Anterhattungsblatt des Dorwärts Nr. 66. Dienstage den 3 Aprll� 1906 (Nachdruck verboten.) Die Broberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 261 Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Zenker Weiteren Streites müde tat Elias so. als ob er auf fernere Nachforschungen nach dem Idol verzichte: im Grunde seines Herzens aber bewahrte er die Ueberzeugung, daß er sie den- noch finden werde. Je länger jedoch das Warten dauerte, desto schwächer wurde seine Hoffnung und da er fühlte, daß die Anstrengungen und das Klima seine Jugendkraft untergruben, tauchte manch- mal die Befürchtung in ihm auf, sie könnte sich ihm vielleicht zu spä' entschleiern. Uebrigens hatte Elias seit dem Tage, da Slawin die feinen Federchen der verblühten Distel in alle Winde blies, Jstar nie mehr wiedergefunden. Auch sie hielt sich verborgen wie das Idol. In Jerusalem, wo alles, was zur Religion in näherer oder entfernterer Beziehung steht, fanatischen Aufruhr entfesselt, hatten die beduinischcn Ausgrabungen die Stadt in zwei feindliche Lager gespalten, auf einer Seite standen die„Moa- biter", auf der anderen die„Antimoabiter". Diese verwünschten ihn bis in die Hölle; jene erhoben ihn bis über die Wolken. Die Katholiken aller Dogmen schrien: „Aus einem Abtrünnigen ist er nun gar zum Heiden ge- worden. Mit den Beduinen hat er ein geheimes Bündnis geschlossen: und sicherlich hat er auch eine von ibren Frauen geheiratet. Die Juden zeterten: „Mit Beelzebub ist er einen Part eingegangen. Fluch über ihnl Er ist uns ein Ding des Aergernisses, denn er hat aus der Erde gescharrt, was für Jchovah ein Greuel und Gegenstand des Zornes war!" Aber die lutherische Sache triumphierte in Elias; denn hatte er auch das Heidentum wieder auferweckt, so war es ohne Zweifel nur zu dem Zwecke geschehen, es später um so nachdrücklicher zuschanden zu machen, die Allgewalt des Baters um so deutlicher nachweisen, das alles überstrahlende Licht des Sohnes um so glänzender verherrlichen zu können. Und da ja schon das alte Testament des Landes Moab, seiner Könige und seiner Götzendienerei Erwähnung tut, entschied man, daß Herrn Jamains Werk wohl als biblische Studie gelten könne. So besaßen denn die Herren Fischer, Simon, Nikodemus bis herab zu Goldmann und dem anglikanischen Geistlichen je ihren Gott oder ihre Göttin, die allerdings in anbctracht ihrer allzu ausschweifenden Nacktheit mit einem Leinwand- schürzchen bekleidet waren. Nur Schwester Charlotte, deren rote Warze auf der violetten Unterlippe beim Anblick solcher Scheußlichkeiten mehr denn je zu wippen begann, zog es vor, sich nur ein Trnncnkrüglein anzuschaffen, das sie auf einem Pfeiler im Hospitalshofe aufstellen ließ. * ♦ ♦ Cäcilie hatte an ihres Mannes Berühmtheit reichlich teil- gcommcn. In Europa war sie bei seinen Ehrungen zugegen gewesen: in Jerusalem setzte man gar einen Teil des Per- dienstes auf ihre Rechnung und nannte sie seine„Jnspira- torin". Allerdings wehrte sich ihre christliche Bescheidenheit dagegen— wenn auch nur schwächlich— aber sie fragte sich doch einigermaßen erstaunt: „Sollte Gott in seiner Gnade mich wirklich zu seinem Werkzeug erwählt haben?" Sie faßte nun eine gewisse Dankbarkeit zu ihrem Gatten, die sie dadurch bewies, daß sie für ihn betete, ihm Pantoffeln mit semitischen Mustern stickte.— er trug allerdings nur Sandalen, � sich erkundigte, ob ihm auch nicht zu warm oder zu kalt sei— seine Natur trotzte jeder Witterung— und seine Zärtlichkeit ruhig über sich ergehen ließ. Gingen sie zusammen spazieren, er melancholisch und zerstreut, sie strahlend und sich stolz an seinen Arm hängend, so verglich man sie mit dem tugendhaften Weibe, von dem Salomo spricht. Im Anfang der Forschungsreisen hatte sie für diese allerdings nicht so viel„Wohlwollen" gehabt. Moab, die Nomaden, das Idol, dies: ganze Atmosphäre von Poesie und Heidentum stieß sie unwillkürlich ab. Denn in ihren Augen war sein Forschungstrieb nur Eigendünkel und die Er- forschung des Unbekannten als solche kam schon halbwegs der Gottlosigkeit gleich. Auch beunruhigte sie der Gedanke an die schönen und leidenschaftlichen Beduinenfrauen: dabei fürchtete sie aber weniger die Nebenbuhlerschaft— bis zur Eifersucht entflamm- ten sich ihre kühlen Sinne nicht— als vielmehr die Sünde, die mit einer solchen Liebschaft in ihr Haus Eintritt fände. Außerdem trugen Elias' heimliche, von ihr jedoch geahnte Geldausgaben sowie die Porwürfe der Schwester Charlotte, der sie die Bekehrung ihres Mannes zum Missionar ver- sprachen hatte, dazu bei, sie gegen seine Bestrebungen einzu- nehmen und ihm gegenüber eine hartnäckige Feindseligkeit hervorzukehren. Mehrmals hatte sie sogar eine Krankheit Zionas oder die drohende Gefahr eines Christenmassakers zum Vorwande genommen, um ihn von seinen Ausgrabungen nach Jerusalem