Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 72. Donnerstag, den 12. April. 1906 (Nachdruck verboten.) Vie Sroberung von Jerusalem. Roman Von Myriam. Harry. 33) Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen Von Alfred Peuter Elias lächelte, dann aber rief er zornig: „Kahren Sie sich jetzt auch schon an solche Klatschereien? Was geht mich ihre Meinung Von unseren Beziehungen an! Erstens täuschen sie sich natürlich! aber selbst wenn das nicht der Fall wäre/'— und seine Stimme wurde plötzlich zärt- licher—„Kitty, mein treuester Kamerad, was sollte dabei wohl Böses sein?... Nein, ich will nicht, daß Sie abreisen, vor allem schon Ihretwegen nicht. Hören Sie? Ich will nicht! Sie wissen wohl, daß ich Sie nicht mehr entbehren kann." Und flehend drückte er ihre beiden kleinen Hände. „Oh!" sagte sie mit bebenden Lippen,„ich reise nicht meinetwegen. Mein Leben ist zertrünmert und beschmutzt. ein Riß mehr oder weniger, eine neue Verleumdung nach so vielen airdeben, was kommt es mir darcmf an! Jhreüvegen reise ich, Jerusalem ist unerbittlich. Jerusalem würde es Ihnen nie vergeben, wenn ich bliebe." „Bleiben Sie, bleiben Sie trotzdem; ich brauche Sie-" „Nein, Sie brauchen mich nicht. Ihr Leben liegt schön und groß und ungebrochen vor Ihnen. Vernichten Sie es nicht um meinetwillen. Ich bin eines solchen Opfers nicht wert.... Sehen Sie. mein Freund. Sie haben Ihre Arbeit, Ihren eigenen Herd, Ihre Frau, Ihre Tochter!" „Meine Arbeiten! Wie wichtig erscheinen sie mir in diesem Augenblick! Und meine Frau hat mich, wie Sie wohl wissen, niemals verstanden." „Vielleicht haben Sie nie versucht, ihr Verständnis zu wecken." „Das ist möglich: und doch habe ich ihretwegen mein Niveau schon ganz heruntergeschraubt!" „Versuchen Sie es doch noch, und wenn es auch zu einer Verständigung Zu spät sein sollte, zwingen Sie sich wenigstens, den Frieden aufrecht zu erhalten. Außerdem reizen Sie Ihre Umgebung unnötigerweise. Sie beleidigen Cäcilie und be- reiten ihr durch Ihren Unglauben entsetzlichen Kummer. Zeigen Sie sich von Zeit zu Zeit bei ihren Versammlungen, kehren Sie zur Kirche zurück. Sie opfern damit nur wenige Augenblicke. Wollen Sie es mir versprechen?" „Hat Ihnen Pastor Zorn alles dieses in den Mund ge- legt? Fahren Sie nur so fort!" „Ja, ich fahre fort, denn ich habe Sie noch um etwas zu bitten: Sie müssen den Katholizismus abschwören, Sie müssen sich in der Kirche und vor der ganzen Versammlung als An- Hänger des protestantischen Kultus bekennen- Sehen Sie,, es ist das nur eine Formel, eine nichtige Zeremonie, aber sie legen darauf Wert wie auf nichts anderes; und das würde alle Dinge ins Gleichgewicht bringen. Mein Gott, was kann es Ihnen ausmachen, ein paar Worte nachzusprechen? Sie sind ja doch, wenn auch ein Heide, der beste der Christen." „Nein," antwortete Elias lebhaft, indem er sich ab- tvandte,„das nie!" „Doch! Ich bitte Sie flehentlich darum! Als ich heute Nacht diese Seiten abschrieb, die so voll Schönheiten und voll Grauen sind, habe jck) über all das gegrübelt. Ich war um Ihretwillen in Sorge. Wie könnten Sie dieses Buch ohne ihre Genehmigung veröffentlichen. Wie Wölfe würden sie hinter Ihnen her heulen und Sie verschlingen. Fügen Sic sich dagegen ihrem Willen, so wird der Pastor wohl ein Mittel ausfindig machen, von der Kanzel herab z» erklären, daß die „Auferstehung des Heidentums" ein wirklich frommes Werk sei. Hören Sie auf mich, ich bitte Sie darum!" „Ich kann nicht. Seit ich die Religionen genau studiere, sehe ich wohl, daß keine besser ist als die ander; aber sollten ihm auch andere gute Eigenschaften fehlen, so lehrt der Glaube meiner Vorfahren doch wenigstens den Heroismus des Ge- dankens und die Begeisterung des Herzens. Jetzt lege ich mehr Wert auf ihn als je. Früher hätte ich ihn vielleicht ab- geschworen, wenn Cäcilie mich darum gebeten hätte. � Alles hätte ich für sie getan- Ihre Religion war die meinige, ihr Vaterland war meine Heimat. Ach, wie fällt mir da unsere Hochzeitsreise nach Syrien ein! Damals vergaß sie ihren Gott und ihre Bibel; und ich war es, der den kleinen schwarzen- Band aus ihrem Arbeitsbeutel hervorsuchte. Ich las gern daraus vor. Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, ihre Haare streiften meinen Hals und mir war es, als verbreite dieses kleine, ärmliche, ernste Buch mit seiner bilderreichen, doch so einfachen Sprache um unsere Zelte Helligkeit, als offen- bare es unseren Herzen die neuen Gesetze des Glückes. Und ich glaubte, daß unsere Liebe lichtvoll und demütig und ganz natürlich bleiben würde.