Nnterhaltimgsvlatt des Horwärts Nr. 63. Fmwss. den 30 März 1906 tNachdrilck verboten.) Die Sroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 24] Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Leuker 13. Ein Tag änderte alles. Es war zur Sommersonnenwende, wenn Jerusalem dem Einfall der Nomaden preisgegeben ist. Der tausendjährige verödete Zionsberg erzitterte von neuem barbarischem Leben. Wüstes Geschrei mischte sich in das Klirren der Säbel, Burnusse flatterten, Hirtenstäbe fuchtelten in der Luft herum, knochige Arme streckten sich anbetend zum Monde und zur Sonne empor, und stählerne Absätze, die sonst dazu dienten, die Schlangen im Sande zu zermalmen, knirschten auf den Fliesen und verjagten die gelben Hunde. Von einem Tore der Stadt bis zum anderen wimmelte es unter den schwarzen Arkadcnbögen von fahlgelben Dromedaren. Hengste mit prächtigen Schabracken und wilden Augen bäumten sich auf dem ungewöhnlichen Pflaster; Männer mit scharfgeschnittenem Adlerprofil schritten stolz einher und Frauen mit zartem Götzenantlitz ließen ihre wehenden Schleier lang nachschleppen. In dem Gäßchen des Elias stießen kupferne Steigbiigel von Wagschalengröße klirrend gegen die Mauern, Lanzen ragten zwischen den Ohren der Pferde hervor, verhüllte Köpfe blickten sich nacheinander unter dem niedrigen Tor, und Moab, ganz Moab zog in den Sarazenenhof ein. Ben Amr, das Oberhaupt der Hameiden und Sultan von Jdumäa, kam von Slamin geführt, mit seinem ganzen Gefolge und seinem ganzen Harem, unter dem Vorwande Ge- würze zu verkaufen, in Wahrheit aber, um mit dem Gelehrten einen heimlichen Vertrag zu schließen. Herrn Jamains Haus wurde zum wahren Karawanserai. Draußen, im großen ummauerten Hofe gingen die halb- nackten Diener mit lauernden Blicken schweigend hin und her, luden Körbe mit Myrrhen und die Säcke mit Balsam ab oder stellten die mit leichten Vorhängen versehenen Sänften in den Ecken auf. Stliten wieherten, und Kamele, die sich auf ihre unheim- lichen Leiber gelagert hatten und deren traurig herabhängen- den Köpfen und matten Blicken man das Heimweh nach dem Dorngestrüpp und den freien weiten Flächen ansah, lagen wiederkäuend da. Ein unterwegs geborenes, entzückend dolliges Kamelsüllen, das noch nicht recht sicher auf seinen mit gelbem Flaum /bewachsenen Beinen stand, suchte mit feinem rosigen Schnäuzchen überall umher, bis es schließlich an der Brust zu saugen begann, welche die bethlehemitische Amme ihm darbot, während die über diesen neuen Milch- bruder entzückte Ziona ihre Fingcrcheu in seine großen Ohren steckte und seine Albinoaugen zärtlich küßte. Zuerst hatte sich das kleine Mädchen vor diesen Leuten gefürchtet, die unheimlich aussahen wie Gespenster und glitzernd wie Sterne. Als aber die Scheiks ihre schwarzen Mäntel abgelegt und die Enden ihrer seidenen Kopftücher über die mit roten und blauen Perlen durchflochtcne Haar- srisur zurückgeworfen hatten, lächelte sie ihnen zu und be- freundete sich rasch mit deren blitzenden Schmucksachen, sowie mit den Flinten und anderen blinkenden Waffen. Mit leuchtenden Augen und feuerroten Wangen kroch sie von einem zum anderen, dunkel ahnend, daß diese Wüsten- söhne in ihrer Natürlichkeit ebenfalls nur große Kinder seien. Abends wollte sie nicht einschlafen, wenn sie nicht in ihrem kleinen Händchen einen der mit Ringen geschmückten Finger ihres großen Freundes Ben Amr hielt. Frau Jamain be- trübte sich sehr über diese seltsame Vorliebe ihres Kindes, und als gar eines Tages die alte Stammeshexe mit den glühenden Augen und brandroten Haaren der Kleinen ein Leben, reich an Liebe und Irrungen prophezeit hatte, ergriff sie diesen Vor- wand, um ihrem Gatten zu erklären, das heidnische Volk mache ihr den Aufenthalt im Hause unerträglich. Und noch am gleichen Tage reiste sie mit Ziona und der Amme nach Bethlehem ab, um bei Pastor Fischer Zuflucht zu suchen. Elias blieb mit den Beduinen allein. Er führte sie in alle Sonks, durch alle Bazare, belustigte sich über ihre kind- licbe Begehrlichkeit, befriedigte ihre etwas barbarischen Wünsche und kaufte allerlei für sie zusammen vom Panzer- bemde bis zum Nasenring, vom Bassorateppich bis zur Pariser Drehorgel. Je mehr er aber für sie verausgabte, desto an- spruchsvoller zeigten sie sich und war man nach Hause zurück- gekehrt, so folgten stundenlange Streitigkeiten, Zänkereien, Drohungen, die dann plötzlich ohne Uebergang in Schmeiche- leien und süßliche Freundschaftsversicherungen umschlugen, bei denen Slamin wie auch Ben Amr ihre ganze Verschlagen- heit und orientalische Weitschweifigkeit entfalten, Elias aber manchmal seinen halben Verstand und seinen ganzen Geld- beutel einzubüßen fürchtete. Doch wenn der Tag sich neigte, schwiegen plötzlich