Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 58. Freitag, den 23� März 1906 (Nackidruck verboten.) Die Sroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. löt Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred 4>euter Bleich und regungslos sieben sich die Maler scharf von dem Goldgrunde der Heiligenbilder ab, während unter ihren halb- geschlossenen Augenlidern, die beweglichen Augäpfel hin und herrollend, die Straße auf und abschielen, rasch einen Blick nach rechts werfend, dann wieder nach links spähen, die Kunden am liebsten hypnotisieren und den Konkurrenten er- dolchcn möchten. Weibisch schmachtend benehmen sie sich in Gegenwart der armenischen Popen mit den lang herabhängen- den Frauenfrisuren und den Witwenschleier, die mit Vorliebe das Bild eines zarten, feurig blickenden heiligen Johannes kaufen, der ein wenig den Heiligenbilderverkäufern selbst ähnelt. Geht aber ein an seiner Brille kenntlicher Franchi (Franke) vorbei, so verwandeln sie sich rasch in Antiquitäten- liebhaber, sogleich schiebt sich der Kerzenvorhang zur Seite, prahlerische Anpreisungen schwirren von rechts und linkt, gierige Hände krallen sich an den Fremden, eine geheimnis- volle Klappe öffnet sich im Hintergrunde des Ladens: fabel- hafte Altertümer, die stark nach Salpeter riechen, kommen zum Vorschein. „Herr, hier ist das authentische Szepter Salomos." „Herr, dies ist die Lampe der Aeltesten von den sieben klugen Jungfrauen aus der Bibel: schau her, hier siebsi Du auf dem Boden noch etwas eingetrocknetes Oel. „Und Herr, für Dich, aber auch nur für Dich gebe ich diese edomitische Stele her, oder, wenn Du sie lieber haben möchtest, Davids Harfe, in der noch seine Psalmen nach- klingen!" Denn scheinen diese Jcrusalemer Maler auch hauptsächlich von ihren Pinseleien für die Pilger zu leben, so ziehen sie doch ihr Haupteinkommen aus den für Touristen angefertigten Antiquitäten, von denen manche so geschickt nachgeahmt sind, daß sich sogar Kenner dadurch täuschen lassen. Von diesen Schwindlern war Slamin, der Bastard, der geriebenste. Er war aber auch der liebenswürdigste Galgenstrick von ganz Palästina. Zierlich, elegant, mit mandelförmigen, der- schleierten Augen, blendenden Zähnen und katzenhaft geschmei- digen Bewegungen, hatte er sich unter den Sammlern eine große Kundschaft erworben: denn er verstand den oft zur Manie gewordenen Schrullen eines jeden zu schmeicheln und mit Intelligenz, im Brustton der Ueberzeugung voller An- mut zu lügen. Den Engländern erzählte er, daß er der flüch- tigen Verbindung einer berühmten Lady mit einem Beduinen- scheik entstamme: den Franzosen log er vor, er verdanke sein Dasein den verdammungswürdigen Liebesfreuden eines ma- ronitischen Bischofs und einer drusischen Nonne. Von allen Sprachen hatte er ein paar Brocken aufge- schnappt und gehörte der Reihe nach— wie es seiner Börse gerade am besten bekanr— allen Religionen an, allerdings mit Ausnahme des Protestantismus, den er den„Katholizis- mus für Arme" getauft hatte. Heiligenbildermaler und Stelengraveur während der Pilgersaison, wurde er im Sommer Karawanensührer in der Wüste, wo er bei den Beduinen gegen billige, runde, blei- gefaßte Spiegel und Holzkäninie Säcke voll Mais und Füllen von reinem Blute eintauschte. Manchmal kam es auch vor, das er ein paar jener braunen Wüstenmädchen in Harems verkaufte. Seine Adoptivmutter war das erste Klageweib Jerusalems, sein Halbbruder Barbier und seine Milchschwester eine der gesuchtesten Enthaarerinnen. Bereits seit seiner Ankunft in der„Heiligen Stadt" kannte Elias Janiain den Allerwelts-Slamain. Denn von Anfang an hatte dieser ihn mit seinen Fälschunaen verfolgt, deren Echtheit bei allen Göttern seiner verschiedenen Kon- fessionen beschwörend. Wies Elias ihm jedoch auf den ersten Blick den groben Betrug nach, so fing er an zu lachen, daß man seine hübschen blitzenden Zähne sah und sagte mit dem unschuldigsten Gesichte: „Ach, wirklich! Keine Möglichkeit. Mosjö reinzulegen. Ich das gemacht haben zum Spaß, aber jetzt wir beide Freunde, gute Freunde, nicht wahr, Mosjö?" Und er reichte Elias beide Hände mit so viel Grazie und Freimut hin, daß dieser sich sagte:„Vielleicht hat er mich wirklich nur auf die Probe stellen wollen." Und da der Bastard eine seltene Pfiffigkeit und ungewöhnlichen Mut be- saß, bediente er sich Slamins öfters bei seinen Nach- sorschungen. Ueberhaupt schlenkerte Elias gern durch das Ikonen- gäßchen mit seinem fahlen Kerzenschein und süßlichen Weih- rauchduft, wo Popen und Klöstervorsteher in der Kleidung byzantinischer Kaiserinnen, von Ranchfaß- und Kerzcnträgern begleitet, vor den kleinen Buden ihren Bedarf an Bcleuch- tungs- und Weihrauchmaterial einkauften. Einige an den Gewölbedecken angebrachte Oeffnungen sind die einzigen Lichtquellen für diesen Ort, und reckt man den Kopf empor, so kann man gelegentlich das die Oeffnung verdunkelnde Gesicht eines Beduinen oder die Astrachanmütze