Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 62. Donnerstag, den 29. März. 1906 (Nachdruck verboten.) Die 6roberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 23t Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Leuker Zedernblätter fielen auf Cäcilie herab, einige blieben in ihren goldig schimmernden Haaren hängen, andere glitten rasch über die weiße Seidenschärpe und häuften sich auf ihrem Schöße. Drüben im Kloster war das Gemurmel der Messe verhallt, aber der kleine Mönch starrte sie noch immer mit liebegierigen Augen an. Cäciliens Schal und die Zeder strömten einen harzigen Duft aus. „Liebling, Geliebte!" Und von ihren Lippen schlürfte er den ganzen Rausch des Libanon. „Komm heim!" Eng umschlungen stiegen sie den Hügel hinab. Auf der Davidsburg läuteten die türkischen Soldaten die Feier- abendglocke. Elias war nicht mehr traurig. Er hatte die Aussätzigen und alles irdische Elend vergessen: sogar an Astaroth und das Glück Moabs dachte er nicht mehr. 12. Doch die Kosestündchen kehrten nicht wieder, oder viel- mehr sie entschwanden sehr bald von neuem. Schon nach etwa vierzehn Tagen trat eine Entfremdung zwischen den Gatten ein, die nach jenem Aufleben alter Zärtlichkeit um so peinlicher wirkte. Sie sprachen nicht davon, aber jeder fühlte sie nahen. Das kam so leise, so ganz von selbst, ohne Anreiz und ohne Anstoß. Das glitt mit Cäciliens Besuchern durch die niedrige Pforte herein, das rieselte von den jetzt mit Bibelversen ge- schmückten Wänden herab, das kroch mit den von der Grabes- kirche aufsteigenden Weihrauchwolken empor. Das kam, wie gesagt, ganz von selbst, aber es kam un- abwendbar, von der Kraft all dieser mystischen Dinge herbei- geführt und vom Geiste dieser toten Stadt getragen, zu dessen Bekänipfung ihre Liebe keine genügende Lebenskraft besaß. Nach und nach stockten die Worte auf Elias' Lippen, die Liebkosungen erstarrten ihm schon in der Hand, die Arme sanken bereits vor der Umarmung wieder schlaff herab. Uebrigens war auch Cäcilie wieder in eine neue Lebens- Phase eingetreten. Sie wurde eine zu jeder Aufopferung bereite Mutter und eine alle Bürden auf sich nehmende Hausfrau Da Schwester Charlotte ihr den ganzen verderblichen Ein- fluß einer arabischen Amme auf ihr Kind auseinandergesetzt hatte, entschloß sie sich, es selbst zu nähren. Und als Frau Fischer ihr eines Tages, listig mit den weißen Wimpern blinzelnd, anvertraute, das beste Mittel einen Mann zu fesseln sei, seinem Magen zu schmeicheln, der Weg zum Herzen des Mannes gehe durch den Magen, entließ sie die alte Ar- menierin, die für ein paar Piaster monatlich die kräftigsten Mahlzeiten hergerichtet hatte. Elias vermißte sehr die Pilafs, die forcierten Kürbisse, die gewürzten Eieräpfel und die ausgezeichneten Knafes: mehr aber bedauerte er noch, daß seine Frau sich jetzt immer mit der 5tllchenschürze zu Tisch setzte und ihn mit ihren stehenden Redensarten:„Wie schmeckt Dir das?" und„Das ist gesund und wird Dir sehr gut bekommen!" keinen Augenblick in Ruhe ließ. Sie führte ihn in die Geheimnisse der Melonenschalcn- konfitüren— Frau Fischers Erfindung— ein und klagte ihm, welche Mühe ihr die Zubereitung eines Gebäcks mit zerlassener Butter bereitet habe. Zwar habe die Goldmann ihr ein Rezept dazu gegeben, aber darauf wiirde sie sich nie verlassen. Das wäre überhaupt eine nette Hausfrau, welche die Sorge für die Wirtschaft ihren drei Dienstboten überließ und nur an ihre Toilette dachte. Erst letzten Sonntag hatte sie in der Kirche wieder eine neue Robe angehabt. Aber freilich, die hatte ja auch keine Pflichten als Familienmutter zu erfüllen: ihrer Verbindung fehle noch immer Gottes Segen! Elias aber dachte: „Trotz ihrer drei eingeborenen Dienstboten verbraucht Frau Goldmann weniger Geld, als meine Frau mit ihrer elsässischcn Küche: und warum soll denn eine Frau, nachdem sie Mutter geworden ist. auf jede Eitelkeit verzichten und auf- hören, ihrem Manne zu gefallen?" Am Schluß der Mahlzeit schob Cäcilie ihren Stuhl zurück, knöpfte ihr Kleid auf, und Narda brachte die kleine Ziona herbei, die sich einen Augenblick an dem schlaffen, gelblichen Busen ihrer Mutter abmühte, dann aber ihre Aermchen heftig nach der Bethlebemitin ausstreckte, deren Brüste strotzten, als wollten sie den Stoff des Kleides sprengen, so daß man ihren eigenen kleinen Sohn hatte zurückholen müssen. Da das Zimmer die ganze Nacht nach Milch und Wäsche roch, und Cäcilie hartnäckig alle zwei Stunden aufstand, ging Elias oft in sein Arbeitszimmer und streckte sich dort auf dem Divan aus oder schlummerte einfach auf einem auf der Terrasse ausgebreiteten Teppiche. Dann ergriff ihn von neuem die Sehnsucht nach Arabien und seinem Wanderleben, nach dessen wildem, scharfem Duft, den es in der Sonnenglut aushaucht und der Liebe, die dort beim Mondenscheine erblüht. „Moab! Moab! Du