ausfüllung und Versandung des einst weit gröheren Seebeckens in etwa 12 OVO Jahren bewirken dürften. Das Seewasser wird im Sommer bis zu 100 Metern erwärmt, tiefer hinab herrscht eine gleichbleibende Wärme von-s- 4 Gr. C. Bekannt ist die Milderung des Winters am See; denn bei einer Höhenlage von etwa 400 Meter können Zeder, Olive usw. im Freien gut überwintern. Das sogen. ..Laufen" der Seeobersläche— bewirkt durch rasch wechselnde Ver- ändcrungen im Luftdruck— wird auch hier schon lange, wie bei anderen Binnengewässern beobachtet; eine Schwingung der ganzen Seefläche braucht eine Zeit von 56 Minuten; der Ruhepunkt oder Schwingungsknoten liegt zwischen Immenstaad und Hagnau. Die Prüfung auf Durchsichtigkeit des SeewasserS, das einen Schluh auf seine Reinheit liefert, ergab, dah sie um so gröher ist, je weiter ent- fernt vom Einfluh des Rheins und dabei im Winter klarer als im Sommer. Die größte Tiefe, in die nachweisbar der Lichtstrahl dringt, festgestellt durch das Schwärzen der photographischcn Platte, wurde bei rund 50 Metern gefunden, so dah also noch tiefer hinab kein merklicher Unterschied mehr besteht zwischen Tag unc Nacht. AuS solchen Tiefen hat man Tiere heraufbcfördert, die zum Teil an- scheinend völlig blind, ohne uns sichtbare Augen, sind, wie eine Assel und eine Krebsart; dagegen besitzen aus denselben Wasserschichtcn andere besonders hochentwickelte Augen, wie z. B. ein Fisch, der „Kilch". Die Lichtzone des Sees bis zu etwa 30 Meter Tiefe ist der Tummelplatz einer zahlreichen kleinen Lebewelt, hauptsächlich aus der Klasse der Krebse und Rädertiere; sie bilden mit Schwebe- pflanzen, hauptsächlich aus der Familie der Algen— ihren Nahrungsstoffen— das„Plankton", die Welt der schwebenden Körperchen; bei Tag tief unten, steigen sie nachts bis an die Ober- fläche; die Fische stellen ihnen nach, lieber die Entstehung des See- beckens gibt es verschiedene Ansichten. Dr. Penck hielt lange Zeit an der Ansicht fest, es sei zur Eiszeit durch den gewaltigen Rheintal- glctscher ausgegraben worden; Forel meint, dah der See durch eine Knickung des Rheintals während der Eiszeit entstanden sei; es ist jedoch anzunehmen, daß seine Anfänge in die Tertiärzcit zurück- reichen und die gewaltige Einsenkung mit dem Heraufsteigen und der wagcrechten Stauung der Alpen in Verbindung gedacht werden muh.— t. Der älteste Klimaforscher. Die Klimakunde ist als Wissen- schaft eigentlich erst ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Angaben über das 5Ainm der verschiedenen Erdräume im allgemeinen sind zloar selbstverständlich schon vor langer Zeit gemacht und auf- gezeichnet worden, und reichen überhaupt so. weit zurück, wie die Erd- und Länderbeschreibung selbst. Als Wissenschaft aber süht die Klimalehre auf den genauen meteorologischen Messungen, die selbst in den Ländern europäischer Kultur erst seit rund hundert Jahren zur planmäßigen Einführung gelangt sind. In den mehr ent- lege iren Erdgegenden, deren Erkundung den Forschungsreisen überlassen ist, haben solche Messungen auch jetzt noch keine genügende Vollständigkeit erreicht. Immerhin können die Grundzüge der 5ilimaforschung schon bis ins Altertum zurückverfolgt werden, nämlich bis auf S t r a b o, der als der gröhte Geograph des Altertums geschätzt wird. Er zeichnet sich in seinen erdkundlichen Werken vor allen Zeitgenossen und vor vielen Nachfolgern durch genaue An- gaben und große Gesichtspunkte aus, und so hat er auch klima- lologische Fragen mit bewunderungswürdiger Einsicht behandelt. Die Verdienste Strabos in diesem Punkt hat Dr. Hans Rid in einer kleinen Schrift behandelt. Die Teilung der Erdoberfläche in fünf Klimazonen, die wahrscheinlich zuerst von Parmenides vor- geschlagen worden war, nahm Strabo an, aber er erkannte zuerst die Tatsache, daß auch die heiße Zone, die bis dahin als gänzlich un- bewohnbar gegolten hatte, mindestens ziim Teil bewohnbar wäre. Er, war auch der erste, der ausführlich feststellte, daß das Klima bon Gebirgen durch eine niedrigere Temperatur ausgezeichnet wäre als das der umgebenden Niederungen. Er stellte ferner fest, daß das heute sogenannte„Sonnenklima" durch die Beschaffenheit der Erdoberfläche wesentlich verändert würde, und daß dieselbe Breiten- zone durch sehr verschiedene Klimate hindurchläuft.