Nnterhattungsblatl des Horwiirls Nr. 69. Sonnabend, den 7. Ztpril. 1908 lNachdnick oeitoten.) Die Sroberung von Jerusalem. Roman von M y r i a m Harry. 301 Autorisierte Uebcrseyung aus dem Französischen von Alfred lpeuker. Völlig mit seinen Gedanken beschäftigt, schsos; Volje- »lund wieder seinen Adclsalmanach.„Eitelkeit der Eitel- leiten: alles ist Eitelkeit." sagte Amenjeu mit seiner der- träumten Stimme, während er sich leicht aufrichtete, um seine Pfeife wieder anzuzünden. Sie schwiegen: jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Sonne ging unter. Auf dem Wege, der sich am Fusze des Kastells dahin wand, schritten Gestalten wie aus der Bibel. Am Rande der von Mais wogenden Ebene Ephrata zogen Kamele vorüber. Bei dem schaukelnden Schritt der Tiere sah es aus, als ob ihre Reiter in Booten auf dem grünen Schilfmeer schwämmen. Zur Rechten baute sich, von den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet, Bethlehem stufenweise wie eine goldene Leiter auf. Dahinter färbten sich die Obstgärten von Hebron violett: weiter unten verschwamni das tote Meer immer undeutlicher, und am Horizont verschniolzen die Berge von Moab sanft mit den: zarten Abcndhiimncl. Aber zur Linken, iin Schatten, weckte Jerusalein, das einsam und grau auf steiler Höhe, feindlich und uneinnehm- bar dalag, in Elias den alten Groll. „Und dennoch," fuhr er. wie mit sich selbst sprechend, fort, „dennoch habe ich dieser Aussätzigen die bitterste Täuschung der Welt bereitet. Sie hielt mich für den Sohn Gottes, sie hat sich mir zu Füsien geworfen, sie hat geweint und gc- betet, sie erwartete von mir ihr Glück und ihre Heilung. Und ich habe meine Hände aufgctan, aber anstatt das Wunder zu vollbringen, nur eine Handvoll Geld ausgestreut. Und die andere I Aus meincin Glauben, meinem Wissen, meinen Illusionen habe ich ihr einen Thron erbaut. Wie ein Kind habe ich mich auf den Knien zu ihr hingeschleppt. Als ihre Füsie im Schnee des Libanon erstarrt waren, habe ich sie mit meinem Hauch wieder erwärmt. Mein Herz habe ich ihr geschenkt und ihr die Pforte zum Leben geöffnet. Sie hat mein Herz verloren und die Pforte wieder geschlossen.-- In dem Maße wie meine Liebe wuchs, verminderte sich ihre Zärtlichkeit, und doch würde ich nuch mit wenigen Brocken begniigt haben. Und jetzt macht sie mir einen Vortmrrf daraus, daß ich nicht der himmlische Gatte bin, für den sie mich hielt: sie schämt sich meiner und dessen, was man meinen Unglauben nennt: sie quält und verfolgt mit mit ihren bibli- scheu Sprüchen und beschwört mit mit den Blicken einer be- leidigten früheren Gottcsbraut, meine Sünden zu bereuen und die Nichtigkeit meines Glaubens öffentlich zu bekennen." „Das werden Sie doch hoffentlich nicht tun?" rief der Graf entrüstet. „Nein, jetzt nicht mehr. Ich habe eine Protestantin gc- heiratet: um Ruhe zu haben, erlaube ich, daß meine Tochter eine lutherische Schule besucht— wählen möge sie später selbst: — aber ich für meine Person möchte lieber Astaroth oder Baal anbeten, diese personifizierten Mächte der großen, lebendigen Natur, als mich wieder zu dem Ehristus dieses Pastor Zorn bekennen, den er nach seinem eigenen Bilde geformt und in dein er alles das vcrgöttlicht hat, was er an armseliger kalter Menschlichkeit in sich trägt." Zitternd, mit einem herben Zug um den Mund war Elias auf den Sessel zurückgesunken. „Ack, mein armer Freund, ich hatte es Ihnen wohl gc- sagt: hüten Sie sich vor den Weibern! Sie entmutigen unS und töten unseren Heroismus und Idealismus. Aber, Schock- schtverenot! lieber Freund, einer Frau wegen braucht man doch nicht gleich so zu verzagen, und noch dazu einer Ketzerin wegen, wenn ich im Grunde genommen auch diesen Leuten aus ihrer Ketzerei keinen Vorwurf mache. Uebrigens verstehe ich nichts von ihren Zänkereien, und wenn sie sich weigern, zur heiligen Jungfrau zu beten, so ist das allein ihr Schade: was ich ihnen aber nicht verzeihen kann, das ist die unschöne Nüchternheit, welche sie um sich verbreiten. Und zwar unter dem Vorwande des Fortschritts! Ich frage mich, was für ein Fortschritt kann wohl darin liegen, daß man sich iir knappe Kleider zwängt und schöne, geheiligte Ruinen schleift, um sie durch Häuser mit Ziegeldächern und Stuckarbeiten zu ersetzen? Mich nennen sie einen Narren und niachen sich lustig über mein Kastell, mein Schwert»md meinen Maltesermantel: ich glaube aber iveniger lächerlich zu sein als sie: denn weder ich noch mein Schloß verunstalten diese erhabene, verwüstete Landschaft, die noch ebenso geblieben ist, wie die Kreuzfahrer sie gekannt haben. Wollen sie aber durchaus mit ihrer Zeit nutgehen, nun, so