— Jetzt aber macht mich schon der Anblick eines dieser Bücher nervös und gechizt. Ueberall liegen welche umher, oben und unten, in Haufen und Bergen, im ganzen Hause; und oft stößt sogar mein Fuß an eines dieser wohlfeilen Werkchen, das ein Bettler mitzunehmen ver- schmähte. Diese Bibeln sind für mich— ich weiß selbst nicht warum— das Sinnbild dessen geivorden, was häßlich, lieb- los und verletzend ist; und mit ihren steifen Leinwanddeckeln, ihrem steifen, starren Kreuz auf dem Rücken, ihren scharfen Ecken und ihrem gelben Schnitt erinnern sie mich an den Pastor Zorn; er und die christliche Moral sind mir gleich widerwärtig. Ach! wie gut verstehe ich es, daß die Araber diese höchst trockene und abstrakte Religion nicht mögen, die den äußeren Reichtum und Aufwand verschmäht, da sie ge- nügend inneren Reichtum zu besitzen wähnt. Ist es aber nicht ganz natürlich, das mit irdischer Pracht zn umgeben, woraus wir himmlische Schätze schöpfen?" „Und doch habe ich Sie das Gegenteil behaupten hören« Heute sind Sie gereizt und ungerecht. Ich besitze nicht ge- nügend Kenntnisse, Ihre Worte widerlegen zu können, aber eines weiß ich: das schönste Buch der Welt ist das neue Testa- ment. Aus ihm hat der arme Entschlafene seine unermüdliche Liebe geschöpft, und wenn ich Trost und Kraft brauche, finde ich sie dort-" „Ach! Kitty, warum habe ich Sie nicht früher kennen gelernt?" Er näherte sich ihr. „Bedauern Sie es nicht; ich war nicht diejenige, die ich jetzt bin, und wenn wir uns gefunden hätten, würden wir uns. wahrscheinlich nicht verstanden haben." Von der Erhabenheit der Stunde überwältigk, schwiegen sie. Ein herbstlicher Windstoß durchschauerte die Bäume unö schüttelte kleine, welke, silberweiße Blätter auf die schwarzen Haare Kittys und ihr Trauerkleid. Ein vorübergehender Eseltreiber sang auf der Straße fromme Lieder, und auf einem in der Nähe gelegenen Distelfelde flogen Tausende von Flocken auf, die in der Luft wunderbare, in allen Regenbogenfarben schillernde Schleier webten. Elias dachte an Jstar. Hinter ihnen, auf dein mit Fliesen gepflasterten Hofe des Häuschens war eine alte Araberin mit dem Einsalzen von Oliveic beschäftigt. Mit einem Stein zerdrückte sie eine Handvoll auf einmal und warf sie dann klatschend in ein Faß mit Salzlake. Unablässig wechselte der harte Schlag des Steines mit dem leisen Plätschern des Wassers ab, und von nah und fern kamen aus allen umliegenden Wohnungen in regelmäßigen Zwischenräumen dieselben Geräusche ebensa hart und ebenso leise, von dem zerstampfenden Steine und dem plätschernden Wasser. In der klaren Abendluft klang es wie der aussetzende Pulsschlag des Lebens. Elias ergab sich in sein Schicksal. „Und wohin gedenken Sie z» gehen?." „Nach, Port Said." „Was ioollen Sie dort beginnen?" „Was ich früher getan habe: in dm Cafäs singen." „O nein, meine teure Freundin, das nicht; bei dem Ge- danken würde ich zu sehr leiden. Ich lasse Sie nicht fort." Und wieder faßte er ihre Hände. „Warum? Was tun Worte, wenn das Herz rein ist? Ich habe Ihnen ja gesagt, der teure Tote hat mich gerettet und zwar für immer, das versichere ich Ihnen."_ „Und auch Sie, Kitty, Sie können mich retten, wenn Sie bleiben." „Nein, ich würde Sie verderben." Sie machte sich sanft los. „Ich mutz noch hinunter! gehen, ihm einige Blumen vringen. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, daß Sie mir nicht die Pforte dieses Kirchhofes verschlossen haben; wenn ich aber bleibe... wer weitz?..." Sie sahen sich in die Augen, und eine geheime Angst vor der Roheit der Welt stieg in ihnen auf. Doch Kitty fatzte sich schnell wieder; sie stand auf, klopfte ihr Kleid ab und schüttelte ihre Haare. Alle die kleinen silber- weitzen Blättchen fielen an ihr herab. Ihre Gestalt schien ge- wachsen zu sein. Sie war durchaus nicht mehr das kleine, verlassene und beklagenswerte Geschöpf vom Kirchhof, fondern eine mutige und abgeklärte Frau, die alle Bitternisse des Lebens kennt und ihnen festen Auges entgegensieht. Elias, der auf der Bank sitzen geblieben war, fühlte sich dagegen schwach und elend, als ob sein Lebensschiff gestrandet sei, ohne Energie für die Zukunft. Er hätte sich an sie an- klammern mögen, sich in ihre Arme flüchten, seinen Kopf cm ihrer Brust bergen und zu ihr sagen:„Bleiben Sie, ich bitte Sie flehentlich, bleiben Sie, um mich gegen die Unduldsamkeit und den Hätz zu schützen. Begreifen Sie denn nicht, wie ver- lassen ich bin, und wie ich nach Liebe lechze? Bleiben Sie, um meine Trösterin zu sein, meine große Schwester, meine Ge- liebte. Trocknen Sie meine Tränen, kühlen Sie meine heiße Stirn. Wiegen Sie mich ein, wie man ein armes, krankes Kind einwiegt. Bleiben Sie und helfen Sie mir, dieses Herz zu tragen, das so schwer von nichtigen Hoffnungen ist." Aber Mitleid mit sich selbst schnürte ihm so das Herz zu, daß er keine Worte fand. Sie streckte ihm beide Hände entgegen und einen Oliven- zweig, den sie soeben gepflückt hatte. Von neuem blickten sie sich bis auf den Grund ihrer feuchten Augen. Dann stand er auf, und toll, sinnlos vor Schmerz, schloß er sie