bist's, das ich erobern will: Du bist's, heidnisches Mädchen, das ich in meine Arme schließen möchte, Ich liebe dich, ich liebe dich! Ich liebe deine schwarzen Göt- tinnen und deine Grauen erregenden Altäre. Deine alter- tümlichen Schriften liebe ich und deinen tiefen Sinn. Ich liebe deine Lebensfreudigkeit und deine Sorglosigkeit vor dem Nichts. Ja, ich liebe dich, du sollst meine Trösterin sein! Du sollst für meine archäologischen Träume das Land der Ver- heißung, für meine in der Verbannung schmachtende Seele das Vaterland und der Zaubergartcn für meine Phantasie sein! Von den Bäumen deiner Legenden will ich der Sage Goldfrüchte pflücken! Moab! Moab! Ich werde dein Märchen- Prinz sein und mein Kuß wird dich aus deinem langen Todes- schlafe wiedererwecken. Deine Tempel werde ich wieder auf- richten und dir deine Götter zurückgeben: deinen blassen Lippen werde ich deine Geheimnisse entlocken." Aber er hatte die Rechnung ohne die Ränke und Lang- samkeit der Orientalen gemacht. Um weder die Aufmerksamkeit des allen Forschungen abgeneigten türkischen Gouvernements, noch den Argwohn der auf die Schätze ihres Bodens eifersüchtigen und für ihre Freiheit besorgten Beduinen zu erregen, hatte Elias Slamin als Händler verkleidet und mit einer Ladung von roten Schuhen, Damaszener Waffen, sowie einem ganzen Sortiment von seidenen Haiki und Rosenessenz ausgerüstet. Unter dem Vorwande, nach Mekka zu ziehen, sollte er in Moab Halt machen und dort, wenn auch nicht andere Bruchstücke des Idols, so doch wenigstens einen vollständigen Abdruck zu er- langen suchen, wie auch genaue Auskunft über den Standort der Statue und den Namen des Beduinenstammcs, dem sie gehörte. Später würde er sie dann selbst holen. Doch kaum war eine Woche seit der Abreise der Kara- wane verstrichen, als Assir eines Abends ganz bestürzt seinem Herrn meldete, unbekannte Bettler fragten nach ihm. Da sah er im Hofe eine Anzahl halbnackter Jammergestalten, in denen er nur mühsam seine eigenen Sendboten wiederzuer- kennen vermochte. Mit der Miene eines verlorenen Sohnes warf sich Slamin vor ihm nieder. Noch ehe sie den Jordan überschritten hatten, war die Karawane überfallen und völlig ausgeplündert worden. Zwar widersprachen sich ihre Darstellungen oft: doch war ihr Schmerz anscheinend so aufrichtig, daß der Gelehrte ihn für echt hielt und sie von neuem ausstattete. „Sidi, und diese Wunde hier, siehst Du sie nicht?" Dabei deutete Slamin auf einen Dornenriß. „Sidi, leg Deine Hand darauf mit einem Talari*) drin. Und Sidi, als„die, welche mein ist"**), mich in diesem Zu- stände ankommen sah, wäre sie beinahe vorzeitig entbunden worden, und ich konnte sie nur mit den Worten trösten:„Es ist mein Herr Jamain, für den ich mein Leben aufs Spiel •) Maria-Thcvesicntaler. •*) Umschreibung für: meine Frau. setzte. Der wird Dich nicht vergessen, sondern Dir ein seidenes Kleid für den ersten Kirchgang schenken und einen Dukaten als Halsschmuck für Deinen Sohn.. Vierzehn Tage später kehrte der Maler abermals zurück. Diesmal hatte man sie am jenseitigen User des Roten Meeres überfallen. Zum Beweise der Wahrheit seines Berichtes brachte er, in einen Zipfel seines Hemdes eingeknotet, ein Klümpchen Erde von Moab mit. Inzwischen hatte Elias jedoch seine völlig unversehrten Waren bei einer öffentlichen Versteigerung im Bazar entdeckt und drohte Slamin mit dem türkischen Pascha, wenn es ihm nochmals einfallen sollte, ausgeplündert heimzukehren. Trotz- dein mußte er sich dazu verstehen, eine dritte Karawane aus- zurüsten, und nun zog Slamin wirklich los. nachdem er seinem Herrn noch anempfohlen hatte, doch auf seine»viel hübsche" Frau acht zu geben. Später meldete diesem eine halb griechisch, halb arabisch abgefaßte Botschaft, die ein Beduine in seinem Kopfputz ver- steckt überbrachte, die Ankunft des Syrers bei dem Stamme, der das Idol besaß, gleichzeitig aber auch seine Gefangenhal- tung als Geisel. Zur Auslösung wären fünfhundert Talaris nötig. Elias gab dem Boten zweihundert mit. Und abermals verflossen Monate ohne jede Nachricht. Er fing schon an, ernstlich um die Sicherheit der Karawane und den Erfolg ihrer Mission besorgt zu sein. Um seine Ungeduld zu beschwichtigen, beschäftigte er sich mit semitischer Inschriftenkunde, zog die Landkarten zu Rate und studierte die wenigen Bücher durch, die über Arabien, über dieses so große und stille, so unbekannte und spurenreiche Arabien, geschrieben sind. Wie Aegypten, so hatte auch dieses Land zahlreiche For- scher angelockt: viele waren jedoch zurückgekehrt, ohne etwas gefunden zu haben: andere waren überhaupt nicht wiederge- kommen, waren verschollen, man wußte nicht wo, nicht wie, von den Strapazen, von Sonne und Durst hingerafft oder von den Beduinen uberfallen und ermordet. „Und ich"— so erzählte ihm eines Tages Bohemund bei einem gemeinsamen