mögen sie das mit sich abmachen: was hat denn die Zivilisation mit der Religion zu tun? Ist die Welt denn nicht groß genug für alle diese Fortschrittsschwärmcr? Mögen sie doch unseren gläubigen Seelen dieses Fleckchen Erde lassen, das durch seine Erinnerungen geweiht und durch seine Vergangenheit verewigt ist. Manchmal frage ich mich erstaunt, was das für Dogmen sein können, die so den Sinn für das Aesthetische und Malerische ertöten? Warum soll man nicht achten, was es an Ehrwürdigem, Rührendem und Poetischem in den Ueberlieferungen gibt? Der Katholizismus hat niemals die Schönheit der Natur und die altertümlicher» Sitten zerstört. Wir habeir Klöster, Schulen und Kirchen in ganz Palästina: sie harmonieren mit der Oertlichkeit: unsere Adepten brauche» nicht auf ihren angeborenen Adel zu ver» zichten. Betrachten Sie dort unten jene arabischen Frauen, deren mit Genna geschminkte Wangen unter dem wehenden Schleier glänzen: es sind glühende Katholikinnen, und doch tragen sie noch die Kleidung, welche Renaud de Cbatillon entzückte. Und erinnern die Franziskaner, die dort mit mili- tärischcm Schritt den Hügel herabsteigen, Sic nicht an jene streitbaren Mönche, die abwechselnd mit dem Schwerte stritten und mit den. Kreuze segneten? So habe ich mich hier dreißig Jahre lang zwischen dem Terebintcntal und der Ebene Ephrata zwischen Jerusalem und Bethlehem bewegen können, ohne in meinen mittelalterlichen Visionen gestört zu werden, Aber da sind die Positiven gekommen. Deutsche, Engländer, Amerikaner: sie kamen und kommen noch alle Tage. Und wissen Sie. mein Lieber, was ich soeben erst zu meiner großen Beunruhigung beobachtet habe? Nun, eine neue Kolonie, die da nuten eine Konzession erworben l)at und sich häuslich ein- richtet. Nehmen Sie.mein Fernrohr: es ist kein neues Modell, aber, weiß der liebe Himmel, ich sehe schon daniit viel z» viel. Sehen Sie die Berge von Ziegeln und Eisenschienen? Was soll inan dazu nun sagen?! Da lassen sie Ziegelsteine aus Europa kommen, während hier die Steine keinen Heller kosten! Hänser Werden sie bauen mit grünen Fensterladen und gußeisernen Balkons. Hohe Schornsteine werden aufschießen und vielleicht auch Fabriken. Schnurgerade Straßen werden dort entstehen. Gärten mit Kieswegen und Glaskugeln und Gemüsegärten, in denen die Kohlköpfe in Reihe und Glied stehen. Und wissen Sie auch, welchen Namen diese neue germanische Ansiedlung erhalten hat? O höchste Ironie, o heilige Einfalt! Sie heißt:„die Kolonie der Tempelherren", Das zeigt Ihnen am besten, wie viel Verständnis die Deutsches» für die Geschichte und das Rittertum besitzen.„Tempel- Herren" werden Ackerbau und Viehzucht, Gerberei und Schwciiwhandcl betreiben. Sie werden auf den Märkten von Jerusalem und Bethlehem ihren Salat und ihre Ferkel ab» setzen. Tempelherren! Vergebt ihnen, Ihr, meine Vorfahren« denn sie wissen nicht, was si: tun!" Und Boheinund schlug ein Kreuz. „Amen!" murmelte der Doktor. „Nun, mein armer Freund, wenn die Ziegelsteinhäuseq erst fertig sind, wird uns Wohl nichts anderes übrig bleiben« als unsere Sessel umzukehren. Der Ebene den Rücken wendend, werden wir unsere traurigen Blicke über das Tere- bintental irren lassen und an Zion denken. Nach dieser Seite wenigstens werden sie uns die Aussicht nicht entweihen können, Das Tal gehört mir, und hätte ich vor dreißig Jahren einer» solchen Vandalismus ahnen können, würde ich das ganze Ge» biet von Bethlehem bis Jerusalein gekauft haben." Vor Zorn bebend, hatte Bohcmund sich erhoben und durch- maß mit langen Schritten die Terrasse. Sein schwarzer Mantel blähte sich hinter ihm wie ein Leichentuch, und. seine goldenen Sporen klirrten auf den Fliesen. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, und spähte nach dem Horizonte aus. „Sehen Sie doch mal da unten, Elias, die Diakonissen und ihre Waisen." Elias trat neben den Ritter. „Die Aermsten," sacstc er,„wenn Sie wüßten, wie ich sie bedauere. Ach, die christliche Nächstenliebe wird oft zur Un- Menschlichkeit. Das da sind kleine Araberinnen, die in ihrer Unwissenheit und ihrem Elend so alücklich waren, denn mit drei Oliven, einem Zaubermärchen, Sonnenschein und Freiheit fühlen diese Leute sich reich. Man kerkert sie ein, man lehrt sie von Tellern essen, sich eines Messers bedienen und in einem Bett schlafen. Außerdem lehrt man sie: lesen, schreiben und Lieder singen, die sie nicht verstehen, Strümpfe stricken, die sie nie tragen werden, und sich mit Wasser waschen in einem Lande, wo man kaum genug znm Trinken hat. Hat man sie dann zehn Jahre so gequält, so entläßt man sie mit der Mahnung: Geht, liebe Kinder, verbreitet das Christentum um euch und klärt eure Männer ans. Aber was soll ein armer Araber mit diesen Dämchen anfangen, denen man den einzigen Schmuck, ihre Haare, genomnien hat, und die der ganzen Stadt ihr entblößtes Antlitz und ihre nackten Füße gezeigt haben..... Sic können sich also denken, was aus ihnen wird: Prostituierte. Und an diesem Werk arbeitet in ihrer Unschuld meine Frau und nennt das: Seelen retten!" „Das wundert mich nicht," sagte der Graf lachend.