— Astrouomisches. en. D i e ersten Photographien der Mars- k a n ä l e. Es ist endlich gelungen, einen objektiven Beweis für das tatsächliche Vorhandensein der berühmten vielumstrittenen Kanäle auf der Oberfläche des Planeten Mars zu bringen. Gerade in den letzten Jahren war mit mehr Entschiedenheit als je zuvor von einigen hervorragenden Astronomen behauptet worden, daß diese Gebilde eine optische Täuschung seien. Jetzt aber hat die photo- graphische Platte die Frage entschieden, weil man von ihr nicht annehmen kann, daß auch sie solchen Täuschungen unterworfen sei. Der unermüdliche Marsforscher, Professor Lowell, der über eine trefflich ausgestattete Sternwarte an einem ungewöhnlich günstig gelegenen Punkt von Arizona verfügt, hat fünf Photographien der Ropal Society in London vorgelegt, die im Laufe des vorigen Jahres aufgenommen worden sind. Die Veröffentlichung hat sich deshalb verzögert, weil Professor Lowell zuvor einen genauen Vergleich mit den ganz unabhängig von den photographischen Aufnahmen von ihm hergestellten Zeichnungen der Marsoberfläche vornehmen wollte. Dieser Vergleich hat ergeben, daß die hervorragendsten kanal- ähnlichen Gebilde auf den Photographien in derselben Weise zu er- kennen waren wie auf den Zeichnungen. Soweit es das Korn der photographischen Platte gestattet, kann man die schmalen Kanäle verfolgen, wie sie in Linien, die den Bogen großer Kreise ent- sprechen, in scheinbar planmäßiger Anordnung verlaufen. Dieser bedeutsame Erfolg ist durch eine besondere Vorrichtung an einem Fernrohr erreicht, wodurch der störende Einfluß der Luftbewegungen auf die Schärfe des photographischen Bildes ausgeschaltet worden ist. Dabei wird nämlich die Oeffnung des Fernrohrs soweit ab- geblendet, daß höchstens eine Luftwelle gleichzeitig im Gesichtsfeld sein kann, und auf diese Weise wird die Zerstreuung der von dem Planeten ausgehenden Lichtstrahlen verhindert. Außerdem wurden die Photographien durch einen farbigen Schirm aufgenommen, und die photographische Kammer bewegte sich derart mit dem Planeten mit, daß zahlreiche Aufnahmen nacheinander auf derselben Platte gemacht werden konnten. Im ganzen sind etwa 700 Mars- photographien während der letzten Opposition des Planeten an der Lowell-Sternwarte erzielt worden.— Humoristische». — Das Originalgenie.«Ich dachte. Du wolltest hier Naturstudien machen, Edgar?" „Was? Naturstudien? Ich werd' mir doch meine Eigenart nicht verderben?"— — Konfirmanden- Unterricht.„Adam und Eva sind auS dem Paradiese vertrieben worden, warum?' «Weil sie weder kirchlich, noch standesamtlich getraut Ivaren."- («Jugend.") Notizen. — Ernst v. Wolzogen hat an? seinem Roman«Der K r a f t m a y r" ein Lustspiel zurechtgeschnitten.— —„Meister Joseph", ein neues vieraktigeS Schauspiel von Eberhard König, erlebt am München er Schauspielhaus die Uraufführung.— — Hans Brenn erts und HanS Ost Walds Komödie «Der Kaiserjäger" wurde vom Schiller-Theater erworben.— — DaS Schiller-Theater dk. übernimmt am 1. Scp- tembcr 1907 der Regisseur und Schauspieler Oskar Wagner.— — Der vor kurzem ernannte Intendant d e r M ü n ch e n e r Hoftheater, Freiherr v. Speidel, legt am 1. Oktober sein Amt nieder und tritt wieder in die Armee ein. Kam. Holte sich den Bahr. Ließ ihn wieder ziehen. Ging.— — Zu ordentlichen Mitgliedern der Akademie wurden gewählt: Der Maler Otto H. Engel, der Bildhauer L o u i s T n a i l l o n, der Stadtbaurat L u d lv i g H o f f m a n n, der Musiker E. E. Taubert in Berlin, ferner die Kom- ponisten Felix Dräseke in Dresden und Ludlvig Thuille in München.— — Einen Gradmesser für die Größe der Bayerischen Landesausstellung Nürnberg 1906 bildet die elektrische Zentrale, die die Aufgabe hat, die zur Beleuchtung des Aus- steUnngsgeländcs und der verschiedenen Restaurationen sowie für die Fassadenillumination, die Lenchtfontaine, die Scheinwerfer und die Elektromotoren der Aussteller nötige Kraft zu erzeugen. Nicht weniger als 23 000 Glühlämpchcn, 800 Bogen- lampen und ungefähr 60 Elektromotoren sind an diese Zentrale angeschlossen, die aus 16 Antriebs- und 16 Dynamo- Maschinen besteht und zirka 6000 Pferdekräste hat. Die von ihr er- zeugten Ströme sind Drchstrom von 3000 Bolt Spannung und Gleichströme von verschiedenen Spannungen bis 550 Volt. Allx modernen AntriebSmafchinen sind dabei verwertet wie liegende und stehende Dampfmaschinen, Dampfturbinen, Großgasmotoren, Diesel- und Haselwandermotoren, Sanggasmotorcn und Lokomobilen.— Verantwortl. Redaiteurr HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Bnchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer �Co.,Berliu L W,