Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 66. Mittwoch, den 4. April. 1S06 kNachdnick verboten.) OLe Eroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 271 Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Henker Oft galoppierte abends, wenn die Hitze sich gelegt hatte, und das letzte Abendrot sich über Judäa ausbreitete, Elias in seinem Burnus, seine kleine Tochter vor sich im Sattel, mit verhängten Zügeln durch die Bethlehemebene und das Tere- bintental. Bei der Schnelligkeit des Rittes flatterten Zionas lose, blonde Locken. Ihr kleines Herz pochte zum Zerspringen: ihr schwindelte: sie bis die Zähne zusammen und krampfte ihre Händchen ein. Aber sie wäre lieber gestorben, als daß sie gc- weint hätte, und reichlich fühlte sie sich für all ihre Angst belohnt, wenn ihr Vater sie nachher küßte und zu ihr sagte: „Du bist ein kleines, tapferes Ding. Paß auf, wie schön das Leben für den ist, der es zu leben wagt!" Manchmal ritt er mit ihr bis zum Felde des Booz, von wo aus man in der Abenddämmerung Jdumäas Berge wie unzählbare Weihrauchfässer gen Himmel dampfen sieht. Dann nahm er sie wohl auf seine Arme und hob sie hoch empor: „Schau dort hin, Ziona, schau hinüber? Dort liegt das Land, das Dein Vater erobert hat. Dein Vater ist der König von Moab und Du bist die kleine Sultanin der Beduinen." Dabei ergriff ihn dann ein solches Bangen, daß es ihm bei der Rückkehr nach Jerusalem vorkam, als ginge es in den Kerker, 2. Dieser Winter verlief zum Teil äußerst stürmisch. Ein Wirbelsturm von tollem Fanatismus wütete durch Palästina. Im Libanon schnitten Drusen und Maroniten sich gegen- seitig die Hülse ab. In Damaskus bedrohten die Musel- männer sämtliche Christen: in Gaza hatten die Katholiken eine Synagoge in Brand gesteckt, und die Bewohner des Ghetto in die Brunnen geworfen. Nach allen Richtungen durchzogen fromme Prozessionen das gelobte Land. Züge mit weißen Mänteln und blauen Standarten stießen auf Karawanen mit grünen Turbanen und grünen Fahnen, die nach Mekka zogen. Und täglich strömten Scharen halbverhungerter, aus Rußland vertriebener Juden herbei, ins Land ihrer Väter, wo andere Verfolger ihrer bereits harrten. Mit einem Samowar auf dem Rücken knieten sie im Angesichte Zions nieder. Hatten sie ihr Gebet verrichtet, so suchten sie sich rasch häuslich einzurichten. Mehr als zwanzigtausend Pilger aller Konfessionen wohnten in Jerusalem oder lagerten außerhalb der Wälle. Natürlich brachen auch an allen vier Ecken der Stadt schismatische Streitigkeiten aus. Auf den Straßen betete man, in den Kirchen schlug man sich. Weihrauchfäsicr flogen wie Schleudern durch die Luft, Fahnenstangen wurden wie Hellebarden geschwungen. Vier Franziskaner fanden in der Nähe des„Heiligen Feuers" den Tod. Ein Bischof vergiftete sich, indem er den Inhalt der Kapsel seines Amethystringes herunterschluckte: ein armer, achtzigjähriger Patriarch wurde nachts aus dem Bett gerissen und gefesselt auf dem Rücken eines Maultiers nach irgend einer Klostersestung gebracht, um hier in der Klausur das Ende seiner Tage abzuwarten. Sogar die Protestanten wurden von religiöser Anarchie ergriffen. Neue Sekten warfen alte Streitfragen auf und stifteten dadurch Händel. Die Anglikaner trennten sich von den Re- formierten. Die Lutheraner erbauten auf ihre Kosten eine Kapelle und beriefen einen eigenen Prediger, einen Doktor der Theologie und Professor der Unduldsamkeit. Herrn Fischer wurde das Predigeramt entzogen, doch ließ man ihm sein Waisenhaus, seine Weingärten und seine Apotheke. Als gutmütiger Kerl und von Respekt für„die Herren von der Fakultät" durchtränkt, dankte er ab und beugte bereitwillig seinen alten Nacken vor diesem jungen, dürren, schmächtigen, rothaarigen Menschen, der die Sonne und das ganze Leben durch seine ranchgeschwärzte Brille betrachtete. Pastor Zorn führte sich bei Frau Jamain mit einem Kranze von Schwarzwaldbretzeln und einem welken, besonders. für sie im Garten des Pfarrhauses gepflückten Strauße ein, Der Anblick des vertrockneten Gebäcks und der verwelkten Blumen rührte Cäcilie fast bis zu Tränen. Auf dem vergitterten Balkon unterhielten sie sich von ihren gemeinsamen Bekannten und fanden dabei, daß ihre Sympathien einander sehr ähnelten. Jedes Wort, das der Pastor sprach, ließ vor Cäciliens Augen ein vertrautes Bild emporsteigen, wehte ihr einen Hauch von Heimatluft zu. Der Pastor war der Vetter eines ihrer Schwäger, der ebenfalls Theologe war, und dem seine Frau in sechs Jahren sieben Kindlein geschenkt hatte. Lang und breit beschrieb er die