Streit und Begehrlichkeit. Die heitere Ruhe des Hirtenlebens hielt wieder Einkehr bei diesen großen Wüstenkindern. Man setzte sich um die gefüllten, mit Saffran gefärbten und mit Rosen garnierten Reisschüsseln, atz dazu nach Thymian duftende Brotkuchcn und spülte alles mit Kamel- milch oder Dattelsaft hinunter, während die Jünglinge auf ihren Schilfrohrflöten spielten. Manchmal führten nach der Mahlzeit die Krieger des Stammes den Schwerttanz auf, zu dem ihre Frauen mit den Tamburins den Takt schlugen. Auf eine einzige jedoch, die abseits saß, machte anscheinend weder das Fest noch die Anwesenheit eines Europäers den geringsten Eindruck. Und gerade diese war es, die Elias unaufhörlich be- obachtetc. Den Kopf an einen Myrrhcnsack gelehnt, drehte sie drei kleine bleigefaßte Spiegel, die er ihr geschenkt hatte, in ihren zarten rosigen Fingern hin und her. Mit ernstem Gesicht, in dem sich nur die Augen bewegten spiegelte sie sich so Wohl- gefällig, als ob sie ihre blauen Augensterne mit den goldenen des Firmaments vergliche. In ihrem ganzen Wesen, ihrer lässigen Grazie und ihrem hoheitsvollen Ernste lag etwas so derbsinnliches und über- irdisches zugleich, daß man wie vor einem Rätsel stand. So oft Elias auch versucht hatte, ihren Namen in Erfahrung zu bringen, war er auf die starrköpfige Verschlossenheit der Araber gestoßen, die immer zu sagen scheint:„Lohnt es wohl der Mühe, eines Weibes wegen den Mund aufzutun?" Vielleicht gehörte sie zu jenen Nomadenmädchen, wie Slamin sie im Sande auflas, zu jenen Herumstreicherinnen, die von Stamm zu Stamm wandern, oder an den Karawanen- stratzen ihre Schärpen schwenken, ihre Spiele und Tänze auf- führen. Man hatte sie wohl unterwegs angetroffen und mit- genommen. Es war die letzte Nacht des großen Jahrmarktes. Eine wundervolle Nacht des Orients, licht und klar und duft- geschwängert. In warmem, weichem Hauch strich der Wind von Arabien herüber. Ueber Moab zog der Vollmond seine Bahn und warf ein glänzendes Licht auf Jerusalem. Wie ein Rosenkranz von Perlmutter zog sich die ganze Hügelkette hin und in den engen Straßen wogten die Schatten wie silberne Gazeschleier. Das Mondlicht rieselte am alten Sarazenen- hause herab, still floß es über die steilen Treppen und füllte die Zellen der Mouscharabis mit gleißendem Honig; es malte zarte Farben auf die unbeweglichen Blüten des duftenden Jasmin, zitterte im stahlblauen Wasser der Cisterne und breitete sein leichtes Zaubcrtuch über alle weißen und schwarzen Gestalten, die auf den rosigen Marmorsliesen des Hofes schlummerten. Elias, der sich oben auf seiner Terrasse befand, schlief nicht. Ain nächsten Tage wollte Ben Amr abreisen, und noch war nichts abgemacht. Sicher, Slaniins und des Moaber Sultans Forderungen überstiegen seine Mittel. So war sein Wunsch also unerfüllbar. Man mußte eben auf das Idol Verzichten. Alles fesselte ihn hier, sein Weib, sein Kind. Wäre er frei gewesen, so hätte er sich wenig um die Beduinen gekümmert. Allein, ohne Eskorte, ohne Verträge wäre er losgezogen. Was Ware es auch auf ein paar Händevoll Silber, auf einige Jahre mühseligen Daseins angekommen, wenn man dafür eine ganze Ewigkeit eingetauscht hätte! Ach, frei sein, dem Unbekannten, Abenteuerlichen entgegen- ziehen, die ganze Welt durch die Kraft seines Geistes besitzen, das Glück durch die Verachtung des Geschicks erobern können! Mit unruhigem Herzen und erregten Sinnen wälzte er sich auf dem Teppich hin und her. Von Zeit zu Zeit quoll aus der Tiefe des Hauses ein dumpfer Klageton, ein banger, fützer Seufzer zu ihm empor. Jedesmal durchschauerte es ihn. Denn er erkannte die Stimme des fahrenden Mädchens wieder, das sich im Schlafe nach seinem luftigen Zelt und den schrankenlosen Weiten sehnte. Sollte nicht sie es sein, die er damals im Zelte neben dem Absalomsgrabe gesehen hatte? Bestand doch vielleicht ein mysteriöser Zusammenhang zwischen ihr und der Göttin? Ein wenig ähnelte sie dem Bilde in Slamins Bude. Plötzlich richtete er sich auf seinem Lager in die Höhe. Das Wimmern hatte aufgehört, aber ein leises Klirren näherte sich ihm, und er vernahm ein sanftes Geräusch, als ob nackte Füße die Stufen emporstiegen. Sie tvar es. Auf der obersten Stufe blieb sie stehen. Ihr Busen wogte so heftig, daß ihr Gewand sich öffnete und ihr Halsschmuck laut klirrte. Zwischen ihren vollen weichen Lippen sah man die blitzenden Zähne hindurchschimmern, ihre Augensterne waren starr und erloschen wie die einer Statue. Die Falten ihres blauen Gewandes und ihre weiten Aermel schleppten lang nach; im hellen Mondenschein, der daran herabrieselte, sahen sie aus wie grell beleuchtete Basaltblöcke. Sie war groß und schlank, ihr Wesen gemessen, und ein scharfer, prickelnder Dust strömte