eines Persers sehen. Denn die andere Seite des Daches ge- hört den Türken, die dort ein Karawanserai für die auf der Rückreise von Mekka befindlichen Pilger erbaut haben. Die Gebete der Moslennn von oben vermischen sich mit den„Herr, erbarme dich!" von unten, und so bleibt das kleine, von der Christenstraße zur Basilika der Grabeskirche führende Gäßchen stets zwischen zweierlei Konfessionen eingekeilt. Am meisten interessierte es Elias, Slamin bei der Arbeit zuzusehen. In einer dunklen Ecke seiner Grotte hockend, wo selbst eine Nachteule nichts hätte sehen können, pinselte er ohne Vorbild oder Modell ein Bild nach dem anderen hin, wobei er sich seiner linken Handfläche als Palette bediente und die Pinsel zwischen die Fußzehen klemmte. Zum Firnissen zog er aus seinem Ohr einen in Oel getauchten Wattebausch, den er nachher wieder an seinen alten Platz steckte. Und während er das feuchte Bild zusammenrollte, fing er auch schon mit einer in frommer Extase vor seiner Bude stehenden Matuschka(russisches Mütterchen) zu handeln an: „Vier Rubel, mein Engelsmütterchen: dafür ist es rein geschenkt: nur weil Du es bist!" „Vier Rubel! Ach Gott, wo sollte ich die wohl her- nehmen? Habe bloß einen einzigen in meinem ganzen Ver- mögen Gib schon her! Gott wird ihn vervierfachen!" Und während er ein griechisches Kreuz über das Bild schlug, riß er es mit einer solchen Fingerfertigkeit, daß die Alte nicht das geringste merkte, in vier Stücke. „Ein Wunder!" schrie er auf.„Jesus hat ein Wunder gewirkt. Aus einem Bilde hat er vier gemacht. Einen Rubel das Stück!" Und an die zusammenströmenden Muschiks verkaufte er hier einen Arin, dort ein Bein und löste so mit Leichtigkeit die beabsichtigte Summe, während die Matuschka vor Freude weinend und ihr wunderbares Heiligenbild küssend, eilig davonzog. Eines Tages blieb Elias erstaunt vor einen: neuen Bilde stehen, das, von einem roten Lichtstümpfchen beleuchtet, im Hintergrunde der Bude erglänzte. Von weitem ähnelte es den traditionellen schwarzen Jungfrauen der Abessinier und Kopten. Näher betrachtet, unterschied es sich davon jedoch durch eine kräftigere Aus- führung, durch den Ausdruck seines feinen, rätselhaften und dabei sinnlichen Gesichtes, das leise an die Kopie einer ägypti» schen Göttin erinnerte. Nun wußte Elias aber, daß ein ähnlicher Kopf in Jeru- salem nicht existierte, und Slamin niemals ein europäisches Museum besucht hatte. „Wo, zum Teufel, hast Du diesen Kopf her?" Und den Kerzenvorhang zur Seite schiebend, fragte er aufgeregt den ihn lauernd betrachtenden Syrer. „Ist's ein Frauen köpf, den' Du da kopiert hast, oder soll es ein Götzenbild darstellen?" „Vielleicht ist es ein Weib, vielleicht eine Göttin!" „Wo hast Du es gesehen? Wer hat Dich darauf gebracht? Sprich!".... Und Elias ließ die Piaster in seiner Tasche klingen. „Weit— weit unten, im Lande der Beduinen. Viel- leicht ist's— eine— Statue!" „Eine Statue? Aus Basalt? Stehen Inschriften darauf?" „Das ganze Gesetz und die Propheten!" „Schwindle nicht! Ist sie groß?" „Die ganze Wüste nimmt sie ein." „Dann ist's zwecklos, an ihren Erwerb zu denken." „Nein, Herr, nein, sie ist ganz klein; klein wie eine Hand. Unter meinem Mantel könnte ich sie bequem der- bergen." „Schon wieder lügt Du! Nun sage mir noch eins, wo befindet sie sich?" „Sehr weit von hier, im Lande Moab, in den Ruinen eines Tempels. Die Beduinen nennen sie ihre Gottheit und behaupten, ihr Glück sei dabin, wenn ein Fremder sie zu sehen bekänie. Sie halten mich für einen der ihrigen, und ich sah. wie sie beim Vollmonde eine Kamelstute schlachteten und um das Steinbild tanzten." „Willst Du sie mir holen?" „Herr, sie würden mich umbringen; es ist ihre Glücks- göttin." Wieder ließ Elias die Piaster in seiner Tasche klingen. „Nun, da Du stets so gütig zu mir warst, und Deine Freigebigkeit keine Grenzen kennt, will ich Dir eine genaue Kopie bringen." „Nein. Deinen Kopien traue ich nicht weit; aber bring mir ein Stück, wenn es auch noch so klein ist! Du weißt, daß ich nicht knausere, aber auch Dein eigenes Fabrikat rasch hcrauskenne." „Na, und wie ist's mit Frauen, soll ich Dir nicht auch ein paar mitbringen?" „Frauen? Wie bekommst Du denn die?" „So!" Und Slamin machte eine Gebärde, als ob er Hände voll Sand schöpfte. „Nein, für die danke ich," sagte Elias belustigt,„ich will nur das Idol. Bringst Du es mir. so zahle ich Dir einen Preis wie für einen ganzen Harem." igortsetzuiig folgt.); Malter Crane. Das Jahr 1848 ist für Englands Kunstcntwickclnng entüheidend. Drei Maler, MillaiS, Hunt. Rosietti schlosie» sich da zu der„Pre- Eaphaelite-Brotherhood"(Präraphaelitische Brüderschaft) zusammen. Der Name war nur zufällig gewählt. Die verschiedenen Anhänger einte das Bestreben, gegen das aladcmisch-langweilige Schema Front zu machen. Die Kunst sollte wieder Persönlichkeit ausdrücken. Die Natur sollte Ausgangspunkt des Studiums sein. Nicht die regel« mäßige Schönheit ist