Freuden an ihrem christlichen Herde. „Ja, ja, der Herr hat ihren Bund gesegnet." Und er blickte Frau Jamain über seine geschwärzten Brillengläser hinweg bedeutungsvoll an. Sie schwiegen. Beschämt dachte sie an ihren umIer- vagabondiercnden Gatten, an ihr ödes Heim und an ihr ein« ziges Kindchen. Durch die MouscharabiS fiel ein gedämpftes Licht und hing Schattengardinen über die Wandnischen. Neugierig schlüpften Eidechsen herbei, um sich den Fremd- ling anzusehen. Der Pastor konnte seine Gebärde des Abschens nichk unterdrücken. „Sie sind harmlos," sagte Cäcilie. „Ich weiß, aber die Tiere widern mich an. Es sind Freunde der Dunkelheit und des Verfalls. Uebrigcns hat Ihre ganze Wohnung etwas Seltsames und Düsteres an sich, und ähnelt mehr der Behausung eines phantastischen Geistes als dem Heim frommer Christcnmenschen. Ich war sehr er- staunt, Sie hier vorzufinden. Warum haben Sie nicht lieber eine jener Villen bezogen, die an der Straße und im hellen Tageslichte liegen? Sie erinnern lins wenigstens an ein Stückchen Zivilisation und Vaterland. Und unsere Sache ist nicht gut vom Fortschritt und von Europa zu trennen." „Mein Mann hat dieses Haus gekauft, ohne mich vorher zu fragen. Wie Sic, so hatte auch ich Mühe, mich daran zu gewöhnen." „Apropos, hat Ihr Gatte bei Ihrer Vermählung de» Katholizismus öffentlich abgeschworen?" „Nein, Herr Fischer hielt es nicht für nötig. Ich versichere Ihnen jedoch, daß die Bekehrung, obgleich sie nicht öffentlich erfolgte, darum nicht weniger aufrichtig ist." „Ich hoffe es. Trotzdem war es aber bei Ihrer fast geist- lichen Stellung eine schwere Unterlassungssünde. UebrigcnS rechne ich stark auf Sie beide bei der schwierigen Missions- arbeit, die mir nun zugefallen ist. Besonders auf Sie! Wollen Sie mir ihre Mitarbeit versprechen, Frau Jamain?" „Oh! Von ganzem Herzen--- das heißt, wie Gott will, Herr Pastor." Und Cäcilie schlug die Augen nieder. Sie stiegen zu Elias' Arbeitszimmer empor. Plötzlich fiel ihr jedoch die Nacktheit der Statuen ein und eine verlegene Ausflucht stammelnd, verschwand sie eiligst, Schon beim ersten Blick mißfiel Elias dem Herrn Pastor, Dieser hatte sich den Gelehrten als schüchternes, kurzsichtiges, vor lauter Wissenschaft cingeschrumvfkcs und vom Klima aus- gedörrtes Männchen vorgestellt. Nun sah er vor sich einen hohen, kräftigen Mann, von verführerischem Aeügeren, mit sinnlichen Lippen und träumerischen Augen. Und dieses ruhige Kraftbewußtsein, dieser gedankenvolle Geistcsadel bei dem Gatten der früheren Diakonissin reizten ihn, ohne daß er selbst wußte warum. Die Unterhaltung verlief kühl und kurz. In einer Art von Monolog packte Herr Zorn seine semitische Bagage ans; in abgehacktem, belehrendem Tone verkündete er seine Theorien und entwickelte seinen Schlachtenplan. Zum Un- glück war Herr Fischer viel zu schwach gewesen und— leider muß man es dem armen Manne nachsagen auch zu unwissend. Er ermutigte dadurch das laue Wesen und neigte zur Nachgiebigkeit. Aber ohne Strenge ist kein wahrer, reiner Glaube zu erzielen. „Ußic Kolken Sie oBci' Launt die Nachsicht, die Christus selbst uns anbefohlen hat, in Uebercinstimniung bringen, Herr Pastor?" „Nachsicht wollen wir nicht haben: damit geraten wir geraden Weges ins Heidentum. Was war das Heidentum denn anders als Duldsamkeit? Man gestattete alles, ent- schuldigte alles, jeder betete seinen Gott an, hatte seinen eigenen Tempel und drückte eine Sünde ihn zu sehr aufs Ge- wissen, so vergöttlichte er sie slugs und errichtete ihr eine Statue. Sagen Sie einmal ganz frank und frei, Herr Jamain, verletzen alle diese Götzen, diese Kamos, Baals, Astaroths nicht Ihre Gefühle von Menschenwürde?" „Für mich," entgegnete Elias,„besteht die Menschen- würde in äußerster Strenge gegen sich selbst, und dann selbst- verständlich in ebenso großer Duldsamkeit gegen andere. Da nun aber, wie Sie soeben sagten, keine Religion ohne Strenge denkbar ist, würde ich vorziehen, daß es etwas weniger Gläubigkeit und dafür mehr Barmherzigkeit gäbe. Der Pastor erhob sich. „Was Sie da sagen, ist sehr ernst und gibt von einem Geisteszustand Kunde, den aus Ihren Schriften zu entnehmen ich mich noch immer sträubte. Leider habe ich mich nicht ge- täuscht. Ihre Arbeiten und Studien haben Sie ohne Zweifel vom Wege des Heils abgelenkt. Aber denken Sic daran, Herr Jamain, daß alles Wissen der Welt nicht so viel wert, ist, wie die Furcht des Herrn." «,* Unten traf Herr Zorn Cäcilie wieder an, die ihm das Geleit gab. Im sarazenischen Hofe tollte Zioua hinter einem Gazellchen her. Assir, der