„Ich verstehe übrigens nicht, warum man die Mädchen unterrichtet. Wenn sie nur verstehen, ihre Männer zu lieben und ihre Kleinen zu nähren, so dürfte das nieiner Ansicht nach ge- uügen." „Jawohl, der Hauptreiz der Frau liegt in ihrer Natiir- lichkeit. Die Erziehung zerstört diese: ich hätte Ziona am liebsten wie eine wilde Pflanze aufwachsen lassen." (Fortsetzung folgt.), (Rochdnut verboten.) Hbrecbnung. Eine Echulskizzc von Carl Busse. Die Vcrsctzungsarbcitcn Ivurdcn zurückgegeben. Mäuschenstill saßen die Obertertianer da. Es war überhaupt immer still, wenn Dr. Freetz unterrichtete. Im Handumdrehen wurde er mit der ge- fürchtetsten Klasse fertig. Nachlässig, die langen Beine übereinandcrgeschlagcn, saß er auf dem Katheder. Eine schmächtige, hoch aufgeschossene Gestalt. Das hellblonde Haar war sehr gepflegt; das Bärtchen dünn aber lang ge- zogen, gleichfalls. Er gab überhaupt viel auf sein Acußcrcs. Seine Anzüge mußten tadellos sitzen; er ließ sie zum Kummer der orts- ansässigen Schneider in der Provinzhauptstadt arbeiten. Seine Krawatten waren geschmackvoll und vortrefflich gebunden; die Fingernägel sorgsam poliert und gefeilt. Wenn er neben einem Schüler stand, ließ er sie bei leicht gebogener Hand gern lose auf der schwarzen stumpfen Platte der Bank aufliegen: ihr heller Glanz hob sich dann schön ab. Er war einer von den jüngsten Lehrern der Anstalt. Bei den Kollegen schien er nicht sehr beliebt zu sein, aber sie hatten Respekt vor ihm, weil er gleichsam spielend mit der schwierigsten Klasse, der Obertertia, fertig ward. Die Schüler fürchteten ihn. Selbst diejenigen, die er bevorzugte.— die Söhne adliger Besitzer oder reicher städtischer Familien— hatten ein geheimes Miß- trauen gegen ihn. Er war sehr jähzornig; eine unheimliche Wut konnte ihn plötzlich packen. Und wehe dem, der dazu Per- anlassung gegeben hatte. Die üblichen Schulstrafcn existierten dann nicht mehr für ihn. Er hatte sich eine Reihe eigener grau- samer und drückender Strafen erdacht._ Selbst die liederlichsten Burschen lernten deshalb eifrig für seine Stunden. In den Jahren, die er ain Gymnasium zubrachte, hatte der Direktor immer fest- stellen müssen, daß die von Dr. Freetz geleitete Klasse am besten abschnitt. Jetzt, auf dem Katheder, nahm er ein Heft nach dem anderen vor. Flüchtig fertigte er die guten Arbeiten ab. Lob kannte er nicht. Aber die Schüler waren schon froh, wenn er nicht an seine„Fliege" griff und lächelte. Die„Fliege", ein paar blonde Härchen unter der blassen Unterlippe, zupfte er stets, wenn er witzig wurde. Und er liebte es, Witze zu machen. Sie prasselten nur so auf das Haupt des Opferlammes nieder. Nur in diesem Falle durfte die Klasse laut sein. Je heller das Gelächter, um so besser, der Schuldige mußte sich darunter winden. Die Klassenarbciten waren leidlich gut ausgefallen. Auch das vorletzte Heft war zurückgegeben. Da richtete sich Dr. Freetz aus seiner nachlässigen Haltung auf. „Bisher," sagte er und drückte den Kneifer fester,„war alles noch menschlich, wenn man weitherzig urteilt. Hier aber habe ich eine Arbeit, daS ist die»incs Hornviehs." Er sah sich um. „Förster!" Das war der Primus. Eilfertig erhob er sich. „Wie heißt das Hornvieh?" Ter Junge ward rot, schielte zur Seite. Er wußte wohZ. wen der Lehrer meinte. Aber Scham und Scheu band ihm die Zunge. Doch mit dem kurzen scharfen Acccnt wurde die Frage wieder- holt. Das hieß: antworte, oder es geht Dir schlecht! „Zmurko," sagte der Primus. „Richtig. Was ist das Hornvieh?" „Ein... Tier." „Schafskopf! Ein nützliches Tier ist es, ein ganz unentbehr- lichcs. Und wohin gehört es?" „In den Stall." „Ausgezeichnet. In den Stall, und nicht in.. Klatschend schlug er mit dem Heft aufs Katheder:„Und nicht in ein preußisches Gymnasium!