Ritt—„habe einen armen Teufel von Gelehrten gekannt, der Jahre hindurch bei den Beduinen lebte, sich bald als Arzt, bald als Fakir(Derwisch) ausgab und so- gar glücklich bis Mekka vordrang. Er hatte, so behauptete er wenigstens, alle Inschriften Arabiens aus Papierschnitzeln niedergeschrieben und diese in seine Kleider eingenäht. Er befand sich bereits auf der Rückreise hierher, als er auf dem jenseitigen Jordanufer überfallen und ausgeplündert wurde. Nicht einmal das Hemd, das gerade die Früchte seiner langen Forschungen barg, ließ man ihm. Darüber ist er verrückt geworden, verrückt vor Verzweiflung. Ich nahm ihn bei mir auf: nachher wollte er die Terrasse meiner Burg, von wo aus er Jdumäa sehen konnte, nicht mehr verlassen. Eines Tages verließ er sie aber doch: allerdings nur, um sich in den Burg- graben zu stürzen. Auf meinem Friedhof liegt er begraben, dort können Sie noch sein Grabmal sehen." „Hat er nie das Idol von Moab erwähnt?" „Nein, niemals: er erinnerte sich an nichts mehr!" „Und vielleicht war es gerade dieses, das ihn verrückt ge- macht hat," sagte der Gelehrte seufzend. Manchmal aber, wenn Elias über seinen Tisch gebeugt, in alten Schwarten herumblätterte, drang aus der Tiefe des Hauses ein Lachen, hell wie das Zwitschern eines Vögelchens, zu ihm empor. Tann fiel im auf, daß Würmer an seinen Pergamenten nagten, daß sein Tisch mit Staub und Asche bedeckt war. daß sein Zimmer nach Tod und Salpeter roch. Tann stand er auf und beugte sich über die Brüstung der Terrasse, auf der Ros- marin und Minze sproßten. Dort unten saß die bethlehe- mitische Amme und summte ein altes fränkisches Lied, wäh- rend sie eine an den Aesten des Granatbaumes befestigte Hängematte schaukelte. Und zwei winzige, nackte, rosige Fütz- chcn tauchten aus den grünen Blättern auf und verschwanden wieder, ein spielerisches Händchen griff im Fluge nach der Nase der Amme und ein lustiges Stimmchen zwitscherte: „Jamma! Jamma!"(Amme.) Sonnenlicht überrieselte die Treppen, Eidechsen ver- folgten einander, blitzschnell durch die Gitteröffnungen der Mouscharabis schlüpfend, und die gelblichen Blütensterne des Jasmin hauchten einen betäubenden Dust aus. Da sagte er sich: „Hier ist das wahre Leben, hier auf diesem Hofe, das Keben mit seinen Hoffnungen, seiner Poesie und seinen Ge- Heimnissen. Warum anderswo danach suchen? Ganz Arabien samt seinen Idolen könnte mich nicht mehr lehren!" Und er stieg hinab, um seine Tochter im sarazenischen Hofe herumzutragen. Hellauf lachte sie, wenn Elias die Ringe der Spannketten gegen �die Mauer warf, daß sie klirrten. Auch machte es ihr vielen Spaß, in den dunklen Pferdestall zu blicken, und wenn der arabische Hengst schnaubend wieherte, versteckte sie ihr Köpfchen an Papas Schultern und trommelte mit den rosigen Hacken ihrer nackten Füßchen vor Vergnügen auf seinem Leibe. Tann sagte wohl die Bethlehemitm, die von hinten heran- getreten war: „Sidi, Du hast nichts verloren; das ist ein richtiger Junge I Bismillahl" lgortsetzung folgt.)! (Nachdruck verdaten) Lwt�eugen der ruMleben Literatur. „Der Dichtung Flamm' ist allezeit ein Fluch", hat einst Ferdi- nand Freiligrath gesungen. Kaum eine andere Sentenz wurde so vielfach mißverstanden, jedoch niemals sozial gedeutet, wie diese. Der sie prägte, ist nämlich in keiner Phase seiner Entwickelung so schwer vom„Weltschmerz"— der philosophischen Modekrankheit jener Tage I— befallen geweien, das; er der irrigen Auffasiung: als ge- reiche die dichterische Begabung deren jeweiligem Träger schon an und für sich zum Unsegen, Raum geben mochte oder gegeben hätte. Sondern Freiligrath, dem ja bewußt war, datz jeder echte Poel auch „von selbst em Mann des Forlschritts" sei, erschien gerade der diesem angeborene freiheitliche WesenStrieb als Urquelle für alles irdische Dichterleid. Hieraus entspringen alle Konflikte und Kämpfe mit der menschlichen Gesellschaft wie mit der staatlichen„Ordnung". Die Geschichte der deutschen Literatur stellt genug Beweise dafür; die deS nissischen Schrifttums aber noch weit inehr. Es existiert kein Staat, in welchem die Schrift- steller auch nur annähernd so grausam verfolgt wurden als im Zarenreiche. Um diese Behauptung zu erhärten, wird eS doch notwendig sein, auf das Zeitalter der Kaiserin Katharina II. zurück- zugreiten, Kraft ihres Einflnsies begann damals eine neue Aera in der russischen Literatur. Im Schrifttum jener Tage begegnet man zum erstenmal verschiedenen Themen, die auf direkter Beobachtung des russischen Lebens beruhten. Und ebenso begegnet man in Derschawin und Bon Wizin! zwei bedeutenden Dichtern, in Nowikoff dem ersten Philosophen nnd in Radistscheff einem politischen Schriftsteller. Uber noch ein anderes weit wichtigeres Merkmal hat jene Epoche aufzuweisen: Die Freimaurerbewegung, die teils maurerisch, teils christlich-myftizistisch war. Beide