Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 57. Donnerstag, den 22 März. 1906 lNachdrnck verboten.) Vie Eroberung von Jerusalem. Roman Von Myriam Harry. 18t Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred-Leuker „Ach ja. vielleicht ist's der Doktor, der am meisten recht hat," antwortete Elias träumerisch,„denn sicherlich ist er glücklicher als wir." „Nein," erwiderte der Graf, seinen Helm aufsetzend und den Degen festschnallend.„Nein, glücklich kann er nicht sein, denn er leidet nicht. Er hat seine Lebensfähigkeit abge- stumpft und eingeschläfert: er kennt weder Streit noch Zweifel, nicht unsere bange Erwartung, noch unsere glühende Hoffnung. Alle seine Einbildungen verwirklichen sich, und er regelt seine Wünsche nach Belieben mit seiner Pfeife. Ich aber frage mich oft, ob nicht die Schönheit des Lebens gerade in seiner Traurigkeit besteht, und ob nicht untere Größe sich gerade an der Unerfüllbarkeit unserer Träume mißt. Ach, mein Freund. Sie und ich, wir beide leiden an der Häßlichkeit dieses Jahrhunderts. Aber schirmt die Schönheit, die in Euch lebt: laßt Euch nicht durch Mittelmäk-iakeit befriedigen, gestattet Eurem Geiste nicht, sich durch den Verkehr mit Ge- meinen selbst Herabzusetzen. Ein edler Traum vermag die Welt zu beherrschen und umzuformen. Darum also, mein Freund, wollen wir den Traum, der in uns lebt, schirmen: schirmen auch die Schönheit, schirmen sogar unser Leiden." 8. Bald aber tröstete eine bessere Hoffnung Elias über die Flüchtigkeit seines Glaubens und die UnVollkommenheit seines Glückes. Alle seine traurigen Gedanken vergaß er jetzt, sobald die Hufe seines Pferdes auf Zions Pflaster klapperten, und er am Ende des dunklen Gäßchens durch den Gewölbe- bogen ritt. Und wenn er in dem großen, sarazenischen Hofe abstieg, dann pochte sein Herz wie an jenem Tage, da er zum ersten Male in dieses Haus kam, vor wonniger, geheimnisvoller Ungeduld. Rasch flog er die Treppe hinauf, und seine Hände, die leicht über das Geländer streiften, trugen dessen Bllltenduft mit sich fort. Zwei in Verbindung stehende Räume bildeten die erste Etage: einer war zum gemeinschaftlichen Wohnzimmer ein- gerichtet, der andere zu Cäciliens Boudoir. Seit sie jetzt seltener ausging, konnte Elias fast stets sicher sein, sie dort in lockerer, wallender Kleidung auf dem umgitterten Balkon anzutreffen. Nun strickte sie nicht mehr solche scheußlichen grauen Wollstrümpfe, sondern nähte allerhand zierliche, drollige, ganz weiße winzige Sächelchen, die Elias, zärtlick ge- stimmt, auf dem Kopf seiner Reitpeitsche wirbeln ließ oder vorsichtig um sein gebräuntes Handgelenk schlang. Dann schmiegte er sich an seine Frau, lehnte den Kopf an ihre Schulter und malte sich lange, glückliche Träume aus, während sie ihre zarten Batistarbciten wieder zur Hand nahm, und winzige, schillernde Eidechsen, die auf dem Gitterwerk der Mouscharabis wie blitzende Nadeln auf grünem Lkanevas aussahen, lautlos dahinhuschten. Eines Tages sagte er zu ihr: „Sollte es eine Tochter sein, so wollen wir sie zum An- denken an Baalbeck Astarte nennen und ist's ein Knabe, zur Erinnerung an Byblos Adonis: ist's Dir recht?" „O nein!" rief sie entsetzt aus,„nein, nur nicht diese häßlichen, heidnischen Namen: sie machen mir Angst!" „Machen Dir auch unsere Erinnerungen Angst?" fragte er ganz leise. „Unsere Erinnerungen? Ach, Elias, immer und immer wieder fängst Du von ihnen an. Gilt Dir denn die Gegen- wart nicht ebenso viel wie die Vergangenheit, daß Du unauf» hörlich bei dieser verweilest? Findest Du denn hier kein Glück, daß Du stets anderswo danach suchst?" „Oh doch! Oh doch, mein Lieb, ich bin glücklich, voll- kommen glücklich," beeilte sich Elias, von der Gerechtigkeit dieses Vorwurfes betroffen, ihr zu erwidern. Und in Angst vor einer neuen Verstimmung fügte er betrübt hinzu: „Wenn Du es wünschest, werde ich nie mehr mit Dir vom Libanon reden!" Besänftigt strich sie ihm über die Stirn. „Höre, Schatz, Du mußt mir meine Worte nicht ver» argen, denn mir konimen alle jene Sachen so fernliegend und auch so kindisch vor. Während ich hier nähe, denke ich an anderes, was vielleicht noch ferner liegt, mich jetzt aber viel näher und auch ernster bcriihrt. Ich denke an meine Eltern, an die Kleinen zu Hause, an das Torf, an's Seminar und ich weiß nicht, zu Zeiten rührt mich das alles so, daß ich weinen muß. Sieh, da sind die Tränen schon wieder." Trotzdem jedes ihrer Worte das Herz ihres Mannes auf's tiefste berührte, suchte dieser sie doch zu trösten und cnt» schuldigte sie sogar vor sich selbst: „Das ist doch ganz natürlich. Liebling: die Muttcrschqst lenkt stets zur Kindheit zurück." Abends stiegen sie oft zum obersten Gemach enipor. Dort hatte er sich sein Arbeitszimmer eingerichtet. Ucber- all lagen Trauerstelcn, Knochen, getrocknete Pflanzen und Pergamentfetzen umher. Alles roch nach Tod