Anterhaltungsblalt des Donvärts Nr. 64. Sonnabend, den 31. März. 1906 tNachdruit verboten.) vie Sroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 25] Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Heuler. 14. Am nächsten Morgen bewilligte der Gelehrte alle For- derungen Slamins. Vom Morgen bis zur Vesper klapperten die Talaris auf den Fliesen des Hofes. Dann schlachtete man ein Lamm und tauschte, während man sich mit dem noch warmen Blute besprengte. Treuschwüre und Bruderküsse aus. Und als am Firmamente der erste Stern aufglänzte, zog Elias mit bräunlich gefärbtem Antlitz und bis zur Unkenntlichkeit vermummt mit ihnen. Als sie außerhalb der Mauern waren, trennte er sich von ihnen und galoppierte nach Bethlehem, um Frau und Kind zum Abschied zu umarmen: er holte sie aber bereits wieder im Feuertale ein, wo sie hinter den mit Sänften beladenen Kamelen ernst und schweigend einherritten. In einer der hellen Sänften schlummerte Sfstar. Und in dieser gespenstischen Nacht, in dieser biblischen Wüste, in diesem Lande Siddim glaubte Elias, von einer vor ihm schwankenden Lichtsäule geleitet, wie einst die Kinder Israel dem Gelobten Lande, dem Kanaan seiner Wünsche entgegen- zuziehen. Volle drei Monate berauschte er sich an der unbegrenzten Weite. Er durchstreifte Berge, wiederhallend wie Tempel und Syrien, beweglich wie das Meer. Ueber ihm breitete sich ein Himmel aus fahl und düster wie eine Sandwüste, und er ritt auf Luftspiegelungen zu, die sich im Himmelblau ge- badet zu haben schienen. Der Zipfel seines Mantels warf in dieser Einsamkeit den einzigen Schatten: und auf das Wiehern seines Pferdes gaben allein die Gäste der Totengrüfte Antwort. Oft lag er, seine Wange an Jstmars Knie gelehnt, träu- mend in der Nähe eines Ouells oder Myrrhengebüsches. Sie kühlte dann seine Stirn mit Schilfzweigen, die sie in die Quelle getaucht hatte und sang dazu fremdartige, klagende Weisen. In der Ferne weinte eine Hirtenflöte, ein Geier zog in langsam ruhigem Fluge seine Straße, und aus den Nüstern der im duftigen Krpute grasenden Dromedare stiegen kleine Wölkchen cychor. Elias Körper badete sich in Duft, seine Augen in Licht, seine Seele in Harmonie: zum ersten Male glaubte er seine wahre Bestimmung erfaßt zu haben und ganz der menschlichen Natur gemäß zu leben. Die Beni Hameidis liebten ihn. Er entzückte sie durch seine wunderbare Phantasie und seine Herzensgiite. Den Männern erzählte er Legenden und Fabeln, wenn die Wacht- feuer knisterten und die Eulen schrien. Und den Frauen schenkte er Amulette und Arzneien gegen die Krankheiten ihrer Kinder. Man hielt ihn für einen Hakim(Arzt), für einen Pflanzensucher und harmlosen Zauberer. Wenn aber nachts der Stamm in tiefem Schlummer lag, zog Elias in Slamins Begleitung kreuz und quer durch Moab. Wenn sie so in ihren weißen Gewändern um die Totenstädte strichen und in die Grabmäler eindrangen, sahen sie selbst wie Schatten aus, welche den Tod in seiner Ruhe störten. Elias ritzte sich das Gesicht�an den Dornen blutig und schürfte sich die Knie am spitzen Gestein ab. Auch setzte er sich dem Biß giftiger Reptilien und dem Ueberfall durch wilde Tiere aus. Er lief Gefahr, lebendig begraben, zwischen ein paar Blöcken eingeklemmt oder von seinem Gefährten im Stich gelassen zu werden. Dabei lernte er auch alle Kämpfe' mit der Furcht und der Dunkelheit kennen, die plötzlichen An- fälle von Hallucinationen, das ängstliche Aufhorchen und zum Schluß die Verzweiflung über gescheiterte Unternehmungen und fruchtlose Anstrengungen. Ueber eine zerbrochene Stele konnte er außer sich geraten und über das Verlöschen eines Lichtes vor Wut weinen. Oft hatte er zur Anfcnchtung des Fließpapieres beim Abklatsch einer Inschrift keine andere Flüssigkeit als seinen eigenen Speichel. Dafür lernte er aber auch den erhebenden Stolz des- jenigen kennen, der aus wenigen Worten die Geschichte eines ganzen Volkes wieder aufbaut und mit seinem Hauche die Seele einer ganzen Rasse wieder belebt. Denn es sah aus, als ob diese heidnische Erde ihm die ihr entgegengebrachte Liebe wieder vergelten wolle; trotz aller Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte, krönte fast jeden Tag ein Erfolg seine Anstrengungen. Dort, wo so viele Forscher durchgezogen waren, ohne die geringste Spur zu finden, entdeckte Elias Ruinen und grub Inschriften aus. Auch fand er so viele Schalen, Amphoren, Lampen, Toten- urnen und Liebesvotive, daß er darüber-- wenigstens für den Augenblick— ganz sein Idol vergaß. Außerdem besaß er in Jstar eine lebendige Göttin, und wenn bei der Rückkehr in sein