auf der Stallschwelle hockte, blies den Rauch seines Nargilch dem Pferde, das den Kopf heraus- steckte und vor Vergnügen wieherte, in die Nase. In einer Ecke strickte die bcthlehemitische Amme ein rotes Brusttuch und summte dazu eine alte traurige, fränkische Melodie. Die beim Laufe des kleinen Mädchens in Schwingungen geratenen Spannkctten schaukelten in den schweren Maucrringcn hin und her, und auf der Mauerkante zitterte zwischen den Flaschenscherben das Gipskraut wie fröstelnd. „Wie schaurig es hier aussieht!" sagte der Pastor,„ich muß dabei so recht an den Garten Ihres Vaters denken." „Ich auch," antwortete Cäcilie. Und lächelnd sah ihr geistiges Auge den Gemiisegarten des Pfarrhauses wieder, wo sie einst die Mohrrüben aus der Erde gezogen und von den Kohlköpfen die Raupen abgelesen hatte. „Warum lassen Sie Ihre kleine Tochter unter diesen Wilden?" „Sie mag nur Eingeborene, wahrscheinlich weil ihre Amme, übrigens eine sehr ordentliche Frau, es auch ist." „Hoffentlich gehört sie zu den Unfern." „Nein, sie ist eine Katholikin: in Jerusalem gibt es keine protestantischen Araber. Diese Leute bilden sich ein, wir seien arme„Rumis", und wollen sich nicht bekehren." „Keine protestantischen Araber? Ja, wozu war denn Herr Fischer da? Ach, ach, Frau Jamain! Wieviel bleibt Ihnen da noch zu tun, wieviel zu beten übrig!" „Ja, zu beten," wiederholte sie.„Glauben Sie mir, ich bete viel und heute scheint es mir, daß Gott bereits eins nieiner Gebete erhört habe." Sie waren vor der Poterne angelangt und traten nun in den engen dunklen Gang. Ihre Köpfe berührten sich beinahe. _ Die Dunkelheit führte sie noch enger zusammcw, (Fortsetzung folgt. 1,' (Nachdruck verboten.) vie Kacke/) Bon Stefan v. Kotze. Ein kleiner, mit spärlichem, hartem Gras bestandener Grund, eingebettet zwischen schwarzen, nackten Basalthügeln, auf denen hier und da eine durstgcfolterte Eukaiypte ihr iümmerlichcs Dasein fristete. Mitten darin ein niedriger, flacher Haufen Steine, auf dem eine sehr primitive Winde zusammengezimmert stand, das Ganze von einem verwitterten und löchcrichten Zeltdach überspannt. Das war der„Stern des Südens", eine Buschmine, die bis dahin zwar noch keine Unze Gold produziert hatte, ober auf welche *) Probe aus dem soeben erschienenen Bande:„Die Anti« p o d e n." Stimmungen von Da Drunten. Berlin. F. Fontane v. Co. Preis 2 Mark. die beiden Besitzer die ellergrößlen Hoffnungen setzten. Seit Monaten schon hatten sie an dem Schacht gearbeitet und wenn ihnen das Geld für Nahrungsmittel, Tabak, Dynamit ausging. zogen sie selbander in daS nahe Schürffcld und wuschen dort wieder einige Mark Betriebskapital aus dem Flußsaud. Etwas abseits ragte die Borkcnhüttc, in der sie hausten, und von den trockenen Grashalmen umher nährte sich schlecht und recht ein hinfälliger Gaul, fast so alt wie sein Eigentümer, der als Packpfcrd benutzt wurde. Eine große Glocke um den Hals verriet zu jeder Zeit seinen jeweiligen Aufenthalt, obwohl es ihm gar nicht eingefallen wäre, die kahlen Berge zu überklettern. Außerdem war er ganz blind. _ Die beiden einsamen Männer waren Bill Eiuohr und der Dösige Peter. Das waren ihre offiziellen Namen draußen im Busch und natürlich auf ihnen anhaftende persönliche Eigenschaften zurückzuführen, die wohl kaum einer näheren Erörterung bedürfen. Der bürgerliche Name war mit vicleni anderen unnötigen Gepäck an der Grenze der Zivilisation zurückgeblieben, die die beiden weiß- bärtigen Alten schon vor langen, langen Jahren endgültig über- schritten. Wenn sie abends am Feuer saßen und ihre Pfeifen rauchtcik, dann träumten sie von der großen Bergwcrkstadt, die eines Tages hier in der Verlassenheit entstehen würde, dann hörten sie den fernen Donner der künftigen Stempel, das Kreischen der T-empf- pfeifen. Den» betreffs des überwältigenden Wertes des„Dteru des Südens" waren sie sich ganz einig, wenn auch über� sonst nichts auf der Welt. Selbst die dcreinstige Lage ihrer Stamm- kneipe, und wo die wcsleyanischc Kirche hiugebaut werden sollte, lvenn erst einmal der„Stern" über dem fmanziellen Horizont aufgegangen. selbst diese Einzclhciten aus der Zukunft Schoß führten zu gewaltigen Wortkämpfcn und langanhaltenden Verstimmungen zwischen ihnen. Und solche Gefechte endigten stets in dem Punkte, daß Peter seinem Kameraden einen Maugel an Bildung vorwarf (Bill konnte weder schreiben»och lesen), und Bill sich wiederum rächte, indem er höhnisch auf die Nachteile der höheren Bildung binwies, die sich in Peters unglaublicher Zerstreutheit offen- bartcn.