und Salpeter. Aber am Geländer der Terrasse wuchsen duftende Geranien, Basilikakraut und Rosmarin. Hier breitete man dann Antiochiatcppiche aus und schicktete Damaszenerkissen auf. Assir trug nach Türkenart die Platte auf dem Kopfe herbei und man genoß ein paar Bissen: schließlich streckte Elias sich an der Seite seiner Frau lang aus und rauchte sein Nargileh, dessen Wasserfüllung mit Rosen parfümiert war. Von hier ans sahen sie bei klarem Himmel Jerusalem zu ihren Füßen liegen. Zwei tiefe Täler zeichneten in seine vier Hügel ein schwarzes Kreuz, ein weißer Steinring rahmte es ein. Im Osten schien die sich auf einem ungeheuren Hofe wie auf einer mächtigen Silberplatte erbebende blaue Omar- Moschee bis zu den Sternen emporzureichen. Rund umher ließen vereinzelte Zypressen ihr dunkles Laub wie trauernd und tränenschwer herabhängen. Zur Rechten glitzerten die Triangeln(Jehovahsaugcn) der Synagogen: zur Linken glänzten goldene Kreuze, und etwas näher, fast dicht zu ihren Füßen, sahen sie in der Senkung des Golgathahügels den breiten, unförmig ge- wölbten Dom der Grabeskirche. Hinter ihnen ragte die Davidsburg empor, und etwas tiefer neigte sich ein verwittertes Karawanenserai wie durstig zu einem ausgetrockneten Teich hinab. In diesem Becken soll Bethsabeh gebadet haben, als David sie von seiner Burg aus belauschte. Der Rest der Stadt setzte sich zusammen aus Kuppeln, weiß wie frischgefallencr Schnee, aus Treppen, steil wie Kas» kaden, aus Minarcts, schlank wie Lanzen, aus verfallenen Ruinen, grauen Klostcrmaucrn und lichten Plätzen, wo Kaktushecken ihre phantastischen Spitzenmuster ausbreiteten. Alle Straßen lagen schweigend, alle Häuser dunkel da. Doch um Cäcilie und ihren Gatten sing es an, sich zu beleben. Jerusalem verließ seine niedrigen, düsteren Gemächer und stieg zu den hellen, hohen Plattformen empor. Weiße Gewänder glitten langsam schleppend über die Stufen, Schatten streckten sich auf den Dächern aus, eine leichte Brise wehte und trug den Duft der hängenden Gärten von Terrasse zu Terrasse. Manchmal kam Leben in ein Musselingewand, der Zipfel eines Schleiers wehte, ein Seufzer rang sich empor, zwei ge- spenstische Gestalten umschlangen sich, Geschmeide klirrten, auf der Straße fing ein Hund an zu bellen. Dann versank alles wieder in Unbcweglichkcit und Schweigen. Elias sog heftiger, erregter an seinem Bernstein« Mundstück. Der Schlauch seines Nargclih schwankte wie eine hüpfende Schlange. Gluckernd hoben und senkten sich die Rosen im Wasser der Karaffe. Vom Rauche schimmerte der Hals des Gefäßes opalartig, die Kohle auf dem angefeuchteten Tabak geriet wieder in's Glühen. Auf der gegenüberstehenden Mauer breitete eine Dattel- Palme ihre ruhigen Zweige aus. Es war die einzige Dattel- Palme Jerusalems, die letzte ihrer Art, die der Sage nach aus einem Kerne entsprossen sein soll, den Bilkis, die Königin von Saba, aus dem Palaste Salomos geworfen habe, nach- dem sie diesem das Fleisch der Frucht zwischen ihren Lippen dargeboten. An Ruth, Bethsabe� Bilkis und jene andere, die Su- lamith, die wie„ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle und gebräunt wie die Zelte von Kedar" war, an alle diese dachte Elias. Von der Poesie des Orients und der Bibel berauscht, träumte er von ihnen, während er die Hand seiner schlummernden Frau in der seinigen drückte. Fern, fern am Horizont, dem Schleier einer gehcimnis- vollen Gottheit ähnlich, wogte Moab. 9. Zwischen der Christenstraße und der Golgathaschlucht liegt ein abschüssiges, winkeliges Gäßchen, von niedrigen, drückenden Bogen überwölbt, heimlich und schlüpfrig wie ein schlechtes Gewissen und voller Wohlgerüche wie eine Kapelle. Die Fremden nennen es„Jkouenstraße", die Einheimischen aber..Fälschergasse". Es gehört zum Territorium des heiligen Grabes: kein profanes Geschäft darf dort einen Laden er- öffnen: den Juden ist sogar bei Todesstrafe verboten, hin- durchzugehen.„.. Zu beiden Seiten reihen sich in Brustböhe kleine, in die dicken Mauern gemeißelte Bodennischen aneinander, zu denen die Verkäufer sich mit Hülfe fester, an der Decke angebrachter Stricke emporziehen. Dort sind allerlei in der römischen und griechischen Kirche gebräuchliche Tevotionalien aufgespeichert und ausgelegt: Rosenkränze, Srapuliere, Paradieskarten, Totenhemden, Dornenkronen und Märtyrergeißeln. Dort halten sich auch, hinter ihren Leuchtern hockend, die Maler auf, die zwischen all den Wachskerzen wie in Elfenbeinkäsige eingeschlossene, byzantinische Burschen aussehen. (Fortsetzung folgt.) (Nnckdriut verboten.) Die KatzenprinzelTm* Skizze von Karl Busse. Vor nicht langer Zeit lebte in einer nordischen Hafenstadt eine wunderliche Person. Unbeachtet von den einen, verlacht von den anderen, scheu gemieden von den dritten, konnte man sie täglich zwischen drei und vier Uhr in der Hafengegend erblicken, wo sie bald