zurückzurufen. Dann waren auch oft herbe Worte gefallen, wenn nicht mürrisches Schweigen zwischen ihnen herrschte. Schließlich hatte sie in der Ueberzeugung, ihre Pflicht zu tun denn sie glaubte damals an keinen Erfolg ihres Mannes und das wurmte sie jetzt am meisten— sich die Rolle des Schutzengels zugelegt, dessen Amt es war, ihm Verdruß zu ersparen und die Fittige über seinen Ruf als christlicher Gelehrter auszubreiten. An all das dachte Elias jedoch nicht mehr, wenn er erst wieder nach Moab zurückgaloppierte, die Kiesel unter distt Hufen seines Pferdes sprühten und die Troddeln seines Beduinenschleiers ihm um den Kopf tanzten. Dann schien es ihm, als sei er zu neuem Dasein erwacht, zu göttlicher Freiheit wiedergeboren. Und wenn er sich am Eingange des Feuertales noch einmal umwandte, erschien Jerusalem ihm schwerfällig und düster und grau wie ein Sarg, dem er noch einmal glücklich entronnen war. Leicht und lustig sprang dann seine Seele mit den Gazellen von Kuppe zu Kuppe, und weit über Jdumäas Bergketten hinweg eilten seine goldenen Träume dem Blick voraus. Und wenn er neben der Sultansquelle bei Jericho, unter dcw Balsambäumen Galaads den ersten Halt machte, sandte er stets einen Boten nach der Stadt zurück, der Cäcilie— gewissermaßen als Friedensgabe— einen Oleanderstrauß und der kleinen Ziona ein gebendes Gazellchen überbrachte. Seit der Erfolg sich einstellte und mit ihm die Ehrungen, war in Cäcilies Ansichten ein Umschwung eingetreten. Die Anerkennung und Stütze, die.Elias bei seinen eigenen Standcsgenossen fand, veranlaßten sie zu größerem Entgegen- kommen. Im Grunde aber dauerte ihre Abneigung gegen di: unanständigen Statuen, mit denen Elias sein Arbeitszimmer anfüllte, fort. Abgesehen davon, daß jene ihre angeborene Schamhaftig- keit gröblichst beleidigten, riefen sie ihr auch zu ihrem großen Mißbehagen die Tage von Baalbeck und ihre Reise im Libanon ins Gedächtnis zurück. Zuerst hatte sie versucht, den Statuen in Elias' Abwesen» heit Badehöschen anzuziehen, diese jedoch stets schon nach kurzer Zeit in den Hof fliegen sehen. Darauf stellte sie ihre Besuche im Obergemache unter dem Vorwande ein, der Modergeruch verursache ihr Uebelkeit: und mußte sie doch einmal hingehen, so verfehlte sie m:, die Terrakottastatue einer Zwittergestalt zum Protest gegen eine solche heidnische Unanständigkeit mit dem Gesicht gegen die Wand zu kehren. Elias fiel es gar nicht einmal ans. Suchte seine Frau ihn aber auch nur selten auf, so kam doch jemand anders oft genug. Es kam heimlich, sobald Cacilie ausgegangen war, kletterte mit lautlosen Schritten die hohen Treppenstufen empor, und war es auf der letzten angelangt, so blieb es mit einem Fingerchen am Munde und fragenden Augen stehen, um durch die offene Tür zu erspähen, ob dort hinter jenem Arbeitstische die Stirn nicht zu düster gefaltet, der Mund nicht zu fest zusammengekniffen sei. Und wenn die langen, nachdenklich gesenkten Lider sich freundlich hoben, wenn die blanken Zähne lächelten, dann trippelten zwei kleine Füßchcn lustig herbei, zwei kleine Aermchen breiteten sich weit aus und mit jauchzendem Freudenschrei warf Ziona sich zwischen die Knie ihres Vaters. „Abi! Abi!"(Väterchen.) Hatten sie sich dann genug ancinandcrgeschinicgt und alle Geheimnisse des Tages ins Ohr geflüstert, so setzte Elias sie wieder zu Boden. Tann trippelte sie stolz und glücklich im Zimnier umher, musterte die in Regalen aufgestellten Idole und die in Fächern untergebrachten Amphoren, blieb wohl vor einer neuen Göttin stehen und zupfte nachher ihren Vater am Aermel: „Abi, liebes, erlaubst Tu mir, dasi ich nnt der da spiele?" Und auf der Matte sitzend, wiegte sie das Tonidol wie ein Püppchen, richtete in Opferschalcn das Puppenfrllhstück an und verzehrte es aus Totenurnen. War sie des Spieles müde, so setzte sie sich manchmal an eine Tischecke. „Abi, nun werde ich Dir helfen!" Tann ergriff sie einen Bleistift, ein Stück Papier und bekritzelte es mit wichtigtuender Miene. Manchmal vergaß Elias ihre Gegenwart ganz und dann schlief in dem heißen, dämmerigen Gemach Ziona mit roten Bäckchen wohl gar aus dem schwarzen Leibe eines Moloch, eines Kindcrfressers, vertrauensselig ein. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Oer Garten ctes l�aiibenkolomften. April. In der Nacht vom 31. März zum 1. April feierte der Vogels- dorfer Grundbcsitzervercin sein erstes Stiftungsfest. Ich sollte mit- machen, um aber als Junggeselle nicht allein kommen zu müssen, lud ich Herrn und Frau Prietzke zum Mitgehen ein. Beide sträubten sich zunächst, denn sie fürchteten als Laubenkolonisten in einem Grundbesitzcrvcrein nicht für voll angeschen zu werden. Nachdem ich aber die feierliche Versicherung abgegeben hatte, daß dem Verein Ivedcr Rittergutsbesitzer noch Oekonomicrätc oder Ober- amtmänner, ja nicht einmal gewöhnliche Hausagraricr, sondern nur Leute angehören, die statt des Pachtlaudes die eigene Par- zelle im Schweiße ihres Angesichts bearbeiten, kamen beide mit. Sic hatten es nicht zu bereuen, amüsierten sich köstlich und während Frau Prietzke mir, dem Junggesellen, gegenüber eine gewisse Zurück- Haltung beobachtete, war Herr Prietzke, wie man zu sagen pflegt, ganz aus dem Häuschen. Es war früher Morgen geivordcn als wir die Festsälc verließen und uns den ersten April von der Straße aus besahen. Frau Prietzke, die trotz ihrer Korpulenz als viel umworbene Schönheit tüchtig getanzt hatte, war ermüdet und sehnte sich nach Schlaf, er aber wollte sich nur waschen und umkleiden um dann mit mir hinaus nach dem Alberthain zu fahren. Ter Verabredung gemäß trafen wir uns um zwölf Uhr am Bahnhof Alexauderplatz. Kaum hatte sich der Vorortzug in Bewegung ge- setzt, so nahm Herr Prietzke die Unterhaltung auf, die sich natür- lich um daS Laubenland drehte. Prietzke ist Pessimist, d. h. ein Mensch, der alles schwarz in Schwarz sieht und stets bereit zu sein scheint, die Flinte ins Korn zu werfen, sich aber trotzdem für jede Aufmunterung empfänglich zeigt. Er hatte im März, gleich nach seiner letzten Besprechung mit mir, Petersilie, Radieschen und Karott5n gesät, zusammen für dreißig Pfennig, es wollte aber nichts aufgehen. Wöckientlich zweimal hatte er, falls kein«chnee lag, mit allen zehn Fingern in den Saatbcctcn herumgewühlt, ohne etwas von keimen- den«amen entdecken zu können.„Das hätte» Sic aber nicht tun sollen," sagte ich ihm.„die Samen wollen ihre Ruhe haben, sie konnten auch noch nicht aufgehen, weil nach den ersten warmen Märztagen wieder recht kalte Witterung einsetzte. Die frühesten Saaten brauchen reichlich Zeit zum Keimen, später, wenn erst der Boden wärmer ist, geht die Sache bedeutend schneller. Der Haupt- saatmonat ist der April, also jetzt, Herr Prietzke, geht die Sache eigentlich erst los. Dabei haben Sie aber mancherlei zu beachten. Manche Gemüse müssen auf besondere Saatbeete ausgesät und später auf die Kulturbeete verpflanzt werden, andere werden aber nicht verpflanzt, weil sie das nicht vertragen, sondern gleich dahin gesät, wo sie ihre vollständige EntWickelung erlangen, sollen. � Zu den ersteren gehören alle Kohlgewächse. Kopfsalat, der aber unter Umständen auch unverpflanzt bleiben kann, Sellerie. Breit- lauch und Tomate. Diese Gemüse säen Sie jetzt, mit Ausnahme von Sellerie und Tomate, die man unter Glas heranzieht, auf ein Saatbeetchen. Guter Blumenkohlsamen ist teuer, von den anderen Kohlarten deckt aber für je zehn Pfennig Samen'den Bedarf für drei Lauben- gärten. Die Samen werden recht weitläufig ausgestreut, etwa einen Zentimeter hoch mit Erde bedeckt und die aufgehenden Pflänzchen dann im nächsten Monat verpflanzt. Kohlgcivächse stellen die höchsten Anforderungen an den Boden, sie erfordern Voll- düngung und wollen oft trotz solcher in unserem Sandboden nicht sehr groß werden, aber der Anbau ist dennoch lohnend. Es kommt ja nicht auf die Größe und Dicke eines Kohlkopfes, sondern auf seine Schmackhaftigkeit an, und wenn Ihre Frau bisher Blumen-, Wirsing- und Kopfkohl in der Markthalle gekauft hat, so wissen Sie eben beide nicht, wie wirklich guter Kohl schmeckt. Der in Berlin in den Handel kommende Kohl ist durchweg minderwertig, ich mag ihn nicht essen, nicht einmal riechen, denn er stinkt beim Kochen fürchterlich I Tie dicksten dieser Kohlköpfe stammen von den überdüngtcn städtischen Rieselfeldern, die übrigen aus Dänemark und Holland; sie kommen in ungezählten voll gepackten Waggon- ladungen nach Berlin, erhitzen sich auf der Reise, und dadurch wird ein Zersetzungsprozeß eingeleitet, welcher den widerlichen Geruch und Geschmack zur Folge hat. Im Moorboden ivachsen alle Kohl- arten gut, im Sandboden gedeihen Kohlrabi, Grün- und Rosenkohl am besten, letztere werden aber als Wintergemüse erst im Juni gesät. Auch Blumenkohl, namentlich die kleine Erfurter Zwerg- forte, früher Wirsing, Weiß- und Rotkraut gedeihen bei uns bei guter Düngung. Eine Verwandte des Kohlrabi ist die Kohlrübe, die aber dem lieben Vieh besser als den lieben Menschen schmeckt, wenn auch der eine oder andere Kohlrüben mit Schweinebauch für eine Delikatesse hält." „Was nun die Gemüse betrifft, die direkt au Ort und Stelle gesät werden, also am anspruchlosesten sind," erklärte ich Herrn Prietzke weiter,„so gehören hierher zunächst fast alle Wurzel- gcwächse, also Karotten, Schlvarzwurzel, Petersilienwurzel, Rabies und Rettiche, rote Rüben und Zwiebeln, ferner die einjährige» Küchcnkräuter und Spinat, sowie die Hülsenfrüchte, also Erbsen und Bohnen. Bohnen legt man erst im Mai, alles übrige wird jetzt gesät. Die nieist kleinen Samen werden recht weitläufig ausgesät; am besten vermischt man jede