Zelt der Duft ihres Körpers sich in den Modergeruch der Grabmäler mischte, schlief er so glücklich ein, als ob er dos Arabien aus unvordenklichsten Zeiten erobert an seinem Herzen halte. Eines Tages jedoch erwachte der Gelehrte, sehr leicht bekleidet, aber mit bleischwerem Kopfe am Ufer eines Flusses. Er wollte aufstehen, sank jedoch, viel zu schwach, auf sein aus Tamarinden bereitetes Lager zurück. Um ihn weder Zelte, noch Sand, noch Beduinen. „Wo sind wir?" fragte er den zu seinen Füßen kauernden Slamin kläglich. „Auf dem rechten Ufer des Jordan." „Warum?" „Weil der Glutwind über die Wüste und Deine Stirn hinwegstrich. Zehn Tage sind es, daß Du von nichts mehr weißt. Ich hielt Dich für tot und erwarte hier die Boten, welche mir eine Tragbahre aus Jerusalem bringen sollten." „Und der Stamm?" Slamin zuckte mit den Schultern. „Die Weideplätze sind versengt: er ist fortgezogen.-- weit weg... dem glücklichen Aemen zu." „Und Jstar?" Slamin gerubte nicht, eine direkte Antwort zu geben. Aber er wandte sich nach einer verblühten Distelstaude um, pflückte einen von den flockigen Köpfen und blies darauf. Hunderte von winzigen, ganz, ganz leichten, kaum wahrnehm- baren Federchen flogen nach allen Seiten hin und verzogen sich noch rascher als ein Rauchwölkchen. Einen Augenblick folgte Elias ihnen mit dem Blick, dann fielen ihm die Augenlider zu, er stieß einen tiefen Seufzer aus und verlor von neuem die Besinnung. Drei Tage darauf kehrte er mit dem Heidentum im Blute, und dem Geschmack der Wüste auf den Lippen nach Jerusalem zurück. Dritter Teil. Jahre waren über Jerusalem hinweggezogen. Manches Mal war es unter dem eisigen Winde, der vom Hermon her- bläst, fröstelnd erschauert: manches Mal hatte es unter dem Gluthauche der Wüste lechzend gekeucht. Den Zeiten der Pilgerfahrten waren Zeiten der Erstarrung gefolgt, �en mystischen Wcihrauchdüften die Ausdünstungen des aus- gedörrten Bodens und der fiebernden Sinne. Abwechselnd batte eS seinen Rosenkranz gebetet und seine Sutane lustig geschwenkt. Auch über Elias waren die Jahre hinweggegangen und hatten Silberfäden unter sein braunes Haar gewebt. Zwei senkrechte Falten kreuzten seine hohe Stirn, und unter seinen müden Lidern blickten die schwermütigen, gläubigen Augen mit traurigem, verschleiertem Ausdruck hervor. Aber sein Mund, der jung und rot und fest geblieben war, verriet noch Willenskraft und Lebensfreudigkeit. Er hatte gelebt: er hatte gestritten. Er hatte den Wonncrausch eines Gottes wie auch die Leiden eines Gelehrten kennen gelernt. Eine Welt hatte er geschaffen, sein erträumtes Ziel jedoch nicht erreicht. Oft seit jenem ersten Male hatte er den Jordan über- schritten. Von einem Ende zum anderen hatte er die Wüste durchstreift, das sandige Leichentuch von den Tempeln hinweg- gezogen und dem Tode seine Geheimnisse entrissen, Arabien, das sonst so vcr'ckzwicgenc Arabien, hatte für ihn wenigstens gelallt. Die Nachricht von seinen Erfolgen drang nach Europa. Zwischen zwei Exkursionen in die heidnischen Länder reiste er selbst mehrere Male dorthin, um seine Ausgrabungen zur Schau zu stellen. Sie erregten allgemeines Aufsehen und setzten manche Gelehrtenklause in Verwirrung, denn sie stießen gewisse über phönizische und griechische Altertümer geltende Anschauungen vollständig über den Haufen. Ein großer Ge- lehrtenstreit erhob sich, bei dem Janiain enthusiastische Partei- gängcr und erbitterte Gegner fand. Die Presse brachte längere Abhandlungen darüber, ein Schriftsteller schöpfte hieraus Stoff zu einem neuen Roman und das durch diesen neuen Schwärm von Göttern und Göttinnen lebhaft interessierte Publikum kam dem„jungen kühnen Forscher" mit großer Sympathie entgegen.. Tie Namen Kamos. Moloch, Astaroth kamen in Mode. Und Elias Jamain zur Berühmtheit. Zeitschriften rissen sich um seine Mitarbeitcrschaft, Museen um seine Ausgrabungen: eine Universität trug ihm einen Lehrstuhl an. Aber er verschmähte, aus seiner Beliebtheit und Berühmtheit Nutzen zu ziehen. Mehrere Male war er von Jerusalem mit dem Vorsatze, sich dauernd in Frankreich niederzulassen, abgereist, stets jedoch Wieder zurückgekehrt: sei es nun. daß ihn der großartige, melancholische Reiz dieser toten Stadt gefangen hielt, oder vielleicht irgend ein heidnisches Zaubermittel behext hatte, das Mogb ihm durch das Gitter seiner Terrasse zuwehte. Es war wirklich ein heidnisches Zaubermittel. Astaroth war es, die ihn immer wieder zurücklockte. Sie beherrschte sein ganzes Leben, umnebelte sein Gehirn: Jahre fruchtlosen Suchens hatten seine Hoffnung nicht zu er- schüttern vermocht. Denn