die Bewegungen eines mächtigen hydraulischen Drehkrans ver« folgte, bald dem Ein- und Auslaufen der kleinen Tampchoote zu- sah. Oft erschien sie auch mit einem altmodischen� Fernrohr be- waffnet und versuchte Namen und Art der schiffe festzustellen, die weiter draußen auf der Recde� lagen. Sie kam mit großer Regelmäßigkeit, und sie kam nie allein. Sondern sie führte an einer roten Lederleine stets eine Katze spazieren, wie man sonst wohl einen Hund führt. Heute war es eine schöne gelbliche Hauskatze der gewöhnlichen Art. morgen eine langhaarige schneeweiße Angorakatze, und einen Tag später die seltenere bläulichschwarze Kartäuserkatze. Diese Reihenfolge war ganz genau festgestellt und wurde nie geändert; stets gleich blieb nur die rote Ledcrleine. Aus dem Kopfe trug d,e Person e,i,cn Kapotthut mit Bändern, die unter dem Kinn verschlungen waren. Eine schwarze Mantille hing ihr über die schultern, und emen kräftigen Schirm führte sie in der Rechten. Sie benutzte ihn wohl als Waffe, wenn ein frecher Köter in altem Rassenhaß sich auf ihre Katze stürzte. Niemand wußte recht, wer sie war und woher sie kam. Erst bor einigen Jahren war sie aufgetaucht und hatte ihre ständigen Besuche des Hafens begonnen. In der Hafengegend wohnte sie auch. Sie bewohnte die linke Seite eines kleinen altertümlichen Hauses. Trat man in den Flur, so sah man rechts eine Tür mit dem Schild eines Schneiders, der für die Seeleute und Hafen- angestellten arbeitete und besonders für Ausbesserungen und Flickereien großes Geschick besaß. Seine Tür ging deshalb oft, während sich die gegenüberliegende nur selten öffnete. Vom Flur aus führte eine Treppe nach oben, unter der verstaubt noch alte Löschgeräte lagen, wie sie in vergangenen Tagen nach polizeilicher Vorschrift jedes Haus besitzen mußte. Auch der Schneider wußte über seine wunderliche Nachbarin nicht viel zu berichten. Wenn ihn einer der Seeleute, die sie unten am Hafen gesehen, danach fragte, zuckte er die Achseln. Die Fenster, die nach der Straße hinausgingen, seien stets verhängt, so daß man nicht in die Stube hineingucken könne. Ueberhaupt scheine bis auf den täglichen Spaziergang die Dame mit ihren Katzen mehr ein Nacht- als ein Taglebcn zu führen, denn zu später Stunde höre man oft noch Geräusche, sie schlurre durchs Zimmer und rede mit ihren Lieblingen unverständliches Zeug. Jeden Mittag bringe eine Aufwartefrau aus einem nahen Wirtshaus Essen, dazu einen großen Topf Milch. Sie müsse dreimal klopfen, dann nehme die alte Dame an der halbgeöffneten Tür alles entgegen, gebe ihre Aufträge für den nächsten Tag und riegle sich wieder ein. Sie hätte einen französischen Namen, den niemand behalten könne; hier sei sie allgemein nur als„Katzenprinzessin" bekannt. Mit diesen Erläuterungen des Schneiders mußte sich die liebe Neugier zufrieden geben. Jedenfalls war die Katzenprinzcssin, die ungefähr fünfzig Jahre alt sein mochte, sehr menschenscheu und sprach mit niemandem, nur eben mit den drei Tieren. Wenn es dämmerig wurde, zündew sie sich im Ofen ein Feuer an. setzte sich auf einen niedrigen Schemel davor und starrte in die tanzen- den Flammen.� Das Zimmer war dunkel, und schwarze Schatten lagen in den Ecken; nur der Schein des züngelnden Feuers warf hierhin und dorthin einen irrenden Strahl, in dem dies und das hell ward und aufleuchtete. Der Schein fiel auch auf das Haupt der Katzenprinzessin. Und man sah darin, daß ihr Haar weiß war und nicht recht zum Alter paßte, das man ihr sonst zucrteilcn mochte. Uird jedesmal, wenn sie vor dem Feuer saß, dachte die Katzen- Prinzessin an dasselbe. Sie dachte an ihren Mann. Er war tot seit vielen Jahren. Sie dachte an ihre drei Knaben. Sic waren in wenigen Monaten hintereinander gestorben. Sie dachte an ihre furchtbare, grenzenlose Einsamkeit, und allmählich kam das Entsetzen über sie, bis sie sich jäh umwandte und„Toki" rief. Es war wie ein Aust'chrei. Tann sprang plötzlich mit einem geschmeidigen Sprung die weiße Angorakatze auf ihren Schoß, und die knöchernen Hände der Alten wühlten sich in das seidige Fell. Mit Inbrunst drückte sie das Tier an sich, das sich behaglich schnurrend die Liebkosungen gefallen ließ. O, nun war sie nicht mehr allein, nun war neben ihr etwas, was lebte, was sich an sie schmiegte— Toki, der Lieb- lingl DaS Grausen wich. Und bald darauf rieb sich Lord, der Kartäuser, an ihrem Kleid, während U belle Cecile, das zierliche Hauskätzchen, sich kokett vor dem Schemel, in die Nähe der wärmenden Flamme, legte. Stundenlang unterhielt sich die Alte mit den dreien. „Der Wind braust, Toki, mein Liebling," murmelte sie..Es wird eine Nacht wie damals, wo Herrchen nicht wiederkam. Hast ihn nie gekannt, und wer weiß: Du hättest es wohl nicht gut gebabt. Tic Katzen und die Weiber, hat er gesagt, sind falsch seit Erschaffung der Welt. Wir sind nicht falsch, Toki— puh, wie