Gesellschaften rekrutierten sich aus den besseren Geistern der Nation. Ihre Be- strebungen waren auf Verbreitung der Bildung unter den Massen gerichtet. In beiden hat man die erste Manisestation politischen Denkens zu erblicken. Die fteimauerische„Gesellschaft der Freunde" fand m Nikolai Nowikoff, der nicht nur ein hochgebildeter Mann, sondern auch ein großer Organisator war, einen wahren Apostel. Nowikoff hatte keinen Gefallen an der oberflächlichen Satire, welche Katharina bevorzugte und sogar in mehreren Komödien persönlich festlegte. Er wollte bis zur Wurzel alles Uebels jener Zeit gehen, nämlich zur Leibeigenschast im allgemeinen. Zunächst gründete er«me Zeitung, die aber bald von Katharina unterdrückt ivnrde. Dann eröffnete er in Moskau eine großartige Druckerei und Bucbhandlung zum Zweck der Herstellung und Verbreitung von Büchern ethischen Charakters. Mit dieser Anstalt war ein Hospital für die Arbeiter verbunden sowie eine Apotheke, die allen Armen Moskaus die Medikamente kostenlos verabfolgte. 1787 organi- sierte Nowikoff während der Hungersnot Unterstützungsstationen für die hungernde Landbevölkerung. Sein Einfluß wuchs gewaltig, Ivos zur Folge hatte, daß Kirche wie Regierung seine Bestrebungen mit Argwohn verfolgten. Es dauerte denn auch nicht lange, da wnrde Noloikoff der politischen Verschwörung beschuldigt und verhastet. Katharina ließ ihn 1792 zum Tode verurteilen,„begnadigte" ihn jedoch zu 16 Jahren Geheimzelle auf der fürchterlichen Festung Schlüsselburg. Paul l,, Katharinas Nachfolger auf dem Throne. befreite ihn zwar im Jahre 1796; jedoch verließ Nowikoff das GefängmS als«in an Leib und Seele gebrochener Mann. Wie die Freimaurer wurden auch die christlichen Mystiker drangsaliert. Eines ihrer einflußreichsten Mitglieder, der Schrift- steller L a b z i n, endete l82'> sein Leben in der Verbannung. Den bereits genannten R a d i st s ch e f f traf est» noch traurigeres Geschick. Er hatte fich die Bekänipsung der Leibeigenschaft, die schlechte Organisation der Administrative, die Käuftichkeit der Gerichte usw, zur Aufgabe gemacht. Seine durch Taffachen belegtet» Anklagen faßte er in einem Buche:„Reise von St. Petersburg nach Moskau" zusammen, Katharina befahl dessen sofortige Beschlagnahme und Vernichtung. Sie bezeichnete den Autor als einen Revolutionär: „schlimmer als Pugcitschoff"— der ehemals kosakische Thronprätendcnt, der 1773 hingerichtet worden war und dessen Schicksal Karl Gutzkow in einem Drama behandelt hat. Radistscheff hatte das Verbrechen begangen, französischer Aufklärungsideen voll zu sein und„mit An- erkeunung von Franklin zu sprechen". Katharina verfaßte eigen- händig eine scharfe Kritik gegen das Buch— für dessen Anklage. Der Verfasser wurde gefangen gesetzt und später nach dem ent- legensten Teile Ostfibiriens am Ouelek gebracht. Alexanders I. Thronbesteigung brachte ihm zwar die Freiheit, allein er verzweifelte doch an den trostlosen Zuständen und gab sich ein Jahr daraus (1802) den Tod. Das merkwürdigste bei alledem bleibt, daß RadistschessS„Reise" in Rußland noch bis auf den heutigen Tag verboten ist. Eine neue im Jahre 1872 besorgte Ausgabe wurde konfisziert und vernichtet und eine andere von 1838 durfte nur in 100 Exemplaren hergestellt werden, mit denen einige Gelehrte und gewisse hohe Beamte bedacht werden sollten. Ob es geschehen ist, weiß man nicht genau. Uebrigens existiert eine deuftche �Leipzig 1870) und eine englische sLondon 1838) Ausgabe; beide dürfreu aber kaum mehr zu haben sein. Das ganze 19. Jahrhundert stellt eine fortkaufende Kette bru- taler Knebelungen, Verfolgungen und Juftifizierungen der edelsten russischen Schriftsteller dar. Nicht die grausamsten Strafen, mit denen allenfalls notorische Schwerverbrecher belegt wurden, sind jenen erspart geblieben. Wieviele, gebrochen an Geist und Korper, in der Blüte der Jugend starben, wieviel dichterische Großtaten er- (tickten oder unerfüllt bleiben mußten: das alles läßt sich kaum mnmarisch, bestenfalls nur an einzelnen Beispielen nachweisen. Zwar begann der Auftakt des vorigen Säftilums im„liberalen" Geiste. Alexander I. glich semer Großmutter Katharina: er ver- femte im Laufe setner Regierung, was er in der Jugend protegiert hatte. Aus dem liberalen Regenten wurde ein despotischer Erz- reaktionär. Ein Eegenschlag mußte kommen. Und er kam, als der Zar 1313 mit Preußen und Oesterreich die„heilige" Allianz zum Zwecke der Unterdrückung aller liberalen Tendenzen geschlossen hatte. Zahlreiche Offiziere, die in den Kriegen gegen Napoleon I, bis nach Paris gekommen waren, hatten republikanische Ideen«ingesogen. Wieder nach Rußland zurückgekehrt, bildeten sie unter sich geheime Gesellschaften, welche den Zweck haben sollten, das absolutistische Regime und die Leibeigenschaft zu bcseittgen. Fast zehn Jahre hin- durch vermochten sich diese Geheimbüude der„De k ab r i st e n" zu erhalten, ohne daß die Polizei von ihrer Existenz eine Ahnung hatte. Erst nachdem Zllexandcr I. gestorben war und sein Bruder Konstantin zugunsten seines Bruders Nikolaus auf die Thronfolge verzichtet hatte, wurde das Geheimnis verraten. Nunmehr blieb den Tekabrssten kein anderer Ausweg, als offen mit ihrem Pro- granrm hervorzutreten. Das geschah am 14.