in ihr lag der Schlüssel zu allen Geheimnissen. Sie allein konnte das Tor der Vergangenheit so weit öffnen, daß alles, was heute noch eine ungewisse Hypothese war, morgen schon, dank ihrem Dasein, zur unumstößlichen Wahr- heit wurde. Die Basaltstücke hatten ihm bereits das erste Alphabet der Welt geliefert, mit dessen Hülfe er die anderen Inschriften entziffert und die Sprache rekonstruiert hatte. Noch aber fehlten Daten und Taten. Was er bis jetzt gesammelt hatte, waren nur unklare Legenden, zweideutige Riten und magische Formeln, die wohl über die Sitten, nicht aber über die Geschichte Aufschluß gaben. Dagegen würde, nach Elias Vermutungen, die Göttin Astaroth wohl eine Art von Denkmal vorstellen, das nicht allein zur Verehrung der Mondgöttin errichtet war. sondern auch zum Andenken an die moabitischen Könige, die ihre Siege dort einmeißeln ließen. Vielleicht bezeichnete sie einen be- sonders blutigen, schrecklichen Zeitabschnitt. Wenigstens schienen die Worte des Bruchstücks„Und zu Deinen Füßen erwürgt" darauf hinzudeuten. Doch trotz aller Nachforschungen entdeckte Elias sie nicht. Sobald er sich bei den Beduinen nach dem„Glück von Moab" erkundigte, berührten die Frauen scheu ihre Amulette, während die Männer alsbald sehr ernste Gesichter zogen, sich in ihre Burnusse hüllten und stumm wie das Grab wurden. Ben Amr tat so, als verstehe er ihn überhaupt nicht, Slamin dagegen verstärkte noch seinen Wortschwall und ver- mehrte seine Gestikulationen und Winkelzüge. An einem Tage sollte die Göttin sich im Norden befinden, am anderen im Süden: bald sollte sie unter Tempeltrümmern vergraben sein, bald versetzte er sie auf einen hohen Berg. Und als Elias, dessen Geduld endlich erschöpft war, ihn eines Tages mit dem Revolver bedrohte, gestand er zitternd ein, von der Göttin nichts zu wissen, auch nie etwas gewußt zu haben. (Kortsetzung folgt.]] (Nachdruck Btvdot«».) (lnter lmgenäen Bäumen. Von Max{Sittlich. Das breite Tal am rauschenden Gcbr.'gßbach. durch das ich vom Cchiencnftrange aus wanderte, war eine Welt des Friedens. Die Reihen duftender Obstbäume hüllten das lange Dorf ein wie der Schleier die Braut; kein sinkendes Blütenblättchen, das nicht in tausend Schallwellen dcZ Vogclsangs, der Daseinsfreude, ge- schwonimen wäre. Sogar das Gewitter, dessen letztes Grollen in den Schwarzwaldbergen verklang, war eitel Segen geworden; es hatte etwas Verträumtes an sich und war«ine laue weiche Früh- lingssymphonic, durchwirkt von Sonnenstrahlen und den Farben des Rcgcnbogens, dessen Strahlen— so meinte ich— offenbar vom Himmel gerade in daZ Seitentälchen herniederbogen, dem ich aus der belebteren Einsenkung an der Bahn über eine sanfte Höhe zu- strebte. Das verborgene Ziel meiner Wanderung War ein kleines Wunderland: da? Tal der„Libdighüsle", der Leibgedinghäuschen, also der Ruheport der alten Bauern. Da war mir der Regenbogen ein doppelt gutes Zeichen; man nennt ihn hier den Simmelsring, und wo er die Erde trifft, liegt ein goldenes Schüsselchcn. Der Finder des Schüyclchens aber ist ein Glückskind. Also zog ich in das Tal der Libdighüsle im Gefühle der Hoff- nung, dc-Z nahen Himmelsringes goldene Schale werde mir, auch wenn ich sie nicht in meinen Besitz bringen könnte, schon durch ihren Gruß Heil bringen in dem Erdenwinkel, in dem sich die Bauern aus dem großen vorderen Tale ihr Libdighüsle. den Altensitz, in jungen und guten Tagen bauen. Sic errichten das Häuschen vorsorglich für die Zeit, in der sie der frischen Jugend ihren Hof abgegeben haben, um die eigenen paar Jährchen in Ruhe und Friede zu ver- bringen nach eineui Leben voll Arbeit und vor einer Zeit des ewigen Friedens. Und während sich hier die ein Leben lang vom Pfluge der Zeit aufgewühlte Menschenseele doch auch mal auf sich selbst besinnen kann und in ihrer besonderen Art frei walten darf, singt drüben bei den Nachfolgern eine junge Mutter das Wiegenlied von den drei Parzen. Denn die drei volkstümlichen Strophen, die in sinniger Weise gerade am Lager des Kindes gesungen werden, weisen auf die Schicksalssrauen hin, von denen die erste den Faden spinnt. die zweite Stück um Stück abschnitzt und die letzte beim Sinnbilde des Todes hockt: In Niederland stoht a Hus, 'S lueget dri Jungfrau« drus, Die erst' spinnet Seide, Die zweit' schnitzet Chridc. Die dritt' schnidct Haberstroh,--- Bhüet mir Gott mein Chindle oi Ein halbes Stündchen beschirmten mich die Blütenbäumc, die sich weiß und sauber wie lauter Schneewittchen am Wege ihre flaumigen Aeste zustreckten, und dann hatte ich schon das Seiten- tälchen vor mir, an dessen