-- Bill stand über der Winde gelehnt und schimpfte den Schacht hinunter auf seinen alten Partner. „Ich sag Dir, lvär's nicht Deiner verflixten Dummheit halber. so wären unsere Rationen schon lange hier!" „O, halt» Maul!" tönte es von unten herauf, wo Peter gerade dabei war, ein Sprengloch zu laden. „Halt Tu's Maul, willst«? Du gehst extra in den Store, zehn Meilen weit, um unsere Bestellung abzugeben, und vergißt ganz und gar, weshalb Du hingegangen bist. Wenn das nicht stark genug ist, um Bäume damit auszuroden, weiß ich's nicht. Und hier sitzen wir, kurz vor der Regenzeit— heute kann se schon kommen— und dann können wir verhungern." „Keine Jdcet" „Ich sage Dir— ja! Sollt mich nicht wundern, wenn de eines Tages Deine olle Kokosnuß von einem Schädel irgendwo vergißt— obwohsts nicht viel schaden würde," setzte Bill nach- deutlich hinzu. „Was sagste da?" heulte Peter in höchster Aufregung und schob mit zitternden Fingern das Zündhütchen in das Bohrloch. „Was ist das?" schrie er. „O. nichts Besonderes! Mach' nur Deine Ladung fertig, sonst vergißt'Tu das auch noch ganz und gar." Peter zuckte zusammen, und sein weißer Bart sträubte sich vor Wut. Aber der andere war sicher außer Bereich. Und so begann er das Loch mit Sand zu füllen und festzurammcn, zu einer Mezzobegleitung grollender Drohungen. Er hatte die Bestellung im Store allerdings vergessen. Aver ein Mann, der im Busch lebt, jahraus, jahrein, sein ganzes Leben lang in Einsamkeit, wird nun einmal so. Da streifen zu viele Gespenster umher, die seine Aufmerksamkeit vom Geschäft ab- lenken. Und Bill hatte gar kein Recht, ewig so zu nörgeln, wie er es tat. „Hol's der Henker!" grunzte der Verbecher bei der Arbeit. „Was meint er eigentlich— bum, bum, dum— mit solchem Quatsch— bum, bum— als ob's ihm nicht ebenso ginge— bum, bum, bum— und noch'n ganzes Ende schlimmer— bum, buml" Tie Sprengladung war zum Feuern fertig, und nachdem er seinen Fuß in die Schlinge gesetzt, die von der Winde oben im Schacht herabhing, zündete Peter ein Streichholz und hielt es an die Zündschnur. „Paß aus oben! Gleich fertig!" „Jalvohljal Gut, daß ich oben bin. Tu würdest vielleicht gar vergessen, mich heraufzuwinden." Die Schnur spuckte. Aber, gleichfalls Peter über diese letzte schreckliche»nprofessioncllc Beleidigung. „Was?" brüllte er den Schacht hinauf, den Rammstock schwingend, soweit es die engen Wände gestatten wollten—„was, Du krummer Idiot?!— Du da oben! Hol' Dich der Teufel. komm' runter und ich werde Dir mal den Standpunkt klar machen, und Dir—" Pann— ggglk Tann stand alles still. Bill ließ vor Schreck die Kurbel der WinSe fapcn und aimcte schwer. Tann knicke er am Rande des Schachtes nieder und äugte angstvoll in die Dunkelheit hinab. „Peter I" rief er leise, als furchte er die zerschmetterten Glied- motzen zu stören. „Jal" kam die Antwort zurück in gleich bestürztem Flüstertone. „Bist Du verletzt?" „Ne— in! Ich— glaube— nicht." Aber Peter begann doch seinen Körper zu befühlen, um sich der Tatsache zu versichern. „Was ist geschehen? Was zum Donnerwetter—" „Ich— ich— ich steckte die verflixte Zündschnur an und — und—" „Und vergast nach oben zu kommen," brüllte der andere.„Na, mein Juirge, wenn das nicht das Allertolljte ijtl" Und er begann sich vor Lachen zu schütteln. Plötzlich hörte er auf. „Peter l" „Jal" Peter fühlte sich offenbar sehr niedergeschlagen. „Weshalb bist Du denn nicht tot? Ist denn das Dynamit nicht losgegangen?" Peter frappierte dieser neue und rätselhafte Gesichtspunkt autzerordcntlich. Mit einem Ruck sammelte er seine Gedanken, die allein von der Explosion zerschmettert worden waren; er fing eine Untersuchung an. „Ol" „Nun?" kam die Frage von oben. „Hol auf!" war die einzige Antwort. Langsam knarrte die Winde ihre Last zur Oberfläche, und mit einem«cufzcr der Er- leichtcrung schritt Peter ins Tageslicht hinaus, sehr still und gedrückt. „Nun?" wiederholte Bill. Ein Achselzucken. „Ich wette. Du hast wieder etwas vergcsscnl Etwa das Dynamit?" Peter ward puterrot und knickte noch mehr zusammen. „Also doch!" jubelte sein Partner.„Du bist sogar zu dösig, um Dich umzubringen. Knackt ein Zündhütchen ab. erschreckt mich zu Tode und spielt dann den Beleidigten. Aber jetzt geh' ich runter. Auf Dich ist kein Verlast. Und wenn Tu etwa vcr- gesscn solltest, die Kurbel festzuhalten, dann— dann—" Offenbar war sich Bill selbst nicht ganz klar, was er mit Peter tun sollte, wenn der ihn die fünfzig Futz hinabließe. Und so verschwand er schimpfend und höhnend in die Tiefe. Peter aber saß oben und blies Trübsal. Nie würde er das Ende hören von dieser Geschichte. Etwas mutzte geschehen, um Bill zu demütigen. Aber was— was? Hoffnungslos blickte er in die Runde. Alles war totenstill. Nur das Gebimmel des Gaules, der langsam und vorsichtig auf den Schacht zu gegrast kam, durchbrach das Schweigen. Da kam dem gekränkten Alten der große Rachcplan.