von ihr aus. Elias regte sich nicht, leise flüsterte er: „Das ist meine Göttin! Es ist meine Göttin in eigner Person." Sie legte die Hände auf ihre Brust. „Ich ersticke. Mir träumte, ich sei bis auf den Grund Deines Brunnens gefallen und Dein ganzes Haus sei über mir zusammengestürzt. Da bin ich heraufgestiegen, um hier die Strahlen des Mondes einzuschlürfen und nach dem Lande Moab hinüberzuschauen." Sie trat bis zur Mitte der Terrasse vor und lehnte sich, ihr Gesicht dem Gestirne zukehrend, sanft hintenüber, wobei sie sich auf ihren Hüften, die schlank und mager wie diejenigen eines Jünglings waren, hin und herwiegte. Mit weit ausgebreiteten Armen und geöffneten Lippen schlürfte sie das Mondlicht ein. Der Schleier glitt ihr vom Kopfe, ihre langen schwarzen Flechten lösten sich und rollten wie hüpfende Schlangen an ihren gewölbten Lenden herab. Die goldenen Ringe in ihren Ohren blillten, und zwischen dem silbernen Stirnreif und den Ammonshörnern glänzte ihre glatte, verschlossene Stirn, auf die drei blaue Kreuze ein- tätowiert waren, wie diejenigen eines Götzenbildes. Elias war aufgesprungen: „Es ist Astaroth," wiederholte er flüsternd. Und laut setzte er hinzu: „Nenne mir Deinen Namen!" „Ich habe keinen. Jeder nennt mich nach seiner Laune. Die einen Nour(Nacht), die anderen Nahar(Feuer). Und wie wirst Du mich nennen?" Dabei richtete sie sich wieder auf und wandte sich ihm zu. „Ich werde Dich Jstar nennen," sagte Elias. „Wie es Dir beliebt!" „Bleibe und schlafe hier! Strecke Dich auf diesm Teppich aus. Ich werde fortgehen. Bleib! Von hier aus wirst Du wenigstens die Berge Deines Vaterlandes scheu." „Mich dürstet noch, hast Du nichts zu trinken?" „Doch: Wasser!" Er holte einen Holznapf aus seinem Arbeitszimmer. Sie nahm ihn und trank gierig. Ihre mit einem Korallenknopf verzierten Nasenflügel beten. Einige Tropfen rieselten über ihre Lippen am Halse herab. Sie erschauerte leicht. ..Trink' auch Du!" Und sie reichte ihm die Schale hin. Er wollte sie nehmen, doch sie entglitt seiner Hand und fiel zwischen ihnen zu Boden. Angcnchm kühlte das Wasser ihre nackten Füße. In der Ferne heulten Schakale. Hoch aufgereckt sahen Hie Beiden sich tief in die Augen.< Er hatte Furcht und wich zurück. „Strecke Dich hier aus. ich gehe fort," sagte er verwirrt. Doch sie näherte sich ihm, legte ihm beide Hände auf die Schultern und zog ihn langsam aber gebieterisch an sich. sFortsetzung folgt.), lNachdruck verböte».) IMM�eiigen der ruHirchen Literatur, t Schluß.) Mit Nikolaus Gogol, dem berühmten Verfasser des Romans„Tote Seelen" und des satirischen Lustspiels„Der Re- visor" hebt für die russische Literatur eine neue Epoche an. Gogol war es, der in jene das soziale Element einführte. Zwar ist er ebensowenig verbannt worden, wie der Dramatiker Alexander Ostrowsky, der allerdings seinen Beamtenposten verlor und unter Polizeiaufsicht gestellt wurde. Aber daß die Regierung seine Schriften als außerordentlich gefährlich erachtete, geht daraus hervor, daß„Der Revisor" hartnäckig vom Theater ferngehalten und erst auf Befehl des Zaren gegeben wurde. Für den Druck des ersten Bandes seines vorhin genannten Romans hatte Gogol zwar nach Ueberwiudung unglaublicher Schwierigkeiten Erlaubnis bekommen; die zweite Auflage aber durfte bei Nikolaus I. Leb- zeitcn nicht erscheinen. Und als Gogol 1852 starb, wurde Iwan Turgenjefs, der nachmals europäische Berühmtheit als Novellist erlangte, verhaftet, weil er dem Verstorbenen in einer Moskauer Zeitung einen kurzen belanglosen Nachruf gewidmet hatte. Einer schwereren Strafe, als es seine Verbannung von Moskau und der Zwangsaufenthalt auf seinem ferngclegenen Gute war, entging Turgenjefs nur dank dem Einfluß hochgestellter Freunde. Er kehrte später Rußland den Rücken und starb 1883 in Paris. Wohl nur wenige russische Schriftsteller haben gleich bei ihrem ersten Austreten so viel Beachtung gefunden wie F e o d o r Dostojewsky, der Verfasser der„Memoiren aus dem Toten- hause", des gewaltigen, erschütternden Romans„Verbrechen und Strafe lRaskolnikoff)". u. a. Aber die wenigsten haben so furcht- bare Lebensschicksale zu erleiden gehabt wie er. Im Jahre 1843 war der 28jährige Dichter in einen Kreis von Mitgliedern einer sozialpolitischen Vereinigung geraten, welche der Titularrat Michael Pctrasckiewsky leitete. Man kam zusammen, um die Werke des französischen Kommunisten Fourier zu lesen und sich außerdem über die Notwendigkeit einer sozialistischen Propaganda in Ruß- land zu besprechen. Bei einer dieser Versammlungen las Tosto- jewsky einen Brief von Bjelinsky an Gogol vor, in welchem der große Kritiker über Kirche und Staat eine ziemlich scharfe Sprache führte; ferner nahm er teil an einer Versammlung, in der die