Eingang„die dritt'" ihr leeres Haber- ftroh vorbereitete, um es abzuschneiden mit dem Lebensfadcn der- zenigen, die hier ihr Libdighüsle bewohnten. Schon ein Jahrzehnt. ehe sie in dieses Idyll des Tannenrauschens und Ouellcngemurmels und des langsamen Schwimmens der Aucrhühner durch die würzige Luft gehen, errichten einzelne Bauern hier ihren Ruhesitz. Ich Hause nun ein paar Tage in einem der von ihren Erbauern noch nicht bezogenen Hüttchen und sehe die Sonne und die Schatten kommen und gehen. Das goldene Schüffelchen, aus dem der Regen- bogen steigt, habe ich nicht gefunden; doch seine geheime Macht scheint das Herz meiner neuen Nachbarn geöffnet zu haben, auf daß sie es mir ausschütten in diesen Frühlingstagen— unter singenden Bäumen. Denn wie die weißen Schlehen und die rosigen Mandeln und die hellpurpurnen Pfirsichbäume hier, in dieser bienenreichen Landschaft, gesungen haben würden, so klingt jetzt aus den Zwetschen» und Pflaumenbäumen zu unseren Häuptern ein leises Getön, und ich plaudere unter diesen Riesensträußcn mit den Bewohnern der Libdighüsle von ihren Romanen. Während die Bienen, deren Schwärme die blütenüberladene Krone des Baumes singen lassen wie einen feinen fernen Chor, über uns Süßigkeiten sammeln, naschen wir unter ihnen von guten und von bitteren Früchten des Lebens alter Menschen. Einer, der nicht aus der Erde dieses Tales der Libdighüsle gemacht ist und doch zu dieser Erde werden wird, ist ein Maler auS der Ferne. Vor Jahren ist er, so erzählen die Leute, studienhalber in das große, vordere Tal gekommen, und damals war er„recht". wie die anderen auch. Zeitweise ist er damals verschwunden, zeit- weise hat ihm auch die Bahn einen weiblichen Besuch zugeführt, und eines Tages hat er diesen Besuch als seine Genossin für das ganze Leben mitgebracht. Aber nicht im Dorfe, unter den schaffenden Menschen, ist er jetzt geblieben, sondern er hat ein ver- lasseueS Libdighüsle gemietet, und hier, in der Einöde, haust er jahraus, jahrein. Selbst seine Nachbarn wissen nicht, wovon das einsiedlerische Paar lebt, wer für des LeibeZ Nahrung und Notdurft sorgt. Auch frühere alte Bekannte finden keine Gelegenheit, einen Besuch in dem HäuScheu abzustatten; sobald die Bewohner„Lunte riechen", werden die Ankömmlinge unter der Haustür abgefertigt. Und wenn eS wahr ist. daß ihn die Leute als„den Fleiß selber" gekannt haben und daß sie„die Schönheit selber" war, was hat sie getrieben, alle Welt zu fliehen und ein« Robinsonade aufzuführen? In einem anderen Hüsle wohnt der Marie. ES gibt in dieser Gegend viele Menschen weiblichen Geschlechts, denen das männlich» „der" zugesprochen wird: die Grete wird zu dem Gret, wenn sie alt und verlassen dasteht, die Cäcilie wird zu d e m Zäzl usw. Einen S reisen Gret z. B. kenne ich schon lange persönlich. Mit dem Marie at es«ine andere Bewandtnis; er ist nicht durch das Alter zu der Umwandlung gekommen, sondern er ist ein wirklicher Mann und hat seinen weiblichen Vornamen in der Stadt erhalten, seinen Hau?» hältertugcnden zu Ehren. Er hat noch heute, trotz seiner 70 Jahre. die Gewandtheit des WcibeS; auch sein„Mundstück" ist noch alleweil sidel, obwohl mancher Redestrom über die Lippen geflossen ist. Der Marie ist der ehemalige Martin von dem Kirchbauerhos und spätere Kirchbauer. Sein Vater hat zwei Söhne gehabt, und der Martin ist der älteste. Die Bauern vererben ihr Gut hier nicht, wie in «räderen deutschen Gegenden, auf den ältesten, sondern auf den jüngsten Sohn. Den Martin, der zwei Brüder über sich sieht, packt als zwanzigjährigen Menschen die Lust, nicht mehr den Knecht des Vaters und des Bruders zu spielen, sondern fein Geschick selber zu, lenken. Er sieht in den Revolutionsjahren dre Preußen durch das' Tal ziehen, hört Lieder fingen, wie er sie nie vernommen hat, schnürt sein Bündel und geht auf gut Glück nach der Stadt, guter Dinge, obwohl ihm der Vater voraussagt, er werde nicht anders heimkommen als mit einem„Verrucktenkopp". In der Stadt findet der Martin keine Stellung als Kutscher bei„Herrelit", auf die er'Z abgesehen hat, sondern er wird Hausknecht in der„Taube". Aber er ist bald mehr; der erklärte Liebling alles Weibervolkes der Küche. Er spielt den Koch, so oft er Zeit hat, und kauft auf dem Markt billiger und schneller ein als die Mägde, bei seinen Bekannten, die ihn zum Wohlgefallen des Wirtes an den Markttagen auch an der Stätte der Erquickung besuchen. So steigt er weiter im Ansehen und wird Oberbefehlshaber über das gesamte Küchenpersonal. Alle Einkäufe besorgt er auch ferner selber, er läuft ohne Unterlatz durch die Gassen