-- Und im Dunkel, von den Felswänden eingepfercht, saß Bill beim Schimmer einer Kerze und hämmerte auf den Stahldrill los, behaglich schmunzelnd. Alle Äugcnblickc mutzte er in seiner Arbeit innehalten, um sich aus vollem Halse auszulachen, wenn ihm das Grubenunglück von eben wieder einfiel. Neben ihm lagen noch die Dynamitpatroncn, die Peter vergessen hatte in das Sprengloch zu rammen. Er hätschelte sie liebevoll, als seien sie feine Bundesgenossen, wie das Zündhütchen, das mit einem so starken Knall explodiert war. Tann bohrte er weiter— tick. tick, tick— „Will ich den aber utzen heut abend— tick, tick—" sagte er sich wohlgefällig.„Ohne Mitleid— tick, tick, tick.— So lächerlich— tick, tick— hat sich doch noch niemand gemacht— tick, tick— von dem ich weiß.— Donnerwetter, was ist denn das?" Er ließ den Hammer sinken, blickte empor, wo nur ein winziges helles Viereck vom Zeltdach zu sehen war, und lauschte gespannt. Ja— er konnte es ganz deutlich hören, wie es näher kam — kling— kling— kling— klingklingling— klingl Er erbleichte, und das Handwerkszeug fiel ihm aus den Händen. „Peter l" schrie er aus Leibeskräften.„Peter I" Keine Autwort— außer kling, tlingklingling. Er sprang auf:„Peter l Hallo, Peter I" Nichts— nur das Geläute immer näher—■ „Herrgott I Der ist wahrscheinlich Wasser holen gegangen." „Kuu— iihl Peter I Kuuiihl" Klingling— klingling-- ganz dicht I „Mein Himmelt Das blinde Vieh von einem Gaul troddelt wahrhaftig zum Schacht heran l Was soll ich nur tun? Kreuz- donnerwetter— das Biest fällt runter, auf mich, so sicher wie nur was. Mein Schreien hat ihn noch angelockt l" Die Klingel mutzte jetzt dicht am Rande sein. Bill schlotterten die Knochen, und der Angstschweiß lief ihn von der Stirn herab. Nirgends sah er ein Entkommen, auch nur eine kleine Höhlung,' in die er sich hätte pressen können. Er war ja auch so stolz ge- Wesen auf die Gleichmäßigkeit, mit der der enge Schacht gesunken war. Und jetzt— jetzt mußte es— kommen— „Jesses Maria!" Er knickte in die Knie zusammen, faltete die Hände und starrte gen oben, teils um Frömmigkeit zu markieren, teils aus Furcht. Und dann begann er laut zu beten, ein sonder- bares, unverständliches Kauderwelsch, das Wohl kein orthodoxer Priester für voll angesehen hätte. Und doch— � es schien zu helfen, er schien erhört zu werden, wenn auch langsam. Ter blinde Gaul schien sich rings um de«. Schacht zu fühlen. Aber jeden Augenblick konnte er fehltreten und stürzen. Und Bill begann immer eifriger zu beten, wie er es nie zuvor in seinem Leben getan. Alle seine Sünden bekannte er, wenigstens alle, die ihm gerade einfielen, während er dort in der Dunkelheit dg Fuß tief bebend kniete. „Und daß ich heute Peter ausgelacht, o Herr," schrie er zum Himmel,„das bereue ich jetzt von Herzen; und wenn Du mich rettest aus meiner Not, dann werde ich ihm Sühne tun und—" Das Wort erstarb dem armen Sünder ans den Lippen.— � Oben, über die Winde lehnte Peter, die Pferdeglocke in der Hand, und rief hinunter: „Na. dann will ich Dir's noch mal so hingehen lassen, Bill — hahaha— aber vergiß nicht, was Tu eben versprochen hast — hahaha—" Bill starrte rcguungslos, entgeistert die unerwartete Er, scheinung an. „Was— ist denn—?" Und Peter läutete lachend die Glocke: „Steh nur ruhig auf, Bill. Der Gaul— war ich!" kleines feuilleton. — Sächfische Volkswörtcr. Eine Art Kauen des Getränkes bezeichnet sin Leipzig) netscheln, eine Verlleinerung von natschen, worunter man sonst das weinerliche Benehmen verzogener Kinder oder auch ein undeutliches Sprechen sNuscheln) versteht. In Schlesien heißt narschen sangen, es ist also eine Nebenform zu nutichen, wofür wir auch lutschen sagen. Da diese Wortform hauptsächlich für das Schlürfen des Kaffees verwendet wird, heißt dieser auch Lutsch. Von Bier und Schnaps dagegen kann man nur eins oder einen genehmigen oder weg» niachen, schwcppcrn, schwappen, schwappeln oder schwubbern sd. i. eigcnt- lich vergießen), blasen, pfeifen oder schmettern. Die letzten drei Ausdrücke gehen vom Musikanten ans, ehemals Pfeifer genannt fvcr» gleiche die Stadipfeifer): wie er sein Tongcrät in die Höhe hält, namentlich die Posaune,.stzenn er Pom Turme bläst, so auch der Trinler da-Z Glas, daL er aus den Grund leeren