braust der Windl Geh nicht aufs Schiff, jeder kommt darauf um, auch das Herrchen. Liegt im kalten Wasser, ich hätt' ihn nicht fortlassen sollen. Was siehst Tu nach der Tür, Lord? Ich lass' Euch nicht heraus, wenn es Nacht wird; man kann nicht allein bleiben. Seht an, wie behaglich es hier am Feuer ist. Wärmt es gut, Mademoiselle?" Sic bog sich zu In belle Cecile nieder, die einen Buckel machte, und kraute ihr den Kopf. Dann redete sie weiter, fragte, ant- wartete selbst, kam auf Mann und Kinder und saß, bis das Feuer herabgebrannt war und nur schwach noch glimmte. Grün und phosphoreszierend leuchteten dann die Katzenaugen durch die Stube, man hörte Lord spinnen, und Toki drückte sich fester an die Herrin. „Es wird Zeit, meine Lieben," hieß es dann, uird gefolgt von den unhörbar austretenden Tieren ging sie in das Schlaf- zimmer, das neben der Wohnstube lag. Vor dem Bett standen, sauber und gut mit Heu und Flicken ausgepolstert, drei Körbe. Tarin schliefen die Katzen. Während die Alte so weltabgeschlosscn dahinlebte, ward es in der Nachbarschaft immer unruhiger. Die Leute blieben an den Straßenecken stehen und tuschelten miteinander. Die flinken Boote der Hafcnpolizei fuhren öfter nach den großen Schiffen hinaus, die draußen lagen.„Es kam von Bonibay," flüsterte man sich einander zu.„der Steuermann soll schon tot sein." Ein paar Tage später ward der Hafen für pcstvcrdächtig erklärt. Die Katzenprinzessin wußte davon nichts, und Wenn sie es er- fahren hätte, würde sie gleichmütig geblieben sein. Da sollte die furchtbare Seuche, in ganz anderer Weise, als man es denken konnte. doch auch in ihr Leben greifen. Der Schneider ihr gegenüber hatte sich schon mehrere Tage lang matt gefühlt. Dann brach ein heftiges Fieber aus, das immer höher stieg. Man versuchte es erst mit Hausmitteln. Als sie nichts halfen, rief man den Arzt. Es war ein vielbeschäftigter Armenarzt. Er stellte Typhus fest. Erst am nächsten Tag erkannte er die Krankheit und meldete der Polizei einen Fall von Beulenpest. Das ganze Hafenviertel geriet in Auf- rühr. Der Flickschneider, der, wie festgestellt wurde, außerordentlich viel mit Schiffspersonal zu tun hatte, wurde sofort in die schnell errichtete Pestbaracke gebracht; seine Angehörigen als pcstverdächtig isoliert; ein großer Teil der Habseligkeiten verbrannt. Das geschah an einem Vormittag. Am Nachmittag gegen vier Uhr— es war ein herbstlicher Septembertag— klopfte eS kräftig an die Tür der Katzenprinzessin. In lebhafter Unruhe, als ahne sie Schlimmes, sah sie durchs Schlüsselloch. Sie konnte nichts er- kennen. Da klopfte eS noch lauter.„Hier wird nichts gegeben," rief die Alte und sebob noch extra den Riegel vor. „Ich bitte zu öffnen— im Namen des Gesetzes l" Aber die Aufforderung mußte wiederholt werden, ehe die Katzcnprinzessin ihr nachkam. Vor chr stand ein Polizeioffizier. Sic musterte ihn mit halb feindseligen, halltz ängstlichen Blicken. „Madame," sagte er und grüßte höflich, während er seine Blicke durchs Zimmer schweifen ließ,„es tut mir leid, daß ein dienst- 1 lichcr Auftrag mich zwingt, Sic zu belästigen. Es wird Ihnen bc- kannt sein, daß in diesem Haus leider ein Fall von orientalischer Bculenpest vorgekommen ist. Da bekannt ist, daß Madame sehr zurückgezogen lebten und mit den Nachbarn in keiner Verbindung standen, ist der Beschluß, Madame unter ärztliche Kontrolle zu stellen, vorläufig noch sistiert worden. Dagegen ist aus sanitären Gründen auf Vernichtung aller Haustiere erkannt worden, da sie erfahrungsgemäß in ganz besonderer Weise Krankheitsträgcr und -Vermittler sind. Madame werden mir mein schweres Amt er- leichtern und gutwillig die drei Tiere"— er deutete auf die Katzen —„herausgeben." Astf einen Wink war hinter ihm ein Mann erschienen, der einen Sack trug. Verständnislos hatte die Katzenprinzesfin zugehört.„<>ch ver- stehe... Sie nicht, mein Herr." sagte ste und zitterte doch...Zch soll... die Katzen... aber das sind mit Ihrer gütigen Er- laubnis meine Tiere!" .Gewiß. Nur werden Madame begreifen, daß zur Beruhigung und zum Schutz der Allgemeinheit alles geschieht, was zur Bc- kämpfung und Verhinderung der Seuche geeignet erscheint. Der Defehl trifft Sic hart, aber ich habe bestimmte Order, die ich aus- führen muß. Ich bitte Madame also, die Tiere abzuliefern." Immer mehr war die Alte zurückgewichen. Dann schrie sie auf:„Nie! Niemals! Eher mag man mich selbst töten! Toti, Lord, Cecile— heran!" Achselzuckend wandte sich der Offizier zu seinem Begleiter. „Tun Sie Ihre Schuldigkeit!" Und wie der Blitz sprang der Mann zu. Mit kläglichem Miauen war In belle Oecile im nächsten Augenblick im Sack verschwunden. Verzweifelt rang die Alte die Hände.„Erbarmen. Herr— nehmen Sie mir alles, nur lasten Sic mir die Tierchen!" Doch schon ward Lord, der Kartäuser, der schönen Cecile nach- gewandert. Da merkte sie, daß es hier kein Erbarmen gab.