Samenportion gründ lich mit einem tüchtigen Posten trockener Erde und streut dann das ganze Gemisch gleichmäßig auf das hcrgcrichtctc Beet, worauf der Samen mit einer cngzinkigen Harke eingeharkt wird. Erbsen legt man in Reihen, von hochwachsenden Sorten, die später geftcngelt werden müssen,' zwei bis drei Reihen auf ein 130 Zentimeter breites Beet, von niederen vier bis fünf Reihen. Die Reihen werden mit der Pflanzschnur ausgesteckt, dann zieht man zehn Zentimeter tiefe Saatrinnen, in diese legt man auf je zehn Zentimeter Entfernung eine Erbse und schließt schließlich die Rinne» wieder mit der Harke. Am angenehmsten sind die niedrigen Erbse», die nicht gcstengelt zu werden brauche». Vorzügliche Sorten sind; Verbesserte Wunder von Amerika, Buchsbaum und Allerfrühcstc Maierbse. Sehr schmackhaft sind die hier kaum bekannte» Zucker- crbsen, die man in ganz unreifem Zustand mit der grünen Schote kocht, was ein delikates Gemüse erzielt." „Wenn Sie die pflanzen," sagte ich zu Prietzke,„so können Sie mich einmal zu Zuckercrbsen einladen." Ich wollte ihm»och ein Rezept sür die Zubereitung geben, er lehnte aber ab, weil seine Frau, die alles besser weiß, auch die besten Rezepte kenne. Ich ermahnte Prietzke»och, die Erbse» ja zehn Zentimeter tief zu legen, weil sie sonst Tauben und Krähe» wieder herausholen würden. Prietzke erklärte mir. daß es alles säe» wolle, natürlich mit Ausnahme von Bohnen, Gurken und Kürbissen, wofür es noch zu früh ist.„Und wenn Sie gesät haben," sagte ich ihm ernst, „dany zügeln Sie Ihre Ungeduld und warten ruhig ab, bis alles aufgeht. Zuerst gehen übrigens Samen auf, die Sie gar nicht gesät, Unkräuter schlimmster Art.„Disteln und Dornen soll Dir Dein Acker tragen!" Das hat schon Adam, der erste sagenhaste Lauben- kolonist, erfahren müssen. Tie Samen dieser Unkräuter loarcn schon im Boden oder fliegen uns zu, denn es gibt leichte und mit flügcl- oder sederartigen Anhängseln versehene Unkrautsamen, die im Fliegen entschieden besseres leisten als die modernen Er- finder mit ihren lenkbaren Luftschiffen und Luftschrauben. Die Unkräuter zieht man frühzeitig aus, damit sie die Gemüsepflanzen nicht überwuchern und ersticken. Es gibt aber auch Unkräuter, die gar nicht so unnütz sind, wie es den Anschein hat, hierzu gehöre» zum Beispiel der Thymian, ein würziges Küchenkraut, der Sauer- ampfer, der, mit Spinat gekocht, ei» pikantes sauer und süßes Gemüse liefert, und der überall wachsende Löwenzahn, mit gelbe» Blumen und reichlichem bitterem Milchsaft in den Stengel»; er ist eine würzige Salatpflanze."„Diesen Unkräutern räumen Sie ein besonderes Bett ein," sagte ich Prietzke,„auf welches sie noch andere ausdauernde Kräuter in je zwei bis drei Stück pflanzen, wie Schnittlauch, Salbei, Esdragon(zum Gurkeneinlegen) und Lawendel, dessen Zweige aber nicht in die Küche, sondern in den Wäscheschrank wandern, der dann nach allen Wohlgerüchen Indiens duftet." In der weiteren Unterhaltung machte ich Prietzke darauf auf- merksam, daß er Wechselwirtschaft treiben müsse. Da kam ich aber schlecht an. er glaubte, ich wollte ihn in den April schicken und erklärte mir bestimmt, daß er mit Wechseln noch nie etwas zu schaffen gehabt habe. ES hielt mir schwer, ihn wieder zu beruhigen und ihm klar zu machen, daß die Wechselwirtschaft in der Laubenkolonie nichts mit Reitwechseln und ähnlichen Sachen zu schaffen habe, daß man vielmehr damit eine sachgemäße Frucht- folge bezeichne. Die verschiedenen Gemüsearten müssen sich auf dem gleichen Beete folgen,„Sie dürfen nicht zwei oder gar drei- mal hintereinander auf derselben Stelle Kohl bauen, der Ertrag geht sonst zurück, Pilzkrankheiten stellen sich ein und verseuchen Ihre Kulturen." Zu beachten ist folgendes: Nach reichlicher frischer Düngung pflanzt man zunächst(in erster Tracht) stark zehrende Gemüse, es sind dies solche, deren Blätter, Blüten und Früchte wir genießen, also Kohlgewächse einschließlich Blumenkohl, Spinat, Salat, Gurken, Kürbisse, Tomaten. Diesen folgen im nächsten Jahr, nachdem vor dem Graben eine leichte Düngung gegeben wurde, die Wurzel- und Knollengemüse, also Rüben. Karotten, Zwiebeln, Sellerie, im dritten Jahre ohne alle Düngung Hülsen- srüchte und Kartoffeln. Peinlich genau läßt sich diese Wechsel- Wirtschaft nicht durchführen, weil beim Gemüsebau das Land in einem Sommer oft mehrmals bepflanzt wird, da viele Gemüse von der Saat bis zur Ernte nur 6— 10 Wochen erfordern. „Wenn Sie Kartoffeln legen wollen, Herr Prictzke, so tun Sie dies etwa am zehnten April. Da kommen freilich nur bessere «orten in Frage, denn gewöhnliche Sorten kauft man billiger. Eine gute Kartoffel ist eine Delikatesse. Gute Frühkartoffeln sind die Sechswochenkartoffcln und die Sorte Perle von Erfurt, herrliche, sehr ertragreiche Winterkartoffeln sind die Sorten Vor der Front und Dorfgrobschmied; letztere ist außerordentlich mehlreich und für mick als Pellkartoffel das, was vielleicht für einen Lebemann eine Auster, dabei ist sie sehr dick." Gegen dicke Kartoffeln zeigte aber Prietzkc ein Vorurteil, er glaubte, die anderen Kolonisten könnten ihn damit hänseln, weil im Volke die Annahme eingewurzelt sei, daß nur die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten. Ich setzte Prietzke auscin- ander, daß der Volksmund mit diesem Spruch nur sagen wolle, daß der ungebildete Bauer weit bessere Erfolge als ein über- studierter Großgrundbesitzer erziele. Auf allen Gebiete» mensch- licher Tätigkeit unterscheidet man Praktiker und Theoretiker.