will. Mancher guckt so tief ins Glas, da- r nicht wiederkommt, ihm ruft man sin AugnslnSburg) zu: Du, komm wödr, wcmmer Dch wagscheckt l Von der Tätigkeit besonders seßhafter Trinker, die lange kleben unk» quetschen, gebrauchen wir neben dem allgemeiner verbreiteten picheln(von pichen, im Schwäbischen wie anaepicht im Wirtshaus sitzen, vergleiche Pech an den Hosen haben. auch bigeln, abgeleitet von Pegel sinittellatein. pagella), ein Strich, der ein gewisses Maß bezeichnet, sowie ein Maß für Flüssigkeiten. In Norddeutschland kann mancher en godcn Pegel supen, wofür man auch(in Bremen) Pegeln sagt. Wenn es in Sachsen bigelhoch geht, steigt die Lust bis an den Pcgel(strich). der sonst nicht erreicht wird. Wie in Schlesien und Thüringen ist in Sachsen das Pitschen verbreitet, das vom polnischen und russischen pic trinken abgeleitet sein kann, wenn eS nicht eine Nebenform von piezen saugen darstellt. Von Kindesbeinen an trinkt der Mensch auch in Sachsen, verschieden ist nur in den verschiedenen Lebensaltern der Stoff und— die Wirkung. Unter der Unzahl von Aus- drücken, die in deutschen Gauen den Zustand der Trunkenheit umschreibend bezeichnen, können als sächsisch hier nur zwei an» geführt werden: er hat wieder mal Sncn gefressen(wohl angelehnt an: einen Narren fressen an jemand), und er is nlsch, d. i. eigentlich schief, schräg. Dieses Wort scheint nur in der Genend von Meißen, Döbeln. Lommatzsch, Würzen verbreitet zn sein m der Bedeutung querfeldein; für Leipzig bezeichnet Albrecht»Ische in der Bedeutung schräg, z. B. nlsch nüber— schräg gegenüber, so wie sanstansteigend, lchnan; Köhler kennt das Wort auch in der Anwendung auf einen Balken, der schräg an einen Strebebalken angestellt ist. und in der Redensart: er geht nische. Sonst ist für Schiefheit im Stehen latsch üblich(auch im östlichen Erzgebirge), verstärkt querlätsch.— Theater. Freie Volksbühne: Lessings E m i r i a G a l o t t — Es ist beinahe selbstverständlich, daß die Tragödie der Eniilia Galotti„nur auf Verstandeskombinationcn beruhen" mußte. Sie hat leine Vorgänger, sie ist die erste deutsche Tragödie, und als» solche bewußt. Sie ist daS Schulbeispiel des deutschen Dramas» und will Muster und Beispiel sein, in der Form wie im Inhalt. lieber dem Wagnis triumphiert das Erreichte. Wir geraten in den Bann einer dichterischen Energie, die von einer so starken geistigen Persönlichkeit getragen ist, daß sich die Grenzen verwischen, die von einer intuitiv-schöpferischcn Persönlichkeit trennen. Oder wie Hebbel es ausdrückt: wir geraten„in die nächste Nachbarschaft des Dich» terö". Das wäre uns heute klar, auch wenn uns Lessing nicht daS Wort vom Röhren- und Druckwerk über sich selbst und sein Schassen gegeben hätte. Drei deutsche Dichter und Dramatiker haben uns ihre kritischen Gedanken über die„Emilia Galotti" Hinterlassenz Hebbel, Grillparzer und Otto Ludwig, und diese drei grundver» schicdenen Beurteiler gelangen von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu dem gleichen Resultate, eben dem angedeuteten. Und das ist die merkwürdige Kraft des Kritikerschöpfers Lessing, daß man, wie man auch zergliedern und auflösen möge, immer wieder den Halt im Ganzen behält und behalten muß. Es ist mehr, will ich sagen, als eine literarisch« Ehrfurcht, die wir vor der Emilie cmpfinbcn: wir gelangen zum Menschen m ihr unS zu Gedanken über das Leben. Und das geschieht so: um die heiße menschliche Tragödie des alten Odoardo, des Vaters der Emilia, im fünften Akte zu dichten, hat Lessing der Einleitung eines vieraktigen höfischen Intrigenspiels bedurft, das in Emilia die Bedingungen und Mög- llichkcitcn der Tragik schafft. Das Intrigenspiel des Hofes inter- esfiert uns, weil wir mit einer graziösen Leichtigkeit in das Hof- leben eingeführt werden, weil hier Persönlichkeiten geschaffen werden, die das Hoflcben charakterisieren und uns dauernd als die typischen erscheinen. Marinelli ist unsterblich, und würde noch leben, auch wenn es keine Höfe mehr gäbe. Und alles an ihm ist unstcrb- lich, die Skrupellosigkcit, die Falschheit, die Schleicherci, die liebe- dienernde Untertänigkeit, die Charakterlosigkeit und die Verachtung des Menschen. Dem Hofschranzen wird der Mensch nichts als ein Spielzeug für die Launen seines Herrn. Dazu ist kein Mittel zu schlecht, keine Intrige zu gewagt. Zumal der Prinz schwach ist und ganz in seiner Hand, zumal der Prinz das Werkzeug und Opfer seiner Umgebung ist, auch wenn er stärker und selbständiger wäre. Darin ist der Fall wieder typisch, und wenn uns das ganze höfische