(26.) Dezember 1823 auf dem Senatsplatze von St. Petersburg. Einige hundert Manu aus verschiedenen Garderegimentcrn hatten sich ihnen angeschlossen. Die Dekabristen nahmen ein Ende mit Schrecken. Etwa hundert junge Leute, die die Blüte der russischen Intelligenz repräsentierten, wurden zur Zwangsarbeit nach Sibirien geschickt, von wo sie erst 1336, ein Jahr nach dem Tode Nikolaus I., zurückkehrten. Fünf Mitglieder wurden gehängt. Einer von diesen war K o n d r a t i j Ryläjeff, der in einzelnen seiner Balladen, welche die führenden Männer der russsschen Geschichte verherrlichten, Freiheitssmn gezeigt hatte. Zwar untersagte die Zensur den Druck dieser Dich- tungen, aber sie verbretteten sich abschriftlich über ganz Ruhland. Alexander Puschkin, Rußlands größter Lyriker, wurde schon im Alter von 20 Jahren wegen seiner„Ode an die Freiheit" nach.Kischinew verbannt. Wäre er am 14. Dezember 1323 nicht in Michailowskoj«, sondern in Petersburg geioesen, so hätte ihn, der mit vielen Tekabristcn befreundet war. sicher das Los der Per- schickung nach Sibirien getroffen. So aber gelang es ihm. alle Papiere zu verbrennen, bevor sie der Geheimpolizei in die Hände gerieten. Hier sei gleich daran erinnert, daß Michael Ler- m o n to f f, gleichfalls/ ein großer Dichter, sowie leidenschaftlicher Freund der Freihett und Feind der Unterdrückimg, für sein Gedicht auf Puschkins Tod(1337) zwar nicht nach Sibirien, aber von der Garde, der er als Offizier angehörte, in ein Linienregiment im Kau- kasus verbannt wurde. Unter jenen 84 Tekabristen, die damals zu sibirischer Zwangs- arbeit verurteilt worden waren, oder dekabristische Freunde, sind noch einige zu nennen, an deren Namen fich der Ruhm des Dichters knüpft. Da ist zunächst Alexander Bestuscheff, der unter dem Pseudonym Marlinsttz eine Anzahl sehr weit verbreiteter No- Vellen geschrieben hat. Er war Tekabrist. Fewjenij Ba ra- tyn ski, Alexander Gribojedoff, der Fürst Ale- xander Odoewsky und Alexander Poleschajeff gc- hörten zum dekabristischen Freundeskreise. Baratyusky mutzte zwangsweise mehrere Jahre in Finnland verbringen. Gribojedoff, der nur ein einziges, aber geniales Tramir die außerordentlich kraftvolle satirische.Komödie„Unglück aus Klugheit" hinterlassen hat, wurde in Tislis, wo«r damals als Sekretär des General- gouveroeurs der Kaukasusprovinz beschäftigt war, wenige Tage nach dem 14. Dezember 1323 verhaftet und nach Petersburg trans- portiert, wo seine besten Freunde beretts gefangen saßen. In den Memoiren eines jener Tekabristen wird erwähnt, daß selbst in dem düsteren Dereich der Festung Gribojedoff nicht seinen Humor ver- kor. Er pflegte den benachbarten Zellengenossen mittelst Klopfeus an den Wänden so amüsante Geschichten zu erzählen, daß sie sich auf ihren Pritschen wälzten und Ivie Kinder lachten. Er wurde zwar schon nach einem halben Jahre freigelassen und nach Tislis zurückgeschickt; aber das furchtbare Schicksal der Tekabristen hatte für immer seine Munterkeit gebrochen. Gribojedoff wurde übrigens wenige Jahre danach in Teheran, wo er russischer Gesandter war, von einigen Persern ermordet. Wie die vorigen, starben auch Odoewsky und Poleschajeff infolge der durch politische Verfolgungen gänzlich gebrochenen Lebenskraft in jungen Jahren. Jener war nach dem Dekabristenaufftand in der Peter Paulfeste interniert und dann nach Sibirien geschafft worden. Nach zwölfjähriger Zwangs» arbeit„begnadigt", wurde er als gemeiner Soldat nach dem Kau- kasus geschickt, wo ihn im Alter von 36 Jahren der Tod wegnahm. Poleschajeffs Schicksal war noch tragischer. Als zwanzigjähriaer Student hatte er ein autobiographisches Gedicht„Saschka", voller Anspielungen aus die Mißstände der Autokratie und erfüllt von ftei- heitlichen Tendenzen, geschrieben, wofür chn Nikolaus I. 1326 in »in Regiment stecken ließ. Nun hieß es 23 Jahre Dienstzeit durch- machen; früher durfte Poleschajeff auf Befreiung nicht hoffen. Nach drei Jahren desertierte er. lediglich um dem Zaren in Moskau ein Gnadengesuch zu überreichen. Man verurteilte ihn zu tausend Stockprügeln. Nur durch einen glücklichen Zufall entging er dieser furchtbaren Strafe. Doch auch selbst dem soldatischen Zivangs. dienst in den schrecklichen Kasernen jener Zeit unterlag Paleichajeff nicht. Ungebrochen protestierte er gegen die Tyrannei in Versen, die mit Blut und Tränen geschrieben waren. Schwindsucht sireckte ihn hin. Währenddem er in einem Milttärhospital