wild in seine Arme und küßte ihren Mund, ihre Stirn, ihre Haare; dann flüchtete er in vollem Lauf auf die Straße und eilte den staubigen, weißen Weg hinunter. Er wagte nicht, sich umzuwenden oder, um Atem zu schöpfen, stehen zu bleiben. Endlich ließ er sich auf der Höhe einer Böschung nieder. „Wie einsam bin ich nun wieder, wie verlassen! Auch dieses Glück haben sie mir genommen!" Und er weinte lange. AIS er wieder den Kopf hob, sah er sich Jerusalem gegen- über. Nur ein paar breite Gräben und die Landstraße trennten ihn davon. Der Abend sank herab, ein fahler, düsterer Abend, der auf den Kämmen der Wälle zu bleiben schien. Um ihn herrschte grausige Verwüstung und Todes- schweigen. Die ganze Mauer entlang waren die Gräben mit Trümmer angefüllt. Schwarzes Wasser tropfte aus den Schießscharten, Körbe mit Kehricht wurden hindurchgeschüttet und von Zeit zu Zeit schlug ein totes über die Zinne ge- fchleudertes Tier auf dem Kehrichtfelde auf. Das Gerippe eines Kamels mit emporgespreiztcn Beinen bleichte auf einem Erdhaufen, und drei Geier, die sich daran gesättigt hatten, schaukelten sich mit eingezogenem Halse und geschlossenen Augen langsam auf den Beinen des Gerippes wie auf Stangen. Stinkende Dünste verpesteten die Stille. Ein unbezwing- licher Ekel stieg in Elias auf, ein Ekel vor allem, besonders vor seinem eigenen Leben, das vor ihm ausgebreitet lag wie ein BeinhauS, in dem die Leichen seiner Träume und. Liebe der- Westen. Aber plötzlich malte sich in seiner Erinnerung jenseits der grauen Wälle ein anderes Bild. Es war das Bild seiner Terrasse, wo der Agha unter wohlriechenden Räucherwolken und duftenden Blüten still und friedlich ausgestreckt lag. „Wie süß muß es sein, so ruhig und gelassen hinüberzu- schlummern in ewige Vergessenheit, in ewige Ruhe!" murmelte Elias. Und eine Sehnsucht nach dem Tode stieg in ihm auf. Durch den Gedanken an diese mögliche Befreiung in feiner Trauer einigermaßen getröstet, stand er auf und wandte sich nach dem Damaskustor, als er auf der niedrigen Straße eine Judenschar gewahrte, die sich dort inmitten eines un- cntwirrbaren Gemisches von Betten, Samowaren, Penta- keuchen und Talmuden niedergelassen hatte. Es waren arme, polnische Flüchtlinge, die aus Rußland Lertrieben, in dem Lande ihrer Väter eine Freistätte suchten. Von den Türken aufs neue aus Jerusalem verjagt, warteten sie, einen Steinwurf weil von«ihrer Stadt", daß Jehova sie in Gnaden aufnehmen würde. Und da der Vorabend des Sabbats herannahte, hatten sie auf einem zun: Altar umgelvandelteu alten Koffer einen siebenarmigen Leuchter angezündet. RingS umher standen sie, in Schweißtücher gehüllt, die Hände nach Jerusalem ausgestreckt, die Augen auf die ersten Sterne ge- heftet, und flehten schluchzend: »Beeile Dich, Du Retter Israels! Beeile Dich, uns zu befreien. Du Herr Zionsl" Gerührt dachte Elias:„Mir geht es wie ihnen, mein Herz irrt umher und findet nicht seine Heimat." Und noch lange, während er schon die gekrümmten Gäßchen des mohammedanischm Viertels durchschritt, verfolgte ihn das hebräische Gebet, das zu den Sternen des Sabbats emporstieg: «Eile, eile, Zions Erlöser!" lFortsetzung folgt.) jVaturwilTenrcbaftUcbe Geberftcbt. Von Dr. C. T h e s i n g. Seitdem die Abstammungslehre sich in den Kreisen der Natur- Wissenschaftler aller Richtungen fast unwidersprochene Anerkennung verschafft hat, seitdem man allgemew zu der Annahme gelangt ist, daß die zahlreichen, so verschieden gebauten höheren Lebewesen sich aus einfachen, gleichartigen Grundformen entwickelt haben, ist eL naturgemäß das Bestreben der Forschung, die Beziehungen zwischen den heute lebenden, so weit von einander entfernt stehenden Klassen des Tierreiches aufzudecken und Uebergangsformen nachzuweisen. Bilden doch gerade solche Uebergangsglieder den besten und sichersten Beweis für die Richtigkeit der gesamten Deszendenztheorie, und auf der anderen Seite wird das Fehlen von derartigen Verbindungs- gliedern von den Gegnern der Abstammungslehre zur scheinbaren Widerlegung mit einer Konsequenz ausgebeutet, die einer besseren Sache würdig wäre. In der Tat bildeten sich diese großen Sprünge und diese durchgreifenden Unterschiede, welche heutigen Tages bei- spielsweise zwischen sämtlichen Vertretern des Stammes der Würmer und dem der Gliederticre oder zwischen Reptilien und Vögeln, Fischen und den höheren Wirbeltieren, vor allem aber zwischen den wirbellosen und den Wirbeltieren bestanden oder wenigstens zu bestehen schienen, eine der nachhaltigsten Stützen für die Lehre von der Konstanz, der UnVeränderlichkeit der Arten. Der letzte und bedeutendste Vertreter dieser Lehre war bekanntlich der große französische Zoologe und Anatom George Baron von Cuvier, ein Zeitgenosse Goethes. Nach der Ansicht Cuviers sollte jede einzelne tierische Art eine völlig in sich