Begründung einer Geheimdruckerei diskutiert wurde. Als dann am 5. Mai(23. April) 1849 Petraschewsky nebst 33„Mitver- schworcnen" verhaftet wurde, befand sich auch Dostojewsky unter ihnen. Bei verschlossenen Türen wurde er nebst einigen anderen, darunter Petraschewsky, zum Tode verurteilt. Im Dezember brachte man ihn auf einen öffentlichen Platz, schleppte ihn zum Schafott und las ihm sein ausführliches Todesurteil vor. Erst im letzten Augenblick lief die Begnadigung ein. Drei Tage danach befand sich Dostojewsky auf den, Transport nach Sibirien, um zu schwerer Arbeit in einem Gefängnis in Omsk untergebracht zu werden. Während seiner vierjährigen Gefangenschaft hatte er die furchtbarsten Auspcitschungen zu bestehen. Als er dann befreit wurde, mußte er unter die Soldaten. Seit jener Zeit litt der Dichter an der Fallsucht(Epilepsie). Die Amnestie im Jahre 1855 änderte nichts an seinem schrecklichen Lose. Erst 1859 wurde er begnadigt und durste in sein Heimatland zurückkehren. Turgcn- jeffs Sterbejahr war auch das seine. Im Zusammenhang mit der Affäre der„Petraschewsky- Gruppe" wurde 1849 auch der Dichter A l e x e i P l e s ch t s ch e- j e f f verhaftet und als gemeiner Soldat in ein Regiment bei Orenburg gesteckt. Das gleiche Los war ein Jahr zuvor dem klein- russischen Lyriker Taras Schewtschcnko widerfahren. GIcicbzeitig mit diesem und anderen wurde der ausgezeichnete politische Schriftsteller Alexander Herzen auf S Jahre nach Dyatka(Ural) und zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach Nowgorod verbannt; und der Dramatiker A. I. Palm mußte noch 1859 ins Gefängnis wandern, weil er mit Leuten aus der Petraschcwsky-Gruppe im Berkehr gestanden. Im Revolutionsjahr 1848 wurde ferner Michael Saltykoff. der einflußreiche Satiriker, wegen einer Novelle(„Eine verwickelte Geschichte"). worin sozialistische Tendenzen in Form eines Traumes, den er einen armen Beamten träumen läßt, auf 7 Jahre nach Wjatka, einem elenden Provinzstädtchen in Ostrußland verbannt. Festung, mindestens doch Verbannung nach Sibirien wäre auch das Schicksal des bedeutenden Kunstästhetikers Wissarion Bjelinsky ge- wesen, wenn ihn davor nicht ein frühzeitiger Tod(1848) behütet hätte. Denn als der Schwindsüchtige schon auf dem Sterbebette üig, pfll'gte ein Gcndarmerieofsizicr von Zeit zu Zeit zu er- scheinen, um sich zu überzeugen, ob er noch lebte; es war nämlich Befehl gegeben worden, Bjelinsky zu verhaften, sofern er sich erholt haben würde. Drei Jahre später wurde Michael Bar u n i n von Sachsen an Rußland ausgeliefert und in der Peter Pauls- festung interniert. 1W6 nach Lsrsibirien verschickt, gelang es ihm 1860 nach Japan zu entfliehen. Während dieser Zeit hatte wieder die Reaktion in Rußland ihr Haupt erhoben; der polnische Aufstand verschärfte sie. Die den Gefängniffen und Sibirien dargebrachten Opfer an Intellektuellen mehrten sich. 1861 wurde der glänzende Uebcrsetzer aus Heine, Lenau und anderen, Michail Michailoff, zur Zwangsarbeit verurteilt, wo er vier Jahre später starb. 1862 wanderte der Kritiker D i m i t r i P i s f a r e f f in die Peter Paulsfeste. Damals noch Student, hatte er einem Kameraden erlaubt, in einer gc- Heimen Druckerei einen seiner Artikel(die Kritik irgend eines reak- Nonären politischen Pamphlets) herzustellen. Die Entdeckung des Druckortcs führte zu seiner Berhastung. Nach vier Jahren verließ er das Gefängnis als Kranker. Kurze Zeit danach(1868) ertrank er beim Baden im Baltischen Meer. 1863 kam Nikolai Tscher- nische wsky, in welchem die Russen ihren bedeutendsten politi- schen Schriftsteller erblicken, auf Festung. Hier schrieb er die nihilistische Novelle„Was tun?", welche Generationen hindurch von mächtigem Einfluß auf die Gesellschaft war. 1864 wurde Tschernischewsky zur Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Nicht genug damit, brachte man ihn bald nach einem sehr entfernten Ort im hohen Norden Ostsibiriens: Vilnisk. Von dort durfte er erst 1883 nach Rußland wiederkehren, wo ihm Astrachan als Wohn- sitz angewiesen wurde. Seine Gesundheit war völlig dahin; sechs Jahre später erlöste ihn der Tod. Die bis zum 13. Bande ge- diehene Uebersetzung von Georg Webers Allgemeiner Weltgeschichte, zu der er lange Ergänzungen schrieb, war das letzte Werk seines Lebens. Er gehört übrigens zu jenen Schriftstellern, deren Ver- folgung selbst nicht vor dem Ernst des Grabes zurückschreckt. Noch bis heute darf in der russischen Presse weder sein Name genannt noch dürfen seine revolutionären Ideen diskutiert werden. In den siebziger bis zu Anfang der achtziger Jahre, wo die freiheitliche Bewegung in Rußland ihren höchsten Gipfel erreichte, begegnet uns noch so mancher Schriftsteller, dessen Name auch nach Westeuropa