Vorbild, sondern das Charakteristische, die frische, eigene Anschauung. Daher wendeten sich diese englischen Maler den Künstlern zu. die vor Raphael lebten, die naiv und un- befangen ihre eigene Anschauung der Dinge gaben. Zuerst fteundlich aufgenommen, dann, als man ihre auf- rühmische Tendenz merkte, angefeindet, wurde diese Vereinigung schließlich ein fester Bestandteil in dem englischen Kunslleben, mit dem man rechnete. Der Einfluß, der von ihnen ausging, ergriff immer weitere Kreise. Man blieb nicht beim Bilde. Es kam ein demokratischer Zug in die Kunstentwickclung. Man stellte das Pro- gramm auf: jedes alltägliche Ding des gewöhnlichen Lebens müsse künstlerische Physiognomie haben. Die Kunst solle nichts Unnatürlich- Abgeschlossenes sein, zu der man ab und zu wallfahrtet. Sie soll uns täglich umgeben. Die Kunst soll nicht Wenigen, Reichen dienen, die sich ein kostbares Bild kaufen könne». Sie soll das ganze Leben durchdringen und jeder einfache Gegenstand soll in ihrem Geiste ge- schaffen sein. Unter diesen, Zeiteinfluß wuchs Walter Crane auf. Wir er- sehen daraus die universale Tendenz, die dem Kunst- schaffen CraneS anhaftet. Wir werden sehen, wie er diesem Einfluß nachgebend, bestrebt ist, alle Gebiete zu durchdringen und überallhin Kunst zu tragen. Als er späterhin mit Burne-Jones, dessen tiefe Empfindnngswelt ihn zur Wahrhaftigkeit im Künstlerischen anleitete, und mit Morris, dem Revolutionär im Kunstgewerbe, der, der Marktanschauung zum Trotz, wollte, daß jedes Ding praktisch und schön sei, bekannt wurde, kräftigte sich dieser universale Be- tätigungsdrang immer mehr. Außer Bildern und Büchern gab Crane dekorative Entwürfe. Er zeichnete Tapetenmuster, malte Glassenster, schuf Entwürfe zu Webereien, beschäftigte sich praktisch und theoretisch mit der Herstellung künstlerisch wertvoller Bücher, über deren Aus- stattung er ein ebenso gründliches wie feines Buch schrieb, war be- müht,' dem Goldschimedehandwerl neue Anregungen zu geben. Kurzum, Crane war nach dem Vorbilde der Renaissancekünstler, die alle Gebiete der Kunst in ihren Bereich zogen, allseitig tätig. Nie« malS aber wurde er dilettantisch. Ueberall forschte er den not- lvcndigeit Bedingrmgen nach und betonte diese. Seine Vielseitigkeit entsprang also wirklichem Können, innerer Veranlagung und war nicht künstlich anerzogen. Ein Vorfahr Cranes wird schon zu Zeiten Karls I. von England als Teppichwirker genannt. Er war bekannt und besaß eine imponierend unifangreiche Werkstatt. CraneS Vater. Thomas Crane, war Porträtmaler. Bei ihm lernte der Sohn die Anfangsgründe der Malerei. Walter Crane ist am 15. August 1845 ni Liverpool geboren. Schon ftüh kam er auS der Stadt heraus. Der Vater war leidend. gab sein Amt auf und die Familie zog an die See. Hier empfing Crane die ersten Natureindrücke, die lange in ihm nachwirkten. Er enipfand die Schöicheit der See, dieses Unendliche, Wogende, Ruhe- lose. Träumende. Die feierliche Größe der fich bis zun, Horizont dehnenden Wasserfläche mit dem stummen Spiel von Licht und Reflexen gab ihn, bleibende Eindrücke. Die Generation, die zu Cranes Zeiten die herrschende war, hatte unter dem Einfluß der Präraphacliten die alten Volkssagen zu neuen, künstlerischen Leben erweckt. Namentlich die für England wichtigen Sagen deS König-Arthurkreises, die alten Balladen, das Volkslied gewannen immer mehr an Ausbreitung und regten die künstlerische Phantasie an. Crane war diese Vorzeit nicht« Fremdes. Sein Tengierament, der Hang zum Ausspinnen von Märchen und sagenhaften Begebenheiten fand hier Nahrung, Und künftighin sollte aus dieser Beschäsiigung der Kinderjahre etwas Neues ausgehen. mit den, Crane fein eigentliches Könucn gab: die Wiederbelebung deS Kinderbuches-, die Cranes Namen in allen Ländern bekannr machte. Mit 12 Jahren kam Crane„ach London. Sein Lehrer wurde Linto». ein bekannter Holzschneider, bei dem Crane mit dieser technischen Nebung vollkommen vertraut wurde, was ihm später wieder bei seine» buchkünstlerischen Arbeiten zu statten kam. Drei Jahre arbeitete Crane hier, von seines Vaters Tode il8ög) an. der ihn zwang, daran zu denke», wie er sich selbständig durchs Leben schlagen konnte. London ttug anch sonst zu seiner geistigen Entwickelung bei. Er sah die modernen Bilder der Präraphaeliten. Er las NuskinS kunsttheoretische, revolutionierende Schriften, in denen auch viel neue soziale Anschauung lebte, insofern als dieser theoretische Reformer energisch darauf dringt, daß die Kunst allen zugute komme. Ein natürlicher, gesunder Instinkt leitete Erane an, nickt alte Bor- bilder, so sehr sie ihn begeisterten, zu kopieren. Vielmehr zeichnete und malte er immer nach der Natur. So wurde Crane zu seinem Glück schon durch die Verhältnisse von dem üblichen akademischen Studium ferngehalten. Seine Begeisterung blieb dadurch innner frisch und unbefangen, lind er lernte das. was er anstrebte, von Grund auf. Danach trat die Kenntnis der antiken F o r m e n lo e l t entscheidend in Cranes Entwickelung auf. AIS Lehrer der Antiken- klaffe einer Privatknr.stschnle war er gezwungen, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen. Sie beeinflußte ihn nachhaltig, ohne ihn jedoch zur direkten Nachahmung zu bringen. In vielen seiner Zeichnungen und Illustrationen verwendet er antike Motive. Oft denkt man bei solchen Entlvürfen an antike Basenbilder. 