— Zmurko!" In der Bank, die der Tür am nächsten stand, erhob sich ein Junge. Er stach seltsam von den anderen ab. Schwerfällig und breitschultrig stand er da, massig und bäuerisch. Er hatte den ein wenig schäbigen Anzug, den er trug, ausgewachsen. Er war ihm in den Schultern viel zu eng geworden. Ein tiefes Atmen der kräftigen Brust, meinte man, müßte genügen, um die Nähte zum Krachen und Platzen zu bringen. Aus den zu kurzen Acrmeln sahen große, grobe Hände— der Junge wußte nie recht. wohin er damit sollte. Nur wenn es etwas recht Schweres anzu- fassen galt, waren diese breiten ungelenken Tatzen gerade recht. Das Geficht war rot, sommersprossig, llebcr der niedrigen polni- schcn Stirn stand struppiges, brandrotes Haar. „Hast Du verstanden, Meister Ungeschlacht?" sagte Dr. Freetz. „Du hast es nun auch von Deinen Mitschülern gehört, daß Du als Hornvieh in den Stall sollst. Deine Arbeit ist ein Hohn auf allen Unterricht; Deine Arbeit ist eine Niederträchtigkeit; Deine Arbeit ist eine Schmach für die ganze Klasse! Herr und Heiland, merkst Du denn nicht, daß Du nicht hier« her gehörst?" Das blasse, sonst blutleere Gesicht war rot geworden. Die Wut packte den Lehrer. Dieser Bengel verdarb ihm alles, drückte das Niveau der Leistungen ganz fürchterlich. „Was ist Dein Vater?" Valentin Zmurko hob gleichmütig den Kopf. „Landwirt." „So karr' doch Mist wie er," schrie der Ordinarius,„anstatt mit diesem Brett vor dem Schädel hier zu sitzen. Ich bin doch kein Dresseur! Worauf wartest Tu denn? Auf das Einjährige? So wahr ich Freetz heiß'— nie kriegst Du das! Pauk' Dir Tag und Nacht in Deinen Büffelschädel ein: ich will abgehen!" Er lies auf und ab vor dem Katheder. „Alles will heut' studieren. Jeder Pferdeknecht, jeder«chustcr- junge! Für keinen Sechser Grips— aber Gymnasium l Keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe— aber Gymnasium! Keinen Satz richtiges Deutsch— aber Gymnasium! Ich sag' Dir, Rot- kopp. Du sollst mich kennen lernen! Ein ganzes Jahr lang Hab' ich mich gequält mit Dir, ein anderer hätt' sich schon totgcschämt, aber Du Büffelschädel-- Da. Dein Heft! Und warte'mal das Zeugnis ab. Söhnchen mcinigcsl" Er schleuderte ihm das Heft vor die Füße, das Löschblatt flog heraus, die Seiten legten sich um. Valentin Zmurko hob das Hest auf und legte es ruhig unier die Bant. Die Gcwittcrfiimmung hielt auch für den Rest der Stunde an. Niemand wagte laut zu atmen. In der Pause sagte der Primus:«Du. Zmurko. ich könnt' nicht anders... Du weißt schon, das mit dem Hornvieh." „Schon gutt, schon gutt." erwiderte der Rothaarige mit seinem polnischen Acccnt.„Es ist nicht so särr schlimm, weil es er- zwungcn war." Auch für die Schüler war der starkknochige Bursche ein Rätsel. Man wußte, er war der Sohn eines armen Kossäten. Er hatte fraglos keinen Kopf zum Lernen. Er sprach kaum richtig deutsch. Er war über siebzehn Jahre alt, während das Durchschnittsalter der Klasse 14 bis 15 Jahre war. Er kam nicht vorwärts. Warum besuchte er die Anstalt noch? Dabei war er gern gesehen, wenn auch kaum jemand mit ihm verkehrte. Er war gutmütig, mißbrauchte seine Kraft nie, half immer mit Federn aus, und war durch sein ruhiges Benehmen jedem noch extra angenehm. Man wußte auch, daß er zu Hause fleißig war. Nicht lange darauf fanden in der Aula die Feierlichkeiten zum Abschluß des Schuljahres statt. Die Versetzungen wurden verlesen. Valentin Zmurko war fitzen geblieben. Es wunderte keinen■— ihn selbst auch nicht. Aus der Aula gingen die Schüler in ihre Klassen zurück. Dort sollten ihnen die Zeugnisse ausgehändigt werden. Dr. Freetz er- schien mit dem ganzen Stoß. Weil die Ferien begannen, war er vortrefflicher Laune. Er würzte jedes Blatt noch mit ein paar Bemerkungen, che er es dem betreffenden Schüler übergab. Valentin Zmurko war nach dem Alphabet der Letzte. «Nun, Freundchen meinigcS— da ist die Quittung. Wenn Du zu den Kühen nach Hause kommst, kannst Du sie zeigen. Und Sm Vater TeinigeS bestell' nur, er nwcht' das Hornvieh gleich dabehalten, anstatt es zu uns zu schicken." Ter Junge faltete das Zeugnis ruhig zusammen, ohne einen Blick darauf zu werfen, und steckte es in die Tasche. Das ärgerte den Lehrer. Aber er griff nach dem Hut, rief der Klasse noch das übliche„Vergnügte Feiertage" zu und wollt' zur Tür hinaus. Mit einem Male war Valentin Zmur'o aufgestanden. „Herr Toltor," sagte er,»ehe Sie fortgehen, möchte ich noch bitten.. Er machte eine ungeschickte Handbcwegung, die so viel heißen sollte wie: Bleiben Sie noch gefälligst! Die Klasse war schon im Aufbruch begriffen. Erst als Dr. Freetz sprach:„Ranu, was willst Du denn noch?", ward sie aufmerksam. Und der Schüler, in seiner schwerfälligen Sprechart, erwiderte langsam, ruhig, aber in einer hartnäckigen Bestimmtheit: „Ich will" Ihnen vorlesen, was ich mir in diesem Heft notiert Hab'. Da steht, wie Sie inich von Michaeli ab geschimpft haben." Plötzlich wurde es ganz still. Fassungslos trat der Ordinarius einen Schritt zurück. Er brachte leinen Ton heraus. Man hörte nichts— nur einmal das Knittern eines Zeugnisses. Und wieder die schwersällige Stimme mit dem fremden Akzent: „Hornvieh oder Rindvieh haben Sie, Herr Doktor, vierund- dreißig Mal gesagt. Weil ich rotes Haar Hab', haben Sie, Herr Doktor, vierzig Mal mich gehöhnt. Weil--" „Zmurkol" schrie der Lehrer.