„Der einseitige Praktiker." so etwa sagte ich zu Prietzke,„ist ein Mann, der seine Arbeiten ausführen kann, sie aber nicht versteht, das heißt, er kann sich keine Rechenschast über das Warum und Weil geben, im Gegensatz dazu ist der einseitige Theoretiker ein Mann, der Ihnen eine Sache haarscharf erklärt, ohne sie selbst ausführen können. In der Praxis würde ich natürlich mit dem be- 'chränktesten Bauer besser als mit dem klügsten Professor zurecht- kommen. Am besten fahren wir aber, wenn wir Praxis und Theorie vereinen, ein einseitiger Praktiker ist und bleibt ein praktischer Stümper, Theorie und Praxis müssen speziell beim Gartenbau Hand in Hand gehen." Wir waren im Verlauf des Gespräches glücklich in Fredersdorf «landet und befanden uns auf dem Weg zur Kolonie MbertShain. Als Prietzke mein Grundstück in der Ferne auftauchen sah, be- fchlcunigte er seine Schritte. Bald standen wir vor dem Tore, nun aber siutzie er. Die große» Tafeln mit der Inschrift„Warnung! Fußeisen!" hatten ihn kopfscheu gemacht. Ich beruhigte ihn mit der Erklärung, daß diese Eisen nicht in den Wegen, sondern an mir genau bekannten Stellen der Äultiirbrcte liegen, und daß sich bisher außer meinem Hunde noch nichts Lebendes darin gefangen labe. Nun waren wir auf dem Grundstück, und Prietzke kam gar nicht aus dem Staunen heraus. Manchen Baum und Strauch er- lannäe er nach den Abbildungen meines praktischen Taschenbuches für Garteirfreundc wieder, und die vielen Obstbäume, die er ver- gcblich zu zählen versuchte, imponierten ihm ebenso, Ivie die Erd- becrbccte, die Tauben und Hühner. Solche Stauden, Beeren- sträucher und Obstbäume wollte er nun auch pflanzen, aber ich mahnte ab, weil er zunächst erst in der Laubenparzelle lernen müsse. Aber Erdbeeren, sagte ich ihm, könne er zum Herbst pflanzen, und diese wolle ich ihm dann stiften. Ich erklärte Prietzke nunmehr die den Hauptweg begrenzenden Rabatte» und zeigte ihm, wie diese jetzt mit den billigen Samen der Sonnenblumen, des Mohns, Ritter- spornes, der Reseda besät werden, worauf sich bald ein reicher Flor entfaltet. Blumen müssen wir haben, denn die Schwiegermütter, Tanten, Basen und all die guten Freunde, die uns Sonntags in der Kolonie besuchen, kommen mit leeren Körben und treten meist abends mit dicker, Blumensträußen, mit Rüben,.Kohl und Kar- toffeln schwer beladen den Heimweg em; sie betrachten diesen Tribut als selbstverständlich und reden sich«in, daß das alles den Kolonisten nichts koste, weil es aus der Erde kommt. Wir saßen lange in der noch kahlen, aber mit edlen Reben be- ivachsenen Laube, ich erzählte Prietzke dies und das, auch von den Tauben, und er erzählte mir von den, großen Starkasten, den er auf langer Stange an seiner Laube befestigt habe. Zweimal hat er die frechen Feldspatzen herausgeschmissen, bis endlich Starmatz und Frau ihren Eiryug hielten. Die jungen Stare wird er zur rechten Zeit aus dem Kasten holen, seine Frau wolle sie dann mit Käsequark aufpäppeln und schließlich durch ihre Gesprächigkeit auch zum Sprechen überreden. Als wir schließlich den Heimweg antraten, ivare» wir gute Freunde geworden, und ich trennte mich von Prietzke mit dem Ver- sprechen, ihn demnächst in seiner Laube zu besuchen, und dann nichtig mit zu arbeiten, womit er natürlich einverstanden war.— Max Hesdörffer, Kleines feuUleton. dg. Die letzten Gäste. Die Uhr ging stark auf eins, das Lokal war betnah menschenleer, nur in der einen Ecke saßen noch ein paar Damen und Herren um den runden Stammtisch. Ihre Gläser waren fast geleert, allein fie diskutierten noch immer weiter, irgend welche „Zeitfragen", die ihnen offenbar furchtbar wichtig waren. Im Hintergrunde des langgestreckten Raumes lehnte der Kellner. Er hatte hier bereits die Tische abgedeckt und die Stühle umgekehrt, nun stützte er sich müde aus den Schenktisch, hinter dem der Büfettier ebenfalls eingenickt war. Sie hatten wohl beide das Recht, müde zu sein. Den ganzen Tag auf den Beinen, nee, wahrhaftig, da» war kein Spaß! Die Augen fielen ihm zu. Ein verworrenes Halbdänunern legte sich über ihn, allerhand Bilder tauchten vor ihm auf, sein Bett zu Hause. Ach, wenn