188S machte Crane eine Reis« nach Griechenland. Hinzu kam nun noch die Kenntnis der japanischen Kunst, die damals in den Anfängen sich ausbreitete. Die ersten japanischen Holzschnittdrucke gelangten nach England. Den Holzschnitt-Techniker interessierten natürlich diese nach ganz neuen Prinzipien gearbeiteten Holzschnitte der Japaner besonders. Die eigentümliche Farben- anschauung, das Operieren mit wenigen Farben, die andersartige, lineare Perspektive auf diesen Blättern brachten Crane nene An- regungen. Im Jahre 1870 kam Crane zun, erstenmal nach Italic», fünf« undzivanzigjährig. Jung genug, um noch mit ftiichen Sinnen neues anfzunehmen und doch schon innerlich hinreichend selbständig, um nicht bedingungslos sich dem neuen Eindruck hingeben zn müffcn, unter Opferung alles eigenen WollenS. Drei Jahre blieb er in Italien. Als er zurückkehrte, war sein künstlerisches Ansehen be- deutend gestiegen. Mit Burne» JoneS zusammen stellte Crane 1877 in einer„Den Lebenden" bestimmten Galerie aus. AlS eine Krönung seiner universalen Tendenz, die schon hervorgehoben wurde, erscheint dann die Gründung der Vereinigung„�.rt« and Gräfte" (Kunst und Handwerk). DaS geschah 1888. 188g fand die erste Ausstellung statt. Bon da ab datiert diese Zusammenstellung„Kunst und Handwerk", die späterhin auf dem Kontinent noch lebhafte Kämpfe entseffeln sollte, die dekorativ« Belvegmig, in deren Ent- Wickelung wir„och heute stehen. 1892 kam eine Ausstellung Cranescher Arbeiten zum erstenmal nach Deutschland, sie fand im Berliner Knnstgeiverbemuseum statt. Die Tendenz dieser Vereinigung, der nach und nach Techniker aller Gewerbe angehörten, fand dann dauernden literarisch-künstteriscken Ausdruck in der 1893 von dem auch schriftstellerisch tätigen Künstler White gegründeten Zeitschrift„The Studio", die Kunst und Hand- werk vorbildlich vereint. Die Absichten und Anschauungen dieses Kreises kommen zur Darstellung in der Sammlung„Arte and Gräfte, Essays"(Kunst und Handwerk, Auffätze), in der jeder für seine Technik und sein Gewerbe die maßgebenden Prinzipien klar ausspricht und begründet. Morris hatte mit seinen dem Kunstgewerbe und dem Sozialismus gewidmeten Broschüren die allgemeinere Grund- läge dieser Bestrebungen gegeben. Die Linie RuSkin-MorriS-Crane bedeutet für Englands Kunst eine logische Eiilwickelnng. 1893 würbe(Kraue Mn TireLor bcr städtischen Kunstschule in Manchester ernannt. Damit war ihm Gelegenheit gegeben, seine Kunstanschauungen erzieherisch weiter zu berbreiten. Er war einer der Wenigen, denen diese Tätigkeit nicht schadete. Im Gegenteil, sie lag ihm gerade und er fand in dieser öffentlichen Wirksamkeit daS Feld, das er suchte. Für uns ist Crane der ausgesprochen dekorative Künstler. Er hat die Welt der Formen um ganz neue, eigentümlich reiche und phantastische Linien» und Farbengebilde bereichert. Seine Ornamentik ist reich verschlungen. Von graziösem, weiszgegitterteni Rankenwerk heben sich in sattem Schwarz seine Figuren ab. Es blüht allenthawen. Blumengewinde füllen den Raum, kein freies Plätzchen duldet seine schöpferisch überquellende Phantasie. Es ist darum nicht von Vorteil für Crane, wenn eine Ausstellung, wie die, die augenbliiklich im Kunstsalon Gurlitt stattfindet, nur Bilder bringt. Man wird damit der Bedeutung Crane« des Künstlers nicht gerecht. Ein Mamr, desien Begabung im Dekorativen liegt, mufi mit dekorativen Entwürfen vertreten sein. Wir sehen da einen in trüben Tönen ge- haltenen„Walkürenritt", die üblichen„Parzen", die„Vier Jahres- Zeiten"— alles symbolisch-allegorische Bilder, die uns nicht viel sagen. Am geschlossensten wirkt noch die halb an Bottieelli, halb an Burne-JoneZ sich anlehnende„Geburt der VenuS", deren zarter, blasser, graubräunlicher Gesamtton gefällt. Crane hatte seinerzeit die Genugtuung, dah bei der ersten Ausstellung dieses BtldeS, als er noch nicht so bekannt war, der be- rühmte englische Maler Watts dieses Bild ankaufte. Nur wessen Blrck geschult ist, der sieht unter dieser Oberfläche des Malerischen schon den Reichtum der ornamentalen Phantasie. Sie zeigt sich in der ein wenig übertriebenen Linienführung im Ausdruck der Gesichter. Die hellen Farben auf dem einen der Bilder, die einheitliche Farben- stimmung der„Geburt der Venus" kündigt den dekorativen Maler an, der ein Gemälde einem Räume einzufügen weih. Die Bilder find darin charakteristisch für die EntWickelung der 5knnst Englands. Sie stellen die Ueberleitung' der Malerei der Präraffaeliten zum modernen Kunstgewerbe