abgeschlossene Einheit darstellen, welche so, wie sie einst ein gött- licher Schöpfungsakt entstehen hieß, sich unverändert durch die Jahrtausende erhalten hätte. Als dann jedoch die Paläontologie. um die sich Cuvier ebenfalls große Verdienste erworben hat, den Nachweis erbrachte, daß in vergangenen Erdperioden gänzlich andere, von den heute lebenden Arten weit verschiedene Tiere ge- lebt hatten, stellte Cuvier, um das Dogma von der Unvcränder- lichkeit der Arten aufrecht erhalten zu können, seine berühmte oder berüchtigte Katastrophentheorie auf. Gemäß dieser sollte jeder einzelne Abschnitt der Erdgeschichte durch eine besondere nur ihm eigene Tier- und Pflanzenwelt ausgezeichnet gewesen sein. Durch gewaltige Umwälzungen der Erdoberfläche, Ueberflutungcn, Erdbeben, Vulkanismen und plötzlich eintretende Kälteperioden und Vereisungen sei dann mit einem Male die ganze reiche Welt der Lebewesen auf der gesamten Erdoberfläche ausgetilgt worden, und ein neues Zeitalter habe begonnen.— Auf dem neuen Boden seien dann jedesmal durch einen besonderen Schöpfungsakt eine neue Tier- und Pflanzenwelt erschaffen worden, die weder mit den früher existierenden, noch den in späteren Erdpcrioden folgenden Lebewesen irgend einen Zusammenhang besessen hätten. Bereits zu Cuviers Lebzeiten traten der geistvolle Natur- Philosoph Jean Baptiste Lamarck und sein Anhänger Geoffroy Saint Hilaire in scharfer Form dem Dogma von der Unvcränderlichkeit der Arten entgegen, konnten aber gegen die damals schier unbegrenzte Autorität des Staatsrates und später sogar zun, Pair von Frankreich erhobenen Cuvier nicht durch- dringen. Vielnielk erlitt die Deszendenztheorie bei der für die Wissenschaft so bedeutsamen Disputation zwischen Cuvier und Geoffroy Saint Hilaire vor der französischen Akademie im Jahre 1830 eine völlige Niederlage und verschwand für Jahre wieder von der Tagesordnung der wissenschaftlichen Forschung. Erst längere Zeit nach Cuviers Tode und nachdem der große englische Geologe Charles Lyel den unwiderleglichen Nach- weis erbracht hatte, daß die Entwickelung der Erde sich ganz all- mählich durch die auch heutigen Tages noch wirkenden Kräfte voll- zogen hätte, und daß die einzelnen Zeitalter der Erdgeschichte durch fast unmerkliche Uebergänge mit einander verbunden wären, mußte die Katastrophentheoric fallen, und damit war auch gleichzeitig der Hypothese von der llnvcränderlichkeit der Arten der wichtigste Stützpunkt entzogen. Nicht lange sollte eL nun mehr dauern, da wurden endlich auch zahlreiche der lange Zeit vergeblich gesuchten Uebergangsformen zwischen verschiedenen Klassen des Tierreiche? aufgefunden, welche den augenfälligsten Beweis für die Wandlungs- fähigkeit der Arten darstellen. Wenn wir die heute lebenden Reptilien und Vögel betrachten, so erscheinen sie als zwei weit von einander getrennte Tierllassen, und niemand würde wohl das Bestehen einer nahen Verwandtschaft- lichen Beziehung zwischen ihnen vermuten. Im Jahre 1861 uiachte durch alle Zeitungen Deutschlands und des Auslandes die Nachricht die Runde, daß man in den sogenannten lithographischen Schiefern von Solenhofen, einer Schicht, die der Juraformation angehört, einige Reste eines äußerst seltsamen, mit Federn bekleideten Tieres aufgefunden hätte. Das Stück wurde zu einem enorm hohen Preise zum Verkauf angeboten und endlich für die Summe von 12 006 M. vom Britischen Museum in London erworben. Lange Zeit konnten sich die Forscher über die Natur dieses seltsamen Ge- schöpfes nicht einigen. Es wollte in keine der bekannten Tier- klaffen sich einreihen lassen, und während die einen es mit Be- stimmtheit für einen Vogel erklärten, behauptete die andere Partei seine Zugehörigkeit zum Stamme der Reptilien. In der Tat haben wir in dem Archaeoptcryx, dieser Name wurde dem wunderlichen Gesellen beigelegt, ein Tier vor uns, welches weder ein wirklicher Vogel ist, noch ein echtes Reptil, sondern ein Binde- g l i e d, das Eigenschaften dieser beiden Tierklassen in seinem Körper vereinigt. Namentlich an einem prächtig erhaltenen Exem- plare, das 1877 bei Eichstädt freigelegt wurde, und zu Anfang der achtziger Jahre vom Berliner Museum für Naturkunde um 20 006 Mark erworben wurde, lassen pch diese Verhältnisse vortrefflich studieren. Das gut ausgebildete Gefieder, die geschlossene Schädel- lapsel lassen keinen Zweifel an seiner Vogelnatur aufkommen, an- dererseits entspricht der Bau der Rückenwirbel, der lange, ge- gliederte, aus zahlreichen einzelnen Wirbeln zusammengesetzte, eidechsenartige Schwanz ganz den Verhältnissen, wie wir sie von den Reptilien kennen. Vor allen Dingen zeigt aber der Kopf in einem Punkte eine vollständige Abweichung von allen lebenden Vögeln und erinnert ganz an ein Reptil. Wir finden nämlich, daß sowohl Ober- wie Unterkiefer mit echten Zähnen