gedrungen ist. 1873 wurde Peter Krapotkin, der neuerdings durch zwei Werke von wissenschaftlicher und litc- rarischer Bedeutung(„Gegenseitige Hülfe in der EntWickelung". desgleichen„Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur") allenthalben Aufmerksamkeit erregt hat. verhaftet und in Peters- bürg eingekerkert; es gelang ihm aber, drei Jahre später zu ent- fliehen. Seitdem lebt er im Auslande, lim dieselbe Zeit wurde der politische Schriftsteller Universitätsprofessor PeterLawroff inhaftiert und nach dem Ural verbannt. Ein Kreis junger Sozia- listen befreite ihn und verhalf ihm zur Flucht nach London. Das Los der Verbannung erlitten ferner die Volksnovellisten P e t r o- pawlovski, der unter dem Pseudontim„Karonin" schrieb, S. Elpatieffsky und L. M e l s ch i n. Letzerer hatte 12 Jahre Zwangsarbeit durchzumachen; und der oft mit Turgenjeff ver- glichene Erzähler Wladimir Korolenko wurde 1879 als „Politischer" zuerst nach einer kleinen Stadt im Ural und dann nach Westsibirien verbannt. Da er sich später weigerte, Alexander III. den Treueid zu leisten, verbrachte man ihn nach einem jakutischen Lager mehrere hundert Meilen jenseits Jakutsk. Von dort durfte Korolenko erst 1886 nach Rußland zurückkehren; aber da ihm das Wohnen in Universitätsstädten verboten wurde, nahm er seinen Aufenthalt in Nischni-Nowgorod. Endlich sei an Leo Tolstoi und M a x i in G o r k i, die bedeutendsten rufst- schen Schriftsteller der Gegenwart, erinnert. Tolstoi hat sein Leb- tag Maßregelung über Maßregelung über sich ergehen lassen müssen. Unvergessen ist auch die Affäre, die im vorigen Jahre zu Maxim Gorkis Verhaftung führte. Der Prozeß gegen den Dichter wurde dann zwar niedergeschlagen; aber erst vor wenigen Monaten, als seine Zeitschrift nach kurzem Bestehen gewaltsam unterdrückt wurde, hat sich gezeigt, wie aufmerksam die russische Polizei den Dichter umlauert. Gegenwärtig steht Rußland im Zustand der Revolution. Das Volk wird ja schließlich siegen; bis dahin aber wird der russische Moloch Absolutismus noch so manches Opfer fordern, noch so manches Leben brechen.— Ernst Kreowski. Kleines feullleton. h. Reizbewcgnngcn bei den Pflanzen. Man ist es allgemein gewohnt, die Pflanzen für bewegungslose Wesen zu halten, und darum wird übersehen, daß de» Pflanzen, ganz abgesehen vom Wachstum. Bewegungen eigen sind, die zu beobachten manche Unter- Haltung bietet. Auf experimcntalcin Wege lassen sich verschiedene dieser Bewegungen leicht nachiveiscn. Bei manchen solcher Be- wcgungen handelt es sich um eine bleibende Veränderung in der Form des Gewächses, bei anderen ist nur eine augenblickliche Form- Veränderung zu verspüren, die hinterher wieder ausgehoben wird. Letztere sind am auffälligsten. Der Uebergang in die sogenannte Schlafstellung bei Blumen und Blättern gehört hierher. Wer eine Blumenwiese am hellen Tage und am späten Abend oder frühen Morgen aufmerksam betrachtet, dem wird es nicht entgehen, daß am Tage die Blumen ihre Kronen alle geöffnet haben, während diese am Morgen und am Abend und auch in den Nachtstunden zumeist ge- schloffen sind. Manche Pflanzen, wie der Sauerklee und viele andere Schmetterlingsblütler, legen ihre Blattficdern zusammen. Die Ur- fache dieser Belvegung ist in der Wärme und oft auch in der Luft- fcuchtigkeit zu suckln, denn manche Pflanzen schließen ihre Blumen vor Eintritt von Regen, die Wetterdistel beispielsweise. Eine weniger schnell bemerkbare Bewegung bestimmter Pflanzenorganc wird ourch die Schwerkraft bedingt, die die Wurzel senkrecht nach unten und den oberirdischen Sproß senkrecht nach oben loachsen läßt. Eine Bohne oder Erbse mag in der Erde liegen, wie sie ivill, stets strebt die keimende Wurzel nach unten und der Laubtrieb nach oben, und so oft die Lage eines derartigen Keimlings auch verändert werden mag, dieser Trieb ist nicht zu unterdrücken. Selbst dann kann dieser Trieb, man hat ihn geotropische Krümmung geheißen, noch bemerkt werden, wenn das Wachstum bereits ab- geschlossen ist. So richten sich zu Boden geschlagene reife Getreide» Halme in den Knotengelenken wieder auf. Nicht minder eigenartige Bewegungen ruft der Lichtreiz bei den Pflanzen hervor. Tie oberirdischen Organe wachsen dem Lichte entgegen, die unterirdischen wenden sich ab. Dafür haben wir deut- liche Beweise in unseren Zimmerpflanzen, die infolge der einseitigen Beleuchtung auch ein einseitiges Wachstum aufweisen. Manche Blumen folgen direkt dem Laufe der Sonne, so die bekannte Sonnen- blume, und tann der Wiescnbocksbart. Wenn wir hingegen die Wurzeln von Pflanzen, die in Wasserkultureu gezogen werden, ein- seitig dem Licht aussetzen, so können wir bemerken, daß die Wurzeln sich vom Licht wcgkrümmen. Kleine, einzellige