zum Bäcker, Metzger und Kaufmann, die Zipfelmütze auf dem Kopfe, das Körbchen ani Arm. Zehn Jahre ist er auf dem Posten; für alle Gäste der„Taube" und fast für die gesamte Bürgerschaft ist er der Marie geworden. Da rafft der Sensemann daheim seinen Bruder fort. Der Marie wird heimgerufen, bindet die Küchenschürze ab, hängt das Körbchen an die Wand, und Pflicht- bewutzt, wie er ist, wandert er drei Tage und drei Nächte, bis er wieder auf der ihm vertrauten Erde steht. Als die Sonne eben aufgegangen ist, langt er vor dem Dorfe an. Es ist Frühjahr, und durch die meisten Felder ist längst der Pflug gegangen; nur einige Acckcr des Kirchbauern find noch unbearbeitet, und der Pflug liegt ungebraucht am Raine. Der Tod hat diesmal die Sense ge- schwungen, ehe noch recht angebaut war. Neben einem der unbearbeiteten Aecker ist schon ein Mädchen mit der Sichel tätig, des Mattenbauers Theres, eine Schulkameradin des Marie. Trotz der langen Trennung erkennen sie sich sofort; er geht ohne Umstand auf sie zu und fragt, ob sie ihm das Feld pflügen helfen wolle, da kein Stundlein Zeit zu verlieren sei.„Sell isch sicher!" antwortet sie. Der Marie spannt den Ochsen von ihrem Wagen, legt ihn an den Pflug und beginnt die Arbeit, ohne noch einen Blick in seinen nunmehrigen Hof getan zu haben. Wenn er schon„Bur" sein solle, wolle er erst erproben, ob er noch„burcn" könne, sagt er. Als er vor Hunger nicht weiter kann und ein Stück ihres Brotes verzehrt, packt das Mädchen den Pflug und lenkt ihn, bis der Rest des Ackerstückes nach frischer Erde duftet. Der eben der städtischen Küche entronnene Mann prüft ihre Arbeit, verspricht ihr, bei nächster Gelegenheit auch ihr zu helfen, und sie ziehen mit- einander ihren. Hofen zu. Nach einigen Tagen schon steht er im Sternenscheinc vor ihrem Fenster und wirbt mit dem alten Gesang: „Was sage denn die Leut, Datz uns das Lieben so freut?" Und sie sogt ihm die Antwort: „Die Leut sage allezeit: 'S Liebe goht weit und breit!" Ein paar Monate darauf wirtschaften der Marie und die Theres als Mann und Weib. Jetzt ist der Marie ein Greis, dessen Sohn auf dem schönen Bauernhofe schafft und dem das Libdighüsle eine Wohltat ist. Die diensümllige Pflügerin hat Mutter Erde längst als ihr müdes Kind zugedeckt zum.gemeinsamen Schlummer mit anderen Müden. Und w«- den Marie ausforscht, ob er den da- nialigen schnellen Entschluß, der Theres Schicksal und seines zu verketten, nie bereut habe, erhält die Antwort:„Ha nei! Selle isch die Best gsi!"- (Nachdruck verboltn). In SKenäer berübmtem f>an* Von Roda Roda. Auf der Höhe der Kraljewa Gora, dem.Königsberge, dm das lange Tal der Tara vom montciregrinischcn Trobnjat trennt, im Passe von Dragaschi, steht Skender Agas berühmter Han. Was ein Han ist? DaS Wort staimnr aus dem Persischen, wo es„Khcnn" lautet, und der Slame ist das einzige, was sich auf dem Wege vom Euphrat an die Drina geändert hat. Ein Han ist ein eingezäunter Platz, dazu«in Schuppen von Holz, eine elend« Hütte ohne Herd und Rauchfang, ein Tor.... Und wenn das alles fehlte— der Schuppen, die Hütte, das Tor, ja selbst die Einzäunung—«6 wäre immer noch ein Han, ein tür» kischcS EinkchrhauS. ES brauchte nur ein Windschirm aus Zweigen da zu sein, ein Blann mit wettergebräunt cn Zügen und weiten Pluderhosen, eine ttohlenpfanne, eine Kufferkanne, Tabak und Kaffeebohnen. Skender Agas Hm ist«über kein gewöhnlicher Han. Er ist ob seines Komforts berühmt. Hat er doch einen gestampften Lehm boden, eine Feuerstelle und eine Pritsche, die an den rutzigen Wänden hinläuft. Und drinnen am Feuer sitzt der ansehnliche Wirt und passt mächtige Wolken, ihm zur Rechten und Linken zwei Reisende, wie er, mit initcrceschlageiiero Beinen.. „Wie gehts Dir, Hodja, der Friede Allahs sei mit Dir!" h£ ginnt der Wirt nach minutenlangem Schweigen., „Gut, Tank dem Ewigen!"— „Und Dir, Schlaufuchs? Auch mit Dir sei der Friede Allahs l" sagt der Wirt herablassend dem anderen, einem Zigeuner. „Gut, Tank dem Ewigen!" Dann schlveigen sie wieder einige Zeit— es ist ei« morgen» ländisches Gespräch. „Und wie gehts Dir abermals, Hodja— der Friede Allahs sei mit Dir—?" „Gut, Dank dem Ewigen!" Nach einer neuen Pause fährt der Hausherr fort: „Und was hat Dich in die Gesellschaft dieses Schlaukopfes ge- bracht, frommer Sohn?" Der Hodja(Priester) schweigt. „Ist er etwa kein Schlaukopf; der Zigeuner? Ihrer einer hat einst den Sultan betrogen." Die Gäste horchen auf. Denn nicht die Pritsche allein macht den Han Skender Agas berühmt, sondern auch des Wirtes Erzählungen, mit denen er die Gäste unterhält, er, der reiche MoS» lim, der seinen Han nur aufgetan hat, um immer Gesellschaft zu haben. „Ja— da war einmal ein Zigeuner, listig wie Du und alle Deines Stammes, der an nichts anderes dachte, als die Welt recht zu betrügen. Er hörte einst, datz der Sultan— clewleti ali, gnädige Hoheit!