Intrigenspiel interessiert, hier genießen wir es. Ich will es ganz offen und unverblümt sagen, wir genießen dieses Spiel mit satirischem Lächeln, nein mit einem scharfen satirischen Gaudium. Und so folgte das Publikum angeregt dem Spiel einer fremden Sache, für deren sonstigen Inhalt es wahrlich kein Interesse heute mehr haben kann. Und als die Tragödie des Vaters einsetzte, als in dem nicht ersterbend untertänigen Odoardo Bater-i.nnd Kaoaliers- cljte zum tragischen Konflikt sich vereinten und zum Höhepunkte trieben, ward das Publikum ergriffen und lauschte und schaute ge- spannten Atems. Es war eine Freude, das Publikum. Lessing hätte dankbar sein können. Es war mit ihm und übersprang die Distanz von damals und heute. Das Ensemblespiel war gut, trotz einzelner UnauSgcglichcnhciten, die durch die Herkunst der Schau- spicler von verschiedenen Bühnen bedingt sind. Im ganzen war der Ton nicht vornehm und ruhig genug. Man ist immerhin an einem Hofe, wo gewisse Gebräuche auch im Affekt nicht außer acht gelassen werden können. Man ist in einer Zeit, die gewiffe Lautheiten ver- bot. Die vor allem nicht die großen Bewegungen besaß. Das ver- gaß der Prinz, besonders aber die Gräfin Orfina. Ihr Spiel kann ich loben, ohne«S zu lieben, weil ein ehrl'ches Bemühen darin war, obschon die Mittel nicht ganz entsprechend, nd. Auch Odoardo hatte dies Bemühen. Der Prinz war nicht immer ganz bei seiner Sache. Claudia versuchte ihre Rolle zu Dank zu spielen. Mürinelli war bovkonnnen. E mi l H e y s c spielte ihn, Paul Askonas den Odoardo, Elise Pank-Steinert die Orfina, Ferdinand O n n o den Prinzen, Hedwig Storm die Emilia und Carla Ernst die Claudia.— hz, Musik. Der Berliner Volkschor scheint sich mehr und mehr zu einer mufikalischcn Bildungsäkadennc auszugestalten. Man kann cS als Ehre und als Nutzen betrachten, Mitglied einer Vereinigung zu sein, die ohne irgend eine Vereinsmeierei so wertvolles aus eigentlich künstlerischem Gebiete leistet und überdies so klug für Belehrung sorgt. Namentlich die Hauptsache: die Gesangsleistung des Chores selber, steht in Anbetracht der Verhältnisse bereits auf einer beträchtlichen Höhe. Hoffentlich stellen sich auch immer mehr männliche GejangSkrästc ein, so daß die großen Aufgaben, die sich der Leiter des Ganzen gestellt hat, in ciilcr für die Sache und für die Personen genug würdigen Weise durchgeführt werden. Schon die Gelegenheit allein, allmählich zahlreiche klassische Werke der Tonkunst durch aktive Teilnahme oder tvcnigstcnS durch intimere Zuhörerschaft keimen zu lernen, reicht hin, um die Teilnahme an diesem Unternehmen lebhaft empfehlen zu können. Wozu noch der große hygienische und ethische Wert des Gesanges kommt; gar nicht zu rede» davon, daß neben bloßen Männerchören der gemischte Chor eine höhere künstlerische Stufe bedeutet Vorgestern lMontag) gab es da in der.Reuen Welt" einen Beethoven-Äbend, also eine Aufführung lediglich von Bccthovenschcn Kompositionen. Die Wahl der Stucke war uamcnt- lich insofern glücklich, als einige von diesen sonst recht selten auf dem Programme auch unserer anspruchsvollsten Konzertunter- nehmungen erscheinen. So vor allem der Chor„Meeresstille und glückliche Fahrt", der durch seinen überaus stark charakterisierenden Naturalismus wohl für jegliches Publikum eine passende Darbietung ist. Auch die sogenannte Chorphantasie, eine Art„Neunte Sym- phonie" in Verkleinerung, bekommt nran nicht oft zu hören. Die Aufführung, unter Chorleiter Dr. E. Zander selber, war im ganzen sehr anerkennenswert. Was von einer idealen Höhe nock, übrig bleibt, geht wohl darauf zurück, daß einerseits etwas gar schwere Stücke gewühlt wurden, und daß andererseits heutzu- tage die Dirigierkunst überhaupt nicht hoch steht. Die„Coriolan- Ouvertüre" ist, wie nicht viele andere Werke, ein glänzendes Be- weisstück für die poetischen Deuter der Tonkunst; der Gegensatz zwischen dem harten Coriolan und dem immer neu anhebenden Flehen der Frauen ist musikalisch so scharf gezeichnet, daß wohl nur auch eine entsprechend scharfe Zeichnung in der Wiedergabe dem Stücke gerecht werden kann. Hier möchten wir doch dem Dirigenten vorhalten, daß er, der sonst so diel wagt, mit seinem, allerdings nicht sehr leicht betveglichcn, Orchester nicht mehr gewagt hat, daß er insbesondere von dem gleichmäßigen Zeitmaße nicht ab« gegangen ist. Neben einigen Gesangssolisten, die nicht viel Gelegenheit zum Hervortreten hatten, aber ihre Sache gut machten, erregte nameut- lich der bekannte Komponist Conrad Ansorge als Klavier- spicler Aufmerksamkeit. Man braucht wohl nicht erst zu beschreiben, wie viel in solchen Leistungen steckt. Auch daß der Spieler hie und da sogar weichere Töne fand, mag angemerkt sein. Ob seinem Spiel eigentliche Wanne nachzurühmen sei, läßt sich mindestens schwer sagen; an Gelegenheit zur Entfaltung von Wärme hat es nicht gefehlt.