„Bist Du verrückt?" „Ich bin nicht verrickt." Und hartnäckig:„weil ich keine neuen Bücher— l" „Schweig'!" rief Dr. Freetz gell.„Sonst sollst Du'was er- leben— 1" Er war totenblaß. „Ich werde nicht schweigen. Sie, Herr Doktor, haben ein ganzes Jahr geredet, und ich Hab' nichts gesagt. Nun rede ich auch!" „Das wird ja immer besser-- Ungehorsam!" schrie der Ordinarius.„Mensch, ich schlag Dich halb tot!" Und blaurot vor Wut sprang er auf ihn zu und hob die Hand. Wer Valentin Zmurlo wich keinen Schritt zurück. Er kam nicht aus seiner Ruhe. Er hob nur gleichfalls eine seiner groben Tatzen: Wenn Sie, Herr Doktor, mich hauen, werde ich auch hauen. Was ist da weiter?" Dr. Freetz hatte, als er die Bewegung sah, den Kneifer vom Gesicht gerissen. In dem jetzt wieder totenblassen, blutleeren Ge- sicht sah man tiefrot die beiden Einschnitte der federnden Bügel des�Klcimncrs. „Niemand rührt sich vom Fleck," rief er heiser.„Ich hole den Herrn Direktor." Doch mit einem einzigen Schritt war der Rotkopf an der Tür, schloß sie ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Wie gelähmt saßen die anderen Schüler. Was da bor sich ging, faßten sie nicht. Starre, erschrockene Augen überall. Ter Jüngste hatte ein Gesicht wie eine Leiche. Ter Untertiefer hing ihm schlaff herunter, als hätte er nicht mehr die Kraft, den Mund zu schließen. Ter Lehrer wandte sich. Langsam— die hohe Gestalt schwankte etwas— schritt er zum Katheder, faßte mit einer Hand danach, drehte sich wieder den Schülern zu. Alle Muskeln schienen sich an ihm zn spannen, auf der Stirn waren die Adern empor- getrieben, die schmalen Lippen verschwanden fast, so preßte er sie aufeinander. Mit unheimlicher Anstrengung zwang er sich zur Ruhe. „Das ist... Rebellion," sprach er, leise fast, mit trockner, spröder Stimme.„Wie kommt der Schlüssel ins Schloß?" Er allein stand, und vorn,> in der Bank neben der Tür, Valentin Zmurlo. Der gab Antwort:„Gestern war der Arresttag. Sie, Herr Doktor, haben uns eingeschlossen." „Es soll sofort geöfftrev werden." „Ich werde öffnen, jedoch muß ich dieses sagen. Sie, Herr Toltor, haben mich ein Vieh genannt, weil ich einem schlechteren Kopf habe wie andere. Ich aber war serr fleißig. Sie haben mir das Heft hingeworfen, als ob ich ein Hund bin. Ich bin so loenig ein Hund wie Sie. Sie denken, Sie können das tun, weil ein Schüler nicht widersprechen darf. Sie, Herr Doktor, haben gehöhnt, weil ich rotes Haar Hab'. Im Torf haben das die Kinder auch getan, aber der Lehrer im Dorf hat ihnen gesagt, daß tun nur Straßenjungen. Sie haben mich verspottet, weil ich einen schlechten Nock Hab', und nur die alten Bücher, die billiger sind, und einen serr armen Vater. Mein Vater spart das Geld für mich jeden Tag. Denn der Lehrer im Torf hat ihm gesagt, daß ich viel lernen soll, weil man dadurch gut wird. Sie, Herr Dicktor, haben viel gelernt, aber Sie sind nicht gut. Sie verspottew die Armen und auch ihre Eltern. Aber ich lass' meinen Vater nicht verspotten. Sic sind ein serr schlechter Mensch. Das sage ich Ihnen vor allen Schülern. Denn Sie haben mich auch vor allen gehöhnt und den Förster gezwungen, mich ein Vieh zu nennen, das in den Stall gehört. Und meinem Vater wcrd' ich sagen, das viele Lernen nützt nichts zum Gutwerden.> Und ich werde nicht wiederkommen, sondern zu Hause bleiben, Denn im Stalle ist es besser, als in Ihrer Klasse. Dasselbe denken die anderen auch, aber sie haben Furcht vor Ihnen und sagen es nicht. Sie haben gefragt, ob ich mich nicht schäme. Herr Doktor, wer hat sich zu schämen— Sie oder ich?" Zum erstenmal kam in die ruhige, hartnäckige Stimme ctwaö wie Erregung.„Sie oder ich?" fragte sie noch einmal. Und der„Meister Ungeschlacht" stand breit und massig in der Bank, und er streckte in dieser ersten Erregung den Zeigefinger aus— aber auch das erschien ungelenk, als ob er seine Glieder nicht recht beherrschte. Tann atmete er tief. Es hatte alles geklungen, als hätte er sich Wort für Wart darauf präpariert. In den Tagen und Nächten vieler Monate mochte er es auch in seinem Schädel gewälzt haben» ehe es diese Form— so spröde und eckig sie war— bekommen hatte.! Dr. Freetz war, als höre er nichts, ans Fenster gegangen. Er trommelte mit den fein polierten Nägeln an. die Scheiben. Aber die hohe Gestalt zitterte. Er wußte, daß nach dieser Szene bor der ganzen Klasse seines Bleibens hier nicht mehr war. Daß er durch unerbittlichste Strenge zwar auch weiterhin einen äußeren Respekt bei den Schülern er» zielen würde, daß aber der innere heute den Todesstoß erhalten hatte. Er konnte nichts tun: er war machtlos. Es gab nur eins: möglichste Ruhe und Würde bewahren, um durch vergebliches Auf» begehren nicht noch lächerlich zu werden.