— einen Schmied brauche, der die kaiserlichen Pferde mit Gold beschlagen sollte— und ging schnurstracks nach Stambul in den Serail und bot dem Sultan— dewleti ali— seine Dienste an. „Was verlangst Tu an Lohn?" fragte der Beherrscher aller Gläubigen, die ihm von Allah Gutes wünschen. „Ich, geehrter Sultan, heische keinen anderen Lohn als den: Du mögest befehlen, datz mir jeder, der sich vor seiner Frau fürchtet, öffentlich zwei Para geben mutz." Der Sultan ist lachend einverstanden und gibt ihm den Freibrief, datz er öffentlich von jedem, der sich vor seiner Frau fürchtet, zwei Para verlangen dürfe. Der Zigeuner geht cm seine Arbeit. Nach einigen Tagen tritt er wieder vor den Herrscher und ruft aus voller Kehle:„Padischahl Ich Hab Dir zu Deiner Freude ein Mädchen gebracht, an die fünf- zehn oder sechzehn Jahre alt, vierzig Oka schwer und rosig wie eine Fee." „Sprich leise, Unglücksmensch," flüstert der Sultan,„meine Frauen könnten Dich hören I" „Ztoei Para, Padischahl Zwei Paral" Und der Zigeuner tanzt vor Freude auf einem Bein. Da hat der Sultan seinen Freibrief um schweres Gold zurückgekauft." Als sich das Lachen gelegt hatte, begann der Hodja:„Wie sollte ein Zigeuner nicht den Sultan betrügen können, hat doch ein Zi- geuner einmal den heiligen einzigen Muhammed selber betrogen, Und das war so: Die Stute Saklawi, der Allah das Glück beschieden, seinen Abgesandten tragen zu dürfen, hatte ihre Hufeisen verloren, und «in Zigeuner, der am Wege lagerte, hatte sie beschlagen., Da wollte ihm Muhammed— alejhi selam we sellcni zahlen, er aber sjamr, wie er den Abgesandten betrügen könnte. „Eh, mein goldener.Heiliger," begann er,„wenn Du errätst, was man zu einem gut beschlagenen Pferde braucht, zolle mir Deinen heiligen Dank. Errätst Du aber nickst, dann zahle für jeden Nagel so viel, wie andere für ein Hufeisen." „Gut," sprach Muhannned— alejhi selam I—„ist das so schwer zu erraten? Zu einein gut beschlagenen Pferde braucht man vier Eisen und vierundzwanzig Nägel, Hammer und Zange. Hab' ichS erraten?" „O nein, Heiligerl Sieh her— ist Dein Pferd gut beschlagen?" „ES könnte gar nicht besser sein?" „Nun sieh— braucht es Eisen? Nägel? Zange? Hammer?" Stumm griff Muhammed— alejhi selam I— nach seinem Beutel und zahlte so viel, wie sonst sechs bezahlen." Die beiden Mvslim schmunzelten, während der Zigeuner leb» hast lachte. „Eh, da weitz ich einen besseren Schwank>" rief er.—„Fallen da eines Sommertages die Heuschrecken in die Saaten. Zuerst fressen sie des Popen Garten kahl und jetzt hausen sie in dem des Richters. Man läutet die Sturmglocke, das ganze Dorf strömt mit Hacken und Schaufeln, Aexten und Sägen herbei, um Gräben zu ziehe» und Holz fürs Feuer zu bereiten. Mit den anderen der Enkel meines Grotzvaters, der'S schon lange auf den Richter abgesehen hatte. „Ruhig Blut, Kinder," mahnt der Richter.„Bleibt olle drauhen vor dem Garten, bis ich„Sturm!" rufe. Dann aber stürzt herein und tötet von den Heuschrecken so viele wie möglich."— AIS der Richter„Sturm!" ruft, sitzt ihm«ine Heuschrecke gerade aus der Stirn«. Viun, hat sie mein Verwandter mit der Axt erschlagen, freilich den Richter dazu.— Während die Männer drinnen über die Heuschrecken herfallen, sammeln sich vor der Gartennurucr die Weiber.„Nun, wie steht der Kampf?" fragt eine von draußen. des Richters Frau.—„Gut, Gottlob!" schreit mein Verwandt«. „Bisher ist einer von den Feinden gefallen und einer von den Unfern." „Daran hat Dein Vertocmdter nicht wohl getan," sagt Skendev Aga und schüttelt das greise Haupt.— Nach einer Weile fährt er fort:„Da weih ich eine schönere Geschickste von Zivei Aigen nen»� 256 die in einem Bette schliefen. Diebe kamen in die Hütte, und der erste Zigeuner weckte.eile den zweiten:„Um Himmelswillen, Bruder, sei still, Diebe sind da."—„Was— still? schrie der andere. „Mach' Lärm, vielleicht erschrecken sie und Achsen etwas fallen—" „Ei, ei, Effendim," meinte der Zigeuner,„wer wird in eines Zigeunere Hütte stehlen kommen?" „Wieder ein Zigeuner, mein Sohn." „Effendim." rief der Zigeuner beleidigt,„hat man je gehört, daß einer unseres Stammes gestohlen hätte?" „So höre eine Geschichte," sprach der alte Moslhn.„Da standen auf dem Markte zu Sarajeivo zwei Deines Stammes, beide aus Jlidje gebürtig, und verkauften Körbe.