dar, eine Entivickelung, die sich in Crane konzentriert, da es ihm selbst gelang, diesen Zwiespalt in sich zu Äbertvinden. das hervorragend stilistische Element. daS in den Werken der Präraffaeliten steckte, zur vollen Ausbildung zu bringen und so die Entwickelung zu vollenden, womit der Anschlutz an daS moderne Leben der Gegenwart, der sich die Präraffaeliten entfremdet hatten, wieder erfolgte. Dazwischen sehen wir feine, intini gesehene Landschastsstudien, frisch im Ton, aus Italien, aus der Schweiz, von Nürnberg und Rothenburg. Die natürliche Anschauung des Malers Crane kommt in diesen kleinen Momentnotizen besser zum Ausdnick als in den grosien Bildern. Ein kleines Triptychon in Tempera, das wie ein HauSaltar gefügt ist, zeigt drei Bilder, die die Märchenwelt„Dornröschen" illustrieren. In diesem Entwurf lebt schon die Empfindungswelt, die späterhin Cranes ureigenste Domäne wurde. Die dekorativen Bilder standen in ihrem Stil noch gesondert sür sich. Sie waren geschaffen fiir einen Raum, der nicht existierte. Als Crane anfing, das Bilderbuch zu reformieren, die Welt des Märchens und der Sage in Illustrationen, Randleisten. Vignette» auferstehen zu lassen, da hatte er das Gebiet gefunden, in dem er allein heimisch war. Mit diesen billigen Bilderbüchern drang er ins Volk und gab den Anstoß zu der reforinatorischen Bewegung, die uns das moderne Kinderbuch gibt, das nun auch bei uns heimisch wurde. Auf diesem Spezialgebiete des Dekorativen hatte er keinen Rivalen, während er auf den anderen Gebieten einer unter mehreren war. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Crane Sozialist ist. Er hat diese Gesinnung in Bildern, in Zeichnungen oft betätigt, hat oft be- tont, daß er von einer Aenderung der Gesellschaftsordnung alles erhofft. So z. B. in dem Bilde, wo dem Jüngling, der, eine Jakobinermütze aus dem Kopf, in Fesseln im Gefängnis sitzt, von einem Ritter und einem Mönch bewacht, die Freiheit in Gestalt eines hereinfchwebcnden Engels erscheint. Auch hier entwickelte Crane die sozialen Anschauungen von Russin und Morris, die viel- fach noch unklar und verschwommen blieben, wenn sie auch von dem Ernst der Ueberzeugung, der tiefgehenden Liebe zu allen Menschen und der Hoffnung auf Besserung erfüllt waren, zur Klarheit. Den englischen Künstlern und Kunsttheoretiker» gereicht dies zum Vorteil: sie bleiben nicht eng in ihrer Kunstsphäre befangen, sie erweitern die Kunst, die allen dienen soll, zur Weltanschauung, ohne daß dadurch ihr Kunstideal an Realität verliert. ES ist dies ein Zeichen, daß ihre innere Entwickelung eine umfassende war und darum ist ihrem Werk auch alle Kraft der Ueberzeugung eigen, die ihm den Erfolg in allen Ländern brachte. Seit 188Ü zeichnet Crane alljährlich für die Maiseier ein Erinnerungsblatt.— Ernst Schur. Kleines feirilleton. ks. Belluö in Letten. Im Provinzialmuseum zu Trier be- Jindet sich der Torso einer Venus, dessen merkwürdiges Schicksal während früherer Jahrhunderte schon zu manchen DeutungS- »ersuchen seitens der Gelehrten Anlaß gegeben hat. Diese VenuS war. ehe sie dem genannten Museum einverleibt wurde, neben der Kirche zu St. Mathias auf einen Sockel gestanden, auf dem eine Inschrift besagte, daß sie in srühcreu Zeiten eine„Abgottin" ge- Wesen sei, bis St. Eucharius nach Trier gekommen sei und ihr die „Ehr abnahm"; Spuren dieser Ehrabnahwe tragt sie noch heut« in Gestalt zahlreicher Beschädigungen durch Et ein würfe an sich, die mit Sicherheit ans die boi> K. Simrock in seiner deutschen Mytho- logie erwähnte Sitte des„Heidenwerfens", der finnbildlich an solchen alte» Götterbildern in den ersten Zeiten des Christentums vorgenommene» Teufelsabschwörung, zurückgefiihrt werden dürfen. Doch nicht dieses Schicksal der erwähnten Venus, sondern ein anderer llmstand in ihren früheren Trlebniffen ist an ihr da? Juter» essante, die Tatsache nämlich, daß sie nach sicherer Ueberlicferung währenid eines großen Teiles des Mittelalters auf dem Friedhof zu Trier in Ketten aufgehängt gewesen war. Diese Aufhängung. für die, wie gesagt, bis in die jüngste Zeit eine zureichende Er- ilärung gefehlt hatte, ist nun soeben von Professor L. Radermacher in Greisswald in der„Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst" in offenbar zutreffender Weise gedeutet worden, indem Radermacher diese Aufhängung mit einem Verfahren in Zusammen» hang bringt, das in ganz entsprechender Weise nicht selten ivährend des Mittelalters gegen die Hexen Anwendung gefunden hat. Es ist aus zahlreichen Berichten bezeugt, daß nicht selten während des Mittelalters Hexen hängend verbrannt worden sind, weil man glaubte, ntir auf diese Weise die zauberische Kraft brechen zu können. die dieselben sonst aus dein Betreten des Erdbodens gewannen; ist es doch aus zahlreichen Legenden und Bolksbräuchen erwiesen, daß ein solcher Glaube an geheimnisvolle Kräfte des Erdbodens bei den indogermanischen wie bei anderen Völlern