> Valentin Zmurlo aber packte langsam seine Bücher zu» sammcn. „Adieu Ihr!" sagte er mit seinem gutmütigen Lächeln zur Klasse gewandt.„Wenn einer von Euch nach Podlicc kommt—* nun, ich würde mich serr freuen." Und ruhig zog er den Schlüssel aus der Tasche, schloß auf und ging langsam, in seiner massigen Schwerfälligkeit, in dem aus- gewachsenen, schäbigen Röckchcn, aus der Tür. Man hört« seine ruhigen, bedächtigen Bauernschritte nicht nur aus dem Korridor tönen, sondern auch noch von der Steintrepp� her, die aus dem Gymnasium hinaus und ins Freie führte. Kleines feiriüeton. e. s. lieber den„neuen Stil" sprach am Mittwoch H c n r h van de Velde im Verein für deutsches Kunstgewerbe. Er ging davon aus, daß unsere moderne Zeit in der Kunst die Logik der Linie entdeckt habe, während alle anderen Zeiten bis zurück zur Frühgotik, in ihren künstlerischen Arbeiten den Schmuck liebten, der äußerlich angesetzt war. Blumen, Blätter, Säulen mid Säulchen überall, daran freuten sich die Menschen. Nur keine Einfachheit, nur keine Logik. Das Gefühl für den RhthmuS der Linke war verloren gegangen. Im Zusammenhange damit betonte man den sentimentalen Inhalt. Jedes Ding sollte irgend etwas erzählen, einen Vorgang illustrieren. Selbst Architektur und Kunstgelverbe sollten hier mit» tun. Und so sehen wir das Vorherrschen sentimentalen Gefühls auch in diesen wesentlich praktischen Künsten. Renaissance, Barock und Rokoko gingen gegen die Logik und Einfachheit an, als sie ihre überladene Ornamentik an die einfachen Dinge des Lebens hefteten. Es war eine Stilsprache, die nichts nach dem Sinn und dem Zweck des Gebrauchs fragte. Dann kam die Revolution und mit ihr das reinigende Gewitter» da? über Europa hinfegte. Eine Folge dieses Ereignisses war der Empirestil, der sich in England als Chippeiidalestil, in Deutschland als Biedermeierstil Geltung verschaffte. Aber so einfach er sein wollte, so nützlich die Reaktion war, zur wirklich organischen Neu« bildung drang er nicht bor. Es blieb bei der MKHode, den Dingen äußerlich ein Ornament anzukleben, das Schmuck sein sollte. Und diese Epoche währte auch nicht lange. Dann begann die Hochflut der Stilerzeugnisje, die alle vergangenen Stile wieder auf» ivärmten, sich in Renaissance, Barock und Rokoko noch einmal ver- suchten»nd so von einer an sich unsinnigen Sache noch einmal eine charakterlose Jnntation gaben. Es ist die Zeit der Nachahmer und Kopierer, die noch nicht vergesse» ist. In diese Zeit, führte der Redner aus, fällt unsere Entwickelnng. Wir wuchsen in einer Umgebung ans. die an Häßlichkeit und Blöd- süm ihresgleichen nicht hatte. Wir sahen uns von Gegenständen umgeben, die uns lieblos betrachteten, zu denen wir kein Verhältnis hatten. Unser Leben spielte sich in einer Umgebung ab, die nichts von unserem innersten Wesen an sich hatte. Mit nichtssagenden, sklavisch kopierten Ornamenten überhäuft, waren sie sinnlos und grotesk an der Oberfläche und unpraktisch in der Konstruktion. Diese Sinnlostgleit war das Kennzeichen dieser Epoche. Eine Epoche des tumultuarisch sich geberdenden Blödsinns, neben die keine ähnliche in der Entwickelungsgeschichte der Zeit gestellt werden kann. Allmählich begann eine Umbildung. Neue Anschauungen lockerten die festen Vorstellungen. Religion. Moral, Recht wurde» einer mehr sozialen Kritik unterworfen. Diese führte dazu—, daß man nicht mehr ausschließlich fragt: wie haben es unsere Vorfahren gemacht, sondern, wie müssen wir es machen, unserem Wesen entsprechend? Mit dieser inneren Entwickelung gingen die neuen Probleme der Technik Hand in Hand. Der Dampf und die Elektrizität stellten neue Anforderungen, die nun nicht inehr nach alter Väter Art ge- löst werden konnten. Diese neuen Möglichkeiten zeigten uns Wege, die bis dahin unbeschritten waren. Sie arbeiteten zugleich mit, einen neuen Typus Mensch zu schaffen. Im Zusammenhang mit all den neuen Kulwrerrungen- schaffen, den unendlich vielen Fragen, die wir uns von neuem vor- legten— schon das zeigt an, daß der alte Mensch nicht mehr Ivar, denn immer ist Ilnbefricdigtheit daS Anzeichen für etwas Neues— wurde der neue Typus Mensch, der moderne Mensch. Dieser Mensch ist nach van de Veldes Anschauung grundsätzlich verschieden von dem Menschen früherer Tage, so grundsätzlich, daß„man unterscheiden müsse: moderner Mensch und prämoderner Mensch." „Der prämoderne Mensch wusch sich, badete sich, aß ander? als der moderne Mensch."