er nur erst da wäre I War er denn nicht da? Ja— da stand es ja— jetzt legte er den Kopf auf die Kissen, ach war das schön so hinein zu sinken, tiefer, immer tiefer. „Ja. ich bin sehr dafür. Wir haben Pflichten gegen die Arbeiter. Sie müssen den Lohn und die Ruhe haben, die ihnen zukommen", sagte eine Stimme. Ein schallendes Gelächter. Der Kellner schreckte aus. Ach, es Ivar also noch nichts mit dem warmen Bett I Er stand noch hier in dem öden RestaurationS» räum, der jetzt auch allmählich kalt zu werden begann. Ein Frösteln lief ihm über den Rücken. Er dehnte und reckte sich. Das Lachen an dem Tisch im Vordergrund klang fort. So, das waren die gewesen, die ihn aufgeweckt hatten? Dann war auch die Stimme von dorther gekommen. Was verhandelten sie denn eigentlich noch? Die schlechte Lage der unteren Stände? Ein verächtliches Lächeln spielte um seine müden Lippen. Na, der lange Prokurist mit seinen dreihundert Mark im Monat mußte es ja ver» stehen, und der dicke Lehmann ans der Spinnerei und seine tvohl» genährte Frau auch. Schlecht genug waren ja die Löhne, die in ihren Fabriken gezahlt wurden. Ob fie da auch so klug schnackten? „Wat lachen Sie denn?" fragte der Büfettier,»er auch auS seinem Nicker aufschreckte. „Ach, nichts." „Na, denn is't ja jut." Sein Haupt sank loieder schwer herab. Der Kellner lachte weiter, aber in sich hinein. JWaS sagte aber da? Fräulein, das immer in allen WohlfahrtSvereinen war?—: ES wäre daS schönste, was man könnte den Arbeitern zeigen, daß man ein Herz für sie hätte? Na, warum zeigte sie denn das Herz nicht selber und machte, daß sie nach Hause kam, damit er auch endlich ins Bett kriechen konnte? Er Ivar wirklich nahe am Zusammenbrechen. Er lehnte sidjj schwer auf den GaSofen und stützte den Kopf in die Hand. Seit wann war er nun eigentlich auf den Beinen? Seit acht Uhr früh, siebzehn Stunden, siebzehn Stunden auf den Beinen, abgerechnet die fünfzehn Minuten, die zum Mittagessen übriggeblieben und die mußte man sich auch noch abknapsen; siebzehn Stunden auf und abspringen, auf- und abrennen und laufen, laufen und rennen, und immer in dem Tabaksqualm und dem Bicrdunst! Ach ja, das war schon'n Leben! Und wofür nu eigentlich? Wen» man auch'n paar Jroschen mehr verdiente, kaput ging man auch dabei und noch früher wie die andere». Ach ja I Er seufzte schwer. Waren die da vorn denn»och nicht fertig? Nee, weiß Jott, sie quasselten immer weiter. Die schlechte Lage der unteren Stände machte ihnen wahrhaftig furchtbare Kopffchmcrzeii. Warum sie denn bloß nicht b'ton änderten, was sie selber ändern konnten. „Ja, das Herz blutet einein manchmal, wenn man all daS Elend sieht," sagte eine Stimme, fast als ob sie auf seine Gedanken antworten wollte.„Aber kann man denn, ivie man will? Man ist doch schließlich auch gebunden; wenn ich meine Löhne erhöhen wollte, wo bliebe ich denn dann?" Ach so, das war der dicke Lehmann aus der Spinnerei. Nun ja, Sohnekin, alle Abend fein soupieren könnteste De dann freilich nicht»nd mit Brillanten protzen und mit Deiner dicken Alten ins Bad reisen auch nicht. Des Kellners Gesicht verzog sich höhnisch. „Aber wenn man den Leuten daS Leben erleichtern kann, tut man cS gewiß. Dafür hat man doch ein Herz," sagte eine andere Stimme. EL war die der„dicken Alten". „Dann macht wenigstens jetzt, daß Ihr nach Hause kommt!" murrte der Kellner in sich hinein, und es schien, als ob seine Worte auf den Tisch vorn gewirkt hätten. Irgend jemand sagte:„Aber. Kinder, es ist gleich Viertel Zwei, wir müssen doch nach Haus« gehen I" Die anderen opponierten:„Wir sitzen ja hier so gemütlich." „Und die Unterhaltung ist gerade so interessant!" „So jung kommen wir nicht wieder zusammen." „Also schon, bleiben wir noch'n bißchen!" „Aber denn müssen wir noch'ne Lage trinken." „Ach ja, trinken wir noch siic Lage.... Kell— neer!" „Wir können ja morgen ausschlafen," sagte das Wohlfahrts- fräulcin vergnügt, während der Kellner mit müden Bewegungen die leeren Gläser zusammensetzte.— Theater. Neues Theater. Cäsar und Cleopatra. Eine historische Komödie in 5 Akten von Bernard Shaw, Teujschj - 260— von Siegfried Trebitsch.