ausgerüstet sind, die in deutlichen Zahngruben stecken. Auch die Knochen des Tieres scheinen im Gegensatz zu denen der übrigen Vögel nicht mit Luft gefüllt zu sein. So könnte man leicht noch eine ganze Reihe weiterer Unterschiede aufzählen. Aber auch unter den heute noch lebenden Tieren gibt es solche Uebcrgangsformen zwischen sonst bei allen übrigen Vertretern scharf getrennten Tierstämmen. In weit von einander entfernten Gebieten, sowohl in Südafrika, wie in Neuseeland lebt ein kleines etwa 10 Zentimeter langes Tierchen, das in seinem Aussehen am ehesten an einen Tausendfuß erinnert. Dieses Tierchen mit Namen Peripatus ist trotz seiner geringen Größe und Unscheinbarkeit bereits häufig der Anlaß zu heftigen wissenschaftlichen Streitig- leiten geworden, da seine systematische Stellung sehr unsicher war und es sich ebenfalls eigentlich in keine unserer Tierklassen ein- ordnen lassen wollte. Während die Mehrzahl der Forscher den Peripatus zu den Würmern, und zwar zu den höchsten, den Ringel- Würmern, stellen wollten, gab es andere, die ihn den Gliedertieren zurechneten und ihm hier in der unmittelbaren Nähe der Tausend- füße seinen Platz anwiesen. Auch in diesem Falle lag, wie genauere Untersuchungen er- gaben, die Wahrheit in der Mitte, und beide Parteien hatten in gleicher Weise recht und unrecht. Denn der Peripatus stellt wie der Archaeoptcryx ein Bindeglied, eine Uebergangsform, dar, welche die beiden sonst so fremdartigen Stämme der Würmer und Glieder- ticre mit einander in nahe Beziehung bringt. Doch um dieses deutlich zu machen, ist es nötig, kurz auf die wichtigsten Merkmale im inneren Bau des Tierchens einzugehen. Das wichtigste Kenn- zeichen der Gliedertiere ist, wie schon ihr Name besagt, die deut- liche äußere und innere Gliederung ihres Körpers und der Besitz von gegliederten Extremitäten in Gestalt von Beinen, Fühlern usw. Letztere Eigenschaft fehlt nun den Würmern vollständig, wohl aber besitzt der Peripatus gegliederte Extremitäten. Ein weiteres Cha- rakteristikum für einen großen Teil der Gliedertiere und gerade auch der Tausendfüße und Insekten gegenüber den Würmern be- steht in ihren Atmungsorganen, eigentümlich gebauten, meist ver- ästelten, schlauchförmigen Gebilden, den sogenannten Tracheen. Auch in dieser Eigenschaft schließt sich der Peripatus unmittelbar an die Gliedertiere an. Grundsätzlich unterscheidet er sich aber von ihnen durch den Besitz von typischen Segmcntalorganen, welche in dieser Ausgestaltung nur noch bei den Ringelwürmern gefunden werden. Die Segmentalorgane sind Exkrctionsorgane und haben eine ganz ähnliche Aufgabe wie die Nieren der höheren Tiere und des Menschen; sie dienen nämlich dazu, die unbrauchbar gewordenen Stoffe aus dem Körper auszuscheiden. Nur nebenbei sei erwähnt, daß es auch sogar gelungen ist. cntwickelungsgeschichtlich die Nieren der Wirbeltiere auf ganz ähnliche Bildungen wie die Segmcntal- organe der Würmer zurückzuführen und davon abzuleiten, daß also auch zwischen diesen beiden fernen Reichen eine Brücke ge- schlagen ist. Wir kennen aber noch einen anderen Wurm, der auch noch in anderer Hinsicht deutlich seinen Zusammenhang mit den Wirbeltieren beweist. Ich meine einen Bewohner des Meeres, den berühmten BalanoglossuS. Der Vorderarm des Tieres ist nämlich gleich dem der Fische usw. mit einer linken und rechten Reihe von Kiemenspaltcn ausgestattet. Außerdem tritt bei ihm eine Bildung auf, die stark an die erste Anlage der Wirbelsäule erinnert. Ter Belanoglossus ist aber vor allem auch deshalb nach ganz besonders interessant, werk er auch nach einer anderen Rich- tung hin noch Beziehungen aufweist. Die Jugendform des Tieres. die sogenannte Tornarialarve, gleicht nämlich den Larven der Stachelhäuter(der Seesterne, Seegurken usw.) so sehr, daß sie früher für eine solche gehalten wurde, und erst als man aus ihr einen Wurm hervorgehen sah, wurde der Irrtum aufgeklärt. Doch es ist nicht möglich, auf diesem beschränkten Raum auf all die zahlreichen Bindeglieder und Uebergangsformen hinzuweisen, welche die wissenschaftliche Forschung im Laufe der Jahre aufgedeckt hat. Auch diese wenigen Beispiele zeigen schon zur Genüge, daß die am Anfang erwähnten Einwände der Gegner der AbstammungS- lehre in dieser Hinsicht nicht mehr berechtigt find. Vielleicht findet sich in der nächsten Zeit eine Gelegenheit, um namentlich auf die verwandtschaftlichen Beziehungen der Wirbeltiere und Wirbellosen und besonders auf die eigentlichen Vorfahren der Wirbeltiere, die Mantcltiere(Tunicaten) ausführlicher zu sprechen zu kommen.— Kleines femlleton. — e. Wie sie sein sollen.