„Der prämoderne Mensch arbeitete ander?, als der moderne Mensch und suchte seine Erholung in anderen Zer- ftrcunngen." Im Leben des prämodernen Menschen spielt die Sentimentalität eine große, ausschlaggebende Rolle. Er schmückt seine Wände mit Sprüchen, er trinkt an? Bechern, auf denen ein Gedicht steht. Ueberall unigibt ihn eine Romantik des Gefühls, der Sentimentalität. Der moderne Mensch sucht logisch, vernunftgemäß zu leben. llnd er fängt damit an, daß er sich mit venmnstgemäß gestalteten Dingen umgibt. Er verbannt jene grotesken Dinge au-Z seinem Zimmer, die vor lauter Schmuck, der Vogel, Blattwerk oder Giraffen geigt, unbrauchbar sich erweisen. Der neue Stil folgt der Konstruktion, der da? Material und der Zweck die Wege weisen; er hat den Sinn der Notwendigkeit und verzichtet auf Beiwerk. Die Befreiung von der Sentimentalität kam zn stände durch die französische Revolution und durch die amerikanischen Beffeiungs- kriege, die ein neues Amerika schufen. DaS Resultat ist der neue Europäer. In England hat dieser Geist, der der Praxis dient, schon tiefere Ausbildung erfahren, ohne daß England damit als inferior in der Kunst angeschen wird. Im Gegentei?- dieser neue Geist stärkte seine Kräfte und seine Künstler. Demi das ist eine fälsch- «che Annahme, daß nun die Poesie aus unserem Leben verschwinden soll. Wir haben nur ein anderes Gestühl für da", wa» wir Poesie «rennen und als solche ansehen. RuSliir und Morris bahnten hier den Weg. Sie schlössen sich der Vergangenheit an, waren noch nicht selbständig. Wir suchten nach einem neuen Stil. Nicht die Kraft-war die Veranlassung. Vielmehr häufig nur die Auffassung, es hat einen Stil des sechzehnten, des siebzehnten und des achtzehnten Jahr- Hunderts gegeben, das lesen wir überall in den Lehrbüchern. Wo ist nun der Stil des neunzehnten Jahrhunderts? Auf, laßt uns ihn suchen, lautete die Parole, er muß irgendwo stecken. So sollte über Nacht ein neuer Stil geschaffen werden. Er war aber schon da. Und zwar unversehens. Er offenbarte sich dem staunenden Blick in den logischen Fügungen der Eisenkon- struktioncn. Und die Weltausstellung in Parts zeigte offenkundig in ihrer Maschinenhalle diesen neuen Stil. Da war ein Gesetz, das einem Stil die Wege wies. Hiervon hat sich van der Velde anregen lassen. Er überträgt den Eisenstil in Holz. Was nützlich ist, ist noch nicht schön. Dazu bedarf es de? Künstlers, der die Scnsibililät sdiese Eigenschaft erhöhter Reaktionsfähigkeit steht an Stelle der früheren Sentimentalität) des modernen Menschen in Linien bannt, deren RythmuS mehr zeigt als nur platte Nützlichkeit. In diesen aphoristisch gehaltenen Sätzen schilderte van de Velde das Werden des neuen Stils, den zu finden hauptsächlich das Bestreben der belgischen Künstler sei. Van de Velde selbst ist Belgier er ist der Führer dieser Schule. Er stammt aus dem Lande der Fabriken, aus dein Lande MeunierS, wo dem Künstler soziale Erforden, isse tiefer sich einprägen, und das moderne Leben in schneidenderem Gegensatz zu der Vergangenheit steht. Er wies noch darauf hin. daß die Antike in ihrer frohen, naiven Sachlichkeit mit diesem Geiste der Moderne sich deckt. Der Antike gleich wird unsere Zeit seilt, wenn sie lernt, nur sich zu folgen, ihren Bcdürffiiffen, ihren Wünschen. Hätte van de Velde die soziale Seite stärker hervorgehoben, so hätten seine Behauptungen stärkere Beweiskraft gehabt. So schwebte manches in de Luft. Die Wertung der vergangenen Stile machte sich van de Velde leicht. Dilettantismus im Erkennen der Ent- Wickelung lag neben neuartiger Anschauung. Es ist dies der Nachteil, wenn Führer einer künstlerischen Richtung ihr Programm vertreten. Sie kennen nur da? eine: ihren Stil. So wies auch van der Velde alle anderen modernen Stil- bcstrcbungen, z. B. Eckmann, die Wiener Kunst zurück als Versuche mit alten Mitteln. Nur seine Art, seine Kunst sei die richtige. Diese Einseitigkeit, die oft borniert wirkt, muß man in Kauf nehmen. Im wesentlichen bot der Vortrag nichts Neues, das nicht schon aus den Schriften und sonstigen Vorträgen deS Künstlers bekannt wäre. Aber diese Wiederholung war lehrreich. Sie lenkt den Blick tvieder hin auf wichtige Bestrebungen im Kunstgewerbe und regt an, sich von neuem damit auseinanderzusetzen. Geht man Peraiitwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: auf die Sache ein— da? heißt steht man davon ab, daß van de Velde theoretisch oft kurzsichtig ist und in die Fehler verfällt, die er gerade dem Gegner vorwirft, zum