„Toki, Liebling— hussa hop!" Mit einem Sprung war die Angorakatze auf der Kommode, mit einem zweiten auf der Schulter der Herrin. .Wag' es keiner, heranzukommen und mich anzurühren," rief sie wild, und ihre Augen brannten. Die Katze fauchte auf ihrer Schulter.„. u „Sie erschweren uns die peinliche Aufgabe unnötig, Madame. „Barbaren seid Ihr!" gellte die Alte,„was tat ich Euch? Nicht mal die armen Tiere—" Sie kam nicht weiter. Mit raschem Griff hatte sich der Unter- bcamtc Tokis bemächtigen wollen, aber mit einem Fluch riß er die Hand zurück. Eine blutige Schramme zog sich über ihren Rücken. Das machte ihn wütend. Und ob sich die Katzcnprinzessin auch wie eine Verzweifelte wehrte, ob Toki selbst in der Vorahnung seines Schicksals heldenmütig kämpfte, es half nichts. Eine eiserne saust packte ihn nach wenigen Minuten im Genick, und der Sack öffnete und schloß sich zum drittenmal. Unfähig zu schreien, halb gebrochen, starrte die Alte daraus hin. Sie sah nicht die Grußbewegung des Offiziers, sie sah nur, wie die Tür in den Angeln ging, wie hinter dieser Tür der Tack ver- schwand, der ihre Lieblinge barg. Einen Augenblick ward es ihr schwarz vor Augen. Sie tastete»ach einer stütze. Dann jedock) raffte sie sich auf. Und mit einer Geschwindigkeit, die»iemand ihr zugetraut hätte, stürzte sie mit bloßem Kopf den Männern nach. Drunten in der Straße sah sie sie noch. Und mit den» einen wilden Ruf:„Toki— Toki!" folgte sie ihnen. Die Passanten blieben erstaunt stehen, die Matrosen lachten, die Gasten- buben äfften ihr nach, alles drängte sich an sie heran, bis jemand schrie:„Achtung, Leute— es ist die Katzenprinzessin!<-ie wohnt im Vesthaus!" Im Nu zog sich alles entsetzt zurück. Der Polizcioffizicr, der sich umgewandt hatte und gern jedes Aufsehen vermeiden wollte, winkte einen Wagen heran. Ter Wagen rasselte davon, die Alte mochte laufen, so schnell ihre Beine sie trugen—• im Gewirr der Gasten war das Gefährt ihren Blicken bald entschwunden. Mit irren Augen sah sie sich um. Der Ruf:�„Sie kommt aus dem Pcsthanö" war ihr nachgefolgt. Sie sah sich allein �— scheu gemieden. Ter Wind hob ein paar Strähnen ihres weißen Haares, sie hatte den Kapotthut vergcstcn.„Toki— Toli!" riefen fern noch die Gastcnbubcn. Eine Stunde und länger war sie so aus den Straßen. Ein feiner Sprühregen fiel. An einer Ecke stand sie still. Was wollte sie noch weiter? Sie kam nach Hanse. ES begann zu dämmern. Mechanisch legte sie wie gewöhnlich Holz und Kohlen in den Lsen, die Herbst- abende waren hier oben kühl. Tann setzte sie sich auf den niedrigen Schemel und starrte in die Flannnar Sie dachte auch heute an ihren Mann, an ihre drei Knaben. Sie dachte an ihre furchtbare, grenzenlose Einsamkeit. Und wie stets, so kam auch heute allmählich das Entsetzen über sie, daß sie von allen verlassen war. Wie stets weitete es ihre Augen, umgab es mit lähmender Furcht, die immer größer und großer ward, bis sie auch heute sich jäh umwandte und„Toki" rief. Was war das? Es kam keiner. Niemand sprang auf ihren Schoß. Nichts regte sich. Nur die Schatten standen unheimlich in den Winkeln und an den Wänden, gespenstisch tanzte hier und dort der Widerschein der züngelnden Flammen und machte die Schatten «och dunkler. „Toki— Toki!» Nichts, gar nichts. Nur das dunkle Zimmer. In tvahn- sinniger Angst stürzte ste vom Ofen fori. Was lag da? Die rots Leine, die Lederleine, mit der sie die Lieblinge spazieren geführt! Sie raffte sie auf, sie schrie, wimmerte. Das Einsetzen packte sie iimncr stärker. Ihr war, als erhielt das Leblose Gewalt über sie, als stände dort etwas an der Tür und drohte ihr. Wie gehetzt floh sie ins Schlafzimmer. Sie stieß an einen Korb und warf ihn um. Die Körbe loarcn leer— alle drei. Schreiend lief sie zurück, durchs ganze Haus gellte ihr Rufen. Aber das Haus war leer. Keiner hörte sie. Wenn sie wenigstens hinaus könnte! Aber an der Tür stand etwas und drohte. lind die furchtbare, grenzenlose Einsamkeit I Jn der Hand hielt sie noch immer die Leine.„Toki— Toki!"'Die Skimme klang blechern. Bis zur Erschöpfung hetzte sie das Entsetzen durch die Räume— vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und wieder zurück... Der Aiistvartesrau. die sich am nächsten Morgen in das Haus gewagt halte, ward auf dreimaliges Klopfen nicht geöffnet. Als sie einen Tag später wieder vergeblich gepocht, benachrichtigte sie die Polizei. Mail erbrach die Wohnung und fand die Katzen- Prinzessin' tot. Sie hing am höchsten Riegel des Fensters. Die rote Lederleine Tokis harte ste vom Entsetzen und der Einsamkeit i'acs Lebens befreit.