— fiZ. Medizinisches. hr. Die Adern Verkalkung de? Gehirn?. Die Arterienverkalkung befällt mit Vorliebe das Gehirn; der so häufig vorkommende Hirnschlag ist ja nichts anderes als eine Aeußennig dieser Krankheit, indrm die starr und brüchig gewordenen Blutgefäße des Gehirns plötzlich bersten; der Hirnschlag stellt dann die durch daS Bersten der Gefäße und den eingetretenen Bluterguß erfolgte Zer« trünrmerung der Gehirnmaffe dar. Während man bisher mm bloß diese akute Form der Hirnaderverkalkung beachtet hat und die Zeichen der langsam sich entwickelnden ignorierte, haben neuere Forscher ihre Beobachtungen auch auf die langsani sich entwickelnde Form dieser Krankheit gerichtet. Ein Verdienst um die Aufhellung dieses noch wenig bekannten Krankheitsbildes hat sich der Frankfurter Nervenarzt Dr. Hamburger erworben. In einem im Frankfurter ärztlichen Verein gehaltenen Vortrage unterschied er mehrere Formen dieser chronischen Hirnaderscleroie. I» der Regel beginnt sie schleichend und äußert sich zunächst als Nervenschwäche, so daß sie vielfach mit der Neurasthenie verwechselt wird. Die Kranken sind reizbar, leicht erschöpft, schlaflos, erholen sich schwer auch nackt leichteren Anstrengungen. Sie klagen außerdem über Kopfschmerz, Schwindel, Blutandrang nach dem Kopfe, ihre Gesichtsfarbe lvechselt zwischen Röte und Bläffe. Wenn die Behandlung früh einsetzt und die Kranken sich den ver» änderten KreiSlaufSverhältuiffen anpassen können, dann kann daS Leiden viele Jahre mit einiger Erträglichkeit bestehen, wobei jedoch Perioden von Besserungen und Verschkechterimgen mit einander abwechseln. Diese Kranken müssen ein ruhiges Leben führen, dürfen keinen Alkohol genießen, ihre Diät sei eine Vorzug?» weise vegetarische. Eine andere Form dieser Krankheit zeigt eine rasch fortschreitende Tendenz, es tritt dabei ein frühzeitiger geistiger Verfall infolge Entartung der Hirnrinde ein, oft stellt sich ein früh» zeitiger Blödsinn ein; die Kranken verfallen in ihren sozialen Ver- Hältnissen, werden Trinker und Verbrecher. Die Krankheit wird oft verkannt, vielfach direkt für Simulation angesprochen. Bemerkenswert ist, daß Verletzungen oft bloß leichten Grades, welche den Kopf betreffen, bei einer beginnenden Arterienverkalkung den Verlauf er» heblich beschleunigen.— Humoristisches. c. Redeblüten an s dem Gerichtssaal hat eine französische juristische Zeitschrist gesammelt. Einige davon seien hier wiedergegeben: „Was soll man von dieser ehebrecherischen Frau denken, die durch die Welt fährt ohne bekannten Wohnfitz, ohne Wissen ihres Baters. der nicht ihr Vater ist, und ohne Wilsen ihrer Mutter, die auch nicht ihre Mutter ist?" '„Man will aus dem Kiefer der Gemeinde einen großen Zahn ausziehen; aber wir wehren uns gegen dieses Ausziehen durch die stärksten Körperverrcnkungen." „Eine Taube hat an fich nichts llmnoralisches." „Man weiß niemals, ob dieser Mensch ernsthaft lacht." „DaS Schweigen ist eine Art des BelveiseS, die ich niemals verstanden habe." „Die Genossenschaft der Schlächter sammelt die Felle und da? Fett seiner Mitglieder, um sie zu verkaufen." „Man hat so kleine Eier geliefert, daß man sagen möchte, es waren Kiudercicr."— Notizen. — Die Schlierseer spielen gegenwärtig bei K r o l l.— — Otto SommerStorff ist vom 1. Januar 19l)7 au auf fünf Jahre dem Schauspielhause verpflichtet worden.— — Die„Komische Oper" bereitet als nächste Mozart- Darbietungen„Die Zauberflöte' und den„Don Juan" vor.— — Zur Ergänzung der an der Außenseite des Wiener Künstlerhauses noch fehlenden drei Statuen— von Tizian, Velasquez und Bramante— hat das österreichische Unterrichts» ministerunn 38 400 Kr. bewilligt. In dun vorerst für die Tizian» Statue ausgeschriebenen Wettbewerbe trug Bildhauer HauS Scherpe, der Schöpfer des Anzengruber-Deilkumls, den ersten Preis und damit die Ausführung davon.— — Das Museum für Meereskunde, Gcorgenstr. 34—36, ist bis auf weiteres SomitagS von 12—3 Uhr, Montags und Sonn» abends von 11—4 Uhr geöffnet.— — Indigo! ultur in Britisch-Jndien. DaS mit Indigo angebaute Areal hat im vergangenen Jahre um 20, der Ertrag um fast 25 Proz. abgenommen.— Verantworll. Redakteur: Hans Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaustaltPaul Singer LcCo., Berlin LV7.