schon mit dem Tode rang, wurde er begnadigt; ja, der Zar beförderte ihn sogar zum Offizier— als er tot ivar.... (Schluß folgt.) kleines feuilleton. sk. Fruhlingswasser. Jnl Rückzugsgefecht gegen den Frühling wirbelt der Winter ihn, seine letzten Schneeschaüer inS Gesicht. Die Sowie löst sie gar bald in graue Lachen auf, die immer größer werden, bis die Gräben überlaufen und die Wiesen sich in brette Wasserspiegel verwandeln. Gar reichlich sind die feuchten Gaben diesmal ausgefallen, und wer von Norden oder Westen her in diesen Tagen Berlin zun, ersten Male erreicht, möchte glauben, sich ei»er Seestadt zu nähern und verzweifelt nach dem traditionellen Sande suchen, unter dem Berlin bis an den Hals begraben sein soll. Das Wasser ist vielleicht nicht wärmer, vielleicht sogar kälter, als die September- und Novemberregen es brachten, die im Herbste die Erde ftösteln ließen. Und doch lösen die Wasser diesmal eine ganz andere Wirkung aus. Wir sprechen nur von auslösen, dem, den Frühling machen die Wasser incht, der kommt auch ohnedies. Auch wenn der Winter eimnal ganz ausbliebe, wurde die Pflanzenwelt im Herbste schlafen gehen und der Hamster nicht minder, um im Früh- ling wieder zu erwachen. Einmal durch unermeßliche Zeiträume hindurch aiif den Wechsel der Jahreszeiten eingestellt«nd angepaßt, läuft das Uhrwerk des Lebens fast automatisch weiter. In erster Linie ist die Anpassung an die große winterliche Rubepanse nicht mehr zu durchbrechen, so wenig wie die folgende Auferstehung. Sie würde kommen, auch wenn der Winter eimnal bis in den Sommer hinein dauern wollte, freilich nur mit großem Schaden für die erwachenden Gewächse. Bei norinalem Verlaus ebnen die Frühlings» regen und ihre Ansammlungen dem neuen Leben die Bahn. WaS das starre Eis verdorben hat, das machen sie wieder gut. DaS Erdreich wird gründlich getränkt, die Berührung zwiichen ihm und dem Wurzelwerk hergestellt und repariert, abgestorbene organische Reste, die abgefallenen Blätter und vertrockneten Kräuter utcht zum wenigsten, werden in das Erdreich hineinverarbeitet, kurz, eine allgemeine Düngung und Auffrischung größten Maßstabes, nur ohne alle die Apparate, wie sie die Landwirtschast nicht entbehren kann. Das Wasser ist auch in die Schlammlöcher gedrungen und hat längst die Frösche aus den, Winterschlaf geweckt. Aus Mulm und Moder kriechen zierliche Molche ziun Wasser hin. dem fie sonst nur im unentwickelten Zustande angehören, legen bunte Hochzcifctttacht an und tun, waS zur Erhaltung ihrer Gattung ihres Amtes ist. wenn sie nicht vorher der wißbegierigen Jugend erliegen, die mit Netz und Wassergefäß ihnen überall an den Gräben auflauert. Die Mucken, die in Ställen, Kellern und anderen dunklen, aber vor Kälte geschützten Orten überwintert haben, schwirren bei den Wasserlachen herum, um ihre Eier kunstvoll auf der Oberfläche abzulegen. Längst ist ein großer Teil davon ausgekrochen, sodaß manche. Gräben schwär'lich von den Larven aussehen, die mit dein Atemröhrchen am Hinterende des Leibes an der Wasierober» fläche hängen, um beim Herannahen oder bei der geringsten Störung des Wasserspiegels mit raschen Schwimmzuckiuigen scharenweise nach unten zu entfliehen, Aus den Büschen blicken dicke Weideukätzchen aus die melancholischen Gewässer des Frühlings herab. Maulwurfs- Hügel, Grenzsteine und hier und da eine Schilf- oder Bu'ch» Partie schauen aus dem Einerlei heraus. All das hebt die Monotonie des Ganzen nur um so mehr unter dem Wolkenschleier. Nur wenn er reißt, zeigt der Sonnenglanz, wie die Beleuchtung es ist, die oft ganz allein das Bild macht. Daun sieht das Auge auch rntt einem Male, wie der ganze trübe Grund mit frischen grünen Blättchen bedeckt ist, wie alles sich dehnt und iveitet, und die Knospen sich förmlich mit Gewalt aus den Hullen drängen. Der Kampf ip entschieden, der Frühling ist da.— — Ter FriihlingSmarkt. In T r i b s e e s stellte ein Lehrer, so schreibt man der„Deutschen A". den Kindern die Aufgabe. Be- obachtungen auf dem Markte zu machen und sie als Aufsatz nieder- zuschreiben. Tarunter befand sich diese Leistung:„Heute war bei uns Frühlingsmarkt. Wir haben ihn alle, alle Frühlinge. Er be- steht nur aus man zwei Buden. Der Frühlingsmarkt ist lustig anzusehen. Eine Bude ist unser Konditor Kossow von hier, die andere Bardeleben von Angcrmünde ist außerhalb. Es sind viele da gewesen und sie sind viel los geworden. Sie sind beide mit einem weißen Plan überzogen. Die Bude von Angermünde ist 1851 gegründet, aber Kossow gibt am allermchrsten. Die eine Bude staut bei Balbiercr Schütz, die andere bei Kaufmann Schmidt. Auf dem Markt standen viele kleine Kinder, die darum standen. In den Buden befinden sich allerlei Sachen, gebratene Mandeln, kleine Hasen, Pfepfnüssc, viel Spiclling, Matzapahn, Pflöten, Pffemüntz- stangen, Konditorei und Tüten mit sonen