— Kleines feuilleton. '— Eigenartiges Sprachgefühl. Wir lesen in den.Münchener N. Nachr.": Bekannt ist ja einem jeden von uns, daß jede Sprache einen anderen Charakter hat. daß die eine Sprache uns weich und melodisch umschmeichelt, während eine andere mit ihren rauhen, kernigen Tönen ganz andere Stimmung erweckt. Um ganz der- schieden- Eindrücke zu erhalten, denke man z. B. a» den Wort- klang des Altgriechischen, des Lateinischen, des Italienischen, Französischen: Welch' eine Fülle musikalischer Emvfindungcn er- wecken diese Sprachen in uns! Zweifellos steht dieser musikalische Eindruck, den wir von den einzelnen Sprachen erhalten, in gc- wissem inneren Zusammenhang mit dem Charakter des Volkes, doch läßt sich dies leichter fühlen, als in Worte fassen. Ob es uns je gelingen wird, diese Beziehungen präzis zu formulieren, sei dahin gestellt; daß sie aber bestehen, kann keinem Zweifel unterliegen. Auch innerhalb eines jeden Volkes gibt es Nuancicrungcn der. Sprache, die wiederum nichts Zufälliges sind, sondern in organischem Zusammenhang mit dem betreffenden Bolksstamm stehen. Hier ist die Unterscheidung natürlich noch schwieriger. Wenn eS sich nicht gerade um charakteristische Worte handelt, wie z. B. um polnische Ortsnamen oder um Namen mit der Endung„iugen". die auf Württemberg oder Baden lenkt, dürfte eS in der Regel schwer. wenn nicht unmöglich fein, zu sagen, dies oder jenes Wort muß sächsisch, schlesisch, bayerisch usw. sein. Wie es scheint, läßt sich aber durch andauernde Uebung die Feinheit des Sprachgefühls bedeutend verschärfen. Tie folgenden Mitteilungen darüber verdanken wir einem hochgebildeten Postbeamten in Nürnberg. Nach ihm nehmen Postbeamte, die sehr viel oder seit Jahren ausschließlich mit der Spedition von Korrespondenz zu tun haben, insbesondere Bahn- Postbeamte, als zum letzten Mittel ihre Zuflucht dazu, Briefe und dergleichen„nach dem Gefühl" zu spedieren. Sic versenden nämlich folckie Sendungen mit unbekannten oder in den Verzeichnissen nicht auffindbaren Bestimmungsorten nach dem Klang des Wortes, d. h. sie senden solche Briefe einem größeren Orte der Provinz, welcher. wie sie mutmaßen, der Ort angehört, oder einer Bahnpost derselben zu, in der Hoffnung- daß dann irgend ein Bcainicr dort den Be- stimmungsort kenne.' Diese Hoffnung erweist sich meist auch als begründet. Dieses Gefühl ist bei solchen Speditionsbcamten derart entwickelt, daß man oft aus dem Klang des Wortes schließt,„das muß in Niedcrbayern oder oberpfälzisch sein"; das klingt preußisch, brandcnburgisch, schwäbisch, schlesisch, thüringisch usw. Wie schon bemerkt, handelt es sich dabei nur um Orte, von denen mau noch nie gehört hat und die keinen typischen Klang haben. Dieses spezielle Sprachgefühl entwickelt sich allmählich und unbewußt. Nach einigen Jahren trifft man beim„.spedieren nach dem Gefühl" etwa in zehn Fällen neunmal das Richtige.— ie. Tic Verwertung von Frühlingsblumen. Die in den ersten Frühliugsmonaicn März und April erscheinenden Blüten erfreuen sich begreiflicherweise einer besonderen Vorlieoe seitens der Menschen. Zwar kann man jetzt Blumen zu jeder Jahreszeit haben, aber im Winter weiß man. daß sie in einem Zusammenhang mit einem langen Eisenbahntransport oder mit mehr oder weniger unnatürlichen Wachstumsbedingungeit stehen, und im Sommer gibt es wieder zu viel Blumen, als daß auch die einfacheren und gc- wohnlichen einzeln geschätzt werden sollten. Im Frühjahr dagegen hat fast jedes Blümchen seinen Rang, auch wenn es nicht so be- sondere Eigenschaften hat wie das Veilchen durch seinen Geruw, das Schneeglöckchen durch seinen Triumph über die winterlichen Schnee- restc und andere mehr. Außerdem haben die Frühlingsblumen vereinzelt auch ihre besondere Verwertung gefunden. Einen medizinischen Gebrauch findet eine bekannte Art des Himmel- schlüsselS, die deshalb auch mit dem lateinischen Zunamen olficina'.is oder mit der deutschen Bezeichnung Apothckerprimcl belegt wird. Sic wächst in lichtem Gehölz oder auf trockenen Wiesen. Ein Auf- gust der Blüten gilt als Heilmittel gegen Erkrankungen der Atmungsorgane, gegen Migräne und gegen Schwindel. Primel- tee wird für ebenso beruhigend gehalten wie Lindenblütentee und soll sich durch guten Geschmack und Duft auszeichnen. Die groß- blütige Primel unserer Gärten besitzt die gleiche Eigenschaft, aber in geringerem Grade. Das Veilchen hat gleichfalls einen Ruf als Arzt, da aus seinen getrockneten Blättern auch ein Tee bereitet wird, der gegen Husten nützen soll; ferner werden sie verschiedenen Säften beigemischt, die gegen Brustkrankheiten verabreicht werden oder auch anderen Medikamenten, denen sie wenigstens einen an- genehmen Geschmack mitteilen sollen. Daß die Veilchen in der Be- reitung von Parfüms zum Gegenstand einer ansehnlichen Industrie werden, braucht nur in Erinnerung gebracht zu werven. In dieser Hinsicht wurden sie schon vor Jahrhunderten geschätzt. Die Schönen im alten Athen trugen besonders gern Veilchenkränze in den Haaren, und aus dem berühmten Tal von Tempe brachten die Land- bcwohner jeden Morgen ganze Körbe voll Veilchen nach dem