Ivette Verbreitung besaß. So besagt denn auch das bekannte maßgebende Handbuch des mittel» altcrlichen Herenprozeßverfahrens, der„Hexenhrnmner", im achten Kapitel mit Bezug auf die.Hexen ausdrücklich:„es ist sehr ratsam. eine solche Gefangene sofort von der Erde aufzuheben, wenn man ihrer habhaft wird, daß sie nicht den Fußboden berührt; sie könnte sich durch Zauber sonst wieder befreien". Damit ist aber ohne weiteres der Weg geebnet, um das so seltsam anmutende Schicksal jener Trierer Venusstatue verstellen zu können. Ist«s doch genug- soin bekannt, daß di« christliche Welt den Statuen der alten Heiden- götter lange nicht nur Mißachtung, sondern auch geheime Furcht entgegenbrachte, und ihnen entweder unmittelbar allerhand böse Wirkungen zuschrieb oder doch glaubte, daß böse Geister in ihnen verborgen seien. So erklärt es sich, daß man die alte„Ab- gottin" behandelte, als wäre sie selbst eine Hex«� und den von che ausgehenden bösen Zauber dadurch brechen tvollte, daß man ihre Verbindung mit der Erde löste. Uebrigens hat die Trierer VenuS nicht als die mächtige LiebcSgöttin, die in der mittelalterlickxn Legende so vielfach auftritt, sondern wahrscheinlich als Diana ihr Schicksal erdulden müssen, für deren Darstellung man sie lange Zeit hielt, und die ja im alten deutschen Volksglauben als böser Dämon und Begleiterin des wilden Jägers ebenfalls eine große Rolle ge- spielt hat.— kh. Vom frauzSsi scheu Polizeiwesen erzählt ein Mitarbeiter des„GauloiS": Zwischen den Beamten deS„Allgemeinen Sicher- heitswesens", der Geheimpolizei, die ihre Wachsamkeit über ganz Frankreich ausdehnt, und denen der Pariser Polizeipräfektur be- standen lange Eifersüchteleien, die zu einer Konkurrenz der beiden Institute führte. Sie bekämpften sich, spionierten sich gegenseitig aus und beobachtete» sich argwöhnisch Die Geheimpolizei, deren Tätigkeit sich hauptsächlich ans das politische Estbiet erstrecken sollte. kani der Pariser Polizei häufig ins Gehege und die Beamten be- obachtete» sich untereinander. Eines Tages kam der damalige Polizeipräfekt von Paris, CamcScasse, zu der Ueberzeugung, daß en seit«inigen Tagen von einen, Individuum beobachtet und bewacht werde. Der Prafekt ging direkt auf ihn zu und sagte brüsk: „Warum spionieren Sie mich aus?"„Aber....Herr Präsident.. stammelte der Angeredete.„Leugnen Sie nicht. Sie find Beamter des„Allgemeinen Sicherheitsdienstes"." Der eingeschüchterte Be, ainfe bat den Präfekten, ihn die Befehle seiner Borgesetzten nicht entgelten zu lassen.„Nun gut," antwortete Eameseasse,„von diesem Tage an will ich Ihnen Ihren Dienst erleichtern; kommen Sie jeden Abend auf mein Bureau und ich werde Ihnen dann den Bericht über mein Tagewerk geben." Und so geschah es. Von nun ab erhielt ker Inspektor des„Allgemeinen Eicherheitsdkirstes" jeden Tag einen äußerst detailierten Bericht' über das Tagewerk des Polizeipräsidenten, de» dieser selbst eine Stunde vorher diktiert hatte. Ist so selbst der Polizeipräfekt vor der Beobachtung der sranzösischeit Geheimpolizisten nicht sicher, so erstreckt sich ihre Wach» stnnkeit ans alle Persönlichkeiten, die im politischen Leben stehen. Ter Präsident ist von ihnen umgeben, die Minister werden von ihnen bewacht, und ebensowenig entgehen die Senatoren und Deputierten ihrem spähenden Auge. Auch Journalisten, Schriftsteller imd Redner in öffentlichen Versammlungen werden von ihnen sorg- fältig beobachtet. Und alleL daS nur darum, um die Akteubündel anschwellen zu lassen und stets neue Faszikeln in den Kanzleien auf- zuhäufen. ES ist der Stolz der Geheimpolizei, über jeden, der nur irgend einmal.politisch hervorgetreten ist, ein Aktenstück angelegt zu haben; ob es nun wahre Tatsachen enthalt und ein vollständiges Bild des Mannes liefert, darauf kommt es weniger an. Das erste. waS jeder Minister des Innern tut, wem, er sein Amt antritt, ist die Aufforderung an den Chef der Sicherheitspolizei, ihm daS ihn betreffende Aktenstück auszuhändigen. Ter Direktor ist vorsichtig genug, das FaSzikel vorher zu„reinigen", aber eines Tages vergißt er wohl auch in einem Moment der gerstrentlieit, einige scharfe Berichte zu entfernen, und es soll schon vorgekommen sein, daß der ' Minister dann voller Erstaunen ein ganzes Register von allerlei ©t&mbtafcn entdeckt bat und allerlei ihm selbst bisher völlig un- bekannte Aufklärung über fein Leben und seine Gctvahnheitei' er- hielt. Zu dem Chefredakteur einer grasten Zeirung kam eines Tagt's einer seiner Freunde und erzählte ihm voller Aufregung:..?a habe ich eben eine ganz erstaunliche Sache erfahren: Der Soundso. Dein„geschätzter Mitarbeiter", ist ein Angestellter der Geheim- Polizei!"„Das weist ich schon lange," antwortete ruhig'der Chef- redakteur.„lind Tu behältst ihn noch bei Dir?"