lveißcn, das sieht aus wie Seifenschaum und heißt Schlachtsame, kleine Hähne, wenn man drauf drückt, dann fallen die kleinen Kugeln heraus, und da haben die kleinen Kinder ihre Lust dran und andere Blechsachen. Und die Kinder stehen bei den Buden, denn sie wollen sich etwas kaufen, denn sie haben kein Geld, denn die Mutter kann ihnen nichts geben, denn sie hat allein nichts, aber welche darunter haben Geld, denn in diese Jahreszeiten ist alles teuer und in diese Jahreszeiten ist kein Geld zu haben. Die Schukkolade hat mich gut geschmeckt, mit rotem in gefüllt, für den andern Sechser habe ich mir einen Kuchen für gekauft, es war lauter Mehl mit Wasser. Die Frau von Anger- münde hat bei Clasen geschlafen, der Markt stammt von 1821. Zuerst hat die Sonne warm gcschcint, sie hat den Schnee von den Straßen abgeleckt, es war solch schönes Wetter, als wir noch lange nicht gehabt" haben. Nachher war ein doller Wind, Kossow hat schon um 4 Uhr abgerissen, denn es war zu kalt, denn es war ein sehr großer Strum(Sturm). Frau von Angermünde hat um 6 ab- gerisien und ist nahm Tag fortgczogen, sie kann bei Nah die Bude nicht halten, solch Sturm, zwei Kinder mußten anfassen, denn sie hat bange, daß der Wind die Bude umriß, es war schlecht Wetter gewesen, die Bude konnte nicht mehr stehen. Wer kein Geld zu kaufen hat, kann sich alles ansehen. Ein ganz teil Kinder haben sich angesehen, sonst geht es uns in Tribsees immer gut. Ich habe mir fein ammesihrt auf dem Frühlingsmarkt."— en. Eine giftige Holzart. Seit den letzten Jahren ist eine aus Westafrika stammende Holzart in der Industrie(zunächst in Eng- land) unter dem Namen w e st afrikanisch es Buxba um holz in ziemlich großem Umfang verwendet worden und hat der Be- Nutzung des persischen BuxbaumS wegen seiner Billigkeit erheblichen Abbruch getan. In Fabriken, wo jenes Holz zur Herstellung von Weberschiffchen verarbeitet wird, haben sich nun aber so viele Fälle von Erkrankung unter den Arbeitern eingestellt, daß von der zuständigen Behörde eine Untersuchung eingeleitet werden mußte. Die Ergebnisse dieser Nachforschungen hat Dr. Legge im„Biochemischen Journal" veröffentlicht. Die Merk- male der Krankheit sind Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Triefen der Nase und der Augen, chronisches Niesen, Schwindel, Schwäche, Appetitlosigkeit, Atembeschwerden und Uebelkcit. Die Kranken sind auch durch eine blaßgelbe oder grünliche Farbe des Gesichts und des Körpers kenntlich, außerdem durch einen eigemümlicheil Geruch des Atems und der Haut, der an Kampfer oder an türkischen Rhabarber erinnert. In einigen Fällen hat diese sonderbare Krankheit nach wochenlangein Leiden zum Tode geführt. Die chemische Untersuchung hat ergeben, daß die westafrikanische Holzart einen Stoff enthält, der als Gift auf das Herz wirkt, indem er eine allmähliche Verlangsamung des Herzschlages und eine Herabsetzung der Kraft der Herzmuskeln herbeiführt. Es wird vermutet, daß die feineu Holzteilchen, die bei der Arbeit als Abfall entstehen, sich auf der feuchten Haut, nament- lich der Hand festsetzen und dann kleine Mengen des giftigen Stoffs in die Haut und iveiterhin iir den Säftekreislauf des Körpers ein- dringen lassen. Die Bildung von Geschwüren ist nicht beobachtet worden, dagegen eine örtliche Entzündung der Schleimhäute.— Kunst. e. s.' Eugen Bracht ist ein Künstler, der zu dem Alten hinzulernt und so in seiner Kunst'fortschreitend sich immer von einer neuen Seite zeigt. Die jetzige Kollektion im K ü n st l e r h a us bestätigt das. Es sind durchweg landschaftliche Motive, die sich Bracht wählt. Ein Frühlingsbild von strahlender Frische prägt sich fest ein. Ein landläufiges Motiv, ein Graben am Acker, die Wiesen blühen, links steht der dunkele, aufgerissene Acker in frischem Braun- schwarz saftig gegen das helle Grün und Blau, das Himmel und Wiesen zeigen. Auch das lichlflimmernde Bild einer Stadt im Sommer, in Mittagsglut beweist die feine Art der Gestaltung. Die besten Proben seines Könnens legt Bracht jedoch mit drei Bildern ab, die alle das gleiche Motiv zu verschiedener Jahreszeit darstellen. Eine Stadt, Coldiz mit Namen. Auch hier nichts Auf- fälliges in der Anlage und dem Ausbau. Nur das die Stadt lvie ein Fels überragende alte Gebäude, dessen hohe glatte Mauern so ernst in dcit Himmel ragen, bringt in das Vielerlei der Dächer der Häuser und Hütten unter ihm Ruhe und Beherrschung. Einmal stellt Bracht diese Szenerie in kühler, abendlicher Herbst- beleuchtung hin. Die Massen der Häuser, der Boden, der Himmel, alles ist borwiegend ein kaltes, stumpfes Grau. Nur daZ spärliche Laub an den Bäumen, das bißchen Grün auf dem ungepflasterten Boden bringt Farbe in das Bild. Um so eigener heben sich die Dächer ans dem Bild heraus, die in kalten weißen, blauen und schwarzen Tönen gemalt sind. Dasselbe Bild in Winterstimmung. An