atheniensischen Markt. An feuchten Stellen ist die frühste Blüte der Huflattich, dessen Blätter vom Volk mit Pferde- oder Esels- Hufen verglichen worden sind. Im Mittelalter wurde diese Pflanze mit dem hübschen Namen ülius ante patrem(Der Sohn vor dem Vater) bezeichnet, weil die Blüten bei ihr vor den Blättern er- scheinen. Wegen ihres starken und angenehmen Geruchs hat man seit alter Zeit die Blüten des Huflattich als heilkräftig für Brust- leiden betrachtet, und der lateinische Gattungsname Dussilaxo hängt mit dem lateinischen Wort tussio, der Husten, zusammen. Neuerdings freilich hat man dieser Arznei jede Wirksamkeit be- streiten wollen. Neben dem Huflattich erscheint auf nassem tonigen Boden der Pestwurz, fälschlich auch großer Huflattich ge- nannt, dessen Wurzeln früher als Mittel gegen die Pest gesammelt wurden. Von dieser Schätzung ist man längst zurückgekommen, und auch die allerdings vorhandenen Eigenschaften der Blüten als Mittel zur Beförderung des Schweißes sind zu geringfügig, um sich Beachtung zu erobern. Zu den bekanntesten Frühjahrspflanzen gehört ferner das Lungenkraut, das früher in Europa als Gemüse gegessen oder an Fleischsuppen und Eierspeisen getan wurde, weil es einen stärkenden Einfluß auf Lunge und Herz haben sollte. In Gestalt von Tee sollen die Blüten, denen man zuweilen auch Blätter hinzufügt, gegen Brustkrankheiten helfen, jedoch ist diese Wirkung nicht derart, daß der vielvcrheißende Name Lungenkraut gerechtfertigt wäre. Dann kommt ferner die Kuhblume, die früher gleich- falls ganz besonders geschätzt und benutzt wurde, und zwar als Mittel gegen die Pocken und die Pest. Entweder wurden die Blüten in Milch oder Bier gekocht, oder es wurde ein Essig daraus ge- Wonnen. Außerdem wird, wie wenigen bekannt sein dürfte, aus den gelben Blütenblättern der Kuhblume durch Anwendung von Alaun ein Farbstoff gezogen, der in der Industrie Benutzung findet. Wie verschiedene andere Gewächse, die vom Volk als Butterblume bezeichnet werden, sollen die Kuhblumen, wenn sie reichlich auf der Weide stehen, der aus der Milch gewonnenen Butter eine mehr gelbe Farbe verleihen; auch wird jener künstlich gewonnene Färb- stoff von Landlcutcn gelegentlich zum Färben der Butter gebraucht. Die in Essig gelegten Knospen gelten als ein Ersatzmittel für Kapern, ebenso wie die Knospen des Ginsters. Die Ginsterblüten werden übrigens noch immer reichlich als Arznei benutzt, und zwar in der Gestalt von Tee oder Syrup gegen Gicht, chronischen Rheumatismus, Skropheln und Verstopfung. Ihr gelber Färb- stoff wurde zur Herstellung einer Farbe und eines Lacks benutzt, der von Malern sehr geschätzt wurde. Die Blüten des Maiglöckchens dienen jetzt vorzugsweise zur Parfümierung von Seifen, und vor alters bereitete man aus den getrockneten Blüten Scknupfpulver, die gegen Kopfleidcn dienen und nervenstärkend wirken sollten. Außerdem machte man daraus. Tränklein zur Herzstärkung, gegen Schlagfluß, Lähmung und Krämpfe. Namentlich in Deutschland benutzte man sie vorzugsweise als Beimischungen zum Wein. Die neuere Wissenschaft hat damit aufgeräumt, nachdem sie nachgewiesen hat, daß der Maiglöckchensaft aus das Herz nicht anders wirkt als der des giftigen Fingerhuts. Dadurch wird er zwar gerade wie dieser zu einem Heilmittel, das aber mit großer Vorsicht zu ge- brauchen ist.— Theater. G a st s p i e l des Moskauer Künstlerischen Theaters.„Ein Volksfeind". Schauspiel von Ibsen. — Auf Alexe i Tolstois„Zar Fedor", Gorkis„Nachtasyl" und die beiden Tschcchowdramen ließ die Moskauer Truppe als Abschluß ihres glänzenden Berliner Gastspiels die Aufführung von Ibsens „Volksfeind" folgen. Wieder war es eine hochbedeutsame Leistung, wieder rauschten nach jedem Fallen des Vorhanges minutenlang die stürmischen Ovationen durch das Haus."Aber jener Eindruck eines ganz neuartig und zwingend Ueberzeugewden, den ihre Dar- stellungen aus dem russischen Leben hervorriefen, vermochte diesmal nicht wohl aufzukommen. Man kann Ibsen sehr gut und dabei doch in vielem anders als auf dcni Brahmschen Theater spielen, das zeigten die Russen, nicht, daß man ihn besser spielen kann. Ein Vergleich der beiden„Volksfeind"-Aufführungen läßt keinen Zweifel, daß die Brahmschc, was die Färbung der großen Volksversammlungs- szcne und die Auffassung des Helden anlangt, jedenfalls JKsenscher war, den Intentionen des Dichters wie dem nortvegisch kleinstädti- sehe» Milieu sich bei tveitem enger anschloß. Stanislawski, Direktor, Regisseur und zugleich einer der ersten Schauspieler dieses an hervorragenden Talenten über» reichen Ensembles— sein Satin in dem„Nachtasyl" war eine Schöpfung von geradezu überraschender Originalität—, bot in der Rolle Stockmanns eine höchst sympathische, höchst fesselnde, mit lückenloser Konsequenz durch alle Szenen durchgeführte Charakteristik, die aber, so vorzüglich alle die Einzelzüge