„Nein Du willst ziehen?" rief Frau Martha und schlug die Hände zusammen. „Ja aber warum denn mit einem mal?, die Wohnung gefiel Euch doch allen gut. Sie ist doch auch geradezu wundervoll I Und diese schöne Gegend I Potsdamerstratze I Ich versteh Dich nicht." .Na, gern tu ich es auch gerade nicht"— eS klang ein leichter Groll durch die Stimme der Schwägerin—„im Gegenteil, ich deich' schon mit Grauen dran, solche schönen Vorderzimmer kriegen wft für das Geld in dieser Gegend nicht wieder. Und unsere schöne Loggia I Ach. es ist ja auch zu gemein I" „Na aber denn bleib doch wohnen! Was ist denn eigentlich los?" „WaS soll denn los sein? Ne Lappalie. Du weißt doch, daß Mine zum Ersten zieht, ihre Mutter ist doch gestorben, und sie soll nach Hau?, die Wirtschaft führen. Na, denkst Du denn, tdi bekomme ein neues Mädchen, die in unserer Mädchenkammer schläft? Nichts zu machen!" „Ja das ist schon richtig. DaS glaube ich gern." Sie saßen eine Weile schweigend, die Schwägerin fuhr tn nervöser Hast mit der Stopfnadel durch den Strumpf. Frau Magda nickte vor sich hin: „Ja, das ist ja eben das Tolle I Die Bande ist ja heut zu all« spruchsvoll, die will ja heut womöglich'n Salon für sich haben oder wenigstens'ne richtige Stube— und Du hast nun bloß'» Hängeboden und noch dazu über der Toilette. Da geht keine hin. Daß das'n altes Haus ist, und daß die Wohnräume hübsch sind, daraus nimmt keine Rücksicht. „Na bewahre." die junge Frau trommelte ärgerlich auf den Tisch.„Sechsmal war ich schon im Mietsbureau, und drei Mädchen haben sich hier gemeldet, alles sehr schön und gut, aber sowie man sagt: Hängeboden und ohne Fenster und wo, ziehen sie Gesichter und schnappen ab. Und die eine meint noch ganz frech: Ich hätte ja das Spmdenzimmer neben der Küche, denn könnt ich ihr ja das einräumen und die Spinden auf den Korridor stellen." „Unverschämtheit I" „Das habe ich ihr auch gesagt, aber was hilft eS denn?*n andere sagt ganz unverfroren:„Ja, Sie haben das Schöne von der schönen Wohnung, gnädige Frau, darum können wie doch aber nicht in'nem Loch schlafen." „Die hast Du hoffentlich sofort rausgeschmissen?" „Aber sofort und nach Noten, das kannst Du Dir wohl denken, Ja aber, was bleibt mir schließlich weiter übrig? Ich muß ziehen oder das Spindenzimmer ausräumen. Ans dem Hängeboden schläft kein Mädchen mehr." „Es ist unerhört! In solche Verlegenheiten bringen einen die Frauenzimmer! Früher hatten sie gar keine andre Schlafstätten wie die Hängeböden." „Früher!" Die junge Frau lachte höhnisch auf.„Früher ließ man auch noch die Herrschaft ihr Recht. Jetzt ist man ja aber human geworden, jetzt müssen's ja die Dienstmädchen wie die Gräfinnen haben, womöglich alle acht Tage ihren Sonntag und die Zimmer mit Fenster, das sie lüften können,'s Dienstmädchen muß „lüften", wie'ne Dame! Sie sind ja verrückt!" Frau Martha nickte beistimmend:„Ja, das ist ja aber auch zum Verzage». Aber weißt Du, nimm Dir doch wieder solch'n Dorf- pomuchel, wie die Mine ist; die geht doch auch wieder auf'n Hänge- boden, die sind doch nicht so anspruchsvoll." „Meinst Du? Und wenn sie eS nicht sind, dann werden sie eS, dann sorgen schon die andern für Aufklärung. Ich nchnie r ir nun vom Ersten ab'ne Aufwartefrau, das ist auch noch ein Vergnügen!" «Ach, lieber Himmel, ja I" Frau Martha nickte teilnahmsvoll. „Das ist ja doch aber lächerlich. Du sollst kein Mädchen kriegen können? Ueberleg' doch mal.... Ach, weißt Du, ich Hab' was l' „Dann wärst Du wirklich ein Engel!" Die Schwägerin sagt» es mit einem Ausdruck der Erlösung. „Nimm Dir doch ein Waisenmädchen l Ich Hab' da'ne Freundin, die Frau Rätin Lehrend, die ist doch bei solchem Verein, der sich armer Arbeiterwaisen annimmt und sie nach der Konfirmation in 'nen guten Dienst bringt. Die gibt Dir gern eins von ihren Mädchen." Die junge Frau machte ein zweifelndes Gesicht:„Die werden doch aber auch b'rauf sehen, daß die Mädchen gesunde Schlafstätten haben." „Ach, Unsinn! Die Rätin läßt ihre ja sogar selber in der Küche schlafen! Die sagt, das weist sie ganz genau, dast Theorie und Praxis sich nicht immer vereinen lassen, und dast man wohl für die Mädchen sorgen könnte, aber ihnen nicht die eigenen Interessen zu opfern braucht," „Und Du meinst, die hätte eine für mich? Martha, Du bist ein Engel!" „Na wenn auch da-Z nicht," Frau Martha lachte,„aber last mich nur mackien. Und siehst Du, das ist dann auch noch das Schöne, solch Waisenmädchen must immer tun, wie D u willst und wenn sie nicht so tut, kommen die Aufsichtsdamen und sie kriegt Strafe. Die Mädchen müssen sich in alles fügen, das sind noch Dienstmädchen wie sie sein sollen".— Theater. Klei-res Theater. Hille Bobbe. eine Komödie von Adolf Paul. Der Unverschämte, ein Akt von N a o u l A u e r n h e i m e r.