„Hier, Ihr Leute, kauft," rief der eine,„dreißig Para das Stück!"—„Fünfzehn Para das Stück!" der aiidere.— Als der Markt zu Ende toar und beide ihren Erlös in der Schänke vertranken, sprach der erste:„Wie stellst Tu es an, o Rom"), daß Du die Liörbe so billig abgeben kannst? Ich stehle die Ruten und kann meine Körbe doch nicht für fünfzehn Para ausbicten."—„O Rom." entgegnete der andere,„ich stehle eben die fertigen Körbe."— Nun siehst Du wohl, daß Ihr stehlt?" Da lachte der Hodja, daß ihm schier die Rippen sprangen. „Ja, die Zigeuner sind Füchse! Und doch hat ein Rechtgläubiger einen von ihnen überlistet." „Erzähle, Effendim," drängte der Zigeuner. „Das geschah so: Auf dem Landgute des Hamsi-beg zu Banja- luka weideten drei ihre Pferde: ein Moslim, ein Rajah und ein Zigeuner. Hcraisi-beg sah sie und lief schnell hin.—„Leute," rief er,„wo nehmt Ihr die Keckheit her, auf fremder Wiese zu weiden? Ich wundere mich nicht über den Moslim, denn es ist türkischer Grund, noch übe r den Schwaben, denn er ist unser Bruder. Aber über Dich, Du Zigeuner! Haltet ihn Ihr zwei, damit ich ihm ein paar mit der flachen Klinge heruntersäblc." Des Vegs Wille geschah.—„Und Du, Rajah l Du lebst in türkischem Land— weißt Tu nicht, waS türkiselzer Boden ist? Haltet ihn Ihr zwei, denuit ich ihm ein paar mit der stachen Klinge heruntersäble." Der Moslim und der Zigeuner hielten ihn.—„Höre auch Du. Türke! Hast Du weder Kor'an noch Tschitab gelernt, daß Du so schlecht bist, wie die zwei? Bei meinem Barte, Tu bist der ärgste Sünder unter allen, Du hast sie sicherlich angestiftet! Haltet ihn Ihr zwei, damit ich auch ihm ein paar mit der flachen Klinge aufsäble." „So ist ihnen recht geschehen!" sagte Skender Aga. Der Zigeuner darauf:„Freilich ist ihnen recht geschehen, denn man soll nicht auf fremdem Felo« weiden. Doch Du hast behauptet, Hodja, ein Moslim hätte einen Zigeuner überlistet?" „Natürlich hat er daS, da doch ihrer drei waren und hätten den Beg leicht bändigen können, tvcnn sie einig gewesen wären." Sie starrten ins Feuer, bis der Zigeuner wieder anfing:„Das war auch zu der Zeit, da der Schtvabe noch nicht im Land war... Da betrog ein Zigeuner den Kadi von Litvno. Und ein Kadi ist doch wahrlich nach dem Mufti der klügste Mann im Glauben. Der Zi- gcuner lieh sich von Hadji Schemsi einen Pflaumenkessel und sollte ihn in sieben Tagen samt einem Geschenke wiederbringen. Am dritten Tage kommt er schon:„Weißt Du was neues, Hadji?" „Was denn?" „Denke Dir das Glück! Dein Kessel hat zwei kleine Kessclche» bekommen." Damit überreicht er sie ihm. Der Hadji nimmt sie lachend; er meint, sie seien das versprochene Geschenk. Am siebenten Tage kommt der Zigeuner wieder.—«Weißt Du was neues, Herr? Dein Kessel ist gestorben." „Keine Späße, bei Deinem Glauben! Wie kann ein Kessel sterben?" „Wie sollte er nicht sterben können, da er doch alt ist und Kinder bat?� Da mußte der Hadji lachen und schenkte ihm den Kessel. Der Zigeuner hatte kaum geendet, als der Hodja eifrig einfiel: „Ihr seid bei lvcitem nicht die Klügsten, und viele von Euch haben schon recht unklug gesprochen.— Da hatten einmal einige von Euch ein Gewehr gestohlen. Man brachte sie vor den Richter und ihren Aelteften mit als Zeugen.„Was kannst Du beeiden?" fragte der Richter.—„Ich kann beeiden," antwortete der Aelteste,„bei Gott und allen Heiligen, daß das Gewehr immer meinem Vetter gehört hat. Ich habe eS bei ihm schon vor vielen Iahren gesehen, als es noch eine ganz kleine Pistole lvar." „Gute Schwänkc reizen zum Lachen," sagte der Hodja wieder. ..Aber sprich, Aga— Gott gebe Dir ein langes Leben!— Hast Du für uns Wanderer nichts zu essen?" „Ich will sehen, was ich für Dich finde, Hodja," antwortete der Wirt, unmutig darüber, daß man ihn an seine Pflicht gemahnt hatte, und schritt hinaus.— Er kam auch nicht wieder. Sein Hirt brachte ein Huhn, schlachtete es, begann es zu rupfen und suchte eine Rute zu einem Spieß. „Wie wäre es, Zigo," sagte der Hodja.„wie wäre es, wenn wir vor dem Mahle ein wenig schliefen? Ein Huhn ist zu wenig für uns beide. Laß hören, wie wir es teilen! Wer jeist einschläft und schöner träumt, der mag das ganze haben.— Bist Du's zu» frieden, Zigo?" *)„Rom"— in der Zigeunersprache„Mensch".— So sprechen sich die Zigeuner untereinander in aller Welt an. Der Zigeuner nickte, und der Hodja freute sich. Er gedachte, ihn mit seinem Traume zu übertrumpfen. Sie legten sich auf das harte Lager, der Hodja, der schlafen wollte, mit dem Gesichte zur Wand, der Zigeuner verkehrt, so daß tc das Feuer, cm dem das Huhn briet, anblinzeln konnte. Als es gar war und der Hodja schnarchte, ließ er sich's schmecken. „Nun, Zigo," rief der Moslnn im Erwachen,„was ist's mit Dir? Wo bist Du? Erzähle Deinen Trauml" „Ach, erzähle Du zuerst. Effendim l" „Gut.