— Vielleicht ist dieses Drama«ine spannend amüsante Lektüre, aber auf der Bühne, an die der Slutor, indem er dem kreuz und quer seiner Einfälle gemächlich folgte, ge- loife zu allerletzt gedacht hat, wirkt es verwirrend und ermüdend. Schon allein der Umfang—«ine Komödie, die bei der Darstellung an die vier Stunden in Anspruch mmmtt— zeigt, wie wenig Shaw fich hier um das Theater hatte kümmern wollen. Entscheidend aber ällt die Formlosigkeit ins Gewicht, die den breiten Rohstoff der Historie nicht zu einer gegliedert aufsteigenden, in sich zufammem hängenden, wenn auch noch so parodiftischen Handlung umbildet. sondern ihm nur eine Reihe ganz äußerlich verbundener Fakten und Anekdoten entnimmt, an denen der Dichter seine satirische Laune ausläßt. Es gibt da Pointen in Hülle und Fülle, aber das Ganze pointiert sich nicht; die Kontraste, auf die es abgesehen, treten in den ersten Akten bereits mit voller Deutlichkeit hervor und gewinnen nichts durch Wiederholung, so daß das Interesse, wenigstens des Zu fchauers, der nicht rasch wie der Leser lveiterkommt, sich ganz not wendig abstumpft. Man hat den Eindruck, daß bei dieser Methode die Komödie statt der fünf ebenso gut auch drei oder vier, sechs pder sieben Akte hätte haben können. Die Grundidee dieses historischen Lustspiels scheint derjenige« die Slmw in seiner prächtigen modernen„Hcldenkomödic" mit so glänzendem Humor durchführt, nah verloandt. Beide Stücke vcr- spotten die Heroenpose. ShawS Cäsar, wenn er es sich gleich seiner Stellung schuldig zu fein glaubt, öfters eine Parade imponierend hochtrabender Redensarten los zu lassen, lacht sich nach solchen rhetorischen Exzessen gern selber aus. Sein„.Heldentunz" ist ein- fach nüchtern militärische Geschäftstüchkigkeit, wie das des Kapitäns Wluntschli; in einer ähnlich romantischen Situation wie dieser, hätte er sich zweifellos nicht weniger prosaisch als Rainas Pralinessoldat benommen. Indes der>spott ist in dem Rinncrstück viel weniger komisch, da er nur in Worten gleichsam nebenher läuft, aber nicht bereits in den Verwickelungen der Handlung selbst lebendig ist. Mit dem SatirischParodistischen vermischen sich märcheirartigc Phautastik— so bei dem ersten Zusammentreffen von Cäsar und Cleopatra— und Elemente naturalistischer Charakterschilderung Es hat Shaw gereizt, der zum Weib gereiften Aeghpterkönigin, der Heldin in Shakespeares„Antonius und Cleopatra", das halb- wüchsige Mädchen, in dem schon alle wilden Leidenschaften gären, gegeirüber zu stellen. Die Figur, die vielleicht erst nur als wirk- sarn kontrastierendes Relief für Cäsar geplant war, drängt diesen »n dem fertigen Stücke weite Strecken lang bollkommen in den Hintergrund: �Shaw ironisiert sie, aber diese grausame Afrikaner- bestie, deren Sinne nach Blut und Wollust lechzen, interessiert ihn als Typus andererseits derartig, daß er sie in geschlossen sichcrem Umriß fest zu halten sucht. Die Zeichnung hat außerordentlich ein- brucksvolle Züge, aber sticht in ihrem Streben nach psychologische ethnologisch treuem Kolorit zu sehr von der im Drama vorherr> schcndcn Stile parodistischer Willkür ab, um voll zur Geltung zu kommen. Sie fügt sich nicht organisch ein. Es sind die" Wechselfälle des sogenannten alexandrinischen Krieges in den Jahren 43 und 47 v. Chr., an die das Drama an- knüpft. Nach seinem Siege über Pompejus fiel Cäsar in Aegypten ein, um unter kluger Ausnutzung der Thronfolge-Streitigkciten das Land der römischen Oberhoheit zu unterwerfen. Der verstorbene König hatte seine siebzehnjährige Tochter Cleopatra im Testament zur Mitregentin und Gemahlin seines dreizehnjährigen Sohnes Ptolemäus bestimmt. Die Hofpartci des Ptolcmäus beschuldigte Cleopatra, dem Bruder nach dem Leben zu trachten, erklärte sie für abgesetzt und trieb es zum Bürgerkriege. Cäsar, den die ehr- geizige schöne Prätendentin vermummt zur Nachtzeit aufgesucht und durch ihre Reize leicht gewonnen haben soll, ergriff ihre Partei, schlug die Gegner aufs Haupt und ließ Cleopatra, als er monate- lang nach der Beendigung des Fcldznges durch ihre Gunst und ihre schivelgerischen Feste"in Alcrandria hingehalten, endlich die Heimfahrt antrat, als Regentin in dem Land zurück. Shaw verlegt die erste nächtliche Begegnung der beiden in die Wüste an das Riesensteinbild einer Sphinx. Cäsar ergeht sich bei dem Anblicke des Monuments in großen Monologen: eine lustig zwitschernde Mädchcnstimme antwortet ihm oben von dem Piedestal. Es ist Cleopatra, die ihrer Amme durchgegangen und aus Angst vor den Römer» sich dort verkrochen hat. Sic halt den„alten Herrn" für einen harmlosen Aegypter und lockt ihn schmeichelnd zu sich. Die Anrede:„alter Herr" fährt Cäsar, der seine Glatze eitel hinter einem Lorbeerkranz birgt, ein wenig in die Glieder, doch das Aben- teuer amüsiert ihn. Er führt sie in die Königsburg zurück, bändigt die ungeschlachte Amme, den Schrecken Cleopatras, und gibt Be- fehl, dem Mädchen den Fürstenmantel und die Krone anzulegen. Sie kostet ihre neue Macht, indem sie die Amme mit dem Tod be- droht und peitschend eine Sklavin vor sich herjagt. Dem Bruder möchte sie den Kopf abschlagen lassen. Als Cäsar dem Jungen, der eine von den Räten ihm eingepaukte Staatsrede hersagen muß, gegenüber tritt, springt sie wie eine Katze auf den armen Burschen los. Indes der zivilisierte Römer mag von den orientalischen Mrausamkeitsgelüsten nicht» wissen. Wozu Blut vergießen, wenn man fein ZiÄ auch ohne das gleich gut erreichen kam,? Um ihre Wünsche durchzusetzen, greift