— Vor ein paar Fahren wurde des Unnländers Adolf Paul Doppelgänger-Koniödie im Kleinen Theater gespielt, die manche lustigen Ansätze zu einer parodistischen Verulkung des Königtums enthielt, aber nach vielversprechendem Anfang in allerhand bunten Einfällen miseinander puffte. Die neue Komödie zeigt keine Fortenttoickclung— im Gegenteil. Das Ziel ist niedriger gesteckt, aber der Abstand zwischen Intention und Ausgestaltung darum nicht geringer geworden. Der Eindruck des Wiarioirettenhaften, der dort, in der phantastischen Manier des Ganzen begründet, öfters von originellem pikanten Reize lvar, wiederholt sich, aber ohne allem Anschein einer künstlerischen Ab- ficht. Der Vorwurf verlangte hier lebendige Figuren, eine über- raschende und ebenso überzeugende Entioickelung der Situation. Doch den satirischen Gedanken in solche Formen der Beivegung um- zusetzen, dazu reichten die Kräfte nicht hin. Man sieht die Strippen und Drähte, an denen die Puppen tanzen, zu deutlich, üls dast man ihren Touren anders in verdrossener Teilnahmlosigkeit folgen könnte. Selbst dast der Dichter dem Lumpenpack, das er vorführt, russisches Beaintenkostüm angezogen— der Schauplatz, sagt der Theaterzettel, liegt irgendwo jenseits von St. Petersburg—, vermag bei aller Aktualität darum kaum etioas zu ändern. Gut die Hälfte des Stückes handelt von den Abenteuern einer Leiche— burleske Geschichten, die mit dem, worauf die Komödie in ihrem zlveiten Teile hinaus will, im Grunde gar nichts zu tun haben. Ein Freund der Pletschikoffs hat den Auftrag erhalten, den Sarg mit den sterblichen Ueberresten einer Zofe, die der Dame wie dem Herrn des Hauses verdächtig nahe gestanden, nach Amsterdam zu überführen und dort der Mutter der Verstorbenen auszuhändigen. Frau Pletschikoff, die sonst nicht eben Spuren überschüssiger Senti- Mentalität zeigt, ist ganz erfüllt von dieser großen und heiligen Auf- gäbe, aber die Hundertrubclscheine, dio man dem Hausfreund für die Reise geben mutzte, sind ihm sowie der Leiche zum Verhängnis geworden. Fn Petersburg verjubelt er das Geld und mutz schliestlich, um nur ein Billett zur Heimfahrt lösen zu können, die Tote an die Anatomie verkaufen. Drollig ist die Szene, in der er, im Nach- gefühl des dauerhaften Katers, ganz überwältigt von Gewissens- bissen, die tragischen Verschlingungen des Schicksals beichtet. Statt der verlorenen hat man eine fremde Leiche abgeschickt. Plötzlich erscheint die Mutter, die resolut dreinblickende Frau Hille aus Amsterdam, in eigener Person, um auf Grund der letzten Briefe ihrer Tochter Abrechnung zu halten/ Die Verstorbene ist von Pletschikoff verführt und hat ein Kind geboren, das man ihr noch auf dem Totenbette vorenthalten. Der Mann, dem die Gemahlin im schönen Solidaritätsbcwusttsein sofort zur Hülfe eilt, schwört alles ab, lvorauf Mutter Hille, die das nicht anders erwartete, die Kanonade der Enthüllungen fortsetzt. Ii« den Briefen stehe, dast Frau Pletschikoff mit ihrem Hausfreunde, dem ehrenfesten Sarg- begleiter, die Ehe gebrochen. Abermalige Entrüftungs- und Ab- keugnungskomödiel Madames Vater habe an ihr, der alten Frau, einst ebenso gehandelt, wie Pletschikoff an der Verstorbenen. Tortjc hätte sich hoher Verwandtsehaft rühmen dürfen, die Zofe sei die uneheliche Halbschwester der Gnädigen gewesen. So trieben es nun mal die feinen Herrschaften! Und sie selbst, Frau Hille, habe es ihnen naclgemacht— aber offen und ohne Heuchelei. In ihrem Hause zu Amsterdam, da gäbe es die schönsten Mädchen und Kund- schaft aus den höchsten Kreisen. Da sei Geld genug, um das vom gnädigen Herrn verleugnete Kind in herrschaftlichen Ehren aufzu- ziehen. Wie sie voll stolzer Wurde endlich abschiebt, reichen sich die drei Blamierten im Bewusttsem, dast jeder jeden betrogen, also keiner dem anderen etwas vorzutverfen hat, friedfertig und ver- ständnisinnig die treuen Hände zur Erneuerung des Bundes. Die Szene schlug nicht durch, sie war zu spitz erklügelt in den Voraussetzungen, nicht farbig und nicht abwechselnd genug in ihren Einzelzügen. Unvergleichlich feiner hat Shaw die Konlrastierung der Kupplerin, die sich auf die Moral der offiziellen Gesellschaft be- ruft, mit dieser offiziellen Gesellschaft in seiner glänzenden Komödie »Mrs. Warrens Gewerbe" durchgeführt. Die einzige dankbare Rolle, die des von den Petersburger Nach- wehen geknickten Hausfreundes, wurde ausgezeichnet humorvoll von Herrn Abel gespielt. L i ch o und Marietta Olly gaben daS Pletschikoffsche Ehepaar. Tini Senders, aus die man wohl am meisten gerechnet, fand in der unlebendig programmatischen Figur der Mutter Hille keine rechte Gelegenheit zur Entfaltung ihrer originellen Eigenart. Voran ging eine kleine, ganz hübsch erfundene, flott gespielte Plauderei von Raoul Auerheimer, in der ein Ehemann mit überlegener Ironie den Liebhaber und dieser— der Unverschämte— dann die Frau beschämt, als sie ihm ihre listenreiche Taktik des Betruges, gemütvoll triumphierend, auseinandersetzt.