Beispiel der Sentimentalität. wem, er behauptet, in der logisch durchgebildeten Linie sei die Poesie der rauschenden Wälder und des schäumenden Meeres—, so muß man anerkennen, daß in dem logischen Stil van de Veldes, der alle überflüssige �Ornamentik vcrschinäht, viel Zukunft liegt. Jeden- falls hat sein Stil vor vielen anderen Versuchen den Vorzug der Konsequenz und der Möglichkeit, eine umfassendere Geltung für breitere Kreise zu beanspruchen. Namentlich für unsere öffentlichen Gebäude wäre seine Art sehr angebracht, da sie zugleich einfach und monumental ist und endlich einmal endgültig mit dem Schutt über- konnnener Vorstellungen aufräumt. Es ist zum inindesten ein An- fang in diesem resolut einfachen Stil.— ie. Der älteste Kartograph dcS Nordens ist nach Untersilchungen deS norwegischen Geographen Björnbo ein gelehrter Mann de? fünf- zehnten Jahrhunderts, der mit seinem eigentlichen Namen Claudius Clausssn Swart hieß, sich aber nach dem Brauch der damaligen Zeit auf lateinisch in eilten Claudius ClavuZ Niger verwandelte. Von Geburt war Swart eine Däne, und zwar ist die Tatsache überliefert, daß er in demselben Jahr(1388) geboren wurde, in dem der Krieg zwischen König Albrecht von Schweden mit der Königin Margarete von Dänemark aus« brach, der für erstcren unglücklich ausging. Erzogen wurde Swart in einer Mönchsschule, verließ aber seine Heimat schon im Alter von 24 Jahren und verbrachte den größten Teil seines Lebens im Auslande. In Rom machte er 1423 die Bekanntschaft des päpstlichen Sekretär» Poggio, der sich bedeutende literarische Verdienste erworben hat. Ob er den jungen Dänen auf die Karto- graphie hingewiesen hat, ist zweifelhaft. Die älteste von ClavuS Niger bekannte Karte, die man 183S bei Nancy auffand, wurde von einer Beschreibung begleitet und nimmt in der Darftelluiig des euro- päifchcn Norden» einen ziemlich Hoheit Rang ein, indem sie viele Irr- tünicr früherer Karten vermeidet und auch schon Grönland und Island zur Darstellung bringt. Im Jahre 1838 wurden dann in Warschau und Florenz mehrere mit der Hand gezeichnete Karten aufgefundelt, die vielleicht ans Clavus zurückzuführen sind. Nach einein später in Wien entdeckten Manuskript hatte ClavuS behufs weiterer Vcrvoll- kominnung seiner Karte von Europa namentlich die ganze nor- wegische Küste bereist. Die Arbeiten von ClavuS blieben lange maßgebend für die Darstellung der nördlichen Gebiete nnsereS Erdteils und besonders mit Bezug auf die Darstellung von Grön- land, die erst im siebzehnten Jahrhundert weiter verbessert wurde.— HuinoriftischeS. — AuS der Gesellschaft.„Nun, wie sind Sie von der Hochzeitsreise zuriickgclchrt, Herr Baron?" „Ganz gut— aber ein kleines Malheur ist mir passiert: Meine Frau ist mit dem Ehanffenr durchgebrannt!"— — Auf d cm Aurea u.„Herr Rat, Ihre Frau Gemahlin ist am Telephon!" „Hab' jetzt keine Zeit!... Bitte. Kollege, verstellen Sie doch Ihre Stinlnie etwas und fragen Sie, was sie will; zum Reden kommen Sic ohnehin nicht viel— das besorgt meine Frau schon allein!" (Nach fünf Minuten.) „Sie sollen nicht so lange beim Frühschoppen sitzen bleiben, Herr Rat, und pünktlich zum Mittagessen erscheinen.,. aber jetzt müssen Sie selbst kommen— Ihre Frau, wird zärtlich I"— — Der Protzenba n er.„Guat'n Morg'n, Bürgermoa�ta!.. (Keine Antwort.).. No, woaßt D', Bürgermoasta, eppas kunnt'st D' scho drauf sag'n!" ,.So~-o— o! Woaßt D' net, wann i' mci' Sprech stund' Hab'?"—(„Fliegende Blätter'.) Notizen. — Der norwegische Dichter Alexander Kielland ist gestern plötzlich g e st o r b e n.— — Der Ofiris- Preis(llX> 000 Franken) ist von der französi- sckien Akademie dem Historiker Albert S o r e l für sein Werk: „Die diplomatische Geschichte Europas während der beiden letzten Jahrhunderte" zugesprochen worden.— — Das Schiller-Theater in Charlottenburg soll bestimmt am 1. Januar 1907 eröffnet werden.— —„Die Fischer von St. Jean", eine Oper von H. M. W i d o r, erlebt am 15. April im Stadttheater zu Frankfurt a. M. die erste deutsche Aufführung.— — Ein sibirische? VoltSliederbuch wird demnächst in Rußland erscheinen. ES enthält an hundert nationale Gesänge. die von einer Kommission iin Verlaufe von drei Jahren gesammelt wurden.— — Die Nationalgalerie hat ein Jngendwer! Menzels, „Bauplatz mit Weiden", für 25 000 M. erworben.— — Die Britische Nationalgalerie in London kaufte ein Werk Jan BrenghclS(des„S a m m e t b r e u g h e l S") für 100 000 M. Das Bild war von einem Händler aus den, Nachlaß eines Nottenburgcr Domkapitulars für einige hundert Mark erworben worden.— VorwärtsBuchdruckerci u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin SW.