„Aber natürlich Von ihm weist ich's doch wenigstens; ich kann mich also danach richten. Wenn ich ihn fortschickte, dann käme ein anderer, von dem ich es nicht wützte, und das wäre noch schlimmer!" Die Beamten des„Allgemeinen Sicherheitsdienstes" sitzen nicht nur in den Ministerien und Redaktionen; sie sind auch überall auf der Straste und müssen da unter Ilmständen enthusiastische Begrüstungen der Präsidenten und der Minister arrangieren oder sonstige Aeuhe- rungen des„Volkes" veranlassen. In den öffentlichen Bersamm- lungen bilden sie die Opposition tind bei den Wahlen machen sie für die Kandidaten der Regierung Stimmung.—■ Musik. E r m a n n o Wolf-Ferrari(geboren 187f3> hat mit seiner musikalischen Komödie„Die neugierigen Frauen" die Opern- bühnen erobert und unserem„Theater des Westens" zu einem der ehrenwertesten Erfolge verholfen. Nun wird seinem neuen„musikalischen Lustspiel", betitelt„Die vier Grobian e", voraussichtlich ebenfalls eine reichliche Wirksamkeit beschieden sein. Was wir über jenes Werk gesagt haben, gilt in der Hauptsache auch von diesem. Beide nehmen ihren Text auS dem italienischen Lustspieldichtcr C. G o l d o n i; Bearbeiter ist dort L. Sugana, hier G. Pizzolato; Uebersetzer beidemal H. Teibler. Den Inhalt bilden lustige häusliche Fehden. Wie zuerst vier neugierige Frauen gegen mehrere mysteriös zurückgezogene Männer vorgehen, so jetzt vier lebensfreudige Frauen gegen die vier groben, griesgrämigen Männer, die ihnen die Freude und Freiheit nehmen möchten. Des einen Tochter soll deS anderen Sohn zur Ehe bekommen; und ohne allzu gefährliche Verwickelungen, nur unter dem Schutze von etwas Mummenschanz, sind bald alle einverstanden und verhelfen ihr dazu. Den Spuren Mozarts folgt der Komponist auch diesmal; dazu kommt noch ein gut Stück vom Geiste Lortzings. Die hauptsächliche Stärke liegt in dem überaus anmutigen Sprech- und Plaudcr- gesang. Wie da die kleinen Noten zierlich aneinander und durch- einander laufen, rhythmisch zart und voll von immer neuen lieb- lichen Wendungen, darin kommt diesem Komponisten nicht sobald einer gleich. Allerdings bedeutet das auch, trotz gut gesanglicher Schreibweise, die es versteht, aus den Stimmen überaus viel her- auszuholen, doch auch starke Ansprüche an die Gcsangskunst. An populär einfachen, graziösen Melodien fehlt es ebenfalls nicht. Doch sehen wir mit einigem Bangen der Gefahr entgegen, daß der Ton- dichter in dieser primitiven Art allmählich erstarren könnte. Süße Augenblicke sind es, die er uns bereitet, nicht mühsame Bahnen, die ein Neuland erschließen; allzu oft solche Augenblicke genießen, heißt, an ihnen erschlaffen. Inzwischen hat die„Uraufführung" der„Grobiane" am vor- gestrigen Mittwoch im Theater des Westens einen so großen Erfolg gebracht, daß ihr Schöpfer nun wohl als der Hauskomponist dieser Bühne gelten kann. Wenn daran auch die überaus heitere Art des Ganzen für das größere Publikum hauptsächlich beteiligt lvar, so wird doch dem nur einigermaßen Erfahrenen nicht entgehen, daß hier eine eigene tonkünstlerische Formensprache waltet. Wohl jeder von unseren musikalischen Heroen könnte sie auch dann als etwas Bedeutendes anerkennen, wenn man die Sprache des Orchesters nicht so hoch einschätzt, wie die der Singstimmcn. In der Ausführung dieser wurde im ganzen sehr viel geleistet. Das sechsfache Ensemble im zweiten Akte mit lauter hochliegenden Stimmen, dem dann die tiefen Grobiane folgen, bis sich im zweiten und schließlich im dritten Finale alle zu zehnfachem Ensemble vereinen: das war mindestens ein Meisterstück der Einstudicrung. Eine einzige Namenneunung soll uns genügen: Joscfine Grünwald in der naiven Rolle der Tochter. Bislang etwas zurückgesetzt und von der Natur stimmlich nicht übergünstig bedacht, hat die Sängerin sich hier mit einer erfolgreichen Durcharbeitung sympathisch entfaltet.— sz. Medizinisches. en. lieber die moderne Behandlung des Schielens hat Dr. Fuchs im Mannheimer Aerztc-Vcrein einen zusammenfassenden Vortrag gehalten. Das Schielen zeigt sich gewöhnlich schon in den ersten Lebensjahren. Es ist nicht nur un- schön, sondern auch bedenklich, weil das schielende Auge mit der Zeit immer mehr in seiner Sehkraft geschwächt wird. Man unter- scheidet ein seitliches Schielen und ein Höhenschielen, doch ist man auf das letztere erst in neuerer Zeit aufmerksam geworden. Beim seitlichen Schielen wird wieder noch zwischen Einwärts- und Aus- wärtsschiclen unterschieden. In den ersten beiden Lebensjahren tritt es gewöhnlich noch nicht hervor, sondern erst zwischen dem zweiten und sechsten Jahr, wenn das Kind lernt, die Gegenstände schärfer ins Auge zu fassen und längere Zeit zu betrachten. Der Vorgang setzt sich gewöhnlich aus zwei Umständen zusammen, einmal aus einer Störung des Gleichgewichtes der Augenmuskeln und dann aus der Herabsetzung des Sehvermögens aus einem Auge. Im Schilas und tvahrend einer natürlichen oder künstlichen Be- täubung verschwindet das Schielen, eine Tatsache, die wesentlich zum Verständnis seiner Ursachen beigetragen hat. Eine Behandlung des Schielens ist schon frühzeitig, selbst schon