sie zu allen Künsten der Koketterie, schmollt sie mit Cäsar, will ihn eifersüchtig machen, was ihn jedoch so wenig rührt, daß er, nur um sie los zu werden, wie man Kinder mit Puppen tröstet, ihr den hübschen Marc Anton an seiner Statt aus Rom zu senden verspricht. Drollig ist eS, wie sie in ihrem Palaste dann mit einigen dem großen Römer abgeguckten Wen- düngen großtut und etwas wie das„neue Weib" markizrt. Die Ermordung des Pothinus, des Vormunds ihres Bruders, wozu sie die wieder in Gnaden aufgenommene Amme angestiftet hat, erfüllt ihr Herz mit einem Rausche des Entzückens. Die Tat, die daS Volk dem Cäsar zuschreibt, gibt das Signal zu einem Aufruhr, der nur mit größter Mühe überwunden wird. Das letzt« Bild stellt Casars Abschied dar. Britannus, sein Sekretär, eine boshaft groteske Karikatur auf englische Verdrehtheit, weist die ihm an» gebotene Freiheit, gleichsam als eine Beleidigung seines National- stolzes, ab, was der Römer mit gebührendem Humor entgegennimmt. In feierlicher Positur hält Cäsar vor dem jubelnden Volke von Alcxandria die obligate Ansprache. Den Feldherrn Rufio betraut er mit der Statthaltcrwürde in Aegypten. Cleopatra hat er bei seinen Staatsgeschästen ganz vergessen. Als sie in großem Auszuge erscheint, Rache heischend, weil Rufio die Amme getötet, bringt er sie mit einem Scherzworte zum Lachen, und sein erneuertes Per- sprechen, ihr den Marc Anton zu schicken, versöhnt sie vollends. Der in Cleopatra verliebte Cäsar der Geschichte wird bei Shaw ein überlegen mit ihr spielender. Ter Abend brachte ei ne große schauspielerische Leistung: Gertrud Eysoldts Cleopatra. Diese neue Gestalt stellt sich den berühintcste» Schöpfungen der Ehsoldt, ihrer Lulu, Salome, Elektro, ebenbürtig oder sie� noch überragend zur Seite. Restlos. mit völliger überzeugender Selbstverständlichkeit, kam jedes charakte- ristische Moment, jede Regung zum Ausdrucke: kindische Ausgelassen- heit und sinnliche Glut, Schmeichelei und Hochmut, lauernde Tücke und die tierische Wut gestillter Racbsucht. Ihre schmiegsam schlanke Gestalt in den fremdartigen Gewändern rief bis zur vollkommensten 'Illusion den Eindruck des Exotischen hervor. S t e i n r ü ck s Cäsar ielt ihr bei weitem nicht die Wage. Unter de» Nebenrollen stand die gräulich dreinschauende, im Fett erstickende, bösartige Reichs- annne der Frau Hedwig Mangel weitaus an erster Stelle. Glänzend waren die Dekorationen. Aber vom Stück ging keine Stimmung aus. Der Beifall klang dünn und matt. 6t. Humoristisches. — Duncan-Schule.„Wenn jar nicht mehr zieht, wasch' ick mir de Füße un werd' Barsußtänzerin."— — Berlin W.„Was, der iS geadelt worden?" „Warum nich? Seine Pferde sind doch alle aus sehr guter Fmnilie."—(„Simpl.") Notizen. c. D i e Geschichte eine» Buches. Aus London wird berichtet: Die Bodleianische Bibliothek in Oxford hat jetzt die e r st e �olioausgabe von Shakespeare, die einst als„über- lässiges Buch" aus den Beständen der Bibliothek ausgesondert und lir ein paar Pfennige verkaust wurde, für 60000 Mark wieder erworben. Bei dieser Gelegenheit hat man eine Liste der Preise aufgestellt, die diese ursprünglich für 20 M. verkaufte Ausgabe von Shakespeare im Laufe der Zeit erzielt hat. Exemplare der Ausgabe erzielten in Auktionen: 1787: 200 M.. 1319: 2420 M., 1854: 5000 M.. 1891: 8300 M., 1899: 34 000 M., 1901: 34 400 M., 190«: 60 000 M.— — Max Drehers neues VerSlustspiel„Die HochzeitS- a ck e l" ist vom Neuen Schauspielhause(Nollendorfplatz) erworben worden.— —„Paolo und Franceska", das vielgenannte Drama des Engländers Stephen Phillips, brachte es bei der Ur- aufführung im Düsseldorfer Schauspielhause nur zu einem Achtungserfolg.— — Weingartncrs„Orestes" hatte bei der Aufführung in Weimar starken Erfolg.— — Siegmund v. Hausegger legt mit Schluß der Saison die Leitung der Frankfurter Museumskonzerte nieder.— — Die Wiener Hofbibliothek hat sämtliche in der Frühjahrsausstellung des„Hagenbund" ausgestellten Holzschnitte des Malers Rudolf Junk erworben. Achtzehn Blätter sind in einem Büchlein„Der kluge Knecht", Text von Brüder Grimm, vereint, das nur in zehn handschriftlich numerierten Exemplaren erscheint, deren Text und Illustrationen vom Künstler in Holz geschnitten und ge- druckt wurden.— — Der Berein zur Beförderung des Garten- aueS hält heute, Dienstag, abends 6 Uhr, in dem Reu#, Saalbau d e S Landesaus st ellungs- Parkes, Alt- Moabit 4— 10, eine außerordentliche Monatsversammlung ab, zu der auch NichtMitgliedern gegen besondere Karten Zutritt gewährt wird. Mit der Sitzung ist eine größere Ausstellung von Blumen, Pflanzen, Geräten usw. verbunden. Karten für Nicht- Mitglieder sind kostenlos beim Generalsekretariat(Jnvalidenstr. 42) zu haben.— Bercmtwortl. Redakteur: Hau» Weber, Berkin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer ScCo..BtrlinLW,