einem Tag, Ivo der Schnee nur spärlich noch liegt. Er ist ge- schmolzen. Dunst liegt in der Luft. Alles ist eingehüllt, Schweigen in der Natur. Nichts drängt sich heraus. Das alte Gebäude, das die Stadt überrragt, wirkt nur noch als verschleierte Masse. Zum drittenmal sehen wir dies Bild in einer Winterstimmung, die die Stadt tief verschneit zeigt. Die Dächer sind alle weiß und beleben mit dieser hellen Farbigkeit außerordentlich die graue Monotonie der Mauern und Häuser. Dieses abwechselnde Grau und Weiß, dem der Himmel einen breiten Abschluß gibt, wirkt außerordentlich fein. A. v. Brandis malt Dachauer Interieurs. In diesen Bauern» stuben ist eine dunkle Lust. Die Farbigkeit erscheint dadurch schattig flimmernd, nie tritt ein breiter, greller Ton heraus. Es ist viel Farbe in diesen Stuben. Die Bauernkostüme sind reich an Schmuck. Die Möbel sind bunt und mit Ornamentik versehen. Und altes Geschirr ist hier in Benutzung mit den schönen, derben Farben und Formen, wie die Vergangenheit sie schuf. Zieht man einmal eine solche alte Bauernkommode auf, dann leuchten alle Farben auf, die Wäsche, die Schals, die Tücher werden hier aufbewahrt. All das malt Brandis genau und mit Liebe. Es ist ihm nichts zu gering, er beobachtet es sorgfältig. Stille Winkel-- Menschen bringt er nicht mit aufs Bild. Etwas StilllebenartigeS haben diese Räume. Aber es liegt ein feiner Reiz in diesen kräftigen, dunklen Farben, die alle so behutsam und diffizil zusammen- gesetzt sind. Hans L i ch t ist ein Landschafter, der in seinen besten Sachen zu einer dekorativen Auffassung hinneigt. In klaren, kühlen Tönen breitet sich seine Landschaft aus. mit bewußten, breiten Gegensätzen von Wasser, Wald und Himmel. Die Töne leuchten alle hell und kräftig. Es ist wohl etwas Routine und allzu sicheres Fcrtigsein in der Art, wie Licht die Natur benutzt. Aber immerhin erreicht er das, was er tvill, und erreicht es mit ehrlichen Mitteln.— Anatomisches. ie. Auge, Ohr und Gehirn. Die Nerven der Augen, Ohren und des sogenannten Kleinhirn? muffen, wie seit langem an- genommen worden ist, in einem engen Zusammenhang unter ein- ander stehen. Bedeutende Forscher haben sich bemüht, die Wege nachzuweisen, auf denen ein Nervenreiz vom Ohr zu den anderen Organen gelangt. Zuletzt hat sich der italienische Gelehrte Tricomi- Allegra mit dabinzielendcn Erperiinenten beschäftigt, deren Ergebnisse in den Verhandlungen der Deutschen Anatomischen Gesellschaft ver- öffentlicht worden sind. Bei diesen Versuchen wurde an einer An- zahl von Hunden, Katzen, Meerschweinchen und Kaninchen das innere Ohr auf einer Seite zerstört. Der Forscher verfolgte nun an diesen Tieren bis zu einem halben Jahre nach der Operation die Nervenfasern bis zu ihrem Ende und stellte fest, daß alle Fasern, die von den Zellen des Gehörnerven ausgehen, mit sämtlichen Nerven in Verbindung stehen, die mit den Augenmuskeln zusammen- hängen. Weitsr wurde auch eine Verbindung mit den Nervenfasern des Mittelhirns nachgewiesen, während nach dem großen Gehirn keine Nervenfasern vom Ohre und vom Auge hinführten, auch wurde kein Anzeichen einer unmittelbaren Verbindung zwischen dem Ohr und der Hirnrinde entdeckt. Von den Nervenzellen im Vorhofe des Ohrlabyrinths konnten ferner Fasern nach dem Kleinhirn ver- folgt werden, wo sie sich mit den verschiedenen Nerven- knoten vereinigen. Das Kleinhirn zerfällt ebenso wie das Großhirn in zwei seitliche Halbkugeln, die durch den so- genannten Wurm verbunden sind. Die vom Ohr kommenden Nerven- fasern reichen auch bis zu den Zellen der Rinde des Kleinhirns zu beiden Seiten dieser Brücke. Es hat danach den Anschein, daß die Wurzel des Gehörnerven in der Obrschnecke mit den Nervenknoten des Mittelhirns, die Wurzel im Vorhof des Labyrinths dagegen mit dem Kleinhirn in Verbindung steht. Für die Aufklärung der gegen- seitigen Einflüsse, die zwischen Ohr und Auge stattfinden, z. B. der oft genannten Erscheinung des Farbenhörens, können diese Forschungen eine grundlegende Bedeutung gewinnen.— Notizen. —„Hochparterre links". Schwank von Jean Kren und Artur Lippschitz, geht am 7. April zum erstenmal im Thalia-Theatcr in Szene.— — Edgar J st eis Oper„Der fahrende Schüler" er- zielte bei der Uranfführnng in Karlsruhe einen Achtungs- erfolg.— — E mm y D e st i n n erhält in N e w F o r k für eine Spiel- zeit von fünf Monaten 132 000 M.— —„Salome" von Richard Strauß soll im Mai durch die Opernkräfte des Breslauer Stadtthcaters im Wiener Deutschen Volkstheater zur Aufführung gebracht werden.— — Der Maler I. B. C i s c a r z, Mitglied der Darmstädter Künstlcrkolonic, übersiedelt im Herbst nach Stuttgart.— — Jerusalem erhält elektrische Beleuchtung. Außerdem ist eine elektrische Straßenbahn nach Bethlehem, Bethanien usw. geplant.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer örEo.,BerlinLVV,