— dt. Medizinisches. ie. Der Eisbeutel und seine Benutzung. Das alte Vorurteil gegen die Anwendung von kastem Wasser oder von Eis bei Krankheiten ist im Verschwinden begriffen, und namentlich die Lehren von Esmarch und Winternitz haben diese Wandlung herbeigeführt. Dennoch sollte, wie Dr. Aurnetz ausführt, besonders die Benutzung des Eisbeutels noch eingehender studiert werden, als es bisher der Fall gewesen ist. Dieser Arzt hält den Eisbeutel für eine ganz hervorragende Waffe im Arsenal der Heilkunde und gibt ihm gegenüber der Benutzung von Wärme vor allem den Vorzug, dast er nicht wie diese das Wachstum von Bakterien und damit die Bildung von Eiter begünstigt. Der Eisbeutel kann auf einer entzündeten Stelle den Blutandraug und den Schmerz verhindern, ohne dast ein solcher Nachteil eintritt. Die Entwickelung von Bakterien kann durch stän- dige Abkühlung geradezu verhindert werden. Aurnest nennt die An- Wendung warmer Umschläge bei akuten Entzündungen das Gegenteil einer guten Behandlung, namentlich wenn bereits der Verdacht vor- liegt, dast eitererregende Keime vorhanden sind, obgleich zuweilen freilich auch die Entwicklung von Eiter zum Zweck des Arztes ge- hören kann. Ein guter Eisbeutel must so eingerichtet sein, dast daS Schmelzwasser ständig abgeleitet und somit der Kältegrad immer auf gleicher Höhe erhalten wird. Das bereits geschmolzene Wasser nimmt nämlich auch die Hitze des betreffenden Körperteils weit weniger auf, als das eben erst im Schmelzen begriffene Eis. Ferner sollte der Eisbeutel nie so stark gefüllt werden, dast sein Gewicht den Säftckreislauf durch Druck hemmt. Auch soll er sich der Oberfläche des betreffenden Körperteils nach Möglichkeit an- passen, was oft nur durch die Wahl verschiedener Formen möglich sein wird. Unter den Krankheiten, zu deren Heilung die Benutzung von Eisbeuteln höchst loichtig sein kann, nennt Dr. Aurnest folgende: Akute Gehirnhautentzündung, Lungenentzündung, Brustfellentzündung, Herzentzündungen, Leberentzündung, rheumatische Gelenkentzündung, akute Entzündungen des Beckens, Appcndicitis, typhöses Fieber, Scharlach, Rose, Nervenschmerzen, Kopfschmerzen usw. Astronomisches. — Der neue Planet 1906 M. Der«Franks. Z." wird geschrieben: Ein besonders interessanter kleiner Planet ist am 22. Februar von Professor M. Wolf in Heidelberg auf dein König- stuhl entdeckt worden. Bei der Berechnung seiner Bahn durch Pro- fesior Berberich-Berlin, die zunächst provisorisch geschehen mutzte, er- gab sich, dast der neue Planet viel weiter von der Sonne absteht als der bisher als änsterster bekannte des Asteroidenrings. Die Schar der kleinen Planeten, die jetzt nahezu 699 Glieder zählt. bildet einen breiten Ring zwischen den Bahnen des Mars und des Jupiter. Während Mars 227 und Jupiter 777 Millionen Kilometer von der Sonne im Mittel abstehen, war das innerste Glied des Asteroideuringes Nr. 434 Hungaria 299, das äusterste Nr. 279 Thüle 636 Millionen Kilometer von dem Zentralkörper entfernt. Dabei ist von dem eigenartigen Planeten Eros abgesehen, dessen Bahn sogar teilweise innerhalb der Marsbahn liegt. Es blieb also sowohl inwendig ein leerer Raum gegen die Bahn des MarS, als auswendig eine beträchtliche Lücke gegen Jupiter. Dast sich näher an Mars noch Planeten finden werden, ist nicht wahrscheinlich; solche Planeten find wegen der relativen Nähe bei der Erde von grösterer scheinbarer Helligkeit und sind jedenfalls alle schon gefunden. Dagegen wurde immer schon vermutet, dast sich Planeten noch näher am Jupiter finden wurden. Solche Glieder des Ringes müssen, selbst wenn sie relativ grost sein sollten, wegen ihres stets beträchtlichen Abstandes von der Erde nur als sehr schwache Sternchen erscheinen und konnten sich deswegen der Entdeckung entziehen. Ein solcher dem Jupiter naher Planet ist nun von Wolf aufgefunden worden. Er fuhrt die provisorische Bezeichnung 1996 TO und hat, unter der Annahme, dast er sich im Kreise um die Sonne bewegt, von dieser einen Ab- stand von 755 Millionen Kilometer. Das sind nur 22 weniger als Jupiter. Da der Planet aber sicher eine Ellipse beschreibt, so wird er zu Zeiten noch weiter von der Sonne abstehen, also dein Jupiter noch näher kommen können. Nicht, dast der Asteroiden- ring mit dieser Entdeckung um mehr als 190 Millionen Kilometer verbreitert ivorden ist,»nacht sie so wichtig, sondern dast ein Planet sich so nahe bei Jupiter bewegt. Ganz ungeheuer grost must die Einwirkung des Riesenplanetcn auf den ihm bisweilen so nahe kommenden kleinen Bruder sein; die scharfe Berechnung der Bahn von TO wird deshalb eine der schwierigsten Aufgaben der theore- tischen Astronomie werden, aber auch eine der dankbarsten, denn aus der Gröste der störenden Kraft, die Jupiter ausübt, wird sich ein neuer Wert für die Masse dieses Hauptplaneteu im Verhältnis zur Sonnenmaffe finden lasten.— Merantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPanl Singer LcCo., Berlin 5» VV,