— Mir träumte, Mohammed— alejhi selarnl— ließ mir vom Hinunel eine seidene Leiter mit Rubinsprossen herab, und ich stieg empor. Am Tore erwartete mich der Abgesandte Gottes wie eine Mutter ihren lieben Sohn erloartet, und brachte mir Scherbet, einen Tschibuk von Rosenholz mit einem Perlenkopf daran—; dann kamen die Houris und umarmten mich und gaben mir allerlei Süßig- leiten und eine goldene Keule, die sollte ich tragen und alle Un- gläubigen damit erschlagen. Aber ich nahm sie nicht, weil sie mir zu schwer tvar und ich fürchtete, mit dieser Last zu spät zu unserem Braten zu kommen." Des Hodjas unruhiges Auge irrte umher und suchte das Huhn. „Bei Gott, Effendim." rief der Zigeuner,„Du hättest die Keule ruhig nehmen können! Denn, um Dir die Wahrheit zu gestehen: Ms ich Dich auf der seidenen Leiter mit den Rubinsprossen zum Himmel ansteigen sah. dachte ich mir: der Abgesandte wird doch seinen frommen Sohn, der zu ihm zu Gast kommt, nicht unbcwirtet entlassen? Und— ich aß das Huhn!"— Kleines feuilleton. — Ehemische Analyse alter Metallgeräte. Der„Franks. Z." wird geschrieben: Der Leiter der französischen Ausgrabungsarbeiten in Persien, der Archäologe Morgan, hat von Berthelot eine Anzahl metallner Gegenstände, die bei den Ausgrabungen auf der Akra- polis von Susa, der alten Residenz der persischen Könige, gefunden wurden, auf ihre chemische Zusammensetzung hin untersuchen lasten. Tie Akropolis von Susa wurde nacheinander von den Ela- mrten, den Achämenidcn, den Pattbern, den Sassaniden und schließ- lich von den Arabern bewohnt. Die Betthelot übergcbenen Gegen- stände stammen zum größten Teil aus den untersten Schichten der elamitischen Periode, d. h. aus der Zeit vor 7ö0 vor Chttsti Gcbutt. Ein anderer Teil wurde in den Trümmern eines dem Gotte Susinak geweihten Tempels(10. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) gefunden, und ein Stück trägt eine Inschrift mit dem Namen eine? Königs Silhok(zwischen 1000 und 7b0 vor Christi). Die von Berthelot in Gemeinschaft mit dem Chemiker G. Andre untersuchten Metallstücke stammten von silbernen Vasen, kupfernen und bronzenen Geräten. Die chemische Untersuchung hat nun, wie daS„Journal des Debats" berichtet, folgendes ergeben: Das Silber der Vasen ivar zu einem Fünftel seines Gewichtes mit Kupfer legiert. Außer- dem war'dem Silber noch Gold beigemischt, das wahrscheinlich noch aus dem verwendeten Erz stammte, da man es bis zum sechsten Jahrhundert vor Christi nur unvollkommen verstand, des Gold vom Silber abzuscheiden. Die von einem Grabdenkmal berrührende Bronze hatte folgende Zusammensetzung: Kupfer 82,7 Teile, Zinn 13,9 Teile und Mei 3,4 Teile. Hingegen bestand die Bronze eines in einem Steindenkmal gefundenen Kästchens sowie die mehrerer Vasen aus Kupfer, Zinn und Eisen, und bemerkensivetterweise fand man dattn auch Spuren von Nickel. Dies ist besonders aufgefallen, weil in dem früher von Berthclot untersuchten alten Metallgeräten, die aus Aegypten und Chaldäa stammten, keine Spur von Nickel gefunden Ivurde. Wahrscheinlich war das Nickel dem verwendeten Kupfererz beigemischt, das in den Bergen in der Nähe von Susa gefunden wurde. Schließlich bestand die Spitze eines Wurfspießes mis Kupfer und Zinn mit«inigen Spuren von Eisen. Dieser Wurf- spieß ist wegen seines hohen Alters von besonderen Interesse, denn er muß seiner Zusammensetzung Ivegcn noch aus prähistorischen Zeiten stmnmcn, da in den eigentlich historischen Zeiten bei der Her- stcllung von Waffen das Kupfer bald vom Eisen verdrängt loorden ist. Wahrscheinlich ist dieser Wurfspieß nicht durch Guß, sondern durch kräftig« Drehung aus einer drei bis vier Millimeter dicken bronzenen Platte angefertigt worden, wie sich ans einigen Rissen nn Metall zu ergeben scheint.— Humoristisches. — Darum.„Ich begreife nicht, daß der Chef jetzt immer s o schlecht aufgelegt ist!" „Ich schon! Er hat mir nämlich versprochen, daß er mich auf- bessert, tvenn er einmal gut aufgelegt ist I" — Passend.„Wie lebt unser erster Liebhaber in seiner Ehe?" „BerufSgemäß: Er macht ihr Vorstellungen, sie ihm Szenen."— — Borlaut.„Kellnettn, schnell noch a' Maß-- mei arm'S Buberl hat noch gar so an' argen Durst l' „Gar kein' Durscht Hab' i', Vota l' „Hab' i' Di' g' fragt, Lausbub?!"— (»Fliegende Blätter".) Verautwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag:VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer ScCo., Berlin