im Altertum, versucht worden und wird heute noch dringlicher befürwortet, einmal, weil die Heilung leichter geworden ist, und zweitens, weil man sich nicht mehr mit der Hoffnung tröstet, ein solches Leiden könne sich mit den Jahren„auswachsen". Die moderne Behandlung geschieht teils ohne, teils mit Operation. Unter den ersteren Mitteln nimmt die Brille eine wichtige Stellung ein. Immerhin kann das Schielen durch eine Brillenkur nur unter der Bedingung geheilt werden, daß letztere mit großer Strenge durchgeführt und von dem Patienten lange genug geduldjg ertragen wird. Diese Art der Behandlung ist deshalb nicht sehr beliebt, namentlich weil selbst nach Beseitigung des Schielens die Brille noch weiter getragen werden muß, zum mindesten für alle Fälle, bei denen es auf die Betrachtung nahe befindlicher Gegenstände ankommt, also bei fast jeder Arbeit, die auf die Hülfe des Auges angewiesen ist. Eine einfache, aber gleichfalls ziemlich langwierige und unangenehme Kur besteht da- riu, daß das nichtschielende Auge fest verbunden und dadurch das schielende zur Tätigkeit gezwungen wird. Der zu erwartende Erfolg dieser Behandlung besteht darin, daß die Sehkraft des schielenden Auges zum mindesten vor noch weiterem Rückgang bewahrt oder, wie es nicht selten vorkommt, sogar bedeutend ge- kräftigt wird. Besonders umständlich und eine wirkliche Gedulds- probe für den Patienten sind Hebungen mit stereoskopischen Apparaten. Als ein viertes Mittel gegen Schielen unter Vcr- meidung einer Operation ist die Einträufelung von Atropin zu nennen. Die Chirurgie hat auf diesem Gebiet wie auf so vielen anderen große Triumphe gefeiert und wird überall da in Anspruch zu nehmen sein, wo eine andere Behandlung des Schielens entweder von vornherein aussichtslos ist oder sich nach gründlichen Versuchen als hoffnungslos herausgestellt hat. Das wird überall der Fall sein, wo das Schielen schon sehr lange besteht und infolgedessen einen hohen Grad erreicht hat. Hauptsächlich ergibt sich aus diesen Ausführungen eine Lehre für die Eltern, daß sie sich an einen Arzt wenden müssen, sobald sie an einem Kind die EntWickelung des Schielens beobachten. Was in jungen Jahren noch ohne viele Mühe und Kosten und ohne Operation erreicht werden kann, ist später vielleicht unwiederbringlich verloren oder nur noch unter weit ungünstigeren Umständen zu erreichen.— Notizen. — I n die Nesseln gesetzt hat sich der Berliner Literatur- Professor Erich Schmidt. Unlängst hielt er am Frankfurter Hochstist zwei Borträge über Heine. Im zweiten Vortrage tat er folgende Aeußerung:„Hätte er(Heine) damals für die schlimmsten Schimpfworte mal eine Tracht Prügel bekommen, so wäre daS kein großes Unglück gewesen, aber es ist doch wahrhaftig nicht nötig, heute deshalb Entrüstungsversammlungen abzuhalten I"— Dazu bemerkt die„Franks. Z.":„Wir gestehen offen, daß unS alle antisemitischen Entrüstungsversammlungen harmloser dünken als diese erstaunliche Roheit eines deutschen Literatur-Profesfors und angeb« lichen Verehrers von Heinrich Heine."— — Ein Führer durch die Deutsche Jahrhundert- Ausstellung in Berlin, herausgegeben von W o l d e m a r von S e i d l i tz, ist soeben bei F. Bruckniann in München er« schienen. Preis 1 Mark.— —„Die Baronin", eine neue dreiaktige Wiener Komödie von Felix Dörmann, wird demnächst am Wiener L u st- sstieltheater zur Erstaufführung gelangen.— — Erfolg hatten: Karl Ewald's neues dreiaktigeS Drama„Gerhard Ram m" bei der Erstaufführung im Volks- t h e a t e r zu Kopenhagen;„Z i g e u n e r l i e b ch e n". eine zweiaktige Volksoper von Edgar Schick, bei der Uraufführung im Stadtheater zu Kattowitz.— — Wolf-Ferraris musikalisches Lustspiel„Die vier Grobiane" hat auch bei der Erstaufführung im Hoftheater zu M il ii ch e h großen Beifall gefunden.— — Der Finanzausschuß des dänischen F o l k e t h i n g hat den Regierungsvorschlag betreffend die Bewilligung eines Beitrages von 130 000 Kronen zu der von dem Polarforscher Mylius E r i ch s e n geplanten Expedition nach Nordost- Grönland angenommen. Die gesamten Ausgaben für die Expedition sind auf 260 000 Kronen veranschlagt, die Hälfte davon ist durch private Initiative aufgebracht.— — Einen Preis von zehntausend Mark hat der Verein d»v deutschen Zucker! ndustrie zur Konstruktion eines zweck- mäßigen R übenhebers und R ü b e n k ö p f e r§ bestimmt. Bc- wcrbüngöschriften müssen bis zum 15. Juli beim Direktorium des Vereins eingereicht werden.— — Ein mächtiger Man n. In der Kranichfelder Ilm- zeitung stand dieser Tage folgende? Inserat: Warne hierdurch jedermann, wider mich und meine Kinder den Namen Igel zu gebrauchen. Werde jede» einzelnen Fall mit zehn Mark G e l d st r a f e b e» legen lassen. Kranichfeld, den 17. März 1906. Richard Schiecke.— Vcrantwortl. Redakteur: Ha»S Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorlvärtSBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaulSiugcrL!Co.,BerlinLW.