Algen, die in einer Wasserschüssel frei herumschwimmen, ziehen nach der hellsten Stelle der Schüssel, sobald diese an einem wenig hellen Platze des Zimmers steht; bringen wir die Schüssel vor das hcllbeleuchtete Fenster, so fliehen die Pfläuzchcn soweit als möglich vom Lichte weg. Nur wenn die Schüssel im zerstreuten Lichte steht, werden die Algen daS Waffer gleichmäßig ausfüllen. Auch chlorophyllosen Pflanzen ist dieser Lichtreiz eigen, und auch sie lassen sich durch ihn zu eigenartigen Bewegungen verleiten. So bewegt der Schimmelpilz seine Fortpflanzuugsorgane dem Lichte entgegen. Aber nicht nur an äußeren Organen ruft der Lichtreiz Be- wcgungen hervor, sondern auch im Pflanzeninnern treten solche auf. Die Chlorophhllkörper sind es, welche unter dem Einflüsse des Lichts bestimmte Wanderungen im Zellinncrn aufnehmen. Je nach der Stärke des Lichts nehmen die Körper eine solche Stellung an den Zcllwänden ein, daß sie bald mehr, bald weniger vom Lichte getroffen werden, gerade wie wir Menschen an heißen Sommertagcn den Schatten der grellen Sonne vorziehen. Ganz eigener Natur sind die Bewegungen der Ranken- und Klettergewächse. Berühren wir die Ranke eines Weinstockes mit einem Stabe, so wird nach einiger Zeit eine kleine Einbiegung an der berührten Stelle wahrnehmbar sein. Bleibt der Stab l>ci der Ranke, so wird diese ihn binnen kurzer Zeit umwickelt haben. Der Grad der Reizbarkeit ist bei den verschiedenen Pflanzen sehr ver» schieden; sie ist überhaupt nur vorhanden, während die Rauke das letzte Viertel ihrer Länge heranwachsen läßt. Die vollständig aus- gewachsene Ranke ist nicht mehr reizbar. Bei windenden Pflanzen ist die Sproßspitzc der Sitz der Reizbarkeit, und auch diese führt die Klctterbewegungen aus. Einen anderen Reiz übt das Wasser auf die Pflanzen aus. Tie Wurzeln suchen im allgemeinen das Wasser. Das gleich« gilt von gcivissen Schleimpilzen, die bei ihrer Sucht nach dem Wasser selbst größere Hindernisse zu nehmen wissen. Während der Sporen- bildung ziehen diese Organismen sich jedoch vom Wasser zurück. Weiter wäre noch der Wärme zu gedenken, die nach Ueber- stcigung der den Pflanzen zuträglichen Höhe die Pflanzentriebe zwingt, sich von der Wärmequelle abzuwenden. Andererseits wachsen die Pflanzen der Wärmequelle entgegen, wenn der Wärmegrad unter jenem Maß bleibt(Wärmcuiinimuni), das die betreffende Pflanze zu ihrer natürlichen Entwickelung bedarf. Dies läßt sich wunderschön mit Erbsen- und Bohnensämtingcn nachweisen. Schnelle Bewegungen lassen sich beobachten bei dem bekannten Rührmichnichtan, auch schamhafte Sinnpflauze genannt(Mimosa puclica), bei dem Sonnentau, einer insektenfressenden Pflanze, bei der Blume des Sauerdorns, deren Staubgefäße sich sofort der Narbe nähern, wenn ihr unterer Teil berührt wird, bei den Korn» blumen, bei denen ein leichter Druck auf die inneren Scheiben» blütcken genügt, die Pollenmassen hervorquellen zu lassen. All die hier gedachten Bewegungen werden durch Reize mechanischer Natur veranlaßt. Doch kennt der Pflanzenphtssiologe auch Bewegungen, die auf chemische Reize zurückzuführen sind, so bei den Sporen der Farne und Moose.— Mnfik. Wenn irgend ein Grundsatz in seiner Durchführung über- trieben wird, noch dazu auf kleinliche Weise, so erhebt sich mit Recht der Verdacht, daß es dabei an sachlicher Echtheit, ja vielleicht sogar an dem festen Glauben an die Richtigkeit der Sache fehlt. Solche Gedanken stiegen uns auf, als wir vorgestern(Mittwoch) in der Komischen Oper die Neueinstudierung der Mozart schen Oper„Figaros Hochzeit" hörten. Es liegt eine Bearbeitung von dem dortigen Regisseur Maximilian M o r i s zugrunde, teilweise in Anschluß an"die Münchener Bearbeitung. Derzeit reißt uns ein Wetteifer der Theater für Schauspiel und Oper in immer schwindelndere Höhen der Ausstattungskunst hinauf. Das Wiener Opernhaus soll bereits Unglaubliches darin leisten, lieber die derartigen Bestrebungen unserer Komischen Oper, insbesondere über die malerischen Entwürfe von Karl Walser, haben wir uns schon früher ausgesprochen. Wohin die Steigerung der neuen Bühnenkunst noch führen wird, ist kaum abzusehen. Neu- bearbeitmrgcn Pflegen mit Recht die vielen Verwandlungen, lvelche es in älteren Stücken gibt, durch eine bessere Einheit des Ortes zu überwinden. Für damals sind die Verwandlungen innerhalb eines Aktes begreiflicher, da durchschnittlich wohl weniger Szenerie auf- geboten wurde. Nun aber hat die vorliegende neue Bearbeitung den dritten Akt jener Oper, der bisher einheitlich ging, durch zwei Vcrtvandlungsschnitte in drei Teile zerlegt, aus keinerlei innerem dramatischem Grunde, sondern ersichtlich nur, damit nochmal und nochmal neue Bühneirbildcr aufgestellt werden können. Feinerer