zueinander stimmten, mit dem Typus, den der Dichter im Auge hatte, gewiß nicht zusammen- fiel. Der Jbsensche Stockmann ist bei aller kindlichen Harmlosigkeit ein Mensch von robuster Ellbogenkrast, der, wenn die Binde seines vertrauenseligen Optimismus endlich einmal abfällt und er die honetten Leute in ihrer nackten Niedertracht erblickt, mit jjer vollen Wucht seines cholerischen Temperaments in den Kampf stürzt, dem es Lust macht, hageldicht nach rechts und links die Hiebe aus- zuteilen. Ein grundehrlicher Bursche, lieb, aber ganz und gar nicht dazu angetan, Empfindungeit der Ehrfurcht auszulösen. Seine Kindlichkeit hat nichts ätherisch Weltentrücktes, es steckt ein Stück von unbekümmert lustigem, leichtem Jungenübermut dahinter. So hat der Dichter die Gestalt gezeichnet, so hat sie Bassermanns Spiel in wundervoller Plastik auf die Bühne hingestellt. Wenn der Er- sckcinung überhaupt noch etwas zur vollkommenen Jllusionskraft fehlte, war es ein bißchen Korpulenz, mit der die Phantasie des Lesers unwillkürlich das Bild des Doktors ausstattet. Stanislawski vergeistigt den rüstigen Erdensohn; man erkennt ihn kaum wieder. Das Ungestüm ist ausgetrieben. Dieser weißhaarige, kurzsichtige, in gebeugter Haltung einhcrschreitende Gelehrte mit dem ruhig ge- dämpften Organ hat einen Ausdruck stiller, unbeirrbarer Güte in dem blassen Gesichte, daß man gar nicht glaubt, er könne ernstlich zürnen. Die Entrüstung huscht nur, plötzlich auftauchend, über die Züge hin, ohne eine weitere Spur in ihnen zurückzulassen. Sie ist mehr ein Erschrecken über menschliche Gemeinheit, als eine an die Nieren gehende Empörung. Die eingewurzelte Gewohnheit wissenschaftlich objektiven Denkens scheint ihm die Fähigkeit, nicht zur Liebe, wohl aber zum Haß geraubt zu haben. Er sieht die Dinge aus einer Distanz, in welcher sie sein Blut kaum mehr in Wallung setzen können; tvenn er die Aslaksen und Hovstad im letzten Akte ihre Infamien auskramen hört, malt sich nicht verhaltener Grimm in seinen Zügen, sondern die Lust des Forschers, der sich des Kuriositätsreizes freut, an zwei so klassisch ausgeprägten Exemplaren die Bosheiten der Gattung Mensch nachdenklich zu studieren. Auch in der Volksversammlung bleibt er von Anfang bis zu Ende bis- zipliniert, beherrscht. Es sieht so aus, als schleudere er nicht töd- liche Anklagen in die Menge, sondern als doziere er ihnen eine sehr wichtige, neugewonnene Erkenntnis und sorge einzig darum, daß ihnen von dem Gedankengange nichts entschlüpfe. Etwas Rührendes, Hohes, ohne jede Pose Feierliches geht von dem Stockmann Stanis- lawskis aus; es ist eine Ilmdichtung des Typus, wie sie nur einer sehr bedeutenden Künstlerpersönlichkeit gelingen kann, aber doch eben Umdichtung, die sich als solche dem Dienste unmittelbarer Jnter- pretation des von dem Dichter Geschaffenen bis zu gewissem Grade entzieht. Luschsky in der Rolle von Stockmanns Bruder, Katschalow in der des kleinlich bornierten, schadenfrohen„alten Dachses" erfreuten durch außerordentlich eindrucksvolle, fein aus- gepinselte Porträts. Das Zusammenspiel war, wie in allen früheren Aufführungen, musterhaft. Die Volksversammlung hatte offen- sichtlich statt des norwegischen russisches Kolorit. Die immer neuen Demonstrationen, das Sicherheben von de» Plätzen, der gclvaltige Applaus, tas instinktive Mitagicren der Versammelten gemahnte in seiner rastlosen Lebendigkeit an die Ovationslust der russischen Landsleute im Zuschauerraum. Diese Art von Umnationalisierung einmal als berechtigt zugegeben, war der malerisch bunte Aufbau, die sichere Bewegung der Massen ein wahres Kunstlverk der Regie.— dt, Humoristisches. — Gerechtfertigter Wunsch. Beim Minister des Jimern hat ein Herr Audienz, der wegen Nameiisveränderung petitioniert. „Wie heißen Sic?" „Mein Name ist: Z i e tz." „Ja. das ist doch ein ganz schöner Name; weshalb wollen Sie ihn denn ändern?" „Ich Hab' doch ein Geschäft! Und sowie ich am Telephon sage: H i e r Z i e tz! ruft der andere immer: Machen Sie die Tür zu!"— — Nachlässigkeit. Sommerfrischler:„Da hat ja die ganze Nacht ein Ferkel unter meinem Bett geschlafen I" Bäuerin(entrüstet zur Magd):„So a Nachlässigkeit von dem Frauenzimmer; wenn der dicke Kerl mit dem Bett zusammengefallen wär', nacha hätt' er das ganze Schwei»! zu Brei gequetscht!"— („Lustige Blätter".) — Der hygienische Wirt. Im Restaurant zur„Blauen Kugel" haben sie' neue hygienische Spuckuäpfe aufgestellt.— Der kleinste Pikkolo steht in stummer Betrachtung vor so einem Ding, räuspert sich und spuckt in einem fort hinein. Der Wirt, der das sieht, springt auf den Pikkolo zu. erwischt ihn bei den Ohren und brüllt ihn an:„LauSbub', wenn Du spucken willst, spuck' auf d' Erd'l Dö Spuckuäpf' san für die Gäste da, verstanden!"— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrc i n.VcrlagsanstaltPaul Siugcr L:Co.,Berlin L VV.