Bühnengcschmack hat sich bereits mit Recht gegen die Riesenräume gewendet, in denen sich naturwidrig intimere Szenen abspielen; und die Kunst der Einbauten in die Bühne stand bei jenem(Äschmack bereits in hohem Ansehen. Jetzt kann man sich gar nickst mehr genug daran tun. In dem einen Drittel jenes Akte� gibt es lediglich an der einen Seite eine ganz raffinierte schinale Perspektive und für den übrigen Teil der Bühne ein Garten- Haus, das soweit vorsteht, daß diesmal der Vorhang den Agierenden auf die Köpfe fiel. Gute Musiker wissen, was das heißt: ruhig spielen, ruhig singen, auch lvcnn es preotissimo geht. Jetzt ist die nervöse Unruhe Trumpf. Man sehe nur, wie im Chor jede Person eingedrillt ist, möglichst eine jede Sekunde durch aufgeregte Gebärden auszufüllen. Auch den tüchtigen Einzelkünstlern teilte sich diese Nervosität mit, ersichtlich nicht aus ihnen selber heraus. Dagegen hat das Bestreben, den Stil eines möglichst sprechenden dramatischen Ausdruckes auch auf ältere Werke anzuwenden, zu wirklich wertvollen Leistungen eines gestaltungsreichen Gesanges ge- führt. Allerdings sind auch hier die Abstufungen, beispielsweise im Stärkegrade des Tones, oft so groß, daß die Deutlichkeit darunter leidet. Ferner gab's bisher fast in allen Operntheatern die Klage über ein Vordrängen des Orchesters. Das hat nun Dirigent Fritz Cassirer gut vermieden; und die Rezitativs begleitete er auf seinem Klavierchen in lvirklich diskreter Weise. Deslvegen aber muß noch nickst das Orchester einförmig spielen. Wenn droben die «normstcu Gegensätze in der Tongebung gemacht Iverden: warum kommt dann d«s Orchester nicht von einem gleichmäßigen merro- piano los?l Es ist in unserem Rahmen nicht möglich, die sämtlichen Beteiligten aufzuzählen oder eine kritische Auswahl hervorzuheben. Dies schon deshalb nicht, weil hier wiederum, wie wohl immer bei derartigen einheitlich durchgebildeten Aufführungen, die individuelle Leistung lvcniger hervortritt. Das ist jedenfalls ein Vorzug; und wenn es sich wirklich mit so schätzenswerten Einzelleistungen ver- bindet, wie wir sie diesmal hatten, so kann man um so erfreuter eine Gesamtquittung über die Verdienste ausstellen. Die neue Bearbeitung sucht aus den umfänglichen Rezitativen so viel wie möglich zu gewinnen. Zu dieser Breite des Stückes kommen nun die langen Zwischenpausen und der späte Anfang in jenem Theater dazu. Auf diese Weise wurde es beispielsweise gegen 11 llhr, als noch eine große Zlvischeupause und der ganze vierte Akt bevorstanden. Da hat der Mensch, auch wenn er Kritiker ist, das Recht, sich'S genug sein zu lassen, zumal bei dem bangen Gefühle, daß der vierte Akt den dritten in den szenischen Künsten erst recht übertrumpfen iverde.— sz. Technisches. Hck. Eine Balkendecke ohne Z w i s che n b o d e n. (Nachdruck verboten.) Gegen die Balkendecken wird namentlich der Einwand erhoben, daß sie Fäulnis und Schwammbildung begünstigen. Aber dieser Borwurf trifft nicht das Material, sondern die un- geeignete Konstruktion. Anstatt möglichst trockenes Holz zu ver- wenden, sorgt man noch auf der Baustelle für die Durchfeuchtung der zwischen� den Balken eingefügten dünnen Zwischcnböden, der so- genannten Swkung, auf welche die aus Sand, jkoksasche oder Bau- schutt bestehende Schüttung kommt, die auch nickst selten scho>! die Keime für Schwamm- und Fäulnisbiltung enthält. Die Stakung wird mit feuchtem Lehm ausgestrichen, und die Schüttung. welche die Baufeucktigkcit anzieht, sorgt noch dafür, daß die Balken und die Füllung zwischen ihnen nie ganz trocken lverden. Die lieber- zcugung. daß Balkenkonstruktionen die Verbindung mit feuchten Baustoffen am tvcnigstcn vertragen können, hat nun nicht wenig zur Einführung der massiven Dcckenkonstruktionen beigetragen. Daß es aber auch möglich ist, Balkendecken zu konstruieren, tvelcbe dies« Uebelstände nicht zeigen, beweisen die neuen, durch Patent und Gebrauchsmuster geschützten Probstdccken. Der Erfinder ivar bestrebt, eine Balkendecke zu konstruieren, welche die Anwendung feuchten Lehms auf Zwistftenbödcn überflüssig macht und überhaupt nur aus trockenen Elementen besteht. Er ver- wendet als Füllung Hohlsteine aus Gips von quadratischem Quer- schnitt, lvelche, einfach gegen einander geschoben, das ganze Balken- feld füllen und auf Leisten ruhen, die unten gegen die Balken ge- nagelt werden. Die Länge der Hohlsteine, die den Charakter von Gipsröhren quadratischen Querschnittes haben, entspricht also der Breite des Balkenfeldes. Die Konstruktion besitzt den Vorzug, daß sie trocken ist, eine große Feuersicherheit verbürgt und einen schlechten Schall- und Wärmeleiter darstellt. Das sind ja die Hauptbedingungen, welche man an eine Zwischendecke überhaupt zu stellen berechtigt ist. Die Unterfläche der Latten, welche gegen die Balken genagelt werden. liegt infolge zweckmäßiger Gestaltung der Hohlkörper mit der Unter- fläche der Gipshohlkörper in einer Ebene, so daß eine gleichmäßige Unterlage für Rohrung und Putz gebildet und die Anwendung einer Schalung überflüssig wird. Diese Querleisten verschließen nach unten hin gleichzeitig die Fugen zwischen den Hohlkörpern, welche am zweckmäßigsten mit Hartgipsmörtel ausgegossen werden. Im Gegensatz zu allen Beton- und Zemelrtsteinkonswuktionen, Mauer- steingewölben usw. ist die Ausführung dieser Decke von allen Wittcrungseinflüssen unabhängig; sie kann zu jeder Jahreszeit aufs schnellste hergestellt werden, da sie nur aus Konstruktionselementen besteht, die den Frost nicht zu fürchten haben. Ein Vorzug dieser Deckenkonstruktion besteht auch darin, daß sie die von der Sicherheitspolizei überall vorgeschriebene Abdeckung der Balken überflüssig macht. Die Probstsche Decke ist konstruktiv bereits vollendet, wenn die Hohlsteine trocken zwischen den Balken verlegt sind. Diese Arbeit schreitet außerordentlich schnell vorwärts, und sobald die Balken über einem Räume festgelegt sind, kann auch sofort das Verlegen der Hohlsteine erfolgen, die ohne weiteres be- gangen bczw. von Stein- und Mörtelkarren befahren werden können. Durch Ausgießen der Fugen mit Hartgipsmörtcl werden dann die Steine zu einer einzigen Platte zwischen den Balkenfeldern ver- einigt. So gewinnt die Konstruktion schließlich den Charakter einer von Balken bezw. von Wand zu Wand gespannten freitragenden Decke.— Humoristisches. —„D i e zwei Mens e."„So, Kinder," sagte die Lehrerin zu ihren achtjährigen Schülern der Unterstufe,„schreibt jetzt auf Eure Tafel, was zwei Mäuse miteiirander reden wenn sie sich um ein Stückchen Zucker streiten."— Hier eine von den verschiedenen Antworten:„Die zwei Meufe. Zwei Meuse kamen aus ihrem Loche und suchten sich ihr Abendbrot. Aha, sagten sie dieses Stück Zucker gehört mir, nein das Stück Zucker ist mir ivas sagst du soll ich dir eine auf den Mund geben. Brobiers nur einmal. Das Stück Zucker ist mir. Ich geb ihm eine Ohrfeige. Da hast Du ein Par und zog ihn am Orenlaben. Siestes so gez wen man so frech ist. Und er fang ganz schrecklich cm zu heulen. Mein ist der Zucker du frcsche Kerl ich muß dir ein paar langen ich geh jez nach HauS du kanzt meinwegen nur da bleiben ich sars daheim, das du mein Essen weck nehmen wilst. Atschö, Na tvas leufst du mir nach ich fach alles zu Hause ich fach dir nochmals atschö, jetz koinm ich nach Hause. Ging gang, ging gang, Hör du das andere hat mir das Stück Zucker genommen. Ja, wen sie nach Hause kommt dann will ich sie tüschtig durschbrügeln. Ging gang, ging gang, da hör du ivarum bist du so lang ausgeblieben. Abrobo zu was nimst du den deinem Bruder sein Abendbrod wek. Du lang mir deinen Stock her und gieb mir deine Hand. An meine Hand. Das ist recht jczt dengst du auch an mich."—(„Elf. Tageblatt".) Notizen. � Zugegangen sind uns:„Das K a r i k a t u r e n b u ch deS Franz Frciherrn von Gandh". Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. Berlin. Ernst Frensdorfs.— Illustriertes Heilpflanzen- Buch. 125 farbige Ab- bildungen der gebräuchlichsten Heilpflanzen mit genauen Beschreibungen ihrer Anwendungsarten und gesundheitlichen Wirkungen. Bearbeitet von Dr. v. Czarnowski. Berlin. Verlag„Hygieia". Preis 5 M.— — Das Kleine Theater bringt die Komödie„Hille B o b b e" von Adolf Paul am nächsten Dienstag heraus.— — Zum Intendanten des Hof- und Nationaltheaters in Mannheim ist Dr. Karl Hagemann ernannt worden.— — Unter den Ergebnissen ihrer Untersuchungen über den Bau des Gehirns der Affen heben Krause und Klempner, nach der„Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie", als wichtig hervor, daß der O r a n g in seinem Hirnbau tiefer steht als der S ch i m p a n s e. Der Ornng zeigt in mancher Beziehung Verhält- uisse, die wir in dem Gehirn von Neugeborenen oder ganz jungen Kindern vorfinden. Dagegen nähert sich das Schimpauscngehirn viel mehr dem Gehirn des erwachsenen Menschen.— o'c. Wer schweigt, ist ei n v e r st a n d e n. Wenn in Arabien eine Witwe an die Schließung einer neuen Ehe denkt, so geht sie vor der Wiedcrverheiratung in einer dunklen Nacht zum Grabe ihres Mannes, begleitet von einem Esel, der zwei Wasser- schlänche trägt. Sie bittet dann knieend den Verstorbenen um Er- laubnis zu der Heirat. Konnut er ans seinem Grabe nicht heraus, so hat er damit seine Zustimmung gegeben. Zum Dank dafür gießt sie die Wasserschläuche auf sein Grab und reitet wieder nach Hause. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Verlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaulSingerLcCo.,BerlinLVk.